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Über Ossian und die Lieder alter Völker

Herders Theorie der naturalen Dichtung am Beispiel „Edward“ und ihr Einfluss auf die neue deutsche Ballade

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 23 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Johann Gottfried Herder und die Lieder Ossians ͙
2. Über Ossian und die Lieder alter Völker
2.1. Historischer und philosophischer Hintergrund
2.2. Herders Theorie der naturalen Dichtung
3. Die Theorie der Volkslieddichtung nach Herder - die „Edward - Ballade“ als Prototyp?
3.1. Die Edward - Ballade - Historischer Kurzüberblick
3.2. Inhaltliche Analyse
3.3. Sprachliche Analyse
3.4. Formale Analyse
3.5. Zusammenfassung
4. Die Wirkung von Herders „Balladenprogramm“ in der Folge der Balladendichtung - Gottfried ugust Bürgers „Lenore“

III. Fazit

I. Einleitung

Die Auffassung des 18. Jahrhunderts, die Ballade sei eine zeitlos wirkende Gattung, lässt sich zumindest in dem Punkt abschwächen, als dass man sagen kann sie hat in der Produktion von Gegenwartsliteratur kaum noch Bedeutung. „Die neuere Ballade, die wir Kunstballade nennen [...] ist ein Gebilde des [...] 18. Jahrhunderts und vom ufschwung unserer klassisch - romantischen Literatur nicht zu trennen“ (Müller-Seidel 1963: 17f).

Gothe sagt zu dieser Zeit die Ballade sei eine Art der Dichtung in der „die Elemente noch nicht getrennt, sondern wie in einem lebendigen Ur - Ei zusammen sind, das nur bebrütet werden darf, um als herrlichstes Phänomen auf Goldflügeln in die Lüfte zu steigen“ (GOETHE nach MÜLLER-SEIDEL 1963: 19). In diesen Zeilen ist der Einfluss seiner Sturm und Drang - Zeit stark ersichtlich, Goethe zielt hier auf ein Zusammenspiel der Gattungen anstatt deren Trennung ab, wie sie noch in jüngster Zeit üblich ist.

Die Geschichte der ursprünglichen Ballade1, welche in Abgrenzung zur Kunstballade als Volksballade bezeichnet wird, soll hier nur nebenbei eine Rolle spielen. Im groben Überblick kann man sagen, dass vor allem die Volkslieder der >>Skanden<< und anderer nordischer Völker als Vorbilder für die Kunstballade standen, wie auch in Herders >>Ossian - Aufsatz<<2 ersichtlich wird.3 Herder führt hauptsächlich schwedische, dänische, schottische und andere keltische Lieder als Beispiele seiner Volksliedtheorie an. Herders Theorie der Naturpoesie sieht in der Ballade bzw. dem Volkslied, im Gegensatz zur vorherrschenden Kultur der Kunstdichtung, welche strengen Formalia unterstand, die ideale Art zu dichten. Mit seinen Thesen förderte er die Entstehung der Kunstballade und wird, v.a. bei Bürger, als Quelle der Inspiration angegeben, denn dieser hatte die Herderschen Schriften eingehend studiert und schrieb damals: „Der, den Herder aufgeweckt hat, der schon lang [...] in meiner Seele auftön- te, hat nun dieselbe ganz erfüllt [...]“ (BÜRGER nach MÜLLER-SEIDEL 1963: 34).

Im Folgenden führe ich nun meine Hypothesen an, welche im Laufe der Arbeit überprüft werden sollen:

- Hypothese 1: Der Aufsatz Herders >>Über Ossian und die Lieder alter Völker<< un- terstützt ein Umdenken in der Dichtkunst und führt dadurch mit zu einer Blüte von (Kunst-)Balladen ab dem späten 18. Jahrhundert.
- Hypothese 2: Die >>Edward - Ballade<< kann als gute Dichtung im Sinne Herders be- zeichnet werden und unterstützt seine These der >>Volkspoesie<<.

Damit diese Hypothesen bestätigt werden können soll zunächst eine Analyse des histori- schen Hintergrunds Johann Gottfried Herders zeigen, welche Meinung dieser von >>nordi- scher<< Dichtung4 hatte und ob seine Ansichten darüber in seine Theorie der Naturpoesie eingeflossen sind.

Anschließend werden in Kapitel 2, nach grundlegender Analyse Herders Theorie, Thesen aufgestellt, die seine Ansichten über gute Dichtung auf die Gattung der Ballade übertragen.

In Kapitel 3 wird die >>Edward - Ballade<< hinsichtlich dieser Thesen überprüft, um sagen zu können, ob die Ballade als gute Dichtung im Sinne Herders bezeichnet werden kann. Bis dahin wäre dann Hypothese 2 überprüft.

Um meine erste Hypothese überprüfen zu können, wird im Anschluss mit Hilfe einer Kurzanalyse von Bürgers >>Lenore<<, welche zumeist als Begründerin der Gattung der Kunstballade angeführt wird, bewiesen, dass auch auf diese die vorher aufgestellten Thesen über die Ballade nach Herder zutreffen. Somit wäre Herders Einfluss auf die Entstehung der Kunstballade bewiesen und beide Hypothesen verifiziert.

II. Hauptteil

1. Johann Gottfried Herder und die Lieder Ossians

Johann Gottfried Herder, geboren am 25. August 1744 in Mohrungen und gestorben am 18. Dezember 1803 in Weimar, war Dichter, Theologe und Kulturphilosoph Die Lebensjahre als Hofprediger in Bückeburg (1771 - 1776), als Herder sich in seiner Sturm und Drang Zeit befand, sollten maßgeblich die deutsche Dichtung beeinflussten. Hier entstand der Aufsatz >>Über Ossian und die Lieder alter Völker<< (1771), nachdem Herder bereits in seinen >>Abhandlungen vom Ursprung der Sprache<< (1770) sein Theoriekonzept über Sprache, Dichtung und Volkspoesie begann (vgl. PROß 1990: 232ff).

Je näher Poesie der Natur steht desto höher bewertet Herder diese, somit seien die schöns- ten Poesien von wilden Naturvölkern geschaffen worden, wovon auch der >>Ossian - Auf- satz<< handelt. Herders Ansicht entsprechen Lieder >>Ossians<< diesem Ideal, denn so schreibt er, dass „Ossians Gedichte [...] Lieder eines ungebildeten sinnlichen Volks“ (HERDER 1773: 478) sind.

Herder nutzt also die Gedichte James Macphersons (1736-1796), um sein Ideal der Dichtung nachzuweisen. James Macpherson, beauftragt von Hugh Blair, sollte 1760 in den >>Fragments of Ancient Poetry<< Gesänge der gälischen Heimat sammeln. Daraufhin lieferte er erste übersetzte Gesänge des gälischen Barden >>Ossian<<; wenig später folgten noch >>Fingal<< (1762) und >>Temora<< (1763), welche und 1765 zusammenfassend als >>Works of Ossian<< herausgegeben wurden (vgl. LEUSCHNER 1991: 18ff; 25ff).

Die Rezeption in Europa war enorm, da sie den damaligen Zeitgeist traf:

„So hat Goethe ganze Passagen in seine Leiden des jungen Werther übernommen [...], Herder ließ sich noch auf dem Totenbett aus dem Ossian vorlesen, [...] die Begeisterung reichte von Klopstock über Lessing und Schiller bis zu Tieck“ (LEUSCHNER 1991: 18).

In Frankreich bekam Ossian von Madame de Stael sogar den Titel >>Homer des Nordens<< verliehen (LEUSCHNER 1991: 18).

Doch auch schon zu dieser Zeit wurden Stimmen laut, die an der „Wahrheit und uthentici- tät des Schottischen Ossians zweifelte[n΁“ (HERDER 1773: 477). Letztendlich wurde auch be- reits damals dann bewiesen, dass Macpherson die Gesänge selbst dichtete (vgl. LEUSCHNER 1991: 18)

Die erste deutsche Rezeption begann mit Denis, der die Werke >>Ossians<< erstmals 1768/69 übersetzte. Gerade diese Übersetzung nahm sich auch Herder zum Anstoß der Kri- tik. Zwar zweifelte er nicht daran, dass das was Denis produziert hatte, keine großartige Dichtung sei, dennoch kritisierte er dessen stark schematisierten Stil, v.a. in Bezug auf die Form. Seiner Ansicht nach wären die Verse in Form des Hexameters steif und unnatürlich und damit „[sei΁ unser Ossian gewiß nicht [mehr΁ der wahre Ossian“ (Herder 1773: 477). So wundert es nicht, dass Herder es in seinem Sinne besser machen wollte und sich später auch selbst an eigenen Übersetzungen des Ossians versuchte (vgl. SCHMIDT 2003a). Herders >>Aus- zug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker<< gilt „wohl [als΁ bedeu- tendste[r] Beitrag zur analytisch-produktiven Rezeption von Macphersons Dichtung in Deutschland [...] [in welcher΁ Ossian [...] als Legitimationsinstanz“ Herders Theorie herhielt (SCHMIDT 2003b: 673).

2. Über Ossian und die Lieder alter Völker

2.1. Historischer und philosophischer Hintergrund

Herders fiktiver Briefwechsel erschien 1772 erstmalig als Einzeldruck, im Jahr 1773 dann in der Sammlung >>Von deutscher Art und Kunst<<. Herder schrieb hier im Einfluss der Gedichtsammlung Macphersons >>Poems of Ossian<< (vgl. Kap. 1), aber auch der Sammlung >>Reliques of Ancient Poetry<< (1765) des Bischofs Percy (vgl. RADLER o. J.: 713)

Herder war seinerzeit ein >>Multitasker<<, wie man es heute bezeichnen würde. Er war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Theologe und Philosoph (vgl. Kap. 1.1). Somit wusste er poetologische Konzepte über Literatur mit philosophischen Aspekten zu verknüpfen. So ent- standen erste Ansätze von Herders Theoriekonzept in >>Abhandlungen über den Ursprung der Sprache<< von 1772. Dieses Konzept Herders, welches auch im >>Ossian - Aufsatz<< weitergeführt wird, lässt sich grob in drei Perspektiven skizzieren (vgl. FRITSCH 1976: 7ff):

- Erstens: Die Sprache in ihrem Ursprung und ihrer Evolution. In ihr „erkennt Herder das [...] Element der Menschwerdung und der Kulturentwicklung“, die Sprache ist somit der menschlichen Natur eigen (FRITSCH 1976: 8f). Denn „schon als Tier hat der Mensch Spra- che“, welche sich in allen Arten von Lauten und Tönen äußert. Herder betont die Wichtigkeit der Töne im Spracherwerb des Menschen, da „das Ohr die erste Lehrmeisterin jeder Sprache sei“ (HERDER nach MÜLLER-SEIDEL 1963: 29).
- Zweitens: Die Volkspoesie als Muster humaner Existenz und ,durch ihre Sprünge und Würfe, Ausdruck vollkommener Menschlichkeit (vgl. FRITSCH 1976: 12ff).  Drittens: Das Genie als Aufhebung der Entfremdung und als Mittel der Befreiung aus „Falschheit, Schwäche und Künstelei“ (vgl. FRITSCH 1976: 19f; HERDER 1773: 502).

„Herders naturale Theorie erschließt [also] die historische Tiefenstruktur der >>nordi- schen<<5 Ballade. [...] Der Zauber rhythmischer Sprache, [...], führt an die Ursprünge der Existenz, wo Sinnlichkeit und Geist zusammen die Menschwerdung begründen; die Schöp- ferkraft des dichterischen Genius gemahnt an eine Totalität und eine Transzendenz, wel- che durch die [...] Gesellschaft [...] veräußert zu werden droht“ (FRITSCH 1976: 29f).

Die im Zitat angeführte Bestandteil seiner >>naturalen Theorie<< werden nun im folgenden Kapitel näher ausgeführt, da diese auch in seinem Aufsatz >>Über Ossian und die Lieder alter Völker<< angesprochen werden.

2.2. Herders Theorie der naturalen Dichtung

In seinem ufsatz „ uszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker“ programmiert Herder eine neue Art des Dichtens. Darin schmückt er seine Gedanken zur Theorie der naturalen Sprache von 1772 (vgl. Kap. 2.1) hinsichtlich der Poesie weiter aus und führt Beispiele an, die diese unterstützen. Er möchte die Abkehr von der damaligen, vorherrschenden Dichtkunst hin zu einer ursprünglichen, natürlichen, liedhaften Dichtung. Für ihn ist die höchste Art zu dichten jene, welche eine Art Genie voraussetzt: Der Poet soll einfach aufschreiben, was ihm in den Sinn kommt. Vorbildliche Lieder6 sind für Herder die >>Ossian - Sammlungen<< von Macpherson, die ihn zeitlebens begeisterten (vgl. Kap. 1). Wie man heute weiß, ist es paradox, dass Herder seine Theorie der naturalen Dichtung gera- de auf diese >>Sammlungen<< aufbaut, da diese nachweislich von Macpherson selbst ge- schrieben wurden und daher keinesfalls als ursprüngliche Lieder des Volkes gelten können (vgl. HÄNTZSCHEL 1988: 19; LEUSCHNER 1991: 17f). Dennoch macht Herder an ihnen ein Ideal fest, welches für die Entwicklung der Kunstballade von Bedeutung sein würde. „Ossians Ge- dichte [sind΁ Lieder, Lieder eines ungebildeten sinnlichen Volks“ (HERDER 1773: 478).

Die Romanze7 wurde, so Herder, zum „Niedrigkomischen und benteuerlichen [...] miss- braucht“ (HERDER 1773: 520). Er fordert, dass „diese ursprünglich so edle [...] Dichtart“ (HERDER 1773: 520) wieder aufblühe und damit eine Art Wechsel in der Dichtkunst. Herder war der Meinung, dass ein großer Teil der Dichtung seiner Zeit nur ergrübelt und erkünstelt sei, man über Themen dichtete, deren Leidenschaft man nicht teile, Form und Rhythmus fremder Sprachen übernähme, die der eigenen Sprache nicht genügen würden, usw. (vgl. HERDER 1773: 502). Mit der Ansicht, was gute Dichtung sei, prägt er nachhaltig das Denken des Sturm und Drang. Die Anhänger dieser Jugendbewegung, wie man es heute nennen würde, verfolgten in ihrer Dichtung eine Art Geniekult, welcher besagte, dass ein Dichter mehr als nur ein Geschöpf sei, sondern selbst ein Schöpfer (vgl. SCHNELL 2011: 155). Denn „Genie ist das Talent (Naturgabe), welches der Kunst die Regel gibt“ (KANT nach SCHNELL 2011: 155). Nicht die Kunst schreibt vor, wie Dichtung zu sein hat, sondern der Künstler und damit die Natur selbst. Deutsche Dichter sollen von >>Ossian und den Liedern der Wilden<< lernen, aber mehr als nur Form, Einkleidung und Sprache übernehmen (vgl. HERDER 1773: 521). Somit fordert eine Rückkehr zu den „natürlichen Quellen“ (WEIßERT 1980: 62) und stellt die Volksdichtung als eigentliche Naturdichtung ins Zentrum (vgl. WEIßERT 1980: 62). „Die Volkspoesie ist für Herder die Sprache des ursprünglichen Menschen“ (WEIßERT 1980: 62), denn:

„je wilder, d.i. je lebendiger, je freiwürkender ein Volk ist, [...] desto wilder, d.i. desto freilebiger, sinnlicher, lyrisch handelnder müssen auch, wenn es Lieder hat, seine Lie- der sein! Je entfernter von künstlicher, wissenschaftlicher Denkart, Sprache und Let- ternart ein Volk ist: desto weniger müssen auch seine Lieder fürs Papier gemacht, und tote Lettern Verse sein: vom Lyrischen, vom Lebendigen und gleichsam Tanzmäßigen des Gesanges, von lebendiger Gegenwart der Bilder, vom Zusammenhange und gleich- sam Notdrange des Inhalts, der Empfindungen, von Symmetrie der Worte, der Sylben, bei manchen sogar der Buchstaben, vom Gange der Melodie und von hundert andern Sachen [...] davon, und nur davon allein hängt das Wesen, der Zweck, die ganze wun- dertätige Kraft ab, die diese Lieder haben, die Entzückung, die Triebfeder, der ewige Erb- und Lustgesang des Volks zu sein!“ (HERDER 1773: 482).

Dieses Zitat zeigt Herders Vorstellung, wie Dichtung seiner Meinung nach sein muss, um der Gattung der „Volkspoesie“ zu entsprechen, die Herder strikt von der „Kunstpoesie“ abgrenzt (vgl. RADLER o. J.: 713).

[...]


1 Ballade = Tanzlied

2 хх͙<< wird im Folgenden immer angeführt, wenn Aussagen in Anführungszeichen zu setzen wären, um diese von wörtlichen Zitaten, „͙“, abzugrenzen.

3 Ossian = keltische Lieder (s. Kap. 1)

4 Bezieht sich v.a. auf die >>Ossian - Gedichte<<

5 vgl. Einleitung

6 Lieder = Volkslieder = Volkspoesie = Naturpoesie

7 Romanze ist im 18. Jahrhundert gleichbedeutend mit Ballade, namhafte Autoren, Dichter und auch Herder verwenden beide Begriffe im Wechsel. (vgl. Weißert, S. 18)

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656142539
ISBN (Buch)
9783656142737
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189913
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Germanistik und Komparatistik
Note
1,7
Schlagworte
über ossian lieder völker herders theorie dichtung beispiel edward einfluss ballade

Autor

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