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'Umsiedlerpolitik' in der SBZ/DDR 1948-1952: Maßnahmen und Reaktionen

Magisterarbeit 2009 118 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Vorgeschichte
2.1. Vom Vertrag von Lausanne zum Potsdamer Abkommen
2.2. Der Vernichtungskrieg in Osteuropa und in der Sowjetunion
2.3. Flüchtlinge, Vertriebene, Umsiedler – Wer ist wer?

3. Zur Situation der Umsiedler in der SBZ/DDR
3.1. Von der Heimat in die Fremde?
3.1.1. Was ist Heimat?
3.1.2. Kein Heimweh in der neuen Heimat: Die Haltung der SED-Führung zum Heimatgefühl der Umsiedler
3.1.3. Das Umsiedlerproblem
3.2. Formen der Eigeninitiative von 1947-1949
3.2.1. Die Situation in den Flüchtlingslagern
3.2.2. Treffen und Versammlungen von Umsiedlern
3.2.3. Suchdienste und Umsiedlerorganisationen
3.2.4. Flugblätter, Aufrufe, Kettenbriefe
3.3. Staatliche Konsolidierung und unlenksame Umsiedler
3.3.1. Umsiedlerpolitik nach der Staatsgründung
3.3.2. Wortlaut und Wirkung des Görlitzer Abkommens: Stimmungen unter den Umsiedlern nach dem 6. Juli 1950
3.3.3. Angekommen in der DDR?

4. Schlussbetrachtung

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

6. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

Die evangelisch geprägte „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ (ASF) steht ihrem Selbstverständnis nach für die „zeichenhafte Übernahme von Verantwortung für die Folgen des Nationalsozialismus“.[1] Im Februar 2004 gab sie eine Erklärung zur Debatte um das „Zentrum gegen Vertreibungen“ (ZgV) und den von der Bundesregierung angekündigten „Aufbau einer Dokumentationsstätte in Berlin als ‚Sichtbares Zeichen gegen Flucht und Vertreibung’“ heraus.[2] In dieser ASF-Erklärung heißt es:

„Uns beunruhigt in der augenblicklichen Situation, dass unsere Partner in Polen und Tschechien extrem irritiert sind von den Formen des Selbstgesprächs in Deutschland. Uns beunruhigt auch, dass die gegenwärtige Diskussion um Bombenkrieg und Vertreibung auf ungeeignete Weise kollektiv eine deutsche Opferrolle suggeriert, die nicht ins Verhältnis mit vorangegangener deutscher Täterschaft gebracht wird.“[3]

Die Dokumentationsstätte soll an die Opfer von Vertreibungen in Europa erinnern, auch an die deutschen Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Je nachdem wie stark dieses Kapitel gewichtet werden wird, befürchtet ASF ein deutsches „Selbstgespräch“ sowie eine Aufrechnung der deutschen Schuld am Völkermord an den europäischen Juden und am Zweiten Weltkrieg. Die Stiftung ZgV, die unabhängig von den Plänen der Großen Koalition zum „Sichtbaren Zeichen“ von der Vorsitzenden des konservativen Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, gegründet wurde, versucht Einfluss auf die Gestaltung der Dokumentationsstätte zu nehmen. Der Bund wird dem BdV und dem ZgV jedoch laut eigenen Angaben keine Entscheidungsbefugnis einräumen. Denn die Haltung, mit der sich der BdV in dieser Angelegenheit immer wieder ins Gespräch bringt, ist recht kritisch zu sehen. Das ZgV benennt klar das Ziel:

„Wir haben uns zum Ziel gesetzt, in Berlin eine Dokumentationsstätte zu schaffen, die im geschichtlichen Kontext das Schicksal der deutschen Vertriebenen und die Veränderungen Deutschlands durch ihre Integration sowie Vertreibungen und Genozid an anderen europäischen Völkern im 20. Jahrhundert in einem Gesamtüberblick erfahrbar macht.“[4]

Berechtigt ist also wenigstens die Frage, warum, wenn es sich um einen „Gesamtüberblick“ zu Vertreibungen und Genoziden des 20. Jahrhunderts handeln soll, die deutschen Vertriebenen hier als ein offensichtlicher Schwerpunkt aufgeführt werden.

Die beiden Gegenpole des Diskurses zeigen, wie aktuell, aber auch wie strittig das Thema „Flucht und Vertreibung “ zurzeit in Deutschland ist.[5] Dass die beiden Ausstellungen „Flucht, Vertreibung, Integration“ und „Erzwungene Wege“ im Sommer 2006 zeitgleich und in unmittelbarer räumlicher Nähe zueinander gezeigt wurden, spiegelt dies ebenfalls wider.[6] Das Zweite Deutsche Fernsehen sorgte mit den Dokumentationen „Die große Flucht“ und „Die Gustloff“ im Anschluss an entsprechende Spielfilme dafür, dass durch die ausführliche Darstellung deutscher Vertriebenenproblematik zur besten Sendezeit Fragen nach dem deutschen Leid im Zweiten Weltkrieg und seiner Folge eine breite Öffentlichkeit erreichten. Auch Aleida Assmann befürchtet, dass durch solches deutsches Opfergedenken das Verhältnis von Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkrieges in der Erinnerung der Deutschen verschoben werden könnte: „Die aktuelle Frage lautet im Klartext: Soll der Zivilisationsbruch des Holocaust durch die Vertreibungen als Signatur des 20. Jahrhunderts verdrängt werden?“[7]

Um dies zu verhindern und um stattdessen eine objektive und entpolitisierte Haltung zum Thema „Flucht und Vertreibung “ zu gewinnen, ist es nötig, die historischen Ursachen des Phänomens zu ergründen und wissenschaftlich aufzuarbeiten. Die möglichst umfassende geschichtswissenschaftliche Klärung des Themas „Flucht und Vertreibung “ sollte es nach und nach entemotionalisieren, zumal die zeitliche Distanz zum Ereignis immer weiter wächst und dem zuträglich scheint. „Umfassend“ bedeutet dabei mittlerweile auch, die Ursachen und Folgen von „Flucht und Vertreibung “ für die Deutsche Demokratische Republik (DDR) zu erforschen. Hier ordnet sich die vorliegende Arbeit ein, sie ist ein Beitrag zur Vertriebenen- und zur DDR-Forschung.

Der schwierige Begriff des Umsiedlers wird hier genauso wenig vermieden werden können wie der des Vertriebenen, weshalb beide als historische Termini kontextualisiert werden müssen.[8]

Umsiedler war nur eine Bezeichnung von vielen, um jene Menschen zu benennen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges und in den ersten Nachkriegsjahren die bis 1945 deutsch besiedelten Gebiete im Osten[9] verlassen mussten. „Vertriebene“, „Flüchtlinge“, „Ausgesiedelte“, „Ausgewiesene“, „Heimatvertriebene“ oder „Heimkehrer“[10] waren Alternativen, sie alle kamen im alliiert besetzten Deutschland scheinbar gleichbedeutend auf. Bald kristallisierten sich – je nach politischer Couleur – jeweilige Favoriten heraus.

Die diesbezügliche westdeutsche Debatte begann in Film, Fernsehen und Literatur.[11] Hier, wie auch in der bundesrepublikanischen Forschung, etablierten sich die Begriffe des „Flüchtlings“ und des Vertriebenen. Die wissenschaftliche Aufarbeitung setzte in der Bundesrepublik zögerlich ein und brachte vorerst nur ein einschlägiges Werk hervor: die mehrbändige „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa“, an der seit 1951 eine Historikerkommission um Theodor Schieder arbeitete und die das Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte herausgab.[12] Rückblickend kommt diese Dokumentation einem Erinnerungsort für „Flucht und Vertreibung “ gleich, der eine politische Funktion besaß und zur „Wiedergewinnung [des ‚deutschen Ostens’] beitragen sollte“:[13] „Die im Dienste der Politik stehende Wissenschaft schuf hier ein Denkmal in neuer Form von dauerhafterer Bedeutung, als es auch die schwersten und größten Steinquader je hätten darstellen können.“[14]

Abgesehen davon macht aus heutiger Perspektive die Beteiligung des Kreises um Theodor Schieder an der Dokumentation deren rechtskonservative Verortung in der Diskussion und damit den propagandistischen Gehalt des Vertriebenen -Begriffs klar. Zwar problematisierte in den 1950er Jahren noch niemand öffentlich Schieders ideologische Verstrickung in die NS- Lebensraum -Politik,[15] aber spätestens seit die Vergangenheit des renommierten Schieder im „Historikerstreit“ Ende der 1980er Jahre kritisch zutage gefördert wurde, ist auch die Konnotation der „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa“ und damit des Vertriebenen -Begriffs eindeutig: Der Begriff suggeriert semantisch – heute wie damals – eine Unrechtmäßigkeit und provoziert Spannungen bezüglich der Ansprüche Polens und der damaligen Tschechoslowakei, des heutigen Tschechiens, die sich auf die alliiert besiegelte Abtretung der deutsch besiedelten Gebiete durch das Potsdamer Abkommen beriefen.

Die Bezeichnung „Heimatvertriebener“ soll durch die Hervorhebung des Heimatverlusts emotional anrühren und bedient sich des Topos des unschuldigen Opfers. Die erste wissenschaftliche Arbeit, die zur Frage der „Heimatvertriebenen in der Sowjetzone“ in der Bundesrepublik erschien, stammt von einem früheren NSDAP-Mitglied, das in seinen bis 1945 erschienenen Publikationen die territorialen Ansprüche des NS-Regimes in Osteuropa unterstützte, also erheblich vorbelastet war und nicht eben zur Objektivierung des „Heimatvertriebenen“-Begriffs beitrug.[16] Auch aktuell taucht der Begriff „Heimatvertriebene“ noch in Beiträgen auf, die deutsches Leid überproportional betonen: „Doch sie [ die Flucht, AT ] geschah im Winter; im eisigen Ostwind, zu Fuß oder mit Pferd und Wagen in den endlos grauen Kolonnen der Trecks flohen die Menschen vor den Furien der Rache. (…) Und wer blieb und wer überlebte, der durfte nicht bleiben. So ist unserer Erfahrung der Tatbestand des Schreckens eingebrannt worden: die Vertreibung. So entstand der bittere Begriff: Heimatvertriebene.“[17] Genau solche, offensichtlich wertenden („Furien der Rache“) Beiträge zum deutschen Opferdiskurs verursachten die Sorge vor einem deutschen „Selbstgespräch“, wie es ASF formulierte. Deshalb sind stark Schuld zuweisende Begriffe wie „Heimatvertriebene“ zu vermeiden.

Demgegenüber war in der Terminologie der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) meist von Umsiedlern die Rede.[18] Diese Bezeichnung verschwieg, was der Begriff „Heimatvertriebener“ an stattgefundener körperlicher und psychischer Gewalt fokussierte. Seit 1949 entstanden in der DDR vereinzelt einige wissenschaftliche Arbeiten zum Thema der Umsiedler, viele blieben jedoch unveröffentlicht oder konnten nur an westdeutschen Universitäten publiziert werden. Dies und Weiteres zum Eingang der Umsiedler- Thematik in die DDR-Forschung fasste Torsten Mehlhase auf der am 14. Oktober 2006 in Halle veranstalteten Tagung zum Thema: „Ende des Tabus? Flüchtlinge und Vertriebene in Sachsen-Anhalt ab 1945“ zusammen. Danach „[behandelten] die in den [19]60er und [19]70er Jahren erschienenen Gesamtdarstellungen zur DDR- bzw. SED-Geschichte die Vertriebenenfrage lediglich sehr vage umschreibend in ein bis zwei Sätzen im Zusammenhang mit der Zustandsbeschreibung Nachkriegsdeutschlands bzw. mit den Beschlüssen des Potsdamer Abkommens.“[19] Erst in den 1980er Jahren spielte das Thema Umsiedler auch in historischen Lehrbüchern eine größere Rolle.

Intensiviert wurden die Bemühungen um die Erforschung der Umsiedler in den 1970er und 1980er Jahren an der Universität Leipzig und der Humboldt-Universität zu Berlin. Aber besonders Manfred Wille von der Pädagogischen Hochschule Magdeburg gab Impulse und gründete im Anschluss an seinen Aufsatz „Die Zusammenarbeit der deutschen Antifaschisten mit der SMAD in der Umsiedlerfrage, speziell in Sachsen-Anhalt (1945-1949)“[20] die erste Forschungsgruppe für die wissenschaftliche Aufarbeitung der Umsiedler -Integration in der DDR. So entstanden 20 Diplomarbeiten und weitere regionalgeschichtliche Studien zur Umsiedlerfrage, darunter die viel zitierten Dissertationen von Regine Just und Steffi Kaltenberg.[21] Alle Arbeiten hatten jedoch gemein, „dass sie sich in den Grundrahmen des vorgegebenen Bildes über die Geschichte der DDR bzw. der befreundeten Nachbarländer einordnen lassen mussten und nicht im Widerspruch zu der gelehrten (…) Geschichte stehen durften.“[22] Daher thematisierten sie lediglich den scheinbaren Integrationserfolg der Umsiedler, nicht aber die gewaltsame Erfahrung von Flucht und Vertreibung aus Sicht der Betroffenen, die die Interpretation der Sozialistischen Einheitspartei (SED) hätte unterwandern können.

So kann heute vom Umsiedler -Begriff nur unter Berücksichtigung seines Propagandagehalts gesprochen werden. Es handelt sich um einen historischen Terminus, der bei der Bearbeitung des Themas nicht ausgeklammert werden kann, aber quellenkritisch betrachtet werden muss. Deshalb wird er hier verwendet, aber kursiv gesetzt werden. Ebenso verhält es sich mit dem Begriff des Vertriebenen. Er ist das propagandistische Pendant zum Umsiedler -Begriff. Zwar wird heute der Vertriebenen -Begriff meist nicht mehr verwendet, um Ansprüche Deutscher oder gar der Bundesrepublik auf ehemals deutsche Güter oder Entschädigungen von Deutschen auszudrücken. Nichtsdestotrotz entstammt der Begriff einem Sprachgebrauch, der politische Interessen westdeutscher Vertriebenen gegenüber Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zum Ausdruck bringen sollte und das historische Geschehen semantisch als Unrecht deklassiert. Daher sollte der Begriff Vertriebene nicht unreflektiert übernommen werden, bloß weil der westdeutsche Diskurs seit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik 1990 der einzig verbleibende ist. Gleichwohl entspricht er der herrschenden Meinung,[23] daher wird er zwar in dieser Arbeit verwendet, jedoch nur unter Kennzeichnung als Propagandabegriff.

Neutraler als der Begriff Vertreibung ist der der „Ausweisung“. Er impliziert den Akt des erzwungenen Verlassens der Heimat, assoziiert aber keine etwaige Unrechtmäßigkeit, da der Begriff nicht primär die Gewalterfahrung der Betroffenen betont. Dennoch verschweigt er sie auch nicht komplett, so wie der Umsiedler- Begriff. Insofern kann von einer „Ausweisung“ der Vertriebenen ohne allzu große Schwierigkeiten die Rede sein. Der Flüchtlings-Begriff ist ebenso neutral und bedarf keiner weiteren Kennzeichnung. Anders verhält es sich mit dem Begriff „Heimatvertriebener“. Zwar wird auch er noch in der aktuellen Forschung gebraucht,[24] trägt aber eine zu wertende Konnotation, als dass diese Arbeit dem folgen kann. Auch dass der BdV noch von „Heimatvertriebenen“ spricht, politisiert diesen Begriff und macht ihn für die Wissenschaft schwierig.[25]

Die Forschung zeigt ferner die notwendige Unterscheidung zwischen Flüchtlingen und Vertriebenen. Flüchtlinge und Vertriebene stellten tatsächlich verschiedene Gruppen dar. Die vorliegende Arbeit wird diese Differenzierung einhalten: Flüchtlinge sind diejenigen, die sich noch während des Krieges und ohne staatliche oder militärische Verordnung, sondern mehr oder minder eigenständig von ihrer Heimat in den deutsch besiedelten Gebieten im Osten aus Angst vor der näher rückenden Roten Armee auf den Weg nach Westen machten. Vertriebene sind entweder in den „wilden Vertreibungen[26] oder auf Grund des alliierten Beschlusses von Potsdam nach dem August 1945 von der sowjetischen, polnischen, tschechischen oder ungarischen Regierung planmäßig ausgewiesen wurden. Der am ehesten zutreffende Oberbegriff für alle diese Bewegungen in Mittel- und Osteuropa um 1945 scheint der der „Zwangsmigration“ zu sein.[27]

Inwiefern die Vertriebenen und Flüchtlinge in der DDR durch die Umsiedlerpolitik „integriert“ oder „assimiliert“ wurden, ist eine weitere zu klärende, begriffliche Frage, denn „Integration“ und „Assimilierung“ sind nicht synonym: „Werden im amerikanischen Sprachgebrauch Integration und Assimilierung oft gleichgesetzt, so dient im deutschen Bereich Integration meist als Oberbegriff für diverse Eingliederungsprozesse. An sich steht hinter diesem Wort die Vorstellung, daß sich sowohl aufnehmende wie ankommende Gruppe verändern, wohingegen bei Assimilierung eine einseitige Angleichung der Zuwanderer an die Einheimischen stattfindet, in deren Verlauf die mitgebrachten Werte und Kulturmuster weitgehend zurücktreten.“[28] Angewendet auf die Situation der Umsiedler wird hier dementsprechend primär von „Assimilierung“ die Rede sein, da sie in der SBZ/DDR tatsächlich zur Eingliederung gezwungen wurden und dem regelrechten Verbot unterlagen, ihre eigenen „mitgebrachten Werte und Kulturmuster“ in ihrer neuen Heimat auszuleben. Die SED-Führung gab indes vor, es handele sich um eine „Integration“, proklamierte sie die Eingliederung doch als positive Erfahrung für die Umsiedler. So schrieb Wilhelm Koenen, Vorsitzender des Sekretariats der Volkskammer (seit 1949) und Mitglied des SED-Parteivorstandes:

„Zwei Wege standen dem neuen Deutschland offen, um mit dem Problem der Umsiedler fertig zu werden. Der erste Weg führt zu ihrer Einschmelzung in das gesellschaftliche Leben ihrer neuen Umgebung. Der zweite Weg führt dazu, daß sie wie Parias behandelt werden, … Der zweite Weg wurde in Westdeutschland gewählt, … In der Deutschen Demokratischen Republik wurde ein anderer Weg eingeschlagen“.[29]

„[Schmilzt]“ man Substanzen „[ein]“, werden einzelne Bestandteile aufgelöst, aber es entsteht ein neues Produkt, so dass Koenens Wortwahl eindeutig die „Integration“ der Umsiedler nahe legt. Der Begriff „Integration“ wird demnach hier zwar auftauchen, aber stets den Anspruch der SED-Spitze und nicht die tatsächlichen historischen Umstände widerspiegeln, die eher einer Assimilierung der Umsiedler gleichkamen.[30]

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Umsiedlern und der sie betreffenden Politik in der SBZ/DDR zwischen 1948 und 1952. Die zentrale Frage lautet: Wie reagierten die Umsiedler auf die Maßnahmen dieser Umsiedlerpolitik ?

Es wird zunächst knapp aufgezeigt, welche Schritte die von der SMAD in der SBZ Ende September 1945 eigens für diese Politik eingerichtete Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler (ZVU) einleitete. 1948 proklamierte die SED-Führung die „Lösung des Umsiedlerproblems“[31], woraufhin sie gemeinsam mit der SMAD die ZVU auflöste, die sodann in der Deutschen Verwaltung des Innern (DVdI) aufging. Dieser Wendepunkt 1948 markierte jedoch kein Ende der Umsiedlerpolitik, sondern vielmehr einen Wandel in ihrer Durchführung. Ihr Schwerpunkt verlagerte sich weg vom Versuch öffentlichkeitswirksamer Aufklärungsarbeit hin zu einem sich zunehmend unter der Oberfläche abspielenden, verstärkten Assimilationsdruck. Sowohl repressive als auch sozialintegrative Elemente blieben dabei Bestandteile der Umsiedlerpolitik, wie auch das Ziel dieser Politik stets dasselbe blieb: Die Umsiedler sollten ihre alte Heimat im Osten vergessen und zum Teil der neuen antifaschistischen Gesellschaft werden.

Diese Arbeit konzentriert sich auf die repressiven Elemente der Umsiedlerpolitik, denn diese politische und ideologische Kontrolle provozierte die größte Kluft zwischen Maßnahmen der Umsiedlerpolitik und den Reaktionen darauf. Während die Umsiedler die sozialen Fürsorgemaßnahmen in ihrer existenziellen Notlage bereitwillig annahmen, kritisierten sie, nachdem die erste Existenz gesichert war, die Umsiedlerpolitik immer stärker und hofften auf eine baldige Rückkehr in die alte Heimat. Nach Ansicht der SED-Spitze lief dies nicht nur dem Aufbau einer neuen Gesellschaft in der SBZ/DDR zuwider, sondern war auch kaum mit den Solidaritätsbekundungen des Regimes gegenüber den Nachbarn der sowjetischen Staatengemeinschaft vereinbar. So verbot die SED ab 1948 sämtliche organisierte Kommunikation der Umsiedler untereinander, sei es in Form von Vermisstensuchdiensten, Versammlungen oder Vereinen, zu denen sich die ehemaligen „Landsmannschaften“[32] zusammenschlossen. Dies stieß auf Unverständnis bei den Umsiedlern, wussten diese doch ganz genau, dass die westdeutschen V ertriebenen keinem solchen Verbot unterlagen und sich in aller Öffentlichkeit über die Heimat und etwaige Rückkehrchancen austauschen durften.

Eine wesentliche Maßnahme der DDR-Regierung setzte jeglicher Heimkehrhoffnung ein abruptes Ende: Die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als Staatsgrenze zu Polen. Diese Anerkennung der DDR-Regierung im Görlitzer Abkommen vom 6. Juli 1950 war eindeutig außenpolitisch motiviert. Sie traf die Umsiedler der eigenen Ansicht nach zwar empfindlich, zählte aber in der Intention nicht zur tatsächlichen Umsiedlerpolitik, sondern sollte die aus Sicht der DDR-Regierung ökonomisch und außenpolitisch wichtigen Beziehungen zu Polen kitten.

Im Hinblick auf die Perspektive der Umsiedler stellen sich aber Fragen, wie: Welche Rolle spielte die Oder-Neiße-Grenze für ihr Heimatgefühl? Was machte dieses Heimatgefühl der Umsiedler aus und wieso ließ sich nicht auch ebenso gut ein neues Heimatgefühl in der SBZ und DDR entwickeln? Was ist Heimat eigentlich?

Inhaltlich vorangestellt werden an diese Fragen wichtige Punkte der Vorgeschichte, wie die NS-Verbrechen und Vertreibungen[33] in den osteuropäischen Ländern nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 und durch die Heim-ins-Reich -Politik. Die Frage wird in den Kontext des „Jahrhunderts der Vertreibungen“[34] eingebettet, das der Vertrag von Lausanne (1923) und das Potsdamer Abkommen (1945) besiegelten. Der Wille zur Errichtung homogener Nationalstaaten durch Bevölkerungstransfers begründete immerhin nicht nur die Vertreibung der Deutschen am Ende und in der Folge des Zweiten Weltkriegs, sondern auch die Zwangsmigrationen anderer ethnischer Minderheiten aus einstigen Vielvölkerstaaten.

Die Wahl des Zeitabschnitts 1948-1952 leitet sich daraus ab, dass die Reaktionen der Umsiedler vor allem im Zuge des Grenzanerkennungsprozesses von Görlitz beobachtet werden sollen. Dafür ist es sinnvoll, den Untersuchungszeitraum nahe dem Datum des Abkommens, dem 5./6. Juli 1950, zu wählen. Die Jahre nach 1948 bieten einen fruchtbareren Untersuchungsgegenstand, weil um 1948 schrittweise wieder politische Forderungen aufkamen – bei den Umsiedlern vor allem die nach der Heimkehr – sobald die Überlebensfrage hinsichtlich erster Unterbringung und Versorgung vorläufig beantwortet war. Überdies stellt das Jahr 1948 wegen der verordneten Auflösung der ZVU eine Zäsur dar, nach der sich die Umsiedlerpolitik wandelte.[35] Erfolg oder Misserfolg der Umsiedlerpolitik werden in einem Ausblick hinterfragt werden.

Während die Vertriebenenforschung in der Bundesrepublik seit den 1950er Jahren auf eine lange Entwicklung zurückblickt, steht sie für die DDR noch am Anfang.[36] Seit der Öffnung der betreffenden Archive 1990 konnten einige Desiderata bereits behoben werden, allen voran zählen die Ebenen des Staatsapparates und der davon ausgehenden Maßnahmen zu mittlerweile gut erforschten Feldern der Umsiedlerthematik.

Zu den als integrativ gedachten Maßnahmen der SMAD zählte die Bodenreform 1945 und der dazugehörige Befehl 209 vom September 1947, der die Errichtung von insgesamt 37.000[37] Siedlergehöften für so genannte Neubauern[38] aus dem enteigneten und verstaatlichten Land beschloss. Dieser Aspekt erhielt bisher häufig Aufmerksamkeit.[39] Auch regionale Schwerpunkte konnten durch verschiedene Forschungsprojekte, so etwa an der Universität Leipzig, schon gesetzt werden.[40] Interdisziplinäre Ansätze vervielfältigten die Kenntnisse und Methodik der Forschung zu Flucht und Vertreibung.[41] Selbst die wirklich spezielle Gruppe der Antifa-Umsiedler ist quasi bereits aufgespürt und untersucht worden.[42] Die 2004 erschienene, empirisch fundierte Studie von Michael Schwartz[43] avancierte insgesamt zum bislang unangefochtenen Standardwerk.

Was bei alledem noch auf der Strecke blieb, ist eine Fokussierung auf die erfahrungsgeschichtliche Dimension dieser Umsiedlerpolitik. Da die Unterdrückung von Selbstorganisation oder kritischer Artikulation der Umsiedler einen elementaren Bestandteil dieser Politik ausmachte, sind zeitgenössische Selbstzeugnisse für Stimmungen unter den Umsiedlern rar und daher bisher nicht primär untersucht worden. Auch der neueste, gesamtdeutsche Blick auf die erinnerungspolitische Facette von Flucht und Vertreibung kann dieses Manko nicht beheben, da er den Gegenstand eher rückblickend aus der heutigen, tagespolitischen Diskussion heraus betrachtet. Erinnerung und Erfahrung sind aber nicht dasselbe und so arbeiten auch diese Untersuchungen nicht heraus, wie die Umsiedlerpolitik in ihrer Zeit aufgenommen, sondern wie daran erinnert wird.[44]

Dies gilt auch für die Herangehensweise über Zeitzeugenbefragungen. Seit Längerem werden verstärkt Interviews geführt, die aber gleichfalls nur klären, wie sich Betroffene heute an damals erinnern.[45] Museen scheinen in diesem Feld eine zusehends verantwortungsvolle Rolle einzunehmen. Schon die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (HdG) hatte für ihre Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ umfangreiche Zeitzeugeninterviews geführt, die integrativer Bestandteil der Ausstellung waren.[46] Besonders wertvoll sind die demoskopischen Untersuchungen des HdG zur Sicht der polnischen und tschechischen Bevölkerung.[47] Das Schlesische Museum in Görlitz lieferte weiteres Material. Michael Parak stellte dort Umfragen an, die sich auf die Erinnerung von Zeitzeugen in der DDR konzentrierten, was beim HdG nur am Rande erfolgt war und so eine wichtige Ergänzung bildet. Paraks Interviews werden zurzeit noch ausgewertet, was erneut die Aktualität des Themas beweist.

Nichtsdestotrotz ist es möglich, zeitgenössische Reaktionen der Umsiedler einzufangen. Das soll in dieser Arbeit geschehen. Insbesondere wenn man die staatlichen Dokumente, die bereits auf ihren Quellenwert für Staatsaufbau und Gesetzgebung ausgewertet wurden, neu befragt und sie auf die Stimmen der Vertriebenen hin untersucht, entdeckt man, wie diese in den Berichten oft nicht nur latent durchschimmern, sondern häufig sogar im O-Ton zitiert werden. Es gibt einige, wenige Arbeiten, die dieses Verfahren für zeitgenössische Quellen teilweise anwenden, aber selbst dort bleibt diese erfahrungsgeschichtliche Sicht ein Nebenprodukt der Untersuchung.[48] In dieser Arbeit sollen die zeitgenössischen Reaktionen der Umsiedler im Hinblick auf ihr Heimatgefühl und die Grenzfrage im Fokus stehen. Die sehr wichtige, von Manfred Wille herausgegebene Dokumentensammlung zum Thema[49] beinhaltet zwar zeitgenössische Quellen, die tatsächlich auch diese Sicht der Umsiedler wiedergeben, diese Dokumentation ist aber bislang die einzige ihrer Art, so dass hier noch klare Lücken bestehen. Wille selbst bestätigt dies im Vorwort zu seinem Band: „Die folgenden Ausführungen (...) zum Verlangen nach Rückkehr in die Heimat, zur Ablehnung der Oder-Neiße-Grenze, (...) widmen sich bislang wenig untersuchten Forschungsfeldern.“ Willes Dokumentensammlung enthält hauptsächlich Archivalien des Bundesarchivs und der jeweiligen Landes- und Stadtarchive. In der vorliegenden Arbeit soll diese Sammlung um Quellen aus den Archivbeständen der BStU ergänzt werden, von denen in Willes Band noch keine auftauchen.[50] Damit soll ein neuer Beitrag zu diesen „wenig untersuchten Forschungsfeldern“ der Umsiedlerreaktionen und ihren Initiativen gegen die Umsiedlerpoliti k geleistet werden.

Das größte Problem der Quellenlage für das Feld der Umsiedler ist der Mangel an Selbstzeugnissen auf Grund der Unterdrückung eigenständiger Organisationsformen durch SMAD und SED-Führung. Sie existieren jedoch dort, wo Verwaltungsbehörden oder das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) sie zwecks Überwachung etwaiger „staatsfeindlicher“ Umtriebe abschrieben und archivierten. Diese staatliche Ebene muss subtrahiert werden, will man zu einer rekonstruierten Innensicht der Umsiedler gelangen. Die Quellen ermöglichen sodann verlässliche Aussagen über die Stimmungen unter den Umsiedlern, da das SED-Überwachungssystem auf wortwörtliche Niederschriften Wert legte und Interna nicht für eine Veröffentlichung beschönigte.

Für diese historisch-kritische Analyse liegen Archivalien aus dem Bundesarchiv Berlin (BAB), der Stiftung Archiv für Parteien und Massenorganisation (SAPMO) und der Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) vor. Die Quellen werden orthographisch originalgetreu zitiert, sie wurden nicht grammatisch oder stilistisch angeglichen. Etwaige Rechtschreibfehler in Quellenzitaten entstammen somit der Quelle.

Während es sich bei den BAB- und SAPMO-Dokumenten besonders um Protokolle von öffentlichen Einwohnerversammlungen, auf denen man die Oder-Neiße-Grenze diskutierte, handelt, liefern die BStU-Akten Berichte über Umsiedlertreffen in der SBZ oder über die Teilnahme an westdeutschen Vertriebenentreffen. Außerdem geben sie Aufschluss über weitere Aktionen seitens der Umsiedler, die sich gegen die Umsiedlerpolitik richteten, sei es in Form von Flugblättern oder des Versuchs, Vereine und Suchdienste zu bilden. Zeitgenössische Broschüren der SED-Leitung werden dort zitiert, wo propagandistischer Anspruch und die Innensicht der Umsiedler einander gegenüberstehen. Das Potsdamer Abkommen und das Görlitzer Abkommens werden quellenkritisch diskutiert, um die Fragestellung zu kontextualisieren.

2. Zur Vorgeschichte

2.1. Vom Vertrag von Lausanne zum Potsdamer Abkommen

Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte. Die der deutschen Vertriebenen beginnt spätestens am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen, eher aber noch am 30. Januar 1923 in Lausanne. Der dort an diesem Tag geschlossene Vertrag zwischen der türkischen und der griechischen Regierung setzte die erste völkerrechtlich legitimierte Zwangsmigration in Gang: den Bevölkerungsaustausch zwischen der bis dahin in der Türkei lebenden griechischen Minderheit und der in Griechenland lebenden türkischen Minderheit. Betroffen waren etwa zwei Millionen Menschen.[51] Vom Vertrag von Lausanne spannt sich ein Bogen bis in die Gegenwart, der über das Potsdamer Abkommen bis hin zum jugoslawischen Vertrag von Dayton 1995 Zwangsmigrationen als signifikantes Merkmal des 20. Jahrhunderts aufzeigt.[52]

Minderheitenfragen, wie die von Lausanne, rückten nach 1918 mehr und mehr in den Vordergrund. Am Ende des Ersten Weltkriegs zerbrachen zwei der drei mächtigen Vielvölkerreiche: das Kaiserreich Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich. Das russische Zarenreich „blieb (…) in Gestalt der Sowjetunion erhalten, wobei die frühere dynastische Grundlage durch eine nationenübergreifende Klassensolidarität als Legitimationsbasis ersetzt wurde.“[53] Aus den multiethnischen Reichen traten moderne Nationalstaaten hervor, ein Prozess, der sich schon seit dem Zeitalter der europäischen Revolutionen in den 1830er und 1840er Jahren angekündigt hatte.[54] „Das Maß an nationaler Homogenität wies ein klares West-Ost-Gefälle auf, mit der Folge, daß in den mittel- und südosteuropäischen Nationalstaaten sehr bald nationale bzw. ethnische Konflikte auftraten, die in dieser Form und dieser Härte in den westeuropäischen Nationalstaaten unbekannt waren. (…) Die nationalstaatliche Ordnung Mittel- und Südosteuropas blieb instabil und konfliktträchtig“[55], so der Politikwissenschaftler Herfried Münkler.

Einer dieser Konflikte war der griechisch-türkische der frühen 1920er Jahre. Da er sich als ethnischer Minderheitenkonflikt äußerte, schien die nahe liegende Lösung in der Beseitigung eben dieser Minderheiten zu liegen, das heißt, indem nationale Homogenität, wenn sie schon wegen der Vergangenheit des türkischen Staates als Teil eines Vielvölkerreichs nicht natürlich vorhanden war, künstlich geschaffen wurde. Die Errichtung einer homogenen Gesellschaft, nach außen hin völkerrechtlich legitimiert durch das von Woodrow Wilson 1918 geforderte nationale Selbstbestimmungsrecht, bot die ideale Antwort auf die innerstaatlichen, ethnischen Konflikte der neuen Nationalstaaten. In eben dieser Motivation, den türkischen Nationalstaat zu konsolidieren, initiierte Mustafa Kemal 1923 den Vertrag von Lausanne mit der griechischen Regierung, der einerseits die Souveränität und Unabhängigkeit der neuen Türkei anerkannte, andererseits den gegenseitigen Austausch der jeweiligen Minderheiten beider Länder festschrieb.

Dieser Vertrag kann jedoch „kaum als kreative internationale Lösung von Minderheitenproblemen gelten; er setzte vielmehr den Schlußpunkt unter die ethnischen Säuberungen und legitimierte den Wunsch der türkischen Nationalisten nach einer Homogenisierung ihrer anatolischen Heimat.“[56] Die Erkenntnis, dass in Wahrheit Einfallslosigkeit und nationalistischer Tunnelblick die vertraglich legitimierte Zwangsmigration von Lausanne bedingten, ist allerdings eine unserer Tage. Zunächst überwog der Optimismus dieses neuen Homogenitätskonzepts, der sich auch 1945 in Potsdam zeigte.

Am 2. August 1945 unterzeichneten Josef Stalin, Harry S. Truman und Clemens Attlee auf der Berliner Konferenz das Potsdamer Abkommen. Dieses Abkommen legte nicht nur die grundsätzlichen Richtlinien für die zukünftige Behandlung Deutschlands fest,[57] es bestimmte auch die durch die Kriegsschuld begründeten Gebietsabtretungen und somit die Ziehung der neuen Westgrenze Polens. Abschnitt IX, Absatz b) des Potsdamer Abkommens regelt diesen zukünftigen Grenzverlauf:

„Die Häupter der drei Regierungen stimmen darin überein, daß bis zur endgültigen Festlegung der Westgrenze Polens, die früher deutschen Gebiete östlich der Linie, die von der Ostsee unmittelbar westlich von Swinemünde und von dort die Oder entlang bis zur Einmündung der westlichen Neiße und die westliche Neiße entlang bis zur tschechoslowakischen Grenze verläuft, einschließlich des Teiles Ostpreußens, der nicht unter die Verwaltung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken in Übereinstimmung mit den auf dieser Konferenz erzielten Vereinbarungen gestellt wird und einschließlich des Gebietes der früheren Freien Stadt Danzig, unter die Verwaltung des polnischen Staates kommen und in dieser Hinsicht nicht als Teil der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland betrachtet werden sollen.“[58]

Dies gelte nur bis zur „endgültigen Festlegung der Westgrenze Polens“:

„Die Häupter der drei Regierungen bekräftigen ihre Auffassung, daß die endgültige Festlegung der Westgrenze Polens bis zu der Friedenskonferenz zurückgestellt werden soll.“[59]

Ausdrücklich sei mit der definitiven Klärung der Grenzfrage eine Friedenskonferenz abzuwarten. Diese Konferenz fand jedoch im Grunde erst 1990 statt: Der so genannte Zwei-Plus-Vier-Vertrag gilt letztlich als der Friedensvertrag, von dem schon 1945 die Rede war. Insofern blieben die Grenzfestlegungen des Potsdamer Abkommens bindend. Der Görlitzer Vertrag bestätigte die Oder-Neiße-Grenze 1950 von DDR-Seite,[60] der Warschauer Vertrag[61] aus dem Jahr 1970 von bundesrepublikanischer Seite.

Der vorsichtige Wortlaut des Potsdamer Abkommens stand im Gegensatz zur konkreten Realität des Kriegsendes. Die betreffenden Gebiete östlich der Oder und Neiße wurden sofort und eindeutig „unter die Verwaltung des polnischen Staates“ gestellt und die dort lebenden Deutschen mussten sofort und eindeutig diese Gebiete verlassen. Etwa einer Million Polen[62] erging es genauso, sie mussten ihre Heimat umgehend räumen, als die Gebiete östlich der Curzon-Linie,[63] wie schon auf den alliierten Konferenzen von Jalta und Teheran angedacht, der Sowjetunion zugeschlagen wurden.[64] Die Vertreibungen der Deutschen und der Polen nach dem Zweiten Weltkrieg sind zwei Seiten derselben Medaille, die zutreffend als die „Westverschiebung Polens“ bezeichnet wird.[65] In der Tat handelte es sich dabei um eine vertraglich verordnete, scheinbar nüchterne „Verschiebung“ eines Staates, allerdings inklusive der darin lebenden Menschen. Letztendlich ist dies der Punkt, der die technische Formalität des Potsdamer Wortlautes ad absurdum führt. Im Potsdamer Abkommen hieß das dann:

„Die drei Regierungen haben die Frage unter allen Gesichtspunkten beraten und erkennen an, daß die Ueberführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muß. Sie stimmen darin überein, daß jede derartige Ueberführung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll.“[66]

Analog zu der Diskrepanz zwischen Wortlaut und Wirkung bezüglich der angeblichen Vorläufigkeit der Oder-Neiße-Grenze, spiegelt auch dieser Artikel XIII nicht die Wirklichkeit seiner Wirkungskraft wider. Die „Ueberführung der deutschen Bevölkerungsteile oder Bestandteile derselben“ erfolgte höchstens in dem Sinne „ordnungsgemäß“, als dass man darunter „verordnet“ verstehen könnte. Organisiert wurde die „Ueberführung“ in der Tat. Nachdem der Alliierte Kontrollrat am 20. November 1945 einen dezidierten Aus- und Ansiedlungsplan vorgelegt hatte, setzten die zahlenmäßig festgesetzten Transporte ein. So sollten nach einer Vereinbarung der polnischen Regierung und dem alliierten „Repatriierungsausschuss“ zwischen Dezember 1945 und Juli 1946 3,5 Millionen Deutsche aus Polen und nach dem entsprechenden Übereinkommen der Alliierten mit der tschechischen Regierung 2,5 Millionen Sudetendeutsche ausgewiesen werden. Die Betreffenden wurden über öffentliche Aushänge davon in Kenntnis gesetzt, bis zu welchem Zeitpunkt und unter Mitnahme wie viel Gepäcks sie sich an einem Sammelpunkt einzufinden hatten. Meist erfolgte der anschließende Massentransport in Eisenbahnwaggons, in denen die Vertriebenen widrigsten Umständen ausgesetzt waren. Die Züge waren überfüllt, wenn überhaupt, dann nur unzureichend vor Witterung geschützt, wiesen sehr dürftige hygienische Verhältnisse auf und wurden zudem regelmäßig ausgeraubt. Außerdem dauerten die Transporte oft Tage oder Wochen, da die Verkehrswege kriegsbedingt noch recht fragmentarisch waren.[67] Somit lief die „Ueberführung“ vielleicht unter „ordnungsgemäßen“, aber keineswegs „humanen“ Umständen ab.

Bevor die Alliierten jedoch den Artikel XIII umsetzten und damit diese verordnete „Ueberführung“ der deutschen Bevölkerung begann, war es bereits zu „wilden Vertreibungen “, also spontanen und willkürlichen Austreibungen sowohl der Deutschen aus den nun polnischen Gebieten östlich von Oder und Neiße als auch der sudetendeutschen Minderheiten aus der Tschechoslowakei gekommen. In Polen und in der Tschechoslowakei wurden Deutsche in Internierungslager deportiert, die die Methoden der SS-Herrschaft in den Konzentrationslagern weiterführten.[68] Die ehemals von Hitler heim ins Reich geholten Volksdeutschen[69] erklärte man in der Sowjetunion wieder zu sowjetischen Staatsbürgern. Man vertrieb sie zwar nicht in das verkleinerte Nachkriegsdeutschland, bezichtigte sie aber der deutschen Mittäterschaft und verpflichtete sie zu Zwangsarbeit in Sibirien oder anderen entlegenen unwirtlichen Gebieten des Landes. Davon waren schätzungsweise eine Million Menschen betroffen.[70]

Die Verbrechen der SS-Einsatzgruppen und vieler Wehrmachtssoldaten während des Vernichtungskrieges zeigten in diesen mannigfaltigen Vertreibungen der Deutschen ihre Spätfolgen. Sie setzten die Bereitschaft der einstigen Opfer zu oft willkürlichen Racheakten an der deutschen Bevölkerung frei, so dass Opfer zu Tätern und Täter zu Opfern wurden. Einerseits führt dies die Ambivalenz und Verfänglichkeit einer zu pauschalen Verwendung von Täter- und Opferbegriffen vor Augen,[71] andererseits macht es die historische Ursache für die Vertreibung der Deutschen unmissverständlich klar: die Kriegs- und NS-Verbrechen von 1939 bis 1945.

Festzuhalten bleibt außerdem, dass das Potsdamer Abkommen in verhängnisvoller Folgerichtigkeit zu den vorherigen Entwicklungen am Anfang des Jahrhunderts steht. Es bringt, ebenso wie der Vertrag von Lausanne, die Hoffnung auf Vorbeugung zukünftiger Konflikte durch den Aufbau homogener Nationalstaaten im Osten zum Ausdruck. Allein, die Vielvölkerstaaten in Osteuropa waren jahrhundertlang historisch gewachsen – bis die ideologisch motivierten Zwangsmigrationen des 20. Jahrhunderts einsetzten und dieses natürliche Konglomerat zu sprengen suchten. Genau diese gewaltsame Sprengkraft, die hinter den „Ueberführungen“ stand, ist der konterkarierende Haken der scheinbar formal logischen Theorie des homogenen Nationalstaats. Denn die Gewalterfahrung, die die eben nicht bloß harmlos „Überführten“ mit in ihre zugedachte, neue Heimat nahmen, äußerte sich später als tief sitzendes Konfliktpotential.

2.2. Der Vernichtungskrieg in Osteuropa und in der Sowjetunion

Adolf Hitler hatte den Vernichtungskrieg von langer Hand geplant. Er hatte seinen exzessiv expansionistischen und rassistischen Ideen bereits in „Mein Kampf“ freien Lauf gelassen,[72] und „[d]en Spitzen der Reichswehr deutete er immerhin schon am 3. Februar 1933 an, daß neuer ‚Lebensraum im Osten’ erobert werden müsse.“[73]

Der 1934 geschlossene Nichtangriffspakt mit Polen sollte zunächst über die langfristigen Ziele der Vernichtung und Versklavung der jüdischen und slawischen Bevölkerung hinwegtäuschen. Zwar einigten sich das Deutsche Reich und Japan im zwei Jahre später folgenden Antikomintern-Pakt auf eine antisowjetische Politik, doch ignorierten die europäischen Nachbarn diesen Bund ebenso sehr wie sie bald darauf den „Anschluss“ Österreichs 1938 duldeten. Die Regierungschefs von Frankreich und Großbritannien, Daladier und Chamberlain, hofften, das aufbegehrende Deutsche Reich mit dem Abschluss des Münchner Abkommens am 30. September 1938 endgültig befriedigt und befriedet zu haben,[74] indem sie einwilligten, dem Deutschen Reich die sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakei zuzusprechen.

Hierin unterlagen die europäischen Großmächte allerdings einem fatalen Irrtum. Hitler hatte die Versailler Festlegungen durch den „Anschluss“ Österreichs und die absichtlich herbeigeführte Sudetenkrise, in der er auf die Minderheitenrechte der Deutschen in der Tschechoslowakei pochte, nach und nach zu unterwandern begonnen. Die volle deutsche Aggression zeigte sich schließlich bei der Annexion der restlichen tschechoslowakischen Gebiete einen Monat nach Abschluss des Münchner Abkommens und erst recht am 1. September 1939, als das Deutsche Reich Polen den Krieg erklärte. Die Kriegserklärung basierte auf einem von deutscher Seite inszenierten Überfall auf den oberschlesischen Radiosender Gleiwitz, angeblich von polnischen Soldaten begangen, bei denen es sich in Wahrheit jedoch um, in polnische Uniformen gesteckte Leichen von Häftlingen aus einem deutschen Konzentrationslager handelte.

Der deutsch-polnische Nichtangriffspakt war bereits Ende April des Jahres 1939 vom Deutschen Reich gekündigt worden. Umso überraschender stellte sich der von Hitler und Stalin am 23. August 1939 unterzeichnete deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt dar, der von Hitler freilich wohl überlegt vor dem geplanten Angriff auf Polen herbeigeführt worden war. Der Hitler-Stalin Pakt beinhaltete nicht nur die gegenseitige Nichtangriffsbekundung, sondern ebenso die Aufteilung Polens in eine deutsche und eine sowjetische Interessenssphäre. Dadurch sicherte sich Hitler Stalins Zustimmung im Polenfeldzug, und beide tilgten Polen schließlich gemeinsam nach Ende dieses „Blitzkriegs“ mit der fünften polnischen Teilung von der Landkarte.[75]

Mit dem Angriff auf Polen begann nicht nur der Zweite Weltkrieg, Frankreich und Großbritannien schlugen sich wenige Tage später auf die Seite Polens und erklärten dem Deutschen Reich den Krieg, es begann auch ein besonders im Osten verbrecherisch gegen die Zivilbevölkerung geführter Vernichtungskrieg. Die Nationalsozialisten beabsichtigten damit die Ausrottung der von ihnen so bezeichneten slawischen Untermenschen und des osteuropäischen Judentums, um Osteuropa und die Sowjetunion von angeblich rassisch höher wertigen Deutschen besiedeln zu lassen, denen ihrer Ansicht nach mehr Lebensraum gebührt habe. SS-Einsatzgruppen begangen ebenso wie die Soldaten der Wehrmacht zu diesem Zweck brutalste Verbrechen an der Zivilbevölkerung.[76]

Wann der Krieg im Osten in den Vernichtungskrieg mündete, dazu gehen die Meinungen auseinander. Die herrschende Meinung datiert seinen Anfang auf den 22. Juni 1941, den Angriff auf die Sowjetunion, entsprechend resümiert Hans Mommsen: „In einer spektakulären Rede vor führenden Generälen am 30. März 1941 hatte der Diktator [Adolf Hitler, AT] das Programm eines ‚rassischen Vernichtungskrieges’ proklamiert, das die bisher gültigen völkerrechtlichen Beschränkungen durchbrach (…). Er bezeichnete die slawische Bevölkerung als ‚Untermenschen’ und erklärte, dass es sich um einen Vernichtungskampf gegen ‚das soziale Verbrechertum’ des Bolschewismus handele. (…) Damit wandte sich der Diktator von den in Westeuropa im Regelfall noch beibehaltenen ‚ritterlichen’ Methoden der Kriegführung ab und leitete eine neue Phase des Zweiten Weltkrieges ein, die durch eine immer schärfere Brutalisierung der Kampfmethoden und ein immer rücksichtloseres Vorgehen gegenüber der Zivilbevölkerung gekennzeichnet war.“[77] Jochen Böhler hingegen behauptet in seiner Dissertation „Auftakt zum Vernichtungskrieg“[78], dass der Vernichtungskrieg bereits in Polen begann. Richtig ist, dass sich die Verbrechen an der polnischen Bevölkerung vernichtend äußerten, allerdings muss einer Kritik an Böhler beigepflichtet werden, die den Beweis für die „genozidale Grundierung“ des Polenfeldzugs vermisst, auf der der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion basiert habe.[79] „Die Soldaten des Vernichtungskrieges im Sommer 1941 hatten deutlichere Instruktionen und töteten auf Befehl.“[80]

Mag Hitler auch den tatsächlichen Befehl zum Vernichtungskrieg erst 1941 offiziell verkündet haben, so entsprachen die Methoden der Kriegesführung in Polen gleichfalls keineswegs mehr „ritterlichen“, wie Mommsen es nennt, sondern eher bereits denjenigen des späteren Vernichtungskriegs in der Sowjetunion. Angehörige der Wehrmacht begingen völkerrechtswidrige Kriegsverbrechen wie Massenerschießungen von Kriegsgefangenen und angeblichen Partisanen,[81] Plünderungen, Vergewaltigungen, Brandschatzungen sowie Massaker an der Zivilbevölkerung.[82] Ebenso nahmen SS-Einsatzgruppen Vertreibungen[83] der polnischen Bevölkerung, Gettoisierung der jüdischen Polen[84] und bereits 1941 die Deportation unliebsamer Oppositioneller oder Angehöriger der polnischen Intelligenz in Konzentrationslager vor.[85] Sowohl in Polen wie auch in der Sowjetunion, „[ergab sich] [d]ie Eingewöhnung von Gewalt (…) aus dem Wegfall effektiver Sanktionsmaßnahmen, so daß den fanatischen Scharfmachern im Alltag die Initiative überlassen blieb.“[86]

Eine rigorose Volkstumspolitik, der Generalplan Ost, sorgte unter der Leitung Heinrich Himmlers, der zum Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums ernannt wurde, für die ethnische Trennung der Bevölkerung in den neu eroberten Gebieten.[87] Alles begann in Polen, denn „[d]ie deutsche Herrschaft in Polen war die einer Kolonialmacht, die in den Unterworfenen rassisch minderwertige Wesen sah.“[88] Die Polen wurden in das deutsch besetzte Generalgouvernement, „eine Art Nebenland des Reiches“[89], vertrieben. Bis zum Juni 1941 zählten diese vertriebenen Polen bereits 850.000, 250.000 von ihnen jüdische Polen.[90] „Auf dem Boden des Deutschen Reiches sollten nach dem Willen Hitlers künftig nur noch Deutsche leben.“[91] Demgemäß ließ er so genannte Volksdeutsche, also deutschstämmige Minderheiten, wie die Wolhyniendeutschen aus der Ukraine, die Baltendeutschen aus Estland und die Bessarabiendeutschen aus dem Schwarzmeerraum, heim ins Reich holen. Diese scheinbare neue Heimat im Reich war de facto aber Polen, und zwar der neu installierte Warthegau und die übrigen besetzten West- und Nordteile Polens, aus denen die Einheimischen zuvor gewaltsam vertrieben worden waren. Nach Kriegsende erfuhren viele Menschen eine doppelte Vertreibung. Die von Hitler nach Polen heimgeholten deutschen Minderheiten mussten das unrechtmäßig einverleibte Polen wieder verlassen und westlich der Oder und Neiße ziehen, wo hingegen Stalin die durch den NS- Generalplan Ost zuvor in das Generalgouvernement und weiter nach Osten vertriebenen Polen nach der Westverschiebung Polens erneut auswies und sie in die ehemals deutschen, nun polnischen Gebiete im Westen des Landes vertrieb.[92]

Nach 1941 setzte Himmler die Zwangsausweisungen über die SS-Einsatzgruppen in der Sowjetunion fort. Insgesamt verloren im Zuge dieser Vertreibungen zum Zwecke der deutschen Lebensraumerweiterung 50 Millionen Menschen[93] ihre Heimat, wurden in Gettos zusammengepfercht und in Konzentrationslager deportiert. Überdies intensivierten die Einsatzgruppen seit 1941 die Deportation der Häftlinge in Vernichtungslager, die mehrheitlich mit deren Ermordung durch die menschenunwürdigen Haftbedingungen und in den Gaskammern endete. Insbesondere in Bezug auf die jüdischen Häftlinge war die systematische Vernichtung[94] seit der, auf der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 im Detail geplanten Endlösung als Ziel intendiert.[95]

Die Beispiele von Leningrad und Lidice führen grundlegend vor Augen, welche Zielrichtung der deutsche Vernichtungskrieg im Osten einnahm. Am 8. September 1941 begann die 16. und 18. Armee der Heeresgruppe Nord Leningrad zu belagern. Die Wehrmachtssoldaten schnitten damit die Einwohner der Stadt absichtlich und nach Befehl von fast allen Versorgungswegen ab.[96] Die Blockade dauerte über drei Jahre, bis zum Januar 1944 an. Hitler hatte die Aushungerung der Stadt explizit befohlen,[97] so dass es sich hierbei um ein bewusst eingesetztes Mittel der deutschen Kriegsführung handelte, das freilich vorbei an jeglichen Frontverläufen direkt auf die Zivilbevölkerung zielte. Entsprechend durfte eine wohlmögliche Kapitulation Leningrads laut Befehl Hitlers nicht akzeptiert werden, vielmehr sollte „die Bevölkerung (…) in der Stadt bis auf einen kleinen, ungefährlichen Rest verhungern, der im Frühjahr gefahrlos auf das Umland verteilt werden könne (…).“[98] Die Einwohner litten an Hunger, Seuchen und Mangelerscheinungen, monatlich starben Zehntausende an den Folgen der Unterernährung und im alltäglichen Überlebenskampf in Leningrad. Bis zur Befreiung der Stadt durch die Winteroffensive der Roten Armee verloren etwa 800.000 Menschen ihr Leben.[99]

Den tschechischen Ort Lidice machten SS-Einsatzgruppen 1942 dem Erdboden gleich. Fadenscheiniger Anlass für den Überfall auf Lidice war ein Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Heydrich am 27. Mai 1942. Heydrich erlag seinen Verletzungen, woraufhin das erstbeste Indiz nach den Tätern der SS als Vorwand für den willkürlichen Racheakt gegen die Einwohner von Lidice am 10. Juni 1942 diente. Eine SS-Einheit ermordete an diesem Tag 170 tschechische Männer direkt vor Ort,[100] Frauen und Kinder verschleppten sie in Konzentrationslager, die eindeutschungsfähigen Kinder, die ausreichend jung waren, um zu vergessen, woher sie stammten, ins Deutsche Reich.

Insgesamt bleibt aber unstrittig festzuhalten, dass auch die polnische Bevölkerung bereits im September 1939 unter brutalster Vorgehensweise der Wehrmacht zu leiden hatte, unerheblich davon, ob diese auf einen ideologischen Befehl hin geschah oder der Unerfahrenheit, Nervosität, der „Schlachtfeldraserei“ und dem „Freischärlerwahn“[101] der deutschen Truppen zuzuschreiben ist, wie Böhler annimmt. Für die Opfer einer solchen entgrenzten Gewalt spielt ihre Ursache kaum eine Rolle, nur deren Auswirkung, die sie zu spüren bekommen. Genau diese Gewalterfahrung der polnischen, sowjetischen, oder tschechischen Bevölkerung ist sowohl eine Ursache für die Art und Weise, wie die Vertreibungen der Deutschen am Ende und in der Folge des Krieges durchgeführt wurden, als auch eine Erklärung für die Angst der deutschen Flüchtlinge vor der angesichts der deutschen Kriegsverbrechen zu erwartenden Härte beim Rückschlag der Roten Armee. Wehrmacht und Einsatzgruppen hatten sich bei Kriegsende mit dem Prinzip „verbrannter Erde“ zurückgezogen,[102] das heißt sie hatten den Vernichtungskrieg bis zum Schluss konsequent geführt und damit eine Spirale der Gewalt entfesselt, die am Ende des Krieges auf die deutsche Bevölkerung zurückschlug.

Die von den Alliierten legitimierte Abtretung der deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße und die daraus resultierende Vertreibung der Deutschen findet eine ihrer Ursachen in eben diesem NS-Vernichtungskrieg der „modernen Barbarei“.[103] Die Sowjetunion musste bei Kriegsende mehr als 25 Millionen Tote beklagen, Polen hatte in Relation zu seiner niedrigen Bevölkerungszahl die meisten Kriegsopfer aller beteiligten Staaten überhaupt zu verzeichnen, nämlich etwa 6 Millionen, was 17% der Vorkriegsbevölkerung entsprach.[104] Hinzu kam in Potsdam 1945 die zeitgenössische, internationale Hoffnung von der langfristig konstruktiven Wirkung einer Bevölkerungsverschiebung zur Schaffung homogener Gesellschaften. Dass aber Deutschland nach dem von ihm entfesselten Zweiten Weltkrieg zunächst kein souveräner und vor allem kein territorial starker Nationalstaat bleiben konnte, lag zumindest aus Sicht der Alliierten auf der Hand, so dass sie den massiven Transfer der Deutschen nicht weiter problematisierten. Die Flüchtlinge und Vertriebenen aber bekamen bald das Gefühl, die Kriegsschuld ganz allein zu sühnen, und zwar indem sie dafür mit dem Verlust ihrer Heimat bezahlten.

2.3. Flüchtlinge, Vertriebene, Umsiedler – wer ist wer?

Das Potsdamer Abkommen besiegelte die „Ueberführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben“. Als „Ueberführte“ wurden sie im Nachhinein aber keinesfalls bezeichnet. Ihre Benennung war seit 1944/45 vor allem abhängig von der politischen Gesinnung desjenigen, der sie benannte. Abgesehen davon muss grundsätzlich zwischen Flüchtlingen und Vertriebenen unterschieden werden. Flüchtlinge verließen ihre Heimat während des Krieges, Vertriebene erst nach dem 8. Mai 1945, dem Tag des Kriegsendes in Europa. Insgesamt waren etwa 14 Millionen Deutsche von Flucht und Vertreibung betroffen, circa zwei Millionen verloren dabei ihr Leben, so dass rund 12 Millionen Menschen ins besetzte Nachkriegsdeutschland kamen.[105]

Flüchtlinge flohen vor dem Näherrücken der östlichen Front, meist aus Angst vor Übergriffen durch Soldaten der Roten Armee. Dabei muss man bedenken, wer die noch bis 1945 Daheimgebliebenen waren: hauptsächlich Frauen, Kinder und ältere Menschen. Die Angst der Frauen vor Vergewaltigungen und sonstigen gewaltsamen Überfällen war demnach der zur Flucht drängendste Antrieb.[106] Letztlich geht diese Angst auch auf das von der NS-Propaganda tradierte Feindbild zurück, das die Lebensraumpolitik der Nationalsozialisten legitimieren sollte. Die Furcht vor dem angeblichen bolschewistischen Untermenschen hatten sie lange Jahre geschürt. Genau diese Furcht war am Kriegsende nicht nur einer der Auslöser zur Flucht vor der Roten Armee, sondern in der Folge ebenso Grundlage für viele der Vorurteile der einheimischen Bevölkerung im Nachkriegsdeutschland gegenüber Flüchtlingen und Vertriebenen. Diese Menschen kamen von weit her, aus dem Osten. So wandten viele der im Westen Ansässigen unwillkürlich und unreflektiert rassistische NS-Stereotype auch auf die Neuankömmlinge an.[107]

„Flüchtling“ charakterisiert zutreffend die Wechselseitigkeit der historischen Situation. Einerseits drückt der Begriff aus, dass der letztendlich entscheidende, aktive Moment des Weggangs von Seiten der „Flüchtlinge“ herrührt, denn bei dem Wort „fliehen“ handelt es sich immerhin um ein absolutes, intransitives Verb, das im Passiv nur mit „es wird geflohen“ gebildet werden kann, aber dabei nie den Verursacher der Flucht, sondern nur den Fliehenden selbst als Handelnden darzustellen vermag. Insofern beinhaltet der semantische Gehalt des Wortes unbedingt die eigene Aktivität der Flüchtlinge. Freilich war diese Aktivität keine wirklich freiwillige, eher eine notgedrungene, herbeigeführt durch die Unaufhaltsamkeit des nahenden Kriegsgeschehens. Nichtsdestotrotz bestimmten die Flüchtlinge immerhin den ungefähren Zeitpunkt ihrer Flucht mehr oder weniger selbst. Mitunter konnten sie bedachter überlegen, was sie mitnahmen, und was keinen Platz im spärlichen Fluchtgepäck fand, zumindest solange die Situation der Front dies noch zuließ. Denn bis kurz vor Kriegsende täuschte die NS-Führung über die tatsächlichen Kriegsereignisse und über die militärische Bredouille hinweg. So stand sie einer rechtzeitigen Evakuierung der Zivilisten im Weg, verbot sie sogar unter Androhung der Todesstrafe und prophezeite stattdessen über jedes realistische Maß hinaus den Endsieg.[108] Daher standen die Flüchtlinge im wirklichen Moment des Aufbruchs sehr häufig unter akutem Zeitdruck und verließen Haus und Hof oft Hals über Kopf.[109]

Die ersten Flüchtlinge stammten aus Ostpreußen, das Gebiet, das von der Front zuerst eingeschlossenen worden war. Ihre Zahl stieg besonders im harten Winter 1944/45 massiv an, so dass sich die hohen Opferzahlen durch Hunger und Kälte, aber auch durch Übergriffe von Soldaten der Roten Armee erklären lassen. Der Flüchtlingsbegriff tauchte in der unmittelbaren Nachkriegszeit in allen Besatzungszonen weitgehend flächendeckend auf und avancierte zunächst sogar zum Oberbegriff für alle aus dem Osten Ankommenden. Er wurde unpräzise auch für die verwendet, die erst nach Kriegsende die Ostgebiete verließen, also verordnet vertrieben wurden.[110]

Diese Vertriebenen hatten auf den Zeitpunkt ihres Weggangs keinen Einfluss. Sie waren entweder Betroffene der so genannten „wilden Vertreibungen “ von Mai bis August 1945 oder der „Ueberführungen“ gemäß des Potsdamer Abkommens ab dessen Unterzeichnung im August 1945. Die Selbstbezeichnungen differenzierten bei Flüchtlingen und Vertriebenen nicht näher, alle Betroffenen fühlten sich schlicht und ergreifend vertrieben. Der Begriff entstand somit als eine Selbstzuschreibung der Vertriebenen. Er drückt aus, wie unfreiwillig und fremdbestimmt sie sich zum Verlassen ihrer Heimat genötigt sahen. Folglich basiert der Begriff auf einem Verständnis der Ausweisung als Unrecht, er entspringt einer Schuld zuweisenden, subjektiven Bewertung der historischen Situation. Demgegenüber steht fest, dass „obgleich diese Vertreibungen zahlreiche Todesopfer und darüber hinaus zahlreiche ‚Fälle von Vergewaltigung’ oder ‚schwerer Misshandlung’ mit ‚bleibende[n] körperliche[n] oder psychische[n] Schädigungen’ zur Folge hatten, (…) dieses Vertreibungsverbrechen doch nicht die Schwelle zum Genozid [überschritt], wie ihn das NS-Regime zuvor an anderen verübt hatte.“[111] Das Bundesvertriebenengesetz (BVFG) legitimierte 1953 den Vertriebenen -Begriff gewissermaßen, denn es legt offiziell fest, wer Vertriebener ist,[112] war allerdings nur in der Bundesrepublik gültig.

Im SED-Sprachgebrauch in der SBZ setzte sich demgegenüber schnell der euphemistisch technisierte Begriff des Umsiedlers durch. Dieser lehnt sich an die offizielle Formulierung der „Ueberführung“ im Potsdamer Abkommen an. Die SED-Führung sprach bald nur noch von Umsiedlern, weil der Begriff, und dadurch auch die Umsiedlung selbst, ihrer Ansicht nach durch den Wortlaut des Potsdamer Abkommens legitimiert wurden. Indem sie das Abkommen mehr oder weniger förmlich zitierte, vermied die SED-Spitze die Positionierung in der Schuldfrage von Flucht und Vertreibung.[113] Schließlich waren an dieser Vertreibung die Regierungen der neuen Verbündeten maßgeblich beteiligt gewesen, allen voran die stalinistische Sowjetunion, die auch für die Vertreibung der Ostpolen verantwortlich war. Um diese sozialistischen Verbündeten nicht vor den Kopf zu stoßen, hielt sich die SED-Führung an die offizielle, alliierte Linie der „Ueberführung der deutschen Bevölkerungsteile“ und damit an den Umsiedler -Begriff. Der gewaltsame Begriff der Vertreibung wäre den offiziellen Freundschaftsbekundungen gegenüber Polen, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion ungünstig zuwider gelaufen.

Darüber hinaus war die Verurteilung der NS-Verbrechen, die ursächlich für die Flucht und Vertreibung der Deutschen standen, ein elementarer Bestandteil des antifaschistischen Gründungsbekenntnisses der SED, so dass deren Rückzug auf den Umsiedler -Begriff nicht bloß als opportunistisch gelten darf, sondern sich originär aus ihrem eigenen Selbstverständnis heraus begründet.[114]

3. Zur Situation der Umsiedler in der SBZ/DDR

3.1. Von der Heimat in die Fremde?

3.1.1. Was ist Heimat?

Es gibt keine Standarddefinition dafür, was „Heimat“ ist. Schuld daran ist vor allem die problematische Geschichte des Begriffs, weshalb er gerade in Deutschland als belastet gilt. „Das Argument „Heimat“ (…) konnte immer auch strategisch eingesetzt werden, um kulturelle, soziale oder politische Ziele durchzusetzen, sei es durch staatliche, institutionelle oder (…) individuelle Ansprüche“, wie eine im März 2008 vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. (ISGV) in Dresden veranstaltete Tagung zum Thema von „’Heimat’ als Argument im Prozess der Moderne“ feststellte.[115] Eine kritische Definition des Begriffs ist folglich nach wie vor von Nöten.

In vorindustrieller Zeit bezeichnete „Heimat“ im deutschen Sprachgebrauch den eigenen ländlichen Besitz und sicherte das Recht auf Haus und Hof. So entstand die enge Bindung des Heimatbegriffs an Berufe des Primärsektors, wie Bauern und Handwerker. Mit der beginnenden Industrialisierung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schwand die Bedeutung eines festen, insbesondere ländlichen Wohnsitzes, wachsende Mobilität und Migration prägten den neuen modernen Alltag; die sich rasant entwickelnde, technisch fortschrittliche Stadt forderte den Einzelnen im Kampf um die eigene Existenzsicherung bei steigender Arbeitslosigkeit und Pauperisierung heraus.[116] Die feste, ländliche Heimat ging verloren, weshalb sie künftig umso empathischer beschworen wurde, denn „[w]ährend sich in den wichtigsten Realitätsfeldern die dramatischsten Veränderungen ankündigten, verwies das Bild des Heimatlichen die Menschen auf das Dauernde der Natur, auf das unveränderte Gleichmaß des menschlichen Lebens.“[117]

Die erstarkende konservative Nationalbewegung des Kaiserreichs verengte die Tragweite des „Heimat“-Begriffs weiter, indem sie ihn noch deutlicher an die die Einheimischen umgebende, provinzielle Landschaft koppelte, was einerseits Heimat und Natur vor weiteren Zerstörungen durch die Industrialisierung bewahrte,[118] anderseits aber auch eine bereits höchst bedenkliche chauvinistische und rassische Denkart zur Folge hatte. Denn die Reduzierung von „Heimat“ auf territoriale und kulturelle Landschaft verschloss allen die Teilhabe an der „Heimat“, denen diese Landschaft fremd war. Die Heimatbewegung überhöhte „Heimat“ zum abstrakten politischen Vaterland: „Heimat, Volk und Vaterland: Mehr und mehr werden die Begriffe ineinander gemischt, als sei das Volk das, was die Heimat bevölkert, (…) als vollende sich die Heimat im Vaterland, als werde sie in ihm bewahrt und verteidigt.“[119]

Spätestens nach 1945 nahm man das Wort nur mit Müh und Not in den Mund, klangen darin doch allzu offensichtlich noch die nationalsozialistischen Töne mit, die „Heimat“ nur auf die martialische Formel von Blut und Boden reduziert hatten. Brutal ausgeschlossen und aus der „Heimat“ vertrieben worden waren alle, die nicht von diesem durch die Nationalsozialisten definierten Blut und Boden stammten.

Auf Grund dieser von politischen Instrumentalisierungen geprägten Laufbahn des Begriffs liegt Hermann Bausinger zufolge der größte gemeinsame Nenner aller heutigen Definitionsversuche darin, dass „Heimat“ persönlich konkret von jedermann aktiv zu erarbeiten und daher gerade nicht auf eine abstrakte Formel herunterzubrechen sei: „Heimat ist nicht mehr Gegenstand passiven Gefühls, sondern Medium und Ziel praktischer Auseinandersetzung; Heimat kann nicht ohne weiteres auf größere staatliche Gebilde bezogen werden, sondern betrifft die unmittelbare Umgebung; Heimat erscheint gelöst von nur-ländlichen Assoziationen und präsentiert sich als urbane Möglichkeit; Heimat ist nichts, das sich konsumieren läßt, sondern sie wird aktiv angeeignet.“[120]

Dieser Definition ähneln auch die übrigen begrifflichen Annäherungen im von Will Cremer, Ansgar Klein und der Bundeszentrale für politische Bildung 1990 herausgegebenen Band „Heimat“.[121] „Heimat“ im demokratischen Sinne, der uns eine differenzierte Verwendung des Begriffs wieder möglich macht, bedeutet danach vor allem, dass in heutigen, pluralistischen Gesellschaften nicht mehr nur eine „Heimat“, sondern viele, kleine Heimatwelten existieren.[122] Die individuellen Heimatwelten sind „Nahwelt“[123] des Einzelnen, denn dieser braucht die „Nahwelt“ als Rückzugsort vor der komplexen, irritierenden Gesellschaft der Moderne, die sich beständig wandelt und beschleunigt.[124] So bedeutet „Heimat“ für jeden etwas Anderes. Sie ist ein Konglomerat aus Menschen, Orten, Tätigkeiten, Gewohnheiten, kurz, den Optionen, die man für sein Leben alltäglich wählt. Daher ist „Heimat“ für ihren Träger im Kern etwas Urvertrautes, weil einzigartig Persönliches, das ihm in der eigenen Kindheit zugewachsen ist, ihm jedoch im Erwachsenenalter unwillkürlich in dieser Form verloren gehen muss. „Heimat“ ist nie fix und unverändert, man muss sie sich täglich neu erarbeiten und sie bleibt dadurch eine stets individuelle, geistige. „Heimat“ „ist dem Innersten des Menschen eingeschrieben, der sie überallhin mit sich trägt. Sie lebt als eine Art seelischer Archetypus und dringt in einem Medium ins Bewusstsein vor, dessen Bezeichnung ebenso schwer aus dem Deutschen zu übersetzen ist wie das Wort ‚Heimat’ selbst: in der Sehnsucht.“[125] So liegen „Heimat“ und „Heimweh“ eng beieinander. Ein jeder kennt nur seine eigene „Heimat“, denn sie wohnt in der eigenen Seele, wodurch sie zur unbetretbaren Fremde für Andere werden kann.[126] Da die „Heimat“ aber eine persönliche ist, können etwaige Heimatmehrheiten gar nicht gegen etwaige fremde Minderheiten konkurrieren, denn „Heimat“ lässt sich nicht zu einer abstrakten Mehrheit verallgemeinern, wie die Geschichte gezeigt hat. So lebt der Einzelne stets nur in seiner eigenen „Heimat“ und stößt dabei immer wieder auf die Fremde – die Heimatwelten seiner Mitmenschen.

[...]


[1] Aus der Selbstcharakterisierung auf der Homepage der „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“: http://www.asf-ev.de/ueber_uns/, 18.05.2008.

[2] Vgl. Bundesregierung, Pressemitteilung vom 19.03.2008, vgl. Zeit online, Umkämpftes Zeichen (2008).

[3] ASF-Erklärung, Dialog statt Selbstgespräch (2004).

[4] Homepage des ZgV, Das Zentrum in Berlin, http://www.z-g-v.de/aktuelles/?id=48, 18.05.2008.

[5] Vgl. Troebst, Schwere Geburt (2007), S. 791-798.

[6] Die Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (HdG) war vom 0 3.12.2005 bis 17.04.2006 in Bonn zu sehen, vom 18.03.2006 bis zum 27.08.2006 im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums (DHM), Berlin, hiernach im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Im Kronprinzenpalais Unter den Linden öffnete am 10.08.2006 bis zum 29.10.2006 „Erzwungene Wege“, eine Ausstellung des Zentrums gegen Vertreibungen.

[7] Assmann, Konstruktion von Geschichte in Museen (2007), S. 11.

[8] In der Einleitung soll der Fokus auf die wissenschaftliche Begriffsklärung gelegt werden, die historische Einordnung des Umsiedler -Begriffs folgt im Hauptteil.

[9] Ostpreußen, Schlesien, Oberschlesien, Pommern in Polen, die sudetendeutschen Gebiete in der Tschechoslowakei, Teile Estlands, Litauens, Russlands, Rumäniens, Ungarns, Jugoslawiens und des Schwarzmeerraumes.

[10] Die entlassenen Kriegsgefangenen waren „Heimkehrer“, der Begriff wird in Kap. 3.2.1., S. 44f erläutert.

[11] Der populärste bundesrepublikanische Film zum Thema ist wohl „Grün ist die Heide“ (1951), vgl. Sowade, Westdeutscher Nachkriegsfilm (2006), S. 125-131.

[12] Dokumentation der Vertreibung (1953/61).

[13] Hahn/Hahn, Flucht und Vertreibung (2005), S. 340.

[14] Ebd.

[15] Diese Verstrickung ist heute unumstritten, vgl. Winkler, Langer Weg II (20056), S. 74, Mommsen, Umvolkungspläne (1999), S. 297.

[16] Seraphim, Heimatvertriebene (1954).

[17] von Krockow, Heimat (1990), S. 60f.

[18] Dass in der sehr frühen Nachkriegszeit, 1945/46, „Flüchtling“ und Umsiedler in der SBZ zeitweise noch austauschbare Begriffe waren, zählt zur historischen Analyse und wird erst im Hauptteil behandelt werden. Die Begriffsvarianten des „Neubürgers“ und des ehemaligen Umsiedlers tauchten erst in den späten 1940er, bzw. frühen 1950er Jahren auf und werden in Kap. 3.3. behandelt.

[19] Mehlhase, „Umsiedler“-Forschung in der DDR (2006).

[20] Wille, Zusammenarbeit der deutschen Antifaschisten mit der SMAD (1979). Manfred Wille zählt zu den Vorreitern in der Umsiedler -Forschung und bereicherte diese in den 1990er Jahren durch seine schon zu DDR-Zeiten geleisteten Vorarbeiten außerordentlich.

[21] Just, Lösung der Umsiedlerfrage (1985); Kaltenberg, Lösung des Umsiedlerproblems (1989).

[22] Mehlhase, „Umsiedler“-Forschung in der DDR (2006).

[23] Vgl. Hoffmann/Krauss/Schwartz, Vertriebene in Deutschland (2000). Auch dass die Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“Vertreibung im Titel trug, zeigt die Gesellschaftsfähigkeit des Begriffs.

[24] Vgl. Grosser, Heimatvertriebene in Baden-Württemberg (2006).

[25] Vgl. Homepage des BdV, auf der vom diesjährigen „Pfingsttreffen der Heimatvertriebenen“ berichtet wird, http://www.bund-der-vertriebenen.de/, 18.05.2008,

sowie: http://www.bund-der-vertriebenen.de/files/pm-11-08.pdf, 18.05.2008.

[26] Vgl. zum Begriff der „wilden Vertreibungen “ Kap. 2.1., S. 15.

[27] Vgl. Faulenbach, Zwangsmigration in Europa (2005).

[28] Hoffmann/Krauss/Schwartz, Vertriebene in Deutschland (2000), Einleitung, S. 12.

[29] Koenen, Zwei Wege (1949/50), S. 1.

[30] Auch wenn beispielsweise Paul Merker in seiner Broschüre „Die nächsten Schritte zur Lösung des Umsiedlerproblems“ die Frage stellt: „Wie steht es nun mit der Assimilierung der Umsiedler in ihrer neuen Heimat und ihrem Verwachsen mit der einheimischen Bevölkerung?“, Merker, Nächste Schritte (1947), S. 7. Das stellt eine unkorrekte Gleichsetzung der Begriffe „Assimilierung“ und „Verwachsen“, also „Integration“, dar, was aber auf die zeitgenössische Verwischung der Begriffe zurückzuführen ist und nicht bedeutet, dass Merker eine gleichberechtigte Integration befürwortete.

[31] Vgl. Schwartz, „Umsiedler“ (2006), S. 92.

[32] So die Selbstbezeichnung vieler Vertriebenenvereine, die aus demselben Landstrich stammten.

[33] Bezieht sich diese Vokabel nicht auf die Vertreibung der Deutschen, wird auf eine optische Kennzeichnung verzichtet, weil diese nur auf Grund des Propagandagehalts des Begriffs erfolgt, der aber nur im Falle der Vertreibung der Deutschen gegeben ist.

[34] Münz, Jahrhundert der Vertreibungen (2002), vgl. HdG, Flucht, Vertreibung, Integration (2006), S. 07.

[35] Michael Schwartz nennt 1948 auch die „Krise“ der Umsiedlerpolitik, vgl. Schwartz, Krise (2000), S. 188.

[36] Vgl. von Plato, Vergangene Perspektiven (2000), S. 87-107.

[37] Zahl aus Schwartz, „Umsiedler“ (2006), S. 95. Ein Neubauernhof umfasste acht Hektar.

[38] Als Neubauern wurden die Flüchtlinge und Vertriebenen bezeichnet, die durch die Bodenreform verstaatlichtes Land zur Bewirtschaftung zugeteilt bekommen hatten. Vgl. Kap 3.1.3., S. 41f.

[39] So findet sich dazu auch ein besonders dominanter Schwerpunkt bei Schwartz, Vertriebene und “Umsiedlerpolitik” (2004), S. 637-893. Vgl. ebenso Meinicke, Bodenreform und Vertriebene (1993), S. 55-85.

[40] Vgl. Donth/Kurzweg/Schrammek/Schwab, Flüchtlinge u. Vertriebene in Sachsen (1999), S. 347-364, vgl. Kleßmann/Ciesla/Hertle, Erfahrungen in Brandenburg (2001), Mehlhase, Sachsen-Anhalt (1997), der Titel enthält abgedruckte Archivalien zum Thema aus dem Landesarchiv Magdeburg.

[41] Vgl. Hoffmann/Krauss/Schwartz, Vertriebene in Deutschland (2000), S. 24.

[42] Vgl. van Hoorn, Sudetendeutsche „Antifa-Umsiedler“ (2007), S. 848-855.

[43] Schwartz, Vertriebene und “Umsiedlerpolitik” (2004).

[44] Vgl. Schwartz, Vertriebene im doppelten Deutschland (2008), S. 101-153, vgl. Lotz, Deutung (2007).

[45] Vgl. Schrammek, Alltag und Selbstbild (2004), vgl. Parak, Integration durch Bildung (2007). Die ersten Umsiedler -Interviews führten Alexander von Plato und Wolfgang Meinicke durch, vgl. von Plato/Meinicke, Alte Heimat (1991).

[46] Vgl. HdG, Flucht, Vertreibung, Integration (2006), S. 07-21.

[47] Petersen, Sicht der deutschen, polnischen und tschechischen Bevölkerung (2005).

[48] Bei Schwartz, Vertriebene und “Umsiedlerpolitik” (2004) sind oppositionelle Reaktionen Vertriebener nur ein Thema von vielen, das eher sekundär behandelt wird. Schwartz’ Fokus liegt klar auf der politikgeschichtlichen Ebene staatlicher Akteure und Maßnahmen, vgl. S. 477-543. Weiter ist spezifisch und nennenswert nur Wille, Vertriebene und das politisch-staatliche System der SBZ/DDR (2000), S. 203-217.

[49] Wille, Die Vertriebenen in der SBZ/DDR, Bd. 3 (2003).

[50] Heike Amos ist aktuell „mit einem Forschungsprojekt zur Rolle der Stasi bei der Beobachtung von Vertriebenen(-Organisationen) befasst“, scheint sich dabei aber eher auf die Zeit der 1950er Jahre und danach zu konzentrieren. Vgl. Tagungsbericht Bohley, Heimatlos und mundtot (2007), S. 922.

[51] Vgl. Schäfer, Lausanne (2008).

[52] Vgl. Naimark, Flammender Hass (2004), S. 15-20. Naimark spricht allerdings generell von der „ethnischen Säuberung“, unter der er die „Absicht (…) der Entfernung eines Volks und oft auch aller seiner Spuren von einem bestimmten Territorium“ versteht. „Das Ziel besteht mit anderen Worten darin, die ‚fremde’ Nationalität, ethnische oder religiöse Gruppe loszuwerden und das Territorium zu übernehmen, das sie früher bewohnte“, S. 12.

[53] Münkler, Reich, Nation, Europa (1996), S. 64.

[54] Herfried Münkler spricht von einer Nationenbildung in Europa in drei bis vier Schüben, den ersten setzt er bereits am Ende des Hundertjährigen Krieges im 15. Jahrhundert an, vgl. ebd., S. 67.

[55] Ebd., S. 68.

[56] Naimark, Flammender Hass (2004), S. 73.

[57] Allen voran die Demilitarisierung (Art. III.A.3.I. und II. aus der Mitteilung über die Berliner Konferenz der Drei Mächte (1945)), Denazifizierung (Art. III.A.3.III, III.A.4., III.A.5., III.A.6., III.A.7. aus der Mitteilung über die Berliner Konferenz der Drei Mächte (1945)), Dezentralisierung (Art. III.A.9. aus der Mitteilung über die Berliner Konferenz der Drei Mächte (1945)) und die Demokratisierung (Art. III.A.3.IV., III.A.8., III. A.10 aus der Mitteilung über die Berliner Konferenz der Drei Mächte (1945)), was hier keine detaillierte Beachtung finden kann, da für die vorliegende Arbeit nur der Teil des Potsdamer Abkommens relevant ist, der die Gebietsabtretungen im Osten und die daraus resultierenden Ausweisungen betrifft. Vgl. daher zum Übrigen Benz, Potsdam 1945(20054), S. 25-206.

[58] Ebd., Abschnitt IX, Absatz b). Abschnitt VII ebd. regelt außerdem die Abtretung der deutschen Stadt Königsberg und des umliegenden Gebiets an die Sowjetunion.

[59] Ebd.

[60] Vgl. Görlitzer Abkommen (1950), Art. 1.

[61] Vgl. Warschauer Vertrag (1970), Art. 1.

[62] Vgl. Madajczyk, Vertreibung (2006), S. 56.

[63] Die Linie wurde 1919 vom britischen Außenminister George Curzon im Zuge der Versailler Friedensverhandlungen vorgeschlagen, aber nicht realisiert. Die von Hitler und Stalin im Hitler-Stalin-Pakt gezogene Grenze entsprach dieser Curzon-Linie in großen Teilen.

[64] Vgl. Niehuss/Lindner, Konferenz von Teheran (2007), S.23, sowie ebd. Konferenz von Jalta, S. 27.

[65] Vgl. Mommsen, Deutschland und der Zweite Weltkrieg (2005), S. 15.

[66] Aus dem Abschnitt XIII der Mitteilung über die Berliner Konferenz der Drei Mächte (1945).

[67] Vgl. zu diesem Absatz Schwartz, Nach der „Großen Flucht“ (2007), S. 826f, sowie Wille, Zentralverwaltung für deutschen Umsiedler (1993), S. 35f.

[68] Vgl. Schwartz, Nach der „Großen Flucht“ (2007), S. 824f.

[69] Vgl. nächstes Kap. 2.2., S. 19f.

[70] Vgl. Schwartz, Nach der „Großen Flucht“ (2007), S. 823f.

[71] So kommt es in der aktuellen Diskussion oft vor. Eine leichtfertige Vereinfachung des Sachverhalts kann gefährliche Folgen für die historische Tradierung des Täter/Opfer-Verhältnisses haben, wie es beispielsweise der Schülerwettbewerb „Geschichte(n) schreiben“ zeigte, der u.a. vom BdV, Kreisverband Freiberg e.V. zum Thema „Flucht und Vertreibung“ veranstaltete wurde. Die Ergebnisse wurden erschreckenderweise trotz deren häufig polemisierender und einseitiger Urteile sogar publiziert und als beispielhaft herausgestellt. Unter den prämierten Arbeiten heißt es in einem Schülergedicht: „(…) / Durch die Russen wurden / Schmerzen zugetragen. / Die Russen wollten / ihre Rache an den Nazis austragen./ Sie drangen in ihre Häuser ein, / die Verwüstung war schlimmer / als der Matsch eines Schweins. / Sie vergewaltigten hier, sie vergewaltigten da, / das ihre Rache für die Nazis war. (…)“, BdV Freiberg / Europ. Jugendwerk, Schülerwettbewerb, Prämierte Arbeiten (2007), S. 58.

[72] Vgl. Mommsen, Umvolkungspläne (1999), S. 295, vgl. auch Mommsen, „Ostraum“ (1999), S. 283ff, der darin auch auf die Wurzeln dieses Denkens in der biologistischen Rasseideologie des ausgehenden 19. Jahrhunderts und deren Kultivierung, beispielsweise durch den „Alldeutschen Verband“, eingeht.

[73] Benz, Geschichte des Dritten Reichs (2000), S. 152.

[74] Vgl. Benz, Geschichte des Dritten Reichs (2000), S. 161f.

[75] Vgl. Winkler, Langer Weg II (20056), S. 73.

[76] Die Schuldfrage nach einer bewussten Täterschaft der Wehrmacht stellte erstmals öffentlich die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung im Jahr 1995/96. Sie rief dazu auf, sich von „der Lüge der ‚sauberen Wehrmacht’“, die sich seit Kriegsende im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik verankert hatte, zu trennen und thematisierte die Kriegsverbrechen von Wehrmachtssoldaten exemplarisch anhand der Fälle des Partisanenenkriegs in Serbien, der 6. Armee auf dem Weg nach Stalingrad und der Besatzung Weißrusslands, vgl. Hamburger Inst. f. Sozialforschung, Vernichtungskrieg (1996), S. 7. Vgl. zur Rezeption der „Wehrmachtsausstellung“, Heer, Haupt der Medusa (2003), S. 245-250. Die Ausstellung war nach heftiger Kritik zur erneuten Prüfung an eine unabhängige Historikerkommission übergeben worden, die feststellte, dass einige Bildunterschriften der Fotos kritiklos aus den Archiven übernommen und daher falsch, aber die „’Grundaussagen der Ausstellung über die Wehrmacht und den im ‚Osten’ geführten Vernichtungskrieg der Sache nach richtig’“ waren, Heer, Haupt der Medusa (2003), S. 249.

[77] Mommsen, Deutschland und der Zweite Weltkrieg (2005), S. 17f.

[78] Böhler, Auftakt zum Vernichtungskrieg (2006).

[79] Vgl. Behrends, Rezension Böhler (2006). Eine sehr viel missbilligendere Rezension schrieb Peter Lieb, der fast ins Polemische abdriftet: „Allerdings ist es Böhler nicht gelungen, den Nachweis zu erbringen, die Wehrmacht habe schon 1939 in Polen einen Vernichtungskrieg geführt. Man fragt sich schon, warum diese Studie mittlerweile selbst von der Bundeszentrale für Politische Bildung gedruckt wurde. Eine flotte These scheint heute wichtiger als eine profund recherchierte und ausgewogene Arbeit.“, Lieb, Rezension Böhler (2006). Die vorliegende Arbeit pflichtet eher der Argumentation von Behrends bei.

[80] Behrends, Rezension Böhler (2006). Vgl. auch Mommsen: „Das entscheidende Merkmal des vom NS-System eingeleiteten Vernichtungsprozesses besteht in der Abwesenheit jeglicher Form von Spontaneität“, Mommsen, Barbarei und Genozid (1999), S. 273. Vgl. zu den Wehrmachtsverbrechen in der Sowjetunion und ihrer Planung: Manoschek, Verbrechen der Wehrmacht (2003), S. 25-34.

[81] Vgl. für sowjetische Kriegsgefangene und Partisanen, Naimark, Flammender Hass (2004), S. 99, Mommsen, Barbarei und Genozid (1999), S. 274, Museum Karlshorst, Blockade Leningrads (2004), S. 16.

[82] Vgl. für Polen, Böhler, Auftakt zum Vernichtungskrieg (2006), S. 154-158, 241-247, vgl. für die Sowjetunion, Mommsen, Barbarei und Genozid (1999), S. 275.

[83] In diesem Fall bezieht sich der Begriff „Vertreibung“ nicht auf die Vertreibung der Deutschen, so dass er nicht der oben problematisierten Begriffsgeschichte unterliegt und ergo ungekennzeichnet stehen kann.

[84] Vgl. Naimark, Flammender Hass (2004), S. 93f.

[85] Vgl. Winkler, Langer Weg II (20056), S. 73.

[86] Mommsen, Barbarei und Genozid (1999), S. 278.

[87] „Der im Mai 1942 vorgelegte Plan zielte auf die Schaffung eines ausgedehnten deutschen Siedlungsstreifens vom Generalgouvernement über die Ukraine bis zur Krim (…)“, Mommsen, „Ostraum“ (1999), S. 291. „Himmlers Gesamtsiedlungsplan umfasste die Einwohner des Generalgouvernements, die Tschechen, die Ausdünnung der baltischen Völker, den rassisch für minderwertig erklärten Teil der Deutschösterreicher, die frankophone Bevölkerung Elsaß-Lothringens und die Bewohner Burgunds, das in ein germanisches Ursprungsland zurückverwandelt werden sollte“, Mommsen, Umvolkungspläne (1999), S. 298.

[88] Winkler, Langer Weg II (20056), S. 75. Ähnlich dazu sieht auch Böhler „koloniale Züge“ der deutschen Kriegsführung in Polen, vgl. Böhler, Auftakt zum Vernichtungskrieg (2006), S. 156. Interessant im Zusammenhang mit dem idealistischen Gedanken, durch Bevölkerungsverschiebungen homogene Gesellschaften und dadurch befriedete nationale Zonen zu schaffen, ist die bei Mommsen zitierte Aussage Hitlers aus seiner Reichstagsrede vom 06.10.1939: „Umfassende Umsiedlungen im Osten und Südosten Europas würden ‚wenigstens einen Teil der europäischen Konfliktstoffe’ beseitigen“, Mommsen, „Ostraum“ (1999), S. 290.

[89] Winkler, Langer Weg II (20056), S. 73.

[90] Vgl. Naimark, Flammender Hass (2004), S. 93.

[91] Winkler, Langer Weg II (20056), S. 73.

[92] „Die ethnische Flurbereinigung, die Austreibung der deutschen Bevölkerung aus dem Raum von Oder und Neiße und Nordböhmen und Mähren, stellte in mancher Hinsicht nur die Fortführung einer von der deutschen Politik selbst ausgelösten Westwanderung von Hunderttausenden Deutschen dar, die größtenteils gegen ihren Willen vom Nationalsozialismus instrumentalisiert worden waren. Gemessen an den deutschen Methoden waren diejenigen Polens und der ČSR weniger grausam, aber sie setzten eine im Ansatz verfehlte Politik völkischer Flurbereinigung fort.“, Mommsen, Umvolkungspläne (1999), S. 307.

[93] Vgl. Mommsen, Deutschland und der Zweite Weltkrieg (2005), S. 19.

[94] Naimark räumt ein, dass „die genaue Bedeutung von ‚Vernichtung’ je nach Zeitpunkt und Umständen wechselte. Manchmal bedeutete es, die Fähigkeit der Juden zu vernichten, ihr Schicksal selbst zu bestimmen, manchmal die Vernichtung der Anwesenheit von Juden in Deutschland (und schließlich in Europa), und manchmal war die physische Vernichtung, also die Ermordung jüdischer Männer, Frauen und Kinder intendiert.“ Naimark, Flammender Hass (2004), S. 83. Nach der Wannsee-Konferenz zielte der Begriff Vernichtung der Juden aber primär auf letztere Bedeutung, also die systematische Ermordung.

[95] Das Haus der Wannseekonferenz war nicht der Ort der Entscheidung zum Völkermord an den europäischen Juden, vielmehr hat der Chef des Reichssicherheitshauptamts, Reinhard Heydrich, dort nur Informationen und Entscheidungen an die anwesenden politischen Leiter weiter gegeben, die im Vorfeld bereits getroffen worden waren, vgl. Roseman, Wannsee-Konferenz (2002), S. 114. Auch Wolfgang Benz stellt klar: „Das Treffen am Mittag des 20. Januar 1942 wird (…) immer wieder mißverstanden und als der Anlaß verortet, bei dem die ‚Endlösung’ - der Völkermord - beschlossen worden ist. Das ist nicht richtig.“, Benz, Holocaust (1999), S. 7. Was also war die Wanseekonferenz? Benz’ Antwort lautet: „Herren in Uniform und Herren in Zivil hatten die beabsichtigte Ermordung von 11 Millionen Menschen zur Kenntnis genommen, über Möglichkeiten der Erweiterung des Personenkreises der Opfer debattiert. Als Bürokraten und Funktionäre hatten sie auf Einladung des Ranghöchsten unter ihnen pflichtgemäß agiert. Als Verwaltungsakt haben die Herren die Angelegenheit „Völkermord“ behandelt.“, ebd., S. 14f.

[96] Den einzigen notdürftigen Ausweg bildete der Zugang zur Stadt über den Ladogasee, der das Massensterben aber nicht verhindern konnte. Zur variierenden Intention der Wehrmachtssoldaten, vgl. Museum Karlshorst, Blockade Leningrads (2004), S. 17: „Die Oberkommandierenden der Heeresgruppe und der 18. Armee, die Kommandierenden Generale der Korps wie auch die Divisionskommandeure haben sich nicht völlig konform zu dem von der obersten Führung geplanten Massensterben verhalten. Während sich die Führung der 18. Armee mit den Zielsetzungen identifizierte, finden sich auf der Ebene der Heeresgruppe schwache Versuche, das Massensterben in der Stadt abzumildern. Kritik an der Rechtswidrigkeit dieses Vorgehens, die Berufung auf eine Soldatenehre, die allein den bewaffneten Gegner töten darf, sind jedoch nicht in den überlieferten Dokumenten zu finden.“

[97] Vgl. ebd., S. 14.

[98] Vgl. ebd., S. 16.

[99] Bei Beginn der Belagerung hatten noch 2,3 bis 2,4 Millionen Menschen in Leningrad gelebt. Zahlen aus DHM, Der Krieg und seine Folgen (2005), S. 99, Museum Karlshorst, Blockade Leningrads (2004), S. 07.

[100] Zahlen aus DHM, Der Krieg und seine Folgen (2005), S. 97f.

[101] Hierunter versteht Böhler eine paranoide Reaktion der Wehrmachtssoldaten auf polnische Partisanenverbände oder „gegnerische Soldaten, die sich aufgrund der sich rapide nach Osten verlagernden Frontlinie im rückwärtigen Armeegebiet der Wehrmacht wiederfanden (…). Die Wut der Wehrmachtssoldaten aber richtete sich vor allem gegen Zivilisten, die ohne eigenes Zutun in die deutsche Kampflinie geraten waren. Sie wurden als Freischärler angesehen, auch wenn für eine Teilnahme am Kampf keine Beweise vorlagen. (…) Ihr Zorn entlud sich in Brandstiftungen und Massenerschießungen von Zivilisten in polnischen Ortschaften sowie in der Tötung polnischer Soldaten unmittelbar nach der Gefangennahme.“, Böhler, Auftakt zum Vernichtungskrieg (2006), S. 75.

[102] Vgl. Mommsen, Barbarei und Genozid (1999), S. 279.

[103] Ebd., S. 277.

[104] Zahlen zu Todesopfer des Krieges in der Sowjetunion und Polen aus DHM, Der Krieg und seine Folgen (2005), S. 111, vgl. auch Naimark, Flammender Hass (2004), S. 24.

[105] Die Zahlen zur Thematik sind oft politisch instrumentalisiert worden und daher stets kritisch zu sehen. Inzwischen besteht aber ein Konsens bezüglich oben genannter Werte. Vgl. DHM, Der Krieg und seine Folgen (2005), S. 125, Schwartz, „Umsiedler“ (2006), S. 91, Schwartz, Vertriebene und „Umsiedlerpolitik“ (2004), S. 02, 28, Wehler, Einleitung „Die Flucht“ (2003), S. 10, 13, Schlögel, Bugwelle (2003), S. 189.

[106] Zum Hintergrund der Gewalterfahrung, den die Soldaten der Roten Armee bei Betreten deutschen Territoriums am Ende des Zweiten Weltkriegs hatten, vgl. Halder, Im Teufelskreis der Gewalt (2007). Halder weist unter Bezugnahme auf die Expertin zur sowjetischen Geschichte Catherine Merridale auch darauf hin, „dass es neben den erbärmlich behandelten Wehrpflichtigen in der Roten Armee eine Sorte Menschen gab, die vielfach noch schlechter behandelt wurde, nämlich die alles in allem rund 800 000 Frauen, die in den sowjetischen Streitkräften dienten. Wo sollten die so geprägten Soldaten den Respekt vor Frauen hernehmen, die zum ‚Feind’ gehörten?“, ebd., S. 822.

[107] Vgl. Schwartz, „Zwangsheimat Deutschland“ (2001), S. 130, Kossert, Kalte Heimat (2008), S. 71-86.

[108] Vgl. Benz, Geschichte des Dritten Reichs (2000), S. 253f, vgl. Benz, Potsdam 1945 (20054), S. 46ff.

[109] Vgl. Christopeit, Evakuierte, Flüchtlinge und Vertriebene in Brandenburg (1993), S. 88.

[110] Vgl. Schwartz, Vertriebene und „Umsiedlerpolitik“ (2004), S. 03.

[111] Ebd., S. 50.

[112] Und zwar, „wer als deutscher Staatsangehöriger oder deutscher Volkszugehöriger seinen Wohnsitz in den ehemals unter fremder Verwaltung stehenden deutschen Ostgebieten oder in den Gebieten außerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches nach dem Gebietsstande vom 31. Dezember 1937 hatte und diesen im Zusammenhang mit den Ereignissen des zweiten Weltkrieges infolge Vertreibung, insbesondere durch Ausweisung oder Flucht, verloren hat.“ (BFVG Art. 1.1). Ebenso ist Vertriebener, wer als Deutscher „aus Gründen politischer Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus oder aus Gründen der Rasse, des Glaubens oder der Weltanschauung“ Deutschland verlassen musste oder gegen den „nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen gegen ihn verübt worden sind oder ihm drohten (...)“ (BVFG Art 2.1.). Die übrigen Feinheiten der offiziellen Definition des Vertriebenen sind den BVFG Art 1.2.2-6, 1.3 und 1.4 zu entnehmen. BVFG Art 2 bestimmt den „Heimatvertriebenen“.

[113] Vgl. Merker, Nächste Schritte (1947), S. 24f. Vgl. Ther, Vertriebenenpolitik 1945-1953 (2001), S. 93.

[114] Zum Selbstverständnis, den Wurzeln und Zielen der SED, vgl. Malycha, Die SED (2000), S. 122-135.

[115] Vgl. Jackenkroll/Lehnert/Mede, Zwischen Emotion und Kalkül (2008).

[116] Vgl. Bausinger, Heimat in einer offenen Gesellschaft (1990), S. 78.

[117] Ebd., S. 80.

[118] „Der 1904 in Dresden gegründete Bund Heimatschutz war die erste Organisation, die sich auf nationaler Ebene zur Bewahrung der Natur bildete. Auch hier richtete sich die Kritik gegen die Zerstörungen, die der Industriekapitalismus mit sich brachte. Der Bund Heimatschutz war Teil der konservativen Reformbewegung im wilhelminischen Kaiserreich. (…) Schutz der ‚Heimat’ umfasste den Naturschutz, meinte aber auch Denkmalschutz sowie die Pflege von Sitten und Gebräuchen. (…) Das war typisch für Deutschland. ‚Heimat’ und Landschaft implizierten eine Mischung aus Natur und Kultur.“, Mauch/Patel, Umwelt (2008), S. 113f. Vgl. Knaut, Anfänge der deutschen Heimatbewegung (1991), S. 20-49.

[119] von Krockow, Heimat (1990), S. 64.

[120] Bausinger, Heimat in einer offenen Gesellschaft (1990), S. 88.

[121] Cremer/Klein (Hg.), Heimat (1990).

[122] Vgl. Cremer/Klein, Heimat in der Moderne (1990), S. 34, 37, 50.

[123] Piepmeier, Philosophische Aspekte (1990), S. 96.

[124] Vgl. Bausinger, Heimat in einer offenen Gesellschaft (1990), S. 87.

[125] Herzinger, ‚Worin noch niemand war’ (2001), S. 48. Vgl. ebenso von Krockow, Heimat (1990), S. 68, vgl. Piepmeier, Philosophische Aspekte (1990), S. 97, Waldenfels, Heimat in der Fremde (1990), S. 113f.

[126] Vgl. Cremer/Klein, Heimat in der Moderne (1990), S. 50.

Details

Seiten
118
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656131212
ISBN (Buch)
9783656131861
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189162
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Geschichtswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Flucht und Vertreibung Zweiter Weltkrieg DDR SBZ Umsiedler Flüchtlingslager Flüchtlinge

Autor

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Titel: 'Umsiedlerpolitik' in der SBZ/DDR 1948-1952: Maßnahmen und Reaktionen