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Bismarck zur Primetime

Darstellung und Vermittlung von Geschichte in Fernsehdokumentationen am Beispiel der ZDF-Reihe "Die Deutschen"

Seminararbeit 2012 35 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1. Geschichtsvermittlung via Fernsehdokumentation: Chancen, Grenzen, Risiken

2. Die ZDF-Dokureihe »Die Deutschen«
2.1. Hintergründe zur Sendereihe
2.2. Methoden der Geschichtsvermittlung in der ZDF-Dokureihe »Die Deutschen«

3. Die Darstellung der Geschichte am Beispiel von Episode 9: Bismarck und das Deutsche Reich
3.1. Inhalt und Aufbau
3.2. Gestaltung
3.3. Die Darstellung Otto von Bismarcks

Schlussbetrachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Aufarbeitung und Vermittlung vergangener Ereignisse war zu keiner Zeit allein der pro- fessionellen akademischen Geschichtswissenschaft überlassen. Ein Monopol hierauf, wie nicht selten bis heute unhinterfragt angenommen, besaß sie demnach nie. Denn zeitgleich zur Etab- lierung der Geschichtsforschung als neuer akademischer Wissenschaftsdisziplin entstand be- reits im 19. Jahrhundert auch eine populäre Geschichtskultur; und diese setzt sich bis heute fort. Besonders seit Ende der 1970er Jahre lässt sich wieder ein zunehmend größer werdendes öffentliches Interesse an der Vergangenheit und ihrer Aufarbeitung feststellen.1

Dementsprechend zahlreich sind auch die außerakademischen Instanzen und Institutio- nen, die sich der Vermittlung von Geschichte mittlerweile annehmen. In beinahe jeder Ge- meinde werden in regelmäßigen Abständen historische Feste oder Märkte abgehalten oder wird die Lokalgeschichte in Heimatmuseen dargeboten. In größerem Maßstab arbeiten Zeit- schriften und Magazine Geschichte auf. So titelt zum Beispiel das Nachrichtenmagazin »DER SPIEGEL« in unregelmäßigen Abständen - besonders jedoch im Rahmen von Jahrestagen oder Jubiläen - mit historischen Themen und widmet mit »SPIEGEL GESCHICHTE« der historischen Sparte seit 2009 alle zwei Monate sogar ein eigenes Heft. Ebenso publizieren auch die Wochenzeitung »DIE ZEIT« sowie das Wissenschaftsmagazin »GEO«, um nur zwei weitere Beispiele von zahlreichen möglichen zu nennen, regelmäßig eigene Geschichtsmagazi- ne: »ZEIT GESCHICHTE« und »GEO EPOCHE«. Darüber hinaus erfreuen sich Historien- romane, die in Buchhandlungen mittlerweile ganze Regalwände zu füllen im Stande sind, im- mer größerer Beliebtheit und nicht zuletzt das Internet bietet zahlreiche Plattformen zur histo- risch-politischen Bildung.2

Doch neben allen bereits genannten ‚Geschichtsvermittlern‘ leistet auch das Fernsehen - wohl nicht zuletzt aufgrund seiner spezifischen Eigenschaften als Massenmedium, welches mit 24 Stunden täglicher Sendezeit an 365 Tagen im Jahr einer Vielzahl von Menschen rund um die Uhr zur Verfügung steht - einen beträchtlichen Beitrag zur populären Geschichtsvermitt- lung. Der Historiker Edgar Wolfrum geht sogar so weit, zu sagen, dass Åheute […] das Fern- sehen die Grundversorgung der Gesellschaft mit Geschichtsbildern übernommen“3 hat. Eine Studie von Edgar Lersch und Reinhold Viehoff im Auftrag der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen beziffert den Anteil der ÅSendungen mit historischen Inhalten“4 für das Jahr 2003 auf 5,4 Prozent des Gesamtprogramms der untersuchten Fernsehsender. Eine sol- che Zahl mag zunächst nicht besonders eindrucksvoll erscheinen, bedeutet aber doch, dass gut jede zwanzigste Sendung, unabhängig von Format oder Genre, historische Sachverhalte the- matisiert, was angesichts der Vielzahl von Themen, denen sich die Rundfunkanstalten außer- dem widmen, die Behauptung rechtfertigt, dass die Geschichte anderen Themenkomplexen im Fernsehen durchaus nicht nachsteht. Das eindeutig dominierende Genre dabei ist - mit Aus- nahme bei den privaten Sendern - das der Dokumentation. Etwa 11,7 Prozent der im Fernse- hen ausgestrahlten Dokumentationen, so eine Studie von Fritz Wolf aus dem Jahr 20035, ha- ben historische bzw. zeithistorische Themen zum Inhalt; die ‚Geschichtsdokumentation‘ ran- giert somit noch knapp vor der Kategorie ‚Tier‘ (11,5 Prozent) auf dem dritten Platz und er- weist sich somit als fest etabliertes Genre - mit durchaus steigender Tendenz.6

Die Möglichkeiten der Vermittlung und der Darstellung von Geschichte im Genre der Dokumentation sollen in dieser Arbeit nun am Beispiel der im Herbst 2008 vom ZDF ausge- strahlten Dokumentarreihe »Die Deutschen« genauer untersucht werden. Die Tatsache, dass die Sendung einen so beachtlichen Quotenerfolg von durchschnittlich ca. 5 Millionen Zu- schauern für das ZDF einbrachte7, verdeutlicht sehr schön, dass das Potential der Einfluss- nahme auf das Geschichtsbild der Bevölkerung und deren Vorstellung von der ‚deutschen‘ Geschichte durch die Sendereihe keinesfalls gering ist. Daher erscheint es durchaus sinnvoll, die Dokumentation einmal genauer auf ihren Umgang mit der Geschichte zu untersuchen. Dabei werden - nach einer kurzen allgemeinen Darstellung zur Geschichtsdokumentation im Fernsehen - zweierlei Aspekte in den Fokus der Arbeit gestellt: zum einen die Frage, welcher Methoden der Vermittlung von Geschichte sich die gesamte Dokumentarreihe bedient und zum anderen - dann exemplarisch an der hierfür ausgewählten Episode 9 ‚Bismarck und das Deutsche Reich‘ - die Frage, wie die historischen Ereignisse und Prozesse hier genau zur Dar- stellung kommen.

Was die Forschungsliteratur zum Gegenstand angeht, so lässt sich feststellen, dass der Themenkomplex ‚Geschichte und Fernsehen‘ reichlich von der Geschichtswissenschaft be- dacht worden ist. Besonders im Zusammenhang mit den NS-Dokumentationen Guido Knopps setzte eine intensivere Auseinandersetzung mit der Frage ein, ob oder wie Geschichte und Fernsehen miteinander in Einklang zu bringen sind, und gerade in den letzten Jahren ent- standen eine Reihe von Sammelbänden, die sich dem Gegenstand widmen, so zum Beispiel die bereits zitierte Forschung von Lersch und Viehoff8. Fruchtbare Beitrage versammeln auch Thomas Fischer und Rainer Wirtz in ihrem Band ‚Alles Authentisch?‘9, ebenso wie Judith Keilbach und Eva Hohenberger in ‚Die Gegenwart der Vergangenheit‘10. Über das Fernsehen hinaus - auch andere Medien behandelnd - ragt die Arbeit von Barbara Korte und Sylvia Pa- letschek ‚History goes Pop‘.11

Zum Schwerpunkt der Arbeit, der Dokumentarreihe ‚Die Deutschen‘, jedoch existiert bisher keine wissenschaftliche Literatur, weder zur Sendung insgesamt, noch zu einer bestimmten Episode. Die hier zur Darstellung gebrachten Aspekte basieren daher vorwiegend auf eigenen Beobachtungen und sollen einen Anfang bilden in der geschichtswissenschaftlichen Bearbeitung der Dokumentarreihe.

Dass das Fernsehen - und innerhalb dieses Mediums das Genre der Dokumentation - mit zu den bedeutendsten Instanzen zählt, die das Geschichtsbild der Gegenwart in Deutschland mitkonstruieren, wurde eingangs bereits erwähnt. Doch so groß die Wirkmächtigkeit des Me- diums auf die Prägung jenes Geschichtsbildes hierzulande ist, so groß scheint seit jeher die Abneigung gegenüber dieser Art der populären Geschichtsvermittlung seitens der professio- nellen akademischen Historikerzunft, die sich nicht selten von Guido Knopp und dessen Fernsehkollegen vom Thron ihrer Deutungshoheit über die Geschichte gestoßen zu fühlen scheint. Generell hat die distanzierte, kritische Betrachtung populärer Geschichtsdarstellungen durch die Fachhistoriker schon im 19. Jahrhundert ihre Wurzeln.12 Und noch 1959, unter- schied der Althistoriker Alfred Heuß in einer Monographie mit dem Titel ‚Verlust der Ge- schichte‘13 ganz klar zwischen Åwissenschaftlicher historischer Aussage“ und ÅVulgärmeinun- gen“14. Die Geschichte möge man Åin den Bibliotheken, in den Hörsälen der Hochschulen, in den wissenschaftlichen Instituten und Archiven“15 aufsuchen, wo sie sich allerdings in Isolation befände und die einzige Brücke für den modernen Menschen Åsich höchstens mittels billiger Popularisierungen einzelner Ausschnitte herstell[e], berechnet weniger auf ihre Vermittlung als zur Befriedigung des Unterhaltungsbedürfnisses.“16

Der Begriff Popularisierung, dem per se zunächst nichts Abwertendes anhaftet, ist hier eindeutig negativ besetzt; und mit seiner negativen Konnotation ist das Wort auch heute mehr denn je in aller Munde (zumindest der Diskutanten), wenn es um die Frage geht, wie weit der außerakademische Umgang mit Geschichte reichen darf.17 Und es scheint für manchen Histo- riker gar zu einem Dämon geworden zu sein, vor dem es sein Fach zu beschützen gilt, wie die metaphorische Beschimpfung der Arbeit (hauptsächlich) der ZDF-Zeitgeschichte-Redaktion mit dem wenig schmeichelhaften Begriff der ‚Geschichtspornographie‘ durch Wulf Kansteiner unter anderem auf dem 46. Deutschen Historikertag 2006 vermuten lässt.18 Auch der Jenaer Professor Norbert Frei bediente sich dort dieses Vergleichs, was deutlich zeigt, mit welcher Polemik die Debatte teilweise geführt wird.19 Überhaupt kristallisiert sich - und dies zeigte der Historikertag einmal mehr - der Großteil der Diskussion und Kritik an der Person Guido Knopps und seinen Geschichtsdarstellungen im TV, nicht zuletzt wohl auch deswegen, weil sie die mitunter quotenstärksten sind.20 Die Popularisierung der Geschichte durch diese - aber keinesfalls ausschließlich durch diese - löst jedoch - und damit zurück zur eigentlichen Prob- lematik - mindestens ein gewisses ÅUnbehagen“ bei nicht wenigen Wissenschaftlern aus, wie Fabio Crivellari in seinem entsprechend betitelten Aufsatz ‚Das Unbehagen der Geschichts- wissenschaft vor der Popularisierung‘ feststellt: Unbehagen allein schon aufgrund des großen Beitrags des Fernsehens zum kollektiven Geschichtsbild.21

Beunruhigung ist die eine Seite, doch was veranlasst die professionellen Historiker immer wieder zu ihrer ablehnenden Haltung? Ist es tatsächlich der Neid, dass nicht mehr sie, sondern Fernsehschaffende mittlerweile jene Geschichtsbilder der Gegenwart prägen, wie auch Stefan Donaubauer fragt, also die bereits erwähnte Deutungshoheit, derer sie verlustig gegangen zu sein glauben, und der große Erfolg vieler Geschichtsdokumentationen im Fernsehen, weshalb sie zum Teil zu solch drastischen und der Debatte nicht unbedingt förderlichen Urteilen wie jenem von Wulf Kansteiner gelangen?22 Denn dass das ‚Prinzip Knopp‘ funktioniert belegen nicht zuletzt die beachtlichen Quotenerfolge der entsprechenden Sendungen. Das Bewusst- sein, mit dem eigenen Beitrag zur Geschichtsaufarbeitung lediglich einen kleinen Kreis von Fachkollegen erreichen zu können - denn fachwissenschaftliche Publikationen erscheinen in der Regel recht auflagenschwach - mag in Einzelfällen womöglich eine reservierte Haltung gegenüber den Dokusendungen im Fernsehen erklären. Jedoch sämtliche Reibungen hierauf zurückzuführen, wäre unangemessen, denn die Kritik der Fachwissenschaft ist in nicht weni- gen Fällen durchaus plausibel und nachvollziehbar. Woran genau sich also jenes Unbehagen und die Skepsis, mit welcher Historiker den populären Geschichtsdarstellungen im Fernsehen gegenüberstehen, manifestiert, was Gegenstand ihrer Kritik ist, soll im Folgenden kurz skiz- ziert werden.

Der am häufigsten vorgebrachte Einwand ist sicherlich der, dass in journalistischer Manier Reduktionismus betrieben werde und damit in der Geschichtsdokumentation die wissenschaftliche Genauigkeit allzu oft den Maßgaben des Fernsehens - Quote, Spannung und Unterhaltung - untergeordnet oder gar geopfert werde. Geschichte, so Hans Günter Hockerts, Åwird als Infotainment verpackt oder zum bloßen Amüsement angeboten, was […] rasch zu Trivialisierung und Banalisierung führen kann.“23 Zur Ausrichtung der Dokumentation an der Einschaltquote zählt auch die vielfach zu beobachtende und ebenso kritisierte Personalisierung24, Dramatisierung und Emotionalisierung.25

Eng mit der vorgeworfenen Quotenorientierung in Beziehung steht die konkrete Kritik an der Machart der Sendungen. So wird zum Beispiel häufig die unklare Herkunft der in den Dokumentationen gezeigten Bilder - ob nun Originalaufnahmen, Computeranimationen oder gedrehte Szenen - moniert und überhaupt deren Dominanz und ÅVerselbstständigung“26 kri- tisch beäugt. Der Off-Kommentar bestehe nur noch aus lakonischen Einwürfen und rhetori- schen Fragen und diene lediglich der Illustration der Bilder, so Frank Bösch. Und allzu oft fehle auch die gegenseitige Bezugnahme, wie Edgar Lersch feststellt. ÅDie […] geringe Refe- rentialität der eingesetzten Bilder zum gesprochenen Kommentar ist und bleibt das wieder- kehrende Problem aller Geschichtsdokumentationen.“27 Des Weiteren sehen Historiker nicht selten die Grenze zwischen Fakt und Fiktion verschwimmen, beispielsweise durch nachge- spielte Szenen, den sog. Reenactments. Gleiches gilt für die Abgrenzung zwischen historisch gesicherten Tatsachen und den Berichten von Zeitzeugen, welche in aller Regel unkommen- tiert bleiben und als ‚Erinnerungsschnipsel‘ von meist nur wenigen Sekunden Länge weder kontextualisiert noch der gebotenen kritischen Betrachtung unterzogen werden, sondern als allgemein gültige Aussage erscheinen und nicht als höchst subjektive Perspektive eines Be- troffenen.28

Diese als Mängel empfundenen Charakteristika der meisten Geschichtsdokumentationen, die heute im Fernsehen zu sehen sind, lassen bei manchen Vertretern der Fachwissenschaft sogar Zweifel an der grundsätzlichen Tauglichkeit des Mediums zur Geschichtsvermittlung aufkeimen. Bereits 1981 kam Rolf Schörken zu dem Schluss, dass Åwichtige Aufgaben der Er- schließung und Erkenntnis von Geschichte […] von den Medien nicht übernommen werden [könnten].“29 Und auch Rainer Wirtz, als Professor für Geschichte in Medien von Berufs we- gen mit der Thematik vertraut, vertritt die Ansicht, dass in einer fernsehgerechten Erzählung von Geschichte die Zeit viel zu kurz käme und somit kaum Raum für historische Zusammen- hänge bliebe. Andersherum formuliert bedeutet dies, dass eine Produktion, die sich die Zeit und den Raum für geschichtliche Zusammenhänge nehmen würde, dann eben nicht mehr fernsehtauglich wäre.30

Doch bei aller Kritik seitens der Wissenschaft gibt es auch Historiker, die an ihre Fachkollegen appellieren, sich aus dem viel zitierten Elfenbeinturm heraus zu begeben und endlich in einen - fruchtbaren - Dialog mit den Medienschaffenden zu treten.31

Nach all den hier skizzierten Einwänden der akademischen Fachhistoriker soll nun im Weiteren ausgeführt werden, was die historische Dokumentation und ihr Publikationsmedium, das Fernsehen, tatsächlich für die Vermittlung von Geschichte zu leisten im Stande ist und was ganz klar auch nicht. Wo also liegen Stärken und Schwächen, welche Chancen bietet das Format und an welchen Stellen und in welchen Momenten erweisen sich seine Grenzen oder wann birgt es sogar Risiken?

Begonnen werden soll mit einer sehr banalen Feststellung, welche aber zugleich die wohl größte Einschränkung einer historischen Fernsehdokumentation darstellt: Die jeweilige Ge- schichte, das jeweilige historische Ereignis, kurz: der Stoff, muss für eine derartige Darstellung geeignet sein; und dies in zweierlei Hinsicht: Die Autoren einer Fernsehdokumentation richten sich mit ihrer Arbeit nicht wie der Verfasser einer fachwissenschaftlichen Monographie vor- rangig an nur wenige interessierte Kollegen, sondern an ein Massenpublikum, welches es für die Sendung zu gewinnen gilt. Dementsprechend - und dies ist der erste Aspekt - bieten sich zur Bearbeitung nur Themen an, die sich auch für eine mediale Aufbereitung eignen, also ein gewisses inhaltliches Potential mitbringen. Thomas Balzer schreibt in seinem ‚Werkstattbe- richt‘ zur Fernsehdokumentation von einem ÅGesprächswert“32, den ein Thema haben muss und der Möglichkeit, dieses emotional für eine Dokumentation aufladen zu können. Diese Emotionalisierung wird in der Regel erreicht, mindestens aber verstärkt mittels einer dramati- schen Anordnung der Geschehnisse und der überwiegenden Konzentration auf einige wenige Personen, die in den Mittelpunkt gerückt werden. Das Risiko, dass der Einsatz derartiger stilis- tischer Mittel - Emotionalisierung, Dramatisierung, Personalisierung - in ausufernder Weise erfolgt, bleibt vor dem Hintergrund eines nach Spannung, Unterhaltung und Quote streben- den und davon lebenden Mediums stets präsent.33

Weitaus problematischer bezüglich der Stoffeignung ist jedoch der zweite Aspekt: Das Fernsehen ist per definitionem ein visuelles Medium, übermittelt den mit Abstand größten Teil der Informationen also mit Bildern. Ohne sie geht es nicht. Und dieser ÅZwang zum Bild“34, den auch Edgar Lersch als die Schwachstelle der historischen Dokumentation aus- macht, stellt diese vor ihre wohl größte Herausforderung. Ein abstrakter historischer Sachver- halt muss in konkrete Bilder übersetzt werden, was jedoch zum Beispiel im Falle von Begrif- vellari, Fabio u.a.: Einleitung: Die Medialität der Geschichte und die Historizität der Medien. In: Ders. u.a. (Hrsg.): Die Medien der Geschichte. Historizität und Medialität in interdisziplinärer Perspektive. Konstanz 2004, S. 9-45, hier: S. 13. fen, Ideen, Gedanken oder Haltungen, so lässt sich mit Wolfgang Protzner und Brigitte Hop- pert feststellen35, ebenso schwer umzusetzen ist wie bei langandauernden gesellschaftlichen und sozialen Umwälzungen, Gesetztestexten oder sozialgeschichtlichen Statistiken. Diese Notwendigkeit der Visualisierung macht es ein Stück weit unerlässlich, die Umsetzung der Ge- schichte in einer Fernsehdokumentation an den Möglichkeiten der bildlichen Darstellbarkeit auszurichten und schließt damit auch die Gefahr mit ein, solche medienspezifischen Aspekte bei der Gestaltung der Sendung den geschichtswissenschaftlichen voranzustellen.

[...]


1 Vgl.: Knopp, Guido: Geschichte im Fernsehen. Perspektiven der Praxis. In: Knopp, Guido/Quandt, Siegfried (Hrsg.): Geschichte im Fernsehen. Ein Handbuch. Darmstadt 1988, S. 1-9, hier: S. 1.

2 Vgl.: Korte, Barbara/Paletschek, Sylvia: Geschichte in populären Medien und Genres: Vom Historischen Roman zum Computerspiel. In.: Dies. (Hrsg.): History goes Pop. Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres. Bielefeld 2009, S. 9-60, hier: S. 9, 12f. u. 18ff.

3 Wolfrum, Edgar: Neue Erinnerungskultur: Die Massenmedialisierung des 17. Juni 1953. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B40/41. Bonn 2003, S. 33-39, hier: S. 36.

4 Lersch, Edgar/Viehoff, Reinhold: Geschichte im Fernsehen. Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003. Berlin 2007, S. 96.

5 Wolf, Fritz: Alles Doku - oder was? Über die Ausdifferenzierung des Dokumentarischen im Fernsehen. Expertise des Adolf Grimme Instituts im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW, der Dokumentarfilminitiative im Filmbüro NW, des Südwestrundfunks und des ZDF. Düsseldorf 2003.

6 Vgl.: Ebd., S. 39.

7 Vgl.: http://diedeutschen.zdf.de/ZDFde/inhalt/10/0,1872,7413290,00.html. (Zuletzt geöffnet am 27.04.2011).

8 S. Anm. 4.

9 Fischer, Thomas/Wirtz, Rainer (Hrsg.): Alles authentisch? Popularisierung der Geschichte im Fernsehen. Kon- stanz 2008.

10 Hohenberger, Eva/Keilbach, Judith (Hrsg.): Die Gegenwart der Vergangenheit. Dokumentarfilm, Fernsehen und Geschichte. Berlin 2003.

11 Korte, Barbara/Paletschek, Sylvia (Hrsg.): History goes Pop. Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres. Bielefeld 2009.

12 Vgl.: Crivellari, Fabio: Das Unbehagen der Geschichtswissenschaft vor der Popularisierung. In: Fischer/Wirtz (Hrsg.): Alles authentisch?, S. 161-185, hier: S. 163; Wolfrum: Erinnerungskultur, S. 36f.

13 Heuß, Alfred: Verlust der Geschichte. Göttingen 1959.

14 Ebd., S. 10.

15 Ebd., S. 57.

16 Ebd.

17 Auf dem 46. Deutschen Historikertag 2006 in Konstanz wurde von Thomas Fischer und Rainer Wirtz eigens zum Thema Popularisierung eine Sektion veranstaltet mit dem Titel ÅPopularisierung der Geschichte im Fernsehen - Folgen für die Geschichtswissenschaft?“; ebenso erschien 2008 unter der Herausgeberschaft der beiden Autoren ein Sammelband - Vgl.: Anm. 9

18 Vgl.: Donaubauer, Stefan: Die Historische Dokumentation im Bayerischen Fernsehen von 1964 bis 2004. In: Fenn, Monika (Hrsg.): Aus der Werkstatt des Historikers. Didaktik der Geschichte versus Didaktik des Ge- schichtsunterrichts. 2008, S. 141-162, hier: S. 142; Wischermann, Clemens u.a. (Hrsg.): GeschichtsBilder. 46. Deutscher Historikertag vom 19. bis 22. September in Konstanz. Berichtsband. Konstanz 2007, S. 185; den Be- griff der ÅGeschichtspornographie“ verwendet Kansteiner auch zuvor schon in einem Aufsatz - Vgl.: Kansteiner, Wulf: Die Radikalisierung des deutschen Gedächtnisses im Zeitalter seiner kommerziellen Reproduktion: Hitler und das ÅDritte Reich“ in den Fernsehdokumentationen von Guido Knopp. In: Zeitschrift für Geschichtswis- senschaft 51 (2003) 7, S. 626-648, hier: S. 648.

19 Vgl. hierzu: Bebber, Frank van: Aversionen gegen Herrn K. Online in: Der Tagesspiegel. Stand: 25.09.2006. http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/gesundheit/aversionen-gegen-herrn-k-/755788.html. (Zuletzt geöffnet am 27.04.2011).

20 Vgl.: ebd.

21 Vgl.: Crivellari: Unbehagen, S. 162.

22 Vgl.: Donaubauer: Dokumentation, S. 142f.

23 Hockerts, Hans Günter: Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft. In: Jarausch, Konrad H./Sabow, Martin (Hrsg.): Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt. Frankfurt a.M./New York 2002, S. 39-73, hier: S. 59.

24 Zur Personalisierung in historischen Fernsehdokumentationen vgl. auch: Hardtwig, Wolfgang: Personalisierung als Darstellungsprinzip. In: Knopp, Guido/Quandt, Siegfried (Hrsg.): Geschichte im Fernsehen. Ein Handbuch. Darmstadt 1988, S. 234-241.

25 Vgl.: Crivellari: Unbehagen, S. 181; Tagungsbericht HT 2006: Popularisierung der Geschichte im Fernsehen - Folgen für die Geschichtswissenschaft? Konstanz 19.09.2006-22.09.2006. In: H-Soz-u-Kult, 09.01.2007. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1201. (Zuletzt geöffnet am 29.12.2010).

26 Tagungsbericht HT 2006.

27 Lersch, Edgar: Zur Geschichte dokumentarischer Formen und ihrer ästhetischen Gestaltung im öffentlichrechtlichen Fernsehen. In: Fischer, Thomas/Wirtz, Rainer (Hrsg.): Alles Authentisch? Popularisierung der Geschichte im Fernsehen. Konstanz 2008, S. 109-136, hier: S. 133.

28 Vgl.: Wirtz, Rainer: Alles authentisch: So war‘s. Geschichte im Fernsehen oder TV-History. In: Fischer, Thomas/Wirtz, Rainer (Hrsg.): Alles Authentisch? Popularisierung der Geschichte im Fernsehen. Konstanz 2008, S. 9-32, hier: S. 12; Tagungsbericht HT 2006; Donaubauer: Dokumentation, S. 142; Geschichtsfernsehen im ZDF. In: Fischer, Torben/Lorenz, Matthias N. (Hrsg.): Lexikon der ÅVergangenheitsbewältigung“ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Bielefeld 22009, S. 341-344, hier: S. 343; den Umgang mit Zeitzeugenaussagen hat Judith Keilbach in einigen Studien genauer analysiert, vgl. z.B. Keilbach, Judith: Zeugen der Vernichtung. Zur Inszenierung von Zeitzeugen in bundesdeutschen Fernsehdokumentationen. In: Hohenberger, Eva/Keilbach, Judith (Hrsg.): Die Gegenwart der Vergangenheit. Dokumentarfilm, Fernsehen und Geschichte. Berlin 2003, S. 155-174.

29 Schörken, Rolf: Geschichte in der Alltagswelt. Wie uns Geschichte begegnet und was wir mit ihr machen. Stuttgart 1981, S. 222.

30 Vgl.: Donaubauer: Dokumentation, S. 142; Tagungsbericht HT 2006.

31 Vgl. hierzu zum Beispiel: Brockmann, Andrea: Historische Fernsehdokumentation und Geschichtswissenschaft

- eine Deutungskonkurrenz? In: Bios 21 (2008) 1, S. 70-78, hier: S. 76f.; Wolfrum: Erinnerungskultur, S. 37; Cri-

32 Vgl.: Balzer, Thomas: Die Fernsehdokumentation - Ein Werkstattbericht. In: Horn, Sabine/Sauer, Michael (Hrsg.): Geschichte und Öffentlichkeit. Orte - Medien - Institutionen. Göttingen 2009, S. 144-152, hier: S. 144.

33 Zu den Kriterien der Stoffauswahl vgl.: Wolf, Fritz: Der Weitererzähler. Fernsehen und Geschichtserzählung. In: Jahrbuch Fernsehen (2004), S. 28-44, hier: S. 39; Lersch, Edgar: Zwischen Routine, Årasendem Stillstand“ und der Suche nach neuen Wegen. Zum Stand der Geschichtsdokumentation im deutschen Fernsehen. In: Archiv und Wirtschaft 39 (2006) 4, S. 165-174, hier: S. 170f.

34 Lersch: Routine, S. 170.

35 Vgl.: Protzner, Wolfgang/Hoppert, Brigitte: Geschichtsbewußtsein aus der Glotze? Eine Bestandsaufnahme der fachdidaktischen Diskussion zum Thema ÅGeschichte und Fernsehen“. München 1986, S. 74.

Details

Seiten
35
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656139447
ISBN (Buch)
9783656139423
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189615
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2-3
Schlagworte
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Titel: Bismarck zur Primetime