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Pico della Mirandola

Ein typischer Renaissance-Denker?

von Julius Neu (Autor)

Hausarbeit 2011 13 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographisches und zeitgeschichtliche Einflüsse

3. Oratio de Hominis Dignitate
3.1 Die Freiheit des Menschen
3.2 Aufstieg zu Gott
3.3 Synkretismus

4. Fazit

5. Bibliographie

1. Einleitung

„Fürst der Versöhnung“[1] wurde Pico della Mirandola von seinen Freunden und Zeitgenossen scherzhaft genannt. Verweist dieser Titel einerseits auf seine adlige Herkunft, so spielt er doch vor allem auf sein umfassendes philosophisches Synthesestreben an. Völlig untypisch für seine Zeit lernte er Arabisch und Hebräisch, studierte islamische Philosophen und begann als erster Christ sich intensiv mit der mystischen Tradition des Judentums - der Kabbala - auseinanderzusetzen. Sein Bestreben christliche Glaubensinhalte durch Magie und Kabbala zu beweisen brachte ihm 1487 die Exkommunikation durch Papst Innozenz VIII. ein. Seine postum veröffentlichte Rede „De hominis dignitate“ wird von Jacob Burckhardt als „eins der edelsten Vermächtnisse“[2] der Renaissance überhaupt gefeiert. Gleichzeitig bildete sie die Einleitung zu einer für das Jahr 1478 geplanten Disputation in Rom, bei der Pico seine 900 synkretistischen Thesen den einflussreichsten Gelehrten seiner Zeit vorstellen und sie anschließend verteidigen wollte. Dieses ehrgeizige Unterfangen und die eindrucksvolle Spannweite seiner Quellen verhalfen ihm schon zu Lebzeiten, trotz des Scheiterns der Disputation, zu dem Ruf eines Ausnahmegelehrten.

Doch wie passt dieser vielseitige Philosoph in seine Zeit? Ist er Sonderfall oder Musterbeispiel für einen Renaissance-Denker? Wie eigenständig sind seine Ideen überhaupt? Offenbaren die vielfältigen Einflüsse und Quellen des jungen Grafen nicht gleichzeitig fehlende philosophische Originalität, wie sie ihm und anderen Renaissance-Humanisten niemand geringeres als Hegel vorwarf?[3] Mit diesen Fragen beschäftigt sich diese Hausarbeit, indem sie, ausgehend von der Biographie Picos, dessen Berührpunkte zu den geistigen Strömungen seiner Zeit aufzeigt und seine Ausführungen dann vor diesem Hintergrund beleuchtet. Hierzu beziehe ich mich auf seine Rede über die Würde des Menschen, in der Anthropologie und philosophisches Synthesestreben deutlich werden. Unter besonderer Berücksichtigung der eklektischen Vorgehensweise Picos und ihrer historischen Beurteilung soll abschließend geklärt werden, wie repräsentativ der Denker für seine Zeit ist.

Es liegt außerhalb des Bereiches dieser Arbeit, das Werk des Denkers von einer fachspezifischen Seite her untersuchen zu wollen, denn ebenso vielfältig wie Picos Quellen und Einflüsse, sind auch die sich daraus ergebenden Forschungsansätze. Untersucht wurde beispielsweise sein Verhältnis zur „platonischen Akademie“ in Florenz und zu seinem Freund Marsilio Ficino, als dessen Meisterschüler Pico oft bezeichnet wird.[4] Weitere Forschungszugänge ergeben sich aus Picos Beschäftigung mit der jüdischen Kabbala oder der christlichen Theologie. Nach Versuchen in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, das Werk des Philosophen theologisch zu verorten, widmeten sich Engelbert Monnerjahn 1960 und Heinrich Reinhardt 1989 erneut diesem Anliegen.[5]

2. Biographisches und zeitgeschichtliche Einflüsse

Der am 24. Februar 1463 geborene Giovanni Pico della Mirandola begann bereits im Alter von 14 Jahren mit dem Studium des Kanonischen Rechts in Bologna. Nach dem Tod seiner Mutter wechselte er zum Studium der Philosophie nach Ferrara und schließlich nach Padua. Mit Kenntnissen in Latein und Griechisch ausgestattet, beschäftigte Pico sich nun primär mit dem Averroismus und Aristoteles. Dass er, anders als viele Humanisten seiner Zeit, nicht nur den originalen Aristoteles, sondern auch seine mittelalterlichen, lateinischen und arabischen Interpreten schätzte, zeigte sich in einem Briefwechsel mit dem venezianischen Humanisten Ermolao Barbaro aus dem Jahr 1485. Darin verteidigte er die mittelalterlichen Philosophen ausdrücklich gegen den Vorwurf der Unkultiviertheit und Barbarei und verwies auf den Vorrang des Inhalts ihrer Gedanken vor stilistischen Aspekten.[6] Bereits 1479 war Pico bei seinem ersten Aufenthalt in Florenz in Kontakt mit der „Platonischen Akademie“ gekommen; seine enge Freundschaft mit Ficino ging auf diesen Aufenthalt zurück.[7] Noch vor seiner Übersiedlung nach Florenz im Jahr 1483 bat er denselben in einem Brief um eine Ausgabe der „Theologia Platonica“ und begann, sich intensiv mit der Philosophie Platons auseinanderzusetzen.[8] Barbaro schrieb er zu dieser Zeit, er sei „nicht als Überläufer, sondern als Kundschafter“[9] an die „Platonische Akademie“ gekommen. Schon hier benennt Pico sein zentrales Anliegen, Platon und Aristoteles miteinander zu vereinen, denn „hinsichtlich der Worte [sei] nichts gegensätzlicher, hinsichtlich der Sachverhalte nichts übereinstimmender“[10]. Im Anschluss an eine Reise nach Paris (damals Zentrum der Scholastik und Theologie) lernte der junge Philosoph Arabisch und Hebräisch und beschäftigte sich ausführlich mit der Kabbala. Eindrucksvoll zeigt sich sein umfassendes Synthesestreben in den 900 Thesen, die er als Ergebnis seiner Studien 1486 veröffentlichte. In diesem synkretistischen Werk nahm er, gerade einmal 23 Jahre alt, auf eine enorme Bandbreite von Textquellen Bezug und versuchte so, die Vereinbarkeit von islamischen, vorchristlichen, jüdischen und anderen mystischen Philosophie- und Glaubensinhalten mit der christlichen Theologie zu beweisen. Das überaus ehrgeizige Projekt scheiterte an der päpstlichen Verurteilung erst einiger und schließlich aller Thesen als „Häresie“. Durch die Patronage mehrerer italienischer Fürsten kam Pico jedoch aus der Haft frei und verbrachte seine letzten Lebensjahre in Florenz, wo er, in engem Bezug zur „Platonischen Akademie“ und mit Kontakt zum Dominikanermönch Savonarola[11], seine „späten“ Schriften veröffentlichte. Als die wichtigsten gelten der „Heptaplus“ (1489), eine Interpretation der Genesis, „De ente et uno“ (1491), worin er sich erneut der Vereinbarkeit Platons und Aristoteles widmet, und sein Traktat gegen die Astrologie, sein umfangreichstes Werk.

An der Vita des früh verstorbenen Philosophen wird deutlich, warum er kaum einer spezifischen Denkströmung zuzuordnen ist. Paul Kristeller identifiziert im Humanismus, Platonismus und Aristotelismus die prägenden Hauptströmungen des italienischen Denkens zwischen 1350 und 1520.[12] All diese Strömungen haben Anteil an Picos geistiger Entwicklung, allerdings kann er weder eindeutig als Aristoteliker, noch als typischer Renaissance-Platoniker (wie Ficino) oder als Christ[13] identifiziert werden. Seine beschriebene Wertschätzung der Scholastik, seine Beschäftigung mit Magie und Kabbala, sowie sein universelles Synthesestreben führen darüber hinaus dazu, dass die Bezeichnung „Humanist“ zwar zutreffend, gleichzeitig aber zu eindimensional erscheint, um sein facettenreiches Wirken zu fassen.[14] Durch seine intellektuelle Offenheit und nicht zuletzt durch seine finanzielle Unabhängigkeit[15] (viele Gelehrte waren von Mäzen abhängig) war es Pico möglich, sich durch Reisen, private Lehrer und den Erwerb von alten Schriften so umfassend zu bilden, wie kaum einem seiner Zeitgenossen.

Entscheidend ist auch, dass eine nachträgliche Verortung in einer spezifischen Denkströmung dem Selbstverständnis des Philosophen vollkommen widersprochen hätte. Betont er doch in seiner Rede, den Vorsatz gefasst zu haben, sich „auf niemands Worte einschwören zu lassen, sondern [sich] auf alle Lehrer der Philosophie […] zu verlegen, alle ihre Schriften zu prüfen und alle ihre Schulen kennenzulernen.“[16]

3. Oratio de Hominis Dignitate

Die nie gehaltene Rede gilt als die gebündelte Essenz der Ideen des Philosophen[17] und markiert nach Egon Friedell sogar den eigentlichen Beginn der Renaissance[18]. Formal gliedert sie sich in zwei Teile. Im ersten legt der Philosoph sein anthropologisches Konzept dar, im zweiten beschreibt er das Bildungsprogramm, mit dem der Mensch zu Gott aufsteigen kann, gibt einen Abriss über seine Studien und verteidigt sich eloquent gegen Kritik seiner Zeitgenossen.

3.1 Die Freiheit des Menschen

Pico beginnt seine Rede mit einem Verweis auf die Großartigkeit des Menschen, beschrieben in alten arabischen und hermetischen Schriften. Auch in der Bibel sei davon die Rede, dass der Mensch nur wenig unterhalb der Engel stehe.[19] Doch wo liege der Sinn jene Zweitklassigkeit zu bewundern, fährt er fort, sollten nicht die Engel Empfänger der Lobpreisung sein? Die Antwort auf diese Frage gibt er im Folgenden, wenn er Gott zu Adam, der Letzten seiner Schöpfungen[20], sprechen lässt:

„Keinen bestimmten Platz habe ich dir zugewiesen, auch keine bestimmte Erscheinung und auch nicht irgendeine besondere Gabe habe ich dir verliehen, Adam, damit du den Platz, das Aussehen und alle Gaben, die du dir selber wünschst, nach deinem eigenen Willen und Entschluss erhalten und besitzen kannst.“[21]

Der in der Weltmitte stehende Mensch ist also nach seiner Erschaffung weder himmlischer noch irdischer Natur, sondern kann als eigener Schöpfer seine Umwelt gestalten und durch seinen Lebensstil bis ins Tierische entarten oder bis ins Göttliche aufsteigen. Seine Besonderheit liegt genau darin, dass er keine hat, er bleibt unbestimmt, wandelbar wie ein „Chamäleon“ oder der Meeresgott „Proteus“[22] und deshalb frei. Aus dieser Autonomie resultiert so gleichsam die Wahlfreiheit seiner Lebensweise und die Freiheit des eigenen Schöpfertums.[23] Mit dieser Darstellung verwirft der Philosoph das Bild des durch die Erbsünde belasteten, nur über den Weg der Kirche und letztendlich durch die Gnade Gottes Erlösung findenden mittelalterlichen Menschen. Der Mensch Picos kann alles sein, was er will, da er von Geburt an zu jeder Lebensform angelegt ist und ihm „Samen jedweder Art und Keime zu jeder Form von Leben mitgegeben“[24] wurden. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes „selbstbestimmt“.

[...]


[1] Zimmermann, Wolfgang: Art. „Pico della Mirandola, Giovanni“, in: Metzler Philosophen Lexikon. Von den Vorsokratikern bis zu den neuen Philosophen. Weimar² 1995. S.677

[2] Burckhardt, Jakob: Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch (Gesammelte Werke, Bd.3). Basel 1955. S.241

[3] Georg Wilhelm Friedrich: Werke in 20 Bänden. Bd.7 Frankfurt a. M. 1970. S.15: „Alle diese Philosophien [auch des Picus von Mirandola] wurden neben dem kirchlichen Glauben und ihm unbeschadet, nicht im Sinne der Alten, getrieben: eine große Literatur, die eine Menge Namen von Philosophen in sich faßt, aber vergangen ist, nicht die Frischheit der Eigentümlichkeit höherer Prinzipienhat, – sie ist eigentlich nicht wahrhafte Philosophie.“

[4] Vgl. Gerl, Hannah-Barbara: Einführung in die Philosophie der Renaissance. Darmstadt 1989. S.63 Anmerkung: Während in früheren Werken Pico als sehr von seinem Freund geprägt und im Neoplatonismus verhaftet gesehen wird, tendieren neuere Publikationen dazu, ihn unabhängiger zu sehen und verweisen auf die Eigenständigkeit seiner Lehren.

[5] Buchtitel: „Giovanni Pico della Mirandola. Ein Beitrag zur philosophischen Theologie des italienischen Humanismus“ und „Freiheit zu Gott“. Siehe Literaturverzeichnis.

[6] Pico della Mirandola, Giovanni: Ausgewählte Schriften. Übersetzt und eingeleitet von Arthur Liebert. Jena und Leipzig 1905. S.97f.

[7] Vgl. Toussaint, Stéphane: Giovanni Pico della Mirandola. Synthetische Aussöhnung aller Philosophien, in: Paul Richard Blum (Hrsg.): Philosophen der Renaissance. Darmstadt 1999. S.65

[8] Vgl. Buck, August: Einleitung, in: Giovanni Pico della Mirandola. De hominis dignitate. Lateinisch-deutsch. Über die Würde des Menschen. Übersetzt von Norbert Baumgarten. Hrsg. und eingeleitet von August Buck. Hamburg 1990. S.XI.

[9] Pico della Mirandola, Giovanni: Opera omnia. (Band 1) Hildesheim 1969. S.368

[10] Ebd. S.368

[11] Vgl. Gerl (1989) S.64

[12] Kristeller, Paul Oskar: Humanismus und Renaissance I. Hrsg. von Eckhard Keßler. München 1974. S.177

[13] Vgl. Monnerjahn, Engelbert: Giovanni Pico della Mirandola. Ein Beitrag zur philosophischen Theologie des italienischen Humanismus. Wiesbaden 1960. S. 194f. Der Autor bezeichnet Picos Christentum als „a-dogmatisch und a-sakramental“ und misst dem spezifisch Christlichen in der humanistischen Bewegung eine geringe Bedeutung zu.

[14] Eine Diskussion der historischen Aussagekraft des sehr unscharfen Begriffes „Humanist“ würde den Rahmen dieser Arbeit eindeutig sprengen. Siehe hierzu beispielsweise Kristeller (1974) S.11f.

[15] Vgl. Reschika, Richard: Philosophische Abenteuer. Elf Profile von der Renaissance bis zur Gegenwart. Tübingen 2001. S.19 Pico war sogar bereit, den Gelehrten das Reisegeld zu erstatten.

[16] Pico, Oratio S. 49

[17] Vgl. Cassirer, Ernst: Giovanni Pico della Mirandola. A Study of the Renaissance Ideas, in: Journal of the History Ideas 2 (1942), S.319

[18] Vgl. Friedell, Egon: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg. München 1979. S.179

[19] Vgl. Pico, Oratio S.5

[20] Pico verweist hier neben der Genesis auch auf Platons Timaios.

[21] Pico, Oratio S.9

[22] Ebd. S.11

[23] Vgl. Gönna, Gerd von der: Nachwort, in: Pico della Mirandola, Giovanni: Oratio de hominis dignitate. Rede über die Würde des Menschen. Lateinisch-deutsch. Stuttgart 1997. S.114

[24] Pico, Oratio S.9

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656128007
ISBN (Buch)
9783656128403
Dateigröße
400 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188937
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,3
Schlagworte
Renaissance Philosophie Synkretismus Pico della Mirandola

Autor

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    Julius Neu (Autor)

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Titel: Pico della Mirandola