Lade Inhalt...

Die Ökonomie in der Sinnkrise

Unternehmen im Spannungsfeld zwischen Gewinnmaximierung und ethischer Verantwortung

Diplomarbeit 2011 113 Seiten

BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

0 Einführung
0.1 Problemstellung und Zielsetzung
0.2 Vorgehensweise und Aufbau
0.3 Grundlegende Begriffe
0.3.1 Grundbegriffe der Ethik
0.3.2 Grundbegriffe der Wirtschaftswissenschaften

1 Ursachen der modernen wirtschaftsethischen Diskussion
1.1 Die Gesellschaft im Wandel
1.1.1 Die Macht der öffentlichen Meinung
1.1.2 Die Rolle der Medien
1.1.3 Aufstieg der NGOs
1.2 Wirtschaftliche Globalisierung
1.3 Umweltproblematik

2 Wirtschaftsethische Ansätze des späten 20. Jahrhunderts
2.1 Das Verhältnis von Wirtschaft und Ethik
2.2 Ethische Ökonomie von Peter Koslowski
2.2.1 Verhältnis von Ökonomie und Ethik
2.2.2 Situationsanalyse und Aufgabe der Wirtschaftsethik
2.2.3 Anliegen und Systematik der Ethischen Ökonomie
2.2.4 Kritik
2.3 Integrative Wirtschaftsethik von Peter Ulrich
2.3.2 Situationsanalyse und Aufgabe der Wirtschaftsethik
2.3.3 Anliegen und Systematik der integrativen Wirtschaftsethik
2.3.4 Kritik

3 Praktische ganzheitliche Unternehmensethik
3.1 Ethik als Erfolgsfaktor
3.2 Mehr Schein als Sein
3.3 Verankerung der Ethik im Unternehmen durch ein Wertemanagementsystem
3.3.1 Unternehmenskultur
3.3.2 Unternehmens- und Managementphilosophie
3.3.3 Unternehmensleitbild
3.3.4 Ethikrichtlinien und Ethikbeauftragte
3.3.5 Menschenbild des homo moralis oeconomicus - eine Weiterentwicklung
3.4 Corporate Social Responsibility - Eine stakeholderorientierte Sicht
3.4.1 Corporate Social Responsibility als Stakeholderorientierung
3.4.2 Stakeholdermanagement
3.4.2.1 Identifizierung von Stakeholdern und Stakeholderansprüchen
3.4.2.2 Gestaltung von Stakeholderdialogen
3.4.3 Corporate Social Responsibility am Beispiel ausgewählter Stakeholder
3.4.3.1 Kunden: Marketingethik
3.4.3.2 Mitarbeiter: Arbeitsgestaltung
3.4.3.3 Umwelt: Corporate Environmental Responsibility und Umweltethik
3.4.3.4 Nichtregierungsorganisationen: Business-NGO Partnerschaften
3.5 Unternehmerische Nachhaltigkeit mittels Triple Bottom Line
3.5.1 Nachhaltigkeit als ganzheitliches Unternehmensziel
3.5.2 Nachhaltigkeitskonzept Triple Bottom Line
3.5.2.1 Dimensionen derTriple Bottom Line
3.5.2.2 Umsetzung derTriple Bottom Line im Unternehmen

4 Ergebnisse und Ausblick
4.1 Zusammenfassung und Ergebnisse
4.2 Kritische Auseinandersetzung
4.3 Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Exemplarischer Zusammenhang der Begriffe Werte, Normen und Ethik

Abbildung 2: Dimensionen des Verantwortungsbegriffs nach Krupinski

Abbildung 3: Wirkungsbereich von NGOs

Abbildung 4: Dr. Peter Koslowski

Abbildung 5: Zusammenhang von Ökonomie, Ethik und Religion nach Koslowski

Abbildung 6: Dr. Peter Ulrich

Abbildung 7: Übersicht über die Gesamtsystematik integrativer Wirtschaftsethik

Abbildung 8: Erfolgspotenziale ethischer Geschäftspraxis

Abbildung 9: Facetten der Unternehmenskultur

Abbildung 10: Merkmale starker Unternehmenskulturen

Abbildung 11: Positionierung der Unternehmens- und Managementphilosophie

Abbildung 12: Funktionen des Unternehmensleitbildes

Abbildung 13: Optimierungsproblem der Wirtschaft

Abbildung 14: Verantwortungsbereiche ökonomischer Entscheidungen

Abbildung 15: Prozess ethischer Entscheidungsfindung

Abbildung 16: Interne und externe Unternehmensumwelt

Abbildung 17: Stakeholdermatrix

Abbildung 18: Phaseneinteilung des Stakeholderdialogs

Abbildung 19: Vorgehensweise zur Bewältigung von Zielkonflikten

Abbildung 20: Dimensionen des Marketings

Abbildung 21: Erweiterte Dimensionen des Marketings

Abbildung 22: Gesellschaftlicher Zusammenhang des wohlfahrtsbedachten Marketings

Abbildung 23: Produktkategorienmatrix

Abbildung 24: Mitarbeiter-Bedürfnispyramide

Abbildung 25: Maßnahmen der Arbeitsgestaltung

Abbildung 26: Fünf Schritte zu umweltorientierter Unternehmenspolitik nach Bode

Abbildung 27: Barrieren einer betrieblichen Umweltethik nach Meffert

Abbildung 28: Phasen der Business-NGO Partnerschaft

Abbildung 29: Vorteile der Business-NGO Partnerschaft

Abbildung 30: Treiber einer nachhaltigen Unternehmensentwicklung

Abbildung 31: Dimensionen der Triple Bottom Line

Abbildung 32: Dreiteilung des Nachhaltigkeitsberichts

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Stakeholdertypen und -strategien

Tabelle 2: Stakeholder und Stakeholderansprüche

Tabelle 3: Themenbereiche der Marketingethik

Tabelle 4: Produktkategorien des wohlfahrtsbedachten Marketings

Tabelle 5: Strategieempfehlungen der Produktkategorienmatrix

Tabelle 6: Ökonomische Effekte unternehmerischer Nachhaltigkeit

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

0 Einführung

0. 1 Problemstellung und Zielsetzung

Schwarzgeldaffären, Korruptionsskandale, Massenentlassungen, surreale Managergehälter und Marketinglügen sind nur einige Beispiele für die Unmoral unserer Zeit. Angesichts augenscheinlicher Diskrepanzen zwischen der Wirtschaftsrealität und der ethischen Vertretbarkeit diverser ökonomischer Praktiken entbrennt immer wieder die Diskussion um Moral und Verantwortung im Bereich Wirtschaft. Längst ist diese keine fachinterne, sondern vielmehr eine öffentlich geführte Debatte. Der Ruf der Wirtschaft in der Gesellschaft ist geschädigt. Die Konsequenz ist, dass das Thema Wirtschaftsethik zu immer größerer Bedeutsamkeit für Unternehmen heranreift. Auf lange Sicht werden Unternehmen, die sich nicht zur Ethik bekennen, nicht mehr zukunftsfähig sein.

Trotz umfassender Literatur zum Thema Wirtschafts- und Unternehmensethik und Fortschritten in deren Umsetzung ist Ethik bis heute kein Standard in der Ökonomie. Die Theorie scheint der Praxis keine überzeugenden Gründe dafür liefern zu können, dass ein Umdenken und die Bereitschaft zu Veränderungen notwendig sind. Offenbar fehlt es an Motivation, den Status quo zu verlassen. Verantwortungsträger entziehen sich der Diskussion mit dem Standpunkt, zahllose Sachzwänge ersticken jedes Bemühen im Keim und allein mit Menschlichkeit lassen sich keine Gewinne erzielen. Tatsache ist, dass die Performance eines Unternehmens weiterhin fast ausschließlich an Gewinn und Shareholder Value gemessen wird - soziale und ökologische Indikatoren gehen nicht in die Erfolgsrechnung ein. Tritt man in Dialog mit Unternehmen, kristallisiert sich oftmals die Ansicht heraus, ethisches Wirtschaften sei zwar eine hübsche Theorie, mit der harten Realität jedoch nicht in Einklang zu bringen. Argumente sind beispielsweise hohe Kosten, denen keine direkten Erlöse gegenüberstehen, eine Schwächung der Wettbewerbsposition und der damit verbundene Verlust von Marktanteilen sowie mangelnde

Kooperationsbereitschaft der Mitarbeiter. Auf der anderen Seite gibt es viele Unternehmer, die die Idee moralischen Wirtschaftens durchaus befürworten und bereit sind, sich ihrer ethischen Verantwortung zu stellen. Das Problem scheint in diesem Fall darin zu liegen, dass es an konkreten, praktisch umsetzbaren Ansätzen mangelt, die betriebswirtschaftliche Erfordernisse respektieren und zugleich Lösungen anbieten, die ethischen Richtlinien gerecht werden.

Ziel der Diplomarbeit ist es, die Relevanz der Wirtschaftsethik für die moderne Ökonomie zu veranschaulichen und ausgehend von theoretischen Ansätzen Anregungen für ein Konzept zur ganzheitlichen praktikablen Unternehmensethik zu liefern. Es wird vermittelt, dass gelebte ethische Normen eine notwendige Bedingung zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit einer Unternehmung darstellen.

Diese Arbeit richtet sich in erster Linie an Unternehmen, die bereit sind, ihre ethische Verantwortung innerhalb der Gesellschaft anzuerkennen und Wege suchen, diese im strategischen und operativen Bereich umzusetzen.

0.2 Vorgehensweise und Aufbau

Ausgangspunkt der Untersuchung ist eine umfassende Recherche wissenschaftlicher und journalistischer Literatur, welche den aktuellen Stand der Ethikdebatte im Bereich Wirtschaft, differenzierte Ansichten zum Thema sowie konkrete wirtschaftsethische Konzepte widerspiegelt. Auf Grundlage dessen werden eigene Überlegungen zu Problemfeldern in der Praxis angestellt, die in die Erarbeitung einer ganzheitlichen Unternehmenslösung münden.

Die Diplomarbeit gliedert sich im Wesentlichen in drei Teile. Anhand der Beleuchtung sozialer und ökologischer Veränderungen in den vergangenen Jahrzehnten wird im ersten Teil der Arbeit die Unentbehrlichkeit einer umfassenden wirtschaftsethischen Diskussion verdeutlicht. Es folgt eine Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Theorien anerkannter Vertreter der Wirtschaftsethik, um das ethische Wissen des Lesers zu vertiefen und für eine mehrdimensionale Sicht auf das Thema zu sensibilisieren. Ausgehend davon erfolgt im dritten Teil die Vorstellung eines Konzepts zur praktischen Unternehmensethik. Ziel ist es, Chancen und Problemfelder einer solchen aufzudecken sowie Anregungen zur Implementierung durch nähere Betrachtung verschiedener Anknüpfungspunkte im Unternehmen zu liefern.

0.3 Grundlegende Begriffe

0.3.1 Grundbegriffe der Ethik

Ethik

Das Wort Ethik, erstmals vom antiken Philosophen Aristoteles1 gebraucht, ist abgeleitet vom griechischen Ausdruck ethos und bedeutet wörtlich Gesinnung, Sitte. Ethik ist die Lehre von der Moral und beschäftigt sich als Teilgebiet der praktischen Philosophie kritisch mit dem menschlichen Handeln. Ihre Aufgabe besteht in der wissenschaftlichen Argumentation von Normen und Werten zum Zweck der Nachvollziehbarkeit und Legitimation. Bei der moralischen Beurteilung von Handlungen und Entscheidungen können verschiedene ethische Ansätze zugrunde gelegt werden. Die teleologischen Ethiken2 betrachten die Folgen des Handelns als ausschlaggebend für das moralische Urteil. Eine Handlung ist dann gut, wenn das Ziel dieser Handlung gut ist - ungeachtet der angewandten Mittel. Im Gegensatz dazu stehen die deontologischen Ethiken3, bei denen das Wesen der Handlung selbst ausschlaggebend ist - ungeachtet ihrer Folgen.

Ethisches Dilemma

Als ethisches Dilemma wird eine Entscheidungssituation bezeichnet, bei der mehrere gleichermaßen moralisch richtige Alternativen in Konflikt treten. In jedem Fall führt eine Entscheidung zur Verletzung eines Wertes.

Gewissen

Das Gewissen bezeichnet die innere Stimme eines Menschen und dient als individuelle moralische Instanz der Prävention amoralischer Handlungen beziehungsweise führt nach einer solchen Tat zum Überdenken, Zweifeln und Bereuen. Es kann autonom durch innere Überzeugung und Einsicht in die Richtigkeit, aber auch autoritär durch anerzogene Prinzipien geprägt sein4.

Der Moralphilosoph und Nationalökonom Adam Smith (1723-1790) beschreibt in seinem 1759 erschienenen Werk Theory of Moral Sentiments5 das Konstrukt des unparteiischen Zuschauers, der die Rolle des Gewissens übernimmt. Dieser überprüft Handlungen auf ihre moralische Rechtfertigung, indem er sie aus Sicht des von der Entscheidung Betroffenen betrachtet6. Ähnlich Kants Kategorischem Imperativ, „handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde"7, sollte die Handlung erst dann vollzogen werden, wenn sie auch aus Sicht der Gegenseite beziehungsweise Allgemeinheit als nachvollziehbar und gerecht bezeichnet werden kann. Das Gewissen ist demnach eng verknüpft mit der Empathie, der Fähigkeit des Menschen, sich in andere hineinzuversetzen.

Legalität und Legitimität von Handlungen

Legalität oder auch Gesetzlichkeit bezeichnet die Übereinstimmung einer Handlung mit dem geltenden positiven Recht. Legitimität hingegen basiert auf der Anerkennung der Rechtmäßigkeit einer Handlung durch andere Personen. Dabei muss die Handlung nicht zwingend mit dem Gesetz übereinstimmen.

Moral

Als Moral werden allgemein anerkannte Verhaltensnormen einer menschlichen Gemeinschaft verstanden, die sich über einen langen Zeitraum entwickelt haben und auf Tradition, Religion, Kultur und Erfahrungen beruhen. Sie regelt das Zusammenleben der Menschen jenseits der Gesetzgebung und schafft damit Orientierung und Sicherheit innerhalb der Gesellschaft.

Normen

Normen sind aus Werten abgeleitete, konkrete Handlungsanweisungen und dienen ihrer Verwirklichung. Sie erleichtern dem Menschen Entscheidungen, indem sie Handlungen als moralisch geboten oder verboten kennzeichnen.

Werte

Die Ziele moralischen Handelns bezeichnet man als Werte. Sie sind dem Menschen eine Orientierungshilfe im gemeinschaftlichen Zusammenleben. Als allgemein anerkannte Werte gelten in unserer Gesellschaft beispielsweise Freiheit, Ehrlichkeit, Respekt, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und vor allem die im ersten Paragraphen des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland verankerte Achtung vor der Menschenwürde.

Das folgende Schema veranschaulicht die Beziehung von Ethik, Werten und Normen anhand eines einfachen Beispiels:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Exemplarischer Zusammenhang der Begriffe Werte, Normen und Ethik

Unternehmensethik

Unternehmensethik stellt einen Spezialbereich der Wirtschaftsethik dar und befasst sich mit wirtschaftsethischen Fragestellungen in Bezug auf einzelne Unternehmen. Beleuchtet man die externe Umwelt, so beschäftigt sich die Unternehmensethik mit der Rolle des Unternehmens innerhalb der Gesellschaft, dem Beitrag zum Gemeinwohl sowie dem Verhalten gegenüber externen Anspruchsgruppen. Unternehmensintern geht es unter anderem um Fragen der Wertbekundung, der Unternehmenskultur und vorherrschenden Arbeitsbedingungen.

Verantwortung und Verantwortungsbewusstsein

Der Unternehmensethiker Krupinski definiert Verantwortung als „die persönliche Zuständigkeit jedes Menschen für die Folgen [...] eigenen wissentlichen und willentlichen Handelns"8. Wird sich der Mensch dieser Verantwortung bewusst, spricht man von Verantwortungsbewusstsein. Dieses wiederum umfasst die Dimensionen Verantwortungsfähigkeit und Verantwortungsbereitschaft. Verantwortungsfähigkeit ist die intellektuelle Voraussetzung für die moralische Beurteilung von Handlungen, während Verantwortungsbereitschaft die Grundlage ist, analog zu diesen Urteilen verantwortungsvoll zu handeln.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Dimensionen des Verantwortungsbegriffs nach Krupinski

Wirtschaftsethik

Die Notwendigkeit der ethischen Reflexion der Ökonomie ergibt sich aus ihrer enormen gesellschaftlichen und ökologischen Gestaltungsmacht. Wirtschaftsethik als Spezialdisziplin der Ethik beschäftigt sich mit der Analyse ökonomischer Handlungen und Entscheidungen in Hinblick auf ihre moralische Rechtfertigung mit dem Ziel, rationales mit sittlichem Handeln zu verbinden. Ihre Aufgabe besteht unter anderem in der Entwicklung eines moralischen Bewusstseins bei den Wirtschaftssubjekten, das es ihnen ermöglicht, ethisch fragwürdige Situationen zu erkennen, zu bewerten und zu lösen. Methodisch kann zwischen normativer und deskriptiver Wirtschaftsethik unterschieden werden. Der deskriptive Ansatz beschreibt das tatsächliche wirtschaftliche Handeln, während der normative Ansatz Verhaltensnormen entwirft und begründet sowie ökonomische Handlungen danach bewertet.

0.3.2 Grundbegriffe der Wirtschaftswissenschaften

Externe Effekte

Externe Effekte sind positive oder negative Auswirkungen ökonomischer Handlungen auf Unbeteiligte und führen zum Versagen des Marktmechanismus. Um positive externe Effekte handelt es sich, wenn die sozialen Erträge höher sind als die privaten Erträge beziehungsweise wenn neben privaten Erträgen auch soziale Erträge entstehen. Negative externe Effekte entstehen, wenn die sozialen Kosten wirtschaftlichen Handelns höher sind als die privaten Kosten. Vor allem bei der Nutzung natürlicher Ressourcen sind diese Nebenwirkungen zu beobachten.

Homo oeconomicus

Beim homo oeconomicus handelt es sich um das volkswirtschaftliche Modell eines idealtypischen Wirtschaftssubjektes. Erzeichnet sich durch eine umfassende Marktkenntnis, die Fähigkeit zur perfekten Informationsverarbeitung und durch Eigeninteresse als Handlungsmotiv aus. Alle Entscheidungen werden mit dem Ziel der Nutzenmaximierung auf Grundlage rein rationaler Überlegungen getroffen.

Gewinnprinzip

Hinter dem Gewinnprinzip verbirgt sich das unternehmerische Formalziel, Gewinne bei der ökonomischen Tätigkeit zu erzielen. Eine extreme Ausprägung des Gewinnprinzips stellt die betriebswirtschaftliche Zielvorstellung der Gewinnmaximierung dar.

Nachhaltigkeit

Die Vereinten Nationen erklärten „[a] sustainable development, which implies meeting the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs"9 auf der Generalversammlung von 1987 zu ihrem zentralen Leitprinzip. Unter dem Konzept der Nachhaltigkeit soll in dieser Arbeit allgemein die Erhaltung einer lebenswerten Umwelt für zukünftige Generationen bezogen auf die Dimensionen Ökologie, Soziales und Ökonomie verstanden werden.

NGO

NGO ist die Abkürzung für Nichtregierungsorganisationen10 und bezeichnet freiwillige Zusammenschlüsse von Menschen, die advokatorisch die Interessen anderer Gruppen vertreten. Sie werden dem sogenannten dritten Sektor zugerechnet und nehmen damit eine Sonderstellung neben den ersten beiden Sektoren Staat und Markt ein. Kennzeichnend sind ihr proaktiver transnationaler Charakter und ihre politische Unabhängigkeit. NGOs sind nicht an wirtschaftlichem Gewinn orientiert, sondern verfolgen primär moralische Ziele, v.a. in den Bereichen Gesundheit, Menschenrechte und Umwelt. Beispiele sind die Organisationen Médecins Sans Frontières, Unicef, Amnesty International, Greenpeace und WWF. NGOs operieren als Bindeglied zwischen Opfern, deren Interessen sie vertreten, Tätern bzw. Verantwortlichen, die sie anklagen, und der Öffentlichkeit, die durch die Arbeit der NGOs auf bestehende Missstände aufmerksam gemacht und mobilisiert wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Wirkungsbereich von NGOs

Ökoeffizienz und Ökoeffektivität

Hinter dem Begriff Ökoeffizienz verbirgt sich eine betriebswirtschaftliche Zielgröße. Dabei geht es um Maximierung des wirtschaftlichen Wertes eines Produktes bei gleichzeitiger Reduzierung der negativen Auswirkungen auf die Umwelt und des Ressourcen- und Energieeinsatzes über den gesamten Produktlebenszyklus.

Ökoeffektivität beschreibt hingegen ein nachhaltiges Wirtschaftsprinzip, das die ökologische Gesamtwirkung eines Unternehmens betrachtet. Produkte und Abfallstoffe bei der Produktion sind so zu konstruieren, dass sie vollkommen in biologische Kreisläufe zurückgeführt oder in technischen Kreisläufen gehalten werden können, ohne die Umwelt zu belasten. Beispiele für Ökoeffektivität sind biologisch abbaubare Produkte, erneuerbare Energien und Recycling.

Shareholder und Shareholder-Value-Ansatz

Als Shareholder bezeichnet man die Aktionäre beziehungsweise die Anteilseigner eines Unternehmens. Sie bilden eine wichtige Anspruchsgruppe. Nach dem Shareholder-Value- Ansatz ist die Unternehmensstrategie darauf ausgerichtet, die Interessen der Shareholder zu befriedigen, d.h., den Unternehmenswert zu steigern und das Aktionärsvermögen zu maximieren.

Stakeholder und Stakeholder-Ansatz

Als Stakeholder bezeichnet man die Interessen- bzw. Anspruchsgruppen eines Unternehmens. Sie haben entweder Einfluss auf das Unternehmen oder werden von dessen Handlungen und Entscheidungen beeinflusst11. Man unterscheidet zwischen internen Stakeholdern wie Mitarbeiter, Betriebsrat und Eigentümer und externen Stakeholdern wie Kunden, Konkurrenten und Gesellschaft. Verfolgt ein Unternehmen den Stakeholder-Ansatz, berücksichtigt es die verschiedenen Ansprüche seiner Bezugsgruppen bei Unternehmensentscheidungen und ist um einen Interessenausgleich bemüht.

Unsichtbare Hand

Adam Smith (1723-1790), schottischer Philosoph und Nationalökonom, prägte den Begriff der invisible hand des funktionsfähigen Marktes. Diese Metapher steht für den Marktmechanismus, der dazu führt, dass durch Eigennutz motivierte Handlungen der Wirtschaftssubjekte in gesamtwirtschaftlich positive Resultate umgewandelt werden.

1 Ursachen der modernen wirtschaftsethischen Diskussion

Tendenzen gesellschaftlichen Wandels, die zahllosen Herausforderungen der Globalisierung sowie die akute weltweite Umweltproblematik machen die Notwendigkeit einer intensiven Auseinandersetzung mit wirtschaftsethischen Fragestellungen deutlich. All diese Entwicklungen erlauben es nicht länger, die Wirtschaft isoliert von ihrer ethischen Verantwortung zu betrachten. Dieses Kapitel beleuchtet ebendiese Entwicklungen und erläutert ihren Einfluss auf die Ökonomie. Es wird ersichtlich, dass ein Umdenkprozess bei den wirtschaftlichen Akteuren notwendig ist, um in diesem veränderten Umfeld zukunftsfähig zu bleiben.

1.1 Die Gesellschaft im Wandel

1.1.1 Die Macht der öffentlichen Meinung

Die Menschen sind dank ihres hohen Bildungsniveaus und Wissensstandes heutzutage in der Lage, sich zu nahezu allen gesellschaftlichen Themen eine Meinung zu bilden, Zusammenhänge zu verstehen und sich kritisch zu äußern. Begünstigt durch den technologischen Fortschritt im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien ist nicht nur der Zugang zu Informationen und Wissen extrem erleichtert worden, ebenso sind die Transaktionskosten drastisch gesunken. Ergebnis dieser Entwicklung ist eine schnelle Verbreitung von Wissen um Missstände und daraus resultierend ein verstärkter öffentlicher Druck auf Verantwortliche. Aus passiven werden zunehmend aktive Bürger.

Mit den Protestbewegungen Ende der sechziger Jahre scheint das Selbstbewusstsein der Bevölkerung gegenüber dem staatlichen und wirtschaftlichen Sektor stark gewachsen zu sein. Umweltkatastrophen wie Brent Spar12 und Tschernobyl13 sowie zahlreiche Lebensmittelskandale wie BSE, Gammelfleisch und Dioxin-verseuchte Eier führen in den vergangenen Jahrzehnten zu einer verstärkten öffentlichen Aufmerksamkeit und Diskussion sowie zu einem gestiegenen ökologischen Bewusstsein und Misstrauen gegenüber Unternehmen. Ebenso nehmen Werte wie Vertrauen und Verantwortung in unserer Gesellschaft eine immer größere Rolle ein, wie die Gesellschaft für Konsumforschung in einer Umfrage zum Bedeutungswandel von Werten im August 2010 herausfand. Demnach sind mehr als 50 Prozent der Deutschen der Ansicht, „dass es aktuell wichtiger wird, sich seiner Verantwortung zu stellen"14.

Auch die Rolle des Konsumenten hat sich entscheidend gewandelt. Aus einem manipulierbaren Objekt wurde ein machtvoller Stakeholder mit einer gestiegenen Sensibilität für unethisches Verhalten. Durch sein Kaufverhalten hat er direkten Einfluss auf den Erfolg eines Unternehmens - bekannt gewordene unmoralische Geschäftspraktiken bestraft er mit Anbieterwechsel. Dem Unternehmen entstehen dann nicht nur Gewinnverluste, sondern auch langfristige Einbußen durch nahezu irreparable Imageschäden. In der Überflussgesellschaft spielen deshalb immaterielle Aspekte eine immer größere Rolle bei der Kaufentscheidung und Beurteilung eines Unternehmens. „Es wird vermehrt nach sozialer und ökologischer Verantwortung gefragt: [...] Konsumenten wollen Produkte kaufen, die unter ethisch vertretbaren Bedingungen produziert und gehandelt wurden."15 Werden Unternehmen diesem Kundenbedürfnis nicht gerecht, werden sie langfristig nicht überleben können.

1.1.2 Die Rolle der Medien

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts bestimmen vor allem Massenmedien wie Printmedien, Fernsehen und Hörfunk die Medienlandschaft. Ihre Aufgabe besteht in der Verbreitung von Inhalten an ein großes räumlich verstreutes Publikum. Aufgrund des gestiegenen gesellschaftlichen Interesses für wirtschaftliche Themen richten die Medien ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf unternehmerisches Handeln. In ihrer Rolle als Berichterstatter decken sie Skandale auf, thematisieren und dokumentieren Missstände und interpretieren und bewerten das Verhalten von Unternehmen - tendenziell negativ. Unternehmen stehen zunehmend auch unter medialem Druck und sind gezwungen, ihr Handeln öffentlich zu rechtfertigen.

Neben den klassischen Medien erlebten seit Mitte der 90er Jahre vor allem die sogenannten neuen Medien einen Boom. Das Internet, das die globale Vernetzung der Menschen realisiert, sorgte für eine weltweite Zunahme an Kommunikation und ermöglichte die schnelle Verbreitung von Informationen über große räumliche Distanzen. Mit dem Aufkommen der sozialen Medien veränderte sich die Rolle der Medien von einer einseitigen Information zu einer Zwei-Wege-Kommunikation. Internetnutzer sind nicht länger nur passive Konsumenten, sondern werden durch Blogs, Social Networks und Foren selbst zu aktiven Produzenten. Es ist ihnen möglich, sich selbstständig zu organisieren und ihre Meinung ungehindert zu verbreiten. Für Unternehmen ergibt sich aus der permanenten Beobachtung durch die Medien die Konsequenz, dass ein direktes Feedback auf ihre Aktivitäten erfolgen kann, mit dem es umzugehen gilt.

1.1.3 Aufstieg der NGOs

Die Zahl der Nichtregierungsorganisationen ist in den letzen Jahrzehnten stark gestiegen. Als Organisationen des dritten Sektors artikulieren sie als freiwillige, selbstorganisierte Vereinigungen die Interessen anderer Gruppen und übernehmen damit gesellschaftliche Verantwortung.

Ihre Aufgaben bestehen in der Aufklärung der Öffentlichkeit über Missstände, in der Bereitstellung von Expertenwissen sowie in dem Entwurf von Lösungsvorschlägen. Eine weitere Funktion kommt den NGOs bei der Belehrung von Konsumenten hinsichtlich der Auswirkungen ihres Konsumverhaltens zu. Zur Erfüllung ihrer Aufgaben bedienen sie sich verschiedener Instrumente. Neben der Öffentlichkeitsarbeit, Informationskampagnen, dem Ergreifen rechtlicher Mittel und Protestaktionen mit hoher medialer Aufmerksamkeit führen NGOs auch eigene Hilfsprojekte durch.

Einst als radikale Aktivisten verachtet, entwickelten sich die NGOs in den letzten Jahren zu ernstzunehmenden Vertretern berechtigter Ansprüche. Der Wandel vom protestorientierten zum lösungsorientieren Verhalten16, die Professionalisierung ihrer Strukturen und Mittel sowie ihre höhere Kooperationsbereitschaft führten zu stetig steigender Akzeptanz seitens der Öffentlichkeit, des Staates und der Wirtschaft. Der Zuspruch der Öffentlichkeit resultiert vor allem aus der beständigen Annäherung der jeweiligen Wertvorstellungen und trägt zur Legitimation der NGOs bei. Nichtregierungsorganisationen werden auch in zunehmendem Maße als Berater bei politischen Verhandlungen und Konferenzen hinzugezogen. Ihren gestiegenen Einfluss verdanken sie vor allem ihrer hohen Fachkompetenz und ihrem spezifischen Wissen, das sie durch die Beauftragung unabhängiger wissenschaftlicher Studien stetig vertiefen. Weitere Erfolgsfaktoren werden in der engen Zusammenarbeit mit den traditionellen Medien sowie der effektiven Nutzung moderner Kommunikationsmittel gesehen.

Es ist den Nichtregierungsorganisationen in den vergangenen Jahren gelungen, die Bevölkerung für ihre Themen zu sensibilisieren und zu mobilisieren. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Mitbestimmung der öffentlichen Agenda und der gesellschaftlichen Meinungsbildung und haben durch ihre Arbeit zu neuen gesetzlichen Bestimmungen geführt. Im Zeitalter der Globalisierung und abnehmender Bedeutung von Nationalstaaten sind es vor allem die transnational agierenden NGOs, denen die Kompetenz zur Lösung globaler Probleme attestiert wird.

Unternehmen können nun selbst die Rolle definieren, die sie künftig zu den NGOs einnehmen werden. Sie haben die Möglichkeit, als Gegenspieler aufzutreten und im Falle der Identifizierung unethischer Geschäftspraktiken Protestaktionen, Boykotte und Anzeigen zu riskieren, was zu Imageschäden und langfristigen ökonomische Einbußen führt. Oder sie entscheiden sich dazu, Nichtregierungsorganisationen als Dialogpartner wahrzunehmen, die sie bei der Umsetzung und Überwachung sozial- und umweltverträglicher Maßnahmen unterstützen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass auf Unternehmen ein enormer Druck durch Öffentlichkeit, Medien und NGOs lastet. Diesem Druck gewachsen zu sein, ist eine Grundvoraussetzung zur Sicherung der Überlebensfähigkeit eines Unternehmens. Schon deshalb ist es erstrebenswert, den Interessengruppen keine Angriffspunkte im Sinne von unethischem Verhalten zu liefern, sondern die eigene gesellschaftliche Verantwortung umfassend wahrzunehmen.

1.2 Wirtschaftliche Globalisierung

Wir leben im Zeitalter der Globalisierung. Internationalen Handel hat es bereits vor mehreren tausend Jahren gegeben, doch waren die zwischenstaatlichen Verflechtungen noch nie so zahlreich und intensiv wie in heutiger Zeit. Die Weltwirtschaft ist geprägt von globaler Zusammenarbeit, ermöglicht durch die hochgradige Vernetzung mittels weltumspannender Informations- und Kommunikationstechnologien. Wirtschaftliche Transaktionen und globale Interdependenzen nehmen beständig zu und erhöhen die Komplexität des Systems.

Für das einzelne Unternehmen bedeutet Globalisierung sowohl eine große Chance als auch eine enorme Herausforderung. Der Möglichkeit zur Erschließung globaler Absatzmärkte stehen globaler Konkurrenzkampf und ein verschärfter Wettbewerb gegenüber. Mit dem hohen Innovationspotenzial global verfügbarer Intelligenz durch die Akquise internationaler Arbeitskräfte geht auch das Risiko interkultureller Konflikte einher. Kulturelle Interaktion bedeutet das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Lebensweisen, Wertvorstellungen und Ansichten und macht die Gestaltung einer gemeinsamen Basis erforderlich17. Durch die Ausweitung des Einflussbereiches vergrößert sich gleichzeitig der Verantwortungsbereich eines Unternehmens. Es ist nunmehr verantwortlich für Prozesse, die sich am anderen Ende der Welt abspielen. Man denke dabei beispielsweise an die Arbeitsbedingungen in ausländischen Produktionsstätten und den Einfluss auf Natur und Gesellschaft. Das internationale Geschäftsgebaren, das von den globalisierten Medien unentwegt beobachtet wird, beeinflusst die Qualität der Geschäftsbeziehungen, den monetären und nicht­ monetären Unternehmenserfolg und das Unternehmensimage entscheidend und sollte sich daher unbedingt an ethischen Prinzipien orientieren. Ein „verantwortliches, tolerantes und zugleich innovatives Management in globalen Umwelten"18 ist erforderlich.

Aufgrund der kulturellen Diversität, der globalen Ausweitung des Verantwortungsbereiches von Unternehmen und der gestiegenen öffentlichen Aufmerksamkeit muss der wirtschaftlichen Globalisierung eine ethische Globalisierung folgen. Eine solche Rahmenordnung trüge dazu bei, die Globalisierungsrisiken abzumildern und die Zahl der sogenannten Globalisierungsverlierer zu verringern.

1.3 Umweltproblematik

Die Weltbevölkerung sieht sich seit den siebziger Jahren mit einer akuten Umweltproblematik konfrontiert. Diese beängstigende Tatsache ist die „Folge eines rücksichtslos fortschreitenden Wirtschaftswachstums"19 und den gravierenden negativen externen Effekten desWirtschaftens.

Bereits im Jahre 1972 veröffentlichte der Club of Rome, eine 1968 gegründete „Vereinigung von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik aus allen Regionen unserer Erde [...] mit dem Ziel, sich für eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft der Menschheit einzusetzen"20, den Bericht Die Grenzen des Wachstums. Dabei handelte es sich um eine wissenschaftliche Studie zum Zustand der Welt einschließlich Zukunftsprognosen. Das Projektteam rund um Dennis L. Meadows stützte seine Aussagen auf die Daten des von Prof. Jay W. Forrester entwickelten Weltmodells, das die korrelierenden Trends Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Ausbeutung der Rohstoffreserven und Zerstörung des Lebensraums untersuchte21. Die Forscher kamen schließlich zu folgendem Ergebnis: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht [...]. Es erscheint möglich, die Wachstumstendenzen zu ändern und einen ökologischen und wirtschaftlichen Gleichgewichtszustand herbeizuführen [...]. Je eher die Menschheit sich entschließt, diesen Gleichgewichtszustand herzustellen, und je rascher sie damit beginnt, um so größer sind die Chancen, daß sie ihn auch erreicht."22

Auf den Bericht folgten kontroverse Reaktionen in einem Spektrum von verachtender Gleichgültigkeit bis hin zu Weltuntergangsangst. In jedem Fall erreichte der Club of Rome sein Ziel, eine notwendige Diskussion auch auf politischem Parkett anzuregen und ein Bewusstsein für die globalen ökologischen Folgen des Fortschrittsglaubens zu wecken.

Ein weiterer großer Schritt zur Anerkennung der Ernsthaftigkeit des Umweltproblems gelang dem US-Politiker Al Gore mit seinem richtungsweisenden Dokumentarfilm An Inconvenient Truth23 im Jahr 2006, für den er unter anderem ein Jahr später mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde. Der Film klärt über den anthropogenen Treibhauseffekt und die Auswirkungen der globalen Erderwärmung auf und schockierte Zuschauer auf der ganzen Welt. Al Gore erkannte: "This is really not a political issue so much as a moral issue [...] we have to act together to solve this global crisis"24 und rief zum weltweiten, entschlossenen Klimaschutz auf.

Die Konsequenzen der durch Menschenhand verursachten Umweltzerstörung sind bedrohlich. Neben der globalen Erwärmung und dem damit verbundenen Meeresspielgelanstieg treten vermehrt Extremereignisse wie Überschwemmungen, Dürren und Wirbelstürme auf, die sich nicht nur verheerend für die Zivilisation, sondern auch folgenschwer auf die landwirtschaftliche Produktion auswirken. Die Abnahme der Biodiversität durch die Ausrottung zahlreicher Arten und die fortschreitende Desertifikation sind weitere zu beobachtende Symptome. Langfristig gesehen wird die Verknappung wesentlicher Ressourcen wie Rohstoffe, fossile Energieträger und Wasser zu weitreichenden Veränderungen von Wirtschaft und Gesellschaft führen. Ferner ist zu erwarten, dass sich die ökologischen Herausforderungen im Angesicht des zunehmenden Wohlstandsbedürfnisses der bevölkerungsreichen Schwellenländer zukünftig noch verschärfen.

Die Schwierigkeit zur Lösung des Umweltproblems liegt vor allem in der Komplexität des Systems. Jede Veränderung wirkt sich auf andere Faktoren aus, sodass die tatsächlichen Resultate nur schwer berechenbar sind. Dennoch ist es unabdingbar, dass umgehend gezielte Maßnahmen ergriffen werden, um die Folgen des Klimawandels zu bekämpfen und weitere negative externe Effekte des Wirtschaftens zu verhindern.

Der Prozess globalen Umdenkens muss weiter voranschreiten und die internationale Zusammenarbeit weitaus effektiver werden. Nationalstaatliche Interessen dürfen der Zukunft der Weltbevölkerung nicht länger entgegenstehen.

Der Wirtschaft kommt im Kampf gegen den Klimawandel eine entscheidende Rolle zu. Nachhaltigkeit muss in den Zielkanon der Unternehmen aufgenommen werden und durch Maßnahmen wie die Reduktion der C02-Emissionen, den Ausbau und Einsatz grüner Technologien, Umweltschutz und Bemühungen zur Steigerung von Ökoeffizienz und Ökoeffektivität umgesetzt werden. Eine langfristige Umwandlung der Wirtschaft ist unumgänglich. Bundesumweltminister Norbert Röttgen ruft dazu auf, diese „Umwandlung alsWachstumsstrategie"25 zu begreifen.

2 Wirtschaftsethische Ansätze des späten 20. Jahrhunderts

2.1 Das Verhältnis von Wirtschaft und Ethik

Bereits in der Antike beschäftigten sich Philosophen wie Platon und Aristoteles mit dem Verhältnis von Ökonomie und Ethik. Im Verlauf der Wirtschaftsgeschichte kristallisierten sich verschiedene Ansichten über die Verflechtung der beiden Wissenschaften heraus, die im Folgenden umrissen werden. Anschließend erfolgt die Vorstellung zweier moderner Theorien zur Wirtschaftsethik. Es handelt sich dabei um die Ethische Ökonomie von Peter Koslowski und die Integrierte Wirtschaftsethik von Peter Ulrich.

Die deutsche zeitgenössische Philosophin Annemarie Pieper beschreibt drei Haltungen, die zur Klärung des Zusammenhangs von moralischen und wirtschaftlichen Handlungen eingenommen werden können. Der erste Ansatz zur Bewertung des Verhältnisses von wirtschaftlichen und ethischen Handlungen geht von der These aus, dass Wirtschaftlichkeit und Moralität zwei Aspekte derselben Handlungsstruktur darstellen26. Der ethische und der ökonomische Wert einer Handlung sind also identisch. Diese Sichtweise findet man bei den Klassikern des 18. Jahrhunderts und ihrem Hauptvertreter, dem schottischen Nationalökonom Adam Smith. Die Motivation für ökonomisches Handeln liegt in den Augen der Klassiker in der Verfolgung des Eigeninteresses des Menschen begründet. Die unsichtbare Hand des Marktes führt dazu, dass die egoistischen von Selbstinteresse geleiteten Handlungen zu ökonomisch effizienten gesamtwirtschaftlichen Resultaten führen27. Ökonomisches Handeln ist demzufolge auch moralisch gerechtfertigt und bedarf keiner gesonderten ethischen Betrachtung.

Eine zweite Sichtweise geht davon aus, dass moralische und wirtschaftliche Handlungen „zwei voneinander getrennte, selbständige Klassen von Handlungen [bilden], die unabhängig voneinander untersucht werden können"28. Vertreter dieses Ansatzes sind zum Beispiel die Neoklassiker des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die Ökonomie als Wissenschaft soll nach dem Vorbild der Naturwissenschaften wertfrei betrieben werden. Da wirtschaftliches Handeln damit frei vom Erfordernis moralischer Rechtfertigung ist, werden Ethik und Ökonomie von den Neoklassikern als zwei voneinander getrennte Disziplinen betrachtet.

Einer dritten Auffassung zufolge bilden wirtschaftliche Handlungen „eine eigene Klasse von Handlungen, die aber gleichwohl dem Prinzip der Moralität verpflichtet sind"29. Innerhalb dieser Position sind wiederum drei verschiedene Strömungen auszumachen. Die Moralisierung der Ökonomie verfolgt das Ziel eines Wirtschaftens innerhalb ethischer Grenzen. Dabei wird ethisch gegen wirtschaftliche Zielsetzungen wie das Gewinnprinzip argumentiert und „die ethische Legitimierung einer ökonomischen Handlung der Frage nach der wirtschaftlichen Effizienz grundsätzlich vorgeordnet"30. Beim Versuch der Ökonomisierung der Ethik steht die Frage nach der ökonomischen Sinnhaftigkeit moralischen Handelns im Vordergrund. Moralisches Handeln wird ökonomisch begründet. Die Verbindung von Ökonomie und Ethik bildet die dritte Strömung. Vertreter dieser Ansicht beschreiben die Wechselwirkungen zwischen Ökonomie und Ethik und „gehen von der Möglichkeit eines kooperativen und komplementären Verhältnisses der beiden Wissenschaften"31 aus. Ziel ist es, „die ethischen Prinzipien eines guten Lebens mit den Ansprüchen des Wirtschaftshandelns auf Effizienz, Nutzenwachstum und Wertsteigerung zu verbinden"32.

2.2 Ethische Ökonomie von Peter Koslowski „Die wirtschaftliche Entwicklung macht eine neue Grundlegung der Wirtschaftsethik und eine Theorie der Ethischen Ökonomie erforderlich."

Peter Koslowski33, Doktor der Philosophie und Diplom-Volkswirt, wurde 1952 in Göttingen geboren. Von 1987 bis 2004 arbeitete er an der Universität Witten/ Herdecke Professor für Philosophie und Politische Ökonomie. Bis 2001 wirkte er zudem als Gründungsdirektor des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover und dessen Centrum für Ethische Ökonomie und Wirtschaftskultur. Koslowski ist Vorsitzender des Forums für Wirtschaftsethik und Wirtschaftskultur der Deutschen Gesellschaft für Philosophie e.V. und erhielt 2001 das Bundesverdienstkreuz. Gegenwärtig lehrt er u.a. Philosophie des Managements und der Organisation an der Vrije Universität Amsterdam. Seine 1988 erschienene Publikation Prinzipien der Ethischen Ökonomie gilt bis heute als einer der bedeutsamsten Beiträge zur Wirtschaftsethik.

2.2.1 Verhältnis von Ökonomie und Ethik

Während die ökonomische Theorie das Selbstinteresse des Menschen als Motivation für sein Handeln erkennt, gelten Tugendhaftigkeit und das Streben nach dem Guten als Handlungsmaximen der ethischen Theorie. In beiden Disziplinen stehen der vernunftbegabte Mensch und sein Handeln im Mittelpunkt der Betrachtungen. Ökonomie und Ethik sind für Koslowski aus diesem Grund eng miteinander verflochten und müssen „sich zu einer umfassenden Theorie rationalen Handelns vereinigen"34. Diese Theorie nennt er Ethische Ökonomie, eine Integration beiderWissenschaften.

2.2.2 Situationsanalyse und Aufgabe der Wirtschaftsethik

Koslowski benennt drei Gründe für das wiedererwachte Interesse an der Wirtschaftsethik35:

1. Wachsende Nebenwirkungen des Wirtschaftshandelns

Mit der zunehmenden Macht des Menschen über die Umwelt und sein soziales Umfeld treten vermehrt negative Nebenwirkungen auf, welche von der Wirtschaftsethik umfassend berücksichtigt und minimiert werden müssen.

2. Wiederentdeckung des Menschen

Die Tendenz zur stärkeren Beachtung des Menschen als Gegenstand der Wirtschaftswissenschaften - bedingt durch die Entwicklung von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft - erfordert eine wirtschaftsethische Auseinandersetzung.

3. Normative Durchdringung der Wirtschaft als Komplement ihrer Ausdifferenzierung Die zunehmende Entfremdung der Wirtschaft von anderen gesellschaftlichen Dimensionen wie Kultur, Politik und Religion führen zum Identitätsverlust und zu einer Sinnsuche der Ökonomie. Diese soll die Wirtschaftsethik unterstützen, indem sie unter anderem eine gemeinsame Werteorientierung ausarbeitet.

2.2.3 Anliegen und Systematik der Ethischen Ökonomie

Die Ethische Ökonomie bzw. die Wirtschaftsethik ist der Entwurf einer Theorie wirtschaftlichen Handelns als Einheit von Ethik, Ökonomie und Politik.

Koslowski vertritt die These, dass unethisches Verhalten zum Versagen des Marktmechanismus führt, während ethisches Handeln dieses korrigieren kann. Den Ausgangspunkt seiner Theorie bildet die Auseinandersetzung mit dem Paradox »private vices -public benefits« des niederländischen Sozialtheoretikers Bernard Mandeville (1670-1733). Dieses besagt, dass das durch Selbstinteresse motivierte Handeln der Wirtschaftssubjekte durch die unsichtbare Hand des Marktes automatisch zu Effizienz als positive Nebenwirkung führe. Ethik sei deshalb überflüssig, da sich nichtethisches Verhalten von selbst in gesellschaftlich erwünschtes Verhalten umwandle. Koslowski wendet sich gegen diese Theorie, die seiner Auffassung nach nur unter idealen Bedingungen Gültigkeit besitzt, welche in der realen Marktwirtschaft nicht anzutreffen sind36 und entwirft die Antithese: „Ethik als Wollen und Tun des Guten fördert entgegen Mandevilles Überzeugung auch im Markt das ökonomisch Gute.“37

Koslowski erläutert seine These anhand eines Beispiels aus der Wirtschaftspraxis und beschreibt damit einen Fall von Ökonomieversagen: Vertragsgeschäfte sind mit einer gewissen Unsicherheit auf beiden Seiten belastet, da sich die Vertragspartner nicht sicher sein können, ob die Regeln vom jeweils anderen eingehalten werden. Diese Unsicherheit verursacht Kosten der Kontrolle und Sanktionierung durch das Recht, sogenannte Transaktionskosten. Diese sind ökonomisch unnötig, da sie sich durch gegenseitiges Vertrauen in die Einhaltung des Vertrages erübrigen würden. Freiwilliges ethisches Verhalten führt über die Senkung derTransaktionskosten und damit der gesamtwirtschaftlichen Kosten zur Erhöhung der Wohlfahrt der Gesellschaft38. Koslowski zeigt mit diesem Beispiel, dass Ethik keinesfalls überflüssig, sondern als Korrektiv von Ökonomieversagen zu verstehen ist.

Darauf aufbauend beschreibt er den Fall des Ethikversagens. Dieses tritt ein, da der Anreiz zum streng moralischen Handeln unabhängig vom Verhalten anderer Wirtschaftsteilnehmer relativ gering ist. Allein die Religion kann dann als Korrektiv von Ethikversagen fungieren, so Koslowski39.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wirtschaftsethik setzt in Koslowskis Modell beim Ökonomieversagen an und hat die Aufgabe, allgemein gültige ethische Richtlinien im Bewusstsein der Menschen zu verankern, damit Unsicherheitsmomente zu minimieren und die Anreize für individuelles moralisches Verhalten zu stärken.

2.2.4 Kritik

Peter Koslowski gilt als einer der führenden Wirtschaftsethiker der Gegenwart. Mit seinem Buch Prinzipien der Ethischen Ökonomie gelang ihm ein Grundlagenwerk der modernen Wirtschaftsethik, das sich besonders durch die Überzeugungskraft der ökonomischen Begründung der Notwendigkeit von Ethik von anderen Beiträgen unterscheidet. Gerade diese ökonomisch messbaren Argumente bergen jedoch die Gefahr, dass ethisches Verhalten nur aus wirtschaftlichem Kalkül in Betracht gezogen wird. Koslowski selbst weist auf diesen Punkt hin, indem er schreibt, „daß Unternehmensethik wirtschaftlichen Zwecken förderlich sein kann und soll, daß sie aber niemals allein aus diesen Zwecken begründet und niemals vollständig für Erwerbszwecke instrumentalisiert werden darf."40 Ein weiterer kritischer Punkt wird in seiner These Religion als Korrektiv für Ethikversagen gesehen41. Die Sicht, dass religiöser Glaube allein im Stande sei, ausreichend Motivation für ein moralisches

Leben zu geben, wirkt eindimensional. Jeder Mensch greift auf eine Vielzahl individueller Motivationsfaktoren für sein Handeln zurück - und Religion kann dabei nur einer von vielen sein. Weitere wären beispielsweise die Einsicht in die Richtigkeit moralischen Handelns und ihre Bedeutsamkeit für das gesellschaftliche Zusammenleben, Aspekte der Erziehung und Lebenserfahrung oder gewisse interne und externe Anreize.

2.3 Integrative Wirtschaftsethik von Peter Ulrich „Um auf dem Markt bestehen zu können, müssen Unternehmen zwar Gewinne erzielen, aber keinesfalls Gewinnmaximierung betreiben."

Dr. Peter Ulrich, 1948 in Bern geboren und studierter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, erhielt 1987 die Professur für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen und hatte von 1989 bis zu seiner Emeritierung im Juli 2009 die Leitung des dortigen Instituts für Wirtschaftsethik inne. Sein vieldiskutiertes, hoch angesehenes Werk Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie, das durch ausgereifte Überlegungen und Überzeugungskraft besticht, gilt als wichtiger Beitrag zur wirtschaftsethischen Diskussion.42

2.3.1 Menschenbild und Moral

Bei der Beschreibung der Natur des Menschen orientiert sich Ulrich an der Philosophie Immanuel Kants, der dem Menschen Willens- und Handlungsfreiheit bescheinigt. Aus dieser Autonomie erwächst die Moralität, definiert als die Fähigkeit, die eigene Existenz, die Umwelt und Handlungsalternativen zu reflektieren und das eigene Verhalten sowie das Verhalten anderer moralisch zu beurteilen. Die Einsicht zum moralischen Handeln kann dabei nur dem guten Willen des Menschen entstammen und keiner äußeren Instanz43. Ulrich unterstellt dem Menschen das Bemühen um ein moralisches Leben aufgrund seines Wunsches nach „Selbstachtung ebenso wie nach Zugehörigkeit zu einer - durch moralische Verbindlichkeiten zusammengehaltenen - sozialen Gemeinschaft"44. In der Natur des Menschen liegen neben dem guten Willen und moralischen Ansprüchen an sich selbst und seine Mitmenschen allerdings auch egoistische Neigungen, die gelegentlich zu amoralischen Handlungen führen. Diese Widersprüchlichkeit begründet das Erfordernis der Ethik.

2.3.2 Situationsanalyse und Aufgabe der Wirtschaftsethik

Die Grundlage seines kritischen Ansatzes bildet bei Peter Ulrich die Erkenntnis, dass die moderne Marktwirtschaft ethisch-vernünftiges Wirtschaften vermissen lässt45. Es bestehen Zweifel daran, dass die Ökonomie ihre Aufgabe der Lebensdienlichkeit ausreichend erfüllt. In Folge dessen entsteht bei vielen Menschen das „Bedürfnis nach einer grundlegenden Neuorientierung des wirtschaftlichen Fortschritts und nach der vermehrten ethisch­praktischen Einbindung der Marktwirtschaft"46. Die Aufgabe der Wirtschaftsethik besteht für Ulrich folglich nicht nur in einer korrektiven Anwendung auf reale Missverhältnisse, sondern vielmehr in einer vorbehaltlosen „kritische[n] Grundlagenreflexion der ökonomischen Vernunft"47 selbst. Ziel dieser Verfahrensweise ist die „richtige Verhältnisbestimmung zwischen effizienter Wirtschaft und freiheitlich-demokratischer Gesellschaft"48 in lebensdienlicher Weise.

2.3.3 Anliegen und Systematik der integrativen Wirtschaftsethik

Kernpunkt des Konzepts der integrativen Wirtschaftsethik, einer „philosophische Vernunftethik des Wirtschaftens"49, ist die Aufforderung zur konsequenten Hinterfragung der reinen ökonomischen Rationalität, zum Beispiel des Gewinnprinzips oder des Shareholder-Ansatzes, auf ihre ethische Rechtfertigung. Der integrative Ansatz verfolgt das Ziel, „einen systematischen Beitrag zur Bildung mündiger Wirtschaftsbürger [zu] leisten"50 und eine Perspektive für eine lebensdienliche Gestaltung des Wirtschaftens aufzuzeigen. Er ist bestrebt, den Menschen eine ethisch vernünftige „Orientierung im politisch­ökonomischen Denken"51 zu sein und ist dementsprechend nicht als Handbuch zur praktischen Problemlösung zu verstehen.

Ulrichs integrative Wirtschaftsethik baut auf vier Leitideen auf, die in vier Teilen abgehandelt und im Folgenden skizziert werden. Das abgebildete Schema dient der zusätzlichen Veranschaulichung.

Ausgangspunkt bildet die gründliche Auseinandersetzung mit dem Moralbegriff, die neben der Klärung der menschlichen Natur auch die Würdigung historisch-vernunftethischer Philosophien wie die Adam Smiths oder Immanuel Kants umfasst. Daraus entwickelt Ulrich die Basis für die drei Grundaufgaben der integrativen Wirtschaftsethik. Der zweite Teil behandelt die Kritik am Ökonomismus, den der Schweizer als „die vorerst letzte und vielleicht wirkungsmächtigste Grossideologie aller Zeiten"52 bezeichnet. Er untersucht das Wesen der Marktwirtschaft und die ihr innewohnende Macht der Sachlogik, welche ethische Ambitionen in der Praxis fortlaufend unterminiert. Im dritten Teil des Buches erfolgt die Diskussion der elementaren Fragen nach Sinn und Legitimation lebensdienlichen Wirtschaftens und der Versuch, die zwei voneinander getrennten Realitäten ökonomische Sachlogik und ethische Vernunft in einer integrativen Idee zu verbinden. Eine Lokalisation und Charakterisierung der Orte der Moral des Wirtschaftens - Wirtschaftsbürgerethik, Ordnungsethik und Unternehmensethik - beschließen das Konzept.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Übersicht über die Gesamtsystematik integrativer Wirtschaftsethik (Quelle: Ulrich, P. (1997), S. 16)

2.3.4 Kritik

Die integrative Wirtschaftsethik ist eines der bedeutendsten zeitgenössischen Konzepte zur Wirtschaftsethik und sollte jedem, der sich tiefgreifend und umfassend mit dem Thema auseinanderzusetzen bereit ist, Pflichtlektüre und Inspiration zugleich sein. Aufgrund der Komplexität, des anspruchsvollen Stils und des philosophischen Ansatzes vermittelt es allerdings einen sehr theoretischen Einblick in das Thema und bietet Unternehmen daher kaum konkrete Anknüpfungspunkte zur praktischen Umsetzung.

3 Praktische ganzheitliche Unternehmensethik

Der Ethik haftet im Allgemeinen der Ruf an, sie sei ein Instrument realitätsfremder Weltverbesserer und ein Ideal, das aufgrund der Schlechtigkeit der Menschen niemals gelebte Wirklichkeit werden könne. Die Geschichte hat jedoch oft bewiesen, dass es Ideale sind, die den Fortschritt vorantreiben und den Weg in die Zukunft ebnen. Aus diesem Grund sollten gerade Unternehmen das Thema Ethik ernst nehmen und als Chance begreifen, die Zukunft für all jene positiv zu gestalten, die sich in ihrem Einflussbereich befinden.

In diesem Kapitel werden Potenziale im Unternehmen aufgedeckt, die zum Erfolg beitragen können und Wege aufgezeigt, wie Ethik in der Organisation des Unternehmens und im Bewusstsein des Personals verankert und umgesetzt werden kann. Ziel ist es, Skeptiker davon zu überzeugen, dass es nicht nur richtig, sondern auch lohnenswert ist, sich ihrer ethischen Verantwortung zu stellen.

3.1 Ethik als Erfolgsfaktor

Die Annahme, eine praktizierte Unternehmensethik bringe aus ökonomischer Sicht größtenteils Nachteile mit sich, ist schlichtweg falsch. Die meisten Unternehmen schieben das Thema aus Angst vor Veränderung von sich und sind sich des Erfolgspotenzials einer ethischen Geschäftspraxis nicht bewusst. Der erste Schritt zur Erkenntnis besteht darin, Unternehmensethik als Investition in die Zukunft zu begreifen, statt als „unproduktive Wohltätigkeit"53. Der Fokus muss auf Langfristigkeit liegen.

Aller Anfang ist leicht

Erhebliche Kosten für strukturelle Veränderungen im Unternehmen sowie überlebensgefährdende Wettbewerbsnachteile werden häufig als Ausflüchte zur Abwehr ethischer Forderungen benutzt. Eine detaillierte Kalkulation nehmen dabei wohl die Wenigsten vor. Das Argument Sachzwang wird mit Vorliebe aufgeführt und bereitwillig akzeptiert, um jedwedes unternehmerisches Handeln zu rechtfertigen - ungeachtet seiner ethischen Qualität. Man wolle ja, aber könne nicht. Dieses Verhalten ohne ehrliche Auseinandersetzung mit den Motiven und Folgen des eigenen Handelns mutet wenig integer an und wird den gegenwärtigen und zukünftigen Ansprüchen an Unternehmen nicht gerecht.

Vielen Verantwortungsträgern scheint die Herausforderung Ethik monumental und sie verstecken sich hilflos hinter ihren Sachzwängen, ohne sich mit den zahlreichen Facetten des Themas zu beschäftigen. Es ist für Unternehmen wichtig zu verstehen, dass nichts Unmögliches von ihnen erwartet wird. Wesentlich ist, dass das Unternehmen seine Verantwortung erkennt und akzeptiert und bestrebt ist, dieser im Rahmen seiner Möglichkeiten gerecht zu werden. Peter Ulrich konstatiert: „...die Kosten ethischen Handelns sind nicht so hoch, daß sie Wirtschaftsethik von einer verantwortungsvollen Kalkulation her ausschließen"54. Das Gegenteil ist der Fall. Grundlegende Schritte wie ein respektvoller Umgang untereinander, Toleranz, Offenheit und Wertschätzung finden vor allem in den Köpfen der Menschen statt und verursachen keine Kosten.

Ernten, was man sät

Die Bedeutung von Ethik und Verantwortung wird in Zukunft in unserer Gesellschaft weiter zunehmen. Für Unternehmen ist es wichtig, sich dieser Tendenz anzupassen, um ihre Überlebensfähigkeit zu erhalten. Entscheidend bei der Erfolgsevaluierung ethischer Unternehmenspraxis ist die Abkehr von einer reinen monetären Betrachtung. Unternehmen, die lediglich Gewinnmaximierung betreiben, vernachlässigen die Chancen, die in den weichen Faktoren verborgen liegen. Der Erfolg eines Unternehmens wird nicht länger nur an seiner finanziellen Performance gemessen. Nachfolgend sind beispielhaft einige langfristige Potenziale ethischer Geschäftspraxis aufgeführt (s. Abb. 8).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Erfolgspotenziale ethischer Geschäftspraxis

Unternehmen, die sich ihrer ethischen Verantwortung entziehen, werden langfristig gesehen unter enormem gesellschaftlichen Druck stehen. Folgen können neben Imageschäden auch wirtschaftliche Einbußen und rechtliche Konsequenzen sein55. Unternehmensintern kann es zu einer emotionalen Abkehr der Mitarbeiter kommen, die unter anderem in einem schlechten Arbeitsklima und sinkender Produktivität resultiert. In jedem Fall gefährden unethische Praktiken in hohem Maße das langfristige Überleben des Unternehmens.

3.2 Mehr Schein als Sein

Es wurde gezeigt, dass Unternehmensethik auf lange Sicht entscheidend zum Erfolg eines Unternehmens beitragen kann. Problematisch wird es allerdings, wenn das einzige Motiv ethischen Handelns die Aussicht auf Mehrgewinn ist. Dann besteht die Gefahr, dass die ethischen Überzeugungen geopfert werden, sobald sich unethische Praktiken als gewinnversprechender herausstellen. Unternehmen sollten sich deshalb stets vor Augen führen, dass moralisches Handeln keine Option ist, sondern eine fortwährende Pflicht gegenüber der Gesellschaft, welche sie durch ihre Entscheidungen beeinflussen. Peter Ulrich äußerte sich dazu in einem Interview folgendermaßen: „Ein Unternehmen, das sich in dieser Weise integer und glaubwürdig verhält, erarbeitet sich bei seinen Stakeholdern und in der Öffentlichkeit eine verdiente Reputation. Gerade indem es sich an ethische Prinzipien hält und nicht jeden Kostenvorteil und jede Gewinnmöglichkeit ausschöpft, gewinnt es einen nachhaltigen, schwer imitierbaren Wettbewerbsvorteil."56 Mit diesem Statement spricht er einen weiteren wichtigen Aspekt ethischen Handelns an: Glaubwürdigkeit.

Nach Christoph A. Weber-Berg gibt es drei Bedingungen für die Glaubwürdigkeit57 von Unternehmen:

- Kongruenz zwischen Reden und Handeln
- Transparenzvon Entscheidungen und Entscheidungsgrundlagen58
- Berechenbarkeit desHandelns59

Glaubwürdigkeit ist die Voraussetzung für eine gelingende Ethik. Nur wenn ein Unternehmen seine ethischen Absichten überzeugend und glaubhaft zu vermitteln im Stande ist, können sich die Erfolgspotenziale einer ethischen Geschäftspraxis entfalten.

Greenwashing

Ein Beispiel unethischer Unternehmenspraxis unter dem Deckmantel verantwortungsvollen Handelns ist das sogenannte Greenwashing. Es handelt sich dabei um die gezielte Manipulation der öffentlichen Meinung durch irreführende Unternehmenskommunikation. Aus Imagegründen verpflichten sich Unternehmen nach außen zu gesellschaftlichem Engagement, Nachhaltigkeit und Umweltschutz, obwohl intern keine entsprechenden Maßnahmen erfolgen60. Elemente dieser manipulativen Taktik sind unter anderem strikte Kontrolle und Einschränkung des Informationsflusses nach außen sowie das systematische Ablenken der Aufmerksamkeit vom Unternehmen. Eine Gegenmaßnahme zum Schutz der Konsumenten und anderer Interessengruppen wäre die Überwachung von Unternehmensaktivitäten und -kommunikation durch unabhängige Stellen wie Verbraucherschützer. Seitens der Unternehmen sollte sich die Dokumentation von verantwortungsvollem Umgang mit Umwelt und Gesellschaft auf glaubwürdige nachweisbare Fakten stützen, damit sich Stakeholder eine der Realität entsprechende Meinung über das Unternehmen bilden können.

[...]


1 Lebensdaten: 384-322 v. Chr.

2 Griech. telos: Zweck, Ziel

3 Griech. deon: Pflicht

4 Vgl. Weber-Berg, C. A. (2007), S. 41

5 Deutsche Übersetzung: Theorie der ethischen Gefühle

6 Vgl. Smith, A. (1994), S. 166f. und 615

7 Kant,l.(1991), S. 51

8 Krupinski, G. (1993), S. 21 und 288

9 United Nations (1987); deutsche Übersetzung: „[eine] nachhaltige Entwicklung impliziert die Befriedigung der Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen"

10 Englische Übersetzung: non governmental organisations

11 Vgl. Johnston, J./ Zawawi, C./ Brand, J. (2009), S. 12

12 Der Mineralölkonzern Shell hat 1995 die Versenkung der Öl-Plattform Brent Spar in der Nordsee beschlossen. Es folgte eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Umweltschutzorganisation Greenpeace, die zum Boykott von Shell führte. Daraufhin beschloss der Konzern, die Plattform an Land zu entsorgen und startete die PR- Kampagne „Wir werden uns ändern".

13 Am 26. April 1986 ereignete sich im Kernkraftwerk Tschernobyl in der ehemaligen Sowjetunion ein Super­Gau mit verheerenden Folgen für Menschen und Umwelt. Zehntausende starben an den Folgen der Reaktorkatastrophe und radioaktive Stoffe kontaminierten weite Teile Europas.

14 GfK (2010), S. 15

15 Weber-Berg, C. A. (2007), S. 19

16 Vgl. Take, 1.(2002), S. 182

17 Vgl. Pless, N. M. (2000), S. 362

18 Pless, N. M. (2000), S.355

19 Pieper, A. (1991), S. 89

20 Deutsche Gesellschaft CLUB OF ROME (2011)

21 Vgl. Meadows, D. L./ Meadows, D./ Zahn, E./ Milling, P. (1972), S. 15

22 Meadows, D. L./ Meadows, D./ Zahn, E./ Milling, P. (1972), S. 17

23 Deutscher Titel: Eine unbequeme Wahrheit

24 The Internet Movie Database (2006)

25 THEMA: Klima (2010)

26 Vgl. Pieper, A. (1990), S. 86

27 Vgl. Bofinger, P. (2007), S. 585

28 Pieper, A. (1990), S. 86

29 Pieper, A. (1990), S. 86

30 Palazzo, B. (2000), S. 21

31 Palazzo, B. (2000), S. 21

32 Pieper, A. (1991), S. 89

33 Koslowski, P. (1988), S. III

34 Koslowski, P. (1988), S. 1

35 Koslowski, P. (1988), S. 7-12

36 Vgl. Koslowski, P. (1988), S. 24f.

37 Koslowski, P. (1988), S. 25

38 Vgl. Koslowski, P. (1988), S. 28f.

39 Vgl. Koslowski, P. (1988), S. 37

40 Koslowski, P. (1988), S. 43

41 Vgl. Krupinski, G. (1993), S. 179f.

42Kerschner, S./ Ulrich, P. (2009)

43 Vgl.Ulrich, P. (1997), S. 25

44 Ulrich, P. (1997), S. 25

45 Vgl. Ulrich, P. (1997), S. 11

46 Ulrich, P. (1997), S. 11

47 Ulrich, P. (1997), S. 116

48 Baumberger, E./ Ulrich, P. (2009)

49 Institut für Wirtschaftsethik, Universität St. Gallen (2009)

50 Ulrich, P. (1997), S. 14

51 Institut fürWirtschaftsethik, UniversitätSt. Gallen (2009)

52 Ulrich, P. (1997), S. 15

53 Dettmann, U. (2005), S. 4

54 Koslowski, P. (1988), S. 216

55 Vgl. Krupinski, G. (1993), S.32

56Kerschner, S./Ulrich, P. (2009)

57 Vgl. Weber-Berg, C. A (2007), S. 53ff.

58 Unter Transparenz versteht Weber-Berg das Zugänglichmachen relevanter Informationen für die von der Entscheidung des Unternehmens betroffenen Stakeholder

59 i.S.v. Erwartungssicherheit

60 Vgl. Fleig, J. (1998), S. 73; Stührenberg, L. (2008), S. 193 und Demetrius, K. (2009), S. 451

Autor

Zurück

Titel: Die Ökonomie in der Sinnkrise