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Die Frühphase des FDGB

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 28 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Gedanken

2. Gewerkschaften und der Marxismus-Leninismus

3. Die Entstehung und frühe Entwicklung der Einheitsgewerkschaft FDGB
3.1 Historische Ausgangslage und Gewerkschaftsgründung
3.2 Kurzer Exkurs: Der demokratische Zentralismus - das Ordnungsprinzip der DDR.
3.3 Stalinisierung des FDGB
3.4 Die Beseitigung der Betriebsräte
3.5 Der FDGB in den Anfängen der DDR

4. Abschließende Gedanken

(Emblem des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes)

1. Einleitende Gedanken

Der 17. Juni 1953, der Tag des Juni-Aufstandes der Arbeiter in der DDR, ist bis heute ein Datum, um das sich viele Legenden ranken. Die Adenauerregierung der BRD erklärte dieses Datum schon am 4. August 1953 zum gesetzlichen Feiertag, zum „Tag der deutschen Ein- heit“, als „Festtag nationaler Selbstfindung“ (Eckelmann 1990, S. 20). Die SED-Regierung der DDR hingegen machte für die Geschehnisse dieses Tages den „Staatsfeind“ (ebd.) ver- antwortlich, der einen „faschistischen Putsch“ (ebd.) durchführen wollte. Dieser Vorgabe folgte man auch in der offiziellen Darstellung der Ereignisse in der „Geschichte des FDGB“: „Die Feinde des Sozialismus im Innern der DDR nutzen Unzufriedenheit und Mißstimmung [sic!] von Werktätigen für einen konterrevolutionären Putschversuch aus; sie erhalten operati- ve Anleitung durch in Westberlin und in der BRD stationierte imperialistische Geheimdienste und Agentenzentralen“ (Deutschland 1985, S. 83). Die SED propagierte eine von außen ange- zettelte Verschwörungstheorie. Doch die Realität und die Hintergründe dieses Aufstandes sahen anders aus, denn letztendlich war dieser Aufstand der Arbeiter der DDR der erste und letzte Versuch, bis zur Wende 1989, einen gesellschaftlichen und politischen Umbruch in der DDR herbeizuführen.

Welche Entwicklung der „Freie Deutschen Gewerkschaftsbund“, kurz FDGB, bis zu diesem Arbeiteraufstand 1953 durchlaufen hatte und warum er, anders als von einer Gewerkschaft aus heutiger Sicht erwartet, eben gerade nicht mit an diesem Aufstand beteiligt war, soll in dieser Arbeit dargelegt werden. Dazu soll die Rolle der Gewerkschaften im Aufbau des Sozi- alismus in der sowjetisch besetzten Zone und in der späteren DDR genauer beleuchtet wer- den. Grundlegend für diese Arbeit ist dabei die These, dass der ursprüngliche Gründungsge- danke des FDGB, nämlich ein weltanschaulich pluralistischer Gewerkschaftszusammen- schluss zu sein, bis 1953 zunehmend verloren gegangen war und das sich der FDGB schließ- lich als staatstragende Massenorganisation und als enger Erfüllungsgehilfe der Partei, ganz nach dem Gewerkschaftsgedanken Lenins, konstituierte. Es hat sich also im Sozialismus ein ganz anderer Gewerkschaftstypus herausgebildet der hier genauer dargestellt werden soll.

Zum Einstieg wird deshalb zunächst einmal das Gewerkschaftsverständnis im Marxismus- Leninismus und damit auch in der DDR beleuchtet, als ideologischer Hintergrund des FDGB. Anschließend wird die Entstehung des FDGB im Nachkriegsdeutschland aufgezeigt. In einem kurzen Exkurs soll dann das System des „demokratischen Zentralismus“ als Ordnungsprinzip von Partei, Betrieb und Gewerkschaft in der DDR dargelegt werden. Die Unterordnung des FDGB unter dieses Prinzip durch dessen Stalinisierung wird im darauffolgenden Abschnitt aufgezeigt. Anschließend wird die Beseitigung der Betriebsräte zur Sicherung der Monopol- stellung des FDGB thematisiert sowie die organisatorischen und historischen Entwicklungen der Gewerkschaft bis zum Juni 1953 in der neugegründeten DDR beschrieben. Die Abrun- dung dieser Arbeit erfolgt durch die grobe Darstellung der Ereignisse vom 17. Juni 1953 und einer Beschreibung des Gewerkschaftstypus des FDGB vor dem Hintergrund seiner zuvor dargestellten Entwicklung.

2. Gewerkschaften und der Marxismus-Leninismus

Zunächst einmal soll der theoretische Begriff Gewerkschaft genauer definiert werden: Ge- werkschaften „sind dauernde Interessenorganisationen von Arbeitnehmern, die als Kontrahen- ten der Arbeitgeber über den Rahmen der Selbsthilfe hinaus notfalls mit den Mitteln des Ar- beitskampfes1 im Interesse der durch sie repräsentierten Sozialschichten auf Lohn- und Ge- haltsgestaltung, Arbeitsbedingungen, Sozialpolitik und Wirtschaftsordnung einzuwirken be- strebt sind“ (Bernsdorf 1969, S. 375). Sie sind historische Gebilde, Organisationen. Gewerk- schaften sind geprägt von den politischen und ökonomischen Entwicklungen und Bedingun- gen des jeweiligen Landes in dem sie entstanden sind und sie gehören zu den wichtigsten kol- lektiven Akteuren im System der industriellen Beziehungen2. Gewerkschaften sind damit nicht nur kollektive Widerstandsvereinigungen der Arbeiterschaft, sondern auch Mitgestalter der industriellen Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit. (vgl. Müller-Jentsch 1997, S. 83f)

Im kommunistischen, postrevolutionären Weltbild galten die grundlegenden Interessenswi- dersprüche zwischen Kapital und Arbeit in Folge der Verwirklichung des sozialistischen Kol- lektiveigentums als abgeschafft. (vgl. Artus 2001, S. 144) Folglich war auch das Verständnis von Gewerkschaften, deren Aufgaben und Funktionen im Marxismus-Leninismus, dem welt- anschaulichen Hintergrund des FDGB, ein gänzlich anderes, als in der oben genannten Defi- nition dargestellt. Dabei ist der orthodoxe Marxismus-Leninismus eine bestimmte Interpreta- tion des Marxismus. Er bildet die Legitimationsbasis der sozialistischen Gesellschaft. (vgl. Weinert 1999, S. 15)

Ausgangspunkt der theoretischen und praktischen, gewerkschaftlichen Positionierung des FDGB bilden die Lehren von Karl Marx (1818 - 1883). Er definierte die Gewerksgenossen- schaften3 zum einen, als spontane Mittel der Arbeiter zur Abwehr der Übergriffe des Kapitals und damit zur Klärung von Fragen bezüglich der Arbeitszeit und des Lohnes, und zum ande- ren als Organisationszentren der Arbeiterklasse. Für ihn sind die Gewerkschaften deshalb als organisierte, kollektive Kraft der Arbeiterschaft wichtige Bestandteile zur Beseitigung des Kapitalismus und dessen Herrschaft. Gewerkschaften sind im marxschen Sinne folglich ein zweischneidiges Schwert im Kampf der Lohnabhängigen gegen das Kapital: Sie haben die Aufgabe im kapitalistischen Lohnsystem einen Preis für die Ware Arbeitskraft durchzusetzen, der es der Arbeiterschaft ermöglicht, ihre Arbeitskraft gänzlich zu reproduzieren und sie sind, ohne das sie sich dessen bewusst sind, die wichtigsten Träger der Arbeiterbewegung. Als rein proletarische Organisationen muss, nach Marx Auffassung, aus ihnen die politische Bewe- gung des Proletariats hervorgehen. Er spricht hier von den „Schulen des Sozialismus“. (vgl. Müller-Jentsch 1997, S. 89f) Ein Ausdruck der auch im ideologischen Verständnis der Ge- werkschaften in der DDR später noch oft auftaucht. Dazu welche Rolle die Gewerkschaften in der Gesellschaft nach der proletarischen Revolution spielen soll, äußerte sich Karl Marx al- lerdings nicht. Hierzu finden sich erst bei Wladimir Iljitsch Lenin (1870 - 1924) klare Aussa- gen, der seine Theorie in das marxsche Theoriegerüst des Kommunismus einbettet, daher auch die Bezeichnung Marxismus-Leninismus.

Lenin traut den Gewerkschaften als organisierte Arbeiterbewegungen jedoch weit weniger revolutionäres Bewusstsein zu, als dies noch Marx tat. Seiner Einschätzung nach sind die Ar- beiter nicht in der Lage die unüberwindlichen Differenzen zwischen ihren Interessen und dem gesamten ökonomischen und politischen System zu erkennen. Sie benötigten daher Hilfe von außen durch eine auserlesene Gruppe, die sich durch ein hohes Bewusstsein auszeichnet: die Partei. Die Gewerkschaften selbst zeichnen sich demnach laut Lenin durch ein niedereres Bewusstsein aus, dass den unteren, proletarischen Schichten zugänglicher ist. Die Kontrolle und Leitung der Gewerkschaften unterliegt nach Lenins Auffassung der Partei, die selbst streng zentralistisch organisiert, ein entsprechend strukturierter Führungsstab der Arbeiter- schaft sein soll. (vgl. Gill 1991, S. 19f) „Die Gewerkschaften müssen die engsten und ständi- gen Mitarbeiter der Staatsmacht sein, die in ihrer gesamten politischen und wirtschaftlichen Arbeit von der bewußten [sic!] Vorhut der Arbeiterklasse - der Kommunistischen Partei - geleitet wird“ (Lenin zit. n. Großer 1977, S. 449f). Darüber das Lenin die Gewerkschaften als die Erfüllungsgehilfen der Partei sieht, lässt er mit dieser Aussage keinen Zweifel. Nach der geglückten kommunistischen Revolution gibt es für Lenin keine grundsätzlichen Gegensätze zwischen Staat und Gewerkschaften mehr, denn beide unterstehen der Partei und haben das gemeinsame Ziel des Aufbaus des Sozialismus. Die neue Hauptaufgabe der Gewerkschaften wird es nun ihre Mitglieder zu hohen Arbeitsleistungen anzuspornen, deren Früchte in den gewandelten gesellschaftlichen Verhältnissen letztlich allen zugute kommen. Die Rolle als Kampforganisationen der Arbeiterklasse gegen die Zwänge des Kapitals hat sich dabei von selbst aufgelöst, da mit der geglückten Revolution auch die Unterjocher der Arbeiter, die Ka- pitalisten, verschwunden sind. (vgl. Gill 1991, S. 19f)

Der Sozialismus selbst ist nicht gleichzusetzen mit dem Kommunismus. Diese Gesellschaftsform die beispielsweise in der DDR als verwirklicht galt, stellt eine relativ selbständige sozialökonomische Staats- und Wirtschaftsform im Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus dar, allerdings gilt sie als nicht wirklich theoretisch begründet, wie beispielsweise der Kommunismus selbst. (vgl. Bahro 1977, S. 19)

Das ökonomische Grundgesetz des Sozialismus, das aus den veränderten Eigentumsverhält- nissen durch Enteignung und Überführung der Produktionsmittel in Staatseigentum resultiert, ist die „immer bessere Befriedigung der Bedürfnisse der Werktätigen und ihre allseitige Ent- wicklung - die ausdrückliche Betonung „immer bessere“ weist auf den Prozeßcharakter [sic!] dieses Ziels hin -“ (Belwe 1979, S. 57). Die Steigerung der Effektivität und der Arbeitspro- duktivität ist das Mittel zur stetigen Weiterentwicklung dieser Produktion. Die Produktions- steigerung erfolgt also nicht um ihrer Selbst-Willen, oder zum Nutzen eines Kapitalisten der dadurch Mehrwert abschöpfen kann, sondern zur stetigen Erhöhung der Lebensqualität der Arbeiterklasse. (vgl. Belwe 1979, S. 57f) Die Produktionssteigerung dient damit der Verbes- serung des Allgemeinwohls und es wird nach Lenin zur Aufgabe der Gewerkschaften, der Arbeiterklasse dieses Prinzip zu verdeutlichen und sie so um ihres eigenen Wohlergehen und das der Gemeinschaft willens zur höchstmöglichen Produktivität anzuspornen.

Bereits 1947 lautete die Parole des 2. FDGB-Kongresses „Mehr produzieren - gerecht verteilen - besser leben“(Gill 1991, S. 35) und entsprach damit genau diesem theoretischen Grundprinzip der sozialistischen Produktionsweise.

Spätestens ab Ende Januar 1949 berief sich der FDGB vollends auf ein Gewerkschaftsver- ständnis, dass auf dieser Lehre Lenins basiert. Denn auf der 1. Parteikonferenz der SED (So- zialistische Einheitspartei Deutschlands) vom 25. bis 28. Januar 1949 verkündete der damali- ge 1. Vorsitzende des Bundesvorstandes des FDGB, Herbert Warnke, die absolute Notwen- digkeit der Anerkennung der führenden Rolle der Partei durch alle Gewerkschaftsmitglieder. (vgl. Deutschland 1985, S. 43) Die Funktion des FDGB als Erfüllungsgehilfe und ausführen- des Organ der Partei, der SED, wird nach Lenins Vorbild damit im Realsozialismus der DDR erfüllt. Im „Wissenschaftlichen Kommunismus, einem Lehrbuch für das marxistisch- leninistische Grundlagenstudium“ werden die Aufgaben und Funktionen der Gewerkschaften in der DDR aus ideologischer Sicht der SED folgendermaßen beschrieben:

„Als Klassenorganisation der herrschenden und führenden Arbeiterklasse dient ihre gesamte Tätigkeit der Sicherung und ständigen Erhöhung des Einflusses der gesamten Arbeiterklasse auf die gesellschaftliche und staatliche Entwicklung. Sie verwirklichen die von ihnen mitge- staltete Politik der marxistisch-leninistischen Partei und des sozialistischen Staates und stellen damit einen wichtigen Faktor in der politischen Machtausübung durch die Arbeiterklasse dar. […] Die wichtigsten und vordringlichsten Aufgaben der Gewerkschaften bestehen darin, die Interessen der Arbeiterklasse zu vertreten, das Klassenbewußtsein [sic!] aller Arbeiter ständig zu festigen […] und alle Werktätigen so zu erziehen, daß [sic!] sie ihre ganze Kraft in den Dienst des sozialistischen Aufbaus stellen“ (Großer 1977, S. 449f).

Der FDGB in der DDR als umfassende Massenorganisation der Arbeiterklasse war also im Verständnis des Marxismus-Leninismus und damit auch der SED, als der Vorhut der Arbei- terklasse, eine staatstragende Organisation unter Parteiführung, dessen Hauptaufgabe die Er- höhung der Arbeitsleistung der Werktätigen zur Steigerung der Lebensqualität aller und zum Aufbau des Sozialismus war. Der Begriff der Gewerkschaften wurde dabei von Lenin in sei- ner Theorie völlig neu definiert. Während Karl Marx noch von Gewerkschaften im eher klas- sischen Sinne als „Mittel zum Kampf gegen die Übergriffe des Kapitals auf die Arbeiter“ ausgeht, entwickelt Lenin ein neues Verständnis von Gewerkschaften, das mit dem früheren nur noch partiell in Zusammenhang steht, denn er sieht den kapitalistischen Rahmen in dem Gewerkschaften zur Interessenvertretung der Arbeiter in den industriellen Beziehungen ent- standen sind, nach der kommunistischen Revolution als abgeschafft. Deshalb löst Lenin die Gewerkschaften aus diesem kapitalistischen Entstehungsumfeld heraus und überträgt sie in den Sozialismus, durch eine Umwandlung in Organe der Partei. Er definiert damit einen neu- en Typus von Gewerkschaften, der sich aus den geänderten Gesellschafts- und Produktions- verhältnissen im Sozialismus zwangsläufig ergeben muss.

3. Die Entstehung und frühe Entwicklung der Einheitsge- werkschaft FDGB

Am 9. Mai 1945 um 0.01 Uhr Mitteleuropäischer Zeit verstummten die Mündungen der Ma- schinengewehre und Kanonen, der Zweite Weltkrieg war offiziell beendet. Deutschland lag in Trümmern, als Staat, als Nation, als Volkswirtschaft und doch vollzog sich der Wideraufbau der vom Nationalsozialismus verbotenen Gewerkschaften nach Kriegsende in allen Besat- zungszonen so rasant, dass man von „einem Wunder der Organisation“ (Pirker zit. n. Schön- hoven 1987, S. 197) sprechen kann. Auch der „Freie Deutsche Gewerkschaftsbund“ spross bereits im Sommer 1945 aus dem Boden. Er wurde jedoch bald vom Einheitsgewerkschafts- bund für ganz Deutschland über ein Instrument der sowjetischen Besatzungs- und Deutsch- landpolitik (vgl. Schönhoven 1987, S. 197) zum Werkzeug der DDR Einheitspartei SED zur Steigerung der Produktivität in den Betrieben. Wie es zu diesem Wandel kam und was diese Entwicklung für den FDGB als gewerkschaftliche Organisation bedeutete wird im Folgenden dargestellt.

3.1 Historische Ausgangslage und Gewerkschaftsgründung

Nach Hitlers „totalem Krieg“ stand Deutschland 1945 vor der totalen Niederlage. Die oberste Regierungsgewalt in Deutschland hatten am 5. Juni 1945 die vier Siegermächte, USA, Groß- britannien, Frankreich und die Sowjetunion übernommen. Gleichzeitig wurde Deutschland in seinen Grenzen von 1937 in vier Besatzungszonen eingeteilt. Berlin sollte von allen vier ge- meinsam verwaltet und besetzt werden. Die Oberbefehlshaber der vier Besatzungszonen bil- deten gemeinsam den Alliierten Kontrollrat, der nur einstimmig alle Fragen die Deutschland als Ganzes betreffen entscheiden durfte. (vgl. Weber 2001, S. 26f) Diese vier Befehlshaber waren der amerikanische General Eisenhower, der britische Feldmarschall Montgomery, der französische Armeegeneral Lattre de Tassigny und der Marschall der Sowjetunion Shukow. (vgl. Lausberg 2009, S. 18) Bereits vier Tage nach dieser Übernahme wurde in Berlin- Karlshorst die Sowjetische Militäradministration Deutschlands, kurz SMAD, unter Leitung Shukows gegründet. Schon am folgenden Tag, dem 10. Juni 1945, und damit früher als in den übrigen Besatzungszone, erließ Shukow den Befehl Nr. 2, der die Gründung von politischen Parteien und Gewerkschaften in der sowjetischen Besatzungszone, kurz SBZ, erlaubte. Tags darauf wurde in der SBZ die KPD (Kommunistischen Partei Deutschlands), nach einem Gründungsaufruf Walter Ulbrichts, dem späteren Generalsekretär der SED, und Wilhelm Piecks, dem späteren Präsidenten der DDR, gegründet. (vgl. Weber 2001, S. 27) Vier Tage später, am 15. Juni 1945, brachte der „Vorbereitende Gewerkschaftsausschuss für Groß- Berlin“, der letztlich der erste FDGB-Vorstand werden sollte, den Aufruf zur Gründung einer Einheitsgewerkschaft an die Öffentlichkeit. Angezettelt wurde dieser Aufruf durch die Sow- jetunion, die somit eine für ganz Deutschland geltende kommunistische Modellgewerkschaft ins Leben rufen wollte. Im Gründungsaufruf der Gewerkschaft bekannte man sich zu folgen- den programmatischen Schwerpunkten: „dem Kampf gegen den Nationalsozialismus, dem Wiederaufbau, der Vertretung der Arbeiter und Angestellten, erzieherische[n] Tätigkeiten“ (Gill 1991, S. 26) und der Einheitsgewerkschaft.

Mit dem letzten Punkt war die Übereinstimmung der deutschen Gewerkschafter aller Besat- zungszonen nach dem zweiten Weltkrieg über die Tatsache angesprochen, dass es einer star- ken Einheitsgewerkschaft bedarf, um die Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft in Ganzdeutschland zu gewährleisten. Denn man war sich darüber einig, dass sich die weltan- schauliche und politische Zersplitterung der Gewerkschaften, die die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 erleichtert hatte, nicht wiederholen dürfe. Mit der Einheitsgewerk- schaft war also der Zusammenschluss sozialdemokratischer, christlicher, kommunistischer und parteiloser Gewerkschafter in einer Gewerkschaft gemeint. (vgl. Eckelmann 1990, S. 10)

„Ausgehend von den Lehren der Vergangenheit, wird gefordert, daß [sic!] die freien Gewerk- schaften unter Zusammenfassung aller früheren Richtungen in ihrer Arbeit eine Kampfeinheit zur völligen Vernichtung des Faschismus werden. […] Als erstes programmatisches Doku- ment der deutschen Gewerkschaftsbewegung nach der Zerschlagung des Faschismus ist dieser Aufruf die Geburtsurkunde des FDGB“ (Deutschland 1985, S. 8). Diesem Prinzip der Ein- heitsgewerkschaft wurde im „Vorbereitenden Gewerkschaftsausschuss für Groß-Berlin“, offi- ziell bestehend aus drei KPD-Mitgliedern, drei SPD-Mitgliedern, zwei CDU-Mitgliedern, nachgegangen. Allerdings waren die politischen Kräfte zum Zeitpunkt des Gründungsausrufs nicht mehr gleich verteilt, denn eines der Mitglieder dieses Vorstandes war ohne Kenntnis der übrigen von der SPD in die KPD übergewechselt4. (vgl. Gill 1991, S. 25) Vier Kommunisten standen vier Angehörigen anderer Parteien gegenüber. Die spätere politische Entwicklungs- richtung des FDGB und der sowjetische Einfluss zeichneten sich bereits zum Zeitpunkt der Gründung deutlich ab. (vgl. Gill 1991, S. 26)

Jedoch fiel die endgültige Entscheidung, ob der FDGB eine leninistisch-stalinistische Ge- werkschaft werden würde, noch nicht 1945. Die ersten gewerkschaftlichen Tätigkeiten dieser Zeit wichen abgesehen von ihrem Rahmen der Nachkriegszeit kaum von früheren Gewerk- schaften ab. Die Programmatik war noch relativ unklar. Gleichzeitig entstanden im Sommer und Herbst 1945 überall in der SBZ Landes- und Einzelverbandsvorstände die wie der Grün- dungsausschuss in Berlin selbst unter maßgeblichem KPD-Einfluss standen. Dabei besaß dieser Ausschuss des Gründungsjahrs 1945 praktisch keine demokratische Legitimation. Er hatte sich sozusagen selbst ernannt und war anschließend von der SMAD abgesegnet worden. Die zwei im Juni und Juli ‘45 in Berlin abgehaltenen Konferenzen zur Bestätigung dieser In- stanz waren eher Proforma-Angelegenheiten gewesen, denn die Delegierten, die bei diesen Konferenzen die Demokratische Legitimation liefern sollten, waren selbst nicht durch Wahlen auserwählt worden, sondern nach dem Zufallsprinzip in die Hauptstadt berufen worden. Hin- zu kam die Tatsache, dass der FDGB-Gründungsausschuss zwar den Anspruch für sich erhob eine Organisation für ganz Deutschland zu sein, formal war er jedoch nur für Berlin zustän- dig. Auch für die SBZ, in der der Berliner Gewerkschaftsausschuss zwar aktiv war, gab es selbst noch keinen eigenen Gewerkschaftsvorstand. (vgl. Gill 1991, S. 27f)

[...]


1 Das bekannteste Mittel des Arbeitskampfes ist der Streik, d.h. die zeitlich befristete kollektive Arbeitsniederlegung zu Durchsetzung der Forderungen der Lohnabhängigbeschäftigten.

2 Die Gesamtheit aller zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern ablaufenden Beziehungen in einem Land, einem Industriezweig oder einem bestimmten Unternehmen wird als „industrielle Beziehungen“ oder auch als „Arbeitsbeziehungen“ bezeichnet. (vgl. Müller-Jentsch 1986, S. 10)

3 Der Begriff „Gewerkschaft“ knüpft formal an den der mittelalterlichen „Gewerke“ an. Dies waren ursprünglich Produktions- und Eigentumsgemeinschaften gleichberechtigter und gemeinsam produzierender Genossen eines Bergwerkes. (vgl. Bernsdorf 1969, S. 375)

4 „Bei der Zusammenfassung des vorbereitenden Ausschusses wurde Wert auf die Parität gelegt, so daß [sic!] drei Kollegen der KPD, drei Kollegen der SPD und außerdem die Kollegen Kaiser und Lemmer dem Ausschuß [sic!] angehörten. Später wurde ganz zufällig bekannt, daß [sic!] Kollege Brass inzwischen zur KPD übergetre- ten war, also die Parität zwischen SPD und KPD wie 2 zu 4 stand“(H. Schlimme zit. n. Eckelmann 1990, S. 12)

Details

Seiten
28
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656139669
ISBN (Buch)
9783656139911
Dateigröße
728 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189662
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
FDGB Gewerkschaft DDR industrielle Beziehungen

Autor

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