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Thomas Manns Deutschlandbild - Serenus Zeitblom und der Nationalsozialismus

Hausarbeit 2011 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Thomas Mann im Exil
2. Thomas Mann im „Doktor Faustus“
3. Serenus Zeitblom und der Nationalsozialismus
4. Thomas Mann und die Deutschen

III. Ergebnisse

IV. Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die Zeit und die Umstände, unter denen Thomas Mann seinen Roman „Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde“[1] verfasste, waren für ihn geprägt von den Folgen der Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland. Hier sind zum einen der Zweite Weltkrieg und dessen bis dato unbekannte und unvorstellbare Ausmaße, zum anderen aber auch das eigene, erzwungene Exil Manns in den USA zu nennen. Dass diese Zeitumstände und deren Vorgeschichte ihren Weg in den Roman finden sollten, stand für Thomas Mann von Beginn seiner Arbeit an fest. So schrieb er in „Die Entstehung des Doktor Faustus“[2] zur Konzeption des Romans: „Dies eine Mal wußte ich, was ich wollte und was ich mir aufgab: nichts Geringeres als den Roman meiner Epoche, verkleidet in die Geschichte eines hochprekären und sündigen Künstlerlebens.“[3]

Die vorliegende Hausarbeit soll sich mit einem Aspekt dieser Epoche beschäftigen, nämlich mit dem im Roman zum Ausdruck kommenden Deutschlandbild des Autors, vor allem aber mit seiner Einstellung zum Nationalsozialismus, in dem dieses Bild seinen Kulminationspunkt findet.

Dazu soll zunächst auf die Beziehungen zwischen dem im Exil lebenden Mann und dem unter nationalsozialistischer Herrschaft stehenden Deutschland eingegangen werden, bevor in einem nächsten Schritt persönliche Übereinstimmungen zwischen dem Autor und dem Erzähler des „Doktor Faustus“, Serenus Zeitblom, gefunden werden sollen. Darauf aufbauend soll dann dessen Einstellungen zur nationalsozialistischen Herrschaft herausgestellt werden, um diese in einem letzten Schritt zurück auf Thomas Mann zu übertragen.

Neben den beiden bereits erwähnten Werken Thomas Manns – „Doktor Faustus“[4] und „Die Entstehung des Doktor Faustus“[5] – wird dazu unter anderem auf folgende Literatur zurückgegriffen: Die Biografie des Autors von Hermann Kurzke[6], einige Beiträge aus dem von Helmut Koopmann herausgegebenen Standardwerk zu Leben und Werk Thomas Manns, dem „Thomas-Mann-Handbuch“[7], dem Buch „Thomas Mann und die Deutschen“[8] von Kurt Sontheimer, sowie die Aufsätze „Kaisersaschern als geistige Lebensform“[9] von Hans Rudolf Vaget und „Deutschland im ,Doktor Faustus‘ und ,Doktor Faustus‘ in Deutschland“[10] von Dolf Sternberger.

II. Hauptteil

Wie bereits festgestellt wurde, ist der „Doktor Faustus“ als Roman einer Epoche stark von den Erfahrungen und Lebensumständen seines Autors geprägt worden. Daher ist es unausweichlich, eben diese genauer zu betrachten, bevor Aussagen über das Deutschlandbild Thomas Manns getroffen werden können.

1. Thomas Mann im Exil

„His career began as a national writer who was challenging the twentieth-century bourgeois revolution from the standpoint of an older, deeper view of Kultur and spirit. It ended with Mann as an exile, driven from Germany by the rise of Hitler. The books of the great Nobel Prize-winner […] were burnt, and Mann fled to Switzerland and then the United States […].”[11]

So knapp fasst Malcolm Bradbury die einschneidenden Veränderungen zusammen, die das Leben Thomas Manns nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten erfuhr.

Mitte Februar 1933 verließ Thomas Mann Deutschland für eine Reise durch verschiedene europäische Städte, um dort einen Vortrag anlässlich des 50. Todestags Richard Wagners zu halten. Bei seiner Abreise wusste er noch nicht, dass er Deutschland für die nächsten 16 Jahre verlassen würde. Am 27. September 1933 ließ er sich – nach mehreren Stationen in der Schweiz und Südfrankreich – vorerst in Zürich nieder.[12] Zu den Ereignissen in Deutschland schwieg er auch im Exil zunächst öffentlich.

1935 begannen erste publizistische Aktivitäten Manns, die sich gegen das Naziregime wandten. Die Folge daraus war die Aberkennung seiner deutschen Staatsbürgerschaft und die Aberkennung des Ehrendoktortitels der Universität Bonn im selben Jahr.[13] Diese Vertreibung aus seinem Heimatland, also das erzwungene Exil war für Thomas Mann der „schwerste Schock seines Lebens“[14].

Es folgten mehrere Reisen in die USA und 1938 – unter dem Eindruck der Münchener Konferenz – beschloss Mann, sein Exil auf die andere Seite des Atlantiks zu verlegen, wo er zunächst eine Anstellung als Lecturer an der Universität Princeton fand.[15] Im Oktober 1940 begann er sich regelmäßig öffentlich an das deutsche Volk zu wenden. Dies tat er in Form der Radiosendung „Deutsche Hörer“, die über den britischen Rundfunk ausgestrahlt wurde.[16]

Diese Ansprachen, die zu den unterschiedlichsten Ereignissen Stellung nahmen, sind vom Grundtenor und ihrer Stoßrichtung her sehr ähnlich: Er unterschied zwischen seinen Hörern und der Verbrecherclique, die Deutschland in den Krieg geführt hat. Thomas Mann blieb dabei stets der Überzeugung, dass Hitler letztendlich scheitern würde, trotz der zeitweise übermächtig erscheinenden Erfolge der Wehrmacht.[17] Er appellierte dabei an die Anständigkeit der Deutschen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und sich gegen die Hitler-Diktatur zu erheben, indem er unter anderem sagte: „Ein Volk, das frei sein will, ist es im selben Augenblick.“[18]

Im Jahr 1942 siedelte Mann mit seiner Familie von der Ost- an die Westküste nach Pacific Palisades über.[19] Dort begann er Mitte März 1943 mit den Vorarbeiten zum „Doktor Faustus“, dem Werk, in dem er – neben der Geschichte des Komponisten Adrian Leverkühn – auch sein eigenes Deutschlandbild verarbeitete.[20]

In diese Zeit der Arbeit am „Doktor Faustus“ fiel Anfang 1945 unter anderem auch der Vortrag „Deutschland und die Deutschen“, den Thomas Mann in Washington hielt, und der als Destillat seines Bildes von Deutschland und seiner Geschichte gelten kann. Später wird auf diesen noch detaillierter eingegangen werden müssen.[21]

Unmittelbar nach der deutschen Kapitulation im Mai desselben Jahres verfasste Thomas Mann in Pacific Palisades den Aufsatz „Die Lager“, in dem er sich mit dem Holocaust beschäftigte und der durch amerikanische Zeitungen unter verschiedenen Titeln in Deutschland verbreitet wurde.[22] Trotz mehrerer Angebote und Bitten – unter anderem von Walter von Molo – kehrte Mann zunächst nicht nach Deutschland zurück.[23]

Einen großen Anteil am Entschluss, vorerst nicht nach Deutschland zurückzukehren hatte vermutlich auch der Konflikt, der sich aufgrund eines Artikels des Schriftstellers Frank Thieß mit dem Titel „Die innere Emigration“ entspann. Darin wurde den deutschen Schriftstellern, die die Zeit des Nationalsozialismus im Exil verbracht hatten, vorgehalten, dass sie weitaus weniger gelitten hätten als diejenigen, die in Deutschland in einer Art inneren Emigration geblieben wären. In diesem Artikel griff Thieß vor allem auch die Radioansprachen Manns als für die breite Masse in Deutschland unbedeutend und unerheblich, sowie für die Kreise mit Kenntnissen über den Zustand Deutschlands inhaltlich überholt, an.[24]

1949 kehrte Mann das erste Mal seit 1933 wieder nach Deutschland zurück, allerdings nicht, um dort zu bleiben. 1952 zog es ihn endgültig wieder von Amerika nach Europa – wo er mit seiner Familie bei Zürich ein Haus bewohnte. Drei Jahre später starb Thomas Mann in der Schweiz.[25]

2. Thomas Mann im „Doktor Faustus“

Der Roman „Doktor Faustus“ ist ein Werk, das geprägt ist vom Exil Thomas Manns und seinen Erfahrungen mit dem Deutschsein. Daher ist es kaum verwunderlich, dass der Autor sich selbst und seine Einstellungen im Buch verewigte: Wie auch Thomas Mann begann der Erzähler Serenus Zeitblom am 23. Mai 1943 mit dem Verfassen seiner Biografie Adrian Leverkühns. Bereits Mann selber wies in seinem Buch über die Entstehung des „Doktor Faustus“ auf diese sicherlich nicht zufällige Koinzidenz hin.[26] Hierin findet sich schon der erste deutliche Hinweis darauf, dass es Überschneidungen zwischen dem Autor Thomas Mann und dem fiktiven Biografen Serenus Zeitblom gibt.

Dies wird an einer weiteren Stelle desselben Werkes noch verdeutlicht und präzisiert: „Seine beiden Protagonisten [– Adrian Leverkühn und Serenus Zeitblom –], [… haben] zu viel zu verbergen […], nämlich das Geheimnis ihrer Identität.“[27] Von dieser Textstelle ausgehend kam unter anderem Dolf Sternberger zu dem Schluss, dass Thomas Mann in und aus beiden Figuren spreche, und zwar aus beiden gleichermaßen. Er bezeichnet sie – die Protagonisten des Romans – als eine Art „Doppelselbstporträt“[28].

[...]


[1] Mann, Thomas: Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde, 37. Auflage, Frankfurt am Main 1990.

[2] Mann, Thomas: Die Entstehung des Doktor Faustus. Roman eines Romans, ungekürzte Ausgabe, Frankfurt am Main 1989.

[3] Ebd., S. 28.

[4] Mann: Doktor.

[5] Mann: Entstehung.

[6] Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk, München 1999.

[7] Koopmann, Helmut (Hrsg.): Thomas-Mann-Handbuch, ungekürzte Ausgabe der 3. Auflage, Frankfurt am Main 2005.

[8] Sontheimer, Kurt: Thomas Mann und die Deutschen, durchgesehene und bearbeitete Ausgabe, München 1965.

[9] Vaget, Hans Rudolf: Kaisersaschern als geistige Lebensform. Zur Konzeption der deutschen Geschichte in Thomas Manns Doktor Faustus, in: Paulsen, Wolfgang (Hrsg.): Der deutsche Roman und seine historischen und politischen Bedingungen, Bern u. a. 1977, S. 200–235.

[10] Sternberger, Dolf: Deutschland im „Doktor Faustus“ und „Doktor Faustus“ in Deutschland, in: Bludau, Beatrix (Hrsg.): Thomas Mann. 1875–1975, Frankfurt am Main 1977, S. 155–172.

[11] Bradbury, Malcolm: The modern world. Ten great writers, London 1988, S. 110.

[12] Banuls, André: Thomas Mann. Leben und Persönlichkeit, in: Koopmann (Hrsg.): Handbuch, S. 13.

[13] Sontheimer: Mann, S. 88.

[14] Ebd., S. 91.

[15] Banuls: Mann, S. 14.

[16] Ebd.

[17] Sontheimer: Mann, S. 104–105.

[18] Ebd., S. 106.

[19] Banuls: Mann, S. 15.

[20] Kurzke: Mann, S. 490–491.

[21] Sontheimer: Mann, S. 113.

[22] Kurzke: Mann, S. 524.

[23] Ebd., S. 529–530.

[24] Ebd., S. 532–533.

[25] Ebd., S. 525–526.

[26] Mann: Entstehung, S. 23.

[27] Ebd., S. 62.

[28] Sternberger: Deutschland, S. 158.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656143970
ISBN (Buch)
9783656144656
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189998
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
Thomas Mann Doktor Faustus Nationalsozialismus Adrian Leverkühn Serenus Zeitblom Exil USA Pacific Palisades Inneres Exil Deutschlandbild Sonderweg

Autor

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