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Frauen in der Bildersprache Annette von Droste-Hülshoff in "Die Lerche", "Die Wasserfäden" und "Am Thurme"

Essay 2011 7 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Frauen in der Bildersprache Annette von Droste-Hülshoffs in Die Lerche, Die Wasserfäden und Am Thurme

„[M]eine Phantasie arbeitet zu sehr, und ich muss aus allen Kräften dagegen ankämpfen. –jede etwas unebene Stelle an der Wand, ja jede Falte im Kissen, bildet sich mir gleich zu, mitunter recht schönen, Gruppen aus, und jedes zufällig gesprochene etwas ungewöhnliche Wort, steht gleich als Titel eines Romans oder einer Novelle vor mir, mit allen Hauptmomenten der Begebenheit“, schreibt die bettlägerige Annette von Droste-Hülshoff an ihre Freundin Elise Rüdiger am 16. Februar 1847 (vgl. Woesler X,I: 423). Die Beobachtungsgabe, und vor allem die Fähigkeit, das Wahrgenommene detailiert wiederzugeben, zeigt Annette von Droste-Hülshoff vor allem auch bei der Portraitierung von weiblichen Charakteren: Diese sind mal kämpferisch und voll Tatendrang wie in An die Schriftstellerinnen in Deutschland und Frankreich oder zurückhaltend und domestiziert, doch nicht weniger heldenhaft, wie in Der Graf von Thal. Während diese Frauenfiguren aber mit mehr oder weniger typisch menschlichen Attributen dargestellt sind, setzt die Dichterin in den Gedichtsammlungen Haidebilder und Fels, Wald und See vermehrt auf eine metaphorische Darstellung von Frauen. Dafür nutzt sie Bilder aus der höfischen Welt oder der griechischen Mythologie, welche aber vor allem durch den Kontext der Natur bestimmt sind, und erst dort, in der Heide, unter Wasser oder am Rande eines Weihers, verschiedene Frauenrollen preisgeben. Es ist bemerkenswert, wie weit Droste-Hülshoff Flora und Fauna als Motive für Frauendarstellungen dehnt, wenn man bedenkt, dass diese über die klassischen Rollen in der Literatur des 19. Jahrhunderts, den Engel im Haus und das gefallene Mädchen (vgl. Gilbert/ Gubar), hinausgeht. In Die Lerche wird durch die Anthropomorphisierung der Sonne ein anbetungswürdiger doch unerreichbarer Frauentyp abgebildet, in den Wasserfäden offenbart sich eine als treues Weib maskierte Verführerin, und in Am Thurme variiert das weibliche lyrische Ich schließlich mit männlichen und weiblichen Attributen ihrer Zeit. Die Funktion der Bildersprache zur Darstellung von Frauen und ihren Rollen in diesen drei Gedichten lohnt also in jedem Fall eine eingehende Analyse.

In Die Lerche dient die „Heide“ (V.9) als Kulisse für „die junge Fürstin“ (V.17), symbolisiert durch die „Sonne“ (V.4) und ihren Hofstaat, der durch die dortige Fauna und Flora repräsentiert ist. Mit jener Fürstin portraitiert die Dichterin offensichtlich eine Herrscherin: Eine „Königin auf ihrem Trohne“ (V.63), die eine „Strahlenkrone“ trägt (V.65), und die mit ihrem Erwachen „aus Purpurdecken“ (V.3), über die ersten Schlucke aus dem „thauigen Pokal“ (V.31), die Morgenmesse in des „Münsters Halle […] im Haidekraut“ (V.58) bis hin zur Entgegennahme von Geschenken („Saphir [und] Demant“ V.70, „duftig Elfenkleid“ V.79) vom Lyrischen Ich beschrieben wird. Eine eingehende Charakterisierung der Fürstin und somit deren Frauenrolle erfolgt jedoch erst durch das vom lyrischen Ich beschriebene Verhalten der Untertanen: Diese bilden das Gegenstück zur Fürstin, und erst in deren Verhalten lässt sich ihr Status erkennen. Auf die Ankündigung, die Fürstin betrete den Saal (V.22), sind sie auf das Peinlichste um ihr Äußeres besorgt („Die kleine Weide pudert sich geschwind“ V.28), reagieren „bleich“, „[e]rschrocken“ und „verschämt“ (V.25-26), „[e]hrfürchtig“ und „dienend“ (V.31,34) oder sind „mühsam stemmend“ (V.73) und „hin und her“ „rutschend“ (V.77) damit beschäftigt, der Königin durch Geschenke zu gefallen. Die Herrscherrolle dieser Frauenfigur wird neben diesem untertänigen Verhalten natürlich auch durch die Verbindung aus Akteuren der Natur und der Welt des Adels ausgedrückt. Droste-Hülshoff plündert geradezu das Wortfeld des höfischen Lebens mit Begriffen wie „gespornter Wächter“ (V.1), „Herold [im] Liverei“ (V.11), „Mandat[…]“ (V.15), „Fürstin“ (V.17) „Kämm´rer“ (V.18), „Amt“ (V.20), „Prinz“ (V.33), „Trohne“ (V.63) oder „Knappen“ (V.72).

Dora M. Soldners Eindruck, Die Lerche habe etwas Plastisches, das beinahe eine reale Vorstellung hervorrufe (Soldner 46), ist im Gedicht klar durch die Beschreibung von Tier- und Pflanzenwelt belegt, welche gleichzeitig Hof und Hofstaat der Fürstin bilden. Die Fürstin selbst bleibt aber in auffallender Distanz zu lyrischem Adressaten und lyrischem Ich. Letzteres hat keine Schwierigkeiten, der Lerche in den „Ginster“ zu folgen (V.12), in die „Gewölbe“ des „Haidekraut[s]“ zu klettern (V.59) oder „der Erde Schooß“ zu untersuchen (V.71), doch die Morgentoilette der Sonne bleibt ein Geheimnis („man sieht es nicht genau,/ Ob Licht sie zünde, oder trink im Blau“ V.5). Statt die Königin also selbst detailiert zu beschreiben oder gar reden zu lassen, zieht Droste-Hülshoff es vor, die Lerche als Transmitter zwischen der unerreichbaren Herrscherin und ihrem Volk bzw. dem lyrischen Adressaten einzusetzen. Der fiktionale Beruf des Herolds wird durch die direkte Rede der Lerche zum Leser konkret, da diese Form der Figurenrede im Vergleich zum narrativen Modus des lyrischen Ichs die geringste Distanz zum Leser signalisiert. Der Leser kann sich also ebensogut durch „des Mandates erste Note“ (V.15) angesprochen fühlen, wie die Hofangestellten. Die dadurch geschaffene Distanz trägt wie das metaphorische Verhalten von Fauna und Flora zur Charakterisierung der Königin bei.

Es bleibt allerdings fragwürdig, wie wichtig Droste-Hülshoff bei der Darstellung der Fürstin die Betonung von weiblichen Attributen ist. Im Manuskript von 1842, vor der Veröffentlichung Der Lerche 1844, befinden sich statt den femininen Formen noch die Bezeichnungen „König“ (V.17, 22, 39) und „Fürst[en]“ (V.30, 34). Aus den Korrekturen geht hervor, dass die Dichterin mit dem Wechsel von einer männlichen zu einer weiblichen Figur anscheinend eine größere Wirkung zu erzielen dachte, es lässt sich aber auch vermuten, dass beide Identitäten im Kontext des Gedichtes austauschbar sind. Beide Annahmen bleiben Spekulationen; dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass, abgesehen von den femininen Formen der Herrschertitel, weder mit der Sonne verbundene Attribute noch ihre Umgebung und deren Verhalten auf eine spezifisch weibliche Identität der Herrscherfigur hinweisen.

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Details

Seiten
7
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656134121
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189276
Institution / Hochschule
University of Kent – School of German
Note
1,0
Schlagworte
frauen bildersprache annette droste-hülshoff lerche wasserfäden thurme

Autor

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Titel: Frauen in der Bildersprache Annette von Droste-Hülshoff in "Die Lerche", "Die Wasserfäden" und "Am Thurme"