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Rezension zu Jean-Claude Kaufmann "Was sich liebt, das nervt sich"

Rezension / Literaturbericht 2011 8 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Kaufmann, Jean-Claude (2007): Was sich liebt, das nervt sich. Konstanz: UVK. Preis: 19,90 Euro.

Franziska Letzel

Jean-Claude Kaufmanns Werk Was sich liebt, das nervt sich erschien 2007 unter dem französischen Originaltitel Agacements. Les petites guerres du couple und reiht sich thematisch in frühere Publikationen des Autors ein, so etwa Schmutzige Wäsche. Ein ungewöhnlicher Blick auf gewöhnliche Paarbeziehungen (2005) und Der Morgen danach. Wie eine Liebesgeschichte beginnt (2005). Als französischer Soziologie-Professor an der Sorbonne-Universität in Paris widmet sich Kaufmann in seinem Forschungsschwerpunkt den Beziehungen zwischen Mann und Frau und insbesondere den in diesem Zusammenhang auftretenden Schwierigkeiten und Problemen. So wundert es nicht, dass sich auch die vorliegende Publikation mit den alltäglichen Paarbeziehungen und den neu entstehenden Möglichkeiten und Herausforderungen für die Partnerschaft in einer modernen, sich wandelnden Gesellschaft beschäftigt. Das Kernthema bilden dabei der auftretende Beziehungsärger, seine Ursachen und Folgen. Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich jedoch keineswegs um einen Beziehungsratgeber, der dazu anleitet, besser mit dem alltäglichen Ärger in der Partnerschaft umzugehen. Vielmehr stellt Kaufmann zum einen dar, wie Ärger entsteht, sich kristallisiert und wie er schließlich zum Ausbruch kommt. Zum anderen betrachtet er die Art und Weise, wie mit dem Ärger umgegangen wird und welchen Wert dieser sowohl für intakte, als auch für bereits fragile Paarbeziehungen hat.

Mithilfe von Annoncen in belgischen, französischen und Schweizer Zeitungen, sowie der Verteilung von Flyern, rief der Autor dazu auf, über Email mit ihm in Kontakt zu treten, um im Sinne der Forschungsarbeit Aussagen zu dem in ihren Paarbeziehungen auftretenden Ärger zu machen. Aus den Zuschriften wählte er gezielt einige Personen aus und führt daraufhin seine Untersuchung durch, deren Ergebnisse in dem vorliegenden 279-seitigen Werk festgehalten sind.

Dieses ist in übersichtlicher Weise aufgeteilt in drei Hauptteile, welche wiederrum in zwei oder drei Großkapitel aufgespalten sind. Diese Kapitel gliedern sich noch einmal in mehrere kleinere Kapitel. Auf Grund dieser mehrstufigen Aufteilung und des Verzichts auf übermäßig lange Kapitel wirkt das Buch sehr übersichtlich und lesemotivierend.

Obwohl sich Kaufmann mit einer fachwissenschaftlichen, soziologischen Thematik beschäftigt und diese mithilfe einer empirischen Erhebung untersucht, stellt die vorliegende Publikation keine rein wissenschaftliche Lektüre dar. Dies verdeutlicht der Autor selbst bereits in der Einleitung: „[D]ieses Buch [hätte] […] zu einer theoretischen Abhandlung […] werden können, [doch] ich habe (zunächst) lieber den konkreten Dingen des Lebens Vorzug gegeben […] [, anstatt] meine Feder zu sehr in die unvermeidlich dickflüssigere konzeptuelle Tinte zu tauchen.“ (12; Anpassung und Umstellung: F.L.). Des Weiteren wird diese Tatsache durch eine an der Alltagssprache orientierten Schreibweise sowie an der Schilderung zahlreicher Beispiele aus dem Alltag deutlich, die das Werk für jedermann nachvollziehbar, somit ungezwungen und oftmals sogar komisch erscheinen lassen. So ist es durchaus möglich, dass man während des Lesens des Öfteren schmunzeln muss und sich an der ein- oder anderen Stelle sogar selbst wiedererkennt.

Dies bewirkt zum einen, dass die vorliegende Lektüre sehr authentisch und dem normalen Alltag entsprechend erscheint und sich somit auch für den Laien les- und nachvollziehbar darstellt. Dies führt jedoch zum anderen dazu, dass man aus wissenschaftlicher Sicht meinen könnte, Kaufmanns Werk fehle es an Ernsthaftigkeit und fachwissenschaftlicher Fundierung. Zwar finden sich innerhalb der einzelnen Kapitel die für wissenschaftliche Arbeiten charakteristischen Quellennachweise, die neben der empirischen auch eine literaturbasierte Analyse der Thematik durch den Autor verdeutlichen. Doch stellen diese eher einen Bruch zu der sonst so ungezwungenen und alltagssprachlich orientierten Schreibweise des Buches dar und treten viel zu vereinzelt auf, als dass sie das Werk wissenschaftlicher und theoretisch fundierter erscheinen ließen. So entsteht der Eindruck, dass es sich bei Kaufmanns Werk eher um eine unterhaltende, pseudowissenschaftliche Lektüre und weniger um ein wissenschaftliches Lehrwerk handelt.

Dieser Eindruck wird zumindest zum Teil revidiert durch eine ausführliche Bibliographie und entsprechende Literaturempfehlungen am Ende des Buches. So bezieht sich Kaufmann in seiner Analyse auch auf andere empirische Untersuchungen, etwa von Erving Goffman oder Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim. Im Falle solcher Zitationen und Rückschlüsse wirken die Ausführungen des Autors deutlich wissenschaftlicher und theoretisch fundiert. Dass diese jedoch viel zu selten auftreten, lässt Kaufmanns Untersuchung sehr selbstanalytisch erscheinen. Dennoch verlagert der Autor seine Analyse um das ein oder andere Mal auch auf eine abstrakte Ebene oder legt seinen Überlegungen ein theoretisches Konzept zugrunde. So argumentiert er beispielsweise mit Erkenntnissen aus der Sozial- und Kognitionspsychologie.

Nachdem der Autor zunächst auf das zentrale Thema seiner Publikation hinführt, also den ganz gewöhnlichen Ärger innerhalb einer Partnerschaft, widmet er sich bereits in der Einleitung einer Differenzierung in zweierlei Ärgerformen: den rein informativen und den impulsiven, laut hinausgebrüllten Ärger. Trotz dieser Differenzierung laufe der Ärger jedoch stets nach dem gleichen Mechanismus ab und habe auch stets eine bestimmte Dissonanz als Ursache. Diese Tatsache ist, von Kaufmann richtig angemerkt, äußerst selten in den Humanwissenschaften, „die in der Komplexität und Vielfältigkeit der Faktoren ertrinken“ (13). In diesem Zusammenhang stellt er fest, dass Ärger niemals bedeutungslos ist, sondern sich zwar unangenehm, aber auch bereichernd auf die Paarbeziehung auswirken kann (12). Eine Partnerschaft, in der es bisweilen nicht auch einmal zu Streit und Ärger kommt, ist für Kaufmann nicht denkbar. Damit schließt er sich der Vorstellung von Beck und Beck-Gernsheim an, dass eine Liebe nicht ohne ihre Kehrseiten zu haben ist. Enttäuschung, Erbitterung und sogar Ablehnung und Hass sind etwas normales, das in jeder Beziehung auftreten kann.

Im Zentrum des ersten Großkapitels des Werks steht die Untersuchung der Entstehung von Ärger. Als Grundlage dafür sieht Kaufmann das Unterbewusstsein eines jeden Menschen, den „geheimen Plan“ des impliziten Gedächtnisses (18), wie er es bezeichnet, und meint dabei den spezifischen Glauben daran, wer wir sind und wie wir uns selbst wahrnehmen. Diese in der Soziologie als Selbstbild verstandene Sicht von sich selbst kann im Konflikt mit der Wahrnehmung der äußeren Welt, dem Fremdbild, stehen. Tritt eine solche Dissonanz auf, kommt es zur Entstehung des Ärgers. Diese Annahme bildet die Grundlage für Kaufmanns gesamte Analyse.

Da jeder Mensch völlig individuelle Ansichten und Gewohnheiten hat und diese auch als normal und selbstverständlich annimmt, ist es nur natürlich, dass es in einer Partnerschaft zu Dissonanzen kommt, wenn zwei unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen. Der alltägliche Beziehungsärger forciert sich bei Kaufmann durch zwei gegensätzliche Prinzipien: der Sehnsucht nach Bildung einer Einheit und der Individualität, also dem Streben des Menschen nach Einmaligkeit und Besonderheit. Vor allem zu Beginn einer Beziehung, so Kaufmann, ist man verstärkt bemüht, Kompromisse zu schaffen und dem Ärger bestmöglich aus dem Weg zu gehen. Doch in dem Bemühen, aus zwei Individuen eine Einheit zu schaffen, was der Autor treffend mit der Formel 1+1=1 ausdrückt, ist auch der erste Streit irgendwann nicht mehr vermeidbar.

Als häufigen Auslöser erster Streitigkeiten beschreibt Kaufmann die Hausarbeit. Lebt man als Paar erst einmal zusammen, besteht die Herausforderung, den Alltag zu meistern. Dass es besonders in diesem Zusammenhang zu Ärger kommt, sieht der Autor in dem Wandel des Wertesystems unserer modernen Gesellschaft begründet. Dieser schafft sowohl neue Möglichkeiten für die Partnerschaft, als auch Herausforderungen für das alltägliche Beziehungsleben, insbesondere dann, wenn die jeweiligen Rollenverständnisse von Mann und Frau nicht übereinstimmen. Deshalb zeigt sich vor allem die Verteilung der Hausarbeit als eine der häufigsten Ursachen für Ärger und Streit in der Partnerschaft. Doch ist eine Einheit des Paares im Laufe einer Beziehung erfolgreich aufgebaut, nimmt auch die Häufigkeit des Ärgers wieder ab. In diesem Zusammenhang betont Kaufmann, dass der Ärger auch mit dem Ziel der Bildung einer Einheit notwendig und unvermeidlich ist: „Die Kunst, mit ihm umzugehen, macht die Partner zu verliebten Komplizen.“ (45) In diesem Fall wirkt sich der Ärger positiv auf das Beziehungsleben aus und schweißt beide Hälften nach jedem Streit weiter zusammen, anstatt sie zu trennen.

Im zweiten Großkapitel untersucht der Autor insbesondere die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau und die daraus resultierenden Herausforderungen für das Beziehungsleben. Zunächst verweist er jedoch auf die Tatsache, dass der Ärger nicht allein auf die Verschiedenheit von Mann und Frau zurückzuführen ist. Doch ist es in der Tat so, dass Männer und Frauen unterschiedlich mit dem Ärger umgehen. In diesem Zusammenhang schreibt er der Frau die Rolle eines Hauptdarstellers zu, während der Mann die Rolle eines Nebendarstellers einnimmt. Mit dieser Vorstellung widerspricht der Autor einer rollenfreien Definition von Liebe und schließt sich damit George J. McCall und der Chicagoer Schule an. Laut Kaufmann zeichnen sich die Männer als Nebendarsteller dadurch aus, dass sie sich verstärkt heimlich ärgern und auf das Ausweichen von offenen Auseinandersetzungen in einer Beziehung ausgerichtet sind. Dies begründet der Autor unter anderem in der Resonanz auf seine Aufrufe zur Teilnahme an der Untersuchung. So meldeten sich deutlich weniger Männer als Frauen, die bereit waren, über ihre Erfahrungen mit dem Beziehungsärger zu berichten.

In diesem Zusammenhang nimmt der Autor noch einmal Bezug auf das Beispiel des Haushalts. So weist das traditionelle Rollenverständnis dem Mann eindeutig die Rolle des Nebendarstellers zu. Mit der Moderne wurden in unserer Gesellschaft jedoch die patriarchalischen Strukturen zum Großteil aufgelöst, was dazu führte, dass Kindererziehung und Haushalt nun mehr zu einer Aufgabe für beide Elternteile wurde. Durch diesen umfassenden Wandel hat laut Kaufmann auch eine „tiefgreifende Veränderung des Männlichen“ stattgefunden (77). So spielen Männer häufiger mit ihren Kindern und bauen sehr schnell eine emotionale Beziehung zu ihnen auf. Trotzdem widerspricht der Autor der Auffassung, unsere Gesellschaft befände sich in einer zentralen historischen Wende, da der überwiegende Teil der Männer vor allem in Bezug auf die Hausarbeit noch immer eine Nebendarstellerrolle einnimmt.

Das dritte Großkapitel beschäftigt sich mit den Ursachen des alltäglichen Beziehungsärgers. Dabei beschreibt der Autor mehrere Faktoren, die den Ärger auslösen können, wie zum Beispiel Finanzen, Politik oder das individuelle Zeitgefühl. Hier nimmt Kaufmann Bezug zum Cover seines Werkes, auf dem eine Zahnpastatube abgebildet ist. Diese beschreibt er als hochsymbolisch, da sie zumeist als erstes Einzug in die Wohnung des Partners erhält und den Beginn des Beziehungsabenteuers markiert. Damit verbunden ist eine unvermeidliche Nähe, an die sich beide Partner zunächst gewöhnen müssen. Dies erfolgt nicht ohne Reibungen, vor allem da zwei unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichen Beziehungsvorstellungen aufeinander treffen. An dieser Stelle nimmt der Autor noch einmal Bezug auf die Konkurrenz von der Individualität eines jeden Partners und dem Ziel, als Paar eine Einheit zu bilden. Vor allem den Männern fällt es laut Kaufmann besonders zu Beginn einer Beziehung schwer, ihre Freiheit ein Stück weit aufzugeben und mit dem neu entstandenen „Wir“ umzugehen. Dieser Gegensatz von Individualität und Einheitsstreben stellt eine zentrale Quelle des Ärgers dar, der jedoch durchaus normal ist und leicht überwunden werden kann. Der Ärger wird erst dann zu einem wirklichen Problem, „wenn das bloße Streben nach Autonomie in Autismus und absichtlichen Egoismus übergeht, zwei Arten von Kriegserklärung gegen die Beziehung“ (114).

Im vierten Großkapitel beschreibt der Autor drei spezifische Stufen, die auf den unmittelbaren Ärger folgen und bisweilen in perfekter Regelmäßigkeit auftreten. Die erste Stufe ist dabei „das Vergessen, der oberflächliche Frieden, die perfekte Verdrängung“ (125), gefolgt von der „Angewohnheit, sich zurückzuhalten und nichts zu sagen“ (125). Die dritte und letzte Stufe besteht dann in der Kristallisation des Ärgers. Darunter versteht Kaufmann die impulsive und emotionale Entladung, welche zumeist völlig plötzlich und überraschend eintritt.

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Details

Seiten
8
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656134312
ISBN (Buch)
9783656134459
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189190
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
rezension jean-claude kaufmann

Autor

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