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Kulturgeschichtliche Bezüge in Nikolai Gogols 'Wij'

Produktionsästhetische Analyse von Gogols Kunstmärchen

Referat / Aufsatz (Schule) 2012 6 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Analyse
2.1 Inhaltszusammenfassung
2.2 Produktionsästhetische Klärung der Leitfrage
2.2.1 Folkloristische und mythologische Elemente
2.2.2 Literarische Einflüsse
2.2.3 Religiöse Motive

3 Fazit

4 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Der Wij (auch Vij oder Wij) ist eine phantastische Erzählung des ukrainisch-russischen Schriftstellers Nikolai Wassiljewitsch Gogol. Sie wurde 1835 zusammen mit drei anderen Kurzerzählungen Gogols im Sammelband Mirgorod veröffentlicht. Der Text handelt von dem Philosophiestudenten Choma Brut, der gezwungen wird drei Nächte am Sarg einer Hexe zu beten. Dabei wird er von verschiedenen Dämonen heimgesucht bis er schließlich stirbt.

In einer Anmerkung verweist Gogol darauf, dass es sich bei der Geschichte um eine Volksüberlieferung handelt.1 Diese Arbeit basiert auf der Annahme, dass dies nicht wahr ist.2 Zum Einen gibt es keine Belege, die die Existenz des Wijs im slawischen Volksglauben bestätigen, zum Anderen würde eine schlicht wiedergegebene Sage keine größeren Parallelen zu Gogols anderen Werken aufweisen. Trotzdem beruht Der Wij nicht allein auf Gogols Ideen. Welche folkloristischen, mythologischen, literarischen und religiösen Bezüge weist die Erzählung auf? Diese Frage soll - dem Umfang der Arbeit entsprechend - durch einen produktionsästhetischen Ansatz geklärt werden.

2.1 Inhaltszusammenfassung

An dieser Stelle folgt eine kurze inhaltliche Zusammenfassung. Im ersten Teil der Erzählung reisen die drei Studenten Choma Brut (Philosophie), Tiberius Gorobetz (Rhetorik) und Chaljawa (Theologie) von ihrer Universität in Kiew nach Hause. Sie übernachten dabei in einem Gehöft, wo sie von einer alten Frau notdürftig untergebracht werden. Es stellt sich heraus, dass die Alte eine Hexe ist. Sie reitet auf Choma durch die Nacht, bis dieser schließlich den Zauber umdrehen kann und die Hexe zusammenbricht. Als sie dem Tod nahe ist, sieht er sie als gutaussehendes Mädchen. Brut flieht nach Kiew, wo erfährt, dass die Tochter eines wohlhabenden Kosaken im Sterben liege. Ihr letzter Wunsch sei, dass Choma in den drei Nächten nach ihrem Tod bei ihrer Leiche beten soll. Der Philosoph wird von mehreren Kosaken zu ihrem Dorf gebracht. Dort bemerkt Choma, dass die inzwischen Verstorbene die Hexe aus dem Gehöft gewesen ist. Zudem stellt sich heraus, dass sie auch auf anderen Männern herumgeritten war und einem Baby das Blut ausgesaugt hat. In der ersten Nacht beginnt der Philosoph vor ihrem Sarg zu beten. Nach einiger Zeit erhebt sich die Tote und geht umher. Brut zieht einen Schutzkreis und drängt die Leiche zurück in ihren Sarg. In der zweiten Nacht wird die Kirche zusätzlich von Geistern heimgesucht, die beim Hahnenschrei wieder verschwinden. Am darauffolgenden Morgen wird Choma, trotz des Schutzkreises, halbtot aufgefunden. In der dritten Nacht erscheinen schließlich der Wij, König der Gnomen, und zahlreiche Erdgeister. Obwohl Choma Brut durch den Kreis geschützt ist, stirbt er: vor Angst. Die Dämonen überhören den Hahnenschrei und können so nicht rechtzeitig fliehen. Sie verfangen sich in den Fenstern und frieren fest.

2.2.1 Folkloristische und mythologische Elemente

Um den Anschein einer märchenhaften Überlieferung zu erwecken, beinhaltet Der Wij folkloristische und mythologische Elemente. Besonders in der Gestalt der namenlosen Hexe manifestieren sich zahlreiche volkstümliche Vorstellungen. So erscheint sie nicht nur als Hexe, sondern auch als Gestaltwandler und Vampir. Allerdings nicht in Form des klassischen, untoten Wiedergängers, sondern als Adaption der Empuse. In der griechischen Mythologie wurden die verwandlungsfähigen Empusen von der Göttin Hekate entsandt, um Reisenden aufzulauern.3 In Der Wij befindet sich Choma Brut auf der Heimreise aus Kiew, als die Alte über ihn herfällt. In der antiken Literatur, etwa in Die Empuse von Flavius Philostratos4, tauchen Empusen meist als junge Verführerinnen auf. Fraglich ist, warum Gogols Empuse hingegen als alte Frau auftritt. Simon Karlinsky nach handelt sie so, um die Aufgabe für sich schwieriger zu gestalten.5 Eine weitere Abweichung vom griechischen Mythos stellt die Tatsache dar, dass Gogols Empuse ihre Opfer nicht auffrisst. Davon abgesehen tötet sie aber, wie ihr griechisches Gegenstück, auch Säuglinge.

Nach ihrem Tod hingegen tritt sie als Vampir auf, um Rache an Choma Brut zu nehmen. Der Philosoph hat keine Chance seinem Schicksal zu entgehen. Choma nannte der Hexe im Gasthaus leichtfertig seinen Namen und seine Schule. Dadurch kann sie ihn, sogar nach ihrem Tod, durch ihren Vater zu sich bringen lassen.

Neben Der Johannisabend und Die toten Seelen ist Der Wij eines der drei Werke Gogols, in denen die spontane Selbstentzündung Erwähnung findet.6

[...]


1 Gogol, Nikolai Wassiljewitsch: Der Wij. Aus dem Russischen von Alexander Eliasberg. In: Sturm, Dieter/ Völker, Klaus (Hrsg.): Von denen Vampiren oder Menschensaugern. Dichtungen und Dokumente. Weltbild, 1997, S. 144.

2 Sturm, Dieter: Literarischer Bericht. In: Sturm, Dieter/ Völker, Klaus (Hrsg.): Von denen Vampiren oder Menschensaugern. Dichtungen und Dokumente. Weltbild, 1997, S. 539.

3 vgl. Theoi Project, Aaron J. Atsma 2000-2011: EMPOUSAI & LAMIAI. URL: http://www.theoi.com/Phasma/Empousai.html (abgerufen am 30. Dezember 2011).

4 vgl. Philostratos, Flavius: Die Empuse. Aus dem Griechischen von Friedrich Jakobs und Horst Gasse. In: Sturm, Dieter/ Völker, Klaus (Hrsg.): Von denen Vampiren oder Menschensaugern. Dichtungen und Dokumente. Weltbild, 1997, S. 11-13.

5 vgl. Karlinsky, Simon: The Sexual Labyrinth of Nikolai Gogol. Chicago: The University of Chicago Press, 1976, S. 93. Abgerufen über Google books.

6 vgl. Croft, Lee B.: People in Threes Going Up in Smoke and Other Triplicities in Russian Literature and Culture. URL: http://rmmla.wsu.edu/ereview/59.2/articles/croft.asp (abgerufen am 4. Januar 2012).

Details

Seiten
6
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656133742
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189219
Note
12
Schlagworte
Phantastik Nikolai Gogol Ukraine 1835 Mirgorod Wij Viy Der Wij Alexander Eliasberg Vampir Hexe

Autor

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