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Widerstände gegen das Lernen und Weiterbildung

Gründe, Hemmnisse und Schranken gegen das Lernen und Weiterbildung

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Pädagogik - Erwachsenenbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Was ist Lernen?
1.1 Lernen aus biologischer Perspektive
1.2 Lernen aus psychologischer Perspektive
1.3 Lernen aus subjekttheoretischer Perspektive
1.4 Ausblick

2 Einordnung der Begriffe

3 Ergebnisse der Forschung
3.1 Axel Bolder, Ergebnisse und Perspektiven zu den „Gründen“
3.2 Milieutypen, Forschung und Perspektiven zu den „Hemmnissen“
3.3 Institutionsforschung und Perspektiven gegen „Schranken“

Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

„Lernen“ ist ein Begriff, der im alltäglichen Sprachgebrauch vielfältig benutzt werden kann. Man kann Fahrrad fahren lernen, eine Sprache lernen, jemanden kennen lernen. Nachvollziehbar ist deshalb auch die umfangreiche Beforschung des „Lernens“, sei es durch die Psychologie, Soziologie oder den Erziehungswissenschaften. Die Prozesse und Vorgänge beim Lernen, zum Beispiel im Gehirn, sind daher Bestandteil des öffentlichen Diskurses. Eine unmittelbar mit diesem Thema verbundene, aber weit weniger diskutierte Thematik ist das Nicht-Lernen. Also Gründe, Hemmnisse, Barrieren, Schranken, Probleme und Schwierigkeiten die dazu führen, dass man nicht lernt oder sich weiterbildet. Denn leider ruft der Appell zum lebenslangen Lernen durchaus Vermeidungsreaktionen hervor (vgl. Siebert, 2011, S.105, Faulstich, 2006, S.7). Mit Bezug auf das „lebenslange Lernen“ soll sich „Lernen“ im Kontext dieser Hausarbeit speziell auf das Lernen Erwachsener beziehen, wobei damit insbesondere die Weiterbildung gemeint ist.

Diese Hausarbeit ist Teil der Lehrveranstaltung „Erwachsenenpädagogische Lernforschung“, in der einflussreiche Forschungsbeiträge zur Erwachsenenbildung dargestellt und bearbeitet wurden. Unter anderem wurde als eine Leitstudie die „Hannover Studie“ von Siebert und Gerl thematisiert, aber auch die Studie von Barz et al. über Milieus, bearbeitet. Jene Studien und weitere von Friebel und Gnahs über Institutionen und Bolder et al. zu Lernwiderständen bilden die Grundlage für die Bearbeitung der Thematik der Lernwiderstände. Es wird mit dieser Arbeit angestrebt zu klären, was Widerstände gegen das Lernen sind und wie diese entstehen.

Im ersten Schritt wird zunächst einmal der Begriff „Lernen“ an sich versucht zu definieren. Die theoretischen Grundlagen bilden die subjektwissenschaftliche Lerntheorie von Holzkamp, neurobiologische und psychologische Theorien über das Lernen (Kapitel 1).

Bereits der erste Blick in die entsprechende Literatur eröffnet dem Leser die hohe Anzahl von Begriffen rund um die Widerstände gegen das Lernen. Ferner soll daher auch Ordnung in das Chaos der, mit dem Nicht-Lernen im Zusammenhang stehenden Begriffe gebracht werden (Kapitel 2). Holzer (2004) und Zeuner (2009) bieten mit ihren Werken die Möglichkeiten, die entsprechenden Studien zum Thema ausfindig zu machen und um Gründe, Hindernisse, Schranken usw. gegen das Lernen zu finden, um entsprechend zu intervenieren.

1. Was ist Lernen?

Bereits in der Einleitung klingt die Vielschichtigkeit der Thematik um die Lernwiderstände an. Als konstant hingegen erweist sich der Begriff des Lernens selbst. Deshalb soll in diesem Kapitel auf das Lernen an sich eingegangen werden. Zudem könnte man aus den folgenden Definitionen und Theorien zum Lernen auch schon Rückschlüsse zu möglichen Ursachen für das Nicht-Lernen bzw. für die Weiterbildungsabstinenz ziehen.

1.1 „Lernen“ aus neurobiologischer Perspektive

Zuerst soll das Lernen neurobiologisch erklärt werden. Lernen ist die Erweiterung von Wissen, um Lebenssituationen zu bewältigen, um zu überleben. Doch noch bevor „etwas“ gelernt wird, nehmen wir die Umwelt durch unsere Sinnesorgane wahr. Die Nervenzellen in unseren Sinnesorganen werden durch Reize aus der Umwelt aktiviert. Es entstehen sogenannte Aktionspotentiale. Aktionspotentiale sind elektrische und chemische Reize, die kaskadisch durch die Nervenbahnen vom Sinnesorgan bis in die entsprechende verarbeitende Region im Gehirn weitergeleitet werden. Untereinander sind Nervenzellen durch Synapsen verbunden. Je häufiger der Reiz wiederholt wird, desto stärker verknüpfen sich die Synapsen auf dem Weg vom Sinnesorgan zum Gehirn. Die Verknüpfung von Nervenzellen ist somit „lernen“. Informationen werden jedoch durch mehrere „Kanäle“ wahrgenommen und somit sind bei der Wahrnehmung stets mehrere Hirnregionen aktiv. Wiederholen sich Wahrnehmungen, sind immer dieselben Regionen im Gehirn aktiv. Die Aktivierungsmuster wiederholen sich dementsprechend und die Synapsen im Gehirn festigen ihre Verbindungen untereinander. Es bilden sich neuronale Netzwerke. Im Ergebnis reicht dann nur noch ein Reiz um mehrere Hirnregionen zu aktivieren. Wir sehen zum Beispiel das Bild der Freundin und assoziieren damit den Duft ihres Parfüms (vgl. Kullmann, 2005, 21). Nervenzellen haben allerdings auch spezifische Reaktionsmuster hinsichtlich der Ergebnisse des eigenen Handelns. Wenn das Ergebnis unserer Handlung ein subjektiv positives Erlebnis nach sich zieht, können besondere Hirnregionen (etwa die Amygdala) durch die Ausschüttung von Hormonen das Lernen beschleunigen. Aber auch das Gegenteil kann erreicht werden. Aus der Sicht der Neurobiologen ist Lernen das Verknüpfen von Nervenzellen und das damit verbundene Aktivieren von Hirnregionen (vgl. Kullmann, 2005, 18). Lernwiderstände könnten auf Grundlage dieser Theorie etwa aus der mangelnden Fähigkeit der Synapsen sich zu verknüpfen, erklärt werden. Doch Fakt ist, dass sich die Psyche dem sezierenden Zugriff entzieht (vgl. Faulstich, 2006, S.13). Obwohl bestimmte Lernprozesse biologisch erklärt werden können, bleiben Situation und Kontext des Lernenden zumeist unberücksichtigt. Auch Zeuner kritisiert: Neurobiologische Untersuchungen können dementsprechend nur die Rahmenbedingungen für das Lernen untersuchen, „soziale und biografische Momente sind für die Entfaltung von Kompetenz und Persönlichkeit wesentlich wichtiger als neuronale Konstellationen,…“ (2009, S.81). Dennoch bestärkt Zeuner im gleichen Atemzug die Wichtigkeit mit derartigen interdisziplinären Ansätzen die Theorien-Armut der Erwachsenenbildung zu reduzieren und die Möglichkeit zu bekommen, Forschungsergebnisse zusammenzufassen. Horst Siebert unternimmt gar den Versuch, die neurobiologischen Theorien mit den soziologischen Ansätzen der Erwachsenenbildung zu vereinen. Dazu mehr im Kapitel 1.4.

1.2 „Lernen“ aus psychologischer Perspektive

Aus psychologischer Perspektive ist Lernen „ein Prozess, der aus einer relativ konsistenten Änderung des Verhaltens oder des Verhaltenspotenzials resultiert und basiert auf Erfahrungen" (Zimbardo, 2008, S.192). Eine Änderung des Verhaltens hat also stattgefunden, wenn man Ergebnisse vorweisen kann, z.B. lesen oder Nudeln kochen. Änderungen im Verhaltenspotenzial meinen einen Wandel von Haltungen und Ansichten wie etwa Wertschätzungen und Verständnis (vgl. Zimbardo, 2008, S.192f.). Man muss beispielsweise Verhalten (Handlungen) und Verhaltenspotential (Moral) ändern, um sich in einem speziellen sozialen Kontext zu integrieren. Das Lernen wird aus der psychologischen Perspektive durch die Konsequenzen des eigenen Handelns verändert (z.B. durch positives oder negatives Verstärken bei der operanten Konditionierung (vgl. Zimbardo, 2008, S.206)). Diese Perspektive ist behavioristisch und stellt immer das Verhalten des Akteurs in den Mittelpunkt, die nötige individuelle Betrachtungsweise, die die Pädagogik stets fordert, wird aus der psychologischen Perspektive nicht gewährleistet. Weiterhin kritisiert Faulstich die mangelnde Darstellung dessen was das Individuum „verändern“ muss, um sich anzupassen (vgl. Faulstich, 2004, S.13, 14).

1.3 „Lernen“ aus subjekt-theoretischer Perspektive

Als Begründer der „Subjekttheorie“ distanziert Holzkamp sich von dieser behavioristischen Sichtweise und betont, dass intentionales, also absichtliches, Lernen nur zu Stande kommt, wenn das Subjekt entsprechende Gründe dafür hat. Und genau dieser subjektive Begründungszusammenhang ist entscheidend inwieweit Lernbedingungen umgesetzt oder behindert werden. Eine Definition von Lernen ist nach der Subjekttheorie: „…wenn das Subjekt in seinem normalen Handlungsvollzug auf Hindernisse oder Widerstände gestoßen ist […]“ (Diskrepanzerfahrung) „[…]und sich dabei vor eine `Handlungsproblematik` sieht, die es aktuell nicht mit den verfügbaren Mitteln und Fähigkeiten, sondern nur durch den Zwischenschritt oder (produktiven) Umweg des Einschaltens einer `Lernschleife` überwinden kann“ (Holzkamp, 2004, S.29). Nach Holzkamp obliegt es der individuellen Kognition des Individuums ob es notwendig ist, die „Lernschleife“ einzusetzen um eine Handlungsproblematik zu bewältigen.

Je nachdem aus welcher Motivation („Intentionalität“) heraus das Subjekt eine Handlungsproblematik zu bewältigen versucht, kommt es zu „defensivem-“ oder „expansivem Lernen“. Defensiv lernt ein Mensch, wenn er sich subjektiv sinnlos empfundenes Wissen nur zur Vermeidung von negativen Konsequenzen aneignet. Defensiv angeeignetes Wissen ist oftmals defizitär und nicht nachhaltig. Expansives Lernen beschreibt das freiwillige Aneignen von Wissen. Expansiv angeeignetes Wissen ist nachhaltig und wird länger erinnert. Hinsichtlich der Erarbeitung der Fragestellungen dieser Arbeit leiten sich daraus zwei Schlussfolgerungen ab: 1. Aus den Ursachen für defensives Lernen lassen sich die Widerstände gegen das Lernen erarbeiten. 2. Aus den Ursachen für expansives Lernen ließen sich Hinweise für ein widerstandsfreies Lernen ableiten. Die Entscheidung über die Art und Weise des Lernens hängt von der Biographie, der Körperlichkeit, der Situation und der Bedeutung des Gegenstandes für das Subjekt, ab (vgl. Holzkamp, 2004, S.30 und Faulstich, 2004, S.18). Die Subjekttheorie betrifft mit ihrer Sichtweise „das Kerngeschäft der Pädagogik“. Von der „Psychologie wird diese Sichtweise aber weitgehend ignoriert“ (Grotlüschen, 2005, S.19). Für die Erarbeitung der Fragestellung dieser Hausarbeit wird die Subjekttheorie die entsprechende Grundlage sein. Eine Darstellung des Lernprozesses nach der subjekttheoretischen Lerntheorie befindet sich im Anhang, Abbildung 1.

1.4 Ein Ausblick

Dennoch soll an dieser Stelle auch einen aktuelle Entwicklung der Lerntheorien dargestellt werden. Siebert stellt eine Lerntheorie vor, die Elemente aus den wichtigsten Theorien enthält. Siebert zitiert unter anderem Manfred Spitzer und beschreibt das Lernen Erwachsener als eine Stabilisierung, Modifikation und Revision ihrer Wirklichkeitskonstrukte. Das Wirklichkeitskonstrukt besteht aus neuronalen und mentalen Spuren, Muster und Schemata (vgl. Siebert, 2011, S.70). Mit „Wirklichkeitskonstrukte“ nimmt Siebert Bezug auf die Theorien des „Konstruktivismus“. Um zu überleben muss sich der Mensch ständig an seine Umwelt anpassen, indem er die inhärenten Abläufe für sich versteht und nutzbar macht. Lernen ist daher die Konstruktion von viabler, d.h. passender Lebenswelten (vgl. Arnold, 2010, S.191). Siebert beschreibt „Lernen“ als eine ganzheitliche „Vernetzung“. Dabei meint er nicht nur die Vernetzung der Neuronen (wie aus der neurobiologischen Perspektive), sondern auch die Vernetzung mit: Mitmenschen, Lernort, Bildungsprozesse, ökologische Faktoren usw.. „Lernen im Erwachsenenalter erfolgt strukturdeterminiert, selbstreferenziell, aber in soziokulturellen Kontexten; Lernen heißt: Veränderung mentaler Strukturen und Neubildung von Strukturen“ (im Gehirn und im sozialen Kontext) (vgl. Siebert, 2011, 72.). Mit seinen Darstellungen geht Siebert indirekt auf die Kritiken von Faulstich und Bayer an den Lerntheorien, ein. Doch in den folgenden Darstellungen von Studien bilden die pädagogischen Theorien von Holzkamp das theoretische Grundgerüst

2. Einordnung der Begriffe

In der unteren Tabelle werden die bearbeiteten Begriffe um die Widerstände gegen das Lernen dargestellt und dem jeweiligen Autor zugeordnet. Die Autoren benutzen teilweise dieselben Begriffe, jedoch auch mit unterschiedlichen Bedeutungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Lexikon der Pädagogik von Tippelt (2007) finden sich zwei zum Thema passende Begriffe. „Lernwiderstand“ ist ein „emotional bedingtes Ergebnis, das den Lernprozess stark beeinträchtigt“ (Tenorth/Tippelt, 2007, S.483). Es sei darauf hingewiesen, dass ich „Lernwiderstände“ oder Widerstände gegen das Lernen in dieser Arbeit in einem anderen Kontext verwende. Ich grenze mich dabei von der Definition nach Tippelt/Tenorth ab, da sie sich auf die Emotionalität beschränkt und beschreibe mit Lernwiderstände allgemein alle Sachverhalte, die dazu führen, nicht zu lernen. Auch Zeuner (2009, S.78) und Faulstich (2006, S. 20) nutzen diesen Begriff allgemein gefasst. Ein Zusammenhang nach Tenorth/Tippelt mit der subjekttheoretischen Lerntheorie existiert hinsichtlich der Tatsache, dass Emotionalität als Lernfaktor stark mit der „Intentionalität“ zusammenhängt (vgl. Tenorth/Tippelt, 2007, S.483). Weiterhin ist der Begriff „ Lernschwierigkeit “ im Lexikon der Pädagogik zu finden. Lernschwierigkeit ist zunächst einmal der Oberbegriff für Probleme beim schulischen Lernen, sowie auch beim Lernen Erwachsener. In der Erklärung des Begriffes wird Bezug auf die Subjekttheorie genommen. Wobei Lernen immer dazu dient, bestimmte Aufgaben zu bewältigen. Wenn das Individuum nicht in der Lage ist, aufgrund von zu wenig Vorwissen oder mangelnder Intelligenz eine Lernaufgabe zu bewältigen, dann besteht eine Lernschwäche und bedarf es einer Rehabilitation oder es wird eine Lernbehinderung festgestellt (vgl. Tenorth/Tippelt, 2007, S.483).

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Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656147589
ISBN (Buch)
9783656148081
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190291
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
2
Schlagworte
Lernen Erwachsenbildung Lernwiderstände Lernhemmnisse Lerngründe Subjekttheorie Holzkamp Bolder Zeuner Weiterbildung Milieuforschung Institutionsforschung Siebert Hannoverstudie Holzer Intentionalität Vermeidungsreaktion psychologische Perspektive neurobiologische Perspektive Subjekt

Autor

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