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Ausführliche Anmerkungen zur uneigentlichen, bildlichen Rede

Eigentlicher und uneigentlicher Sprachgebrauch: Bild, Vergleich, Gleichnis, Parabel

Wissenschaftlicher Aufsatz 2012 15 Seiten

Didaktik - Germanistik

Leseprobe

Ausführliche Anmerkungen zur uneigentlichen, bildlichen Rede

für Oberstufenschüler und Studienanfänger,

zusammengestellt von Gerd Berner, M. A., StD a. D.

„Bild“ ist eine sehr ungenaue Bezeichnung für verschiedene Formen bildlicher Ausdrucksweise in Sprachkunstwerken. In den meisten Nachschlagewerken wird diese unter dem Oberbegriff „rhetorische Mittel, Stilfiguren und Tropen“ genannt, einige Autoren nennen Bilder auch eine Form uneigentlichen Sprechens. Aber das ist

selten genauer erklärt.

Jochen Vogt hat das Problem auf den Punkt gebracht: „Das System der Tropen und Figuren ist ein derart schwer überschaubares Gewirr von Kategorien, dass ich es an dieser Stelle nicht einmal in Umrissen skizzieren kann.“1

Ähnlich äußert sich Jürgen C. Thöming im Artikel „Bildlichkeit“, wenn er sagt, dass „Bezeichnungen als allegorisch und symbolisch in der literarischen Kommentar-literatur oft sehr willkürlich gebraucht werden“2 und dass die „Abgrenzung [erg.: vieler Bezeichnungen)] nicht übereinstimmend festgelegt ist“.3

Im Grunde genommen hat schon Wolfgang Kayser in seinem grundlegenden Buch „Das sprachliche Kunstwerk“ von 1948, mir in der 18. Auflage 1978 vorliegend, richtig gesagt, Bildhaftigkeit gehe über „die begriffliche Bedeutung“ hinaus.4 Statt ‚Bild’ zu sagen, schlägt er dort den t. t. ‚bildhaft’ vor. Der Begriff ‚Bedeutung’ ist in den folgenden Dezennien je nach theoretischem Ansatz der verschiedenen Forscher und Schulen unterschiedlich definiert und verwendet worden.

Im Alltag gebrauchen wir unsere Sprache auf mehr oder wenig herkömmliche Weise und verwenden dazu die Wörter in einem ihnen „von Hause aus … zukommenden Sinn“.5 Wir treffen nüchterne, sachliche Aussagen und befleißigen uns dabei einer eigentlich kurzen Redeweise. Gewöhnlich fahren wir mit dieser Umgangssprache auch gut. Der Gebrauch eines treffenden Begriffes wird in seiner begrifflichen Bedeutung von allen verstanden.

Wenn ich „Nacht“ sage, meine ich damit die Zeitspanne von Sonnenuntergang bis zum nächsten Aufgang. Das ist die „kontext- und situationsunabhängige, konstante begriffliche Grundbedeutung“6 des umgangssprachlichen Ausdrucks ‚Nacht’.

Diese Grundbedeutung nennt man D e n o t a t i o n .

Daneben gibt es aber noch einen „subjektiv variablen, emotiven“ Bedeutungs-zusammenhang, der die Sachverhalte „unheimlich“, einsam, romantisch oder regne-risch enthalten kann. Das ist die K o n n o t a t i o n.

Sie meint „individuelle (emotionale) stilistische, regionale u. a. Bedeutungskompo-nenten eines sprachlichen Ausdrucks, die seine Grundbedeutung überlagern und die – im Unterschied zur konstanten begrifflichen Bedeutung – sich meist genereller, kontextunabhängiger Beschreibung entziehen.“7

Auf den Punkt gebracht formuliere ich daher, Bildhaftigkeit liegt vor, wenn ich statt der gewöhnlichen, eigentlich verwendeten mich einer Ausdrucksweise bediene, die bewusst von der Sprachgepflogenheit und Sprachrichtigkeit abweicht und daher zu einer außergewöhnlichen und auffallenden, nicht eigentlichen, sondern eben uneigentlichen Formulierung wird.

Die konnotative Umgestaltung eines Wortes verleiht diesem eine assoziative, zusätzliche Bedeutung, die das Wort vereindringlichen8, beseelen, versinnlichen, veranschaulichen kann.

Willy Sanders hat diese Variation ‚Immutatio’ genannt, eine lexikalische, die Bedeutung betreffende Ersatzfigur in Gestalt einer semantischen Abweichung.9

Ich verwende lieber den Ausdruck ‚S u b s t i t u t i o n’ (an die Stelle setzen). Bei Bildhaftigkeit handelt es sich also nicht, wie bei den meisten Stilmitteln, um die grammatisch-syntaktischen Kategorien der Adiectio (Hinzufügung), Detractio (Aus- lassung) oder Transmutatio (Umstellung), sondern es liegt eine Substitutio, eine E r- s e t z u n g vor.

Vereinfachend könnte ich das bisher Gesagte so gegenüberstellen:

E i g e n t l i c h e r Sprachgebrauch u n e i g e n t l i c h e r Sprachgebrauch der übliche, der unübliche,

der geläufige, der überraschende,

der gewohnte, der ungewohnte

der erwartete der unerwartete

und insofern kunstlose Ausdruck und insofern kunstvollere Ausdruck, der zum Denken anregt, der die Vorstellung lenkende Ausdruck und die insofern bildkräftigere, wirksamere, eindrucksvollere Abwandlung durch Ersetzung (Sub-stitution) des eigentlich nüchtern klingenden Wortes .

Wichtig erscheint mir, dass bei der Bildhaftigkeit der allgemeine Begriff durch die bewusste Erzeugung von Konnotationen ein besonderer wird und dass die sprach-liche Umgestaltung der eigentlichen in die uneigentliche Rede diese im wörtlichen Sinne be-denk-lich macht, weil sie einen Anstoß zum Nachdenken gibt.

Stilmittel bzw. rhetorische Figuren sind als äußere Mittel des Redestils nicht allzu schwer zu erkennen und in ihrer Funktion im Allgemeinen auch nicht allzu schwer zu beschreiben.

Vor größere Probleme stellt uns die Bestimmung eines anderen Stilmittels, das man als T r o p e bezeichnet. Zu den Tropen zählen die Figuren uneigentlichen Sprechens: „das eigentlich Gemeinte kommt nicht direkt, also etwa durch den Gebrauch des treffenden Begriffs, sondern nur mittelbar, z. B. durch ein Bild zum Ausdruck.“10

Der Münsteraner Heinrich Lausberg hat in seinem zweibändigen, lange als Standardwerk geltenden „Handbuch der literarischen Rhetorik. Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft“ von 196011 bei den Tropen noch zehn Unterarten unter-schieden. Davon ist man abgerückt, heute fragt man mehr nach der inhaltlichen Funktion bildlicher Wendungen und verwendet hauptsächlich die Bezeichnungen Bild, Vergleich, Gleichnis und Metapher. Dabei wird ‚Bild’ meist als Oberbegriff ver-standen.

Die häufigsten bildhaften Stilmittel habe ich in meiner ausführlichen alphabetischen Auflistung per definitionem und durch Beispiele erklärt. Die Quellenbelege lassen eine erneute Darlegung wenig sinnvoll erscheinen (vgl. mein Vollständiges Kompen-

dium der rhetorischen Mittel (bei GRIN).

Im Folgenden werde ich gleichwohl noch einmal ausführlicher auf einige wenige sprachliche Ausdrucksformen eingehen, in welchen sich bildhafte Sprache zeigt. Dabei beschränke ich mich weitgehend auf Tropen, wo, wie oben dargelegt, der eigentliche Ausdruck durch einen uneigentlichen, im wörtlichen Begriff nicht enthal-tenen ersetzt, also substituiert wird.

Es gibt einfache Bilder, die jeder versteht, wie: die Sonne lacht vom blauen Himmel. Wäre der nicht blau, sondern wolkenverhangen, könnte die Sonne nicht lachen, was ja i.e.S. eine Personifikation und damit ein geläufiges Stilmittel ist. Wohl kein Dichter käme auf den Gedanken, ‚die Sonne weint’ zu schreiben, das wird dann dem Himmel überlassen. Aber dieser bildhafte Ausdruck ist schon so in den standardsprachlichen (in meinem Kompendium habe ich das Kürzel ugs. gesetzt für umgangssprachlich, ich meinte aber damit die normale Sprache) Gebrauch ein-gegangen, dass der Wirkungsakzent der Anschaulichkeit außer Frage steht.

Ähnlich ist es mit vielen biblischen Bildern. In Psalm 23, 1-2 heißt es: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“12 Und in Psalm 46, 8 steht: „Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unsere Burg. … Schauet die Werke des Herrn, der den Kriegen steuert in aller Welt; der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennet.“

Die Gleichsetzung Gottes mit einem guten Hirten, mit einer Burg, an anderer Stelle, Hosea 13, 7, mit einem Löwen, einem Panther und einer Bärin, der man die Jungen geraubt hat, ja sogar mit einem Adler (5. Mose 32, 11: der Herr behütete Jakob wie der Adler, der sein Nest beschützt und über seinen Jungen schwebt, der seine Schwingen ausbreitet, ein Junges ergreift und es flügelschlagend davonträgt) wird allgemein verstanden und lässt keine Deutungsnöte aufkommen.

Auch einfache Vergleiche, das Bild aus dem Deuteronomium, 5. Mose 32 war einer, sind unschwer zu erkennen und zu verstehen.

Z. B. der Vergleich in den Sprüchen Salomonis 17, 1: Es ist ein trockener Bissen, daran man sich genügen lässt, besser denn ein Haus voll Geschlachtetes mit Hader. Oder: Es ist besser zu wohnen im Winkel auf dem Dache, denn mit einem zänkischen Weibe in einem Hause beisammen (Spr. 20, 13) und Jesus Sirach 42, 13: Denn gleich wie aus den Kleidern Motten kommen, also kommt von Weibern viel Böses.

Neben dem lediglich anschaulich darstellenden Bild steht der Vergleich auf einer etwas höheren Ebene der Komplexität. Dabei muss man sich den Unterschied vergegenwärtigen zwischen Gleichheit (Identität) und Gleichstellung, weil zwischen der sprachlichen Darstellung (dem Gesagten) und dem gemeinten Referenten (dem Gemeinten) keine vollständige, sondern nur eine teilweise Identität besteht.

Identifikativ-Artikel ermöglichen dem Leser, „eine Person oder eine Sache durch die Herstellung einer Referenz (Beziehung) zu identifizieren.“13.

Bei vollständiger semantischer Identität verwendet man „derselbe, dieselbe, das-selbe“. Bei einer Gleichstellung lediglich der Art, Gattung oder Klasse sagt man „der gleiche, die gleiche, das gleiche“. Die logische Grenze zwischen den semantischen Merkmalen Identität und Gleichstellung sieht so aus:

- Übereinstimmung in allen Merkmalen: z. B. Die Inszenierungen von Goethes „Faust“ sind häufig sehr unterschiedlich, und trotzdem ist es dasselbe Stück.
- Übereinstimmung in fast allen Merkmalen: z. B. Er besitzt einen Kombi von Merce-des, das gleiche (ähnliche) Modell fahre ich auch, aber den Avant von Audi. Logo ???

Da bei Vergleichen meist Adjektive auftreten, will ich kurz die wesentlichen syn-taktischen Kohärenzen aufzeigen, in denen sie begegnen, damit im weiteren Text meine verwendeten Abkürzungen verstanden werden.

a) die attributive Funktion: hier wird einem determinationsbedürftigen Nomen ein Adjektiv attribuiert (hinzugefügt, abgekürzt: Attr Adj). Beispiel: Die blaue Blume der Romantik ist ein häufig auftretendes Motiv der Literatur. „Nur wenn ein Lexem grundsätzlich die attributive Form wahrnehmen und folglich auch flektiert werden kann, soll dieses Lexem Adjektiv genannt werden.“14
b) die prädikative Funktion: einige Verben mit Subjekt-Valenz (V. = Wertigkeit des Zeitwortes) bedürfen in ihrer prädikativen Funktion einer notwendigen, nicht weg-lassbaren Ergänzung. Das sind die Verben sein, werden, bleiben, scheinen und, unter bestimmten Kontextbedingungen, auch heißen. Deren Prädikation (Be- stimmung eines Begriffs durch ein Prädikat) nennt man Prädikativum (auf das Subjekt bezogener Teil der Satzaussage).

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