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Franz Kafka, Die Bäume - Ausführliche Interpretation mit Sekundärliteratur

Wissenschaftlicher Aufsatz 2012 6 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.[1]

Dieser kurze, nur aus vier Sätzen bestehende Text stammt aus Kafkas Frühphase. Zu der gehören neben der „Beschreibung eines Kampfes“ (1904/ 05)[2] und den „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“ (1906/ 07) auch „die achtzehn im Band „Betrachtung“ (1913) zusammengefassten kleinen Prosaskizzen sowie einige ver-streut publizierte Stücke.[3] „Die Bäume“ befinden sich in der „Betrachtung“.[4]

Peter Beicken zählt den Text zu den „parabelhaften Überlegungen“, spricht aber kurz danach von einer „Gleichnisrede“ bzw. an anderer Stelle von einem „Gleichnis“.4 Auch Hartmut Binder schreibt: „ … in Einzelstücken der „Beschreibung eines Kampfes“ wie dem Gleichnis von den Baumstämmen ist ihm (i. e. Kafka) bereits gelungen, was er später zur Vollendung gebracht hat: eine abstrakte Idee vollkommen durch ein Bild auszudrücken.“[5] Er fährt fort, Kafka habe „einzelne Teile der „Beschreibung eines Kampfes“ wie das Gleichnis von den Baumstämmen (als „Die Bäume“) in die „Betrachtung“ aufgenommen, die er 1912 veröffentlichte.“5

Auch das jüngste Kafka-Handbuch von Engel/ Auerochs spricht einmal von „Parabel“[6], dann wieder von einem Gleichnis.[7]

Die Fachwissenschaft tut sich also schwer, den „Bäumen“ eine eindeutige Textart zuzuordnen.

Ohne Zweifel handelt es sich bei unserem Text um einen Vergleich, denn ein Wir wird mit Baumstämmen verglichen. Vergleiche werden mit Vergleichspartikeln gebildet, die wichtigsten Komparativ-Junktoren sind: „wie“ und „als“ sowie seltener „je – desto“.[8] Das Primum comparationis „wir“ ist das eine, das mit einem anderen, dem Secundum comparationis „Baumstämme“ durch eine Vergleichspartikel (Weinrich sagt Komparativ-Junktor) verglichen wird. Das Verglichene, d. h. das Gleichende oder Nichtgleichende, nennt man Tertium comparationis.

Bei einem Vergleich ist das Tertium comparationis immer „ein nicht ausge-sprochenes Drittes des zweigliedrigen Vergleichs“, das „sich auf eine partielle Übereinstimmung in den Bedeutungsinhalten der beiden Glieder“ bezieht. „Das Tertium comparationis ist nicht ein Wort, sondern Inhalt eines unabschließbaren Vor-stellungsprozesses.“[9]

Allerdings liegt hier kein einfacher Vergleich vor, sondern „das zur Veran-schaulichung dienende Bild (= Bildsphäre)“[10] hat sich in epischer Breite verselb-ständigt. Diese „Großform des Vergleichs „[11] müssten wir Gleichnis nennen.

Diese Festlegung habe ich jedoch in meinem Oberstufenunterricht vermieden, da bei einem nichtmetaphorischen Vergleich das Tertium comparationis genannt sein müsste. Kafka hätte dann z. B. schreiben müssen: „Denn wir sind so unverrückbar wie Baumstämme im Schnee.“[12] Der Germanist Rüdiger Zymner (Bergische Universität Wuppertal) hat in dem Kafka-Handbuch des Metzlerverlags dem „syste-matischen und historischen Zusammenhang von Denkbild, Parabel und Aphorismus“ ein besonderes Kapitel gewidmet.[13]

[...]


[1]) Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen, hg. v. Paul Raabe, Fischer: Frankfurt/ M. 1969, S. 19

[2]) zur Erstveröffentlichung vgl.: Franz Kafka in Selbstzeugnissen und Bilddokumen-ten, hg. v. Klaus Wagenbach, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 1964, S. 74

[3]) Peter Beicken, Franz Kafka – Leben und Werke, Klett: Stuttgart 1986, S. 42

[4]) a. a. O., S. 46

[5]) Kafka-Handbuch in zwei Bänden, hg. v. Hartmut Binder, Bd. 2: Das Werk und seine Wirkung, Kröner: Stuttgart 1979, S. 225 (im Folgenden: KHb (Kröner)

[6]) Manfred Engel/ Bernd Auerochs (Hrsg.), Kafka-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Metzler: Stuttgart und Weimar 2010, S. 91 (im Folgenden: KHb (Metzler)

[7]) a. a. O., S. 119

[8]) Harald Weinrich, Textgrammatik der deutschen Sprache, Dudenverlag: Mann-heim 1993, S. 785

[9]) Grundzüge der Literatur- und Sprachwissenschaft. Band 1: Literaturwissenschaft, hg. v. Heinz Ludwig Arnold und Volker Sinemus, dtv: München 1978, S. 495

[10]) Schülerduden: Die Literatur. Ein Sachlexikon für die Schule, hg. v. Gerhard Kwi-atkowski, Dudenverlag: Mannheim 1980, S. 178

[11]) Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur, Kröner: Stuttgart 1979, S. 313

[12]) KHb ( Metzler), S. 455

[13]) KHb ( Metzler), S. 450-452

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Titel: Franz Kafka, Die Bäume - Ausführliche Interpretation mit Sekundärliteratur