Lade Inhalt...

Ist der Mensch radikal böse? Eine Betrachtung von Kants Position

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 23 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Was ist böse?

2. Das Wesen des Menschen

3. Worin hat das Böse seinen Ursprung?

4. Die Anlagen zum Guten

5. Der Hang zum Bösen

6. Ist der Mensch radikal böse?

7. Reflexion

8. Literaturverzeichnis

Ist der Mensch radikal böse? – Eine Betrachtung von Kants Position

Siglen:

RbV: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (Kant, Immanuel)

GMS: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (Kant, Immanuel)

Einleitung

Kaum eine Frage hat die Menschheit so beschäftigt wie die, ob der Mensch gut oder böse ist. Ein kurzer Blick auf die Geschichte lässt keine Zweifel an der Tatsache, dass der Mensch zu Grausamkeiten fähig ist, die an moralischer Verwerflichkeit schwer zu überbieten sind: Von den grausamen Spielen im Circus Maximus über die Inquisition bis hin zur Endlösung der Nationalsozialisten – Folter, Mord und Krieg durchziehen die Menschheitsgeschichte wie ein roter Faden. Jüngste Ereignisse, wie z.B. die Anschläge in Norwegen am 22.08.2011[1], werfen erneut die anthropologische Frage auf, ob der Mensch vom Wesen her, also radikal (lat. radix, radicis=die Wurzel) böse ist. Diese Frage hat Kant in seiner Religionsschrift aus dem Jahr 1793 „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ behandelt. Der Zweck dieser Schrift besteht grundsätzlich darin, zu zeigen, dass zum einen Moralbegründungen auch ohne einen Rekurs auf Religion möglich sind.[2] Zum anderen beschäftigt er sich im ersten Stück von insgesamt vier Stücken von RbV mit der Frage, ob die Natur des Menschen böse ist. In den Kapiteln I und II des ersten Stücks von RbV beginnt Kant seine Untersuchung mit einer anthropologisch-analytischen Beschreibung der Anlage zum Guten sowie mit der des Hangs zum Bösen des Menschen. Die anthropologisch-analytische Beschreibung geht in III in eine apriorische Analyse über, in der Kant feststellt, dass der Mensch von Natur aus, also „radikal“ böse ist. Das erste Stück von RbV schließt mit Kapitel IV, in dem Kant bestimmt, wo der Ursprung des Bösen zu suchen ist: Befindet er sich in der Vernunft (intelligible Welt) oder in der Zeit (materielle Welt)?

In dieser Arbeit möchte ich beschreiben, wie Kant zu seiner Auffassung gelangt und diese Auffassung reflektieren. Arbeitsgrundlage hierfür ist das erste Stück von RbV der Weischedel-Ausgabe. In diesem Kontext sind für die Nachzeichnung von Kants Erläuterungen gewisse Elemente und deren Beziehung untereinander relevanter als andere und deswegen schlage ich folgende Gliederungspunkte[3] vor, die dann anhand von Kants Argumentation versucht werden abzuarbeiten:

1. Was ist böse?
2. Das Wesen des Menschen
3. Worin hat das Böse seinen Ursprung?
4. Die Anlagen zum Guten
5. Der Hang zum Bösen
6. Ist der Mensch radikal böse?

Die sich an die Nachzeichnung von Kants Argumentation anschließende Reflexion wird alle Punkte – außer 2. – in eben dieser Reihenfolge behandeln.

1. Was ist böse?

Was versteht Kant unter dem Begriff „böse“?

„Der Satz: der Mensch ist böse, kann […] nichts anders sagen wollen, als: er ist sich des moralischen Gesetzes bewußt, und hat doch die (gelegentliche) Abweichung von demselben in seine Maxime aufgenommen.“[4]

Unter einer Maxime ist in diesem Kontext ein Handlungsgrundsatz zu verstehen. Als böse gelten demnach nicht nur Menschen, die sich, obwohl sie wissen, dass es böse ist, gegen das moralische Gesetz und somit für eine böse Maxime entscheiden. Die Schärfe der Kantschen Definition des Begriffs „böse“ liegt allerdings in dem Wort „Abweichung“: Böse ist demnach nicht nur der, der sich für eine böse Maxime entscheidet; böse ist auch der, der nur allein die Abweichung (also nicht einmal die faktische Entscheidung für eine böse Maxime) vom moralischen Gesetz, d.h. von guten Maximen, in Erwägung zieht. Anders ausgedrückt kann man sagen, dass bei Kant Menschen bereits als böse gelten, wenn sie nur die Möglichkeit haben, böse zu sein oder genauer: Bei Kant gelten Menschen bereits als böse, wenn sie auch nur die Möglichkeit haben, sich zwischen guten und bösen Handlungsalternativen zu entscheiden. In Kants Termini formuliert, würde eine Entscheidung zwischen einer guten und bösen Handlungsalternative treffen zu müssen, lauten, ob man eine gute Maxime über eine böse stellt oder andersherum. Macht man eine böse Maxime zur Bedingung einer guten, so spricht Kant auch von der „Verkehrtheit (perversitas) des menschlichen Herzens“.[5] Formal kann man deswegen den Begriff „böse“ bei Kant als eine bestimmte Art der Konstellation von Maximen beschreiben und zwar so, dass eine böse über oder vor eine gute Maxime gesetzt wird oder die gute Maxime die böse bedingt. Diese „Bösartigkeit […] ist der Hang der Willkür zu Maximen, die Triebfeder aus dem moralischen Gesetz andern (nicht moralischen) nachzusetzen.“[6] Hier zeigt sich erneut, dass Kant den Menschen als böse bezeichnet, bevor dieser sich überhaupt böse verhalten kann.

„Er ist von Natur aus böse, heißt so viel, als: dieses gilt von ihm in seiner Gattung betrachtet;“[7] Der Mensch ist somit nicht nur auf der Ebene des Individuums böse, sondern er ist darüber hinaus auch noch auf der Ebene seiner Gattung böse. Kant sieht seine Behauptung, nach der der Mensch von Natur aus böse ist, von der Empirie bestätigt: Der Mensch „kann nach dem, wie man ihn durch Erfahrung kennt, nicht anders beurteilt werden“.[8] Das Böse ist somit der Naturzustand, den der Mensch allerdings nicht verantworten kann. Das Gute hingegen entsteht mit einem Bruch dieses Naturzustands. Es fällt also nicht in die Verantwortung des Menschen, wenn er als Böser auf die Welt kommt – das gehört zu seiner „schuldlosen Naturanlage“.[9] Verharrt er jedoch in diesem bösen Naturzustand, d.h., wenn der Mensch nicht versucht aus diesem natürlich bösen Zustand auszubrechen – obwohl er es kann –, dann fällt dies sehr wohl in die Verantwortung des Menschen und deswegen muss sich der Mensch für sein böses, natürliches Wesen exakt ab dem Punkt verantworten, ab dem er gut und böse unterscheiden kann. Das ist genau dann der Fall, wenn der Mensch qua seiner Vernunft Begriffe wie Pflicht, Gesetz, Imperative etc. verstehen kann. Somit ist der Naturzustand des Menschen als Böser Ausgangspunkt für den (praktischen) Vernunftgebrauch. Gehen wir an dieser Stelle auf den Begriff des menschlichen Wesens ein, um anschließend vor diesem Hintergrund den Ursprung des Bösen sowie die Anlage zum Guten und den Hang des Menschen zum Bösen betrachten zu können.

2. Das Wesen des Menschen

Zu Beginn seiner Religionsschrift stellt Kant die Frage, ob es möglich ist, dass der Mensch nicht entweder gut oder böse sei, sondern ob er „zum Teil gut, zum Teil böse sein könne?“[10] Dies ist eine abgeschwächte Form der Frage danach, ob der Mensch von seinem Wesen her entweder gut oder böse ist, kurz: ob der Mensch radikal böse ist. Bevor wir die Antwort auf diese Frage nachzeichnen können, ist es erforderlich, den Menschen wesentlich zu bestimmen. Der Mensch ist seiner Beschaffenheit nach zum einen ein Naturwesen und zum anderen ein rationales Wesen. Der Mensch als Naturwesen – analog zum Tier – gehört der sich in Raum und Zeit befindlichen, materiellen Welt (Sinnenwelt) an, wohingegen er als rationales Wesen – im Unterschied zum Tier – einer immateriellen, sich außerhalb von Raum und Zeit befindlichen, intelligiblen Welt (Verstandeswelt) angehört.[11] Zugang zur intelligiblen Welt besitzt der Mensch einzig durch seine rationalen Vermögen des Verstandes und der Vernunft. Als Naturwesen hat der Mensch natürliche Bedürfnisse und ist aufgrund dieser Bedürfnisse oder Anlagen natürlichen Gesetzmäßigkeiten wie z.B. dem des Selbsterhalt durch Nahrungsaufnahme unterworfen. Kant bringt es auf den Punkt: Natur „ist die Existenz der Dinge unter Gesetzen“.[12] Das Verhalten des Menschen ist somit in der materiellen Welt (vorher-)bestimmt. Im Gegensatz zur materiellen Welt ist die intelligible nicht in Naturgesetze oder Kausalzusammenhänge eingebunden und daher ist sie die Welt, in der der Mensch als rationales Wesen unabhängig von seiner Eingebundenheit als Naturwesen in naturgesetzliche, kausale Zusammenhänge ist, d.h., der Mensch ist und handelt in der intelligiblen Welt frei und autonom.[13] Die Unterscheidung von materieller und intelligibler Welt ist methodisch für Kants Untersuchung in RbV insofern relevant, als sich bereits hier die Frage stellt, wo denn das Böse zu suchen ist.

3. Worin hat das Böse seinen Ursprung?

Wo befindet sich nach Kant der Ursprung des Bösen? Unter Ursprung versteht Kant folgendes:

„Ursprung (der erste) ist die Abstammung einer Wirkung von ihrer ersten, d.i. derjenigen Ursache, welche nicht wiederum Wirkung einer andern Ursache von derselben Art ist. Er kann entweder als Vernunft- oder als Zeitursprung in Betracht gezogen werden.“[14]

Worin hat das Böse vor diesem Hintergrund seinen Ursprung, in der Empirie – in Raum und Zeit – (materielle Welt) oder außerhalb der Empirie – nicht in Raum und Zeit (intelligible Welt)? Ein eigenes Beispiel soll hier versuchen, Kants Gedankengang angemessen darzustellen:

(a) Ein Mensch bestiehlt einen anderen, weil er Geld braucht.
(b) Ein Mensch bestiehlt einen anderen, obwohl er kein Geld braucht.

Lesen wir (a) und (b) jeweils nur bis zum Komma, dann passiert bei (a) und (b) das Gleiche: Ein Mensch bestiehlt einen anderen. Dasjenige, das in Raum und Zeit stattfindet, nämlich das Bestehlen eines Menschen durch einen anderen, ist in (a) und (b) phänomenal und formal gleich, d.h. nicht zu unterscheiden und deswegen kann es auch nicht gerechtfertigt mit unterschiedlichen moralischen Werten belegt werden. Betrachten wir die Beispielsätze (a) und (b) in voller Länge, dann stellen wir fest, dass wir (b) einen moralisch verwerflicheren Wert zuschreiben als (a). Das liegt daran, dass die in Raum und Zeit stattfindende Handlung („Ein Mensch bestiehlt einen anderen“) keinen Aufschluss über den moralischen Gehalt dieser Handlung gibt. Unsere moralischen Wertungen gegenüber Handlungen kommen erst ins Spiel, wenn wir die Umstände kennen, die Menschen zu Handlungen motivieren, kurz: wenn wir die (Hinter-) Gründe einer Handlung kennen.

Anstatt von Gründen spricht Kant von Maximen: „Praktische Gesetze, sofern sie zugleich subjektive Gründe der Handlungen, d. i. subjektive Grundsätze, werden, heißen Maximen.“[15] Maximen liegen somit Handlungen zugrunde und sind daher, wie in „1. Was ist böse?“ eingeführt, als Handlungsgrundsätze zu begreifen.

„Man nennt aber einen Menschen böse, nicht darum, weil er Handlungen ausübt, welche böse (gesetzwidrig) sind, sondern weil diese so beschaffen sind, dass sie auf böse Maximen in ihm schließen lassen.“[16]

[...]


[1] Am 22.08.2011 zündete der Norweger Anders Breivik in einem Regierungsgebäude in Oslo eine Bombe. Zweck dieses Anschlags war einzig ein Ablenkungsmanöver für die ortsansässige Polizei, die ihre Einsatzkräfte zum Regierungsgebäude schickte. In dieser Zeit startete Breivik als Polizist getarnt in einem Sommerlager für Jugendliche auf der Insel Utoya – 30 Kilometer von Oslo entfernt – einen beispiellosen Amoklauf. Er erschoss in diesem Sommerlager innerhalb von ca. 60 Minuten 69 Menschen.

[2] Vgl. RbV, B47f, S. 693f.

[3] Die Reihenfolge dieser Gliederungspunkte entspricht nicht der Reihenfolge, in der Kant diese Punkte in seiner Argumentation behandelt. Diese Abweichung vom Argumentationsaufbau Kants ist Form, Gegenstand und dem Argumentationsaufbau vorliegender Arbeit geschuldet.

[4] Vgl. RbV, B26 u. B27, S. 680.

[5] Vgl. RbV, B23, S. 677.

[6] Vgl. RbV, B23, S. 677.

[7] Vgl. RbV, B27, S. 680. Die Darstellung von Kants Erläuterung, warum der Mensch seiner Gattung nach böse ist, erfolgt aus argumentativen Aspekten erst in Punkt 5. „Der Hang zum Bösen“.

[8] Vgl. RbV, B27, S. 680.

[9] Vgl. RbV, B33, S. 684.

[10] Vgl. RbV, B5, S. 666.

[11] Vgl. Eisler, 1930, S. 274ff.

[12] Vgl. Eisler, 1930, S. 379.

[13] Vgl. KpV, [167-170], S. 151ff.

[14] RbV, B39 u. B40, S. 688.

[15] Eisler, 1930, S. 347.

[16] Vgl. RbV, B5, S. 666.

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656136033
ISBN (Buch)
9783656136521
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189477
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Philosophie
Note
2,0
Schlagworte
Kant Moral radikal das Böse der Mensch Religion

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Ist der Mensch radikal böse? Eine Betrachtung von Kants Position