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Intertextualität in Cornelia Funkes 'Tintenherz'

Hausarbeit 2010 28 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Intertextualität
1.1 Julia Kristeva
1.2 Gérard Genette
1.3 Ulrich Broich und Manfred Pfister
1.4 Peter Stocker
1.4.1 Funktionen der Intertextualität
1.4.2 Funktion der Figurencharakterisierung
1.4.3 Funktion der Beschreibung und der Komik
1.4.4 Funktion der Kommentierung
1.4.5 Kulturelle Funktion: „Gedächtniskunst
1.4.6 Poetische Funktion: ,Semantischer Mehrwert ̒
1.4.7 Textstrategische Funktion: Leserlenkung
1.5 Fazit I

2. Tintenherz
2.1 Mottotexte und Kapitelüberschriften
2.1.1 Funktion der Vorausdeutung
2.1.2 Figurencharakterisierung
2.2 Intertextualität im inneren Kommunikationssystem
2.3 Fazit II

3. Selbstreferenz

4. Fazit III

Anhang

Literaturverzeichnis

Einleitung

Intertextualität gehört zu den moderneren Begriffen der Literaturwissenschaft, ist jedoch als Phänomen schon lange nachzuweisen. So bedient sich auch Cornelia Funke in ihrem Roman „Tintenherz“ dieser Technik. Sie erwähnt und zitiert nicht nur Titel und Inhalte anderer Bücher, ihr Buch ist auch ein Buch über Literatur, übers Lesen und die Liebe zu Büchern. In Zeiten von Fernsehen und Computern schreibt Funke über ein Erlebnis, das vielen Kindern in der heutigen Zeit verloren gegangen ist und somit fehlt.

Die folgende Arbeit gibt zunächst einen kurzen Abriss über die theoretischen Erkenntnisse und die Entwicklung zum Begriff Intertextualität. Dieser stellt die Basis für eine versuchte Analyse dieses Phänomens in Funkes Roman stattfinden soll. Schwerpunkt ist die Frage: welche Funktion erfüllt hier die Intertextualität?

1. Intertextualität

Intertextualität ist ein weit verbreiteter Begriff der Literaturwissenschaft. Das Wort „Intertextualität“ wurde erstmals von Julia Kristeva 1967 benutzt. Der „Begriff“ der Intertextualität findet sich jedoch schon früher. Doch statt eines einheitlichen Konzepts des Begriffs gibt es eine Vielzahl von Partikularbegriffen wie „Zitat“, „Anspielung“, „Imitatio“ oder auch „Quelle“. Dennoch bilden diese Begriffe die Bausteine der Theorie der Intertextualität. Bei der Intertextualität stellt der Autor einen Bezug zu früheren Texten (sog. Prätexte) her, „indem er in seinem Text Spuren der Lektüre bewusst oder unbewusst so einschreibt, dass diese für den Leser erkennbar sind.“[1] Innerhalb der Literaturwissenschaft gibt es verschiedene Konzepte der Intertextualität, die sich stark unterscheiden. Es ist daher nahezu unmöglich diesen Begriff vollständig zu erfassen. Trotzdem soll im ersten Teil ein kurzer Abriss der verschiedenen Sichtweisen dieses Begriffs geliefert werden.

1.1 Julia Kristeva

Das Wort „Intertext“ tauchte 1967 erstmals in dem Aufsatz „Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman“ der bulgarischen Kulturwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva auf. In ihrem Aufsatz behandelt sie das Dialogizitätskonzept des russischen Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin. Für Kristeva wird Intertextualität als generelle Eigenschaft aller Texte verstanden. Jeder Text ist somit nur ein „Mosaik aus Texten“[2]. Der Autor selbst hat demnach überhaupt keine Bedeutung mehr, sondern dient lediglich als Projektionsfläche. Dies erinnert an Roland Barthes, der in seinem Essay „Der Tod des Autors“ den Text als ein Gewebe aus Zitaten beschreibt. Dieses Konzept wurde in den folgenden Jahren jedoch so stark kritisiert, dass Kristeva ihre Begriffserläuterung widerrief. Dennoch hatte sie damit eine bis heute andauernde Diskussion entfacht. Viele Literatur- und Sprachwissenschaftler versuchen bis heute den durch Kristeva erschaffenen Begriff der Intertextualität enger zu fassen.

1.2 Gérard Genette

Gérard Genette versuchte in seinem 1982 veröffentlichten Werk „Palimpseste“ die Relationen verschiedener Texte zueinander zu systematisieren. Dabei ordnete er die Intertextualität als einen Unterbegriff unter dem von ihm geschaffenen Oberbegriff „Transtextualität“ ein. Insgesamt fasst er fünf Typen intertextueller Verweise unter diesem Oberbegriff zusammen:

1. Intertextualität

meint die „effektive Präsenz eines Textes in einem anderen“[3]. Dazu zählt zum Beispiel das Zitat als hundertprozentige Übernahme eines Textstücks oder die Anspielung als Verfremdung des übernommenen Textes.

2. Paratextualität

Paratextualität meint die „Beziehung, die der eigentliche Text im Rahmen des von einem literarischen Werk gebildeten Ganzen mit dem unterhält, was man wohl seinen Paratext nennen muss“[4]. Paratextuelle Elemente sind unter anderem der Titel, Vor- und Nachwort und Einleitungen, also alles, was einen Text dezidiert einrahmt. Dazu zählen aber auch Gattungszuweisungen oder Prätexte wie Entwürfe und Skizzen zu den Werken.

3. Metatextualität

Metatextualität meint die Beziehung zwischen einem Text und einem anderen Text, wobei der Text meist nicht erwähnt oder zitiert wird. Es wird folglich nicht „ mit den Worten eines fremden Textes, sondern über diesen gesprochen“[5]. Stocker wiederrum erwähnt, dass Metatexte durchaus „auf Wortmaterial des Prätextes zurückgreifen“[6] können, also zitieren, müssen es aber nicht. Ein Beispiel hierfür sind Rezensionen, Kritiken oder Interpretationen. Metatextualität liegt aber auch vor, wenn ein fiktionaler Text über sich selbst spricht, sich selbst kommentiert, bzw. das Genre kommentiert.

4. Hypertextualität

Die Beziehung zwischen zwei Texten ist dann hypertextuell, wenn einer dieser Texte (Hypertext) den anderen Text (Hypotext) in augenfälliger Weise imitiert. Der Hypertextualität ist so ein Nachahmungscharakter zuzuordnen, dazu zählen die Parodie, die Travestie oder die Nachbildung.

5. Architextualität

bestimmt den Erwartungshorizont des Lesers und meint den Hinweis eines Textes auf seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gattung. Dies kann geschehen durch einen Untertitel oder andere paratextuelle Hinweise. Der Leser setzt voraus, dass der vorliegende Text bestimmte Eigenschaften der jeweiligen Gattung besitzt. Die Form der Architextualität ist sehr verbunden mit der der Paratextualität, doch bei ersterem handelt es sich um klare Gattungszuweisungen.

Trotz der Gliederung in fünf Kategorien können sich die Typen in der Praxis häufig überschneiden und sich gegenseitig nicht ausschließen können.

1.3 Ulrich Broich und Manfred Pfister

Ulrich Broich und Manfred Pfister veröffentlichten 1985 eine Herausgeberschrift zum Thema „Intertextualität“, wobei sie selbst einen großen Teil der Artikel selbst schrieben. In ihrem Werk versuchen sie den Intertextualitätsbegriff einzuengen, um ihn für die praktische Textanalyse brauchbar zu machen und es so zu ermöglichen „Intertextualität von Nicht-Intertextualität zu unterscheiden“[7]. Ebenso wollen sie die verschiedenen Formen voneinander abheben und analysieren. Broich und Pfister teilen die Intertextualität dazu auf in Einzelreferenz und Systemreferenz.

Eine Einzeltextreferenz liegt dann vor, wenn „sich ein Text auf einen bestimmten individuellen Prätext bezieht“[8]. Dabei kann es sich zum einen um Texte anderer Autoren handeln, aber auch um früher erschienene Texte desselbigen Autors. Formen der Einzeltextreferenz sind unter anderem Zitat, Motto oder Übersetzung. Dabei ist das Zitat für den Leser wohl am leichtesten zu erkennen und bedeutet die genaue Wiedergabe eines fremden Textstücks. Ein Motto kann, ähnlich wie bei Gennettes Begriff der Architextualität, Erwartungen beim Leser erwecken. Deutungsschemata werden durch Motti oder Titel aktiviert und bestimmen die gesamte Lektüre und Verarbeitung eines Textes. Mottos oder Titel von Kapiteln, wie etwa in Cornelia Funkes Roman „Tintenherz“, geben das Thema des folgenden Textes oder Kapitels an, wobei dies nur so lange gilt, bis ein neues Motto diese Funktion erfüllt.

Bei der Systemreferenz handelt es sich um die Beziehung zwischen einem Text und allgemeinen Textsystemen, wie beispielsweise bestimmten literarischen Gattungen. Innerhalb eines Textes können sich Einzeltext- und Systemreferenzen überschneiden. Daher sind sie zwar bei der Analyse eines Textes zu trennen, der gegenseitigen Wirkung aufeinander ist jedoch auch Beachtung zu schenken.

1.4 Peter Stocker

Als letztes wird das Konzept Peter Stockers vorgestellt, welches er in seinem 1998 erschienenen Werk „Theorie der intertextuellen Lektüre“ bekannt macht. Nach Stocker impliziert Intertextualität „immer die Existenz von mindestens zwei Texten, die zueinander in spezifischer Relation stehen“[9]. Er stellt eine Beziehung her zwischen Autor, Text, seinem Prätext und dem Leser, die gegenseitiger Beeinflussung unterliegen. Verdeutlicht wird dies durch folgende Grafik[10]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Hergestellt wird die intertextuelle Relation in den komplementären Kontexten von Produktion und Rezeption literarischer Texte durch die Vermittlung von Leser und Autor. Bildlich gesprochen stehen Leser und Autor als Scheitelpunkte über bzw. unter einer Grundlinie, auf denen Ausgangs- und Bezugstext als gemeinsame Eckpunkte von zwei spiegelsymmetrischen Dreiecken liegen.“[11]

Mit den Prätexten beeinflusst der Autor nicht nur willentlich die Lektüre seines Lesers, er rechnet auch damit, dass dieser die intertextuellen Verweise erkennt und ihnen folgt. Je stärker diese eindeutig markiert sind, desto einfacher ist dies für den Leser.

Zudem sieht Stocker Intertextualität als „wesentliches Element literarischer Texte“[12]. Stocker greift in seinem Werk vorangegangene Theorien auf, wie zum Beispiel auch Genette oder Kristeva, um Begriffs- und Wortgeschichte zu erklären. Zusätzlich geht er auf Formen und Funktionen der Intertextualität ein, welche im Folgenden noch weiter erläutert werden sollen. Im zweiten Teil analysiert Stocker dann konkrete Texte, wie etwa „Der grüne Heinrich“ von Gottfried Keller anhand seiner vorangegangenen Konzeptionen.

1.4.1 Funktionen der Intertextualität

Die Funktionen und Formen der Intertextualität sind vielfältig, lassen sich aber oft nicht eindeutig abgrenzen. Die Liste aller Funktionen ist laut Stocker immer unvollständig, da es nahezu keinen Bereich in der Erzähltechnik gibt, welcher der Intertextualität verschlossen ist. Während einige Funktionen nur kurz veranschaulicht werden, geht Stocker besonders auf die kulturelle, poetische und textstrategische Funktion der Intertextualität ein, um einen „gemeinsame(n) funktionale(n) Kern verschiedener intertextueller Phänomene greifbar (zu machen)“[13].

1.4.2 Funktion der Figurencharakterisierung

Durch den Gebrauch intertextueller Mittel kann eine Figur im Text charakterisiert werden. Die Eigenschaften des referierten Textes gehen somit unmittelbar auf die Figur über. In Fortsetzungsromanen gehen nach diesem Prinzip die Charaktermerkmale der Figur, die schon aus den Romanvorgängern bekannt sind mit dem Auftreten der Figur über, werden vom Leser vorausgesetzt und mit der folgenden Handlung erweitert (Re-used figures). In der fantastischen Literatur müssen demnach bekannte Figuren nicht mehr explizit beschrieben, erläutert oder in ihrer Existenz legitimiert werden.

1.4.3 Funktion der Beschreibung und der Komik

Anstatt der traditionellen Beschreibung kann Intertextualität ersatz- oder ergänzungsweise wie eine „Montagetechnik“[14] eingesetzt werden und dient so der plastischen Darstellung. Stocker sieht außerdem die Komik als eine Funktion der Intertextualität. Absichtlich unpassend eingefügte Zitate, beispielsweise aus der Bibel, lassen eine Textpassage unwillkürlich als komisch erscheinen.

1.4.4 Funktion der Kommentierung

Intertextuelle Mittel können als „Alternative zum eher altväterlichen Erzählerkommentar“[15] genutzt werden. Um eine Textstelle besonders hervorzuheben oder zu dramatisieren, können Erzählerkommentar und Intertext auch nebeneinander existieren. Zusätzlich können intertextuelle Mittel dazu dienen, Aussagen zu bekräftigen oder zu kritisieren. Dabei können sie einerseits sinnstützend funktionieren, indem sie die Wirklichkeit untermauern (beispielsweise in der Kriminalliteratur durch forensische Berichte) oder als Sinnerweiterung, um dem Text einen allgemeingültigen Charakter zu verleihen.

[...]


[1] Stocker, Peter: Theorie der intertextuellen Lektüre, S.9

[2] Pfister, Manfred: Konzepte der Intertextualität, S.6

[3] Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe, S.10

[4] Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe, S.11

[5] Stocker, Peter: Theorie der intertextuellen Lektüre, S.55

[6] Stocker, Peter: Theorie der intertextuellen Lektüre, S.58

[7] Pfister, Manfred: Konzepte der Intertextualität, Vorwort

[8] Pfister, Manfred: Konzepte der Intertextualität, S.48

[9] Stocker, Peter: Theorie der intertextuellen Lektüre, S.9

[10] Stocker, Peter: Theorie der intertextuellen Lektüre, S.9

[11] Stocker, Peter: Theorie der intertextuellen Lektüre, S.9

[12] Stocker, Peter: Theorie der intertextuellen Lektüre, S.10

[13] Stocker, Peter: Theorie der intertextuellen Lektüre, S.75

[14] Stocker, Peter: Theorie der intertextuellen Lektüre, S.74

[15] Stocker, Peter: Theorie der intertextuellen Lektüre, S.74

Details

Seiten
28
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656141235
ISBN (Buch)
9783656141686
Dateigröße
1008 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189867
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Schlagworte
intertextualität cornelia funkes tintenherz

Autor

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Titel: Intertextualität in Cornelia Funkes 'Tintenherz'