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Paul de Chapeaurouge: Analyse historischer Sozialisationskontexte am Beispiel des Mitglieds des Parlamentarischen Rates

Hausarbeit 2010 21 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Biografische Dimension
a) Kindheit
b) Schule
c) Jugend
d) Erwachsenenalter
2. Sozialisationsvarianten
a) Geschlecht
b) Politischer Hintergrund
c) Religion
3. Sozialisationsinstanzen
a) Familie
b) Schule
c) Peergroups
d) Beruf
e) Partei
f) Militär
g) Medien

III. Ergebnisse

IV. Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Am 23. Mai 2009 wurde Horst Köhler im Berliner Reichstag von der Bundesversammlung im Amt des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland bestätigt. Die Verfassung, die dieses Amt schuf, feierte an diesem Tag ihren 60. Geburtstag: Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland.[1]

Ausgearbeitet und verabschiedet wurde es durch den Parlamentarischen Rat in Bonn. Unter den insgesamt 65 Mitgliedern befanden sich auch zwei Vertreter Hamburgs. Neben dem Präsidenten der Bürgerschaft, Adolph Schönfelder, war auch der Vorsitzende der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Paul de Chapeaurouge, von der Bürgerschaft an den Rhein entsandt worden.[2]

Mit dem Letztgenannten beschäftigt sich diese Hausarbeit. Sie soll das Leben de Chapeaurouges in einer sozialisationstheoretischen Biografie aufarbeiten. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, wie die einzelnen Sozialisationsdimensionen in der Sozialisation de Chapeaurouges zusammengewirkt haben.

Der Begriff Sozialisation beschreibt den Prozess, in dem aus einem menschlichen Neugeborenen ein gesellschaftlich handlungsfähiges Wesen wird. Dieser Prozess ist lebenslang und vollzieht sich in ständiger Auseinandersetzung zwischen dem Individuum und seiner Umwelt.[3] Um ihn zu verdeutlichen, wird der Verfasser dieser Hausarbeit die Biografie, die Sozialisationsvarianten und die Sozialisationsinstanzen in ihren einzelnen Teilaspekten beschreiben und zum Schluss die Ergebnisse zusammenfassen.

Die Quellenlage über Paul de Chapeaurouge ist insgesamt als durchwachsen zu beurteilen: Neben kurzen Biografien in Werken über den Parlamentarischen Rat[4] oder die Gründung der CDU in Hamburg[5] befassen sich nur eine Festschrift der hamburgischen CDU-Bürgerschaftsfraktion zu seinem 75. Geburtstag[6], ein Beitrag in einer Veröffentlichung der Konrad-Adenauer-Stiftung zu den CDU-Mitgliedern des Parlamentarischen Rats[7] und zwei Texte von Helmut Stubbe-da Luz[8] mit Paul de Chapeaurouge. Allen diesen Texten ist gemein, dass sie vor allem vom politischen Wirken de Chapeaurouges in der hamburgischen Landespolitik, sowie von seiner Tätigkeit im Parlamentarischen Rat handeln.

Zwar verfügt das Archiv der Familie de Chapeaurouge, das sich im Staatsarchiv Hamburg befindet, über eine große Zahl an Dokumenten von Paul de Chapeaurouge, seine Familie gestattete dem Verfasser dieser Hausarbeit aber lediglich die Einsichtnahme in folgende drei Bestände: Die Personalpapiere de Chapeaurouges[9], die unter anderem einen Teil seiner Schulzeugnisse und seine Ernennungsurkunde zum Notar enthalten, eigene Lebensläufe aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg[10] und in eine Zusammenstellung von Auszügen über de Chapeaurouge aus mehreren zeitgeschichtlichen Veröffentlichungen[11], die teilweise von Edmund de Chapeaurouge kommentiert wurden. Die Einsichtnahme in weitere, aus sozialisationstheoretischer Sicht interessante Quellen, wie das Notizbuch de Chapeaurouges aus dem Ersten Weltkrieg oder Briefe an seine Mutter, wurde von der Familie de Chapeaurouge verweigert.

De Chapeaurouge selbst hat zwei kleinere Schriften verfasst, die allerdings nur im Rahmen ihres spezifischen Inhalts Aussagen über seine Persönlichkeit zulassen. Eine der beiden beschäftigt sich mit den programmatischen Vorstellungen der Deutschen Volkspartei (DVP) in Hinsicht auf die Verfassung des deutschen Staates[12], die andere befasst sich mit der staatlichen Bautätigkeit in den zwanziger Jahren in Hamburg[13].

Die sozialisationstheoretische Grundlage bildet ein Text Dieter Geulens[14] aus dem von Hans Joas herausgegebenen Lehrbuch der Soziologie.

II. Hauptteil

1. Biografische Dimension

Die Familie de Chapeaurouge stammt ursprünglich aus dem schweizerischen Genf. Das erste Familienmitglied, das nach Hamburg auswanderte, war 1764 Jaques de Chapeaurouge. Er tat dies vor allem aus wirtschaftlichem Interesse. Sein Neffe Jaques Henri de Chapeaurouge folgte ihm 1794. Er war der Großvater Paul de Chapeaurouges.[15] Allen männlichen Familienangehörigen war gemein, dass „aus ihnen nicht nur Kaufleute und Juristen, sondern zugleich auch im öffentlichen Leben engagierte Persönlichkeiten hervorgingen.“[16]

a) Kindheit

Am 11. Dezember 1876 wurde Paul Henri Adolph Wilhelm Franz de Chapeaurouge in Hamburg geboren.[17] Sein Vater war Edmund de Chapeaurouge (1817-1893), von Beruf Obergerichtsrat, seine Mutter war Anna de Chapeaurouge, geborene Fabri (1837-1920). Er hatte zwei Brüder, Ernst (1874-1892) und Alfred (1879-1960), sowie eine Schwester, Anna (1881-1973).[18]

b) Schule

Paul de Chapeaurouge besuchte zunächst die Privatschule von Dr. August Maas[19], bevor er auf die Gelehrtenschule des Johanneums wechselte und dort 1895 sein Abitur ablegte.[20] De Chapeaurouge war ein mittelmäßiger Schüler, so nahm er zum Beispiel im Osterzeugnis des Jahres 1890 den 17. Platz von 36 Schülern[21] ein, vier Jahre später war er 11. von 18 Schülern[22]. Auch negativ fiel er seinen Lehrern nicht auf, im Gegensatz zu seinem Bruder Ernst, in dessen Zeugnis vom Michaelistermin 1889 ein Klassenbucheintrag erwähnt wird: „Unfug vor der Stunde“[23].

c) Jugend

Nach seiner Schulzeit studierte de Chapeaurouge Rechts- und Staatswissenschaften in Freiburg im Breisgau, München und Berlin. 1898 absolvierte er am Berliner Kammergericht das Referendarexamen. Ein Jahr später wurde er an der Universität Leipzig promoviert. In den folgenden beiden Jahren leistete er in Weimar seinen Militärdienst ab.[24]

d) Erwachsenenalter

1904 ließ sich de Chapeaurouge – inzwischen wieder in Hamburg – als Notar in der Kanzlei Dres. Crasemann & de Chapeaurouge nieder. Zwei Jahre später heiratete er Elise Tesdorf (1884-1968). Aus dieser Ehe gingen vier Söhne hervor: Alfred (1907-1993), Adolph (1909-1938), Edmund (geboren 1912) und Ernst August (1914-1944).[25]

Adolph starb an einer unheilbaren Lympherkrankung, Ernst August fiel im Oktober 1944 als Soldat im Zweiten Weltkrieg bei der Abwehr der alliierten Invasion in Belgien und den Niederlanden.[26]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann auch Paul de Chapeaurouges politisches Engagement: Seit 1907 wurde er Vorstandsmitglied des Nationalliberalen Reichstagswahlvereins von 1884. Bei den Wahlen 1910 und 1913 kandidierte er erfolglos für die Bürgerschaft. Erst im November 1917 rückte de Chapeaurouge als Ersatzmann in die hamburgische Bürgerschaft ein.[27] Von 1914 bis 1918 diente er – zuletzt als Major und Bataillonskommandeur – im Ersten Weltkrieg.[28]

Nach der Novemberrevolution 1918 war de Chapeaurouge Mitgründer des Hamburger Landesverbands der DVP, dessen Vorsitzender er von 1920 bis 1925 war. Bis 1932 gehörte er durchgehend als Abgeordneter der Bürgerschaft an, seiner Fraktion diente er von 1923 bis 1925 als Vorsitzender.[29]

Im März 1925 wurde Paul de Chapeaurouge im Zuge der Bildung der Großen Koalition aus der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und DVP Senator. In dieser Funktion fungierte er bis 1933 unter anderem als Präsidialmitglied der Finanzdeputation, als Präses der Hochschulbehörde, als Präses der Beleihungskasse für Hypotheken und kurzzeitig als Erster Polizeiherr.[30] Die letztgenannte Funktion übernahm er am 3. März 1933 von Adolph Schönfelder, der als SPD-Mitglied im Zuge der Machtübernahme der Nationalsozialisten aus dem Senat austreten musste. Bereits am 6. März trat de Chapeaurouge aus dem Senat zurück „mit der Begründung, dass er nicht gewillt sei, den ihm zugemuteten Verfassungsbruch mit seinem Namen zu decken.“[31] Reichsinnenminister Frick hatte zuvor in einer Weisung vom Senat die Einsetzung des SA-Standartenführers Alfred Richter in das Amt des Ersten Polizeiherrn verlangt. Diese konnte der Senat nicht umgehen.[32]

Im Herbst 1936 erreichte er trotz politischer, wirtschaftlicher und strafrechtlicher Verfolgungen[33] die Wiederzulassung zum Notar. Bis einschließlich 1945 wurde er seinen Lebensläufen zufolge aber weiterhin von den Nationalsozialisten belästigt.[34]

Ende Oktober 1945 gründete Paul de Chapeaurouge den Vaterstädtischen Bund Hamburgs (VBH), um mit diesem alle politischen Kräfte Hamburgs rechts der SPD zu bündeln, um den Einfluss des Bürgertums auf die Politik zu gewährleisten. Die britischen Besatzungsbehörden zögerten jedoch, den VBH als Partei zuzulassen. Als die vier anderen nichtsozialistischen Parteien Hamburgs – Christlich Demokratische Union (CDU), Freie Demokratische Partei (FDP), Niedersächsische Landespartei (NLP), Deutsche Konservative Partei (DKP) – auch die Bildung eines temporären Wahlblocks für die Bürgerschaftswahlen am 13. Oktober 1946 ablehnten, trat de Chapeaurouge der CDU bei und zog nach der Wahl als Abgeordneter in die Bürgerschaft ein.[35]

Aufgrund eines Tauschhandels zwischen CDU und SPD wurde de Chapeaurouge 1948 von der sozialdemokratisch dominierten Bürgerschaft in den Parlamentarischen Rat entsandt. Dafür überließ die CDU dem SPD-Politiker Carlo Schmid ein Mandat des Landes Württemberg-Hohenzollern.[36]

Im Parlamentarischen Rat wirkte de Chapeaurouge in mehreren Ausschüssen mit und nahm an allen zwölf Plenarsitzungen teil. Der britische Verbindungsoffizier beim Parlamentarischen Rat, Rolland Alfred Aimé Chaput de Saintonge, charakterisierte ihn in einem Bericht wie folgt: „Chapeaurouge is a pleasant but loquacious old gentleman. He will talk on politics in general from the CDU standpoint but will rarely give specific information.”[37]

[...]


[1] Schmidt, Manfred G.: Das politische System Deutschlands. Institutionen, Willensbildung und Politikfelder, Bonn 2009 (Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe, Band 600), S. 27.

[2] Stubbe-da Luz, Helmut: Die Politiker. Paul de Chapeaurouge – Rudolf Petersen – Kurt Sieveking, Hamburg 1990 (Hamburgische Lebensbilder in Darstellungen und Zeugnissen, herausgegeben vom Verein für Hamburgische Geschichte, Band 4), S. 27.

[3] Geulen, Dieter: Sozialisation, in: Joas, Hans (Hrsg.): Lehrbuch der Soziologie, 3. Überarbeitete und erweiterte Auflage, Frankfurt u. a. 2007, S. 157.

[4] Feldkamp, Michael F.: Der Parlamentarische Rat 1948-1949. Die Entstehung des Grundgesetzes, Göttingen 1948, S. 186.

[5] Stubbe-da Luz, Helmut: Union der Christen – Splitterpartei – Integrationspartei. Wurzeln und Anfänge der Hamburg CDU bis Ende 1946, Dissertation, Hamburg 1989, S.329-330.

[6] Landesverband und Fraktion der CDU Hamburg (Hrsg.): Zum 11. Dezember 1951. Dr. Paul de Chapeaurouge 75 Jahre, Hamburg 1951.

[7] Grau, Andreas: Paul de Chapeaurouge (1876-1952), in: Buchstab, Günter / Kleinmann, Hans-Otto (Hrsg.): In Verantwortung vor Gott und den Menschen. Christliche Demokraten im Parlamentarischen Rat 1948/49, Freiburg 2008, S. 134-144.

[8] Stubbe-da Luz: Politiker; Stubbe-da Luz, Helmut: Für Hamburg im Parlamentarischen Rat. Senator a.D. Dr. Paul de Chapeaurouge, Vorsitzender der CDU-Fraktion in der Bürgerschaft, in: Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Drei Hamburger im Parlamentarischen Rat. Adolph Schönfelder und Paul de Chapeaurouge, Hermann Schäfer, Hamburg 1999, S. 60-90.

[9] Staatsarchiv Hamburg: Familie de Chapeaurouge, 622-1/20 U1, Personalpapiere 1876-1952.

[10] Staatsarchiv Hamburg: Familie de Chapeaurouge, 622-1/20 U72, Eigene Lebensläufe 1947-1951.

[11] Staatsarchiv Hamburg: Familie de Chapeaurouge, 622-1/20 U44b, Dr. Paul de Chapeaurouge im Spiegel neuerer zeitgeschichtlicher Veröffentlichungen. Dokumentation von Edmund de Chapeaurouge, 2. Auflage Jan. 1998.

[12] de Chapeaurouge, Paul: Einheitsstaat und Kaisergedanke, Hamburg o. J. (Hamburgische Flugschriften).

[13] de Chapeaurouge, Paul: Staatliche Neubautätigkeit in Hamburg nach dem Kriege. Vortrag von Senator Dr. Paul de Chapeaurouge gehalten am 23. Februar 1926 im Curiohaus, Hamburg 1926 (Zeitschrift für Miete-, Wohnungs- und Grundstücksrecht, Buchreihe, Band 4).

[14] Geulen: Sozialisation.

[15] Stubbe-da Luz: Hamburg, S. 63-64.

[16] Stubbe-da Luz: Politiker, S. 10.

[17] Grau: de Chapeaurouge, S. 134.

[18] Stubbe-da Luz: Hamburg, S. 64.

[19] Staatsarchiv Hamburg: Lebensläufe, Kartei hamburgischer Persönlichkeiten. Antwort auf ein Schreiben vom 2.12.1947.

[20] Stubbe-da Luz: Politiker, S. 10.

[21] Staatsarchiv Hamburg: Personalpapiere, Zeugnis Ostertermin 1890.

[22] Staatsarchiv Hamburg: Personalpapiere, Zeugnis Ostertermin 1894.

[23] Staatsarchiv Hamburg: Personalpapiere, Zeugnis Michaelistermin 1889.

[24] Stubbe-da Luz: Hamburg, S. 65.

[25] Ebd.

[26] Reinhard, Johannes: Die Persönlichkeit, in: Landesverband und Fraktion der CDU Hamburg (Hrsg.): 11. Dezember 1951, S. 5.

[27] Stubbe-da Luz: Politiker, S. 11.

[28] Stubbe-da Luz: Hamburg, S. 66; siehe auch Stubbe-da Luz: Politiker, S. 13-14.

[29] Stubbe-da Luz: Politiker, S. 14.

[30] Stubbe-da Luz: Union, S. 329.

[31] Staatsarchiv Hamburg: Lebensläufe, 22.12.1947.

[32] Stubbe-da Luz: Hamburg, S. 70-71.

[33] Staatsarchiv Hamburg: Lebensläufe, 22.12.1947.

[34] Staatsarchiv Hamburg: Lebensläufe, 6.8.1948.

[35] Stubbe-da Luz: Hamburg, S. 73-75.

[36] Feldkamp: Parlamentarischer Rat, S. 40.

[37] Pommerin, Reiner: Die Mitglieder des Parlamentarischen Rates. Porträtskizzen des britischen Verbindungsoffiziers Chaput de Saintonge, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 36 (1988) 3, S. 566.

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656144045
ISBN (Buch)
9783656143901
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189987
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Paul de Chapeaurouge Parlamentarischer Rat Hamburg CDU DVP Senat

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