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Belisar in den Perserkriegen

Ein Vergleich von Prokops Bella und Anecdota

Hausarbeit 2011 24 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Prokop und seine Werke
2. Die Darstellung Belisars
a) in den Bella
b) in den Anecdota
c) Gemeinsamkeiten und Unterschiede

III. Ergebnisse

Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der byzantinischen Geschichte des 6. Jahrhunderts v. Chr. und vor allem der Regentschaft Justinians kommt der Historiker an einer zeitgenössischen Quelle nicht vorbei: Prokop. Als Begleiter Belisars erlebte er dessen Feldzüge und damit auch die Kriege Justinians als Zeitzeuge hautnah mit und verarbeitete seine Erlebnisse in den Bella, der Geschichte der Kriege Justinians. Neben diesem Opus magnum stammt aus seiner Feder auch eine Darstellung der unter Justinian entstandenen Bauwerke – De Aedificiis – und die sogenannte Geheimgeschichte – Anecdota –, welche ein vollkommen anderes, wenig schmeichelhaftes Licht auf die Regentschaft des Kaisers wirft.

Diese offensichtlich vollkommen unterschiedliche Bewertung Justinians durch ein und denselben Autor hat im Laufe der Forschung nicht nur immer wieder die Frage aufgeworfen, ob es sich tatsächlich um ein und denselben Autor handelt, sondern auch zu der Frage geführt, welches Bild des Kaisers das zutreffendere ist. In dieser Hausarbeit steht allerdings nicht Justinian im Zentrum des Interesses, sondern dessen Feldherr Belisar. Dabei soll die Frage beantwortet werden, ob und wenn ja, wie die Darstellung Belisars durch Prokop in den Bella und den Anecdota voneinander abweicht.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht also nicht das Streben nach möglichst objektiven Informationen und Fakten über die Perser-, Vandalen- oder Gotenkriege, sondern die Darstellung Belisars durch Prokop. Da der begrenzte Umfang einer Hausarbeit eine adäquate Beschäftigung mit allen Teilen der Bella nahezu unmöglich macht, wird sich in den folgenden Ausführungen ausschließlich auf Prokops Darstellungen der Perserkriege konzentriert.

Diese Einschränkung bietet folgende Vorteile: Zum einen wird dadurch der Umfang der Darstellungen auf ein in einer Hausarbeit bearbeitbares Maß reduziert. Zum anderen umfassen die ersten beiden Bücher der Bella, in denen die Perserkriege im Mittelpunkt stehen, nahezu den gesamten Zeitraum, in denen Prokop in Belisars Diensten stand, von 527 n. Chr. bis etwa 540 n. Chr. Des Weiteren bilden sie in ihrer Darstellung zwei zeitliche Schwerpunkte, nämlich zu Beginn und zum Ende dieses Zeitraumes. So lassen sich Einstellungsänderungen Prokops gegenüber Belisar, zu denen es im Laufe dieser 13 Jahre kam, auf demselben Kriegsschauplatz und im selben Werk nachvollziehen. Neben den Bella werden ebenso die Anecdota untersucht, die sich in den ersten fünf Kapiteln ebenfalls mit Belisar und unter anderem auch mit dessen Wirken auf dem persischen Kriegsschauplatz befassen.

Um dem textintrinsischen Arbeiten an den Darstellungen Prokops ein geschichtswissenschaftliches Fundament zu geben und um die Ergebnisse der Betrachtungen vergleichen und einordnen zu können, wird im Vorfeld der Quellenarbeit der aktuelle Forschungsstand zu Prokops Vita und Werk näher beleuchtet. Zum Abschluss der Hausarbeit werden die Ergebnisse der Untersuchungen zusammengefasst und ein Fazit gezogen.

Die Basis dieser Hausarbeit bilden die Editionen von Prokops Bella[1] und Anecdota[2] aus der Loeb Classical Library, die von Henry Bronson Dewing herausgegeben und übersetzt wurden. Bei der Darstellung des aktuellen Forschungsstandes stehen vor allem Werke zweier angelsächsische Historiker im Vordergrund, deren Forschungs-schwerpunkt auf Prokop und seiner Zeit liegt, und die deswegen als Experten für dieses Thema bezeichnet werden können: Averil Cameron[3] und Geoffrey Greatrex[4]. Hinzu kommen unter anderen noch Gustav Soyter[5], James Evans[6] und Henning Börm[7].

II. Hauptteil

Die dieser Hausarbeit zugrunde liegende Annahme, dass die Darstellung Belisars in den Werken Prokops deutlichen Veränderungen unterworfen ist, ist in der Forschung nicht neu. So schrieb Averil Cameron in ihrem Werk über Prokop, sein Werk und seine Zeit bereits vor einem viertel Jahrhundert:

„The tensions underlying the Persian Wars are of a more personal and partisan kind; but Procopius does not speak out so clearly as he was later to do. He was on the other hand more ready to defend and glorify Belisarius. So the Persian Wars consists of a narrative in which not all is told. More than the rest of the Wars, it was found wanting when Procopius came to write the Secret History.”[8]

Bevor allerdings diese Unterschiede in der Darstellung Belisars genauer am Text untersucht werden, wird im Folgenden zunächst der geschichtswissenschaftliche Hintergrund dafür gelegt. Dabei steht der heutige Forschungsstand im Bezug auf Prokops Leben und Werk im Mittelpunkt.

1. Prokop und seine Werke

Das Leben des spätantiken Historikers Prokop lässt sich auf der Grundlage von gesichertem Quellenmaterial nur für einen Zeitraum von 15 Jahren nahezu lückenlos nachvollziehen. Es handelt sich dabei um die Jahre von 527 bis 542 n. Chr., die der Autor – teilweise als Augenzeuge – in den Bella selbst beschreibt.[9] Seine über diesen Zeitraum hinausgehende Vita beruht auf Schlussfolgerungen und Annahmen, die Ergebnisse geschichtswissenschaftlicher Forschungen und Diskussionen[10] sind.

Geboren wurde Prokop vermutlich zu Beginn des 6. nachchristlichen Jahrhunderts in Caesarea, einem Ort in der damaligen Provinz Palästina.[11] Über seinen familiären Hintergrund ist nichts bekannt, jedoch wird aufgrund seiner Ausbildung allgemein angenommen, dass seine Familie der Oberschicht angehört haben muss.[12] Er war Mitglied der traditionellen Elite des späten römischen Reichs, gebildet in den Klassikern der griechischen Literatur und Philosophie, sowie dem römischen Recht.[13]

Vermutlich ermöglichte ebendiese (Aus-)Bildung es ihm, 527 n. Chr. in die Dienste Belisars zu treten, der kurz zuvor zum Stadtkommandanten der Festung Dara ernannt worden war.[14] Worin genau seine Aufgaben bestanden, ist umstritten. Seine Funktion wird in der Literatur unterschiedlich benannt: Bei James Evans wird er als „assessor oder Sekretär“[15] bezeichnet, bei Herbert Hunger als „Rechtsberater und Sekretär“[16] und bei Walter Kaegi als „consularius“[17]. In den Bella bezeichnet Prokop selbst seine Tätigkeit als die eines „Ευνέγραψε“[18]. In seiner Übersetzung wählte Henry Dewing dafür den Begriff „adviser“[19].

In dieser Funktion begleitete Prokop Belisar die nächsten 15 Jahre auf dessen Feldzügen. Dabei wurde er unter anderem Augenzeuge der Perserkriege, der Vandalenkriege und der Gotenkriege, sowie des Nika-Aufstands und des Ausbruchs der Pest in Byzanz.[20] Mit der Rückkehr Belisars nach Byzanz 540 n. Chr. endet die lückenlose Darstellung der Vita Prokops, allerdings lässt sein Augenzeugenbericht des Pestausbruchs in der byzantinischen Hauptstadt die Schlussfolgerung zu, dass er sich 542 n. Chr. dort aufgehalten haben muss.[21]

Justinian ernannte Prokop im Laufe seiner Karriere an der Seite Belisars zum illustris, wodurch er in den inneren Kreis der byzantinischen Aristokratie gelangte. Inwieweit dies als persönliche Förderung des Kaisers zu verstehen ist, bleibt ungewiss, allerdings bezeichnet James Evans selbst das vermutlich im kaiserlichen Auftrag entstandene Werk De Aedificiis als „cold euglogy“.[22]

In den folgenden knapp 20 Jahren bis zu seinem Tod, der von Historikern im Allgemeinen auf die Zeit kurz nach 560 n. Chr. datiert wird[23], entstand Prokops literarisches Werk. Dieses umfasst neben der Chronik der Kriege Justinians, den Bella, und der sogenannten Geheimgeschichte, den Anecdota, auch eine Darstellung der unter Justinian entstandenen Bauten, De Aedificiis. Die beiden erstgenannten Werke sollen im Folgenden im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen.

Zuvor allerdings sollen alle Schriften datiert werden: Gänzlich unproblematisch gelingt dies für die die Bella: Die ersten sieben der insgesamt acht Bände wurden im Jahr 550/51 n. Chr. veröffentlicht, der letzte folgte wohl drei Jahre später.[24] Die Datierung der Anecdota hingegen ist in der Geschichtswissenschaft umstrittener: Ausgehend von einer Angabe im Werk selber – das 32. Jahr der Herrschaft Justinians – muss es entweder 550 oder 558/59 n. Chr. verfasst worden sein[25], wobei sowohl Averil Cameron als auch Geoffrey Greatrex die frühere Datierung aufgrund der Verbindungen zwischen den Bella und den Anecdota für wesentlich wahrscheinlicher halten.[26] Veröffentlicht wurden die Anecdota aufgrund ihres kaiserkritischen Inhalts zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht.[27] Die Entstehungszeit der Schrift über Justinians Bauwerke wird von beiden Historikern ebenfalls auf die frühen 550er Jahre n. Chr. datiert.[28]

Die Bella, Prokops umfangreichstes und für die Geschichtswissenschaft im Bezug auf die Kriege und Kriegsführung Justinians wohl wichtigstes Werk, besteht aus insgesamt acht Bänden. Die ersten beiden Bände befassen sich mit den Perserkriegen, im Schwerpunkt mit den Ereignissen zwischen 530 und 533, sowie von 540 bis 549 n. Chr. Die Bände III und IV widmen sich den Feldzügen gegen die Vandalen in den Jahren 533 und 534 n. Chr., wohingegen die nächsten drei Bände das Augenmerk des Lesers auf die Gotenkriege lenken, die die Jahre 535 bis 550 n. Chr. umfassen. Der achte und letzte Band beinhaltet spätere Ergänzungen zu den Kämpfen mit den Persern und den Goten.[29]

Geschichtstheoretisch ist Prokops Bella der klassischen griechischen Geschichts-schreibung zuzuordnen[30], sein Werk weist dabei vor allem Rückgriffe auf Thukydides und Herodot auf.[31] Darüberhinausgehend finden sich auch Einflüsse jüngeren Datums, wie zum Beispiel das latent vorhandene Interesse an ökonomischen und sozialen Faktoren.[32] Ein Großteil der Informationen für sein Werk stammt von Prokop selbst, der an vielen der geschilderten Geschehnisse als Augenzeuge teilnahm. Averil Cameron kommt von dieser Beobachtung ausgehend zu folgender Feststellung: „In fact, Procopius was an excellent reporter rather than a historian.“[33]

In der klassisch-griechischen Geschichtsschreibung ungewöhnlich und nahezu ohne Beispiel ist die Aufteilung der Bella nach geografischen Gesichtspunkten an der Stelle eines chronologischen Zeitablaufs. Als Vorläufer in dieser Hinsicht ist Geoffrey Greatrex zufolge nur Appian bekannt.[34]

Als Protagonist der Bella dient Prokop vor allem Belisar, der zwischen den einzelnen Kriegsschauplätzen und Feldzügen eine Art Bindeglied darstellt.[35] Inwieweit die Einstellung Prokops zu Belisar allerdings innerhalb der Bella uneingeschränkt positiv ist, ist in der Forschung umstritten. So schreibt Herbert Hunger:

„In der tendenziösen Darstellung Belisars erwies sich Prokopius allerdings als Meister. Ohne zu fälschen, verstand er es, alle Maßnahmen Belisars zu rechtfertigen, seine Erfolge gehörig herauszustreichen und seine Mißerfolge zu entschuldigen. Das Verschweigen der für Belisar ungünstigen Details ergänzt diese Tendenz des Geschichtsschreibers.“[36]

[...]


[1] Procopius: History of the wars. Books I–II, with an English translation by H. B. Dewing, reprinted 2006, Cambridge u. a. 1914 (The Loeb Classical Library, volume 48).

[2] Procopius: The Anecdota or Secret History, with an English translation by H. B. Dewing, Cambridge u. a. 1935 (The Loeb Classical Library, volume 290).

[3] Cameron, Averil: Procopius and the sixth century, London 1985.

[4] Greatrex, Geoffrey: Procopius and the Persian Wars, Dissertation, Oxford 1994.

[5] Soyter, Gustav: Die Glaubwürdigkeit des Geschichtsschreibers Prokopius von Kaisareia, in: Byzantinische Zeitschrift 44 (1951), S. 541–545.

[6] Evans, James Allan Stewart: Procopius, New York 1972 (Twayne’s World Authors Series, volume 170).

[7] Börm, Henning: Perser und Persisches bei Prokop von Caesarea. Untersuchungen zu den römisch-sasanidischen Kontakten in der ausgehenden Spätantike, Dissertation, Kiel 2006.

[8] Cameron: Procopius, S. 169–170.

[9] Evans, James Allan Stewart: Procopius, New York 1972 (Twayne’s World Authors Series, volume 170).

[10] Die einzelnen Etappen der geschichtswissenschaftlichen Beschäftigung mit Prokop und seinen Werken beginnend mit der Arbeit Felix Dahns aus dem Jahr 1865 stellt Henning Börm überblicksartig in seiner bereits erwähnten Dissertation aus dem Jahr 2006 prägnant und anschaulich dar; Vgl. Börm: Perser, S. 18–22.

[11] Hunger, Herbert: Die hochsprachliche profane Literatur der Byzantiner. Erster Band. Philosophie – Rhetorik – Epistolographie – Geschichtsschreibung – Geographie, München 1978 (Byzantinisches Handbuch. Fünfter Teil. Erster Band), S. 291; Kaegi, Walter Emil: Procopius the military historian, in Byzanitinische Forschungen 15 (1990), S. 54; James Evans hingegen datiert die Geburt Prokops in seiner Biografie auf die Zeit zwischen 490 und 500 n. Chr.; Vgl. Evans: Procopius, S. 30.

[12] Hunger: Literatur, S. 291.

[13] Evans: Procopius, S. 17.

[14] Ebd., S. 32; Hunger: Literatur, S. 291; Kaegi: Procopius, S. 54.

[15] Evans: Procopius, S. 32.

[16] Hunger: Literatur, S. 291.

[17] Kaegi: Procopius, S. 54; Erst ab den Vandalenkriegen 533 n. Chr. bezeichnet er Prokop als „assessor“; Vgl. Kaegi: Procopius, S. 54.

[18] Bella I. xii. 24.

[19] Ebd.

[20] Evans: Procopius, S. 32–37; Hunger: Literatur, S. 292; Kaegi: Procopius, S. 54.

[21] Evans: Procopius, S. 36–37.

[22] Ebd.

[23] Evans: Procopius, S. 39; Hunger: Literatur, S. 292; Kaegi: Procopius, S. 560.

[24] Hunger: Procopius, S. 292–293; Greatrex, Geoffrey: The composition of Procopius’ Persian Wars and John the Cappadocian, in: Prudentia 27 (1995), S. 1; Cameron: Procopius, S. 9.

[25] Cameron: Procopius, S. 9.

[26] Ebd.; Greatrex: Procopius, S. 1.

[27] Cameron: Procopius, S.9.

[28] Ebd., S. 10–11; Greatrex: Procopius, S. 1.

[29] Hunger: Literatur, S. 292.

[30] Cameron: Procopius, S. 150.

[31] Brodka, Dariusz: Zum Wahrheitsbegriff in den Bella des Prokopios von Kaisareia, in Klio 89 (2007), S. 465.

[32] Cameron: Procopius, S. 150.

[33] Ebd., S. 151.

[34] Greatrex: Procopius, S. 2.

[35] Hunger: Literatur, S. 293.

[36] Ebd., S. 293.

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656143956
ISBN (Buch)
9783656144236
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190001
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
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