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Der deutsche Arbeitsmarkt im 21. Jahrhundert

Soziale Marktwirtschaft im Zeichen von Globalisierung, demographischem Wandel und staatlicher Grundsicherung

Diplomarbeit 2012 74 Seiten

Führung und Personal - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Chronik und Struktur des deutschen Arbeitsmarktes
2.1 Das Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre
2.1.1 Strukturkrise im Ruhrgebiet und bedeutende Rezessionen
2.1.2 Volkswirtschaftliche Konsequenzen der Wiedervereinigung
2.1.3 Weltfinanzkrise ab 2007
2.2 Wirtschaftsstandort Deutschland
2.2.1 Die Vernetzung der Märkte durch Globalisierung
2.2.2 Der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft
2.2.3 Strukturschwache Räume
2.3 Aktuelle Beschäftigungsstruktur auf dem deutschen Arbeitsmarkt
2.3.1 Rolle der Großunternehmen und Bedeutung des Mittelstands
2.3.2 Formen von Arbeitslosigkeit
2.3.3 Der Fachkräftemangel
2.3.4 Schwarzarbeit / Schattenwirtschaft

3 Staatliche Maßnahmen zur Beschäftigungsförderung
3.1 Neoliberale Angebotspolitik
3.2 Keynesianischer Nachfrageansatz
3.3 Die Hartz-Reformen der Agenda 2010
3.3.1 Grundsicherungskonzept
3.3.2 Arbeitsmarktinstrumente für Beschäftigungsförderung
3.4 Die Förderung atypischer Beschäftigungsverhältnisse
3.4.1 Befristete Arbeitsverhältnisse und Leiharbeit
3.4.2 Generation Praktikum
3.4.3 Kurzarbeit
3.5 Die Osterweiterung der Europäischen Union
3.6 Produktionsverlagerungen und Investitionen ins Ausland

4 Sozialsysteme im Zeichen des demographischen Wandels
4.1 Ausmaß der demographischen Entwicklung
4.1.1 Kinderlosigkeit als Folge verfehlter Familienpolitik
4.1.2 Migrationspolitik und Zuwanderung
4.2 Die deutsche Sozialpolitik
4.2.1 Arbeitslosenversicherung
4.2.2 Rentenversicherung
4.2.3 Krankenversicherung
4.2.4 Pflegeversicherung
4.3 Der deutsche Arbeitnehmerschutz
4.3.1 Tarifautonomie und gesetzliche Mindestlöhne
4.3.2 Die Illusion hoher Lohnnebenkosten

5 Gesellschaftliche Einflüsse und Folgen von Arbeitslosigkeit
5.1 Der Stellenwert von Bildung
5.1.1 Die Bedeutung der sozialen Herkunft
5.1.2 Das kanadische Schulsystem
5.2 Die Generation 50+ im Zeichen des Jugendwahns
5.3 Die Weitung der sozialen Schere - Arm trotz Arbeit
5.3.1 Die Privatisierung staatlicher Sozialaufgaben
5.3.2 Das Prekariat
5.4 Gesundheitliche Folgen von Arbeitslosigkeit
5.5 Die Grenzen der Erwerbsgesellschaft
5.5.1 Bürgerarbeit
5.5.2 Das bedingungslose Grundeinkommen

6 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Monographien

Aufsätze, Artikel in Sammelwerken und Publikationen

Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Anteile der führenden Exportnationen an weltweiter Warenausfuhr

Abbildung 2: Beschäftigungsanteile der Wirtschaftssektoren im zeitlichen Verlauf

Abbildung 3: Registrierte Arbeitslose und stille Reserve in Deutschland

Abbildung 4: Arbeitseinkommen im Vergleich zu Hartz IV

Abbildung 5: Entwicklung von Leiharbeit und Befristungen 1996 bis 2010

Abbildung 6: Weltweiter Einfluss der Finanzkrise auf die Arbeitslosigkeit

Abbildung 7: Qualifikationsstruktur der ausländischen Bevölkerung im Jahr 2000

Abbildung 8: Sozialversicherungsbeiträge im zeitlichen Verlauf

Abbildung 9: Entwicklung der Lohnstückkosten im internationalen Vergleich

Abbildung 10: Arbeitslosenquoten in Abhängigkeit vom Bildungsgrad

Abbildung 11: Arbeitslosenquoten 55- bis 64-jähriger im europäischen Vergleich

Abbildung 12: Anstieg des Anteils armutsgefährdeter Menschen in Deutschland

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

In 2005 waren laut Bundesagentur für Arbeit 4 860 880 Arbeitslose zu verzeichnen, der bisher höchste offizielle Arbeitslosenstand in der Geschichte der Bundesrepublik und trauriger Höhepunkt einer seit den 1970er-Jahren kontinuierlich ansteigenden Zahl an Erwerbslosen, in der Millionen Menschen der stillen Reserve und in der Schattenwirt- schaft tätigen Personen noch keine Berücksichtigung fanden.1 Die goldene Zeit des Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit und die damit verbundene Vollbeschäftigung ist lange verflogen und der durch die Arbeitslosigkeit verursachte Ausfall an Steuerein- nahmen und Beitragsleistungen für die Sozialversicherungssysteme lässt sozialpoliti- sche Bestrebungen des deutschen Staates zunehmend schwerer finanzierbar werden.

Zudem muss sich der Wirtschaftsstandort Deutschland im Rahmen weltwirtschaftlicher Globalisierungsprozesse und eines damit einhergehenden Kostendrucks zulasten der Arbeitnehmer wie auch den durch Flexibilisierung und Deregulierung geprägten Finanzmärkten in einem verschärften internationalen Wettbewerb um Unternehmensinvestitionen behaupten. Die neoliberal geprägte Arbeitsmarktpolitik der Bundesrepublik reagiert hierauf mit einem sukzessiven Abbau von Sozialleistungen, einer Verlagerung des Unternehmensbeitrags zur Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme in Richtung der Arbeitnehmer sowie der Lockerung des deutschen Arbeitnehmerschutzes mit der Absicht, die laut den Unternehmensverbänden im internationalen Vergleich vermeintlich hohen deutschen Lohnnebenkosten zu senken.

Der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung war sowohl die Implementierung der Hartz-Gesetze 2005 im Zuge der Agenda 2010 der Regierung Schröder, mit denen der deutsche Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig gemacht werden sollte für das 21. Jahrhundert, als auch die infolge der Osterweiterung der Europäischen Union verschärfte Lohnkon- kurrenz auf dem europäischen Binnenmarkt. Durch die Anhebung der Zumutbar- keitskriterien für Arbeitslose sollten bestehende Arbeitsplätze gesichert und neue Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden. Das Konzept der bedarfsorientierten Grundsicherung wurde zum neuen Leitbild deutscher Sozialpolitik und machte atypi- sche Beschäftigungsverhältnisse salonfähig.

Der sich seit Jahrzehnten abzeichnende und durch unzureichende Familien- und Integra- tionspolitik nur marginal abgeschwächte demographische Wandel droht unterdessen die finanzielle Lage der Sozialversicherungssysteme weiter zu verschärfen, da die Abga- benlasten von einer abnehmenden Anzahl an Erwerbspersonen getragen werden müs- sen. Auf politischer Ebene verbleibt man bisher dabei, weitreichende und notwendige, aber unpopuläre Reformen in die nächste Legislaturperiode aufzuschieben. Die unzu- reichenden Beschäftigungsmöglichkeiten beschränken sich in ihren Folgeschäden nicht auf wirtschaftliche Einflüsse, sondern speziell in der Form von Langzeitarbeitslosigkeit fühlen sich Menschen von der Gesellschaft ausgegrenzt, resignieren und sind offen für radikale politische Ansichten, was Instabilitäten für die Demokratie zur Folge hat.

Die geringe soziale Mobilität in Deutschland, ein veraltetes Schulsystem, dessen unzu- längliche Leistungen konsequent durch die internationalen PISA-Tests dokumentiert werden, das insbesondere Schüler mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Schichten benachteiligt sowie ein stetiges Auseinandergehen der sozialen Schere drohen den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Bundesrepublik zu schädigen und werden damit zu einer Gefahr für den sozialen Frieden. Die Erwerbsgesellschaft könnte an ihre Grenzen gestoßen sein, da sie gegebenenfalls nicht imstande ist, alle Bürger ausreichend mit Arbeit zu versorgen, weshalb alternative Modelle wie die Bürgerarbeit oder das bedingungslose Grundeinkommen durch alle Fachrichtungen diskutiert werden.

Diese wissenschaftliche Arbeit veranschaulicht, wie sich Arbeitslosigkeit im existieren- den Umfang in der Bundesrepublik entwickeln konnte und wie die aktuelle Lage Deutschlands als Wirtschaftsstandort zu bewerten ist. Des Weiteren werden die einge- leiteten Maßnahmen zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes der jüngeren Vergangen- heit, die finanzielle Lage der Sozialsysteme und die Einflüsse des demographischen Wandels darauf beurteilt. Auch die bewusste Verdrängung der Generation 50+ aus dem Erwerbsleben sowie die Resultate der Zuwanderungspolitik werden in diesem Kontext kritisch hinterfragt. Die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten in Deutschland werden anhand einer näheren Betrachtung der Zukunftschancen unterschiedlicher Milieus evaluiert und das deutsche Bildungssystem hinsichtlich der Struktur und Lernerfolge analysiert. Den Abschluss bildet die nähere Betrachtung von Armut und prekären Lebensverhältnissen in Deutschland wie auch von Lösungsansätzen zum Zwecke der sozialverträglichen Reformation der Erwerbsgesellschaft.

2 Chronik und Struktur des deutschen Arbeitsmarktes

2.1 Das Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre

Mit Ende des Zweiten Weltkrieges und der Gründung der Bundesrepublik 1949 vollzog sich ein rascher wirtschaftlicher Wiederaufstieg Westdeutschlands, maßgeblich geför- dert durch die von den USA im Marshallplan vorgesehenen finanziellen Mittel für den Wiederaufbau Westeuropas. Treibender Motor der deutschen Volkswirtschaft war das Ruhrgebiet mit der dort ansässigen Schwerindustrie, die sich von der Kohleförderung über die Stahlproduktion bis hin zum weiterverarbeitenden Maschinenbau erstreckte.

Diese arbeitsintensiven Wirtschaftszweige stellten innerhalb kürzester Zeit sehr viele Arbeitsplätze bereit, von denen vor allem Geringqualifizierte profitieren konnten. Gefördert durch die vom Wirtschaftsminister der Adenauer-Regierung, Ludwig Erhard, begründete soziale Marktwirtschaft, die soziale Diskrepanzen für die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Friedens auszugleichen versuchte, kamen die Bundesbürger rasch zu einem bescheidenen Wohlstand, der dank Vollbeschäftigung auch die unteren Ein- kommensgruppen erreichte. Ausgehend von 1950 mit einer Arbeitslosenquote von 10 % war diese bis 1955 auf ein Niveau von 1,5 % gesunken, was das Ergebnis einer konstan- ten Fluktuationsarbeitslosigkeit war - die Folge von Kündigungen seitens der Arbeit- nehmer in der Absicht auf wirtschaftlichen Aufstieg durch Wechsel des Arbeitsplatzes.2

In den Folgejahren konnte bis Ende der 1960er-Jahre eine Verdreifachung von Produk- tivität, Konsum und Einkommensniveau realisiert werden, was durch ein Wirtschafts- wachstum von 5−6 % p. a. verdeutlicht wird.3 Die guten volkswirtschaftlichen Aussich- ten - die heute einsetzenden demographischen Entwicklungen waren allerdings bereits absehbar - veranlassten die Politik aus wahlpopulistischen Gründen zu einem anhalten- den Ausbau des Sozialstaats. Ein Mangel an Erwerbspersonen, bedingt durch die massi- ve Anzahl an Kriegsgefallenen, machte für die Verwirklichung des wirtschaftlichen Aufstiegs der Nachkriegsjahre die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte durch Gast- arbeiterverträge notwendig. Folglich stieg die Anzahl der Ausländer in Westdeutschland von 1961 bis zum Anwerbestopp infolge der ersten Ölkrise 1973 um drei Millionen an.4

2.1.1 Strukturkrise im Ruhrgebiet und bedeutende Rezessionen

Ende der 1960er-Jahre hatte sich, bei gleichzeitiger Reduzierung der Nachfrage, das weltweite Angebot an Stahl vervielfacht, da Schwellenländer wie Indien oder China sich als Konkurrenten in der Stahlproduktion etabliert hatten und aufgrund niedrigster Löhne kostengünstig produzieren konnten. Derweil verteuerte sich deutscher Stahl auf- grund des steigendenden Förderaufwands von Kohle aus sich erschöpfenden Tagebau- regionen. Rationalisierungsmaßnahmen in der Montanindustrie wie die Konzentration auf das Stahlverhüttungszentrum Duisburg oder die Spezialisierung auf höchstwertige Stahlsorten, waren nötig, um das Ruhrgebiet im internationalen Wettbewerb konkur- renzfähig zu halten, führten aber zu Freisetzungswellen an Arbeitskräften. Das Ruhrge- biet verbleibt bis heute als wirtschaftlicher Problemfall mit der höchsten Arbeitslosig- keit Westdeutschlands, die im Falle der Revierstadt Gelsenkirchen 25 % beträgt.5

Die finanziellen Belastungen des Staatshaushalts der USA durch den Vietnam-Krieg hatte eine expansive Geldpolitik des Dollars zur Folge, die aufgrund fester Wechselkur- se zur DM eine importierte Inflation von 2,1 % p. a. nach sich zog. Die arabischen Ölstaaten reagierten auf den Schulterschluss der westlichen Industrieländer mit Israel im vierten Nahostkrieg mit Ölembargos, die zur ersten Ölkrise führten und die Inflation bis 1973 auf 7 % p. a. anstiegen ließ, mit entsprechenden konjunkturellen Konsequenzen.6 1975 überschritt die Arbeitslosigkeit der BRD die 1-Million-Marke, konnte sich an- schließend nur marginal erholen und überschritt 1983 im Anschluss der zweiten Ölkrise bereits die 2-Millionen-Marke. Spätestens seit die Arbeitslosenzahlen nach der Wieder- vereinigung 1989 auf mehr als 4 Millionen Erwerbslose seit 1994 anstiegen, ohne vor- her jemals signifikant wieder zurückgegangen zu sein, ist ersichtlich, dass die deutsche Sockelarbeitslosigkeit nicht konjunkturell, sondern system- und strukturbedingt ist.7

Verantwortlich hierfür sind zum einen der technische Fortschritt und damit einherge- hende Produktivitätssteigerungen, die speziell Arbeitsplätze im produzierenden Gewer- be überflüssig werden lassen. Zum anderen gelingt es bisher weder dem deutschen Bil- dungssystem noch der Bundesagentur für Arbeit, die Bürger ausreichend für eine nach- haltige Integration in die sich abzeichnende Dienstleistungsgesellschaft zu qualifizieren.

2.1.2 Volkswirtschaftliche Konsequenzen der Wiedervereinigung

Nach Bewertung der ostdeutschen Wirtschaftsleistung nach marktwirtschaftlichen Ge- sichtspunkten im Zuge der Abschaffung der Planwirtschaft in den neuen Bundesländern wurde deutlich, dass der Großteil der ostdeutschen Beschäftigung zu Zeiten der DDR staatlich subventioniert worden war und auf Dauer nicht konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt sein konnte. Auch befanden sich die ostdeutsche Infrastruktur und der Tech- nisierungsgrad nicht auf westdeutschem Niveau. Der unausweichliche Stellenabbau aufgrund von Rationalisierungswellen und Insolvenzen in den Jahren von 1989 bis 1992 glich einem Kahlschlag der ostdeutschen Wirtschaft, von dem 40 % aller Arbeitsplätze in den neuen Bundesländern betroffen waren.8

Wahlstrategische und populistische Förderprogramme unter der Regierung Kohl, die das Ziel einer zeitnahen Harmonisierung der Einkommenshöhe in West- und Ost- deutschland mittels politisch forcierter Anpassung der Löhne trotz unterschiedlicher Produktivitätslevel verfolgten, ließen die Attraktivität der neuen Bundesländer für unternehmerische Investitionen weiter sinken. Das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle ermittelte zudem, dass von 1991 bis 2009 bereits 1,3 Billionen Euro an Transfer- leistungen in die neuen Bundesländer geflossen seien, die dort unabhängig von tatsäch- lichem Bedarf nach dem Gießkannenprinzip für Infrastrukturmaßnahmen oder die Vergabe von Subventionen zur Ansiedlung von Unternehmen verwandt worden sind.9

Die Wiedervereinigung stellt zudem die bisher größte Belastung für die Sozialsysteme dar. Da Renten- oder Krankenversorgungsansprüche ostdeutscher Bürger mit Auflösung der DDR hinfällig wurden, entschied man aus solidarischen Gesichtspunkten und zur Wahrung des sozialen Friedens, diese ohne Abschläge in die westdeutschen Sozialver- sicherungssysteme einzugliedern. Das ungünstige Verhältnis von neuen Leistungsemp- fängern zu Beitragszahlern in Ostdeutschland aufgrund des geschilderten wirtschaftli- chen Abschwungs nach der Wiedervereinigung belastete auf dem Umlageverfahren basierende Sozialleistungen wie die Rente oder Arbeitslosenhilfe. In Konsequenz stieg die Sozialleistungsquote ausgehend von 1989 mit 30,7 % in fünf Jahren auf 34,1 % an.10

2.1.3 Weltfinanzkrise ab 2007

Die Krise des Immobilienmarktes in den USA, der seit mehr als einem Jahrzehnt durch Spekulationsgeschäfte der Finanzmarktakteure aufgebläht worden war, bildete die bis dahin größte Gefahr für die Weltwirtschaft. Entgegen den Grundprinzipien der in wirt- schaftlich soliden Jahren verfochtenen neoliberalen Wirtschaftspolitik wurde hierauf weltweit ein Eingreifen der öffentlichen Hand nach keynesianischer Konjunkturpolitik gefordert. Durch Verstaatlichung nicht mehr refinanzierungsfähiger Banken in Verbin- dung mit Konjunkturpaketen zur Nachfragebelebung und Regelungen zur Kurzarbeit, konnten Auswirkungen auf die Realwirtschaft in einem Umfang, wie sie infolge der Depression von 1933 aufgetreten waren, in Deutschland vermieden werden.11

Es bleibt zu konstatieren, welche Gefahr von vollkommen deregulierten und flexibili- sierten Finanzmärkten für die Realwirtschaft und damit für die Beschäftigungssituation in Deutschland ausgeht. Während Banken Gewinne aus volkswirtschaftlich sinnfreien Derivatgeschäften privatisieren - von 2006 weltweit gehandelten Währungspapieren im Wert von einer Billion US-Dollar, deckten lediglich 5−10 % reale Geschäfte ab - und dank Lobbyarbeit angemessene Steuerbelastungen vermeiden, werden die Verluste bei einer Selbstreinigung des Marktes sozialisiert.12 Die fiktiv erschaffenen Kapitalwerte, die lediglich für den Zeitraum der sich selbst antreibenden Spekulation bestehen, stehen in keinem Verhältnis zum volkswirtschaftlichen Schaden einer Marktkorrektur, deren langfristige Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt noch nicht absehbar sind.

2.2 Wirtschaftsstandort Deutschland

Seit Einsetzen der Industrialisierung unterliegt die Fertigung von Gütern einem steten technischen Fortschritt, der Produktivitätszuwächse erlaubt, bei denen eine steigende Menge an Gütern von einer abnehmenden Anzahl an Mitarbeitern hergestellt werden kann. Eine Steigerung der Ertragsfähigkeit ist Grundvoraussetzung für eine Vermeh- rung des volkswirtschaftlichen Wohlstands. Auf den Taylorismus mit Einführung der Fließbandarbeit folgte die Automatisierung von Produktionsvorgängen durch Industrie- roboter. In jüngster Vergangenheit dominierten Maßnahmen zur Geschäftsprozessopti- mierung oder die Auslagerung von Unternehmenstätigkeiten durch das Outsourcing.

Sehen Unternehmen Marktpotenzial für eine Produktionssteigerung, ergeben sich bei einem Zuwachs an Arbeitsproduktivität und konstant bleibender Belegschaftsgröße Wohlfahrtsgewinne durch einen Anstieg des Sozialprodukts. Alternativ besteht die Möglichkeit, durch Senkung der täglichen Arbeitszeit pro Beschäftigten neue Arbeits- plätze zu schaffen oder durch Freisetzung von Mitarbeitern die alte Produktionsmenge mit niedrigerem Arbeitskräftebedarf zu fertigen. Deutschland leidet seit dem Rückgang des jährlichen Wirtschaftswachstums in den 1970er-Jahren an einer Stagnationsarbeits- losigkeit, die daraus resultiert, dass die Menge der durch Produktivitätssteigerungen frei werdenden Arbeitsplätze die Anzahl an neu geschaffenen Erwerbsmöglichkeiten infolge wirtschaftlichen Wachstums übersteigt.13

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Anteile der führenden Exportnationen an weltweiter Warenausfuhr In Anlehnung an: Hass, E. (2007), S. 71.

Die Arbeitgeberverbände machen für die schwache Beschäftigungsentwicklung in Deutschland das hohe Niveau an Lohnnebenkosten und steuerliche Abgaben verant- wortlich. Diese Argumente sind allerdings fragwürdig, da, wie in Kapitel 4.3.2 noch aufgezeigt werden wird, die Lohnstückkosten von 1970−2005 gefallen sind und insbe- sondere transnationale Unternehmen anfallende Gewinne in Niedrigsteuerländer trans- ferieren.14 Die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Deutschland und die Konkurrenz- fähigkeit hier gefertigter Waren lassen sich anhand des deutschen Exportanteils an der weltweiten Warenausfuhr aufzeigen.

Eine Gegenüberstellung der Ausfuhranteile der sechs führenden Exportnationen am weltweiten Warenhandel von 1991−2005 (Abbildung 1) zeigt zwar, dass Deutschland, verglichen mit der sehr guten Ausgangslage von 1991, mit einem Weltmarktanteil von damals 11 % bis 2005 eine leichte Reduzierung auf 10 % hinnehmen musste, aber im Vergleich zu anderen westlichen Industrieländern und Japan seine Exportanteile am erfolgreichsten gegenüber der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China verteidigen konn- te. Deren Beitrag zum weltweiten Warenumschlag konnte sich von 1991 mit gut 2 % bis 2005 auf 7 % mehr als verdreifachen. Dieser Prozess begründet maßgeblich das sich stetig vergrößernde Außenhandelsdefizit der Vereinigten Staaten mit der Volksrepublik China, die 2010 Waren im Wert von 1,07 Billionen US-Dollar ausführte und damit Deutschland als führende Exportnation ablöste, das im gleichen Zeitraum einen Export im Wert von 1,05 Billionen US-Dollar verzeichnen konnte.15

2.2.1 Die Vernetzung der Märkte durch Globalisierung

Der Begriff der Globalisierung beschreibt die anhaltende Vernetzung global verteilter Absatzmärkte, deren Waren- und Datentransfer untereinander vormals durch Barrieren beeinträchtigt wurde. Moderne Kommunikationsmittel wie der Mobilfunk oder das In- ternet erlauben einen Informationsaustausch der beteiligten Handelspartner unabhängig von zeitlichen oder räumlichen Gegebenheiten. Sinkende Transportkosten im Rahmen technischer Innovationen und professionalisierter Strukturen in der Logistik ermögli- chen Unternehmen, international aktiv zu werden oder sich gar global zu positionieren. Die Flexibilisierung des weltweiten Kapitalverkehrs erlaubt es Investoren zudem, Ren- ditechancen wahrzunehmen, die sich aufgrund variabler Standortfaktoren wie regional unterschiedlicher Lohnniveaus oder infrastruktureller Differenzen ergeben. Der deut- sche Arbeitsmarkt tritt folglich zu den volkswirtschaftlichen Kapazitäten anderer Natio- nen in Konkurrenz.16

Soll das im internationalen Vergleich hohe deutsche Wohlstandsniveau gehalten wer- den, müssen hiesige Arbeitskräfte ihre höheren Lohnansprüche durch eine überlegene Arbeitsproduktivität rechtfertigen. Dies gelingt dem deutschen Arbeitsmarkt seit dem Anstieg der Sockelarbeitslosigkeit in den 1970er-Jahren immer weniger, da eine inter national überlegene Beschäftigungsfähigkeit nur durch einen bestmöglichen Bildungsstandard zu gewährleisten ist und das deutsche Schulsystem infolge anhaltender systembedingter Verfehlungen eine zu große Anzahl an Niedrigqualifizierten ins Arbeitsleben entlässt, deren Beschäftigung in Deutschland ohne zusätzliche staatliche Förderleistungen nicht lukrativ ist. Ein Beleg hierfür ist der seit Jahrzehnten abnehmende Anteil des produzierenden Gewerbes, das traditionell den Großteil einfacher Arbeitstätigkeiten bereitstellte, an der gesamtwirtschaftlichen Leistung.17

Die entwickelten Industriestaaten stehen ebenfalls in Konkurrenz zueinander hinsicht- lich eines begrenzten Investitionsumfangs vonseiten der Unternehmen, um die nationale Beschäftigung zu sichern. Es könnte hierdurch bei den sozialstaatlich geprägten europä- ischen Volkswirtschaften zu einem Wettlauf kommen - dem „Race to the Bottom“ d. h., die Bereitstellung optimaler Standortbedingungen für Unternehmen und die folglich finanzielle Entlastung dieser durch Senkung der Körperschaftsteuer oder Abgaben zur Sozialversicherung. Entsprechend käme es zu Budgetkürzungen staatlicher Sozialpolitik bzw. einer höheren Belastung privater Haushalte, die in letzter Konsequenz US-amerikanische Gesellschaftsverhältnisse nach sich zögen. Um eine Abwärtsspirale zu unterbinden und das bestehende Besteuerungsniveau zu stabilisieren, arbeitet man auf EU-Ebene an der Umsetzung einer Zinsrichtlinie und der Einführung einer Bemessungsgrundlage für die nationalen Steuerbehörden.18

2.2.2 Der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft

Der Anstieg dauerhafter Arbeitslosigkeit in Deutschland seit den 1970er-Jahren geht mit dem Prozess der Tertiärisierung einher, womit der gesellschaftliche Strukturwandel in Richtung einer Dienstleistungsgesellschaft umschrieben wird. Der Einzug der Auto- matisierung in die Industrie und Produktivitätssteigerungen dank technischen Fort- schritts hatte sowohl Freisetzungswellen an Arbeitnehmern im sekundären Sektor zur Folge als auch fallende Preise für die dort gefertigten Waren. Der tertiäre Sektor konnte somit die eingesparte Kaufkraft der privaten Haushalte und ebenfalls die freigesetzten Arbeitskräfte an sich binden.19

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Beschäftigungsanteile der Wirtschaftssektoren im zeitlichen Verlauf In Anlehnung an: Densow, W.; Wansleben, E. (2006), S. 17.

Eine Gegenüberstellung der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungsanteile in den ver- schiedenen Sektoren von 1882−2004 (Abbildung 2) verdeutlicht, in welchem Umfang sich der strukturelle Wandel vollzogen hat. Von 1882 mit einem Ausgangswert von 23 % war bis 1950 lediglich ein moderater Anstieg im Beschäftigungsanteil des tertiä- ren Sektors auf 33 % zu verzeichnen, was der Hochphase der Industrialisierung und den Anfordernissen an die Kriegsproduktion in den beiden Weltkriegen geschuldet ist. Auf- fällig sind das ab den 1960er-Jahren einsetzende beschleunigte Wachstum des Dienst- leistungssektors infolge von Rationalisierungsmaßnahmen sowie Produktionsverlage- rungen im sekundären Sektor und die Maschinisierung der landwirtschaftlichen Produk- tion, sodass seit 2004 fast 3/4 aller deutschen Arbeitsplätze durch den tertiären Sektor bereitgestellt werden.

Mit der Genese der Informationswirtschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeichnet sich ein weiterer Entwicklungsschritt der Wirtschaftsstruktur ab. Neben der Produktion von Gütern und hierbei unterstützender Dienstleistungen wie Marketing oder Controlling nehmen die Akquise, Bereitstellung und Verwaltung von Informatio- nen als strategische Erfolgsfaktoren von Unternehmen einen bedeutenden Stellenwert ein.20 In Abhängigkeit von der betrachteten Literatur wird dieses neue Betätigungsfeld als Teil des Dienstleistungssektors aufgefasst oder man spricht von der Entstehung des Quartärsektors, der Beratungstätigkeiten, Kommunikations- und Hochtechnologien wie auch IT-Dienstleistungen umfasst. Die Nutzung hieraus resultierender Instrumente der Geschäftsprozessrestrukturierung oder die Implementierung von Software zur Unter- stützung des Managements erfordert ein hohes Maß an Fachwissen und Bildung. Es gilt den tertiären und quartären Sektor im weiteren Aufbau zu fördern, um eine im internati- onalen Vergleich rentable Beschäftigungsstruktur mit hohem Lohnniveau zu manifestie- ren und die lohnsensitive Produktion von Gütern im sekundären Sektor Niedriglohnlän- dern zu überlassen. Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder äußerte sich hierzu 2003: „Wir müssen mehr hoch qualifizierte Arbeitsplätze in Deutschland aufbauen. Wenn man die einfachen Tätigkeiten in anderen Ländern erledigen lässt und die komplizierten hier, dann können beide davon profitieren.“21

2.2.3 Strukturschwache Räume

Die Wirtschaftsleistung in Deutschland ist trotz eines föderalen Ordnungsgrundsatzes regional unterschiedlich ausgeprägt. In der bundesdeutschen Nachkriegszeit zeigten sich insbesondere Norddeutschland und alpennahe Regionen im Süden Bayerns als struktur- schwache Räume, die vorrangig landwirtschaftlich geprägt waren. Finanzielle Struktur- hilfen konnten bis zur Jahrtausendwende deren Situation nachhaltig verbessern, da die zu Dienstleistungszentren aufgestiegenen Metropolregionen München und Hamburg zu einem Beschäftigungszuwachs in ihren Einzugsgebieten beigetragen haben und das Alpenvorland durch den Fremdenverkehr neue Einnahmen erschließen konnte.22 Im gleichen Zeitraum sorgte die Stahlkrise jedoch für einen Strukturwandel in der mit 10 Millionen Einwohnern am dichtesten besiedelten Region Deutschlands, dem Ruhrge- biet. Während sich zulasten anderer Revierstädte die verbliebene wirtschaftliche Leistung auf den Großraum Essen konzentrierte, zeigten Versuche der Ansiedlung von Unternehmen der „New Economy“ wie bspw. der Bio- oder Informationstechnologie- branche am Beispiel der Restrukturierung des Duisburger Hafengebietes erste zaghafte Erfolge. Seit der Wiedervereinigung sind zudem die neuen Bundesländer aufgrund ihrer schlechteren infrastrukturellen und technologischen Ausgangslage sowie der durch die Planwirtschaft aufgeschobenen Tertiärisierungsprozesse förderungsbedürftig.23

2.3 Aktuelle Beschäftigungsstruktur auf dem deutschen Arbeitsmarkt

Im Jahresdurchschnitt waren 2010 in Deutschland bei einer Einwohnerzahl von 81 752 000 rund 40 368 000 Menschen erwerbstätig, was einen neuen Höchststand darstellt. Die Erwerbstätigenzahl teilt sich auf in 35 952 000 Arbeitnehmer und 4 416 000 Selbstständige. Dabei entfielen 2,1 % der Beschäftigung auf die Landwirtschaft, 18,9 % auf das produzierende Gewerbe, von denen 5,5 % wiederum auf das Baugewerbe zurückzuführen sind, und 73,5 % auf Dienstleistungsbereiche. Bei einem Erwerbspersonenpotenzial von insgesamt 43 298 000 ergibt sich damit eine Erwerbslosenzahl von 2,93 Millionen, was einer registrierten Arbeitslosenquote von 6,8 % entspricht, die 2005 noch ein Allzeithoch von 10,6 % betragen hatte.24

Eine Verbesserung des Beschäftigungsniveaus in Deutschland ist allerdings nur auf den ersten Blick wahrnehmbar. Die von der Bundesagentur für Arbeit (BA) und dem Statis- tischen Bundesamt ermittelten Arbeitslosenquoten sind lediglich durch kosmetische Maßnahmen geschönt dargestellt. Weder Arbeitslose in Fördermaßnahmen, obwohl deren anschließende Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt nicht garantiert ist, noch die stille Reserve finden Berücksichtigung.25 Auch Beschäftigte in atypischen Arbeits- verhältnissen wie Minijobs oder Leiharbeit, die aufgrund ungenügender Entlohnung von öffentlicher Seite durch eine Hartz-IV-Aufstockung zur Erreichung des Existenzmini- mums gefördert werden müssen, werden nicht mehr als erwerbslos geführt, obwohl sie aufgrund der bezogenen Transferleistungen keinen positiven Beitrag zur Finanzierung des Sozialsystems leisten können. Seit dem Jahreswechsel 2009 zu 2010 werden zudem von privaten Anbietern betreute Arbeitslose ebenfalls nicht mehr von der Bundesagen- tur für Arbeit in ihren Statistiken beachtet, was allein für 2010 eine künstliche Reduzie- rung der Arbeitslosenzahlen um 142 000 zur Folge hatte.26

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat die registrierte und ver- deckte Arbeitslosigkeit für den Zeitraum 1998−2009 ermittelt (Abbildung 3) und zeigt damit das Ausmaß realer Erwerbslosigkeit auf dem deutschen Arbeitsmarkt auf. Der stillen Reserve im engeren Sinne gehören Personen an, die entweder aufgrund mangeln der Aussichten auf Beschäftigung sich resigniert vom Arbeitsmarkt zurückgezogen haben oder ohne Unterstützung der BA eigenständig auf Beschäftigungssuche sind. Die stille Reserve in Maßnahmen umfasst die durch Qualifizierungsvorhaben der BA geför- derten Personen.27

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Registrierte Arbeitslose und stille Reserve in Deutschland

In Anlehnung an: IAQ (2009), o. S., http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-

aktuell/_Politikfelder/Arbeitsmarkt/Datensammlung/Vorschau-Dateien/abbIV34.gif, Abruf 25.10.2011

Die tatsächliche Erwerbslosenzahl hat sowohl 1998 wie auch von 2003 bis einschließ- lich 2005 die Marke von sechs Millionen überschritten und konnte sich erst 2007 der Fünf-Millionen-Marke von oben annähern. Die Reduzierung der Arbeitslosigkeit seit 2005 bis auf eine reale Arbeitslosenzahl von 4,412 Millionen in 2008 ist dabei durch die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes vonseiten der Hartz-Reformen der Agenda 2010 zu erklären. Die Ermöglichung der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverhältnissen wie auch die staatliche Förderung von Minijobs zog eine Ausweitung atypischer Beschäftigungsformen im Niedriglohnsegment nach sich, bei denen das staatlich garan- tierte Grundsicherungsniveau nicht aus eigenen Kräften erreicht werden kann. Dies wird dadurch verdeutlicht, dass von 2005 bis 2007 die Zahl der verdeckten wie auch der registrierten Arbeitslosigkeit um rund eine Million Personen sank, im gleichen Zeitraum aber die Zahl von Hartz IV-Empfängern - den Grundsicherungsbedürftigen - von 6,86 Millionen 2005 auf 7,31 Millionen in 2007 anstieg.28

2.3.1 Rolle der Großunternehmen und Bedeutung des Mittelstands

Bedingt durch den ausgeprägten deutschen Mittelstand ist die Rolle der Großunterneh- men mit einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsanteil von 30 % von geringerer Bedeutung als in anderen Industrienationen. Demgegenüber steht der Mittel- stand, der 99,7 % aller umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen umfasst, 68,3 % der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer beschäftigt, 41,2 % der Umsätze erwirt- schaftet und mehr als 80 % aller Ausbildungen ausführt. Die deutsche Politik weiß sowohl um die Bedeutung des Mittelstandes als tragende Säule der Volkswirtschaft als auch um dessen Exportpotenzial, begründet durch die Spezialisierung vieler kleiner und mittlerer Unternehmen auf Nischenprodukte, die auf implizitem Wissen basieren.29

Ungeachtet dessen bündelt sich der Großteil der Maßnahmen zur Wirtschaftsförderung vonseiten des Staates auf Großunternehmen und Konzerne, da die Beschäftigungssitua- tion der Großbetriebe aufgrund der höheren Popularität der Markennamen im Vergleich zu unbekannteren Mittelständlern Politikern die Gelegenheit bietet, sich medienwirksam zu präsentieren und durch Schaffung neuer Arbeitsplätze zu profilieren. Der Ausbau des internationalen Warenhandels wird zudem maßgeblich durch Großunternehmen geprägt, denn diese sind für 90 % der Direktinvestitionen aus Industrieländern ins Ausland ver- antwortlich; allein im Zeitraum von 1990−2000 fand eine Steigerung des Investitions- volumens um 550 % statt.30

Mit dem Bedeutungsanstieg der weltweiten Finanzmärkte ging auch ein Philosophie- wandel im Management von Großunternehmen einher. Durch die vermehrte Finanzie- rung des Geschäftsbetriebes über private Kapitalgeber brach die in den Nachkriegsjah- ren hervorgegangene Deutschland-AG - Synonym für die enge Verzahnung deutscher Großunternehmen und Kreditinstitute - zusammen und die kurzfristige Unternehmens- führung im Sinne der Maximierung des Aktionärswerts, dem Shareholder Value, etab- lierte sich als Standard. In der Absicht auf eine rasche Gewinnmaximierung, bedingt durch die an den Unternehmenserfolg gekoppelte Vergütung der Vorstände, häufen sich leichtfertige Freisetzungswellen von Arbeitskräften mit einem einhergehenden Verlust an Fachwissen und einer Verschlechterung der langfristigen Geschäftsaussichten.

2.3.2 Formen von Arbeitslosigkeit

Bei den verschiedenen Formen von Arbeitslosigkeit wird zwischen friktioneller Arbeits- losigkeit, die durch Arbeitsplatzwechsel von Personen mit hoher Beschäftigungsfähig- keit entsteht und nur von kurzer Dauer ist, sowie saisonaler Arbeitslosigkeit unterschie- den, die sich aufgrund von Klimaveränderungen im Jahresverlauf ergibt und bspw. Gastronomie oder Baugewerbe betrifft. Konjunkturelle Arbeitslosigkeit hingegen resul- tiert aus Schwankungen der allgemeinen Wirtschaftslage, die Beschäftigungsanpassun- gen der Unternehmen nach sich ziehen, wodurch ein Anstieg der langfristigen Arbeits- losigkeit verursacht werden kann, wenn sich die Wirtschaftsleistung nach einer Phase des Abschwungs nur zögerlich erholt und Qualifikationen der Erwerbslosen veralten.31

Weiterhin ist die strukturelle Arbeitslosigkeit zu nennen, die bezogen auf den deutschen Arbeitsmarkt die größte Bedeutung besitzt. Diese tritt auf, wenn ein Wandel in der Ge- wichtung der einzelnen Wirtschaftssektoren eintritt, wie am Beispiel der Tertiärisierung aufgezeigt, oder Verschiebungen innerhalb einzelner Sektoren selbst, meist als Ergebnis technischer Entwicklungen, auftreten. Hieraus resultierende Anpassungen der arbeits- platzrelevanten Qualifikationen erzeugen eine merkmalsstrukturelle Arbeitslosigkeit, da die auf dem Arbeitsmarkt vorhandenen Arbeitskräfte die Erfordernisse der veränderten oder neu entstehenden Arbeitsplätze ohne Weiterbildungsmaßnahmen nicht erfüllen können. Technologische Arbeitslosigkeit entsteht durch regelmäßige Steigerung der Produktivität infolge von Rationalisierung oder technischem Fortschritt.32

Einen Sonderfall stellt die institutionelle oder auch „freiwillige“ Arbeitslosigkeit anhand von Sozialleistungen dar. Der aus dem staatlich garantierten Versorgungsniveau hervor- gehende Anspruchslohn der Leistungsbezieher lässt diese keine Beschäftigungsmög- lichkeiten aufnehmen, deren Entlohnung unterhalb des gewohnten Arbeitslosenhilfesat- zes oder der Grundsicherung angesiedelt ist. Da der Bildungsstand der Betroffenen und die daraus resultierende Arbeitsproduktivität womöglich eine Entlohnung über dem Niveau staatlicher Transferleistungen nicht rechtfertigt, verbleiben diese systembedingt erwerbslos.33

Die soziale Absicherung von Erwerbslosen durch Arbeitslosenhilfe oder Grundsiche- rung ist allerdings von essenzieller Bedeutung für eine volkswirtschaftlich sinnvolle Zusammenführung von Arbeitskräften und offenen Erwerbsstellen. Der überwiegende Teil der Arbeitnehmer, insbesondere junge Menschen nach Ausbildung oder Studium, können zur Erwirtschaftung ihres Lebensunterhaltes nur ihre Arbeitskraft anbieten und sind nicht in der Lage, diese bei nicht vorhandener staatlicher Unterstützung und dro- hender finanzieller Not ihrem jeweiligen Qualifikationsstand entsprechend zum recht- mäßigen Marktpreis zu offerieren. Abschließend ist die Sockelarbeitslosigkeit zu nennen, die Personengruppen umfasst, deren Vermittlung auf dem ersten Arbeitsmarkt aufgrund mangelnder Beschäftigungsfähigkeit unabhängig von der gesamtwirtschaft- lichen Situation aussichtslos erscheint.34

2.3.3 Der Fachkräftemangel

Ein wachsender Bedarf an Fachkräften ist das Ergebnis des anhaltenden Bedeutungszu- wachses der bildungsnahen Tertiär- und Quartärsektoren bei gleichzeitiger Abnahme einfacher Tätigkeiten für Geringqualifizierte im Sekundärsektor. 2007 konnten trotz 3,8 Millionen registrierter Arbeitsloser 621 000 offene Stellen auf dem Arbeitsmarkt nicht besetzt werden. Einerseits entsprechen die Qualifikationen der Bewerber nicht den gesetzten Anforderungen, andererseits existiert eine fehlende Bereitschaft von Arbeits- losen zu überregionaler Mobilität und es bestehen Ineffizienzen beim Suchprozess.35

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung prognostiziert, dass spätestens ab 2015, bedingt durch eintretende demographische Entwicklungen, die eine abnehmende Anzahl an Erwerbspersonen begründen, mit einer weiteren Reduzierung gut ausgebilde- ter Arbeitnehmer zu rechnen ist.36 Um auf die Fachkräfteverknappung zu reagieren, empfiehlt die IHK Mittlerer Niederrhein speziell dem Mittelstand eine verstärkte Wei- terbildung betriebsinternen Personals, das Arbeitskräftepotenzial auf dem Arbeitsmarkt aussortierter Personen der Generation 50+ zu nutzen, Spitzentalenten Lohnzugeständ- nisse einzuräumen und Bewerber mit Profilmängeln eigenständig für die betriebliche Verwendung zu qualifizieren.37

[...]


1 Vgl. Hass, E. (2010), S. 62 f.

2 Vgl. Mellenthin, A. (2006), S. 34.; Eßer, J. W. (2008), S. 1.

3 Vgl. Dahme, H.-J. (2008), S. 11.

4 Vgl. Nell, W.; Yesherun, S.-A. (2008), S. 145.

5 Vgl. Densow, W.; Wansleben, E. (2006), S. 17.; Eßer, J. W. (2008), S. 1 f.

6 Vgl. Mellenthin, A. (2006), S. 35 ff.

7 Vgl. Bauernschuster, S. (2008), S. 55.

8 Vgl. Mellenthin, A. (2006), S. 39.; Eßer, J. W. (2008), S. 2.

9 Vgl. Spiegel Online (2009) (o.V.), o. S., http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,druck- 659990,00.html, Abruf am 25.10.2011.

10 Vgl. Pilz, F. (2004), S. 43 ff.

11 Vgl. Brenke, K. (2010), S. 40 f.

12 Vgl. Hass, E. (2007), S. 14 f.

13 Vgl. Borckholder, T. (2008), S. 40 ff.

14 Vgl. Hass, E. (2007), S. 74 ff.

15 Vgl. Zeit Online (2010) (o.V.), o. S., http://www.zeit.de/wirtschaft/2010-01/export-china- deutschland/komplettansicht?print=true, Abruf am 25.10.2011.

16 Vgl. Schmid, J. (2010), S. 5.

17 Vgl. Homann, A. (2009), S. 205.

18 Vgl. Lösch, B.; Engartner, T. (2009), S. 208 f.

19 Vgl. Schmid, J. (2010), S. 3.; Borckholder, T. (2008), S. 16 f.

20 Vgl. Eßer, J. W. (2008), S. 5.; Bergemann, K. (2008), o. S., http://www.it- production.com/druck.php?id=44087, Abruf 25.10.2011.

21 Bontenackels, K.-H. (2007), S. 56.

22 Vgl. ebd. S. 11 f.; Eßer, J. W. (2008), S. 18.

23 Vgl. Mellenthin, A. (2006), S. 49 f.

24 Vgl. Statistisches Bundesamt (2011), o. S., http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2011/01/PD11__001__ 13321,templateId=renderPrint.psml, Abruf am 25.10.2011

25 Vgl. Bauernschuster, S. (2008), S. 52.

26 Vgl. Densow, W. (2010), S. 10 ff.

27 Vgl. Hass, E. (2010), S. 63 f.

28 Vgl. Homann, A. (2009), S. 161.

29 Vgl. Eßer, J. W. (2008), S. 10 ff.; Bauernschuster, S. (2008), S. 49.

30 Vgl. Hass, E. (2007), S. 81 ff.

31 Vgl. Densow, W. (2010), S. 8.

32 Vgl. Borckholder, T. (2008), S. 40 ff.

33 Vgl. Oschmiansky, F. (2010), o. S., http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=KSLF0U&page=0, Abruf am 25.10.2011.

34 Vgl. Lösch, B.; Engartner, T. (2009), S. 246.

35 Vgl. Bauernschuster, S. (2008), S. 59.

36 Vgl. Homann, A. (2009), S. 208.

37 Vgl. IHK Mittlerer Niederrhein (2010), S. 18.

Details

Seiten
74
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656134237
ISBN (Buch)
9783656134503
Dateigröße
7.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189262
Institution / Hochschule
FOM Essen, Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Hochschulleitung Essen früher Fachhochschule
Note
1,3
Schlagworte
arbeitsmarkt jahrhundert soziale marktwirtschaft zeichen globalisierung wandel grundsicherung

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Titel: Der deutsche Arbeitsmarkt im 21. Jahrhundert