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All the world’s a stage - Selbstdarstellung auf sozialen Netzwerkseiten

Eine Analyse der kommunikationswissenschaftlichen Literatur

Bachelorarbeit 2011 43 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sozialpsychologische Begriffe
2.1 Identität
2.2 Selbst

3 Selbstdarstellung
3.1 Definition
3.2 Arten und Techniken
3.3 Funktionen

4 Selbstdarstellung auf sozialen Netzwerkseiten
4.1 Soziale Netzwerkseiten
4.1.1 Definition
4.1.2 Aufbau des Profils
4.2 Selbstdarstellung durch computervermittelte Kommunikation
4.2.1 Textualität statt Körperlichkeit
4.2.2 Die Rolle des Publikums
4.2.3 Bewusstheit und Kontrolle
4.2.4 Simulationspotenzial
4.3 Facebook oder Fakebook?
- Die Rolle der Falschinformationen

5 Fazit

6 Literatur

Anhang

1 Einleitung

Meine Gruppenliste sagt mehr über mich aus als mein Profil! Mein Profil ist cooler als ich

StudiVZ sagt: "Das bist Du!" Ja?! Meine Fresse! Bin ich GEIL!!! 1

Auf den deutschen VZ-Webseiten sind aktuell2 über 17 Millionen Mitglieder re- gistriert. Jede Woche kommen tausende neue Nutzer hinzu. (Vgl. StudiVZ 2011) Die international ausgerichtete soziale Netzwerkseite Facebook hat mittlerweile schon über 500 Millionen aktive Nutzer, wovon sich mehr als 50 Prozent sogar täglich einloggen (vgl. Facebook 2011). Diese Zahlen demonstrieren, welch her- ausragende Stellung Social Network Sites (SNS) in der heutigen Zeit einnehmen. Auf SNS wird kommuniziert, analysiert und vor allem interagiert. Alle Momente der menschlichen Interaktion inkludieren auch Prozesse der Selbstdarstellung. In diesem Sinne können SNS als eine Art postmoderne Bühne für Selbstdarstellun- gen jeglicher Art verstanden werden. (Vgl. Misoch 2004: 29) Ob durch Gruppen- mitgliedschaften, Profilbilder oder Interessenangaben - Selbstdarstellungsmög- lichkeiten gibt es auf SNS zu genüge. Schon zu Beginn des Booms sozialer Netz- werke in Deutschland durch die Etablierung des StudiVZ im Jahre 2007 konnte bei den Nutzertypen des Web 2.0 herausgestellt werden, dass das Social Web ver- mehrt zu Selbstdarstellungszwecken genutzt wird. Den so genannten Selbstdar- stellern geht es dabei in erster Linie um die Präsentation der eigenen Person. Ob- wohl reine Selbstdarstellung ohne Verbindung mit anderen Motiven äußerst selten vorkommt, generiert dieses Nutzungsmotiv einen eigenen Typus. (Vgl. Haas et al. 2007: 221)

Vor diesem Hintergrund scheint es wichtig zu sein dieses Nutzungsmotiv genauer zu analysieren. Ein erster Schritt der Arbeit wird es sein, herauszufiltern, was das Phänomen der Selbstdarstellung im Kontext SNS so besonders macht. Dabei wird ein starker Fokus auf die Merkmale der computervermittelten Kommunikation (CVK) gelegt, um zu erklären wie sich die heutige netzwerkbasierte Selbstdarstel- lung im Vergleich zur alltäglichen Selbstdarstellung bei der Face-to-face Kom- munikation äußert. Möglicherweise regen die einfache und spielerische Handha- bung der SNS (vgl. Haferkamp 2010: 22) und vor allem die Merkmale indirekter Kommunikation durch den Computer den Produzenten dazu an, bei der Profiler- stellung mit seiner Identität zu spielen, sich besonders vorteilhaft darzustellen oder sogar Falschinformationen über seine Person zu veröffentlichen. In einem zweiten Schritt soll also schließlich erörtert werden, ob der virtuelle Raum in Form von SNS zu einem Spielfeld der Identitätskonstruktion mutiert.

Der interdisziplinäre Charakter des Faches Kommunikationswissenschaft wird bei der vorliegenden Arbeit sehr deutlich, da der Fokus im sozialpsychologischen Bereich liegen wird. Dieser theoretische Zugang befasst sich vorrangig mit den Kommunikations- und Medienwirkungen auf das Individuum, sein Wissen, Den- ken, Fühlen und in Bezug auf diese Arbeit vor allem auf sein Handeln und Ver- halten auf SNS (vgl. Pürer 2003: 22). Die Arbeit lässt sich demnach im Bereich der Medienwirkungsforschung ansiedeln, wobei die Frage „Was machen die Me- dien mit den Menschen“(Bonfadelli 2004: 19) von zentraler Bedeutung sein wird. Generell lässt sich in den vergangenen Jahren zur Erforschung SNS ein rasanter Anstieg verzeichnen (Grotegut 2011/Haferkamp 2010/Klesper 2010 etc.), wobei die meisten Untersuchungen den Menschen und seinen Umgang mit den Medien zum Forschungsgegenstand machten. Wenn es um personale Selbstdarstellung geht, steht der Mensch notwendigerweise im Fokus des Forschungsinteresses, allerdings soll mit dieser Arbeit der Versuch unternommen werden, das Phäno- men der Selbstdarstellung aus einer verstärkt medienzentrierten Perspektive her- aus zu betrachten.

Ausgegangen von sozialpsychologischen Begriffen wie Identität und Selbst in Kapitel 2, soll im dritten Abschnitt auf das Phänomen der Selbstdarstellung ein- gegangen werden. Dabei wird geklärt, wie sich Selbstdarstellung definieren lässt und welche Arten zu unterscheiden sind. Anschließend wird herausgearbeitet, welcher Techniken sich die Individuen dabei bedienen und welche Funktionen die Selbstdarstellung überhaupt für den Einzelnen hat. Diese theoretische Basis soll den Grundstein legen für eine dezidierte Auseinandersetzung mit der Selbstdar- stellung im Kontext SNS im vierten Kapitel. SNS als Bestandteil des Social Webs/Web 2.0 werden vorerst definiert. Dabei wird es, der Vollständigkeit halber, auch wichtig sein, ausgewählte Profilelemente vorzustellen, die eine Selbstdarstel- lung erst ermöglichen. Auch die Spezifika der CVK werden aufgeführt und erläu- tert. Sie sollen schließlich zeigen, inwieweit sich Selbstdarstellung im Kontext SNS verändert und ob sie dazu führen, Falschinformationen zu verbreiten. Diese Frage wird letztlich in Kapitel 4.3 anhand aktueller Studien versucht zu klären, so dass abschließend durch die untersuchte kommunikationswissenschaftliche Litera- tur ein Fazi t gezogen werden kann.

2 Sozialpsychologische Begriffe

„Man nimmt sich mit, wohin man geht.“(Bloch 1977: 20)

Um auf das Phänomen der Selbstdarstellung einzugehen, bedarf es einer Klärung der Begrifflichkeiten Identität und Selbst, um zu verstehen was Selbstdarstellung im Konkreten bedeutet. Aufgrund der Fülle an Ansätzen zu dieser Thematik sol- len im Folgenden nur die bedeutsamsten Ansätze vorgestellt und erörtert werden.

2.1 Identität

JÖRISSEN stellt fest, dass sozialwissenschaftliche und sozialphilosophische Debat- ten um den Begriff der Identität mit der Komplexität dieses Konzepts und infol- gedessen stets mit fehlender Genauigkeit über das, was unter Identität zu verste- hen ist, zu kämpfen haben. Deshalb schlägt er vor, Identität differenzierter zu ana- lysieren. Metatheoretische Kategorien sollen dabei helfen, sich dezidiert mit dem Begriff auseinanderzusetzen. (Vgl. Jörissen 2000: 13ff.) Auch die Tatsache, dass die Suchmaschine Google für die Begriffskombination „Identität Definition“ins- gesamt 927.000 Ergebnisse liefert, stützt die Annahme, dass es keine einzige und wahre Definition zu geben scheint (vgl. Grotegut 2010: 4). In Anbetracht des be- grenzten Umfangs dieser Arbeit soll solch eine Differenzierung, wie sie in der Sozialpsychologie üblich ist, nicht vorgenommen werden. Vielmehr sollen die prominentesten Vorstellungen von Identität einen Beitrag zum Verständnis leis- ten.

Bevor auf wissenschaftliche Definitionsversuche eingegangen wird, sollte geklärt werden, was der Begriff Identität seiner Wortschöpfung nach bedeutet. Aus dem Lateinischen abgeleitet, wird unter Identität soviel wie eben der oder ein und der selbe verstanden, was den Kern dieses sozialpsychologischen Konstruktes kurz, aber treffend beschreibt (vgl. Eck 2011: 23).

MISOCH bezieht sich auf diese Übersetzung, indem sie unter Identität „die vollständige Übereinstimmung eines Objekts oder eines Subjekts in allen Ein- zelheiten mit sich selbst und […] die auf relativer Konstanz von Verhaltensmustern und/oder Einstellungen beruhende einheitliche (personale) Betrachtung seiner selbst“(2004: 18f.)

versteht. Dementsprechend kann Identität als das Identischsein einer Person mit sich selbst gedeutet werden. Alle Einzelheiten des Menschen mit sich selbst müs- sen übereinstimmen, was letztlich eine Antwort auf die Frage Wer bin ich? liefern kann. (Vgl. ebd.: 19) HURRELMANN führt diesen Gedanken schon einige Jahre früher aus, indem er hervorhebt, dass Identität das Erleben des Sich-Selbst- Gleichseins sei und dass eine Person sich mit sich selbst als identisch wahrneh- men müsse, wenn sie zum Handeln fähig sein wolle. Selbst dann, wenn diverse Anforderungen an das eigene Handeln und im Verlauf des Lebens immer wieder andersartige Herausforderungen an die Koordination der verschiedenen Motive, Empfindungen und Bedürfnisse gestellt würden. (Vgl. 1997: 36, Hervorheb. d. Verf.) Hier wird deutlich betont, dass dem Aspekt der Selbstwahrnehmung eine erhebliche Rolle zukommt, denn nur die Tatsache allein, dass ein Individuum mit sich selbst oder mit einer Sache völlig übereinstimmt, genügt nicht, um Identität umfassend zu bestimmen. Außerdem deutet HURRELMANN an, dass Identität von Dynamik geprägt ist, indem er davon ausgeht, dass während des Lebens immer wieder neue Herausforderungen entstünden, die es zu bewältigen gälte (vgl. ebd.). Noch deutlicher stellt der Soziologe KRAPPMANN diesen Aspekt der Veränderbar- keit der Identität dar:

„Die vom Individuum für die Beteiligung an Kommunikation und gemeinsamen Handeln zu erbringende Leistung soll hier […] mit Identität bezeichnet werden. Damit das Individuum mit anderen in Beziehung treten kann, muss es sich in seiner Identität präsentieren; durch die es zeigt, wer es ist. Diese Identität interpretiert das Individuum im Hinblick auf die aktuelle Situation und unter Berücksichtigung des Erwartungshorizontes seiner Partner. Identität ist nicht mit einem starren Selbstbild, das das Individuum f ür sich entworfen hat, zu verwechseln.“(1988: 8f., Hervorheb. d. Verf.)

Aus diesem Zitat geht zudem hervor, dass Kommunikation und Interaktion eine wichtige Rolle für die Identitätsbildung spielen, woraus die Frage resultieren mag, wie Identität überhaupt entsteht. Hierzu gilt GEORGE HERBERT MEADS Sozialisati- onstheorie bis heute als weitestgehend anerkannt. Sie vermittelt eine Vorstellung davon, wie Akteure Rollen übernehmen und Teil ihrer Identität werden lassen. (Vgl. Vester 2010: 60) Dieses Verständnis zielt darauf ab, dass Identität gesell- schaftlicher Natur ist. Mead unterteilt einen Menschen in das sogenannte „Me“, „I“und „Self“, wobei das „I“den ursprünglichen Organismus darstellt, der unkal- kuliert, spontan und unbewusst handelt. Das „Me“reflektiert unmittelbar nach einer Handlung die Erfahrung mit dem, was das „I“gerade getan hat. Diese Re- flexion erfolgt auf Grundlage gesammelter Erfahrungen durch Perspektiven- oder Rollenübernahmen. Das „Me“beinhaltet also eine gesellschaftliche Haltung. Die folgende Handlung wird dann wiederum vom „Me“initiiert, aber vom „I“durch- geführt, das während der Handlung frei agiert und daher nicht konform mit den Erwartungen des „Me“gehen muss. Dieser Prozess ist in der Regel kein geschlos- sener Kreislauf, denn in die Reflexion des „Me“fließen auch die jeweils aktuellen Erfahrungen und die Reaktionen der anderen auf die Handlung des „I“mit ein (Abb. 1). (Vgl. Faulstich-Wieland 2000: 145f.) Diese Theorie offenbart schließ- lich weitere Aspekte der Identität: Sie wird gesellschaftlich geformt und stellt eine ständige Balance zwischen dem spontanen „I“und den gesellschaftlichen Erwar- tungen des „Me“dar. In diesem Sinne kann man von einer fortlaufenden Identi- tätsarbeit sprechen.

2.2 Selbst

Um der Frage nach dem Konzept der Selbstdarstellung nachzugehen, sollte ver- gegenwärtigt werden, was das Selbst im Konkreten bedeutet. Während in der Psy- chologie das Selbst (oder Selbstkonzept3 ) meist sehr detailliert und analytisch (zeitliche und kognitive Dimension; emotionales, reales und mögliches Selbst) untersucht wird (Abb. 2), soll es dem Anspruch dieser kommunikationswissen- schaftlichen Arbeit genügen, einige allgemeiner gehaltene Definitionen und An- sätze vor- und gegenüberzustellen.

Vereinfacht ausgedrückt stellt das Selbst die Vorstellung über die eigene Person dar. Diese Idee entsteht zum einen durch Erfahrungen der eigenen Erlebnisse und des eigenen Handels und basiert zum anderen auf Beurteilungen durch andere Personen. Das Selbstkonzept kann demnach als umfassendes Wissen über die ei- gene Person und gleichzeitig als Steuerungseinheit des Verhaltens verstanden werden. (Vgl. Franz 2011: 7) Diese Definition verdeutlicht die Wichtigkeit der zeitlichen, sozialen sowie kognitiven Komponente bei der Ausbildung des Selbst, denn erst im Laufe des Lebens werden Erfahrungen (mit anderen) gemacht und Wissen angesammelt. Nach diesem Verständnis wird allerdings zu wenig auf die Individualität und Besonderheit des Einzelnen eingegangen, denn indem sich das Individuum alle möglichen Merkmale oder Eigenschaften zuschreibt, fasst es sich als eine bestimmte Pers ö nlichkeit auf. Erst, wenn sich eine Person als etwas Ein- zigartiges wahrnimmt und sich dabei von anderen abzugrenzen weiß, kann von einem Selbst gesprochen werden. (Vgl. Mummendey 1995: 54f., Hervorheb. d. Verf.) Dabei ist die Einzigartigkeit einer Person einem ständigen Wandel unterzo- gen und somit nicht statisch:

„Selbst bezeichnet ein dynamisches System, das zum einen Überzeugungs- und Er- innerungsinhalte umfasst (wie sehen wir uns aktuell?), und zum anderen die Prozes- se und Mechanismen, die diese Inhalte herstellen, stabilisieren oder auch verän dern.“(Leipold/Greve 2008: 398f., Hervorheb. d. Verf.) MUMMENDEY vermutet daher, dass es nicht nur ein Selbst gibt:

„[…] dass das Verhalten und Erleben eines Individuums von Situation zu Situation in erheblichem Maße variieren kann, dass die Konsistenz und Persistenz des Selbst gerade in Abhängigkeit von sozialen Aufforderungscharakteren stark verringert sein kann, kurz: dass es womöglich viele verschiedene Arten des Selbst geben kann.“(1995: 54, Hervorheb. d. Verf.)

Das Selbst ist allerdings nicht nur dynamisch und veränderbar, sondern auch angreifbar. Es ist immer gefährdet und fragil. (Vgl. Vester 2010: 63) Denn durch die Präsentation des Selbst im Alltag kann es passieren, dass der Andere hinter die Fassade4 des Individuums blickt und es so durchschaut, wodurch das Selbst gefährdet wird (vgl. Goffman 1988: 217ff.). Auf diesen Punkt wird im nächsten Kapitel noch ausführlicher eingegangen.

Die vorgestellten Definitionen zeigen schließlich, dass das Selbst schwer definierbar ist, da es individuell, vielschichtig, instabil und somit nichts Feststehendes ist. Somit hat das Selbst auch keine homogene einheitliche Struktur, weshalb eine Klärung der Frage nach dem Selbst in der Wissenschaft meist ausbleibt:

„Es wird von hierarchischen, multidimensionalen bis hin zu assoziativen Schemata ausgegangen, wobei alle diese Modelle auf Grund der mangelnden empirischen Prü- fung oder Prüfbarkeit lediglich heuristische Qualität besitzen.“(Misoch 2004: 21)

Was jedoch alle Definitionen als Basis gemein haben, ist die Tatsache, dass man sich erst selbst wahrnehmen, also verobjektivieren, muss, damit sich etwas wie das Selbst überhaupt ausbildet (vgl. Vester 2010: 60).

Nachdem nun Identität und Selbst definiert wurden, wird deutlich, dass eine strik- te Trennung schwer fällt, da die Übergänge zwischen beiden Konzepten fließend erscheinen und gewisse Parallelen wie die Dynamik oder die Selbstwahrnehmung erkennbar werden. Schlussendlich hängen Identität und Selbst in einem besonde- ren Maße zusammen, denn der Identitätsbegriff beschreibt fast genau das, was unter den Ansätzen des Selbst und dem Selbstkonzept zu verstehen ist: Eine Per- son stellt diverse situative und soziale Identitäten dar, und ist dabei trotzdem stets mit sich selbst identisch. Sie präsentiert verschiedene Arten des Selbst und besitzt zur gleichen Zeit ein recht stabiles Selbstkonzept. (Vgl. Mummendey 1995: 57) Andererseits kann man auch von einem hierarchischen Verhältnis zwischen Iden- tität und Selbst ausgehen, denn erst die Summe der Identitäten eines Menschen formen sein Selbstkonzept (vgl. Ebert/Piwinger 2007: 214)

3 Selbstdarstellung

“All the world's a stage,

And all the men and women merely players.

They have their exits and their entrances,

And one man in his time plays many parts.”

(Shakespeare 1600, zit. n. Kemble 1810: 34) 5

In der aktuellen Fachliteratur ist zunehmend festzustellen, dass die Begriffe Selbstdarstellung und Impression Management recht inkonsistent genutzt werden. Während einige Wissenschaftler zwischen ihnen differenzieren, verwenden ande- re diese Begriffe synonym (vgl. Ebert/Piwinger 2007: 205). Auch in dieser Arbeit soll keine Unterscheidung zwischen Selbstdarstellung und Impression Manage- ment vorgenommen werden, da Differenzierungen empirisch kaum haltbar sind und sich in der Praxis kaum bewährt haben (vgl. Mummendey 1990: 126). In den folgenden vier Kapiteln wird Selbstdarstellung vorerst hinreichend definiert und Selbstdarstellungsarten identifiziert. Außerdem werden bestimmte Selbstdarstel- lungstechniken und -funktionen vorgestellt.

3.1 Definition

Selbstdarstellung kann verstanden werden als der

„Versuch, uns als den Menschen zu präsentieren, der wir sind oder von dem wir wollen, dass andere Menschen glauben, dass wir so sind; dies geschieht durch die Worte, die wir sprechen, unser nonverbales Verhalten wie auch unsere Handlungen.“(Aronson/Wilson/Akert 2006: 177)

BACK führt diesen Gedanken weiter aus und kommt zu der Erkenntnis, dass sich Selbstdarstellung demzufolge in folgende vier Punkte aufgliedern lässt: Sie ist „ein Versuch, das eigene Selbst nach au ß en unter Zuhilfenahme diverser Werk zeuge zu präsentieren.“(2007, Hervorheb. i. O.)

Diese Definition erscheint jedoch sehr allgemein und abstrakt und vernachlässigt dabei einen wichtigen Punkt: Die Art und Weise wie sich Individuen (nach außen) darstellen, wird nicht thematisiert. So geht PIWINGER davon aus, dass Selbstdar- stellung als Inszenierungsstrategie verstanden werden kann, die ein bestimmtes Ansehen (positives Image, guter Ruf etc.) in der öffentlichen Meinung herstellt und Anerkennung, Ansehen und Einfluss verschafft (vgl. 2007: 205). PIWINGER betont hierbei besonders die positiven Aspekte des Impression Managements und lässt damit die Vermutung zu, dass diese Inszenierungsstrategie stets das Ziel ver- folgt einen vorteilhaften Eindruck zu erwecken. Auch MUMMENDEY konstatiert, dass ungünstige oder negative Selbstkonzeptualisierungen offensichtlich als un- angepasst, unnormal oder krankhaft angesehen werden (vgl. Mummendey 2000: 43).

HAFERKAMP stellt allerdings heraus, dass es auch Situationen gäbe, in denen in- tentional kein positiver, sondern ein negativer Eindruck evoziert werden würde. So könne sich paradoxerweise auch ein selbstbenachteiligtes Verhalten in gewis- sen Situationen vorteilhaft für den Einzelnen auswirken. (Vgl. Haferkamp 2010: 83) Dieses Verhalten des schlechten Darstellens in der Öffentlichkeit nennt man in der Psychologie „Self-handicapping“(vgl. Higgins 1990: 292ff., Artkin/Oleson 1998).

Deshalb scheint folgende Definition geeigneter, um das Phänomen der Selbstdarstellung zu beschreiben, da sie sowohl die Frage nach der Richtung der Selbstdarstellung (positiv oder negativ) offen lässt, dabei aber auch das Bewusstsein der Individuen inkludiert:

„Impression management is the conscious or unconscious attempt to control images that are projected in real or imagined social interactions. When these images are self- relevant, the behavior is termed self-presentation.” (Schlenker 1980: 6, Hervorheb. d. Verf.)

Impression Management lenkt schließlich nicht nur das Image, das andere Men- schen von einer Person haben; es stellt auch einen wichtigen Aspekt bei der Ent- wicklung der sozialen Identität und der Rollen in der Gesellschaft dar. Stellt man sich Fragen zur Selbstdarstellung, so muss man sich auch stets Fragen zu den so- zialen Identitäten der Person und zu den Beziehungen zwischen ihr und der Ge- sellschaft, sowie zu ihrem Selbst stellen. Oftmals wirkt Impression Management auf das Individuum zurück (Abb. 3), es besitzt also reflexive Effekte (vgl. Piwin- ger 2007: 213). Das Subjekt verhält sich mit der Zeit so, wie es ihm die Rolle, die es einnimmt, nahelegt oder sogar vorschreibt (vgl. Piwinger/Ebert 1999: 7). Diese Annahme begründet, warum es in den Kapiteln 2.1 und 2.2 so wichtig war, die Begriffe Identität und Selbst zu analysieren.

Um schließlich das wohl eminenteste Werk zur Thematik der Selbstdarstellung vorzustellen, muss auf die Schriften GOFFMANS „The Presentation of Self in Eve- ryday Life“(1959, dt.: „Wir alle spielen Theater“) umfassender eingegangen wer- den. GOFFMANS Theorie der sozialen Interaktion gründet sich auf einem drama- turgischen Modell, welches die Bühne als ein Abbild des sozialen Lebens ver- steht. Auf dieser Bühne präsentiert ein Schauspieler (eine Person) seinem Publi- kum ausgewählte Selbstaspekte oder eine spezifische Rolle. Auf der Bühne des Lebens zeigen Menschen ihrer sozialen Umwelt aktiv eine ganz bestimmte Selbst- rolle, einen selektierten Teil von dem Bild, das sie von sich haben. (Vgl. Lantermann 2010: 1f.):

„Wenn ein Einzelner vor anderen erscheint, stellt er bewusst oder unbewusst eine Situation dar, und eine Konzeption seiner Selbst ist wichtiger Bestandteil dieser Darstellung.“(Goffman 1969: 221)

Dies tut der Einzelne, um in den Augen derjenigen, an die er seine Botschaft adressiert, einen spezifischen Eindruck zu erwecken oder zu erhalten (vgl. ebd.). VON ALEMANN fasst folgende Postulate GOFFMANS zusammen:

1. Individuen werden von ihren Mitmenschen als diejenigen wahrgenommen, dessen Rolle sie darstellen.
2. Individuen werden dauernd dabei beobachtet, ob sie auch wirklich das
sind, was sie darstellen.
3. In der Regel ist bei einem Ensemble6 zwischen einer Vorder- und Hinter- bühne zu differenzieren, wobei nur die Vorderbühne dem Publikum zu- gänglich ist und die Hinterbühne das „wahre Ich“des Selbstdarstellers symbolisiert.
4. Zwischen Ensemble und Publikum entwickelt sich ein indirektes Einver- nehmen.7
5. Innerhalb einer Gruppe wird Solidarität generiert.
6. Kommunikation auf der Hinterbühne des Ensembles ist direkter als auf der Vorderbühne.8
7. Eine einmal begonnene Darstellung der eigenen Person wird versucht über eine lange Zeit aufrechtzuerhalten.
8. Differenziert man zwischen dem Ausdruck einer Handlung und dem Ein- druck der Wirkung, der bei anderen Personen gebildet werden soll, dann gilt in der Regel: Der Eindruck ersetzt den Ausdruck.9
9. Impression Management wird betrieben, um eine Identität von Eindruck und Ausdruck zu suggerieren.
10. Statt eine Aufgabe wirklich durchzuführen, wird nur der Eindruck erweckt, dieser Aufgabe nachzukommen. (Vgl. von Alemann 2005)

Der letzte Punkt legt nahe, dass Impression Management ein strategischer Prozess ist, der dem Einzelnen Instrumente oder zielgerichtete Maßnahmen zum Handeln abverlangt. Wenn eine Person, wie in Punkt 10 beschrieben, etwas vorspielt, so benötigt sie gewisse Techniken, um hierbei erfolgreich zu sein. Diese sollen im Folgenden ausführlicher erläutert werden.

3.2 Arten und Techniken

Wie im Kapitel 3.1 herausgestellt, kann der Eindruck, den man bei seinem Ge- genüber erzeugen will, beliebig geartet sein. Daher verwundert es nicht, dass es eine Vielzahl an Selbstdarstellungsarten und -techniken gibt. Diese wurden 1985 von den Wissenschaftlern TEDESCHI, LINDSKOLD und ROSENFELD intuitiv erfasst und anschließend systematisiert (vgl. Mummendey 1995: 135). Zeitlich gesehen wird zwischen kurzfristigen (taktischen) und langfristigen (strategischen) Selbst- darstellungsarten differenziert. Außerdem wird auf der Verhaltensebene zwischen assertiven10 Techniken, die einen positiven Eindruck erwecken sollen, und defen- siven Techniken, welche einen negativen Eindruck verhindern sollen, unterschie- den. (Vgl. ebd.: 136)

Assertive Strategien können beispielsweise darin bestehen, jemandem zu schmei- cheln, Einstellungsähnlichkeit zu bezeugen oder jemandem zu helfen. Bei dieser Technik betont eine Person ihre (oftmals auch nur scheinbar vorhandenen) positi- ven Wesenszüge. Das Individuum stellt sich bei dieser Technik als besonders glaubhaft, vertrauenswürdig oder kompetent dar und es hebt seinen hohen sozia- len Status hervor. Wenn kurzfristig eine assertive Selbstdarstellung angestrebt wird, die den Einfluss vergrößern soll, so schmeichelt sich das Individuum bei anderen ein, schüchtert sein Gegenüber ein oder es stellt sich als kompetenter oder anständiger dar. Möchte sich eine Person allerdings langfristig assertiv selbst dar- stellen, um ihr Ansehen zu erhöhen, dann erweist sie sich als fachlicher Experte, sie stellt sich als liebenswert dar, demonstriert elitäres Verhalten, stellt sich als glaubwürdig dar oder öffnet sich anderen Menschen. (Vgl. ebd.: 137)

[...]


1 StudiVZ-Gruppen

2 Stand: Januar 2010

3 Die Begriffe „Selbst“und „Selbstkonzept“werden in der aktuellen Literatur meist synonym verwendet.

4 Die Fassade beschreibt „das standardisierte Ausdruckrepertoire, das der Einzelne im Verlauf seiner Vorstellung bewusst oder unbewusst anwendet.“(Goffman 1988: 23)

5 Das Zitat stammt aus der berühmten Komödie Shakespeares ‚As You Like It’.

6 Ein Ensemble bezeichnet jede Gruppe von Individuen, die gemeinsam eine Rolle aufbauen (vgl. Goffman 1969: 75).

7 Indirektes Einvernehmen beschreibt die „Erwartung, dass alles, was der Darsteller sagt, mit der Situationsbestimmung, die er entwirft, übereinstimmt.“(Goffman 1988: 161)

8 „Im Dienstleistungsgewerbe werden beispielsweise Kunden, die man während der Darstellung respektvoll behandelt, verhöhnt, ausgelacht, karikiert und beschimpft […]“(Goffman 1988: 156)

9 „Um gezielt Impressionen von sich an andere zu vermitteln, kommen zwei Ausdrucksarten ins Spiel: der Ausdruck, den man sich selbst gibt und der Ausdruck, den man ausstrahlt. Generell wird ‚Eindrucksmanagement’ betrieben, um eine Wesenseinheit von Eindruck und Ausdruck zu beeinflussen.“(Liebelt 2007: 7)

10 Assertiv heißt so viel wie durchsetzungsbereit.

Details

Seiten
43
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656139508
ISBN (Buch)
9783656139546
Dateigröße
2.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189604
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Schlagworte
Soziale Netzwerkseiten Selbstdarstellung Facebook Identität Selbst

Autor

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Titel: All the world’s a stage - Selbstdarstellung auf sozialen Netzwerkseiten