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Welchen Nutzen haben Comics für den Geschichtsunterricht?

Comics im Geschichtsunterricht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 27 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Definition und Form des Comics

3. Die verschiedenen Typen von „Geschichtscomics“
3.1 Funnies
3.2 Quellencomics
3.3 Comicromane
3.4 Epochencomics
3.5 Comic-Historie

4. Entstehung und Geschichte des Comics

5. Gemeinsamkeiten von antiker Kunst und Comics

6. Zur Eignung von Comics im Unterricht

7. Fazit

8. Literatur

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit gehe ich der Frage nach welchen Nutzen Comics fur den Geschichtsunterricht haben. Hierbei versuche ich nicht nur, den Aspekt der Motivation zu berucksichtigen, den Comics auf Schulerinnen und Schuler dabei haben konnen, sondern auch auf die Ahnlichkeiten zwischen antiken Kunstformen und Comics hinzuweisen. Denn wenn man antike Kunst mit der des Comics vergleicht, scheinen Erzahlweise, Symbolik, Bildhaftigkeit und sogar haufig die dargestellten Personen und Charaktere, eine hohe Gemeinsamkeit aufzuweisen[1] [2] [3]. Die Fachdidaktik sieht vor allem in der Verbindung der auBerschulischen Freizeitbeschaftigung mit dem innerschulischen Lernen eine gelungene Moglichkeit, Motivation fur das Fach Geschichte zu mobilisieren. Bildliche Medien konnen direkt in schriftliche Quellen eingebunden werden und fordern so Phantasie und Imaginationskraft seitens der Schulerinnen und Schuler. SpaB am Geschichtsunterricht - so erhofft man sich - zieht dadurch mehr Freude am Fach Geschichte nach sich . Die beklagte „Beliebigkeit“ der Methodennutzung im Geschichtsunterricht konnte durch die starke Einbindung historischer Quellen vermieden und entkraftet werden. Durch den Vergleich von modernen Medien mit historischen Darstellungen konnten Schulerinnen und Schuler einerseits mit wissenschaftlichen und fundierten Informationsgrundlagen konfrontiert werden und andererseits werden die in Massenmedien uberlieferten Geschichtskulturen kritisch hinterfragt und von „auBerhalb“ in die Schule gefuhrt . Motivation und SpaB sind Begriffe, die hierbei an die dem Comic haufig zugeschriebene Kindlichkeit und Trivialitat erinnern. Daher gehe ich im Verlauf der Arbeit auch auf diese Vorurteile seitens der Wissenschaft und Forschung ein. Ich versuche zu klaren, warum sich in einem visuellen Zeitalter und der damit standig verbundenen Nutzung von Massenmedien solche Angste und Abwehrhaltungen durchgesetzt und erhalten haben[4]. Scheint es mir doch viel nahe liegender, durch die Thematisierung von Ideologien und deren Intentionen in verschiedenen Medien, z.B. in Comics und antiken Quellentexten, einen sensibilisierten und kritischen Umgang von Schulerinnen und Schulern zu ermoglichen. Es wird sich dann zeigen, dass Comics alle Vor - und Nachteile mit den schriftlichen Medien teilen[5]. Da Comics dabei „mehr“ einbringen konnen bei entsprechenden Kenntnissen und Methoden zur kritischen Lesart, sollten sie den quellenkundigen und forschenden Historiker nicht abschrecken und in die Reserviertheit treiben.

2. Definition und Form des Comics

Um den Wert und Nutzen eines Comics zu beurteilen, ist es von Wichtigkeit zu klaren, „was ein Comic uberhaupt ist“[6]. Denn auch wenn die einzelnen Erzahlmittel des Comics so alt sind wie die Menschheitsgeschichte selbst, besteht trotzdem Uneinigkeit uber die genauen Bestandteile und die Definition dieser Verbindung aus Wort- und Bildkunst[7].

Einfach gesprochen besteht der Comic aus einer Vielzahl von Bildern. Das einzelne Bild wird auch als „Panel“ bezeichnet, ist durch seine Umrandung abgegrenzt und kann im Vergleich mit der Sprache als ein geschlossener Satz betrachtet werden. Wahrend der Anfange des 20. Jahrhunderts und des massenhaften Aufkommens von Comics waren die Flachigkeit und die Schwarz/Weifi-Farbgebung der einzelnen Panels ein charakteristisches Merkmal der Comicbilder. Dies wird heutejedoch nicht mehr zwingend angewendet und es existieren auch viele Drucke mit aufwendiger Farbgebung und Hintergrundgestaltung[8]. Das einzelne Bild stellt im Ablauf der Erzahlhandlung lediglich einen festen Zeitpunkt der Geschichte dar und ist im Gegensatz zum Dokumentarfoto oder Historienbild nicht ausreichend, um komplexe Geschehnisse und Handlungen zu begreifen.

Erst die aufeinander folgende Anreihung der Bilder in einer „Sequenz“ von links nach rechts erlaubt dem Lesepublikum die Einzelereignisse zu einem logischen und sinnvollen Handlungsablauf zu ordnen. Somit kann die Sequenz als fortlaufende Zeit beschrieben werden, die sich jedoch nicht in gleichen Zeitschritten, sondern nur chronologisch ordnen lasst. Zwar ist wie oben beschrieben das einzelne Bild ein fester Zeitpunkt, dennoch sind Personen und Dinge nicht zwangsweise starr. Durch „Speedlines“ konnen Bewegungen der Personen und Gegenstande angezeigt und verdeutlicht werden, so dass der im nachsten Panal folgende Inhalt und Ablauf bereits erahnt werden kann, ohne dass die Momentaufnahme verlassen wird[9].

Der zwischen den Panels liegende Raum („Hiatus“), der eine unterschiedlich lange Zeitspanne und auch Entfernung zum letzten Bildmoment symbolisiert, ist zwar fur die minimale Grundeinheit der Erzahlung von Bedeutung, also zwei aufeinander folgende Bilder, jedoch fur die weiterfuhrende Handlung nicht von so groBer Wichtigkeit, dass ihn der Zeichner spezifizieren musste. So kann der Hiatus eine „Sekunde“, eine „Woche“ oder ein „Jahr“ darstellen. Jedoch bietet dies dem Lesepublikum die Moglichkeit diese zeitliche und raumliche Ausdehnung zwischen den einzelnen Bildern mittels ihrer Phantasie auszufullen. Mit Hinblick auf den Geschichtsunterricht bietet dies sehr gute methodische Einsatzmoglichkeiten, denn diese induktive Fahigkeit fordert den Leser heraus, aus Einzelheiten das Ganze zu erkennen und die einzelnen Momente selbst zu einer stimmigen und logischen Geschichte zu verbinden[10]. Dabei ware es z.B. moglich, nur einzelne Sequenzen im Unterricht aufzugreifen und mit Hilfe von historischen Quellenzeugnissen den Hiatus von Schulerinnen und Schulern genau bestimmen zu lassen und durch die zusatzlichen Informationen in den Quellenverlauf einzuordnen. Es konnen auch eigene Dialoge geschrieben werden, um die Panels so durch eine Vor- bzw. Nachgeschichte voneinander abzugrenzen. So kann man die Kreativitat der Schuler nutzen und gleichzeitig Quellenarbeit und Quellenforschung ermoglichen[11].

Damit man im Comic den zeitlichen Uberblick behalt und die erzahlte Handlungszeit reguliert wird, gibt es den „Habitus“. Dieser wird durch eine zusatzliche Umrandung der Panels dargestellt. Gehort eine bestimmte Sequenz zueinander, d.h. verlauft deren zeitlicher Rahmen gleichformig, sind die umrandeten Panels mit einem gleichgroBen Habitus umgeben. Gibt es dagegen dynamische Zeitsprunge, Spannungsmomente oder Unruhen, wird der Habitus genutzt, um ein einzelnes Panel besonders hervorzuheben. Dies geschieht vor allem durch die VergroBerung und Ausdehnung des Panels und des ihn umgebenden Habitus, so dass die Bedeutung dieses Augenblicks besonders hervorgehoben und verdeutlicht wird[12].

Bei der Komposition der Bildinhalte wird die Verwandtschaft des Comics zum Film sehr deutlich. Selbst die Bezeichnungen der einzelnen „Einstellungen“ erinnert hierbei sehr stark an dieses Medium. Wie im Film sind verschiedene Perspektiven und Einstellungen moglich (Halbtotale, Totale, Froschperspektive, Amerikanisch usw.) und es finden sich jeweils unterschiedliche Funktionen bei ihrer Verwendung. Die Nahaufnahme ist beispielsweise die Einstellung fur eine fortlaufende Handlung und die GroBaufnahme stellt eher eine Verbindung zwischen Comicfigur und Leser her, indem sie das Innenleben der Figur offenbart oder innere Monologe ankundigt, die vor allem zur Identifikation des Lesepublikums mit den Protagonisten hilfreich sind[13].

Das nachste charakteristische Merkmal von Comics ist die Verwendung von Texten im Bild, wobei hier eher von einer „Verschmelzung“ von Bild und Sprache geredet werden kann, denn die Sprache ist innerhalb des Bildes und gleichzeitig deren integraler Bestandteil[14].

Die „Sprechblase“ hat sich hierbei als typisches Stilmittel seit den Anfangen des 20. Jahrhunderts etabliert, wobei diese aus der Karikaturform ubernommen wurde. Dennoch macht die Sprechblase allein nicht den Comic aus, sondern die bereits oben erwahnte sequenzielle Bilderfolge und die Verwendung von Text als Element des Bildes. Das Novum gegenuber der bereits bekannten Bildergeschichte und Karikatur ist die Untrennbarkeit von Sprache und Bild, deren Einheit. Der Franzose Rodolphe Topffer war wohl 1827 mit seinem Bilderstreifen ,,Monsieur Vieux Bois“ der erste, der dieses Stilmittel in seinen Alben nutze. Auch wenn er zu diesem Zeitpunkt noch keine Sprechblasen gebrauchte, war sein Text mit dem Bild in einem Rahmen untrennbar verbunden, so dass das Bild ohne Text dem Betrachter kaum etwas vermitteln konnte, der Text ohne Bild dagegen uberhaupt keinen Sinngehalt hatte. Dass der Comic als eine amerikanische Erfindung gilt, ist jedoch der Sprechblase zu verdanken, denn diese gilt seit 1900 mit der ersten „Yellow-Kid-Reihe“ von Richard Outcault als typisches Merkmal der Comicstrips[15]. Ein weiterer Beleg dafur, dass die Sprechblase zwar als typischer Comicindikator angesehen wird, jedoch nicht ausschliefilich verwendet wird, ist die aufierst erfolgreiche Reihe „Eisenherz“ von Hal Forster. Trotzdem hat sich die Sprechblase durchgesetzt, welche nicht nur das Sprechen, Flustern und Schreinen der dargestellten Personen wiedergibt, sondern auch deren Gedankengange in „Wolkchen“ aufgreift und dem Lesepublikum prasentiert. Durch diese Wiedergabe der wortlichen Rede und inneren Monologe konnen von Seiten der Geschichtswissenschaften ernstzunehmende Kritiken am Einsatz im Geschichtsunterricht entstehen, vor allem wenn das Medium Comic den Anspruch einer historischen Quelle einnehmen mochte. Denn zum einen gibt es kaum schriftlich fixierte Dialoge und Konversationen in Geschichtsquellen und zum anderen gilt die wortliche Rede als verpont in der Geschichtsschreibung[16]. Der Historiker weifi, dass Emotionen und Gefuhle, als Ausdruck innerer Monologe, historisch nicht verburgt und heute gelaufige Kategorien wie „Liebe“ und „Hass“ nicht auf andere Epochen zu ubertragen sind[17]. Das Spiel mit den Emotionen erlaubt zwar zum einen den genaueren Einblick in den historischen Ablauf und schafft eine Identifikation des Lesers mit der handelnden Person, doch zum anderen ist die personalisierte Geschichtsschreibung fern von Objektivitat und rationellen und wissenschaftlichen Arbeitsweisen. Der Historiker sollte nur berichtet, was er anhand von Quellen belegen kann. Kein Mensch weiB z.B., ob Kleopatra VII. wirklich Gaius Iulius Caesar oder Marcus Antonius liebte - oder ob diese Verbindungen - viel wahrscheinlicher - Teil ihrer Machtpolitik waren. Daher halten sich seriose Wissenschaftler eher von solchen „modernen“ Kategorien fern und lassen dort Lucken, wo ihre Aussagen nicht belegbar sind. Comicautoren dagegen brauchen Emotionen fur ihre Geschichten, um den Wunschen des modernen Lesepublikums entgegenzukommen und ihre Geschichten zu unterfuttern. Die Fantasie des Comicautors ist hierbei dem Zweifel ubergeordnet[18].

Der letzte charakteristische, wenn auch nicht immer vorhandene Bestandteil eines Comics ist der „Blocktext“. Diese zweite Form der Sprachnutzung ist meist in einem kleinen Kastchen im unteren oder oberen Bildrand angesiedelt. Der Blocktext leitet Situationen ein und enthalt Kommentare des Autors, welche z.B. der „Authentizitatsbeteuerung“ des behandelten historischen Sachverhalts dienen. Er kann aber auch als Uberbruckung der raumlichen und zeitlichen Distanz fungieren, so dass Satze wie „ein wenig spater“ oder „New York Gegenwart“ dem Lesepublikum Handlungszeit und Ortwechsel greifbar und nachvollziehbar machen. Der Blocktext ist jedoch nicht dafur da, die Geschichte fortzufuhren, sondern diese Aufgabe ubernimmt das Bild[19].

Es hat sich meiner Meinung nach schon durch die Klarung und Beschreibung der aufieren Form und narrativen Erscheinung des Comics gezeigt, dass die Comicnutzung im Geschichtsunterricht Moglichkeiten sowie auch Schwierigkeiten bietet. Denn zum einen ermoglichen Comics die Freisetzung von Imaginationskraft und Phantasie und dadurch den lustvollen Umgang mit historischen Quellen und Ereignissen[20] und zum anderen lauft der Geschichtsunterricht dabei Gefahr zur Trivialitat zu verkommen und objektiver historischer Forschung nicht zu genugen[21]. Der positive Effekt durch Motivation der Schulerinnen und Schuler durch die Einbindung der alltaglichen Lebenswelten in den Unterricht, wie ihn z.B. Pandel fordert[22], steht der unkritischen und auf den Mainstream ausgerichteten kunstlerischen Freiheit und Deutungsweise gegenuber. Diese unkritische und vereinfachte Sichtweise der Leser, die sich meist aus durch unseriose Medien und Quellen vermittelte Geschichtsbilder ergibt, fordert eine Geschichtskultur, die aus historischer Sicht ziemlich fragwurdig ist . Im weiteren Verlauf mochte ich jedoch noch klaren, ob die fur das kritische Comiclesen notwendige Methodenkompetenz in einem visuellen Zeitalter nicht generell von Vorteil sein kann. Stellt doch gerade die Beschaftigung und der geschulte Umgang mit Massenmedien, hier beispielhaft mit dem Comic und dessen auberschulisch vermittelten Geschichtsbildern, eine Moglichkeit dar, Schulerinnen und Schuler zu einem sensibilisierten und kritischen Blick auf die Medien zu befahigen . Vielleicht stellt sich hierbei auch heraus, dass es nicht nur Schulerinnen und Schulern an der notigen Sensibilitat im Umgang mit zusammengehorigen Bild- und Textquellen fehlt, sondern dass auch Lehrerinnen und Lehrern wahrend ihres Studiums dieser Methoden nicht naher gebracht werden . Denn die Universitat als Ort der Wissenschaft ist bislang gegenuber Comics und Bildquellen sehr kritisch eingestellt und vernachlassigt diese nur allzu oft26.

Abb. 1 Aufbau eines Comics und narrative Logik, Quelle: Pandel (2002a) S. 342.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Lochmann (1999) S. 10-11.

[2] Gartner (2009) S. 56-57.

[3] Kuss (2001) S. 10-11.

[4] Pandel (2002a) S. 340-341.

[5] Ebd.: S. 341.

[6] Kukkoven (2008) S. 20.

[7] Napel (1998) S. 15-17.

[8] Pandel (2002a) S. 342.

[9] Ebd.: S. 342-343.

[10] Pandel (2002a) S. 343. siehe auch: Gartner (2009) S. 53-54.

[11] Ebd.: S. 359.

[12] Ebd.: S. 343.

[13] Pandel (2002a) S. 343-344.

[14] Ebd.: S. 344-345.

[15] Knigge (2004) S. 10-11.

[16] Pandel (2002a) S. 345-346.

[17] Vgl.: Emich (2006) S. 73-79.

[18] Gartner (2009) S. 61-62.

[19] Pandel (2002a) S. 346.

[20] Gartner (2009) S. 57.

[21] Ebd.: S. 62-63.

[22] Zitiert in: Kuss (2001) S. 10-11. siehe auch: Gartner (2009) S. 56-57.

Details

Seiten
27
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656129462
ISBN (Buch)
9783656129844
Dateigröße
2.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189099
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Geschichte Didaktik
Note
1,0
Schlagworte
Comics Geschichtsunterricht Geschichte Didaktik Antike Comics Comics Antike Didaktik

Autor

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Titel: Welchen Nutzen haben Comics für den Geschichtsunterricht?