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Franz Kafka, Läufst du immerfort vorwärts - Versuch einer Interpretation

Wissenschaftlicher Aufsatz 2012 8 Seiten

Didaktik - Germanistik

Leseprobe

Franz Kafka, Läufst du immerfort vorwärts

Versuch einer Interpretation – für Schüler und Studenten,

zusammengestellt von Gerd Berner, M. A., StD a. D.

Läufst du immerfort vorwärts, plätscherst weiter in der lauen Luft, die Hände seit-wärts wie Flossen, siehst flüchtig im Halbschlaf der Eile alles an, woran du vorüber-kommst, wirst du einmal auch den Wagen an dir vorüberrollen lassen. Bleibst du aber fest, lässt mit der Kraft des Blicks die Wurzeln wachsen tief und breit – nichts kann dich beseitigen und es sind doch keine Wurzeln, sondern nur die Kraft deines zielenden Blicks - dann wirst du auch die unveränderliche dunkle Ferne sehn, aus der nichts kommen kann als eben nur einmal der Wagen, er rollt heran, wird immer größer, wird in dem Augenblick, in dem er bei dir eintrifft, welterfüllend und du versinkst in ihm wie ein Kind in den Polstern eines Reisewagens, der durch Sturm und Nacht fährt.[1]

Das vorliegende Prosastück stammt aus Kafkas Nachlass und zählt zu den Texten, „die erst durch die Herausgeber Max Brod, Hans-Joachim Schoeps und Heinz Po-litzer von ihrem jeweiligen handschriftlichen Kontext in Arbeitsheften und Blätterkon-voluten isoliert“[2] worden sind. Einige dieser Skizzen sind sowohl in den Band „Beschreibung eines Kampfes“ als auch in „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“ aufgenommen worden, aus dem ich unter Beibehaltung der Interpunktion und des „sehn“ statt der richtigen Infinitivform zitiert habe. Brod hat diese titellose Parabel in den „Hochzeitsvorbereitungen“ unter „Fragmente aus Heften und losen Blättern“[3] eingeordnet. Hartmut Binder fragt mit Recht, ob diese Brodsche Aufteilung die einzelnen Texte an den „genetisch richtigen Ort bei der Wiedergabe des Nachlasskonvoluts“[4] gesetzt habe. Doch diese editorische Frage brauchte uns im Unterricht nicht zu interessieren.

Eine Deutung dieses kurzen Prosastückes hat nach meinem Wissen erstmals Carsten Schlingmann 1968 versucht.[5] Der im Internet unter dem Titel „Du und der Wagen“ auftauchende Text findet sich neuerdings auch in einem Reclambändchen.[6] Allerdings bespricht ihn Schlingmann da nur sehr knapp als Nachtrag zu seinen Ausführungen über Kafkas „Kleine Fabel“. Er meint, das Prosastück sei „wie die „Kleine Fabel“ in den letzten Lebensjahren Kafkas, wahrscheinlich im Spätherbst 1920“[7] entstanden.

Der Germanist Rüdiger Zymner (Bergische Universität Wuppertal) hat in dem Kafka-Handbuch des Metzlerverlages dem „systematischen und historischen Zusammen-hang von Denkbild, Parabel und Aphorismus“[8] ein besonderes Kapitel gewidmet. In dem Abschnitt „Kafkas Denkbilder“[9] kommt er zu dem Ergebnis, die Texte in dem Band „Betrachtung“ (1912) seien Denkbilder, da „man von monologischer Gedanken-rede sprechen“10 könnte, „aber mit ebenso großem Recht auch von einer aphoristischen Aufzeichnung.“[10] Er räumt jedoch ein, es gebe „weder in der Parabel- noch in der Kafkaforschung einen Konsens darüber, welche Texte Kafkas genau zur Gattung „Parabel“ gezählt werden können.“[11]

In der mir zugänglichen Sekundärliteratur habe ich über „Läufst du immerfort vorwärts“ keine eindeutige Gattungsbezeichnung gefunden. Ich schließe mich jedoch Schlingmanns 1968 geäußerter Auffassung an, dieses Prosastück sei ein ‚para-bolischer’ Text.[12] In der Reclam-Ausgabe fehlt diese Festlegung auf die Parabel allerdings. Gleichwohl habe ich meinen Schülern gesagt, das sei eine Parabel, und habe für die Besprechung im Unterricht der gymnasialen Oberstufe das äußere Textbild aus der Brodschen Ausgabe etwas umgeformt: ich habe die Parabel in fünf bzw. sechs Sinnabschnitte unterteilt; durch diese syntaktische Gliederung werden die Gliedsätze ohne Einleitewort von den Hauptsätzen abgehoben, und die in den drei abschließenden Hauptsätzen (Z. 13-15) enthaltene Aussageabsicht kommt deut-licher zum Ausdruck.

Diese Textform habe ich meinen Schülern vorgelegt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ich beginne nun mit der Analyse der so entstandenen Textabschnitte. Abweichend von meiner sonstigen Vorgehensweise, die bei einem erzählenden Text auf die erzählten Figuren/ Personen, das erzählte Geschehen, die erzählte Zeit und den erzählten Ort eingeht, möchte ich bei „Läufst du immerfort vorwärts“ mich zunächst mit der Art und Weise des Redens beschäftigen.

Die klassischen Redeformen eines epischen (erzählenden) Textes sind nach Lämmert, Petersen und Vogt[13] die gesprochene und die stumme Rede. Bei der gesprochenen unterscheidet man die direkte von der indirekten Rede. Beiden ist gemeinsam, dass sie einer Inquit-Formel bedürfen, darüber hinaus verlangt die oratio obliqua in der gehobenen Sprache den Konjunktivus Praesentis oder Praeteriti (Konj. I oder II), als Subjekt sind alle Personen im Singular und Plural möglich.

Die stumme Rede gibt es als erlebte Rede, sie bedient sich der 3. Person des Indikativs im Präteritum. An der 3. Pers. Ind. Prät. erkennt man auch psycho-narration. Beide verzichten auf die sog. Inquit-Formel, stehen also ohne ein einleitendes verbum dicendi. Die 3. Person, der Modus und das Tempus gleichen allerdings der grammatischen Form der Erzählerrede (auch Erzählerbericht genannt), was ihre Unterscheidung oft schwierig macht.

Bei erlebter Rede handelt es sich um die Gedankenwiedergabe einer erzählten Figur, ein Erzähler-Er ist dabei erkennbar. Psycho-narration habe ich im Unterricht definiert als Bewusstseinswiedergabe, „wenn die Wahrnehmungen oder Empfindungen einer Figur der Kontrolle ihres wachen Bewusstseins entzogen sind.“[14] Obwohl psycho-narration meist ohne Inquit-Formel, d. h. ein verbum dicendi, verwendet wird, k a n n ein einleitendes verbum credendi, sentiendi oder vivendi mit den grammatischen Formen der direkten oder indirekten Rede stehen.

Die einschlägigen Handbücher unterscheiden nicht immer klar zwischen diesen beiden Formen der nicht gesprochenen (stummen) Rede. Viele Interpreten verwen-den die Termini technici Gedankenbericht, Gedankenwiedergabe, Empfindungs-bericht und Bewusstseinswiedergabe oft synonym. Gleichwohl halte ich Jochen Vogts Unterscheidung für sehr sinnvoll, meine Schüler hatten damit, zumindest im Leistungskurs, keine Probleme.

[...]


[1]) Franz Kafka, Gesammelte Werke, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. 1950-1970, hier in: Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlass, o . J. (1953), S. 255

[2]) Kafka-Handbuch in zwei Bänden, hg. v. Hartmut Binder, Bd. 2: Das Werk und seine Wirkung, Kröner: Stuttgart 1979, S. 354 (im Folgenden: KHb (Kröner)

[3]) Brod, S. 163-302

[4]) KHb (Kröner), S. 354

[5]) Albrecht Weber/ Carsten Schlingmann/ Gert Kleinschmidt, Interpretationen zu Franz Kafka, Oldenbourg: München 31972, S. 134-137

[6]) Literaturwissen für Schule und Studium: Carsten Schlingmann, Franz Kafka, Reclam: Stuttgart 1995, S. 134-137

[7]) Weber/ Schlingmann/ Kleinschmidt, S. 135

[8]) Kafka-Handbuch. Leben – Werk - Wirkung, hg. v. Manfred Engel und Bernd Auerochs, Metzler: Stuttgart und Weimar 2010, S. 450-452 (im Folgenden: KHb (Metzler)

[9]) KHb (Metzler), S. 452-456

[10]) KHb (Metzler), S. 455

[11]) KHb (Metzler), S. 456

[12]) Weber/ Schlingmann/ Kleinschmidt, S. 137

[13]) Eberhard Lämmert, Bauformen des Erzählens, Metzler: Stuttgart 61975 Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft. Ein Arbeitsbuch, von Dieter Gutzen/ Norbert Oellers/ Jürgen H. Petersen, Schmidt: Berlin 61989 Jochen Vogt, Aspekte erzählender Prosa. Eine Einführung in Erzähltechnik und Romantheorie, Westdeutscher Verlag: Opladen [1968] 81998

[14]) Vogt, Aspekte, S. 160

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