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Die Tiersymbolik im altdeutschen Physiologus an ausgewählten Beispielen

Seminararbeit 2009 23 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Physiologus
2.1. Allgemeine Informationen und Entstehungsgeschichte
2.2. Der altdeutsche Physiologus

3. Der Vierfache Schriftsinn
3.1. Charakteristik und Funktionsweise der Schriftsinne
3.2. Bedeutung der Schriftsinne für den Physiologus

4. Tiersymbolik im altdeutschen Physiologus
4.1. Allgemeine Bemerkungen
4.2. „Lewe“ – Der Löwe
4.3. „Einhurn“ – Das Einhorn
4.4. „Helphant“ – Der Elefant
4.5. „Vipera“ – Die Schlange
4.6. „Piber“ – Der Biber
4.7. „Ar“ – Der Adler
4.8. „Sisegoum“ – Der Pelikan
4.9. „Fenix“ – Der Phönix

5. Schlussbetrachtung

6. Quellenverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur
6.3. Internet

Auch wenn es nicht üblich für eine Hauptseminararbeit ist, möchte ich mich an dieser Stelle bei meiner ehemaligen Mitbewohnerin und ihren Eltern für die tatkräftige Unterstützung und manchmal auch erfolgreiche Suche nach Bibelstellen ganz herzlich bedanken.

1. Einleitung

Im Rahmen des Hauptseminars „Mittelalterliche Hermeneutik“ beschäftigten wir uns im Sommersemester 2008 mit dem Physiologus. „Der Ph[ysiologus] ist ein Zeugnis frühchr[istlicher]- m[ittel]a[lterlicher] Spiritualität, welche die geschaffene Natur als Kosmos von Zeichen verstand, durch die Gott zum Menschen spricht.“[1] Dieser Satz fasst jenes Werk zusammen, das im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht. Durch seine Wirkungsgeschichte, jahrhundertelange Weitergabe und reichhaltigen Handschriften hat diese Schrift eine Sonderstellung in der Geschichte der Literatur. Im Mittelalter hatte der Physiologus neben der Bibel einen sehr hohen Stellenwert und galt lange als Vorbild bei der geistlich-moralischen Exegese und Naturlehre.[2] Die kleinen Geschichten wurden als „Berichte realer Naturgegebenheiten“ betrachtet und schon in der Spätantike wurden sie durch Augustin „als ‚unwahr‘ im naturwiss[enschaftlichem] Sinn erkannt“.[3] Dies schränkte jedoch nicht Geltung des Physiologus ein. So behielt er lange seine Vormachtstellung als „‘Buch der Natur‘, in dem der Mensch die Offenbarung Gottes ‚lesen‘ kann“.[4]

Die Bezeichnung Physiologus stammt von dem griechischen Wort Fusiologoz , was Naturforscher oder Naturkundiger bedeutet.[5] Was es aber genau bedeutet und wie dieses Werk beschaffen ist, soll in der folgenden Arbeit untersucht werden. Dafür wird zunächst über allgemeine Charakteristiken und die Entstehungsgeschichte des Physiologus informiert. Danach liegt der Fokus auf dem altdeutschen Physiologus, aber insbesondere auf der Millstätter Reimfassung, wie sie von Friedrich Maurer[6] herausgegeben wurde. Diese ist auch Ausgangspunkt für die spätere Analyse der Tiere in dieser Arbeit. Jedoch sollen in einem weiteren Kapitel vorher noch die Grundlagen der Schriftsinne der mittelalterlichen Hermeneutik beleuchtet werden.

Den Abschluss bildet das fünfte Kapitel, das eine kurze Zusammenfassung dieser Arbeit geben wird.

2. Der Physiologus

2.1. Allgemeine Informationen und Entstehungsgeschichte

Die einleitenden Worte im Physiologus der Millstätter Reimfassung lauten wie folgt:

„Ir sult an disen stunden von wises mannes munde / eine rede suochen an disem buoche. / Phisiologus ist ez genennet, von der tiere nature ez uns zellet.“[7]

Dadurch wurde einerseits vermutet, dass „Phisiologus“ der Titel des Buches ist. Andererseits geht man davon aus, dass der Verfasser damit selbst gemeint sein könnte, da in der griechischen Physiologus-Schrift mehrere Abschnitte mit der einführenden Formulierung „O Fusiologoz elexe“ beginnen.[8] Dies scheint sich in der Literaturwissenschaft durch intensive Forschung bewahrheitet zu haben, da Henkel, Lauchert und Seel darauf hinweisen, dass man den Begriff Physiologus nicht als Buchtitel sondern als Synonym für eine „naturwissenschaftliche Autorität“ verwenden soll.[9] Dieser „Autorität“ wird jene „Naturkundigen-Schrift“ zugesprochen, was wir allgemein Physiologus nennen .

Grundlage des Physiologus ist eine bloße naturwissenschaftliche Schrift, der durch Bearbeiter eine christlich-symbolische Dimension hinzugefügt wurde.[10] Der Verfasser dieses Naturbuches, als auch die christlich-allegorisierenden Bearbeiter, die auf dieses Naturbuch verweisen, sind nicht wirklich überliefert bzw. anonym.[11] Es gibt zwar vereinzelte Nachweise über eine Autorschaft in einigen Versionen des Physiologus, jedoch scheinen diese eine Folge fehlerhafter Überlieferungen oder später hinzugefügt worden zu sein.[12] Für Henkel ist die Frage nach der Verfasserschaft nicht sehr bedeutungsvoll. Er bemerkt jedoch, dass sich „einheitliche Bearbeitungstendenzen [zeigen], besonders bei den Tiergeschichten, [so] daß man eine Bearbeiterpersönlichkeit unbedingt wird annehmen müssen.“[13]

Dieses Buch besteht aus 48 Kapiteln und beschreibt lebende und tote Materie. Tiere, Pflanzen und Steine werden zusammenhängend betrachtet. Der Aufbau der Kapitel ist meist ähnlich. So wird eine naturgeschichtliche Information über das Wesen oder den Gegenstand mit einer Bibelstelle versehen, in der dieses auftaucht. Dann erfolgt eine typologische Deutung auf Christus, den Teufel oder den Gläubigen hin.[14]

Das Problem der Datierung des Physiologus ist nicht einfach zu lösen. Henkel verweist in seinen Studien zum Physiologus im Mittelalter auf Unstimmigkeiten zwischen verschiedensten Wissenschaftlern, schließt sich jedoch der Meinung an, dass der Ur-Physiologus in das 2. Jahrhundert einzuordnen sei. Insbesondere gilt dies für die Tiererzählungen. Henkel erklärt die Datierung zusammen mit der Lokalisierung. Beide sind nicht eindeutig zu bestimmen. Henkel sieht aber das Alexandria in Ägypten als Entstehungsort:

Alexandria war seit dem Hellenismus das Zentrum der antiken Wissenschaft, aber auch zahlreicher mystischer Strömungen. Hier entstehen zahlreiche Kollektaneen von Wundergeschichten, deren Wirkung etwa bei Plinius und Aelian deutlich zu sehen ist. Zudem wurde es bereits in der Mitte des 2. Jhs. Zentrum des Christentums in Ägypten […]. Neben jüdischen, christlichen und heidnisch-mystischen Strömungen war hier auch ein Mittelpunkt antiker Naturwissenschaft und ägyptischer Götterverehrung.[15]

Er verweist zur Unterstützung seiner Ansicht auf viele Literaturwissenschaftler, die der gleichen Meinung sind, wie z.B. Friedrich Lauchert, Otto Seel und Ben Perry. Um aber auch eine gegenteilige Meinung darzustellen, verweist Henkel auf Max Wellmanns Theorie, dass Syrien der Entstehungsraum des Physiologus sein könnte. Doch er macht auch deutlich, dass dieser Vorschlag auf Grund der fehlenden kausalen Logik von mehreren Literaturwissenschaftlern zurückgewiesen wurde.[16] Denn Wellmann ist der Auffassung, dass die geistliche Auslegung des Physiologus durch Origenes (185-254)[17] erfolgte, aber man ist sich einig, dass dies dann „eher Reduktionsstufen des Physiologus sind als seine Vorstufen.“[18] Somit kann man zusammenfassend sagen, dass der Physiologus im 2. Jahrhundert in Alexandria in Ägypten entstanden sein muss.

Bezug nehmend auf Francesco Sbordone gibt Henkel eindeutig zu verstehen, dass „der Physiologus […] in griechischer Sprache in vier Redaktionen des 2. -12. Jhs. verbreitet“[19] ist. Die erste Redaktion sei um 200 nach Christus entstanden.[20] Sie diente als Vorlage „für alle lateinischen Übersetzungen, sowie für den äthiopischen, armenischen, syrischen und arabischen Physiologus.“[21]

2.2. Der altdeutsche Physiologus

Im Gegensatz zum lateinischen Physiologus, der kontinuierlich überliefert ist, gibt es deutsche Übersetzungen nur aus dem 11. und 12 Jahrhundert sowie vereinzelte aus dem 15. Jahrhundert. Die Überlieferung aus dem 11./12. Jahrhundert ist auf die so genannte Dicta-Version beschränkt und aus dem 15. Jahrhundert gibt es „die zu der Zeit am weitesten verbreitete Form, den Physiologus Theobaldi, sowie […] eine sonst unbekannte Prosafassung, zu der der Melker Physiologus sowie die Fragmente in Celje gehören.“[22]

Im Mittelpunkt der hier folgenden Untersuchung sollen aber nur die altdeutschen Fassungen des 11. und 12. Jahrhunderts stehen. Als Grundlage dafür wird Friedrich Maurers Buch Der altdeutsche Physiologus. Die Millstätter Reimfassung und die Wiener Prosa (nebst dem lateinischen Text und dem althochdeutschen Physiologus) dienen. Im Vorwort gibt Maurer einige Hinweise zum Physiologus. So zum Beispiel, dass die mittelhochdeutschen Texte der Wiener Prosa und des Millstätter Reimwerks „mit Hilfe des schema homoeoteleuton in Verse“ gebracht wurden.[23] Oder dass er sich bei der Herstellung der „Strophen“ an die Initialtechnik gehalten hat. Das heißt, dass er bei Abschnitten mit neuen gedanklichen Zusammenhängen, zusätzlich zu den mit Eigennamen und direkte Rede beginnenden Verse, welche er als neutral betrachtet, auf Initiale zurückgreift.[24] Dies führt dann zu Stropheneinheiten, die zwei bis acht Langzeilen umfassen können und kontinuierlichen Langzeilencharakter besitzen.[25] Im Hinblick auf die Reimtechnik stimmt Maurer mit der allgemein geltenden Meinung überein zu stimmen, dass „sie auf sehr primitiver Stufe [steht].“[26] In Maurers Ausgaben entstehen so 29 Kapitel, deren Kern jeweils ein besonderes Tier bildet. Später in dieser Hausarbeit werden einige von ihnen exemplarisch ausgewählt und analysiert.

An dieser Stelle wird auf eine genauere Untersuchung von Herkunft, präzisen Verwandtschaftsverhältnissen und der Beschaffenheit einzelner Handschriften verzichtet. Für detaillierte Arbeit an diesen Themen sei hier nur auf Henkels Studien zum Physiologus im Mittelalter verwiesen.

3. Der vierfache Schriftsinn

3.1. Charakteristik und Funktionsweise der Schriftsinne

Die wohl größte historisch-philologische als auch interpretatorische Aufgabe des Christentums im Mittelalter war es, die heilige Schrift zu verstehen. Die Annahme und Überzeugung der Einzigartigkeit der heiligen Schrift ist grundlegend für die Bibelexegese, da sich die Bibel von Grund auf von aller Literatur der Antike und säkularen Literatur unterscheidet.[27] Der folgende Satz von Richard von St. Victor drückt die ausschlaggebende Differenz zwischen der heiligen Schrift und dem weltlichen Schrifttum besonders gut aus: „Darin ist das Wort Gottes der Weltweisheit weit überlegen, daß nicht nur die Wortklänge, sondern auch die (sc. Mit dem Wort gemeinten) Dinge bedeutungshaltig sind“.[28] Friedrich Ohly hebt diesen Satz besonders stark hervor, da sein Inhalt schließlich im Mittelalter überhaupt erst den Weg zum geistigen Sinn des Wortes geebnet hat. Es ist also gemeint, dass profane Literatur lediglich einen vordergründigen, oberflächlichen, historischen Sinn bzw. Buchstabensinn besitzt[29], die heilige Schrift hingegen enthält zusätzlich noch einen höheren, geistigen Sinn, auch sensus spiritualis genannt.[30] Doch die Frage nach dem geistigen Sinn des Wortes betrifft das gesamte Mittelalter, bezog damals alle wissenschaftlichen Disziplinen mit ein und ist teilweise sogar unabhängig von der Sprache.[31] Diese Tradition wurde erst mit Martin Luther nebensächlich, da dieser „sich von der spirituellen Interpretation der Bibel lossagte“.[32]

Die mediävale Philologie steht zwei verschiedenen Problemen gegenüber. An erster Stelle steht die Aufgabe, den profanen Text als auch die Bibel zu verstehen und dabei den innewohnenden Buchstabensinn zu erfassen. Dies erfolgt mit Hilfe der Methoden der Texterklärung aus der Antike, den Disziplinen des Triviums.[33] Darauf baut sich die zweite und viel schwierigere Aufgabe auf, die „in der Enthüllung des im Buchstaben verborgenen geistigen Sinn des Wortes“ liegt.[34] Dies ist Aufgabe der um die Naturwissenschaften erweiterten Disziplinen des Quadriviums.[35]

Doch wie diese offen gelegten mehrfachen Schriftsinne beschaffen sind, soll nun näher erläutert werden:

Der Buchstabensinn, der auch historischer Sinn oder Litteralsinn genannt wird, setzt sich aus einem Wortklang (die vox) und einem Ding (die res), insofern keine Homonymie vorliegt, zusammen. Dieses Ding kann tote als auch lebende Materie benennen. Es ist so, dass sich profane Literatur bereits in dem aus dem Wortklang abgeleiteten Ding erschöpft. Bei der heiligen Schrift hingegen ist die res erst der eigentliche Bedeutungsträger:

[...]


[1] Lexikon des Mittelalters, Band 6, S. 2118

[2] Lexikon des Mittelalters, Band 6, S. 2118

[3] Lexikon des Mittelalters, Band 6, S. 2118

[4] Lexikon des Mittelalters, Band 6, S. 2118

[5] Henkel, S. 12

[6] Maurer, Friedrich(1967): Der altdeutsche Physiologus. Die Millstätter Reimfassung und die Wiener Prosa (nebst dem lateinischen Text und dem althochdeutschen Physiologus).

[7] Maurer, S. 3

[8] Henkel, S. 13

[9] Henkel, S. 12

[10] Henkel, S. 12

[11] Henkel, S. 12

[12] Henkel, S. 13

[13] Henkel, S. 14

[14] Henkel, S. 12

[15] Henkel, S. 14

[16] Henkel, S. 15

[17] http://de.wikipedia.org/wiki/Origenes

[18] Henkel, S. 15

[19] Henkel, S. 18

[20] was die vorherige Festsetzung des Entstehungszeitraumes bekräftigt

[21] Henkel, S. 19

[22] Henkel, S. 59

[23] Maurer, S. IX

[24] Maurer, S. IX

[25] Maurer, S. IX

[26] Maurer, S. X

[27] Ohly, S. 2

[28] Ohly, S. 3

[29] Ohly, S. 4

[30] Ohly, S. 2

[31] Ohly, S. 2

[32] Ohly, S. 2

[33] Ohly, S. 2/3

[34] Ohly, S. 3

[35] Ohly, S. 5

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656134749
ISBN (Buch)
9783656134954
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189304
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
2,0
Schlagworte
tiersymbolik physiologus beispielen

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