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Die Ausbürgerung Wolf Biermanns und die daraus resultierenden Folgen für die Kulturszene der DDR

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 15 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Wolf Biermanns - sein Leben vor der Ausweisung

3. Die Ausbürgerung und ihre Folgen
3.1.Reaktionen in der BRD
3.2.Reaktionen in der DDR
3.2.1.Die Berliner Erklärung
3.2.2.Der Umgang der SED mit dem Protest

4. Zusammenfassung

5. Quellenverzeichnis

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kulturpolitik hatte in der DDR einen hohen Stellenwert. Dies wird allein dadurch deutlich, wenn man unter dem Wort „Kultur“ im „Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie“ nachschlägt: „Der SED-Staat lenkt den Prozess der Kulturellen Entwicklung planmäßig als Teil der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft.“1 Somit scheint vorstellbar unter welcher staatlichen Kontrolle die Kulturschaffenden in der DDR standen. Groß war das Mistrauen der Partei gegenüber jeder ideologischen Abweichung und Konflikte zwischen Künstlern, die ihre künstlerische Freiheit einforderten, und der SED, welche auf absolute „Linientreue“ bestand, waren vorprogrammiert.2

In der vorliegenden Arbeit soll näher auf die Geschichte des Liedermachers und Dichters Wolf Biermann, dem wegen kritischer Äußerungen 1976 die Staatsbürgerschaft der DDR aberkannt wurde, eingegangen werden. Ziel ist es, die Umstände die zu seiner Ausweisung führten, zu betrachten sowie die Auswirkungen auf die Kunst- und Kulturszene der DDR näher zu beleuchten. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns führte in beiden deutschen Staaten zu Protesten und Kritik gegen das Regime der DDR, in Ausmaßen die der DDR- Regierung seit dem Bürgeraufstand 1953 nicht mehr bekannt waren.3 Aber warum schlug die Vertreibung eines Einzelnen so große Wellen? Da Biermann nicht der erste Querdenker war den folgendes Schicksal ereilt hatte, dachte niemand, vor allem nicht die Regierung selbst, an eine Protestwelle dieses Formates. Nicht nur die Ausbürgerung selbst, sondern auch der Umgang mit Biermanns Kollegen und Freunden, selbst bekannte Persönlichkeiten der DDR- Literaturbewegung, und ihrem Protestbrief soll thematisiert werden, da diese Geschehnisse einen Wendepunkt innerhalb der Kulturszene der DDR auslösten.

Die außerordentliche Dimension der beschriebenen Vorgange als Zäsur, deren Bedeutung weit über die Literaturgeschichte hinausreicht, ist mittlerweile von den meisten geschichtlichen Darstellungen bemerkt, aber kaum hinzureichend untersucht worden. Zwar findet man bei der Recherche über Wolf Biermann eine Unmenge an Literatur, doch sind viele Arbeiten bereits geschichtlich überholt oder fokussieren mehr die Lebensgeschichte des

Künstlers als die Folgen seiner Ausbürgerung. Der Fall Biermann scheint nicht im derzeitigen Interesse der Forschung zu stehen, da sich kaum aktuelle Literatur finden lässt. Allerdings kann man sich über das Thema auch mit Hilfe der für diese Arbeiten benutzten Artikel und Monografien aus den achtziger und neunziger Jahren einen guten Überblick verschaffen. Besonders hervorzuheben sind dabei die Werke von Jürgen Serke4, John Shreve5 und Lothar Tautz sowie Christian Radeke6, die neben der Lebensgeschichte des Liedermachers auch Bezüge zu den Folgen seiner Ausbürgerung herstellen. Einen guten Überblick über die Auswirkungen schafft Roland Berbig7 in der Einleitung zu seinem Werk „In Sachen Biermann“. Dietmar Keller8 hat in seiner Dokumentation über jenen Fall alle wichtigen Schriftstücke zusammengetragen und bietet somit eine sehr anschauliche Darstellung der Ereignisse.

Zuerst soll auf das Leben Biermanns eingegangen und somit die Gründe für die Ausbürgerung thematisiert werden. Im Anschluss wird das Konzert in Köln am 13. 11. 1976 und die darauf folgende Ausbürgerung sowie die Reaktionen in Ost und West beschrieben. Zum Ende sollen die Folgen für die DDR-Kulturszene zusammenfassend dargestellt werden.

2. Wolf Biermanns - sein Leben vor der Ausweisung

Um die Brisanz der Ausbürgerung Wolf Biermanns zu begreifen, muss man sich seine Biografie vor Augen halten. Er entstammt einem sozialistischen Elternhaus, auch seine Großeltern waren Mitglieder der kommunistischen Partei. Sein Vater, ein jüdischer Maschinenbauer auf der „deutschen Wert“ in Hamburg, war wie seine Frau Mitglied einer illegalen Zelle der KPD, schrieb und druckte heimlich Zeitungen gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten und versuchte nach Hitlers Machtantritt, Widerstand aus dem Untergrund heraus zu organisieren. Nach seiner zweiten Inhaftierung, kam er ins KZ nach Auschwitz und wurde dort ermordet, als einer von zwanzig aus der Familie Biermann.9 Obwohl sich Biermann nicht direkt an seinen Vater erinnern kann, so spielt er doch als Vorbild eine bedeutende Rolle in seinem Leben. Er wurde erzogen die Arbeit des Vaters fortzusetzen und nach seiner Meinung war dies nur in der DDR möglich. So siedelte er im Mai 1953 nach mehreren Besuchen in die DDR über, in welcher er sich zu Hause fühlte.10

Nach dem Abitur studiert er für kurze Zeit Ökonomie in Berlin. Nach einer zweijährigen Regieassistenz am Berliner Ensemble beginnt Biermann erneut ein Studium in Berlin, diesmal Philosophie. Auch künstlerisch ist er in dieser Zeit bereits tätig. 1961/62 will er in Berlin im Arbeiter-und Studententheater sein Stück „Berliner Brautgang“, in welchem eine ost- westdeutsche Liebesgeschichte thematisiert wird, aufführen. Damit erregt er zum ersten Mal den Ärger und das Missfallen der ostdeutschen Behörden, welche das Theater schließen lassen. Weitere Auftritte in der Öffentlichkeit lassen ihn weiter ins Visier der Parteiideologen und „Staatsschützer“ rücken. Den Hauptgrund dafür liefert vor allem das Gedicht „An die alten Genossen“11, welches Biermann am 11.12.1962 zu einem Lese- und Diskussionsabend darbot. Die vorgetragene Kritik an der Führungsriege der SED lässt sich nicht mehr revozieren, die einmal artikulierte Unzufriedenheit mit dem Staat führt zum Ausschluss aus der Partei und zur öffentlichen Geißelung des Künstlers. Doch noch glaubt die Partei, Wolf Biermann positiv beeinflussen zu können. So soll er auf den rechten Weg, den Bitterfelder Weg12, zurückgeholt werden. Zwischen 1962 und 1965 veröffentlicht er in mehreren DDR- Anthologien, bleibt dabei aber unpolitisch. Man erlaubt ihm sogar Reisen in die BRD, wo er sich auf die Suche nach Verlegern begibt. Klaus Wagenbach nimmt sich seinem Gedichtband „Die Drahtharfe“ an und veröffentlicht die Sammlung seiner gesellschaftskritischen und oft polemischen Gedichte und Lieder. Wolf Biermann wird zum politischen Künstler der den Verzicht auf Gewalt und Unterdrückung fordert und sein Engagement für den Sozialismus mit der Kritik an seiner Umsetzung in der DDR verbindet. Dies führt zu einer Verschärfung der Kontroverse zwischen Biermann und der Partei.13 Das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED belegt Biermann am 18.Dezember 1965 mit einem Publikations- und Auftrittsverbot.

Erich Honecker fällt in seiner Rede innerhalb dieses Plenums ein vernichtendes Urteil über den Liedermacher: „Biermann wird systematisch vom Gegner zum Bannerträger einer sogenannten literarischen Opposition der DDR, (…) Biermanns sogenannte Gedichte kennzeichnen sein spießbürgerliches, anarchistisches Verhalten, seine Überheblichkeit, seinen Skeptizismus und Zynismus. Biermann verrät heute mit seinen Liedern und Gedichten sozialistische Grundpositionen.“14

Obwohl überwacht und diffamiert, weicht Biermann nicht von seiner sozialistischen Moral ab. „Ich bin sehr glücklich, dass es diesem Staat in Deutschland gibt- und wenn er noch so jämmerlich wäre.“15

Über zehn Jahre hat er daraufhin keine öffentlichen Auftritte. In dieser Zeit entstehen in seiner Wohnung in Berlin Lieder und Texte die im Westen publiziert werden, dies können die Oberen der DDR nicht verhindern. Durch Tonbandmitschnitte oder Gedichtabschriften, die von Hand zu Hand verteilt werden, steigt auch seine Popularität im Osten. Im Jahre 1974 macht die SED dem „Störenfried“ das Angebot, die DDR freiwillig zu verlassen. Wolf Biermann weigert sich. Zumal die Bevölkerung der BRD nach anfänglicher Euphorie16, dem Liedermacher nach den Solidaritätsgesten mit den „68ern“ und weiteren Einmischungen in die Politik des anderen deutschen Staates kritisch gegenüberstanden. Zum Medienereignis in beiden Staaten sollte Biermann aber erst 1976 mit seiner Ausbürgerung werden.17

[...]


1 Kosing, Alfred (Hrsg.): Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie, Berlin, 1985, S.307.

2 vgl. Wittkowski, Joachim: Die DDR und Biermann. Über den Umgang mit kritischer Intelligenz: Ein gesamtdeutsches Resümee, in: APUZ, 1996, Nr. 20, S. 37- 45.

3 vgl. Berbig, Roland (Hrsg.): In Sachen Biermann. Protokolle, Berichte und Briefe zu den Folgen einer Ausbürgerung, Berlin, 1994, S. 11f.

4 Serke, Jürgen: Das neue Exil. Die verbannten Dichter, Frankfurt am Main, 1985.

5 Shreve, John: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu. Wolf Biermann im Westen, Frankfurt am Main, Bern, Berlin, 1989.

6 Tautz, Lothar / Radeke, Christian: „Warte nicht auf bess’re Zeiten…“. Oskar Brüsewitz, Wolf Biermann und die Protestbewegung in der DDR 1976-1977. Dokumentation, Halle/Saale, 1999.

7 Berbig, Roland (Hrsg.): In Sachen Biermann. Protokolle, Berichte und Briefe zu den Folgen einer Ausbürgerung, Berlin, 1994.

8 Keller, Dietmar: Biermann und kein Ende. Eine Dokumentation zur DDR Kulturpolitik, Berlin, 1991.

9 vgl. Serke, Jürgen: Das neue Exil. Die verbannten Dichter, Frankfurt am Main, 1985, S. 35, vgl. Rossellini, Jay: Wolf Biermann, München, 1992, S.11-16.

10 vgl. Shreve, John: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu. Wolf Biermann im Westen, Frankfurt am Main, Bern, Berlin, 1989. S.3-4.

11 vgl. Biermann, Wolf: Alle Gedichte, Köln, 1995, S. 17ff.

12 Der Bitterfelder Weg sollte ab 1959 in der DDR eine neue programmatische Entwicklung der sozialistischen Kulturpolitik einläuten und den Weg zu einer eigenständigen „sozialistischen Nationalkultur“ weisen, gelenkt von der Regierung aus.

13 vgl. Wittkowski, Joachim: Die DDR und Biermann. Über den Umgang mit kritischer Intelligenz: Ein gesamtdeutsches Resümee, in: APUZ, 1996, Nr. 20, S. 37-39.

14 Honeker, Erich: Bericht des Politbüros an die 11. Tagung des ZK der SED, in: Keller, Dietmar: Biermann und kein Ende. Eine Dokumentation zur DDR Kulturpolitik, Berlin, 1991, S. 44.

15 Serke, S. 41.

16 „Die Drahtharfe“ wurde zum meistverkauften Lyrikband der Bundesrepublik nach 1945, vgl. Serke, S.39

17 Vgl. Wittkowski, S.40-41.

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656131137
ISBN (Buch)
9783656132370
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189172
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Institut für Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
Biedermann DDR Liedermacher Widerstand

Autor

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Titel: Die Ausbürgerung Wolf Biermanns und die daraus resultierenden Folgen für die Kulturszene der DDR