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Ein Sinn für Humor - Unterspezifikation als Mittel zur Komik am Beispiel von zwei kurzen Witzen

Hausarbeit 2011 11 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Zur Objektauswahl, Methodologie und Aufbau

2. Unterspezifikation
2.1 Unterspezifikation in den Beispielwitzen

3. Weltwissen und Textweltmodell
3.1 Kontext und Sinn für Humor

4. Ironie - eine Interpretation

5. Fazit
5.1 Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der folgende Aufsatz entstand als Abschlussarbeit im Rahmen des Seminars ÄÜberblick über die Germanistische Sprachwissenschaft“, welches im Sommersemester 2011 von Dr. Manfred Consten an der Friedrich-Schiller-Universität Jena geleitet wurde, und beschäftigt sich mit der Rolle von referenzieller Unterspezifikation bei der Erzeugung von Komik am Beispiel von zwei Witzen.

1.1 Zur Objektauswahl, Methodologie und Aufbau

Warum Witze? Greimas (Marfurt 1977:100) bezeichnet den Witz als diejenige literarische Gattung, Ädie willentlich die sprachlichen Verfahren zur Schau stellt, deren sie sich bedient [...]“. Humor wird außerdem durch viele Phänomene erzeugt, die Referenz- und Kohärenzherstellungsverfahren anschaulicher machen: Absurdität (Raskin 1985:127), Erwartungsbrüche, ungleichmäßige Wissensverteilung, aneinander vorbei reden, unter anderen Phänomenen, die sich als günstig für die Analyse von Referenz und Kohärenzherstellung erweisen, da sie mit Inkohärenz arbeiten. Auch wichtig für die gegenwärtige Objektauswahl war das Unterhaltungspotenzial von Witzen, welches nicht zuletzt auch das Verständnis steigern und die Beschäftigung mit dem Gegenstand erleichtern kann. Es wird weniger der Anspruch auf die ästhetischen bzw. humoristischen Eigenschaften der Daten erhoben, als vielmehr auf deren Beispielhaftigkeit in Bezug auf die zu analysierenden Phänomene.

Trotz der durchaus reichhaltigen und interessanten mündlichen Tradierung von Witzen und Späßen (s. z. B. Kotthoff 1998) erfolgt die Analyse der oben beschriebenen Phänomene wegen der Durchschaubarkeit, der Analysierbarkeit, sowie der Rahmenbedingung der Entstehung dieser Arbeit mittels geschriebener Daten.

Eine Seminararbeit erlaubt natürlich keine vollständige Analyse komplexer Phänomene wie Referenz und Komik. Deswegen wird hier auf eine weitläufige Einführung verzichtet und die notwendigen fachlichen und terminologischen Kenntnisse als bekannt vorausgesetzt. Im Folgenden befindet sich die Entwicklung der Idee, dass referenzielle Unterspezifikation als ein Mittel zur Erzeugung von Komik dienen kann.

Im Kapitel 2 wird gezeigt, dass die referenzielle Unterspezifikation ein natürliches häufiges Phänomen ist, welches zur Effizienz der Kommunikation beitragen kann. Im Fall der zu analysierenden Witzkategorie - die ihre Pointe mit Hilfe von Unterspezifikation aufbaut - ermöglicht die Unterspezifikation auch die Tarnung von zusätzlichen Informationen, welche die Witzfiguren erst in der Pointe offenbaren. Der Rezipient,1 der seit dem Beginn des kurzen Textes ein Textweltmodell (Schwarz/Chur 52007) und somit eine Vorstellung von dessen Verlauf aufbaut, erlebt in der Pointe einen Erwartungsbruch beim Erfahren dieser bisher latenten Informationen. Aus der Inkongruenz zwischen seinen Vorstellungen und der im Text dargestellten komischen Situation kann Witzigkeit entstehen (Kotthoff 2006:10). Die aus der Unterspezifikation entstandene Inkongruenz ergibt sich daher als ein notwendiges Merkmal dieser Kategorie von Witzen.

Im Kapitel 3 wird Weltwissen als Quelle einer allgemeinen Lesart dargestellt: Das Verstehen von Witzen setzt Weltwissen und ein Textweltmodell seitens des Rezipienten voraus, sodass der Erwartungsbruch und somit die Witzpointe mit dieser plausiblen anfänglichen Vorstellung brechen sollen, um Witzigkeit zu erzeugen.

Auf dieser Grundlage werden zusammenfassend im Unterkapitel 3.1 einige Theorien von Kotthoff (1998) und Raskin (1985) genutzt, um zu zeigen, dass Humor nicht immanent in der Sprache existiert, sondern durch individuelle und kontextuelle Elemente aktiviert wird.

Im Kapitel 4 werden Interpretationen der Beispielwitze angeboten, die zeigen, dass die Reaktionen der jeweiligen Witzfiguren durch eine ironische Intention erklärt und kohärent gemacht werden können. Die aus der Ironie entstandene Inkongruenz setzt das humoristische Potenzial der Unterspezifikation frei.

Im Kapitel 5 erfolgt eine auswertende Zusammenfassung der schrittweise präsentierten Ergebnisse. Im jeweiligen Unterkapitel befindet sich ein Ausblick auf die Forschungsmöglichkeiten innerhalb der präsentierten Thematik.

2. Unterspezifikation

Einmal gewahr werdend, dass sprachlich kodierte Informationen gewisse Aspekte der Referenz offen lassen (Consten 2005:17), stoßen wir beim genaueren Betrachten praktisch in jedem natürlichen Text auf Unterspezifikation. Meistens fällt diese uns gar nicht auf, denn das Phänomen der Unterspezifikation ist in der menschlichen Kommunikation keine Ausnahme, sondern die Regel (Brown/Levinson 1996:217 sowie Schwarz 2000:84). Einer der Gründe dafür ist die Ökonomie, also die Suche nach dem besten kommunikativen Ergebnis mit dem geringsten Aufwand. Der Produzent muss dabei kalkulieren können, über welche Kenntnisse der Rezipient verfügt und welche Informationen der Rezipient entsprechend nachvollziehen bzw. inferieren kann (Meireles 2006:305). Alles, was der Produzent meint, der Rezipient könne inferieren, wird nicht (mit dem selben Zweck) wiederholt, denn, wie Levinson postuliert, Ä[…] inference is cheap, articulation expensive, and thus the design requirements are for a system that maximizes inference.“ (Levinson 2000:29). Die Erhaltung der Flexibilität der sprachlichen Zeichen ermöglicht uns einerseits den schnelleren Ausdruck einer ungeheuren Menge von Ideen und Informationen mit einer beschränkten Zahl von Zeichen und Regeln, kann andererseits aber zur Unterspezifikation und Mehrdeutigkeit führen. Die literarische Kommunikation - wozu auch Witze als Kleinepik gehören - benutzt besonders oft Unterspezifikation und Mehrdeutigkeit als Werkzeug zur Sinn- und Formerweiterung, so dass sich manchmal sprachliche Form und sprachlicher Inhalt im Sprachkunstwerk nicht voneinander trennen lassen (Adamzik 2004:12).

Besonders in Witzen kommt Unterspezifikation daher so häufig vor, weil sie diese Sinn- und Formerweiterungen, dieses ‚Spielen mit der Sprache„ ermöglicht. Bürgel (1983:73) zitiert in diesem Sinne Freud: ÄDass im Witz nicht alles, was zu denken ist, auch gesagt wird (Prinzip der Ersparnis), führt bei dem, der den Witz versteht (das Hinzu-zu-Denkende also herausgefunden, mithin eine Leistung vollbracht hat), zu einem Lustgewinn, der sich als Lachen äußert.” Humor erweist sich dadurch als eine sehr interaktive, Inferenzarbeit fordernde Form von Kommunikation, wie die folgenden Analyse der zwei Beispielwitze zeigen wird.

2.1 Unterspezifikation in den Beispielwitzen

Hier das Witzbeispiel 1 aus Schwarz (2000:94):

Das Tierheim ruft bei Frau Bummel an: „Ihr Mann ist mit dem Hund da und bittet uns, ihn hier zu behalten. Ist das denn auch in Ordnung?“ „Klar, und den Hund können sie raussetzen, er findet den Heimweg.“

In diesem Beispiel haben wir einen Fall von Unterspezifikation, der zum einem anscheinenden Missverständnis, also zu einer Inkongruenz und zur Pointe des Witzes geführt hat. Im ersten Satz des Tierheimangestellten sind zwei männliche Referenten - Mann und Hund. Einer von beiden wird später nochmals vom Angestellten mit dem anaphorischen Personalpronomen ihn aufgegriffen, aber welcher? In diesem Punkt entscheidet sich jeder Rezipient für eine möglichst plausible Lesart. In der plausibelsten Lesart hatte der Tierheimangestellte gemeint, der Mann von Frau Bummel bittet, nicht sich selbst, sondern den Hund im Tierheim zu behalten. Auch wenn diese Lesart für Durschnittsrezipienten selbstverständlich klingen mag, entsteht sie, wie wir sehen werden, nicht allein aus den im Text vorhandenen Elementen.

[...]


1 ÄRezipient“ wird als Maskulinum in dieser Arbeit als allgemeine geschlechtsneutrale Bezeichnung intendiert.

Details

Seiten
11
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656144090
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189981
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Inst. für germanistische Sprachwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Unterspezifikation; Witzen; Ironie; Referenz; Manfred Consten; Helga Kotthoff; Monika Schwarz-Friesel; Bernhard Marfurt; Victor Raskin; Jürgen Macha; Textverstehen; Bona-fide-modus Weltwissen Komik; Textanalyse; Diskursanalyse

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Titel: Ein Sinn für Humor - Unterspezifikation als Mittel zur Komik am Beispiel von zwei kurzen Witzen