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Welche Identität ziehe ich heute an? Zur Identitätsproblematik im Internet

Hausarbeit 2002 25 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. EINFÜHRUNG:

2. DER VERSUCH EINER DEFINITION VON IDENTITÄT
2.1. Die Identität nach E. H. Erikson

3. ZUM STIGMABEGRIFF BEI E. GOFFMAN

4. DER COMPUTER UND DIE VIRTUELLE IDENTITÄT
4.1. Virtuelle Identität als Möglichkeit des Identitätswechsels
4.1.1 Mögliche Gründe für einen Identitätswechsel
4.1.2 Mögliche Folgen eines Identitätswechsels
4.2. Virtuelle Identität als Identitätsarbeit

5. MUDS

6. FAZIT

7. LITERATURVERZEICHNIS

8. ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1. Einführung:

Zum Thema des Seminars Identität und Selbst habe ich mich im Rahmen dieser Hausarbeit intensiv mit der Frage nach der Identität im Medienzeitalter beschäftigt. Mit Hilfe unterschiedlichster Autoren soll im Folgenden die Frage nach der Identität im Zusammenhang mit dem Internet betrachtet werden.

Es stellte sich mir die Frage, wie Identitätsbildung im Internet möglich ist, wenn jeder in der Lage ist sich zum Beispiel beim Chatten „eine zweite Haut zuzulegen“. In diesem Zusammenhang sollen so genannte MultiUser Domains/Dungeons (Definition folgt) unter dem Gesichtspunkt der Identitätsbildung betrachtet werden.

Ungleich interessant ist auch die Beleuchtung des Begriffes der virtuellen Identität, der von unserer heutigen Online-Gesellschaft geprägt wurde. Wird eine bestehende Identität also, wenn sie im Internet ist gleichsam zur virtuellen, oder bezeichnen diese beiden Begriffe völlig unterschiedliche Facetten. Sollte letzteres zutreffen bleibt jedoch die Beziehung beider zueinander zu beleuchten.

Da Stigmata keine unbedeutende Rolle bei der Identitätsbildung spielen, soll das Internet auch in Punkto Stigmabewältigung analysiert werden unter dem Aspekt ihrer Bedeutung in der Virtualität.

Meine Motivation, mich mit oben genanntem auseinanderzusetzen, waren Fragen nach der Verantwortung für virtuelles Handeln, nach der Möglichkeit virtuelle Charaktere zu schaffen, oder der Auswirkung des Computers auf reale menschliche Beziehungen. Müssen Menschen, die im Internet eine andere Rolle spielen, als in ihrem „normalen Leben“ nicht zwangsläufig einen Rollenkonflikt erleben?

2. Der Versuch einer Definition von Identität

Der Begriff der Identität ist ein sehr komplexes Konstrukt und hat sich im Sinne der Ich - Identität aus den Aporien der Rollentheorie ergeben. E. H. Erikson, ein bedeutender Psychoanalytiker und Psychiater, fasst die Persönlichkeitsentfaltung als Kette übernommener und abgelegter Identifikationen mit primären Bezugspersonen auf; erst mit der Adoleszenz kommt dem Menschen personale und soziale (Gruppen) Identität zu. E. H. Erikson vertritt eher ein traditionelles Identitätsverständnis, was feste Muster für den Halt und die Orientierung im Leben vorsieht. Neuere Identitäts- Konzepte findet man im postmodernen Ansatz, der sich in Form der Patchwork Identität kein fixes Konstrukt vorstellt, sondern vielmehr den Begriff der Identität als dynamischen Prozess aus Teilidentitäten zusammensetzt.

Auf die Identitätsproblematik bei Erikson soll unter Punkt 2.1 näher eingegangen werden. E. Goffman untersuchte das Identitätsproblem an Grenzfällen von Identitätsbehauptungen (Stigmatisierung). Ausführungen zu den Theorien von E. Goffman finden sich im weiteren Verlauf im Punkt 3.

Der Begriff der Identität kann im Allgemeinen, als die Überseinstimmung von angenommenen und wirklichen Sein beschrieben werden und zeichnet sich durch den Faktor der Kontinuität aus. Das heißt also, dass man auch für die Umwelt dauerhaft dieselbe Person sein sollte. Identität ist also vielmehr ein soziales Konstrukt, weil es ohne die Anderen keine Notwenigkeit zur Positionierung geben würde. Folglich identifiziert sich der Mensch zusammengefasst wesentlich über die Spiegelung durch andere und den Vergleich mit anderen. (siehe auch Abb.1)

Die Identität eines Menschen setzt sich aus verschiedenen Funktionsebenen von Inhalten und Prozessen zusammen. Jeder Ebene kann hier eine Frage zugeordnet werden, die es zu beantworten gilt, wenn man sich die Identität bewusst machen will. Im Folgenden werde ich eine kurze Darstellung dieser Inhalte und Prozesse skizzieren. (Siehe auch Abb.1)

1. Das Selbstkonzept: ist kognitiv-beschreibend und wird aus dem selbstgezogenen Wissen gebildet. Die Frage: Wer bin ich? soll an dieser Stelle beantwortet werden.
2. Selbstwirksamkeit: ist kognitiv-handlungsleitend und setzt sich aus der Überzeugung der eigenen Handlungsfähigkeit zusammen. Die Frage: Was kann ich? findet hier Beantwortung.
3. (Soziale) Selbstwahrnehmung ist kognitiv-wahrnehmend und bezieht sich auf die Fremdwahrnehmung Anderer. Die Frage: Was denken Andere? soll an dieser Stelle beantwortet werden.
4. Selbstwertgefühl ist emotional bewertend und bezieht sich sowohl auf das Selbst, als auch auf die Umgebung. Die Frage: Wie fühle ich mich? ist hier die Zentrale.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Funktionsebenen der Identität

2.1. Die Identität nach E. H. Erikson

E. H. Erikson entwickelte zu seiner Zeit Theorien zur Identitätsentwicklung, die Konzeptgrundlage für den amerikanischen Kontinent in den fünfziger Jahren darstellen sollten.

„Keinesfalls geht er in seiner Auseinandersetzung mit dem Identitätsproblem von gesicherten Verhältnissen aus, denn Eriksons Sicht der Problematik entsprang seinen Studien in den vierziger Jahren, in denen Entwicklungsprozesse von Kindern in gegensätzlichen Kulturen, den verführerischen Einfluss politischer Bilderwelten auf die Heranwachsenden und die Auswirkungen des Kriegserlebnisses auf heimkehrende Soldaten untersucht hatte.“ ( KRAPPMANN L., 1992, S.66/67)

Erikson übernimmt allgemeine Konzepte der Freud’schen Theorie, möchte diese aber darüber hinaus nach eigenen Angaben weiterentwickeln. Der gemeinsame Nenner von Erikson und Freud besteht in der Annahme, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens in jeder Phase Konflikte bewältigen muss. Diese Problematik, schon im Säuglingsalter begonnen, beschäftigt Erikson und führt seinerseits zur Aufzeigung der Konfliktphasen in verschiedenen Kindheitsstadien. „ Das menschliche Wachstum soll hier unter dem Gesichtspunkt der inneren und äußeren Konflikte dargestellt werden, welche die gesunde Persönlichkeit durchzustehen hat und aus denen sie immer wieder mit einem gestärkten Gefühl innerer Einheit, einem Zuwachs an Urteilskraft und der Fähigkeit hervorgeht, ihre Sache „gut zu machen“, und zwar gemäß den Standards derjenigen Umwelt, die für diesen Menschen bedeutsam ist.“(ERIKSON, E. H., 1991, S.56)

Der Ausgangspunkt von E. H. Erikson ist der genetische Standpunkt, wobei der Mensch als Säugling in eine Gesellschaft hineingeboren wird, in der seine wachsenden Fähigkeiten auf Chancen und Schranken seiner Kultur trifft. Zur Verdeutlichung entwarf er das epigenetische Diagramm, das aus drei Komponenten besteht, die zahlreiche Verbindungen untereinander haben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die drei Komponenten des epigenetischen Diagramms bei Erikson

Nach Erikson besteht jede Komponente schon von Anfang an, kommt zu ihrem Höhepunkt, tritt in ihre kritische Phase ein und erfährt ihre bleibende Lösung gegen Ende des betreffenden Stadiums. Jede Phase basiert auf der Vorhergegangenen und prägt wiederum die darauf Folgende. „ Jedes Stadium wird zu einer Krise, weil das einsetzende Wachstum und Bewusstwerden einer wichtigen Teilfunktion Hand in Hand geht mit einer Verschiebung der Triebenergie und gleichzeitig das Individuum in diesem Teil besonders verletzlich macht.“ (ERIKSON, E. H., 1991, S.61) Erikson macht deutlich, dass der Säugling durch das reine auf die Welt kommen die radikalste Veränderung seines Daseins erfährt. Jeder folgende Schritt ist eine mögliche Krise, die auf einen enormen Wechsel in der Perspektive zurückzuführen ist.

Zurück zur ersten Komponente aus dem Diagramm von Erikson, dem Urvertrauen: Erikson definiert das Urvertrauen, als das Zutrauen zu Anderen und als Gefühl der eigenen Vertrauenswürdigkeit. Diese Erfahrung finde man bereits in den ersten Lebensjahren, weil die Mutter diese gleich nach der Geburt durch einfühlsame mütterliche Hingabe vermittelt. Für Erikson ist das Urvertrauen, also das unbewusste Vertrauen von Anfang an, der Grundstein für eine gesunde Persönlichkeit.

Während die Psychoanalyse von einer ersten „oralen Phase“ ausgeht, nennt Erikson diesen ersten Prozess die „Einverleibung“ (ERIKSON, E. H., 1991, S.64) und bezeichnet im weiteren Verlauf die Phase als „Einverleibungsphase“. Das „Nehmen“ ist für ihn die erste soziale Verhaltensweise eines Säuglings. Die Krise dieser ersten Phase beginnt für Erikson, wenn sich der Säugling seiner selbst als Individuum bewusst wird, allgemeine Spannungen entstehen und sich die Mutter scheinbar wieder den Alltagsbeschäftigungen zuwendet.

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Details

Seiten
25
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638231664
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18918
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Universität
Note
1,0
Schlagworte
Welche Identität Identitätsproblematik Internet Selbst Historischen Anthropologie Person

Autor

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