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Der Vater als Kerkermeister: Kaiser Friedrich II. und sein Sohn König Heinrich (VII.)

Hausarbeit 1992 41 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politische Maßnahmen Heinrichs (VII.) vor Cividale (bis 1232)

3. Der Gegensatz zwischen Kaiser und König
3.1 Cividale und die weitere Entwicklung bis 1234
3.2 Die Empörung und Unterwerfung Heinrichs (VII.)
3.3 Gefangenschaft und Tod Heinrichs (VII.)

4. Heinrich (VII.) im Bewusstsein zeitgenössischer Spruchdichter

5. Schlussbetrachtung: Beurteilung Heinrichs (VII.) und die Bewertung des Gegensatzes zu Friedrich II

6. Anmerkungen und Zitate

7. Literaturverzeichnis
7.1 Quellen
7.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung.

Ein besonderer Fall von politischer Gefangenschaft im Mittelalter stellt die Gefangensetzung Heinrichs (VII.) durch seinen Vater Kaiser Friedrich II. dar. Heinrich (VII.), der schon in jungen Jahren zum deutschen König gewählt worden war, verbrachte fast sieben Jahre in deutschen, apulischen und kalabrischen Gefängnissen. Sein plötzlicher Tod im Jahre 1242 beendete seine Gefangenschaft abrupt. Dabei sind die Umstände seines Todes bis heute ungeklärt geblieben. Auch über seine Gefangenschaft selbst ist recht wenig bekannt, vieles bleibt im Unklaren, auch in Widersprüchen verhaftet.

Um sich der Problematik der Gefangenschaft Heinrichs (VII.) zu nähern, ist es unabdingbar, sich zunächst mit dem Konflikt Heinrichs mit Friedrich II. zu beschäftigen. Es ist gerade der Gegensatz zwischen Vater und Sohn, der in der Geschichtsschreibung höchst unterschiedlich gesehen wird. Dass hierbei ein Generationsproblem eine Rolle gespielt hat und die Gründe auch in den unterschiedlichen Persönlichkeitsprofilen der beiden Staufer zu sehen sind, ist nicht zu bestreiten. Hauptsächlich dürfte aber die Ursache für den Gegensatz in der politischen Konstellation schlechthin zu suchen sein. So hat man in Heinrich (VII.) nicht nur einen Verräter und Rebellen gesehen, sondern auch jemand, der weiterführende, zum Teil revolutionäre Ideen hatte. Heinrich (VII.) vertrat weit mehr die Interessen des deutschen Teilreichs, dessen Verhältnisse, Probleme und Nöte er sicher besser kannte als sein Vater. Dagegen konzentrierte sich Friedrich II. mehr auf das Königreich Sizilien und die politische Situation in Norditalien. Außerdem sah er, von universalen Tendenzen geleitet, den Erhalt des Reichsganzen als wichtiger an als allein die politischen Verhältnisse in Deutschland. Das Ziel des Kaisers war die Schaffung eines staufischen Imperiums. Die Gegensätzlichkeit ihrer politischen Konzeptionen wird auch darin sichtbar, mit welchen politischen Lagern König und Kaiser jeweils sympathisierten. So stand Heinrich (VII.) mehr auf der Seite der Ministerialen und des niederen Adels, während der Kaiser sich an die Sache der mächtigen Fürsten gebunden sah.

In der Hausarbeit sollen nun zunächst die Ereignisse und Entwicklungen betrachtet werden, die den Gegensatz zwischen Heinrich (VII.) und Friedrich II. bedingten. So werden im ersten Kapitel zuerst die politischen Maßnahmen Heinrichs (VII.) vor dem Eid von Cividale im Jahre 1232 aufgezeigt, die bereits zu einer Verschlechterung im Verhältnis der beiden Staufer führten. Das gesamte zweite Kapitel der Hausarbeit steht dann unter dem Aspekt des immer größer werdenden Gegensatzes zwischen Vater und Sohn. Diese Phase umfasst zu Beginn das Ereignis von Cividale und beschreibt die weitere Entwicklung bis 1234, die beispielsweise einerseits durch Heinrichs Ketzerpolitik und andererseits durch das Treffen des Kaisers mit Papst Gregor IX. in Rieti geprägt wurde. Darauf folgt die Erörterung der Empörung und Unterwerfung Heinrichs mit der Verurteilung durch den Kaiser. Der letzte Punkt des Kapitels behandelt die Gefangenschaft selbst und die tragischen Umstände des Todes des Königs während seiner Gefangenschaft. Dabei werden auch Aspekte wie die Haftbedingungen und die unterschiedlichen Spekulationen über seinen Tod diskutiert. Im anschließenden Kapitel wird anhand von ausgewählten Beispielen aufgezeigt, welche Meinung sich die zeitgenössischen Spruchdichter über den König gebildet haben. Dabei wird auch untersucht, wie Heinrichs Zeitgenossen den Gegensatz zwischen König und Kaiser wahrgenommen haben. In der abschließenden Schlussbetrachtung wird ein Resümee gezogen, das sowohl eine Beurteilung Heinrichs (VII.) als auch eine Bewertung des Gegensatzes zu seinem Vater enthält. Dabei wird auch noch einmal auf die Gefangenschaft Heinrichs (VII.) eingegangen.

Hinsichtlich des Forschungsstandes zum Thema Heinrich (VII.) lässt sich feststellen, dass derzeit keine neuere Monografie oder Biografie greifbar ist. Das Buch von Emil Franzel über Heinrich (VII.) aus dem Jahre 1929 ist momentan die einzige größere Darstellung, die sich mit diesem Thema befasst. Franzel sieht darin Heinrich (VII.) als Herrscher positiver und würdigt entsprechend seine Verdienste für das Deutsche Reich. Die noch älteren Publikationen in Aufsatzform zum Thema von Eduard Winkelmann, Josef Rohden und Peter Reinhold entsprechen nicht mehr dem neuesten Stand der Forschung. Eine weitere Möglichkeit, Informationen über Heinrich (VII.) und die mit ihm verknüpften Probleme zu bekommen, ist der Weg über die große Anzahl an Biografien und Darstellungen über Kaiser Friedrich II. Dabei ist vor allem auf die Biografie von Ernst Kantorowicz und das neuere Werk von David Abulafia zu verweisen, aus dem sehr viele Angaben zu Heinrich (VII.) gewonnen werden konnten.

Betrachtet man die für die Hausarbeit herangezogenen Quellen, so stammen diese überwiegend aus den großen Quellensammlungen der "Monumenta Germaniae historica", der "Regesta Imperii" sowie der "Historia diplomatica Friderici Secundi" von Huillard-Bréholles. Bezüglich des Quellenmaterials muss darauf hingewiesen werden, dass sehr viele erzählende Quellen herangezogen wurden, an deren Authentizität aber zu zweifeln ist.

Im Rahmen der Sekundärliteratur ist vor allem auf die umfassende Darstellung Odilo Engels über die Staufer zu verweisen. Weitere Hinweise stammen aus dem biografischen Artikel Hans Martin Schallers über Heinrich (VII.) aus der "Neuen Deutschen Biographie" und dem Aufsatz von Hansmartin Schwarzmaier über "Das Ende der Stauferzeit in Schwaben: Friedrich II. und Heinrich (VII.)".

2. Politische Maßnahmen Heinrichs (VII.) vor Cividale (bis 1232).

Der Beginn einer aktiven Politik Heinrichs (VII.) lässt sich nicht genau bestimmen. In der Zeit von 1220 bis 1225 unterstand der junge König der Vormundschaft des Erzbischofs Engelbert von Köln, der, vom Kaiser eingesetzt, die Reichsverweserschaft innehatte. Die Erziehung Heinrichs scheint dagegen nicht bei Engelbert selbst gelegen zu haben. Vielmehr waren die Ministerialen und freien Herren seine Erzieher. So hatte Werner von Bonlanden bis zu seinem frühen Tod den Vorsitz im Regentschaftsrat des Königs innegehabt. Des Weiteren gehörten dem Regentschaftsrat unter anderem der Reichskanzler Konrad von Scharfenberg, Bischof von Metz und Speyer sowie der Bischof Otto von Würzburg an. Einen großen Einfluss besaßen auch Heinrich von Neiffen und Konrad von Winterstetten, die für die damalige Zeit über eine beachtliche Laienbildung verfügten.[i]

Mit dem Jahr 1225 begann dann, durch eine Reihe von Ereignissen bedingt, für den König eine Wende in seinem Leben.

Die Politik Engelberts war traditionsgemäß eng an die kölnische Politik angelehnt. Dem- gemäß bemühte sich der Erzbischof auch darum, in diesem Sinne die Reichspolitik auszulegen. Vor allem nach England bestanden von je her gute Kontakte, die Engelbert noch festigen wollte. Seine Pläne gingen dahin, Heinrich mit der englischen Königstochter Isabella zu vermählen. Damit geriet er aber in Gegensatz zu Kaiser Friedrich II., der mit seinem Sohn andere Heiratsabsichten hatte. Zudem hatte sich Friedrich anlässlich des englisch-französischen Krieges (1224) auf die Seite des französischen Königs gestellt, so dass eine Verbindung mit dem englischen Königshaus nicht von Vorteil erschien.

Auf dem Hoftag von Ulm (Januar 1225) sollte dann entschieden werden, wen Heinrich heiraten sollte.[ii] So bot der böhmische König seine Tochter mit einer Mitgift von 30.000 Mark an, ihr Oheim, der bayrische Herzog, wollte sogar noch 15.000 Mark dazulegen. Kaiser Friedrich II. lehnte aber sowohl dieses Angebot als auch ein Angebot des ungarischen Königs ab. Aufgrund der Initiative des österreichischen Herzogs Leopold VI. beschloss der Kaiser, seine Zustimmung zur Ehe Heinrichs mit der sieben Jahre älteren Margarethe zu geben. Die Gründe des Kaisers, dieser Verbindung zuzustimmen, dürften wohl in bündnispolitischer Hinsicht zu erklären sein. Ein freundlich orientiertes Österreich garantierte dem Kaiser die Möglichkeit, schnell Hilfe aus Deutschland nach Italien zu bringen, die er im Fall einer Auseinandersetzung mit den Lombardenstädten benötigte. Ein feindlich gesinntes Österreich erschwerte hingegen seine Position gegenüber den oberitalienischen Städten.[iii]

Heinrich selbst muss sich in jenen Tagen wie ein Spielball der mächtigen Fürsten vorgekommen sein, die aus politischem Kalkül mal dieses, mal das andere Ehebündnis favorisierten. Es ist durchaus möglich, dass sich schon bei dieser Gelegenheit gewisse Antipathien des jungen Königs gegen die Fürsten aufbauten.

Die Situation erschwerte sich für Heinrich noch, als im November 1225 Engelbert von Köln einem Mordanschlag seines Neffen zum Opfer fiel. Zum neuen Reichsverweser wurde aber überraschend kein geistlicher Reichsfürst, sondern der Herzog Ludwig I. von Bayern gewählt. Dieser geriet aber sehr schnell in den Verdacht, "mit dem Papst gegen die Staufer zu paktieren".[iv] Vor dem Hintergrund des fehlgeschlagenen Kreuzzuges hatte Papst Gregor IX. den Kaiser exkommuniziert, ein Ereignis, das schon sehr bald auch unter den weltlichen und geistlichen Fürsten in Deutschland bekannt wurde. Dabei bestand für den Kaiser die Gefahr, dass sich die Fürsten von ihm abwendeten und sich der päpstlichen Seite anschlossen. Offensichtlich geriet aber nur der Reichsverweser selbst in Verdacht, mit der päpstlichen Seite zu paktieren. Möglicherweise kam es darüber zum Zerwürfnis zwischen dem Reichsverweser und König Heinrich. Jedenfalls nahm nun Heinrich (VII.) die Regierungsgeschäfte selbst in die Hand. Er blockte geschickt die Versuche des Heiligen Stuhles ab, sich mit den deutschen Fürsten zu arrangieren und darüber hinaus den Welfenherzog Otto als Gegenkönig zu gewinnen.[v]

Im Juli 1229 ging Heinrich dann gegen seinen Vormund militärisch vor, um ihm ein Versprechen der Loyalität abzunehmen. Nach einer Schlacht an der Donau unterwarf sich der Bayernherzog. Doch von nun an basierte die Gefolgschaft des Herzogs "nicht mehr auf Liebe und Vertrauen zu seinem König".[vi] Heinrichs militärische Erfolge hielten in den Jahren 1228/29 das Deutsche Reich zusammen, obwohl man dabei konstatieren muss, dass er "in mancherlei Hinsicht eher nachteilige Folgen" heraufbeschwor.[vii] So war es nicht von Vorteil, dass er gerade gegen die Fürstenschaft mit einer ungewöhnlichen Härte vorging, zumal er bei allen wichtigen Entscheidungen auf den Rat und Beistand der Fürsten angewiesen war. In der Folge gingen die Fürsten auf Distanz, so dass von nun an, Heinrich offensichtlich ohne die Zuziehung der Fürsten regiert hat. Stattdessen basierte seine Herrschaft auf der Unterstützung des niederen Adels und der Reichsministeralität. Es waren gerade die "ministeriales", die den Staatsapparat aufrechterhielten. Doch diese Bevorzugung durch Heinrich (VII.) führte dazu, dass sich der König selbst mehr und mehr von den Gruppen absonderte, "die in Deutschland traditionell die politische Macht in Händen hielten: von den kirchlichen und weltlichen Fürsten".[viii] Die "ministeriales" hingegen stellten unter dem jungen Stauferkönig mehr dar als nur die ausführenden Beamten der Fürsten. Sie gewannen sogar durch den direkten Zugang, den sie zum König hatten, so viel Einfluss auf Heinrich, dass sie ihn zu einem Machtkampf gegen die Adelshäuser gewinnen konnten.[ix]

Der Gegensatz zwischen König und Fürsten wurde aber noch durch die Tatsache verstärkt, dass Heinrich (VII.) dazu übergegangen war, die Reichsstädte zu fördern und die Emanzipation der Bischofsstädte zu forcieren. Der König und seine Berater verfolgten mit dieser Maßnahme die Absicht, neue Bündnispartner zu finden. Die Fürsten standen dieser Politik natürlich feindlich gegenüber, zumal die Machtpositionen der kirchlichen und weltlichen Fürsten damit zunehmend unterminiert wurden.[x] Sie sahen sich veranlasst, die Selbstständigkeitsbestrebungen der wirtschaftlich wie kulturell aufblühenden Städte in ihren jeweiligen Einflussgebieten zu bekämpfen. Außerdem gingen sie dazu über, sich beim Kaiser über die Politik des jungen Königs zu beschweren. Auch Friedrich II. konnte mit den politischen Maßnahmen seines Sohnes kaum einverstanden sein, denn sie entsprachen keineswegs den Gepflogenheiten, die er in Deutschland begründet hatte.[xi] Darüber hinaus konnte er auch deshalb die fürstenfeindliche Politik seines Sohnes nicht tolerieren, da er wegen der Auseinandersetzung mit den oberitalienischen Städten auf den Rückhalt durch die deutschen Fürsten angewiesen war.[xii] In den Augen der Fürsten musste Heinrichs Herrschaft die Züge einer Willkürpolitik bekommen. Jedenfalls nutzten die Fürsten anlässlich des Friedens von San Germano zwischen Papst Gregor IX. und dem Kaiser ihre Vermittlerrolle, um sich angesichts der Städtepolitik des Königs zu beschweren. Nach ihrer Heimkehr nach Deutschland gingen die Fürsten sogar noch einen Schritt weiter, indem sie auf zwei Hoftagen in Worms dem König weitreichende Befugnisse abnötigten.

So wurde zunächst auf dem ersten Hoftag in Worms durch Fürstenspruch entschieden, dass in keiner Stadt die Bürgerschaft Einungen und Eidgenossenschaften und irgendwelche Bündnisse schließen durften. Außerdem sollte der König ohne die Zustimmung der Stadtherren der Bürgerschaft keine Zustimmung zu ihrem Tun geben dürfen.[xiii] Doch damit nicht genug: Am 1. Mai 1231 wurde das "Statutum in favorem principum" verkündet, nach dem der König zukünftig auf die Ausübung seiner Hoheitsrechte beispielsweise über Gericht, Münze und Zoll, im Burgen- und Städtebau auf dem Gebiet der fürstlichen Landesherren verzichten musste. Darüber hinaus wurde den Städten verboten, der fürstlichen Territorienbildung dergestalt entgegenzuwirken, dass sie etwa Markt- und Straßenzwang ausübten oder die Aufnahme adliger und kirchlicher Eigenleute begünstigten. Auch die Aufnahme der außerhalb der Städte wohnenden "Pfahlbürger" in die Rechtsgemeinschaft der Städte sollte unterbunden werden.[xiv] Künftig musste der König die Wahrung der Fürstenrechte durch die Städte gewährleisten, zugleich wurde den Fürsten die Gültigkeit ihrer Münzprägung garantiert und das Recht zur Befestigung ihrer eigenen Städte verliehen.[xv] Der Rechtsspruch, dass die Landesherren zukünftig neue Ordnungen und Gesetze nur mit Hilfe ihrer jeweiligen Landstände beschließen durften, diente dem Zweck, die Territorienbildung weiterhin zu fördern.[xvi]

Aus diesen Bestimmungen wird deutlich, dass es folglich den Fürsten gelang, ihre Herrschaftsrechte wiederherzustellen, ja noch zu erweitern. Die deutschen Städte wurden praktisch der Kontrolle der deutschen Adelshäuser wieder ausgeliefert.[xvii] Den Bestrebungen der deutschen Städte nach Selbstbestimmung und -verwaltung wurde ähnlich wie den süditalienischen Städten mit den "Konstitutionen von Melfi" ein Riegel vorgeschoben. Mit den vom König im "Statutum" gemachten Zusagen erreichten die Fürsten auch, dass Kaiser Friedrich II. als territorial-politischer Rivale mit Hilfe seiner königlichen Vorrechte die neue Ordnung nicht zu seinen Gunsten untergraben konnte.[xviii]

Nachdem die Fürsten dem jungen König das "Statutum" quasi abgenötigt hatten, wollten sie ihre Befugnisse durch den Kaiser bestätigen lassen. Deswegen zogen viele Fürsten auf den im November 1231 anberaumten Reichstag nach Ravenna, den der Kaiser mit dem Ziel initiiert hatte, "dem ganzen Reich Frieden und Wohlstand" zu bringen, vor allem dem von Krisen und Konflikten erschütterten Italien.[xix] Zudem wollte der Kaiser auch mit seinem Sohn Heinrich dessen Unternehmungen besprechen, die ja das Verhältnis zwischen den mächtigen Landesfürsten und einer eher "machtlosen Monarchie" doch fundamental gestört hatten.[xx] Für Friedrich II. konnte es nur darum gehen, die politischen Verhältnisse in Deutschland zu festigen, denn jede Fürstenopposition im Norden des Reiches stellte eine Bedrohung seiner Macht dar, die all das, was er im Laufe der Zeit während des Kreuzzuges und speziell in Italien geschaffen hatte, zerstören konnte. Der Kaiser war auf keinen Fall dazu bereit, seine Vorstellungen von einer universalen Monarchie aufzugeben. Aus seinen Erfahrungen, die er während der Schaffung des sizilischen Beamtenstaates gewonnen hatte, wusste er, dass seine Position im Reich von der Ergebenheit der Fürsten abhing. Während seiner Abwesenheit musste er sich auf das Fürstenkollegium verlassen können.

Heinrich (VII.) dagegen hatte die Bedeutung der Fürsten für seinen Vater, möglicherweise wegen seiner geringen Erfahrung, noch nicht erkannt. Seine Sichtweise war lediglich auf das deutsche "regnum" beschränkt. Die Herausforderung des deutschen Adels, sei es wegen seines jugendlichen Übermutes oder wegen einer Fehleinschätzung der politischen Begebenheiten, führte dazu, dass er mit dem fürstlichen Machtanspruch nicht fertig wurde. Außerdem übersah der König, dass die Fürsten durchaus in der Lage waren, ihn gegen den Vater auszuspielen.[xxi]

Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr ungetrübt. So besaß Heinrich konkrete Absichten, die Ehe mit Margarethe von Österreich zu beenden, um nun doch Agnes von Böhmen zu heiraten. Eine Entscheidung, die sein Vater nicht duldete. Selbst nachdem Agnes kurze Zeit später in ein Kloster eingetreten war, blieb die Entfremdung zwischen Vater und Sohn bestehen. Deswegen sollten nun alle Differenzen auf dem Reichstag zu Ravenna ausgeräumt werden. Doch Heinrich (VII.) folgte nicht der Aufforderung seines Vaters, in Ravenna zu erscheinen. Wahrscheinlich fürchtete er doch die Repressalien des Kaisers. Als die Delegationen im Dezember 1231 in Ravenna zusammentrafen, hielt sich der deutsche König im elsässischen Hagenau auf. Vermutlich war er auch über die Blockade des Klausenpasses durch die Lombardenstädte informiert, so dass er eine Reise durch die Alpen nicht wagte.[xxii]

Auf dem Reichstag von Ravenna ging Friedrich II. auf Wunsch der Fürsten gegen die deutschen Städte vor. So wurde allen deutschen Städten untersagt, künftig "eigenmächtig Stadträte und Bürgermeister einzusetzen, Innungen, Bruderschaften und Zünfte zu bilden, kurz, sich Selbstverwaltungsorgane zu schaffen".[xxiii] Die Bürgerschaft der Stadt Worms wurde sogar aufgefordert, das von ihnen errichtete Bürgerhaus abzureißen.

Das Nichterscheinen König Heinrichs (VII.) auf dem Reichstag in Ravenna veranlasste den Kaiser, ihn 1232 nach Aquileia vorzuladen. In einem Brief, den der Hofkanzler Sifrid von Regensburg dem König überbrachte, spricht der Kaiser die Gründe an, warum er den König nach Aquileia befohlen hat.[xxiv] Dabei scheinen der schon oben erwähnte Ehestreit sowie die Berichte über seinen schlechten Lebenswandel und seine Verschwendungssucht von nicht so großer Bedeutung gewesen zu sein.[xxv] Es waren die Berater Heinrichs, die dem Kaiser missfielen, deren Einfluss er schwächen, womöglich auch ganz beseitigen wollte. Die Fürsten sollten wieder den maßgeblichen Einfluss bekommen und Heinrich (VII.) in enger Kooperation mit ihnen und den Befehlen Friedrichs II. regieren. Zuerst widerstrebend trat Heinrich im Mai 1232 die Reise nach Cividale in Begleitung vieler Fürsten über die Alpen an. Es sollte nach zwölf Jahren die erste Begegnung zwischen Vater und Sohn sein.

3. Der Gegensatz zwischen Kaiser und König.

3.1 Cividale und die weitere Entwicklung bis 1234.

Während der Kaiser in Aquileia hofhielt, musste König Heinrich im benachbarten Cividale sein Lager aufschlagen. Die Stimmungslage zwischen den beiden Staufern war sehr getrübt. Erst durch die Vermittlung der versammelten Fürsten konnte eine Versöhnung erreicht werden. Doch Heinrich musste dafür einen hohen Preis zahlen. Er musste sich "bedingungslos der väterlichen Macht ... beugen, Gehorsam schwören und den Fürsten Achtung ..zeigen“.[xxvi] Heinrichs Eid zog nicht nur den unbedingten Gehorsam nach sich, sondern er befreite die Fürsten auch von ihrer Treuepflicht gegenüber dem König, falls dieser den Eid brechen würde. Die einzelnen Inhalte des Eides nennt Heinrich (VII.) in einem Brief, den er an Papst Gregor IX. richtete. Darin verpflichtet er sich zum oben schon erwähnten Gehorsam und teilt ferner mit, niemals etwas gegen die Person seines Vaters, dessen Gut, Ehre und Würde in irgendeiner Weise zu unternehmen.[xxvii] Auch schließt der Eid ein, dass Heinrich alle die Personen nennen soll, die die Absicht haben, ihn gegen den Vater aufzuwiegeln. Außerdem soll Heinrich auch die Pläne dieser Personen preisgeben, damit deren Ausführung verhindert werden kann. Doch selbst damit gibt sich der Kaiser keineswegs zufrieden, denn er verlangte zusätzlich, dass Heinrich aus freien Stücken den Papst bitten sollte, über ihn ohne vorherige Ermahnung den Kirchenbann auszusprechen, falls er die in Cividale beschworenen Gesetze des Kaisers jemals missachten würde.[xxviii] Die Demütigung des Königs ging aber noch weiter, da er die deutschen Fürsten bitten musste, ihn angesichts eines neuen Ungehorsams als Rebellen zu betrachten. So sollte der deutsche König seine Fürsten bitten, Friedrich II. für seine Eidestreue zu garantieren. Darüber hinaus befreite der Kaiser schon vorher die Fürsten von der Treuepflicht für den Fall, dass Heinrich (VII.) eidbrüchig würde. Die Fürsten hätten ihm dann gegen den eigenen Sohn beizustehen.[xxix] Damit waren die Machtbefugnisse des deutschen Königs erheblich reduziert worden. Die Fürsten waren nunmehr zu den "Wächtern der königlichen Politik" geworden.[xxx] Diese Demütigung dürfte Heinrich schwer getroffen haben, da er nun wegen der Bestimmungen kaum noch eine eigenständige Politik betreiben konnte. Man kann es auch so formulieren, dass Deutschland von nun an von keinem selbstständigen König mehr regiert wurde. Was das persönliche Verhältnis zwischen Vater und Sohn angeht, ist nicht anzunehmen, dass die Friauler Vorgänge zu einer Verbesserung geführt hätten. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Meinungsverschiedenheiten keineswegs abgebaut waren.

Was das Mainzer "Statutum" angeht, so entsprach dieses natürlich kaum den Interessen Friedrichs II., der dann aber letztlich das Fürstengesetz doch bestätigte. Allerdings fügte er noch einige Bestimmungen hinzu, die vor allem das Königtum begünstigten.[xxxi] Seine Entscheidung, über die Bürger von Worms die Reichsacht zu verhängen, ist ein deutlicher Beleg für seine fürstenfreundliche Einstellung, mit der er nun politische Entscheidungen seines Sohnes revidierte.[xxxii]

Nach der Rückkehr nach Deutschland begann Heinrich schnell wegen seiner Abhängigkeit die Fesseln zu spüren, die er durch den Eid auf sich genommen hatte. Es standen dem König im Prinzip nur zwei Möglichkeiten offen, Politik zu betreiben. Entweder musste er ganz auf die Regierungsgewalt verzichten und dem gemäß das Fürstenkollegium regieren lassen oder er setzte sich einfach über den Eid von Cividale hinweg.[xxxiii] Das Letztere konnte er in zweierlei Weise durchführen: Er konnte den Eid ganz offen übertreten oder sich hart an der Grenze des Erlaubten bewegen. Deswegen lässt sich auch für die Zeitspanne von 1232-34 in seinen politischen Maßnahmen eine schwankende und taktierende Haltung konstatieren. Heinrich (VII.) musste quasi erst ausloten, wie weit er im Rahmen seiner Kompetenzen politische Entscheidungen fällen konnte. Deswegen initiierte er eine Reihe von Versuchen, seine ehemals so erfolgreiche und freundliche Städtepolitik weiterzuführen.

So erteilte er am 03.08.1232 der Stadt Worms ein Privileg, in dem er den Bürgern der Stadt alle Freiheiten bestätigt, die sie bis auf Friedrich II. erhalten hatten, wobei sich Heinrich allerdings auf die von seinem Vater jüngst erhaltene Machtvollkommenheit stützt.[xxxiv] Dass er den Bogen an Verfügungen im Rahmen seines Eides nicht überspannen wollte, zeigt seine zusätzliche Bestimmung vom darauffolgenden Tag, in der er alle Bruderschaften und Räte aufhebt und sich somit im Bereich seiner Kompetenzen bewegt. Franzel interpretiert dem- gemäß die beiden Verfügungen als Versuche Heinrichs, wie weit er gegen den Willen der Fürsten vorgehen konnte, ohne auf den Widerstand der Fürsten zu stoßen. Da aber die Fürsten ihr Veto schon beim ersten Privileg Heinrichs erhoben, revidierte Heinrich mit dem zweiten Diplom seiner Entscheidung vom Vortag. Zweifellos bedeutete dies eine schwere Niederlage für den König. In einem Brief, den er wenige Tage später an die Wormser Bürgerschaft richtete, kommt deutlich die Ohnmacht des deutschen Königs nach den Ereignissen von Cividale zur Geltung.[xxxv] Franzel wertet den Inhalt des Briefes als ein "Verlegenheitsgestammel, das deutlich zeigt, wie schwer die königliche Partei unter der Niederlage leidet, wie gern Heinrich den Bürgern wieder helfen möchte, die er früher begünstigt hatte".[xxxvi]

[...]


[i] Vgl. Engels, Die Staufer, Seite 134.

[ii] Vgl. Franzel, König Heinrich (VII.) von Hohenstaufen, Seite 110.

[iii] Ebenda, Seite 110.

[iv] Vgl. Grundmann, Wahlkönigtum, Territorialpolitik und Ostbewegung im 13. und 14. Jahrhundert 1198-1378, Seite 50.

[v] Ebenda, Seite 50. So hinderte er auch durch ein Verbot den Kardinallegaten Otto von St. Nikolaus daran, Reichsgebiet zu betreten.

[vi] Vgl. Abulafia, Herrscher zwischen den Kulturen, Friedrich II. von Hohenstaufen, Seite 235.

[vii] Ebenda, Seite 235.

[viii] Ebenda, Seite 235.

[ix] Ebenda, Seite 235.

[x] Ebenda, Seite 235.

[xi] Ebenda, Seite 235. Friedrich II. hatte immer die politischen Bestrebungen der freien Reichsstädte blockiert.

[xii] Vgl. Schaller, Heinrich (VII.), Seite 327.

[xiii] MG Const. II, 299.

[xiv] MG Const. II, 304. Reg. Imp. V., 4195, 4196.

[xv] MG Const. II, 301, 306.

[xvi] MG Const. II, 305.

[xvii] Vgl. Abulafia, Friedrich II., Seite 236.

[xviii] Vgl. Engels, Staufer, Seite 136.

[xix] Vgl. Abulafia, Friedrich II., Seite 236.

[xx] Ebenda, Seite 236.

[xxi] Ebenda, Seite 236.

[xxii] Ebenda, Seite 237.

[xxiii] Vgl. Grundmann, Wahlkönigtum, Seite 51.

[xxiv] Huillard-Bréholles, IV, 525, 526: (...) "illorum usus consilio quos propter insolentiam et ingratitudinem a gratia nostra proscripsimus vel quos manifesta facinora reddebant nobis et imperio juste suspectos, incepit principes et alios devotos nostros per requisitionem obsidum nec non alias multiplices molestiarum instantias impetere et vexare." ... "iuratoriam cautionem quod" ... "et precipue principes speciali diligeret et prosequeretur favore."

[xxv] Chon. Ebersheim, MG SS XXIII, 451: "Iste cepit quasi degener luxui deservire, consilia prudentum avertere, tyrannorum precipitem dementiam et consortia diligere, paternis monitis in firmanda pace non obtempare." Siehe dazu auch Ann. Marb., MG SS XVII, 177: (...) "et istis divitiis non contentus fere omnia adnichilaverat." Siehe dazu auch Thom. Tuscus, MG SS XXII, 512.

[xxvi] Vgl. Kantorowicz, Kaiser Friedrich der Zweite, Seite 367.

[xxvii] Huillard-Bréholles, IV, 952: (...) "nec erimus, in dicto, facto consilio seu consensu, vel littaris publicis vel occultis aliquid procurabimus aut quicquam faciemus, quod ad incommodum et damnum persone seu terre, honoris et dignitatis seu detrimentum eidem patri nostro cedat."

[xxviii] Ebenda, IV, 952, 953: "Si quis ... aliquid sugesserit, …, quod sit contra eundem patrem nostrum: statim … patri studebimus suggerentium intimare personas, et nullatenus verba illa vel facta patiemur contra eum habere processum." (...) "motu proprio et spontenea voluntate juravimus (...)" (...) ut nobis contravenientibus in aliquo vel in totum, liceat vobis et sucessoribus vestris ad requisitionem dicti patris nostri, nulla admonitione premissa vel strepitu judicii observato, ratione perjurii excommunicatos nos denuntiare, (...)."

[xxix] H. B., IV, 325, 326.

[xxx] Vgl. Franzel, Heinrich (VII.), Seite 147.

[xxxi] MG Const. II, 291.

[xxxii] Vgl. Franzel, Heinrich (VII.), Seite 147.

[xxxiii] Ebenda, Seite 147.

[xxxiv] Huillard-Bréholles, IV, 580: (...) "auctoritate regia et ex gratia et potestate quas a serenissimo domino imperatore patre nostro nuper sumus adepti, (...)". Siehe dazu auch Franzel, Heinrich (VII.), Seite 149 f.

[xxxv] Huillard-Bréholles, IV, 954.

[xxxvi] Vgl. Franzel, Heinrich (VII.), Seite 149.

Details

Seiten
41
Jahr
1992
ISBN (eBook)
9783656142515
ISBN (Buch)
9783656142867
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189919
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Fachbereich Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
vater kerkermeister kaiser friedrich sohn könig heinrich

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