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Gewaltanwendung durch rechtsextreme Organisationen in den Krisenjahren der Weimarer Republik (1919 - 1923)

Hausarbeit 2011 16 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Zeit der Gewalt

2. Vorbedingungen
2.1. Prägendes bis 1919- Mentalität des Kaiserreiches und Kriegserfahrung
2.2. Freikorps und Einwohnerwehren

3. Gewaltanwendung
3.1. „Ruhe und Ordnung“
3.2. Bekämpfung von Gegnern - Innerhalb und Außerhalb
3.2.1. Gewaltanwendung gegen politische Gegner
3.2.2. Gewaltanwendung gegen Angehörige der eigenen Organisation

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

„Es ist nicht der Kampf der Meinungen, -welcher die Geschichte so gewalttätig gemacht hat, sondern der Kampfdes Glaubens an die Meinungen, das heißt der Überzeugungen.“

- Friedrich Nietzsche

1. Zeit der Gewalt

Die Weimarer Republik wurde in ihrer Anfangszeit von zahlreichen Unruhen, hervorgerufen durch das Handeln der Mitglieder linker und rechter antirepublikanischer Parteien und Organisationen erschüttert, so zum Beispiel durch den Kapp - Putsch im März 1920 und den anschließenden Bürgerkrieg im Ruhrgebiet.

Betrachtet man den Zeitraum des „Zweiten Dreißigjährigen Krieges“ von 1914- 1945 fällt Gewalt, teilweise als offene kriegerische Handlung nach außen getragen, als bestimmende Konstante auf.

Im Rahmen dieser Arbeit soll der Fokus auf die Anwendung dieser durch Mitglieder rechtsextremer Organisationen[1] gerichtet sein, als Beispiele dienen Freikorps, Einwohnerwehren, die Schwarze Reichswehr, der „Stahlhelm“ und die Organisation Consul.

Deren Angehörige verübten in den Krisenjahren von 1919 bis 1923 zahlreiche Gewaltverbrechen, darunter mehrere hundert Morde[2]. Zu den bekanntesten Opfern zählen Finanzminister Matthias Erzberger (ermordet am 26.08.1921) und Außenminister Walther Rathenau (ermordet am 24.06.1922). Die Wirkung dieser Fememorde[3] auf die Öffentlichkeit war erschütternd und führte zum Beispiel zum Erlass des Gesetzes zum Schutz der Republik, sowie zur Erkenntnis, dass der Republik nicht nur vom linken sondern auch vom rechten politischen Lager her Gefahr drohte.

Weiterhin soll die Aufmerksamkeit auf die Beweggründe und die Herkunft der Täter gerichtet sein. In diesem Kontext stellen sich folgende Fragen: Wie wurde Gewalt überhaupt angewandt? Aus welchen Gründen galt sie als legitimes Mittel und wer waren ihre Opfer?

Durch Nutzung von Sekundärliteratur, die zu den Themenbereichen „Politische Gewalt in der Weimarer Republik“ sowie (in geringerer Zahl) „Geheimorganisationen in der Weimarer Republik“ erschienen ist, sollen die gestellten Fragen beantwortet werden. Um, im ideologischen Sinne, möglichst wenig gefärbte Literatur nutzen zu können, finden vor allem Werke Verwendung, die in jüngerer Zeit, d.h. seit 1990, erschienen sind.

Dass das Thema rechter Gewalt auch in der Gegenwart von Bedeutung ist, beweisen 46 Tötungsdelikte, die seit der Wiedervereinigung Deutschlands von Rechtsextremen begangen wurden. Hinzu kommen zahlreiche weitere Straftaten und andere Delikte, die Spanne reicht hierbei von Körperverletzung bis zur Schändung jüdischer Friedhöfe.[4]

2. Vorbedingungen

Um verstehen zu können, wie die Gewaltbereitschaft innerhalb rechtsextremer Organisationen nach Kriegsende aufblühen konnte, muss an dieser Stelle eine Betrachtung der tradierten Werte des Kaiserreiches erfolgen. Weiterhin ist die Erfahrung des Kämpfens und Sterbens im industrialisierten Krieg von Bedeutung, die einen Großteil der späteren Freikorpsmänner auf lange Sicht prägte. Schließlich ist die Bildung paramilitärischer Vereinigungen als wichtiger Schritt zu begreifen, der eine Kanalisation des Gewaltpotentials tausender junger Männer bewirkte. Innerhalb dieser Vereinigungen konnten ihre Führer schlagkräftige Trupps aufstellen die im Baltikum, an der polnischen Grenze und im Reich selbst, z.B. in München oder im Ruhrgebiet gegen Gegner wie die Rote Ruhramee, eingesetzt wurden.

2.1. Prägendes bis 1919 - Mentalität des Kaiserreiches und Kriegserfahrung

Das Fundament, auf dem das gewalttätige Potential der Jahre nach 1918 wachsen konnte, besteht aus zwei miteinander verbundenen Schichten:

Zum einen sind bestimmte Elemente die bereits in den Jahren vor Kriegsbeginn vorhanden waren zu nennen. Beispielsweise die durch völkische Verbände weitergetragene Vorstellung, dass man als Deutscher in einer Welt von Feinden lebt, die seit der Ratifizierung des als ungerecht empfundenen Versailler Vertrages unter anderem in Form von Entente - Truppen deutsche Gebiete besetzt hielten sowie Reparationen, die Begrenzung der Streitkräfte auf 100000 Mann, etc. forderten.

Weitere „alte“, also bereits vorhandene Wertevorstellungen waren von vielen Offizieren übernommen worden[5], so z.B. rassistisches und antisemitisches Gedankengut.

Politisch gesehen trieb diese Männer die Sehnsucht nach dem Obrigkeitsstaat mit dem „starken Mann“ an der Spitze; dies kollidierte mit der Wirklichkeit des politischen Systems der Weimarer Republik. Das Gegenmodell des Sozialismus erschien als weitere Gefahrenquelle.

Zum anderen ist der Erste Weltkrieg mit seinen Folgen zu nennen:

Er hinterließ zahlreiche traumatisierte und entwurzelte Deutsche; millionenfache Opfer und die Erfahrung des brutalen Krieges trugen zum Entstehen einer militanten deutschen Nachkriegsgesellschaft bei.[6] Die sich in Deutschland, wie in anderen besiegten Nationen entwickelnde „ultra - militarisierte Maskulinität“[7], vor allem unter jungen Männern, ließ die Gewaltbereitschaft ebenfalls anwachsen.

An dieser Stelle kann die These entwickelt werden, dass die Relativierung des Wertes eines einzelnen menschlichen Lebens im Rahmen des Massensterbens im Ersten Weltkrieg mit dazu beitrug, dass in den darauffolgenden Jahren billigend der Tod politischer Feinde in Kauf genommen wurde.

Eine offene gewaltbereite Haltung ehemaliger Frontsoldaten, die später Freikorps und rechtsextremen Organisationen beitraten, war durchaus Folge der Kriegserfahrung. Insbesondere Soldaten, die in vorderster Linie in Stoßtrupps kämpften, entwickelten ein Selbstbild von sich als „Elite“, sodass sie ihrer eigenen Meinung nach dem politischen Gegner, so z.B. dem „kommunistischen Untermenschen“ überlegen waren. Die Kampfweise des Stoßtrupps - das Vorgehen in kleinen Gruppen und die Anwendung äußerster Gewalt zum erreichen der Ziele - ist kennzeichnend für das Vorgehen von Freikorpsangehörigen nach Kriegsende.[8] Der Umsturz vom November 1918 und die damit verbundene Niederlage im Krieg stellte für viele Rechtsextreme einen schieren Hochverrat dar. Vor allem ehemalige Frontsoldaten entwickelten hier teilweise ein „Revanchedenken“[9], bei dem die „Novemberverbrecher“ in Form von Kommunisten, aber auch Sozialdemokraten, als Gegner erschienen.

Durch die frühe Schädigung des staatlichen Gewaltmonopols, u.a. beim Januaraufstand und bei den Märzkämpfen 1919[10] in Berlin schwand das Vertrauen in den demokratischen Staat und seine Vertreter. Eine Regelrechte „Panik im Mittelstand“[11], ausgelöst durch die Angst vor einer kommunistischen Revolution, sozialem Abstieg und privaten wirtschaftlichen Einbußen verschlimmerte die Lage für die Republik weiter. Vor allem die einsetzende Inflation, die sich schnell zur Hyperinflation entwickelte ließ nicht nur das Vertrauen in die eigene Währung, sondern auch das Vertrauen in den Staat schwinden.

Die vage Hoffnung auf die Wiederherstellung früherer, „besserer“ Zeiten, gepaart mit dem Verlust des staatlichen Gewaltmonopols ließen immer mehr Deutsche nach extralegalen Lösungsmöglichkeiten außerhalb des friedlichen parlamentarischen Rahmens suchen.[12] Dabei wurde Gewalt als Lösungsmittel akzeptiert und in verschiedenem Maße auch angewandt, so geschehen in Freikorps und Einwohnerwehren.

2.2. Freikorps und Einwohnerwehren

Bedingt durch die bedrohliche Situation, in der sich diejunge Republik befand, war es notwendig bewaffnete Gruppierungen, die Freikorps und Einwohnerwehren, zu ihrem Schutz aufzustellen, sofern sich diese nicht bereits selbst organisiert hatten. In ihnen fanden sich zahlreiche ehemalige Soldaten, vor allem Offiziere, die zwar keine Anhänger, sondern vielmehr Gegner der Weimarer Republik und ihres parlamentarischen Systems waren, aber, wie im folgenden Abschnitt gezeigt werden soll, nun mit (zu Beginn) staatlicher Unterstütztung die Möglichkeit zur Bekämpfung der ihnen am meisten verhassten Feinde hatten: Dem linken bzw. linksextremen Lager zugehörigen Personen.

[...]


[1] Mit „rechtsextremen Organisationen“ sind die deutschen Freikorps und Einwohnerwehren gemeint, sowie Wehrverbände und Geheimorganisationen, die vor allem nach der offiziellen Auflösung der Freikorps (Aufgelöst im Zeitraum von 1921 - 1923) und Einwohnerwehren (Aufgelöst im Sommer 1920, Ausnahme: Bayern) entstanden und oftmals ehemalige Angehörige der beiden erstgenannten Organisationen aufnahmen.

[2] Gumbel, Emil Julius: Verschwörer. Zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistischen Geheimbünde 1918 - 1924, 1979 Frankfurt a.M., S.72.

[3] Klappenbach, Ruth (Hrsg.): Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, Bd. 2, Deutsch - Glauben, Berlin 1967, S.1250. „Fememord: Mord an politischen Gegnern, bes. durch rechtsradikale und militärische Verbände in der Weimarer Republik.“

[4] Dokumentations - und Informationssystem für Parlamentarische Vorgänge (DIP): Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der Abgeordneten Petra Pau, Wolfgang Neskovic, Sevim Dagdelen, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. Rechtsextreme Tötungsdelikte seit 1990 und antisemitisch motivierte Schändungen jüdischer Friedhöfe seit2000, 2009, URL: http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/16/141/1614122.pdf, Stand: 13.08.2011. Anmerkung: In der Presse wird meist eine etwa um das Dreifache höhere Anzahl rechtsextremer Tötungsdelikte genannt. Gründe für verschieden hohe Fallzahlen sind bedingt durch eine nur bedingt vorhandene Vergleichbarkeit von Daten auf Grund „mehrfacher Änderungen in der gesonderten polizeilichen Erfassung und statistischen Ausweisung von Straftaten der PMK (politisch motivierte Kriminalität).“

[5] Nagel, Irmela: Fememorde und Fememordprozesse in der Weimarer Republik, 1991 Köln, S.21.

[6] Hürter, Johannes: Totaler Krieg und Massenvernichtung. In: Wirsching, Andreas (Hrsg.): Oldenbourg Geschichte Lehrbuch. Neueste Zeit, 2006 München, S.124.

[7] Stibbe, Matthew: Germany 1914 - 1933. Politics, society and culture, Harlow 2010, S.86f.

[8] Koch, Hansjoachim W. : Der deutsche Bürgerkrieg. Eine Geschichte der deutschen und österreichischen Freikorps von 1918 - 1933, Dresden 2002, S.67 - 69.

[9] Wirsching, Andreas: Vom Weltkrieg zum Bürgerkrieg? Politischer Extremismus in Deutschland und Frankreich 1918 - 1933/39, 1999 München, S.300.

[10] Ebd., S.124.

[11] Geiger, Theodor: Panik im Mittelstand. Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer Grundlage, In: Die Arbeit. Bd. 7, Stuttgart 1932, S.638 - 653. In: Stibbe: Germany, S. 113.

[12] WIEVIORKA, Michel: Violence. Anew approach, Los Angeles 2010, S.60.

Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656143918
ISBN (Buch)
9783656144397
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190013
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
Schlagworte
Weimar Weimarer Republik Deutschland Rechte Rechtsextremismus Gewalt Stahlhelm Freikorps

Autor

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