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Zur Situation der schulischen Integration gehandicapter und lernbeeinträchtigter Kinder in den Niederlanden

Hausarbeit 2003 43 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

Begriff der Integration

Kindertagesstätten in den Niederlanden

Kosten für Eltern
Firmenfinanzierte Kinderbetreuung
Gemeindefinanzierte Kinderbetreuung
Eigenfinanzierte Kinderbetreuung

Perspektiven für Kindertagesstätten in den Niederlanden

Schulsystem der Niederlande

Administrative Struktur

Gliederung des Schulsystems

Schulformen

Reguläre Schule

Aufnahme von Schülerinnen und Schülern

Spezieller Grundschulunterricht – speciaal basisonderwijs

Sorten von speciaal onderwijs

Vorteile speciaal onderwijs

Spezielle Grundschulen und Weiterführende Schulen

Mit einem Rucksack in die Schule…

Das unterstützende System leerlinggebonden financiering – ‚De Rugzak’

Welche Kinder kommen für das System ‚De Rugzak’ in Frage?

Was ist die leerlinggebonden financiering – ‚De Rugzak’ ?

Warum geht ‚De Rugzak’ an den Start?

Was müssen Eltern tun um für ‚De Rugzak’ in Betracht zu kommen?

Was genau befindet sich im Rucksack?

Ausnahmen

Finanzierung im voortgezet onderwijs

Indikationskriterien
Kinder mit mehreren Störungen

Das Regionaal Expertisecentrum

Die Commissie voor Indicatiestelling

Handlungsplan

Kommunikation zwischen Elternhaus und Schule

Konfliktsituationen zwischen Elternhaus und Schule

Problemlos und sicher zur Schule
Arten des Schülertransports
Kosten

Beispiele für die Wahl einer bestimmten Schulform
Sandra
Joep
Danique

Mytylschoolen
Ambulante Begleitung und regulärer Unterricht
Zusammenarbeit

Studium behinderter Jugendlicher

Zuschulung und Umschulung behinderter Erwachsener

Wahl der Ausbildung

Wer bezahlt?

Fazit

Begriffserläuterung

Quellenverzeichnis

Literatur

Internet

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

‚Gleichheit ist ein Verhältnis,
worin Verschiedenes zueinander steht.’

(Wilhelm Windelband)

1. Einleitung

Das eigene Familienleben selbstbestimmt zu gestalten, ist selbstverständlich der Wunsch aller Familien, auch jener mit behinderten Angehörigen. Unter Integration wird meist das Recht des einzelnen Behinderten verstanden, Integration ist aber auch ein dringendes Erfordernis für die Familie und die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Dieser Aspekt wird oft vernachlässigt, und es fehlt gelegentlich an Rahmenbedingungen um den Familien mit besonderen Bedürfnissen eine volle Teilhabe am öffentlichen Leben zu eröffnen.

Auch das UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes sieht in Artikel 23 eine möglichst vollständige und soziale Integration sowie individuelle Entfaltung behinderter Kinder vor. (Quelle: bmfsfj.de/Anlage6844/1._Uebereinkommen_ ueber_die_Rechte_des_Kindes.pdf)

Jungen und Mädchen gehen gemeinsam in zur Schule. Kinder aus katholischen oder evangelischen Familien sitzen in einer Klasse neben Kindern aus islamischen Familien, mittlerweile eine Selbstverständlichkeit.

Aber behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam in einer Klasse, geht das überhaupt?

Manche Köpfe waren und sind der Meinung, dass es für behinderte oder lernschwache Kinder das Beste wäre, in eigenen Schulen unterrichtet zu werden. Sonderschulen könnten all das bieten, was behinderte Kinder dringend brauchen: eigens ausgebildete Lehrer und Lehrerinnen, Klassen mit weniger Schülern und Schülerinnen, spezielles Unterrichtsmaterial und baulich angepasste Räumlich-keiten und ‚behindern’ die Behinderten nicht auch das rasche Fortkommen der nichtbehinderten Schüler?

Seit Jahren empfinden immer mehr Eltern gehandicapter Kinder den Besuch der Sonderschule als soziale Ausgrenzung. Sie müssen miterleben, wie ihre Kinder den Kontakt zur Umgebung nicht aufbauen können oder gar verlieren. Sie wollen daher, dass ihre Kinder gemeinsam mit ihren Spielkameraden und Spiel-kameradinnen zur Schule gehen, sich nicht ausgeschlossen fühlen und dasselbe erleben wie andere Kinder auch. Sie wollen, dass ihre Kinder in der regulären Schule integriert werden. Und letztlich ist die Integration auch noch in anderer Hinsicht nützlich für eine moderne aufgeklärte Gesellschaft, nämlich für die anderen, die nicht Behinderten, sich in Akzeptanz und Toleranz zu üben und soziale Kompetenz zu erwerben.

Im Rahmen des Seminars ‚Sozialarbeit und Sozialpolitik am Beispiel der Nieder-lande’, einem Austauschprojekt der Fachhochschule Hildesheim und der Hogeschool van Amsterdam, in dessen Zusammenhang ich ein Praktikum von drei Monaten in Kindertagesstätten und Schulen der Niederlande absolvierte, konnte ich mich auch umfassend über sozial gesellschaftliche Strukturen in diesem Land in den Bereichen vor- und nachschulische Betreuung von Kindern, Sozialsysteme und Sozialstrukturen, Akzeptanz und Integration von jungen, behinderten und Menschen nichtniederländischer Abstammung sowie über politische Strukturen informieren. Mein besonderes Interesse gilt ebenso der, pädagogischer Methoden und Möglichkeiten in der Grundschule, die deshalb als Basis der Verständnis-entwicklung für integrative Prozesse von gehandicapten und lernbehinderten Kindern einen breiten Rahmen in dieser Arbeit einnehmen.

Die Niederlande sind von jeher ein Land mit alter Seefahrertradition und damit verbunden eine reiche und bedeutende Handelsmacht. Seefahrt und Handel mit fremden Völkern haben sicherlich wesentlich dazu beigetragen Toleranz und Akzeptanz gegenüber anderen Menschen und anderen Ansichten in hohem Maße zu entwickeln. So ist die Integration von Menschen anderer Nationen in den Niederlanden gut gelungen. Diese Toleranz und Akzeptanz ist aber auch spürbar im Umgang von Nicht-Behinderten und Behinderten, so wie das gesamte soziale Netzwerk unserer Aufmerksamkeit anheimfallen sollte. Bereits in Kinderkrippe und Kindergarten begegnen sich Menschen mit und ohne Handicap. Diese erfahren weitreichende Förderung durch die Regierung der Niederlande die sich in jedem Lebensalter wiederfindet. Ein kurzer Aspekt soll sich in der vorliegenden Arbeit deshalb nicht nur mit der schulischen, sondern auch mit der vor- und nachschulischen Integration von gehandicapten Menschen und der Darstellung sozialer Rahmenbedingungen in den Niederlanden befassen um dieses Bild abzurunden und zu verdeutlichen, dass die Sorge in sozialen Bereichen hier in komplexen Strukturen verwirklicht ist.

In der Arbeit verwendete niederländische Begriffe oder Textfragmente, kursiv gedruckt, werden anschließend im Text selbst oder abschließend im Abschnitt Begriffe erläutert. Beispiele im Text sollen Wünsche, Vorstellungen, Ängste, Hoffnungen und Erfahrungen von Eltern gehandicapter Kinder, die verschiedene Schulformen besuchen, verdeutlichen.

Diese Arbeit entstand während eines Praktikums in den Niederlanden. Dadurch war es möglich nicht nur intensiv und ausführlich, sondern auch in der direkten Kommunikation Informationen einzuholen. Besonderen Dank für die Freundlichkeit und Unterstützung des Vorhabens gilt deshalb dem Ministerium für Bildung, Wohlsein und Wissenschaft in Den Haag, den Direktoren und Lehrerkräften der basisschoolen ‚De Bonkelear’ in Aalst, ‚De Wilderen’ in Waalre und ‚De Regionaal International School’ in Eindhoven.

Zum Begriff der Integration

Integration, abgeleitet vom lateinischen integratio: Wiederherstellung eines Ganzen ist im allgemeinen Sprachgebrauch der Prozess des Zusammenschlusses von Teilen zu einer Einheit oder die Eingliederung in ein größeres Ganzes.

Im Gegensatz dazu wird von Ausgrenzung (auch Absonderung, Aussonderung) bei fehlender bis geringer Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an durchschnittlich herrschenden Arbeits-, Lebens- und Lernverhältnissen gesprochen. (Quelle: Erwin Reichmann-Rohr, S.24 in: Eberwein, Hans (Hg.): Behinderte und Nichtbehinderte lernen gemeinsam. Weinheim und Basel: Beltz 1988, 2. Aufl. 1990)

In der Psychologie des 20. Jahrhunderts taucht der Integrationsbegriff in verschiedenen Zusammenhängen auf. Die Entwicklungspsychologie definiert Integration als‚ ‚ein Merkmal (ontologischer) Entwicklungsprozesse, wodurch sich vereinzelte Fähigkeiten zu einer organischen/organisierten und mithin effizienteren Ganzheit zusammenschließen’. (Quelle: Kobi, S. 56 In: Eberwein, Hans (Hg.): Behinderte und Nichtbehinderte lernen gemeinsam. Weinheim und Basel: Beltz 1988, 2. Aufl. 1990)

In der Soziologie wird Integration als ‚organischer Zusammenschluss verschiedener Bereiche des kulturellen Lebens zu einem System innerer Verbundenheit bezeichnet. (Quelle: ebenda, S. 57) In der Pädagogik wurde die Bezeichnung Integration zunächst ausschließlich im persönlichkeits- und entwicklungs-psychologischen Sinne gebraucht. Erst seit den 60er Jahren taucht sie auch in Curriculumsdiskussionen auf.

Begrenzt ist Integration wenn, ‚nicht alle Kinder einer Gruppe integriert sind; umfassend, wenn nicht für alle behinderten Kinder einer Gruppe Schulplätze im öffentlichen Schulwesen geschaffen werden.’ (Quelle: Möckel, S.31 In: Eberwein, Hans (Hg.): Behinderte und Nichtbehinderte lernen gemeinsam. Weinheim und Basel: Beltz 1988, 2. Aufl. 1990.)

Nach dieser Auffassung ist Integration dann gegeben, wenn Kinder am Wohnort unterrichtet werden. Nicht die Schüler werden in Spezialschulen unterrichtet, sondern speziell geschultes Lehrpersonal wird den Klassen zugeteilt. Im integrativen Unterricht geht es darum, jedes Kind auf seinem Entwicklungsniveau abzuholen und seine Grenzen zu akzeptieren, anstatt Kinder mit besonderen Problemen aus der Gemeinschaft auszugrenzen.

Integration kann jedoch nur gelingen wenn sie als komplexer Vorgang betrachtet wird und sich auf alle Bereiche des privaten und gesellschaftlichen Lebens bezieht. Angefangen von der Kindertagesstätte über schulische und berufliche Ausbildung bis hin zu Schaffung entsprechender Arbeitsplätze im formellen, sowie ebenso die Eingliederung in freizeitliche und private Bereiche hinein.

Kindertagesstätten in den Niederlanden

In den Niederlanden gibt es ein flächendeckendes Netzwerk von Kindertages-stätten. Diese Kindertagesstätten, kinderdagverblijv oder kinderopvang genannt, sind ihrem Wesen nach private Stiftungen. Dort werden Kinder von der sechsten Lebenswoche bis zum 13. Lebensjahr in sogenannten horizontalen, altersgemisch-ten und vertikalen, altersgleichen Gruppen, betreut. Die Betreuungszeiten liegen in der Regel zwischen 7.30 und 18.30. oder 19.00 Uhr. In großen Städten wie Amsterdam und Rotterdam gibt es auch einige Einrichtungen die von 0 bis 24 Uhr Kinder betreuen. Dies ist besonders für Alleinerziehende wichtig die einer Arbeit im Schichtdienst nachgehen. In den meisten Kindertagesstätten werden auch behinderte und verhaltensauffällige Kinder betreut. Diese Einrichtungen heißen kinderopvang plus und beschäftigen zusätzlich heilpädagogisch ausgebildetes Personal. Auffallend ist ebenso das es dort gehandicapte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gibt was das Bild erfreulicherweise abrundet. Nichtbehinderte und behinderte Kinder und Erwachsene können sich hier völlig ungezwungen begegnen und im Leben ‚wachsen’.

Im Oktober 2000 hat Staatssekretärin Margo Vliegenthart vom Ministerium Volksgesundheit, Wohlsein und Sport das ‚ Netwerkbureau Uitbreiding Kinderopvang’ installiert. Dieses Büro soll die Gründung von Kindertagesstätten, orientiert an den Bedarfen von Eltern und Gemeinden stimulieren. Dabei sollen öffentliche sowie private Organisationen und Einrichtungen in hohem Maße eingebunden werden. (Quelle: www.minvws.nl)

In speziellen Fällen können Eltern ihre Kinder auch von externen Kräften mit entsprechender pädagogischer Unterweisung betreuen lassen. Diese Art der Betreuung findet Anwendung zu bestimmten Zeiten in denen die Kindertagesstätte geschlossen ist wie beispielsweise am Wochenende oder nachts und soll Eltern und besonders allein Erziehenden die Möglichkeit der Berufsausübung bieten. Diese Art der Betreuung ist in fast allen Kindertagesstätten zu finden. Die Gasteltern agieren immer in Zusammenarbeit und mit der jeweiligen Einrichtung und sind vertraglich an die jeweiligen pädagogischen Richtlinien gebunden. Sie werden nicht von den Eltern, sondern immer von der Kindertagesstätte entlohnt, es sind quasi ausgelagerte Betreuungsstätten bei Privatpersonen. Alle müssen an entsprechen-den pädagogischen Unterweisungen teilnehmen und einen einwandfreien Leumund besitzen. (Quelle: www.kinderopvangnet.nl)

Kosten für Eltern

Alle Formen von Kinderbetreuung in den Niederlanden werden gleichermaßen, jedoch mit unterschiedlichen Preisniveau angeboten. Die Preise legen die Einrichtungen selbst fest. Begleitende Finanzierungen durch Betriebe liegen im Ermessen der Firmen, gemeindefinanzierte Plätze sind in den Gemeinden, Distrikten oder Provinzen jeweils einheitlich geregelt. Es gibt dabei verschiedene Möglichkeiten der Finanzierung. In jedem Fall ist zuerst ein entsprechender Antrag zu stellen, das kann auch bereits während der Schwangerschaft erfolgen. Dies wäre in bestimmten Fällen wichtig, da bestimmte Formen der Fremdfinanzierung zahlenmäßig begrenzt sind. In jedem Falle ist ein Gehaltsnachweis erforderlich.

Firmenfinanzierte Kinderbetreuung

Große und kleine Firmen in den Niederlanden können für ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Betreuungsplätze mieten. Dies geschieht auch in relativ großem Umfang.

Dabei wird zu Grunde gelegt, dass sich Mitarbeiter bei professioneller Unterbringung ihrer Kinder weniger Sorgen machen müssen und hier der Firma motivierte und erfahrene Menschen lange zur Verfügung stehen! Dies scheint mittlerweile auch zum gesunden Status einer Firma mit sozialem Engagement zu gehören, was den gesellschaftlichen Stellenwert dieses Betriebes beträchtlich erhöht. Die Betriebe die Betreuungsplätze mieten, haben auch beträchtliche steuerliche Vorteile. So können bis zu 30% der Brutto-Steuerlasten nach Abzug des Elternbeitrages abgezogen werden. Außerdem können sie die Kosten für die Kinderbetreuungsplätze für ihre Mitarbeiter als Betriebskosten anrechnen lassen. Je nach Art der Finanzierung bezahlen Eltern oder allein Erziehende entsprechend keine oder geringe Beiträge dazu.

Gemeindefinanzierte Kinderbetreuung

Jede Gemeinde der Niederlande stellt eine gewisse Zahl von Betreuungsplätzen für Gemeindeeinwohner zur Verfügung. Die Anzahl ist jedoch begrenzt. Diese Plätze können Familien bis zu einem bestimmten Monatseinkommen beantragen. Die Grenzen sind abhängig von den jeweiligen Gemeinden verschieden. Bei der Vergabe dieser Plätze werden Kinder von Eltern mit gesundheitlichen und sozialen Problemen bevorzugt. Die Eltern bezahlen dann keinen oder einen etwas geringeren Beitrag dazu. (Quelle: www.eindhoven.nl/gemmente/kinderdagverblijv)

Eigenfinanzierte Kinderbetreuung

Für Eltern die weder auf eine betriebs- noch einen gemeindefinanzierte Kinderbetreuung zurückgreifen können, besteht natürlich die Möglichkeit einen entsprechenden Platz selbst zu finanzieren. Dabei sind in bestimmtem Maße diese Beträge steuerlich absetzbar. (Quelle: www.eindhoven.nl)

Perspektiven für Kindertagesstätten in den Niederlanden

Für Betreuungsplätze besteht in den Niederlanden eine große Nachfrage. Im Jahr 2001 wurden 157.000 Kinder in den Einrichtungen betreut. Für das Jahr 2007 wird ein Bedarf von 205.000 (Quelle: www.cbs.nl) bis 211.000 (Quelle: www.waarborgfonds.nl) Betreuungsplätzen prognostiziert. Dies bedeutet, es müssen zwischen 2003 und 2007 noch 45.000 bis 51.000 Plätze geschaffen werden.

Diskutiert wir weiterhin die Betreuung beziehungsweise Beaufsichtigung von Kindern und Jugendlichen bis zum 16. Lebensjahr zu erweitern.

Schulsystem der Niederlande

Das Schulsystem der Niederlande wurde durch vielfältige Wandlungen und durch heftige politische Auseinandersetzungen geprägt. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war gekennzeichnet durch den sogenannten ‚Schulstreit’, in dem es um die Emanzipation von Katholiken und Protestanten im gesellschaftlichen Leben ging. Im Jahre 1917 wurde dieser Streit durch ‚Befriedigung’ (pacificatie) beigelegt und damit das heutige niederländische Schulsystem begründet. Wichtigster Grund für die Beendung des Schulstreites war die grundlegende Änderung des Schulgesetzes. Das neue Gesetz legte die Gleichwertigkeit von öffentlichen und privaten Schulen fest. Dadurch hatten auch private Schulen in ganz unterschiedlicher Trägerschaft einen verfassungsrechtlichen Anspruch auf 100% staatliche Subventionen. Weiterhin erhielten diese Schulen weitgehende Freiheiten bei ihrer Gründung, der Gestaltung von Curricula und bei der Einstellung von Lehrpersonal.

Innerhalb dieser Freiheiten gab es nur drei Beschränkungen:

1. Die Schulen müssen an landesweiten Abschlussprüfungen am Ende des Sekundarunterrichtes teilnehmen.
2. Eine staatliche Schulinspektion, die alle fünf bis sechs Jahre im Auftrag des Ministeriums für Bildung und Wissenschaft durchgeführt wird, muss akzeptiert werden.
3. Bestimmte arbeitsrechtliche Vereinbarungen müssen eingehalten werden.

Diese Freiheiten von Unterricht und Schulwahl haben Verfassungsrang. Der Artikel 23 der niederländischen Verfassung garantiert unter anderem die Freiheit von Schulgründungen auf der Grundlage religiöser oder weltanschaulicher Über-zeugungen und die entsprechende, sowie die finanzielle Gleichbehandlung öffentlicher und privater Schulen.

Administrative Struktur

Die Verbindung einer zentralen Steuerung durch das Ministerium für Wissenschaft und Bildung mit einer dezentralen Verwaltung ist kennzeichnend für dieses Bildungssystem. Dabei lassen sich direkte und indirekte Steuerungsinstrumente unterscheiden: Direkte Steuerungsinstrumente sind qualitative und quantitative Anforderungen an den Unterricht, während indirekte Steuerungsinstrumente in Regelungen für die Zuweisung von finanziellen und anderen Mitteln bestehen. Die Schulaufsicht obliegt dem Ministerium für Wissenschaft und Bildung als Zentralbehörde. Die Ausnahme macht der landwirtschaftliche Unterricht, der dem Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Fischerei unterstellt ist. Des Weiteren obliegen dem Ministerium die Organisation der Schulen (zum Beispiel: Stundenzahl oder Pflichtfächer), die Finanzierung, die Verwaltung, die Durchführung der Prüfungen sowie die Kontrolle von Qualifikation und Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte. Sobald alle Bedingungen erfüllt sind, werden den Schulen von der Schulaufsicht die Finanzmittel zugewiesen, wobei wie bereits erwähnt, private und öffentliche Schulen gleichgestellt sind. Träger der privaten Schulen sind Stiftungen, Vereine oder kirchliche Organisationen, wobei die Verwaltung der Schulen dem Vorstand dieser Organisationen obliegt. Die Provinzen als Zwischenebene haben kaum Befugnisse im Bildungsbereich und sind demnach auch keine Schulträger. Sie achten darauf, dass ein ausreichendes Angebot an öffentlichen Grund- und weiterführenden Schulen vorhanden ist. Des Weiteren sind sie Berufungsorgan für die Entscheidungen der einzelnen Kommunen. Die Gemeinden besitzen zwei Aufgaben: Sie sind Schulträger der öffentlichen Schulen und führen im Auftrag der Zentralregierung die Aufsicht über die Einhaltung der Schulpflicht und die Verteilung der zugewiesenen Finanzmittel aus. Innerhalb des Primärbereiches sind sie für die Schulentwicklungsplanung zuständig, das heißt. sie wählen die Lehrmittel, arbeiten den Stundenplan aus und entscheiden über die Zulassung von Lehrern.

Gliederung des Schulsystems

‚Die Niederlande verfügen über ein reich gegliedertes Schulsystem mit einer relativ spät einsetzenden Spezialisierung der Schüler und großer Durchlässigkeit.’ (Quelle: Bertelsmann-Stiftung 1996) Strukturell ist dieses System also vertikal gegliedert. Eine kategorische Trennung zwischen den einzelnen Schularten erfolgt nicht direkt nach der Grundschule, stattdessen wird den Schüler die Möglichkeit geboten, sich möglichst lange in einer wenig selektiven Umgebung zu entwickeln. In den Nieder-landen werden Kinder mit Vollendung des fünften Lebensjahres schulpflichtig, die Schulpflicht endet mit Vollendung des 16. Lebensjahres. Besucht das Kind nach dem 16. Lebensjahr weiterhin eine Vollzeitschule, so müssen die Eltern Schulgeld zahlen. Für Schüler die nach dem 16. Lebensjahr keine Vollzeitschule mehr besuchen, besteht eine Teilzeitschulpflicht von 1-2 Tagen pro Woche.

Schulformen

Der Primärbereich integriert Kindergarten und Grundschule für Kinder von 4-12 Jahren in einer Ganztagsschule. Diese Form der Basisschule existiert seit 1985. Davor gab es eine sechsjährige Grundschule für 6-12 jährige und Kindergärten für 4-6jährige Kinder. Die Schulpflicht bestand damals ab 6 Jahren. Nun, mit dem neuen System, absolvieren die Schüler am Ende der Primärschulzeit einen Test, der zusammen mit einer persönlichen Beratung durch die Lehrer und dem Elternwunsch als Entscheidungsgrundlage für die Art der weiterführenden Schule dient.

Der Sekundärbereich gliedert sich in vier Schultypen mit allgemeinbildenden und berufsbildenden Unterricht. Seit 1993 wurden im Sekundärbereich einige Veränderungen vorgenommen beziehungsweise sind diese geplant. Bislang wurde der Sekundärbereich vom sogenannten ,Mammoetwet’ (Mammutgesetzt) für den weiterführenden Unterricht geregelt. Die wesentlichen Merkmale dieses Gesetzes sind:

- ein pauschales Finanzierungssystem, welches den Schulen jedes Jahr nach bestimmten Kriterien Geld zugeteilt und welches selbstständig verwaltet werden kann;
- eine eigenständige Personalplanung der Schulen;
- eigenständige Erstellung von Lehrplänen durch die Schulen.

Nach dem Inkrafttreten des Mammutgesetzes wurde Kritik laut, da sich Struktur und Inhalt des Sekundarbereiches eigentlich nicht veränderten. Es wurde eine mittlere Schule (middenschool) als vierjährige integrierte Gesamtschule für alle Schüler bis 15 oder 16 Jahren gefordert. Von dieser Schulform versprach man sich mehr Demokratie und Chancengleichheit. Weitere angestrebte Ziele waren der Aufschub der Berufswahl, die Individualisierung des Unterrichts sowie die Förderung von kreativen und sozialen Fähigkeiten. Mit dem Bericht ‚Basisbildung im Unterricht’ empfahl der Wissenschaftliche Beirat für die Regierungspolitik 1986 ein dreijähriges Kernprogramm aller Schüler von 12-15 Jahren für die erste Phase des Sekundarbereiches als Basisbildung, dieses Kernprogramm legte bevorzugten Wert auf Verstärkung der sozialen und intellektuellen Fähigkeiten der Schüler. Das Gesetz über die Basisbildung wurde 1991 verabschiedet und trat Anfang des Schuljahres 1993/94 flächendeckend in Kraft. Die Basisbildung beinhaltet einen verpflichtenden Fächerkanon von 15 Fächern. Die Fächer der Basisbildung umfassen 3000 Unterrichtsstunden, das sind ca. 80% der Unterrichtszeit. Die restlichen 20% (840 Stunden) können die Schüler für eigene Interessen oder Akzentuierungen nutzen. Nach Abschluss der Basisbildung erhalten die Schüler ein Zeugnis. Am Ende des zweiten Jahres erhalten sie eine Empfehlung für den weiteren Bildungsweg so das sie am nach Abschluss der Basisbildung zwischen weiterführenden allgemeinbildenden und beruflichen, beziehungsweise berufs-vorbereitenden Bildungsgängen wählen können.

Das erste Schuljahr der weiterführenden Schulen wird Brückenklasse genannt. Sie ist vergleichbar mit dem einjährigen Förder- und Orientierungsunterricht in Deutschland. Neben einer größeren Durchlässigkeit und dem Hinausschieben der definitiven Schulwahl hat das Brückenjahr auch die Aufgabe, dass sich der Schüler an die neue Schule anpassen kann. Außerdem stellt es eine gute Grundlage für den weiterführenden Unterricht dar und bietet die Möglichkeit zur Korrektur durch Reorientierung des Schülers. Die Brückenklasse ist je nach Bedarf zu einer Brückenperiode erweiterbar, bedeutet, wenn der Schüler eine Klasse nicht bewältigen sollte, besteht die Möglichkeit zur Wiederholung dieses Jahres.

In den Niederlanden bestehen verschiedene Schulformen. Regulier onderwijs, speciaal onderwijs, speciaal basisonderwijs, speciaal voortgezet onderwijs

Aber was ist nun was? Welche Schulform sollen Eltern für ihre Kinder wählen und welche Auswahlkriterien gelten hierfür?

Reguläre Schule

Die reguläre Schule besteht aus basisonderwijs (Grundschule) und voortgezet onderwijs (Weiterführende Schulen).

Basisonderwijs wird im Wet op Primair Onderwijs (WPO) für Schüler und Schülerinnen im Alter zwischen 4 und 12 Jahren geregelt. Alle Schulen für basisonderwijs bieten im Prinzip gleichen Unterricht an. Es gibt aber eine Vielzahl verschiedener Schulformen, öffentliche (allgemeine) und besondere (spezielle oder private) Schulen. Besondere Schulen werden von Vereinigungen oder Stiftungen geführt. Diese sind beispielsweise konfessionsgebundene Schulen wie römisch-katholische, jüdische oder islamische Schulen oder Schulen die einer bestimmten Idealvorstellung folgen wie Montessori, Jenaplan, Dalton oder Freie Schulen.

Das Grundschulsystem in den Niederlanden basisschool genannt, ist in Gruppen eingeteilt und beginnt bereits auf fakultativer Basis im Alter von 4 Jahren. Die meisten Kinder besuchen diese kleutergroep auch ab diesem Alter. Ab Gruppe 2, dem Lebensalter 5 Jahre, ist der Unterricht dann obligatorisch. In Gruppe 1 und 2 werden vor allem feinmotorische Fähigkeiten entwickelt, Zahlen und Buchstaben erlernt (technisch leeren) und strukturelle Dinge entwickelt. Ab Gruppe 3, entsprechend dem ersten Grundschuljahr in Deutschland wird dann mit Rechnen, verstehendem Schreiben und Lesen (begrijpend leeren) begonnen. In einer Gruppe sitzen etwa 26 bis 28 leerlinge, jedoch sind meistens auch zwei, eine verantwortliche Lehrkraft und eine unterstützende Hilfskraft (stagiere oder conciërce), in der Regel ein Student/in der Pedagogik (Lehrer) anwesend.

Wichtige Grundlage niederländischer basisschoolen ist, ein sicherer und behaglicher Ort für Kinder zu sein.

Kinder bleiben mit ihren Klassenkameraden und mit ihrem Klassenlehrer von Gruppe 1 bis 8, also über einen Zeitraum von acht Jahren zusammen. So können Vertrauen untereinander und soziale Kompetenz gedeihen und der Lehrer auf spezifische Eigenheiten und Probleme seiner Schützlinge reagieren.

Die Klassenräume sind gut, heißt hier kindgerecht, fröhlich und zweckorientiert ausgestattet. Sie haben ein außerordentlich familiäres Flair. Die Schülerinnen und Schüler sitzen in kleinen Gruppen zu viert an einem Tisch. Bilder und Kunstwerke die die Kinder geschaffen haben schmücken den Klassenraum. Es gibt Bücher und Computer mit Internetanschluss. Dies ist insbesondere wichtig, da die Kinder oft in ihren Sitzgruppen, die aber auch wechseln können, selbstständig vom Lehrer vergebene Aufträge und Projekte erarbeiten und die Ergebnisse dann dem Klassenverband präsentieren. Dabei können sie sämtliche Medien und Materialien nutzen. Sie erarbeiten sich ihr Wissen also selbstständig. In den basischoolen gibt es zwar ein relativ einheitliches System der Lernziele, diese werden aber basierend auf der Persönlichkeit und Individualität, auch bezogen auf Handicaps und Lern-beeinträchtigungen bei jedem Kind individuell festgelegt. Dies bedeutet, dass die Kinder einer Klasse auf verschiedenem Niveau, an gleichen Themen arbeiten können und subjektiv ergebnisorientiert, dem Leistungsvermögen des Kindes entsprechend, bewertet werden was wiederum besonders bedeutsam für gehandicapte oder lernverzögerte Kinder in diesem Klassenverbund ist, da hier-durch nur kleine Abstufungen in den Kernlernzielen entstehen. Dieser Fortlaufende Prozess des Erlernens und Erprobens von Selbstständigkeit und der Erschließung von Informationsquellen sind wiederum Basis für ein späteres Studium, das in den Niederlanden beinahe ausschließlich auf Selbstinitiative fußt.

Voortgezet onderwijs ist die nachfolgende weiterführende Schule. Es besteht Wahlmöglichkeit zwischen:

- vmbo (voorbereidend middelbaar beroepsonderwijs);
- havo (hoger algemeen voortgezet onderwijs);
- vwo (voorbereidend wetenschapelijk onderwijs).

Diese drei weiterführenden Schulformen sind ausgerichtet für leerlinge ab dem 12. Lebensjahr. Alle drei beginnen mit einer basisvorming. Dieser Basisunterricht dauert 3 Jahre und beinhaltet in der Regel gleichen Lehrstoff. Die Schulen unter-scheiden sich dabei in Unterrichtsdauer, Unterrichtsintensität und im Endniveau. Auch hier bestehen wie im basisonderwijs allgemeine und besondere Schulen. (Quelle: www.vmbo.nl/vmboplein.htm)

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Details

Seiten
43
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638232098
Dateigröße
666 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18970
Institution / Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen – Soziale Arbeit und Gesundheit
Note
1,3
Schlagworte
Situation Integration Kinder Niederlanden

Autor

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Titel: Zur Situation der schulischen Integration gehandicapter und lernbeeinträchtigter Kinder in den Niederlanden