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Wer liest Tageszeitung? Offline - Online im Vergleich

von Wolfgang Haserer (Autor) Andreas Krosta (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 42 Seiten

Medien / Kommunikation - Printmedien, Presse

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Die Zeitung
2.1 Die Tageszeitung
2.1.1 Begriff
2.1.2 Konzentration
2.1.3 Aktuelle Situation
2.2 Wie Leser Tageszeitungen nutzen
2.3 Die Zukunft der Tageszeitung

3. Das Internet
3.1 Geschichte und Begriff
3.2 Die Internet-Nutzer
3.3 Das Internet als neue Plattform für Zeitungs-Auftritte

4. Tageszeitungen im Internet
4.1 Geschichte und Situation
4.2 Typologisierung der Online-Zeitungen
4.3 Der Internet-Tageszeitungsnutzer
4.4 Ausblick und Trends

5. Wer liest was – gedruckt und Online?
5.1 Süddeutsche Zeitung und SZonnet
5.2 Bild und Bild-Online
5.3 Rhein Zeitung und RZ-Online

6. Fazit

Bibliographie

1. Vorwort

Wie es wohl aussieht, das Frühstück der Zukunft? Sicher werden Tassen und Teller , Kaffee und Tee auch in 20 Jahren noch morgens auf dem Tisch stehen. Wie aber befriedigen die Menschen ihr Informationsbedürfnis? Informiert ein kleiner Bildschirm zwischen Wärmekanne und Zuckerdose über Nachrichten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport? Vielleicht blättern sie noch – der alten Zeiten zuliebe – in einzelnen rasch ausgedruckten Seiten der Online-Ausgabe ihrer Tageszeitung? Oder sie laden sich die aktuellen Nachrichten auf unverwüstliches E-Paper.

Wohin die Entwicklung auch geht, die Zukunft der gedruckten Tageszeitung scheint ernsthaft in Gefahr: Das Internet als neues Informationsmedium konkurriert mit dem Printprodukt um Leser und Geschäft. Längst verfolgt der interessierte Nutzer stündlich die Berichterstattung über ein aktuelles Ereignis online. Gleichzeitig verlassen immer mehr Angebote zur Jobsuche oder zum Autokauf den Kleinanzeigenteil der Tageszeitung und wandern auf kostenlose Homepages der Internetdienste. Den Großteil der Verlage traf diese Entwicklung der letzten Jahre völlig unvorbereitet. Ohne besondere Rücksicht auf die Internet-Kundschaft stellten sie eiligst ihre Tageszeitungen als Online-Angebot ins Netz. Inhaltliche Aspekte sowie Finanzierungskonzepte blieben zunächst auf der Strecke. Mit dem aufkommenden Werbemarkt im Internet hat nun aber auch in Chefetagen der Verlagshäuser ein Denkprozeß eingesetzt, der sich immer mehr in den überarbeiteten Auftritten der Online-Tageszeitungen widerspiegelt.

Es kommt Bewegung in den Konkurrenzkampf um Visits und Page-Impressions. Die Struktur der Online-Leserschaft mit ihren Interessen und Bedürfnissen rückt dabei immer mehr in den Vordergrund. Die vorliegende Arbeit will einen Blick auf die bisherigen Erkenntnisse über die Nutzer von Online-Tageszeitungen werfen und zugleich die Leser der klassischen Tageszeitung im Auge behalten. Unterschiedliche Erhebungsmethoden oder verschiedenartige Auswahlkriterien in den einzelnen Studien machen es schwierig, aussagekräftige Vergleiche oder Prognosen anzustellen. Außerdem verlangt gerade die Betrachtung der Online-Nutzer einen hohen Grad an Aktualität, den die vorhandene Literatur zu diesem Thema nur begrenzt liefern kann.

Zunächst betrachten wir im folgenden die aktuelle Situation der gedruckten Tageszeitung und gehen dabei auch auf ihre Leser ein. Anschließend werden die Geschichte des Internet sowie soziodemographische Aspekte der Nutzer skizziert. Nach der allgemeineren Einführung über Historie und Typologisierung der Tageszeitungen im Netz, stellen wir unter 4.3 die Ergebnisse einer Studie der Katholischen Universität Eichstätt vor, die sich mit den Online-Tageszeitungslesern im speziellen beschäftigt hat. Abschließend wird anhand von drei konkreten Leser-Nutzer-Vergleichen vor allem die Frage erläutert, ob die Tageszeitungen mit ihren Online-Angeboten potentielle Käufer vom Kiosk an den Bildschirm locken.

2. Die Zeitung

Die Geschichte der Zeitung lässt sich bis zu ihren Anfängen zurückverfolgen. „Im deutschen Sprachraum setzt die Geschichte der gedruckten Medien im allgemeinen mit Johannes Gensfleisch zur Laden (genannt Gutenberg) ein, der um 1445 das Drucken mit beweglichen Lettern erfand.“[1] In dieser Zeit wurden Druckwerke in loser Reihenfolge gefertigt. Im Jahr 1609 kam die erste periodische Zeitung heraus.[2] Der „Aviso“ erschien in Wolfenbüttel und in Straßburg die „Relation“.[3] Beide kamen wöchentlich heraus. Ende des 17. Jahrhundert gab es 60 bis 79 deutschsprachige Zeitungen mit einer durchschnittlichen Auflage von 300 bis 400 Exemplaren je Ausgabe und einer geschätzten Leserschaft von 200 000 bis 250 000 Menschen.[4]

Dieses relativ rasche Wachstum lässt sich durch folgende Gründe erklären. Der Buchdruck wurde schnell als Gewinnquelle erkannt, die geistig-weltanschauliche Konstellation der Neuzeit verlangte nach Informationen, viele Personen wollten ihr Wissen weitergeben; dies wurde möglich, weil immer mehr Boten Nachrichten von einem Ort zum anderen trugen; es gab viele Nachrichtenzentren – Deutschland hatte aufgrund seiner zentralen Lage viele Standortvorteile inne; die politische Situation gab viele Konflikt- und Nachrichtenstoffe her.[5]

Die Verbreitung der Zeitung setzte sich fort. „So gab es 1914 ca. 4 200 Tages- und Wochenzeitungen mit einer geschätzten Auflage von 18 Millionen Exemplaren. Während des ersten Weltkriegs stieg die Auflage vorübergehend sogar auf 25 Millionen an.“[6] Im Jahr 1997 gaben 371 Verlage mit einer verkauften Auflage von 24,6 Millionen Exemplaren 1 582 Ausgaben von Tageszeitungen heraus.[7] Hinzu kommen knapp 2 000 Zeitschriftentitel (Stand 1998), wie die Informationsgesellschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) ermittelte.[8] Die Zahl der Titel und Ausgaben von Zeitungen hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg gesteigert. Bis auf wenige Neugründungen haben neue Tageszeitungen aber kaum Chancen auf dem deutschen Markt. Bei Zeitschriften sieht dies allerdings anders aus. In jedem Jahr kommen derzeit neue Titel auf den Markt (zum Beispiel „Money“ in diesem Jahr, Tomorrow im vergangenen), was auch bei Fachzeitschriften und Special-Interest-Zeitungen so ist. Gleichzeitig verschwinden allerdings auch Titel in der Versenkung.

2.1 Die Tageszeitung

Unter den Begriff Zeitung fallen Blätter jeglicher Art. Sie gliedern sich grob in Jahres-, Monats-, Wochen-, Mitarbeiter-, Kirchen-, Anzeigen-, Partei-, Vereins- und Kundenzeitungen. Die Tageszeitung unterscheidet sich per definitionem von der Zeitung. Sie kann auch als eigene Zeitungsform beschrieben werden, obwohl Unterschiede in der Art der Definition bestehen.

2.1.1 Begriff

Die „amtliche Pressestatistik unterscheidet noch zwischen Hauptausgaben und Nebenausgaben. Andererseits hat sich aber die von Walter J. Schütz anhand von Stichtagssammlungen (...) entwickelte Terminologie in der pressestatistischen Arbeit eingebürgert und bewährt.“[9] Er zählt Blätter zu Tageszeitungen, die mindestens zweimal wöchentlich erscheinen. In der Kommunikationswissenschaft greift diese Beschreibung zu kurz. Pürer und Raabe ergänzen diese Begriffserklärung. „Unter ‚Tageszeitung’ versteht man eine Druckschrift, die aktuelles Geschehen in kurzer regelmäßiger Folge einer breiten Öffentlichkeit vermittelt. Unter den Inhalten dominiert dabei allgemein politisches Geschehen, unter den Darstellungsformen weitgehend die Nachricht bzw. der Bericht.“[10] Otto Groth unterordnete noch weiter. „Die Tageszeitung zeichnet sich zudem durch vier Grundmerkmale aus, nämlich durch Aktualität, Periodizität, Universalität und Publizität.[11]

2.1.2 Konzentration

Nach der Zerschlagung des Pressewesens durch die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg, in deren Folge sich die Presse in Deutschland grundsätzlich neu ordnete, kam es von 1954 bis 1976 zur Pressekonzentration.[12] 1954 galt die Phase des Wiederaufbaus der deutschen Tagespresse als abgeschlossen. Schütz zählte bei seiner ersten Stichtagszählung „225 selbständige Tageszeitungen (im Sinne publizistischer Einheiten), die in 1 500 (redaktionellen) Ausgaben erschienen und zusammen von 624 Verlagen herausgegeben wurden“.[13] Die darauf einsetzende Konzentration erfasste das gesamte Pressewesen und muss beschreiben werden, da sie sich nach der Wiedervereinigung in noch viel rascherem Tempo in den neuen Bundesländern wiederholte. Zwischen 1954 und 1976 reduzierte sich die „Zahl der publizistischen Einheiten von 225 auf 121, (...)“.[14] Dies traf vor allem kleinere Zeitungen mit einer Auflage von bis zu 40 000 – ihre Zahl ging von 121 publizistischen Einheiten auf 30 zurück.[15] Auch die Zahl der Zeitungsausgaben ging von 1 500 im Jahr 1954 auf 1 229 in 1976 zurück.[16]

„Dem Pressekonzentrationsprozess fielen im Bereich der Tageszeitungen also vorwiegend kleinere Objekte zum Opfer. Symptomatisch für diese Entwicklung war (und ist) auch, dass sich im Zuge dieses Konzentrationsprozesses die Zahl der Ein-Zeitungs-Kreise drastisch vermehrt. 1954 gab es 85 solcher Gebiete mit nur einer Tageszeitung, 1976 waren es bereits 156.“[17] Den größten Teil der Auflage insgesamt sicherten sich fünf größere Zeitungsverlage: Der Springer-Verlag, die Westdeutsche Allgemeine Zeitungsgruppe, die Gruppe Stuttgarter Zeitungsverlag, der Verlag DuMont- Schauberg, und der Süddeutsche Verlag.[18] Auf diese Verlage konzentrierten sich 45,5 Prozent der Gesamtauflage aller bundesdeutschen Tageszeitungen.[19]

Insgesamt beobachteten die Kommunikationswissenschaftler Konzentrationsprozesse auf drei Ebenen. Die Ein-Zeitungs-Kreise haben deutlich zugenommen, die Übernahme von Verlagen durch andere Verlage ebenso, außerdem ging die Zahl der Mantelteile zurück.[20] Gründe dafür lagen im aggressiven Verhalten der Verlage, im wirtschaftlichen Zustand der kleinen Verlage bzw. Zeitungen und auch – wohl eher geringer – an Start und Ausbreitung von Fernsehen und Hörfunk.

Mehrere empirische Studien kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen über die Auswirkungen der Konzentration. Es wurde befürchtet, dass lokale Konzentration sich auf die Meinungsvielfalt in den Kreisen auswirkte, durch die Verleger-Konzentration weckte die Befürchtungen auf nationaler Ebene. Pressekonzentration hätte also mit Meinungskonzentration einhergehen können, was auf Dauer einer demokratischen Gesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland geschadet hätte. „Im ganzen waren die Befunde über die Auswirkungen der Pressekonzentration nicht eindeutig, relativierten aber doch manche überzogene Befürchtung“.[21]

Allerdings zogen Politik und Medien aus der Pressekonzentration bis 1976 verschiedene Konsequenzen. Der Bundestag setzte die Kommission zur Untersuchung der Gefährdung der wirtschaftlichen Existenz von Presseunternehmen und der Folgen der Konzentration für die Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik Deutschland“ ein, die sogenannte „Günther-Kommission“.[22] Sie bezeichnete die Entwicklung als bedrohend.[23] Die meisten medienpolitischen Maßnahmen gingen von ihr aus, auch wenn sie erst Jahre später realisiert wurden. Von ihren umfangreichen Vorschlägen wurden nur wenige realisiert: Die „Verpflichtung der Verleger zur Offenlegung der Besitzverhältnisse, die Verabschiedung eines Presse-Statistik-Gesetztes, ein Presse-Fusions-Kontrollrecht, wirtschaftliche Hilfen zur Erhaltung der Vielfalt im Pressewesen sowie die sogenannten Medienberichte der Bundesregierung“.[24]

Nur 14 Jahre später, nach einer Phase der Konsolidierung, ist mit der Wiedervereinigung in einem Teilbereich Deutschlands, in den neuen Bundesländern, ein Prozess angelaufen, der die gesamte über Jahre dauernde Geschichte der Westpresse in rasender Schnelligkeit wiederspiegelt. In den ersten beiden Jahren nach der Wiedervereinigung kommt es in Ostdeutschland zu 26 Verlagsgründungen, aus denen 61 redaktionelle Zeitungsausgaben hervorgehen.[25] Außerdem bringen 21 Westverlage in Ostdeutschland zusätzlich 43 redaktionelle Ausgaben auf den Markt.[26] Von diesen Ausgaben haben bis heute acht überlebt, von denen inzwischen aber sechs in Kooperationsbeziehungen zu ihren Erstzeitungen, den ehemaligen, heute Großverlagen gehörenden, SED-Bezirkszeitungen stehen, und diese wiederum konnten ihren Marktanteil gegenüber der Zeit vor der Wende noch ausbauen.[27] „Die Bilanz ist deprimierend.“[28] Schütz begründet diese Konzentration mit den Leserbindungen an die SED-Bezirkszeitungen, die sich mit einem Monopol flächendeckender lokaler Berichterstattung über mehr als vier Jahrzehnte aufgebaut hatten.[29]

2.1.3 Aktuelle Situation

50 Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland hat sich der Zeitungsmarkt in West- wie Ostdeutschland weitgehend gefestigt.[30] Tageszeitungen bieten ortsbezogene Kommunikation an und präsentieren zugleich eine gut ausgebaute aktuelle überörtliche Berichterstattung. Im Westen besteht ein seit langem fixiertes Nebeneinander großer, mittlerer und kleinerer Zeitungsverlage, während im Osten sich die Grundstruktur der ehemaligen SED-Presse in der Form der großen marktbeherrschenden Regionalzeitung erhalten und sogar vertieft hat.[31] In Zahlen ausgedrückt heißt dies: Seit Ende 1949 ging die Zahl der publizistischen Einheiten von 137 über 225 (1954) im alten Bundesgebiet auf heute 114 zurück. In den neuen Ländern sank sie von 1990 bis 1997 von 37 auf 21.[32] Die wirtschaftliche Situation ist gut bis hervorragend. Und dies wohl auch deshalb, weil die Ein-Zeitungs-Kreise noch weiter zugenommen haben. Von 1954 bis 1997 stieg sie von 15,2 Prozent auf 55,1 Prozent an. Hinzu kommt, dass die Zahl der Kreise mit einer höheren Zeitungsdichte währenddessen zurückgegangen ist. 1954 erschienen in einem Kreis durchschnittlich 2,7 Zeitungen, 1997 waren es nur noch 1,6.[33] Zu schaffen macht den Verlagen jedoch ein anhaltender Auflagenschwund. Während die Kaufzeitungen ständig Leser verlieren, sind auch die Leserzahlen der regionalen Abonnementzeitungen gesunken. Nur überregionale Qualitätszeitungen wie etwa Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung konnten am Markt zulegen.[34]

Die Süddeutsche Zeitung verkaufte im dritten Quartal 1999 im Vergleich zum dritten Quartal 1998 innerhalb der Woche 6 105 Exemplare mehr, die Frankfurter Allgemeine Zeitung 3 242.[35] Allerdings verloren beide Zeitungen am Wochenende. Ihre Auflage sank um 5 769 Exemplare bzw. 16 695 Exemplare. Als durchschnittlich verkaufte Menge bleibt damit bei der Süddeutschen Zeitung ein Plus von 3 643, bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein kaum erhebliches Plus von 27 Exemplaren.[36]

2.2 Wie Leser Tageszeitungen nutzen

Werden alle drei Tageszeitungs-Gattungen zusammen betrachtet – also überregionale Abonnement-Zeitung, regionale Abonnement-Zeitung und Kaufzeitung, lassen sich einzelne Trends aufzeichnen. „Trotz zuletzt rückläufiger Verkaufsauflagen sind die Tageszeitungen in Deutschland ein reichweitenstarkes Medium geblieben.“[37] Allerdings nutzen die Leser ihre Zeitung anders als vor 50 Jahren. So geht das Interesse an Innen- wie Außenpolitik – abgesehen von historischen Ereignissen wie der Wiedervereinigung – kontinuierlich zurück. „In den neuen Bundesländern ist der Rückgang des Leserinteresses an Innen- und Außenpolitik besonders auffällig.“[38] Dagegen werden Informationen aus dem lokalen und regionalen Raum wichtiger. Auch das Interesse am Kulturteil ist gestiegen – da die meisten Zeitungen nun auch lokale Kulturberichterstattung bieten. Wirtschaftsthemen werden von den Lesern ebenso mehr beachtet – dies seit einer gestiegenen Verbrauchernähe. Im August 1997 gaben 34 Prozent der Leser in Westdeutschland an, den Wirtschaftsteil zu lesen. Durch eine etwas geringe Zahl in Ostdeutschland liegt die gesamtdeutsche Prozentzahl bei 33 Prozent. Im März 1991 lasen nur 26 Prozent der Leser den Wirtschaftsteil.[39]

Nach dem Börsenboom gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts ist davon auszugehen, dass der Wirtschaftsteil auch weiter auf Interesse stößt. Nicht ohne Hintergedanken bauen die meisten Zeitungen ihre Wirtschaftsressorts aus, stellen Redakteure ein und schaffen neue Ressortseiten. Der Fortsetzungsroman dagegen wurde 1997 kaum beachtet: Er wurde von 16 Prozent der Frauen und drei Prozent der Männer gelesen. 1955 sagten noch 44 Prozent der Frauen, den Fortsetzungsroman zu lesen.[40]

Insgesamt ist das Zeitbudget für Mediennutzung in den vergangenen 25 Jahren von 221 Minuten auf 331 Minuten angestiegen. Die Tageszeitungen profitierten von diesem Trend jedoch nicht: „Im Gegenteil – Auf alle Bundesbürger ab 14 Jahre – Leser oder Nichtleser – bezogen, sank die durchschnittliche Zeitungslesezeit pro Tag von 38 Minuten (1980) auf 1997 nur noch 31 Minuten.“[41] Zurückzuführen ist diese Entwicklung hauptsächlich auf die gestiegene Zahl der Nichtleser pro Tag von 24 Prozent im Jahr 1980 auf 32 Prozent im Jahr 1995.[42] Auch die Leser nutzen die Zeitung im Schnitt fünf Minuten weniger: Die Zeit fiel von 50 Minuten auf 45 Minuten. „1997/98 hat die Zeitungsmarketinggesellschaft eine durchschnittliche tägliche Zeitungslesezeit von 40 Minuten ermittelt.“[43] Vor allem bei jungen Lesern deutet sich ein Leseverhalten an, das knapper, selektiver und flüchtiger ist, während das Leseverhalten der Stammleser allgemein auf gleichem Level blieb.[44] Allerdings stellt sich hier die Frage, ob junge Leute nicht auch schneller lesen. Es könnte sein, dass sich die Lesegeschwindigkeit pro Buchstabe/Wort/Satz in einer temporeichen Zeit wie dieser beschleunigt hat.

Junge Leute lesen nicht nur flüchtiger – oder schneller – sie lesen im allgemeinen weniger Tageszeitung als ältere. Die Reichweite der Tageszeitungen ging an sich zurück, bei den jungen Leuten allerdings besonders stark: Sie sank in den alten Bundesländern seit 1977 von 76,7 Prozent auf 54,9 Prozent im Jahr 1998. In Ostdeutschland fiel die Reichweite bei den 14- bis 29-Jährigen von 70,7 Prozent im Jahr 1991 ebenfalls auf 54,9 im Jahr 1998.[45] Insgesamt erreichten Tageszeitungen nach der Langzeitstudie Massenkommunikation 65 Prozent der Bevölkerung.

Bei der Leserstruktur sollte unterschieden werden zwischen Lesern von Abo-Zeitungen – regional und überregional – und den Lesern von Kaufzeitungen. Nach der Allensbacher Werbeträger Analyse (AWA) werden Qualitätszeitungen wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Süddeutsche Zeitung“, „Die Welt“ oder die „Frankfurter Rundschau“ von 22 Prozent (WLK[46]) der Bevölkerung ab 14 Jahren gelesen.[47] Die meisten davon lesen eher gelegentlich. Die Viel-Leser leben in Ballungsräumen oder in Bundesländern, mit teurer regionaler Abo-Zeitung. Sie haben ein großes Interesse an Wirtschaft, klassischer Musik und nach eigenen Angaben einen Experten-Status. Die Qualitätszeitung wird häufiger von Männern als von Frauen gelesen.[48] Der Anteil der Akademiker ist unter Qualitätszeitungslesern höher. Rund 52 Prozent der Leser von überregionalen Zeitungen haben einen akademischen Abschluss, die der regionalen Abo-Zeitungen nur zu 18 Prozent, die der Kaufzeitungen nur zu 10 Prozent.[49]

Der Viel-Leser regionaler Abo-Zeitungen wie zum Beispiel des Münchner Merkurs oder der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung lebt in kleineren Gemeinden, hat ein ausgeprägtes Interesse am Lokalteil und ist mittleren Alters. 47 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen greifen zu der Zeitung. Die regionale Abo-Zeitung erreicht 76 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren (WLK).[50] Ihre Leser sind zu 37 Prozent Leser, die einen Hauptschulabschluss und eine Berufsausbildung absolviert haben. Arbeiter und Facharbeiter greifen vermehrt zur regionalen Abo-Zeitung.[51]

Diese Bevölkerungsschicht liest aber ebenso oder ausschließlich Kaufzeitungen wie Bild, Express und TZ.[52] Der WLK der Kaufzeitungen liegt bei 54 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahre. Allerdings wird die Kaufzeitung eher unregelmäßig gelesen. Die Viel-Leser sind älter als 20 Jahre, leben in Ballungsgebieten und sind häufig Männer. Während 58 Prozent der männlichen Mitglieder der Gesellschaft zu Kaufzeitungen greifen, sind es 42 Prozent der Frauen.[53]

Insgesamt hängt es Mitte der Neunzigerjahre nur von ganz wenigen soziodemographischen Eigenschaften ab, ob Deutsche überhaupt Zeitung lesen und wie oft. Die Leserschaft von Qualitätszeitungen sind vornehmlich Bildungsbürger.[54] „Auf eine relativ geringe Leser-Blatt-Bindung deuten die relativ niedrige mittlere Lesehäufigkeit und deren große Bandbreite in der Leserschaft hin.“[55] Leser von regionalen Abo-Zeitungen sind vor allem lokal integriert, sie suchen den lokalen Bezug.[56] Leser von Kaufzeitungen neigen zum Spontankauf.[57]

[...]


[1] Heinz Pürer, Johannes Raabe; Medien in Deutschland; Band I; Presse; 2. korrigierte Auflage; UVK Medien; Konstanz; 1996; S. 15

[2] Vgl.: Pürer, Raabe; S. 15

[3] Vgl.: Pürer, Raabe; loc. sit.

[4] Vgl.: Pürer, Raabe; S. 18

[5] Vgl.: Pürer, Raabe; loc. sit.

[6] Pürer, Raabe; S. 22

[7] Vgl.: Schütz, Walter J.; Entwicklung der Tagespresse; in: Wilke, Jürgen (Hrsg.); Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland; Bundeszentrale für politische Bildung; Bonn; 1999; S. 130

[8] Bohrmann, Hans; Entwicklung der Zeitschriftenpresse; in: Wilke, Jürgen (Hrsg.); Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland; Bundeszentrale für politische Bildung; Bonn; 1999; S. 138

[9] Noelle-Neumann, Elisabeth; Schulz, Winfried; Wilke, Jürgen (Hrsg.); Das Fischer Lexikon – Publizistik, Massenkommunikation; Fischer Taschenbuchverlag; Frankfurt, 1997; S. 384-385

[10] Pürer, Raabe; S. 24

[11] Vgl.: Groth, Otto; Die unerkannte Kulturmacht; Grundlegung der Zeitungswissenschaft (Periodik); Bd. 1: Das Wesen des Werkes; De Gruyter; Berlin; 1969; S. 101-257

[12] Vgl.: Pürer, Raabe; S. 112

[13] Pürer, Raabe; loc. sit.

[14] Pürer, Raabe; S. 123

[15] Vgl.: Pürer, Raabe; S. 123

[16] Vgl.: Pürer, Raabe; S. 123-124

[17] Pürer, Raabe; S. 124

[18] Vgl.: Pürer, Raabe; S. 124

[19] Vgl.: Pürer, Raabe; S. 124

[20] Vgl.: Noelle-Neumann, Schulz, Wilke; S. 386-391

[21] Vgl.: Noelle-Neumann, Schulz, Wilke; S. 389

[22] Vgl.: Pürer, Raabe; S. 135

[23] Vgl.: Pürer, Raabe; S. 136

[24] Vgl.: Pürer, Raabe; S. 137

[25] Vgl.: Pürer, Raabe; S. 443

[26] Vgl.: Pürer; Raabe; loc. sit.

[27] Vgl.: Schütz, S. 127

[28] Schütz, loc. sit.

[29] Vgl.: Schütz, loc. sit.

[30] Vgl.: Schütz; loc. sit.

[31] Vgl.: Schütz, S. 127

[32] Vgl.: Schütz; S, 127-128

[33] Vgl.: Schütz; S. 129

[34] Vgl.: Schütz; S. 129

[35] Süddeutsche Zeitung; Argumente; Marketing-Forschung; Süddeutscher Verlag; Oktober 1999

[36] Süddeutsche Zeitung; Argumente; loc. sit.

[37] Schulz, Rüdiger; Nutzung von Zeitungen und Zeitschriften; in: Wilke, Jürgen (Hrsg.); Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland; Bundeszentrale für politische Bildung; Bonn; 1999; S. 405

[38] Schulz; S. 406

[39] Vgl.: Schulz; S. 407

[40] Vgl.: Schulz; loc. sit.

[41] Schulz; S. 408

[42] Vgl.: Schulz; loc. sit.

[43] Schulz; loc. sit.

[44] Vgl.: Schulz; S. 408

[45] Vgl.: Schulz; S. 415

[46] WLK ist die Abkürzung für den weitesten Leserkreis. Dazu gehören alle Personen, die mindestens eine Ausgabe einer Zeitung in deren letzten 12 Erscheinungsintervallen gelesen oder durchgeblättert haben, d.h. Kontakt hatten.

[47] Vgl.: Schönbach, Klaus; Lauf, Edmund; Peiser, Wolfram; Wer liest wirklich Zeitung? Eine explorative Untersuchung; in: Publizistik – Vierteljahreshefte für Kommunikationsforschung; Herausgegeben von Christina Holtz-Bacha u.a.; Westdeutscher Verlag; Düsseldorf; Heft 2; Juni 1999; S. 138-139

[48] Vgl.: Schönbach; loc. sit.

[49] Media Analyse (?)

[50] Vgl.: Schönbach; S. 136-137

[51] Media-Analyse (?)

[52] Media-Analyse (?)

[53] Vgl.: Schönbach; S 140

[54] Vgl.: Schönbach; S. 141

[55] Schönbach; loc. sit.

[56] Schönbach; loc. sit.

[57] Vgl.: Schönbach; loc. sit.

Details

Seiten
42
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638231916
Dateigröße
715 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18947
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Kommunikationswissenschaft (Zeitungswissenschaft)
Note
1
Schlagworte
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