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Soziologische Hintergründe für Fremdenfeindlichkeit

Ausgehend von den klassischen Theorien von Georg Simmel und Norbert Elias

Hausarbeit 2010 20 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Fremde
2.1. Der Fremde als „Form der Vergesellschaftung“ von Georg Simmel
2.2. Der Fremde als „Marginal Man“ von Robert E. Park
2.3. Der Fremde aus sozialpsychologischer Sicht von Alfred Schütz
2.4. Der Fremde im modernen Europa

3. Fremdenfeindlichkeit
3.1. Die Figuration „Etablierte und Außenseiter“ von Norbert Elias und John L. Scotson
3.1.1. Vorstellung der Untersuchung in „Winston Parva“
3.1.2. Die Theorie zur Etablierten-Außenseiter-Figuration
3.1.3. Kritik und Erweiterungen der Theorie
3.2. Fremdenfeindlichkeit im modernen Europa
3.3. Hoffnung Zivilisierung

4. Zur Aktualität der Theorien von Georg Simmel und Norbert Elias

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Immer wieder lässt sich beobachten, daß Mitglieder von Gruppen, die im Hinblick auf ihre Macht anderen, interdependenten Gruppen überlegen sind, von sich glauben, sie seien im Hinblick auf ihre menschliche Qualität besser als die anderen“ (Elias 1993, S. 7; Hervorh. im Orig.).

Dieses von Norbert Elias beschriebene soziologische Phänomen äußert sich in Fremden-feindlichkeit, dem Thema der vorliegenden Hausarbeit. Es tritt immer dann auf, wenn Neuzu-gänge auf eine etablierte Gruppe treffen. Viele soziologische Klassiker haben sich mit diesem Phänomen auseinandergesetzt.

Als Basis für die Hausarbeit habe ich die Theorien von Georg Simmel, im speziellen seine Ausführungen zum „Exkurs über den Fremden“ und Norbert Elias Theorien über „Etablierte und Außenseiter“ ausgewählt. Danach werde ich einen Bezug zum Fremden und zur Frem-denfeindlichkeit im modernen Europa ziehen sowie zur Aktualität der beiden Theorien Stellung nehmen.

Georg Simmel und Norbert Elias waren beide deutsche Soziologen mit jüdischer Herkunft. Simmel lebte von 1858 bis 1918. Er war antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt, sodass er erst spät akademisch anerkannt wurde. Norbert Elias lebte von 1897 bis 1990. Er flüchtete 1933 vor den Nationalsozialisten und verbrachte sein Leben von da an hauptsächlich in England und den Niederlanden.

Simmels und Elias Sicht auf die Gesellschaft ähneln einander in einigen Punkten, die für das Verständnis der vorgestellten Theorien relevant sind. Beide sahen die Gesellschaft als Prozess an: Bei Elias befindet sich Gesellschaft in einem ständigen Wandel, der allerdings einer Ordnung, einem Muster unterliegt (vgl. Treibel 2009, S. 10ff.). Für Simmel ist die Gesell-schaft die Summe aller Wechselwirkungen, er nennt sie „Vergesellschaftung“ um zu zeigen, dass er damit einen Prozess und keinen statischen Zustand beschreibt (vgl. Junge 2009, S. 11).
Auch ihre Methoden der Analyse sind ähnlich: Simmel spricht von „Formen der Vergesell-schaftung“ und beschreibt unter diesem Titel verschiedenste soziale Beziehungen, die dadurch entstehen, dass Menschen miteinander auf Grund ihrer Interessen und Triebe in Wechsel-wirkungen treten. Dazu gehört z.B. „der Streit“, „die Sinne“ oder eben auch „Exkurs über den Fremden“. Die Interessen und Triebe der Individuen bezeichnet Simmel als „Inhalt“. Die Analyse der Formen und der Inhalte ergeben eine Ordnung (vgl. Junge 2009, S. 40 ff.).
Elias untersucht ebenfalls soziale Beziehungen und nennt deren Verflechtungen „Figurationen“. Darunter versteht er Menschen, die zueinander in Abhängigkeit geraten und dadurch in Beziehung treten. Das Ergebnis der Analyse von Figurationen sind soziale Phänomene und Muster. Gesellschaft besteht nach Elias aus Menschen, nicht aus Systemen. Der Mensch ist „selbst Prozess“, er verändert sich durch die wechselseitige Abhängigkeit in den Figurationen (vgl. Treibel 2009, S. 17 und S. 56 ff.).

2. Der Fremde

2.1. Der Fremde als „Form der Vergesellschaftung“ von Georg Simmel

In dem 1908 verfassten Text „Exkurs über den Fremden“ (Simmel 1992) wird der Fremde als Typus charakterisiert und der Nutzen des Fremden aus der Perspektive der Einheimischen betrachtet. Der Fremde ist in erster Linie Händler, ein „potentiell Wandernder, der kommt, um zu bleiben“ (ebd. S. 764). Er ist von Natur aus kein „Bodenbesitzer“ (ebd. S. 766), sondern in Bewegung. Die formale Position des Fremden ist die „Einheit von Nähe und Entferntheit: die Distanz innerhalb des Verhältnisses bedeutet, dass der Nahe fern ist, das Fremdsein aber, dass der Ferne nah ist“ (ebd. S. 765). Simmel bringt damit zum Ausdruck, dass der Fremde zwar körperlich nah, aber innerlich fern ist, da er von einer anderen Kultur geprägt wurde.

Als Beispiel eines typischen Fremden führt Simmel den europäischen Juden an (der er selbst auch war). In seiner Theorie betont Simmel allgemein, dass der Andere immer zuerst als Typus wahrgenommen wird – es handelt sich um das erste Apriori der Gesellschaft nach Simmel (vgl. Junge 2009, S. 44). Das trifft auf den Fremden in besonderem Maße zu. Er steht als Typus außerhalb der eigenen Vergesellschaftung. Der Jude wird zuerst als Jude, dann als Individuum wahrgenommen. Als Beispiel führt Simmel ein im Mittelalter übliches Steuer-system an, in dem die Juden einen fixen Betrag, die anderen aber einen nach Einkommen gestaffelten Betrag zu bezahlen hatten.

Der Fremde wird von Simmel größtenteils positiv dargestellt: als Intelligenz-Bereicherung für die Gemeinschaft und als objektiver Beobachter, der die Situation der Einheimischen besser beurteilen kann, da er nicht von Gewohnheiten oder Familienbanden geblendet ist. Er gilt daher auch als Person, der man gerne seine Geheimnisse anvertraut. Auch als Richter sind Fremde (vor allem solche, die wieder gehen) besonders gut geeignet. Der Fremde könnte durch seine objektive Beurteilung die Einheimischen zum Aufstand aufwiegeln, indem er ihnen ihre unterdrückte Position vor Augen führt.

All diesen positiven Attributen des Fremden spricht Simmel den „positiven Sinn“ (ebd. S. 770) ab, wenn dieser mit den Einheimischen keine Gemeinsamkeiten hat: „hierfür ist etwa das Verhältnis der Griechen zum Barbaren typisch, all die Fälle, in denen dem Andern grade die generellen Eigenschaften, die man als eigentlich und bloß menschlich empfindet, abgespro-chen werden“ (ebd. S. 770). Diese Fremden werden verachtet und man kann keine Beziehung zu ihnen aufbauen, sie brachten der Gesellschaft keinen Nutzen.

2.2. Der Fremde als „Marginal Man“ von Robert E. Park

Robert E. Park bezeichnete Simmels Typus des Fremden als „Marginal Man“, als „Randseiter“ (Park 2002). Er will seine Traditionen nicht aufgeben und steht an der Grenze zwischen zwei Kulturen. Dadurch fühlt er sich ständig gespalten, ist ruhelos und erschöpft. Wie Simmel sieht auch Park den Fremden als Bereicherung: Er steht auf einer Zivilisa-tionsstufe mit den Einheimischen, ist ein „Kosmopolit und Weltbürger“ (ebd. S. 69).

Migration ist für Park ein Fortschritt der Zivilisation, die Vermischung der Völker ein Zivi-lisierungsprozess (siehe auch Punkt 3.3. Hoffnung Zivilisierung). In seiner „Katastrophen-theorie des Fortschritts“ (ebd. S. 56) unterstreicht Park diese Ansicht: „…die entscheidenden Kräfte in der Geschichte der Menschheit sind solche, die die Menschen in fruchtbarem Wettkampf, Konflikt und Kooperation zusammengebracht haben“ (ebd. S. 56). Er führt meh-rere Soziologen an, die diese Theorie unterstreichen und die Ansicht vertreten, dass nicht nur Migration, sondern vor allem Krieg durch die Vermischung der Völker den Fortschritt fördert. Park bezog sich auch auf Carl Bücher, der hingegen betonte, dass Völker nicht mehr in Kriegen übereinander herfallen, einander erobern und versklaven müssen, sondern die Möglichkeit haben, als Individuen den Lebensraum zu wählen, der ihnen eine besseren Lebensqualitäten verspricht (ebd. S. 60).

2.3. Der Fremde aus sozialpsychologischer Sicht von Alfred Schütz

Alfred Schütz nennt seinen Aufsatz „Der Fremde, ein sozialpsychologischer Versuch“ (Schütz 1972). Er analysiert, warum der Fremde als objektiv (nach Simmel) und wenig loyal (der Randseiter nach Park) dargestellt wird und zwar aus der Sicht des Fremden. Dabei grenzt Schütz den Femden als erwachsenen Menschen ein, der von einer Gruppe gleicher Zivilisationsstufe dauerhaft akzeptiert werden möchte. Es geht Schütz um die Frage, wie sich ein solcher Fremder der Gruppe annähert. Wie bei Simmel hat der Fremde für Schütz eine objektive Sicht der Dinge, da er in der Phase der Annäherung noch keinen Einblick in das soziale Leben der Etablierten hat. Er gerät dadurch in eine Krise.

Mit viel Feingefühl zeigt Schütz, dass der Fremde die Normen und „Rezepte“ (ebd. S. 78) des Handelns der Etablierten noch nicht kennt, eine zweite Sozialisation durchleben muss und sich nicht auf sein bisheriges „Denken-wie-üblich“ (ebd. S. 79) verlassen kann. Das führt dazu, dass das Verhalten des Fremden von den Einheimischen in der Phase der Annäherung fälschlicherweise oft als unwillig oder undankbar angesehen wird. Will er auch in der Phase der Anpassung nicht die neuen Kulturen annehmen, dann bleibt er ein von Park beschriebener „Randseiter“.

2.4. Der Fremde im modernen Europa

Georg Simmel schrieb den „Exkurs über den Fremden“ im Jahr 1908 und führte als Beispiel den jüdischen Europäer an, zu jener Zeit offenbar ein gern gesehener und gut integrierter Bestandteil der Bevölkerung. Schon bald schlug diese Einstellung aber in einen weit verbreiteten Antisemitismus um, der schließlich in den abscheulichen Taten des National-sozialismus gipfelte.

Der Fremde im modernen Europa hat viele Facetten, er ist nicht mehr ein einziger bestimmter Typus, wie ihn Simmel beschrieb: Er ist der Afrikaner, der mit einem kleinen Boot über den Ozean flüchtete und halb verhungert und am Ende seiner Kräfte an der spanischen Küste strandet. Sie ist die Türkin, die von ihrer Familie in jugendlichen Jahren an einen türkischen Bräutigam in Deutschland „verkauft“ wurde und dort in einer Parallelgesellschaft, umgeben nur von ihresgleichen lebt. Er ist der amerikanische Herzspezialist, der das Angebot eines Wiener Spitals nicht ausschlagen konnte und dort seine Qualitäten zur Verfügung stellt und er ist der chinesische Restaurantbesitzer, der Gerichte verkauft, die mit den europäischen Erwartungen an ein fernöstliches Essen übereinstimmen, um nur einige Beispiele zu nennen.

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Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656147701
ISBN (Buch)
9783656147404
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190269
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2.0
Schlagworte
soziologische hintergründe fremdenfeindlichkeit theorien georg simmel norbert elias

Autor

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Titel: Soziologische Hintergründe für Fremdenfeindlichkeit