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Verständlichkeit von Texten

Analyse ausgewählter Textverständlichkeitsmodelle und didaktische Empfehlungen für die Schule

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 22 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Textverständlichkeit – Wie schwierig ist ein Text?
2.1 Begriffsklärung und -abgrenzung
2.2 Textverständlichkeit – ein Forschungsüberblick
2.3 Textverständlichkeitsmodelle
2.3.1 Hamburger Verständlichkeitskonzept
2.3.2 Verständlichkeitsdimensionen nach Groeben
2.3.3 Kategorien der Textverständlichkeit
2.4 Lesbarkeitsformel

3. Praktische Anwendung
3.1 Anwendungen der Konzepte auf einen Sachtext
3.2 Textproduktionen auf Basis der Verständlichkeitsmodelle

4. Didaktische Empfehlungen zur Bestimmung
der Schwierigkeit von Texten in der Schule

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einführung

Die Dokumentation entstand im Kontext des Hauptseminars „Sachtexte lesen, verstehen und analysieren“ im Wintersemester 2010/11. Im Seminar wurden die wesentlichen Einflussfaktoren auf den Umgang und das Verstehen von nicht-fiktionaler Literatur näher betrachtet. Bei der vorliegenden Ausarbeitung handelt es sich um die vertiefende Verschriftlichung des im Seminar referierten Teilthemas „Textverständlichkeit“. Neben den theoretischen Grundlagen zur Textverständlichkeitsforschung sollten dabei auch verschiedene Modelle der Bestimmung von Textschwierigkeit vorgestellt werden. Um diesen Themenkomplex im Seminar-kontext anschaulich einzuordnen dient an dieser Stelle die Grafik von Artelt zu den Determinanten der Lese-kompetenz[1] als geeignete Illustration. Neben den leserseitigen Faktoren „Aktivitäten“ und „Merkmale“ des Lesers/der Leserin sowie den unter-schiedlichen Leseanforderungen führt Artelt als vierte Bestimmungsgröße die „Beschaffenheit des Textes“ an. Sie umfasst sowohl inhaltliche als auch strukturelle Merkmale des Textes, also Faktoren, die der Verständlichkeit eines Textes zu- oder abträglich sein können. Die anderen drei Determinanten wurden durch weitere Vorträge, zum Beispiel zur Lesesozialisation, zu Lesestrategien oder zur Aufgabenkultur im Deutschunterricht – als Grundlage zur Entwicklung von Kompetenzen im Umgang mit (Sach-)texten – kontextualisiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Dokumentation dient dazu, dass Referatsthema vertiefend zu bearbeiten. Dazu werden die Referatsinhalte kurz dargestellt. Im Anschluss werden zwei der vorgestellten Modelle zur Bestimmung der Textschwierigkeit durch die direkte Anwendung an zwei ausgewählten Textbeispielen praktisch gegenübergestellt. Den didaktischen Zielstellungen des Seminars folgend, werden die resultierenden Ergebnisse als Grundlage zur Erstellung einer didaktischen Empfehlung zur Beurteilung des Schwierigkeitsgrades von Sachtexten herangezogen.

2. Textverständlichkeit – Wie schwierig ist ein Text?

2.1 Begriffsklärung und -abgrenzung

Mit dem Begriff der Textverständlichkeit werden textimmanente Merkmale umfasst, die direkt oder indirekt Einfluss auf das Verstehen des Textes haben. Die Linguistin Susanne Göpferich bezeichnet die Textverständlichkeit auch als wichtiges Merkmal der Textqualität[2]. Was genau unter dem Begriff Textqualität zu verstehen ist, ihre Komplexität und die Schwierigkeiten ihrer Bewertung stellt der Sprachdidaktiker Peter Siebers im selben Sammelband schematisch und exemplarisch dar[3]. Das von ihm übernommene vorliegende Schema zeigt die unterschiedlichen Dimensionen von Textqualität, fand jedoch aus Zeit- und Planungsgründen leider keine weitere Berücksichtigung im Referat. Siebers Schema basiert auf dem Züricher Textanalyseraster, das für die wissenschaftliche Analyse von Text-qualitäten entwickelt wurde[4]. Während die textseitige Forschung sich also mit den Merkmalen oder Kriterien des vorliegenden Textes befasst, sollte hier zur Vollständigkeit die leserseitige Komponente des Lese- und Verstehendprozesses erwähnt werden. Textverstehen umfasst die (Vor-) Wissens-, Verarbeitungs- und Strategieressourcen des Lesers[5]. Beide Bereiche haben demnach entscheidenden Einfluss auf das Verstehen von Texten. Die Interaktion zwischen Leser und Text konstituiert demnach die Verständlichkeit von Texten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Textverständlichkeit – ein Forschungsüberblick

Als wichtigste Vorstufe der Verständlichkeit von Texten wird in der Forschung häufig die Lesbarkeit oder auch Leserlichkeit angeführt. Die Leserlichkeit von Texten gilt allgemein als Basis zum Verstehen, d.h. die Qualität der graphischen und typographischen Gestaltung von Texten hat Einfluss auf die Textrezeption[6]. Faktoren wie Schriftart, Schriftgröße, Schriftschnitt, Zeilenlänge, Zeilenumbruch, Wortabstände, der Kontrast zwischen Schrift und Hintergrund oder Druckqualität können die Leserlichkeit eines Textes entscheidend beeinflussen. Während im Referat nur ein Beispiel kurz angeführt wurde, könnten alternativ zwei gegensätzliche Beispiele dargestellt werden, die den Einfluss der äußeren Textform verdeutlichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die direkte Gegenüberstellung hebt die Schwachstellen des linken Textes und die Stärken des rechten Textes hervor. Da wir im täglichen Gebrauch von Texten vor allem an die normierte Variante schwarz auf weiß gewöhnt sind, wäre eine Sensibilisierung auch im Hinblick auf die eigene Erstellung von Texten (z.B. in Präsentationen oder im Unterreicht) geeigneter gewesen. Die Beispiele verdeutlichen aber auch, dass die Leserlichkeitsforschung jedoch nur einen Teil der Verständlichkeit abdeckt, nämlich den, der Textoptik. Textinhalte, Textstrukturen oder Textgliederungen bleiben dabei unberücksichtigt. Die Kriterien der Lesbarkeit sind dagegen bereits auf einer höheren Verarbeitungsebene angesetzt. Sie untersucht die sprachlich-stilistische Gestaltung, die Verständlichkeit auf Wort-Satz-Ebene und grammatische Gestaltung. Die Lesbarkeitsforschung[7], die ihre Anfänge in den 1930er Jahren hat, untersucht Textschwierigkeit an Hand von Wort- und Satzschwierigkeit (Länge, Bekanntheitsgrad, Erfassbarkeit des Wortes – Silben, Buchstaben-Kombination –) oder der Vorkommenshäufigkeit von Wörtern im Text. Diese eher quantitativen Faktoren[8] finden vor allem in den Lesbarkeitsformeln ihren Ausdruck, die weiter unten noch einmal genauer vorgestellt werden.

Die zwei wichtigsten Forschungszweige in der Verständlichkeitsforschung sind die kognitionswissenschaftlichen und die instruktionswissenschaftlichen Ansätze[9]. Aus der textorientierten meta-kognitiven Sicht werden zum einen beim Lesen kohärente mentale Repräsentationen des Textes aufgebaut, sogenannte mentale Modelle. Eine andere Forschungsgruppe geht von einem Schema-Modell aus, nach dem das Verstehen eines Textes vor allem durch vorhandene Wissensbausteine beim Leser den Rezeptionsprozess bestimmen. Dieses Wissen ist nach dem Modell geordnet und strukturiert. Es geht in den Rezeptionsprozess ein und macht das Verstehen, Behalten, Lernen und Reproduzieren[10] erst möglich. Im Referat wurde nur das erste Modell der mentalen Inhaltsorganisation vorgestellt, da sich diese stärker auf die Textmerkmale bezieht und eine geeignetere Basis zur Erklärung der Verständlichkeitsmodelle bot. Die vier Kriterien, die nach diesem Modell den Aufbau kognitiver Strukturen beeinflussen sind:

(1) Eine kohärente Inhaltsorganisation:
1.1 Beziehungen zwischen den Sätzen (lokale Kohärenz): Rück- und Vorverweise, Wortwiederholungen, Korreferent, Konnektiva (v.a. kausale Verknüpfung wie weil/deshalb/daher …)
1.2 Beziehung von Teilthemen zueinander (globale Kohärenz): Topic-Indikatoren (einführende Sätze, Vergleiche, Überschriften, Abstraktionen, Beispiele etc ; z.B. Ursache – Wirkung, Problem – Lösung, Grund – Folge, Frage – Antwort, These – Antithese) à kohärenzschädigende Faktoren: Gedankensprünge, Aspektwechsel, fehlende Relationen zwischen Abstraktem und Konkretem
1.3 Bilder/Diagramme: unterstützen die Textverständlichkeit und Textkohärenz insofern die Bilder direkte Inhalte aus dem Text stützen (Effekt der doppelten Kodierung) Alle drei Faktoren führen bei optimaler Verwendung zu einer reibungslosen Textrezeption auf der Ebene der Satz-Text-Bezüge.

(2) Das hierarchisch-sequenzielle Arrangieren von Textinhalten Umfasst die logische Abfolge der Textinformation, die sich durch eine hierarchisch-sequentielle Struktur in Form Faktendarbietung vom Abstrakten zum Konkreten auszeichnet.

(3) Die Aktivierung von Vorwissensbeständen, durch:
3.1 Advanced Organizer (dem Text vorangestellte Einführungen)
3.2 Metaphern und Analogien: können Verbindungsinstrumente zwischen Bekanntem und Neuem sein
3.3 Erklärungen, Spezifizierungen, Beispiele (bieten Anknüpfungspunkte zu bereits vorhandenem Wissen)

(4) Vorwissen des Lesers/der Leserin

Auch in diesem Modell werden die Vorwissensbestände des Lesers als entscheidender Faktor der Textverständlichkeit genannt. Eine ausgewogene Anwendung der drei zuvor genannten Kriterien kann dabei unterstützend wirken. Artelt verweist hier jedoch auch auf eine empirische Erkenntnis, nach der sich „ein inhaltlich völlig kohärenter und durchstrukturierter Text bei Leser/innen mit hohen Vorkenntnissen eher negativ auf die Verarbeitungsleistung“ auswirkt“[11].

Neben der stärker theoretisch orientierten kognitionspsychologischen Forschung von Textverständlichkeit ist der instruktionspsychologische Ansatz stärker anwendungs-orientiert, mit dem Ziel die Texte zu optimieren, um ein verbessertes Lernen aus den Texten zu ermöglichen. Auch hier wird das Verstehen von Texten als eine Wechselwirkung zwischen dem Textinhalt und dem Vorwissen des Lesers erkannt. Die Modelle des instruktionspsychologischen Ansatzes finden als Textverständlichkeits-modelle verstärkt praktische Anwendung und werden im folgenden Punkt unter 2.3.1 und 2.3.2 erläutert.

2.3 Textverständlichkeitsmodelle

2.3.1 Hamburger Verständlichkeitskonzept

Das Hamburger Konzept zur Textverständlichkeit wurde in den 70er Jahren von den Psychologen Inghard Langer, Friedemann Schulz von Thun und Reinhard Tausch entwickelt[12]. Ihr Model basiert auf der induktiven Einschätzung von Texten durch Experten – Lehrer, Studenten u.a. – die an Hand von Skalen festgelegt wurden. Die Ergebnisse wurden in der Studien durch eine weitere Erprobung bei Grundschulkindern ergänzt. Die Hamburger Psychologengruppe erstellte ein Modell aus vier Dimensionen, die Einfluss auf die Verständlichkeit von Texten nehmen:

1. Einfachheit: erfasst die Wortzahl, den Satzbau, die Satzlänge sowie die Bekanntheit und Einfachheit der Wörter (häufiges Vorkommen im täglichen Sprach- gebrauch).
2. Gliederung / Ordnung: bezieht sich auf die innere Ordnung (d.h. die Informationen werden in sinnvoller Reihenfolge bzw. in einem logischen Aufbau präsentiert) und die äußere Gliederung (Absätze, Hervorhebungen, Aufzählungszeichen etc.).
3. Kürze / Prägnanz: nimmt Bezug auf eine angemessene Länge des Textes zur Erläuterung des Inhaltes. Dabei darf der Text nicht zu kurz, d.h. mit zu wenig Informationen, aber auch nicht zu lang, d.h. mit einer zu großen und der kognitiven Verarbeitung abträglichen Fülle von Informationen, konzipiert sein.
4. Anregende Zusätze: fasst Stimulanzen zusammen, die dem Leser den Textinhalt auf unterschiedlichste Weise näher bringen, d.h. anregende Wirkung haben. Die Psychologen fassen darunter Stilistische Mittel wie Vergleiche, Metaphern, Beispiele oder auch die Wörtliche Rede.

Grundsätzlich korrelieren die genannten Dimensionen nicht miteinander, jedoch können sich ‚Kürze bzw. Prägnanz‘ und ‚anregende Zusätze‘ im ungünstigen Fall gegensätzlich bedingen. Die Forschergruppe hat die vier Dimensionen an Hand ihrer Untersuchungs-ergebnisse hierarchisch gegliedert. Nach dieser Gliederung wird die sprachliche Einfachheit als wichtigstes Kriterium für eine Text angesehen. Danach folgt die Dimension Gliederung/Ordnung. Kürze/Prägnanz und zusätzliche Stimulanz werden dagegen in diesem Modell als weniger entscheidend für die Bestimmung der Textschwierigkeit eingeschätzt.

[...]


[1] Schema entnommen aus: Artelt: Förderung von Lesekompetenz – Expertise, 2007, S. 12.

[2] Göpferich: Textverstehen und Textverständlichkeit, in: Janich: 2008, S. 292.

[3] Siebers, Kriterien der Textqualität am Beispiel Parlando, in: Janich: 2008, S. 271-90 (Schema S. 274).

[4] Ebd.

[5] Hierzu bei: Göpferich: 2008, S. 294f; Artelt: 2007, S. 13ff.

[6] Göpferich: 2008, S. 292.

[7] Dazu bei: Bierer: Textverstehen und Textverständlichkeit, 1991, S. 6f.

[8] Göpferich: 2008, S. 292.

[9] Hierzu ausführlich bei Bierer: 1991, S. 7ff., Göpferich: 2008, S. 292ff.

[10] Artel: 2007, S. 20ff.

[11] Ebd., S. 28. Artelt verweist auf eine Studie von McNamara, Kintsch, Butler-Songer & Kintsch von 1996.

[12] Hier und im Folgenden: vgl. Biere: 1991, S. 7f.; Göpferich: Interkulturelles Technical Writing, 1998, S. 226ff.

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656135111
ISBN (Buch)
9783656135203
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189226
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Schlagworte
verständlichkeit texten analyse textverständlichkeitsmodelle empfehlungen schule

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