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Robert Spaemanns Gottesbeweis aus dem Futurum exactum – eine überzeugende Beweisführung für die Existenz Gottes?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Gottesbeweis Robert Spaemanns

3. Kritische Auseinandersetzung mit Spaemanns Gottesbeweis
3.1. Was ist ein Gottesbeweis?
3.2. Spaemanns Überlegungen ein Gottesbeweis?
3.3. Das Argument - ein argumentum ad hominem
3.4. Das Argument aus dem Futurum exactum
3.5. Das Argument - nietzsche-resistent?
3.6. Das Gerücht von Gott und die Begründungspflicht

4. Resümee

Literaturverzeichnis

Bibliographie

Anhang 1 Thesenpapier Was heute gegen die Möglichkeit von Gottesbeweisen spricht

Anhang 2 Thesenpapier Schönberger zu Nietzsches Kritik

Anhang 3 Thesenpapier Kann der allmächtige Gott die Vergangenheit ändern? – Thomas v. Aquin und Franz v. Kutschera

1. Einleitung

Seit die Menschen begannen zu philosophieren, stellten sie die Frage nach dem Urgrund des Seins / der Welt. Dieser Urgrund wurde langsam mit Gott identifiziert und bereits bei den Vorsokratikern, aber auch bei Platon und Aristoteles findet man Ansätze für Gottesbeweise, die später entfaltet wurden.1 Auch in der Geschichte des Christentums gab es immer wieder Bestrebungen, Gottesbeweise zu formulieren, wobei schon Thomas v. Aquin seine Ausführungen nicht als Beweise, sondern als fünf Wege zu Gott bezeichnete.2 Einen neuen Versuch, abgeleitet aus der Grammatik – speziell dem Futurum exactum - stellte Robert Spaemann in seinem Vortrag “Die Vernünftigkeit des Glaubens an Gott“ vor, welcher 2007 in Buchform unter dem Titel „Der letzte Gottesbeweis“3 erschien.

Die vorliegende Arbeit wird sich mit den Überlegungen Spaemanns auseinandersetzen und dabei vor allem der Frage nachgehen, ob hier eine überzeugende Beweisführung für die Existenz Gottes vorliegt. Dabei wird sich die Kritik vor allem auf die Ausführungen Thomas Buchheims stützen, welcher die bisher einzige ausführliche Auseinandersetzung mit dem spaemannschen Gottesbeweis vorgelegt hat.

2. Der Gottesbeweis Robert Spaemanns

Am Ende eines Vortrages über die Vernünftigkeit des Glaubens an Gott legt Spaemann einen Gottesbeweis vor. Er will mit diesem die Aussage verdeutlichen, dass Wahrheit Gott erfordert. Ausgangspunkt für diesen, seiner Meinung nach nietzsche-resistenten Gottesbeweis ist die Grammatik, genauer das Futurum exactum (Futur II oder vollendete Zukunft). Da der Mensch dieses nur in Verbindung mit der Gegenwart denken kann, ist die Aussage, dass etwas in der Gegenwart ist, gleichbedeutend damit, dass es in der Zukunft gewesen sein wird. Daraus sei abzuleiten, dass jede Wahrheit eine ewige Wahrheit ist4 oder, wie Schönberger es formuliert, alle Tatsachenwahrheiten ewige Wahrheiten sind5. Von etwas, dass jetzt ist, kann man in der Zukunft nicht sagen, es wäre nicht gewesen, denn das würde bedeuten, dass es auch jetzt nicht ist.6 Oder anders gesagt: „Die Gegenwart bleibt als Vergangenheit des künftig Gegenwärtigen immer wirklich.“7

Spaemann führt dann zwei Möglichkeiten an, wie diese Wirklichkeit beschrieben werden könnte. Dies sind zum einen die Spuren kausaler Einwirkungen und zum anderen das Erinnert-werden. Beide Varianten seien jedoch unzureichend, denn die Auswirkungen eines gegenwärtigen Ereignisses in der Zukunft werden mit zunehmendem Abstand immer geringer und die Erinnerung an Vergangenes durch ein endliches Bewusstsein (wie es das des Menschen nun einmal ist) setzt voraus, dass jemand da ist, der sich erinnern kann. Da aber die Menschen irgendwann nicht mehr sein werden, können sie nicht Träger der ewigen Wahrheit sein.8 Anders ausgedrückt liegt der „ontologische Status dieser ewigen Wahrheit“9 nicht im Erinnert-werden der Ereignisse oder deren Wirkungen sondern im Gewusst-werden.

Zu jeder Vergangenheit gehört nach Spaemann eine Gegenwart, „deren Vergangenheit sie ist“10. Da Gegenwart immer eine bewusste Gegenwart sei ist für die ewigen Wahrheiten ein absolutes Bewusstsein - also Gott - nötig, denn nur in ihm könnte alles, was geschieht, aufgehoben sein. Würde es ein solches nicht geben, dann würde mit dem Verschwinden des Menschen auch die bewusste Gegenwart verschwinden und damit letztlich auch die Vergangenheit.11

Deshalb konstatiert Spaemann: „Wenn es Wirklichkeit gibt, dann ist das Futurum exactum unausweichlich und mit ihm das Postulat des wirklichen Gottes.“12

3. Kritische Auseinandersetzung mit Spaemanns Gottesbeweis

3.1. Was ist ein Gottesbeweis?

Wenn man der Frage nachgehen will, ob Spaemann mit seinen Überlegungen ein Beweis für die Existenz Gottes gelungen ist, so muss man zunächst klären, was unter einem Gottesbeweis verstanden werden kann. Wenn heute von Beweisen gesprochen wird, so ist damit zumeist die Vorstellung solcher im mathematisch-naturwissenschaftlichen Sinn gemeint. Von diesen wird z.B. verlangt, dass sie eine „experimentelle oder logisch zwingende Bestätigung von Hypothesen“13 liefern und vor allem subjektunabhängig kontrollierbar sind. Diese Kriterien auf Gottesbeweise angewendet würde bedeuten, dass mit ihnen ein zwingender Beweis für die Existenz Gottes gegeben sei. Daraus folgt dann logischerweise, dass jeder, dem ein Gottesbeweis zur Kenntnis gelangt - den er verstandesmäßig nachvollziehen kann -, durch diesen zur Anerkennung der Existenz Gottes genötigt wird, auch wenn er bisher den Glauben daran nicht geteilt hat. Dieses können Gottesbeweise jedoch nicht leisten, da ihre Aussagen weder experimentell nachprüfbar noch logisch absolut zwingend sind. Allerdings besteht ihr Ziel auch nicht darin, sondern mit ihnen soll „die Glaubensentscheidung … im Bereich des Denkens“14 legitimiert werden. Sie wollen weder etwas völlig Neues, bisher Unbekanntes aufzeigen noch die Leugnung Gottes widerlegen.

Ein G[ottesbeweis] benennt Gründe für das Recht und die Vernunftgemäßheit der Annahme der Gottesexistenz in schlussfolgernder Form, entfaltet die intellektuelle Plausibilität einer bereits gegebenen prädiskursiven oder intuitiv oder emotional fundierten Gewissheit, dient der reflexiven Selbstvergewisserung von Glaubenden, ersetzt nicht die Option für eine religiöse Welt- und Selbstbeschreibung und unterstellt nicht die Irreligiosität oder Dummheit derer, die ihn bestreiten.15

Zusammenfassend kann man also sagen, dass Gottesbeweise nicht als Beweise im mathematisch-naturwissenschaftlichen Sinn zu verstehen sind. Sie wollen und können keine positive Glaubensentscheidung erzwingen, wohl aber die Vernunftgemäßheit des Glaubens aufzeigen. Fraglich erscheint, ob angesichts des weit verbreiteten Verständnisses von Beweisen als solcher im mathematisch-naturwissenschaftlichen Sinn die Rede von Gottesbeweisen nicht missverständlich ist und eher von Hinweisen oder Aufweisen (oder wie bei Thomas v. Aquin Wegen) zu sprechen sei.16

Inwieweit Spaemann selbst seine Überlegungen als einen Gottesbeweis betrachtet ist nicht einfach feststellbar. So stellt er sie in einem Artikel in der Welt online von 2005 und im Buch Der letzte Gottesbeweis ausdrücklich als solchen vor.17 Allerdings nimmt er in der Einleitung zum Buch diese Benennung zurück und spricht von einem Argument für die Vernünftigkeit des Glaubens und im Vortrag selbst bezeichnet er Gott als Postulat.18 Dies könnte darin begründet sein, dass er Beweis im naturwissenschaftlichen Sinne versteht, oder zumindest damit rechnet, dass dies allgemein so verstanden wird. Gerade in der Verwendung des Begriffes Argument für seine Darlegungen kommt dies meiner Meinung nach zum Ausdruck, denn ein Argument dient z.B. dazu, eine These – hier die von der Existenz Gottes – zwingend zu begründen oder wenigstens wahrscheinlich erscheinen zu lassen.19 Ein Postulat hingegen ist (nach Kant) eine Forderung, die zwar einerseits keinen Anspruch auf objektive Gültigkeit hat, andererseits aber „wahre und unbedingte Vernunftnotwendigkeit“ besitzt.20

Ob er allerdings meint, mit seinem Argument die Existenz Gottes zwingend zu begründen, ist nicht eindeutig. So spricht er z.B. davon, dass sich sein Misstrauen gegen den letzten Gottesbeweis (hier wohl tatsächlich im Sinne eines naturwissenschaftlichen Beweises) verringert habe.21 Auch bezeichnet er das Postulat Gottes als unausweichlich, was ein Verständnis seiner Argumentation als zwingend nahe legt.22

Wenn man die Argumentation Spaemanns in dem Sinne versteht, dass mit ihr die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes nachgewiesen wird und damit die Vernünftigkeit des Gottesglaubens, so kann man im oben dargelegten Sinn wohl von einem Gottesbeweis sprechen. Soll aber mit ihm ein zwingendes Argument gegeben sein, dann ist dies aufgrund der unter 3.1. vorgestellten Einsichten zum Wesen von Gottesbeweisen abzulehnen.

Im Folgenden soll dies, vor allem anhand der Überlegungen Buchheims, welcher sich ausführlich mit dem spaemannschen Gottesbeweis auseinandergesetzt hat, weiter vertieft werden.

[...]


1 Vgl. O. Muck / F. Ricken, Artikel Gottesbeweise, in: W. Kasper (Hg.), Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 4, Freiburg i. Br. 3 2006, 878-886. 880.

2 Vgl. Th. v. Aquin, Summa theologica I 2,3, in: ders. Gottes Dasein und Wesen (Summa theologica Bd. 1), Salzburg / Leipzig 3 1934.

3 R. Spaemann, Der letzte Gottesbeweis. Mit einer Einführung in die großen Gottesbeweise und einem Kommentar zum Gottesbeweis Robert Spaemanns von Rolf Schönberger, München 2007.

4 Vgl. R. Spaemann, Die Vernünftigkeit des Glaubens an Gott, in: ders., Der letzte Gottesbeweis, München 2007, 9 – 32. 31.

5 Vgl. R. Schönberger, Gott denken, in: R. Spaemann, Der letzte Gottesbeweis, München 2007, 33 – 127. 117f.

6 Vgl. R. Spaemann, Gottesbeweise nach Nietzsche, in: ders., Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne, Stuttgart 2007, 37 – 53 u. 259f. 51.

7 R. Spaemann, Vernünftigkeit, 31. Vgl. dazu auch R. Schönberger, a.a.O. 117, und R. Spaemann, Gottesbeweise, 120f.

8 Vgl. R. Spaemann, Vernünftigkeit, 31, und R. Schönberger, a.a.O. 122f.

9 R. Schönberger, a.a.O. 117.

10 R. Spaemann, Vernünftigkeit, 31.

11 Vgl. R. Spaemann, Vernünftigkeit, 32; R. Schönberger, a.a.O. 117, 123f, und R. Spaemann, Gottesbeweise, 51f.

12 R. Spaemann, Vernünftigkeit, 32.

13 H. Vorgrimler, Neues Theologisches Wörterbuch, Freiburg i.Br. u.a. 6 2008, 259.

14 E. Tiefensee, Art. Gottesbeweise, in: F.G. Friemel (Hg.), Erste Auskunft Religion. 1111 Stichworte, Leipzig 1991, 66-67. 66.

15 K. Müller, Art. Gottesbeweis, in: A. Franz u.a. (Hg.), Lexikon philosophischer Grundbegriffe der Theologie, Freiburg i.Br. u.a. 2003, 180 – 182. 180.

16 Vgl. O. Muck, a.a.O. 879, und E. Tiefensee, a.a.O. 66.

17 Vgl. R. Spaemann, Der Gottesbeweis. Warum wir, wenn es Gott nicht gibt, überhaupt nichts denken können, in: http://www.welt.de/print-welt/article560135/Der_Gottesbeweis.html?print=true#reqdrucken (Stand 12.09.2011), 4 Seiten ,und ders. Vernünftigkeit, 31.

18 Vgl. R. Spaemann, Vorwort, in: ders., Der letzte Gottesbeweis, 7-8. 7, und ders., Vernünftigkeit, 32.

19 Vgl. L. Jansen, Art. Argument, in: A. Franz u.a. (Hg.), Lexikon philosophischer Grundbegriffe der Theologie, Freiburg i.Br. u.a. 2003, 36 – 39. 36.

20 S. Wendel, Art. Postulat, in: A. Franz u.a. (Hg.), Lexikon philosophischer Grundbegriffe der Theologie, Freiburg i.Br. u.a. 2003, 320.

21 Vgl. R. Spaemann, Vorwort, 8.

22 Vgl. ders., Vernünftigkeit, 32.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656135616
ISBN (Buch)
9783656135777
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189441
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Katholisch-theologische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Gottesbeweis Futurum exactum Thomas von Aquin Thomas Buchheim Glaube Gott Robert Spaemann

Autor

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