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John Meyers Theorie der globalen Modelle

Essay 2009 3 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

John W. Meyers Theorie der globalen Modelle

Im dritten Kapitel des von ihm herausgegebenen Sammelbandes „Weltkultur. Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen“ entwerfen John Meyer et al. eine Theorie, nach der so genannte „globale Modelle“ die Identität, die Struktur und das Verhalten von Nationalstaaten entscheidend prägen. Ähnlich wie Peter Bendixen, der in einem Kapitel über das „fabrizierte Weltbild der Ökonomie“ die Rolle von Kultur als treibender Kraft hinter wirtschaftlichem Handeln gegenüber reinen Machtstrukturen und Interessen stark macht, betont Meyer den kulturell konstruierten Charakter des Nationalstaates.1

Demnach gehorcht dieser weniger rein funktionalistischen Notwendigkeiten und Machtinteressen, sondern vielmehr einer Art Drehbuch, dessen Anweisungen zwar vorgeben funktionale Zwecke zu erfüllen, tatsächlich aber oftmals unhinterfragt ausgeführt werden, obwohl sie ihre Zwecke gar nicht unbedingt erfüllen. Als Beispiel wird hier auf den in Wirklichkeit schwachen Zusammenhang zwischen Bildung und Wirtschaftswachstum verwiesen, der dennoch als Rechtfertigung für obligatorischen Schulbesuch weitgehend akzeptiert werde.2

Meyer und seine Mitstreiter bekennen sich zur institutionalistischen Theorie und grenzen sich ab von Mikro- und Makrorealismus sowie mikrophänomenologischen Theorieansätzen. Ihren eigenen Ansatz sehen sie als makrophänomenologisch an. Der entscheidende Unterschied zu den anderen drei Theorierichtungen liegt in deren Vernachlässigung der Kultur entweder als rein äußerliches Merkmal oder einen Faktor, der lediglich von der herrschenden Ordnung hervorgebracht wird, jedoch nicht oder nur in geringem Maße selbst kausal auf sie zurückwirkt.3

Im Laufe des Kapitels wird eine Reihe von Beispielen bemüht um zu zeigen, dass diese Vernachlässigung von Kultur zu einer geringeren Vorhersagekraft der übrigen Theorien im Vergleich zur Theorie der globalen Modelle führt. Dazu werden besonders vier Merkmale des kulturell konstruierten Nationalstaates hervorgehoben: Seine Isomorphie, also seine strukturelle Gleichförmigkeit im Vergleich mit anderen Nationalstaaten (1) Als Beispiel dient hier der weltweit, auch in muslimischen Ländern, steigende Frauenanteil an Universitäten, der sehr wohl vom makrophänomenlogischen, nicht jedoch von den anderen Theorieansätzen aus zu prognostizieren wäre. Der Grund dafür sei darin zu suchen, dass die übrigen Ansätze zu sehr die unterschiedlichen wirtschaftlichen Bedingungen in den Vordergrund rückten, während sie das Durchgreifen der weltkulturellen Ordnung auf den Nationalstaat übersähen.4

Ein weiteres Merkmal des Nationalstaates ist seine Selbstinszenierung als rationaler Akteur (2), der sich und seinen Bürgern Ziele setzt, insbesondere zur stetigen Steigerung des Bruttosozialproduktes. Ein solches Ziel ist zugleich ein Beispiel für einen Legitimationsmythos, der zur Durchsetzung und Aufrechterhaltung der globalen Modelle herangezogen werden kann.5

Mit dem Merkmal der Entkoppelung (3) weist Meyer auf einen besonders auffälligen Widerspruch der realistischen und mikrophänomenologischen Theorieansätze hin, die das Handeln des Nationalstaates vor allem durch funktionale Erfordernisse zu deuten versuchen. In der Realität ist aber eine starke Diskrepanz festzustellen zwischen formalen Erklärungen, wie zum Beispiel von Rechten in Verfassungstexten oder Gesetzesreformen, und ihrer Umsetzung in der Praxis. Meyer erklärt dies damit, dass einerseits die globale Kultur auf die einzelnen Nationalstaaten einwirkt, während andererseits die Mittel zur Realisierung fehlen.6

Das letzte Merkmal schließlich besteht im Ausbau formaler Strukturen (4) und hängt mit dem Phänomen der Entkoppelung zusammen. Laut Meyer führt das Befolgen des Drehbuchs der globalen Modelle dazu, dass selbst in ärmsten Ländern Universitäten gebaut oder unrealistische Fünf-Jahres-Pläne geschrieben würden, obwohl ein solcher Strukturausbau nicht den lokalen Notwendigkeiten entspräche. Während die übrigen Theorien solche vermeintlich irrationalen Projekte mit spezifischen Machtkonstellationen und Mechanismen erklärten, würden sie aus der Vorannahme globaler Modelle ganz logisch folgen.7

Insgesamt läuft Meyers Argumentation auf die These hinaus, dass realistische und mikrophänomenologische Ansätze eine wesentlich größere Formenvielfalt unter den Nationalstaaten prognostizieren müssten, als die weltweite Realität sie anzubieten hat. Statt nach einzelnen Mechanismen zu suchen schlägt er daher vor, die Prozesse ausfindig zu machen, durch welche die Nationalstaaten als Akteure erst konstruiert würden.8

Die Erklärung dafür sieht Meyer in der Durchsetzung der rationalisierten Moderne. Frühere religiöse Eliten, die einen kirchlichen Alleinanspruch auf das menschliche Heil vertreten hätten, seien ersetzt worden durch neue Eliten. Deren Suche des Heils in rationalen Strukturen habe sich nach dem Zweiten Weltkrieg global durchgesetzt:

„ Dieser Glaube operiert weltweit und prägt fastüberall die Organisation der Gesellschaft. “ 9

Meyer deckt auf plausible Weise die Widersprüche derjenigen Theorieansätze auf, welche die Kultur als Faktor mehr oder weniger ausblenden. Die Existenz globaler Modelle als Erklärung für die offenkundige Gleichförmigkeit im Aufbau der Nationalstaaten ist durchaus einleuchtend. Weniger überzeugend ist allerdings die Annahme ihrer umfassenden Wirkmächtigkeit. Meyer betont, dass keineswegs alle Handlungen staatlicher Akteure etwa durch funktionale Notwendigkeiten oder Machtinteressen erklärt werden können. Wie Bendixen bringt er zurecht die Rolle von Kultur als Antriebsfaktor ins Spiel. Dabei reduziert er aber in seinem Fazit die globalen Modelle der Kultur auf den Erfolg der Rationalisierung in der Moderne.

So lässt sich das Phänomen der Entkoppelung nicht immer auf die fehlende Möglichkeit der Umsetzung zurückführen, sondern gründet manchmal eher in der Inkompatibilität von lokaler Kultur und globaler Modelle. Das Scheitern vieler Programme zur Entwicklungshilfe etwa liegt im selben Missverständnis begründet. Ein Beispiel dafür ist der Versuch der Etablierung marktwirtschaftlicher Prinzipien unter Viehhirten in Lesotho. Das Funktionieren des Prinzips von Angebot und Nachfrage scheiterte letztlich daran, dass die Hirten ihren Kühen einen intrinsischen Wert beimessen, der nicht rational bedingt ist und weit über den Geldwert hinausgeht.10

[...]


1 Bendixen, Peter, Das verengte Weltbild der Ökonomie. Zeitgemäß wirtschaften durch kulturelle Kompetenz, Darmstadt 2003; in: Meyer, John (et al.), Die Weltgesellschaft und der Nationalstaat, in: Meyer, John (Hg.), Weltkultur. Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen, Frankfurt 2005, S. 85 - 132.

2 Ebd., S. 92.

3 Ebd., S.

4 Ebd., S. 96f.

5 Ebd., S. 97 ff; S. 108.

6 Ebd., S. 99ff.

7 Ebd., S. 102ff.

8 Ebd., S. 104.

9 Ebd., S. 131.

10 Vgl. Turkon, David, Modernity, tradition and the demystification of cattle in Lesotho, in: African Studies 62, Bd. 2 (2003), S. 147 - 169.

Details

Seiten
3
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656134862
Dateigröße
357 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v189034
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
john meyers theorie modelle

Autor

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Titel: John Meyers Theorie der globalen Modelle