Lade Inhalt...

Bettelorden im Spannungsfeld zwischen Klerikern und Bürgern mittelalterlicher Städte

Seminararbeit 2008 16 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG

2. AUSBREITUNGÜBEREUROPA UNDAUFNAHME IN DEN STÄDTEN

3. SEELSORGERISCHE TÄTIGKEIT UNDDASVERHÄLTNISZUM ÖRTLICHEN KLERUS

4. WIRTSCHAFTLICHE AKTIVITÄTEN

5. FAZIT

6. LITERATURVERZEICHNIS

“ Bernard liked the valleys, Benedictthe hills,

Francis the towns, Dominic the cities ofrenown. ” 1

1. Einleitung

ZuBeginn des 13 . Ja hrhunderts begründeten der heilige Dominikus aus K astilien und der heilige Franzvon Assisi unabhängig voneinander neue Gemeinschaften, dieeinen ganzneuen Typ Mönch hervorbrachten. Die so genannten Bettelorden wendeten sich besonders gegen Ketzerei,2 gegen die Verweltlichung der Kirche underhoben die Armutzum Grundprinzipihrer Regel. Während Mönche vormals auf persönlichen Besitzverzichteten,en tsagten Franziskaner, Dominikaner und weitere, sp äter gegründete Bettelorden auch gemeinschaftlichem Besitz.

Noch stärker jedoch unterschieden sie si ch von früheren K lostergemeinschafteni nihrer ausdrücklichen Hinwendung zur Welt. Stattsich auf die persönliche Kontemplation hinter Klostermauern zukonzentrieren, gingen die Bettelmönche auf Wanderung um zupredigen, ließen sich vorzugsweisein Städten nieder, besetzten Lehrstühle an Universitäten und verbreiteten sich auf diese Weise über ganzE uropa. Die Mission zählten sie dabei zuihren wichtigsten Aufgaben.

Tatsächlich spielten besonders Dominikaner und Franziskanerei ne so große Rolleim Leben mittelalterlicher Städte, dass „Bettelorden und Kommuneninihrer Historie nichtvoneinander zutrennen“3 sind. In der vorliegenden Arbeitsolleneinige Aspekte des Einflusses herausgearbeitetwerden, den die Mendikanten auf das geistliche Le- benin den Städten nahmen. Welche Folgen hatteihr Wirken für denetablierten Kle-rus vor Ort? Wie gestaltete si ch das Verhältnis zuden l okalen Bischöfen und P far-rern? Wieerreichten die Möncheihre laikalen Zuhörer und welche Wirkungerzielten sie beiihnen mitihren Predigten?

Anschließend soll untersuchtwerden, wie andererseits das Lebenin den Städten auf die Regeln der Bettelmönche zurückwirkte. Dabei stelltsichinsbesondere die Frage, wie sich die Weltzugewandtheitder Mönche und dieresultierende Einbindungin lo- kale Beziehungen mitihrem Armutsprinzip vereinbaren ließ.

Eingangs jedoch möchteich zeigen, mitwelchen Absichten und welcher Einstellung die Bettelmönchein die Städte gingen und wie sie dortaufgenommen wurden.

Dieräumlichen und zeitlichen K oordinaten der Untersuchung umfasseninerster Li- nie den deutschsprachigen Raum und die drei Ja hrhunderte von der Gründung der Bettelorden bis zum Beginn der Reformation. A ls Grundlage dienen vor allem der Sammelband „Bettelorden und Stadt“ von Dieter Berg sowieeinige Regionalstudien, die das Verhältnis der beiden anhand von Fallbeispielen analysieren.

2. Ausbreitung über Europa und Aufnahmein den Städten

Die Mendikanten verbreiteten sichim 13. Jahrhundertüber Europa, wobei die Fran- ziskaneretwas schneller waren als die Dominikaner. In Deutschland gabes bis zum Jahr 125 0 bereits 38 Dominikanergemeinschaften. Die Franziskaner hatten dor tzudiesem Zeitpunktbereits mehr als hundertGemeinschaften gegründet. Im Jahr 1275 gabesin Frankreich 87 Dominikaner- und 195 Franziskanergemeinschaften.4

Neben der größeren Wirkung des Kults um Franzvon Assisi lässtsich die geringere Geschwindigkeitder Ausbreitung der Dominikaner vor allem aufihreeigenen Regeln zurückführen. Jede Gründungeiner Gemeinschaftbenötigte zunächstdie ausdrückliche Zustimmung des Generalkapitels. Zudem w urde die Mitgliedschaftmindestenseines ausgebildeten Theologen vorausgesetzt.5

Alle Mendikanten, a uch die sp äter gegründeten Karmeliter und Augustiner, ließen sichi ner ster Li niei n Städten nieder, dieen tweder Handels- oder Bildungszentren waren. Der Dominikaner Humbertus Romanus hieltdas Predigenin den Städten für zweckmäßiger als auf dem Land, weiles dortnichtnur mehr Menschen zuerreichen gab, sondern auch mehr Sünden zubekämpfen.6

Die anfänglichen Versuche der Franziskaner, Gemeinschaftenin deutschen Städteneinzurichten, gestalteten si ch dur chaus schwierig. Sie werdeni nei ner C hronik des Jordan von Giano beschrieben. Im Jahr 1219 kameine Gruppe vonetwa 60 Minori- ten aus Italien n ach Deutschland, die aberoffenbar keine a usreichenden Sprach- kenntnisse besaßen. Jordanus berichtet:

„ Als sie nun sahen, daß sie mitHilfe dieses Wortes ´ Ja ´ freundlich behandeltwurden, da beschlossen sie, daß sie auf jede Frage mit´ Ja ´ antworten sollten. Da aber ge- schahes, daß sie gefragtwurden, ob sie Häretiker seien und ob sie gekommen sei-en, um Deutschland zuverpesten, so wie sie auch schon die Lombardeiins Verder- ben gestürzth ä tten. Und als sie darauf ´ Ja ´ sagten, da wurden sie alleeingekerkert, ausgezogen [...] und die Menschen trieben üblen Schabernack mitihnen. “ 7

Jordanus gehörte zwei Ja hre s päter, 1 221, zuei ner Gruppe von Minoritenbrüdern, die von Franzvon Assisierneutbeauftragtwurde, nach Deutschland zugehen. Die- ses Mal wurden zwei deutschsprachige Brüder a us der Gruppe zueinem Hoftag nach Würzburg vorausgeschickt, wosie den Kontaktzuden dortversammelten Fürstbischöfen suchten und deren Einverständnis für Niederlassungen der Franzis- kanererhielten. Im Anschluss setzten sieihr Bemühenin weiteren Städten fort, wie Jordanus schreibt:

„ Von dortgingen sie weiter nach Mainz, nach Worms, nach Speyer, nach Straß burg und Köln, wobei sie sich dem Volke zeigten, das Wortder Buße predigten und den nachfolgenden Br üdern Unterk ünfte vorbereiteten. “ 8

Etwas später schrieben Stadträte sogar Briefe mitder Bitte an die Orden, sich beiihnen niederzulassen. Der Ratvon Saint-Julienin Frankreichetwa ludim Jahr 1240 die Dominikanerei n. Man ha beerfahren, dass sich a ndere Städte dur ch die Aufnahme der Brüder so wohlingeistlichen als auchinweltlichen Angelegenheiten schnell gebesserthätten:

„ [...] for your brethren welcome people of peace, they give lustre to the native land, and free the people of God from the bondage of their si ns. Therefore [ … ]ithas seemed good to us [ … ] to beseech you[ … ] to be goodenough to turn your footsteps towards the town of Saint-Julien. ” 9

Dementsprechend wurden die Brüder nuni n den meisten Städten freundlich aufge- nommen. Der Ratder StadtFreiburgi m Breisgaul ud die Dominikaner Mitte der 1230er Jahreebenfallsein, sichin der Stadtniederzulassen.10

Bischof Conrad von Hildesheim hieß die Franziskaner 122 3 ausdrücklich willkommen, verliehihnen die Erlaubnis zur Predigtund zur Abnahme der Beichte undempfahl sie dem lokalen Klerus und den Bürgern. So konnten sieinnerhalbeines Jahres zwei weitere Häuserin der Diözeseeinrichten und zwei weitere Konventein Magdeburg und Halberstadtgründen.11

Die Bürger standen den Minderbrüdern meistensebenfalls positivgegenüber. In Er- furtkamen die Brüderim November 1224 an, woihnen die Bürger zunächsteine provisorische Unterkunftzuwiesen, bevor sieihneneigensein Konventsgebäudeer-richteten. Die Mendikanten wiederum nahmen sich der Interessen der Bürger an. In Lübecketwa forderten sie 1259 den dänischen Königineiner Petition auf, die Han- delsprivilegien zurespektieren, welche der Stadtvon seinen Vorgängern konzediertworden waren.12

Auf der anderen Seite führte die Beliebtheitder Minderbrüder zuKonflikten mitdem lokalen K lerus, der sie schnell als Konkurrenzwahrnahm. Die Ordensvorsteher waren deshalb darauf bedacht,ihre Brüder zur Zurückhaltung zuermahnen. Sie gelobten Respektgegenüber den Pfarrern undenthielten sich an bestimmten Kirchenfeiertagen von lokaler Bedeutung der Predigt.13

3. Seelsorgerische Tätigkeitund das Verhältnis zum örtlichen Klerus

Ein besonderes Merkmal der Mendikanten gegenüber den „herkömmlichen“ Priestern wari hr Einsatzder Predigtaufoffener Straße. Diese w ar zuvor vor al lemei n Be- standteil der Messe gewesen und tratals solche gegenüber der Spendung der Sak-ramente zurück. Im 12. und 13. Jahrhundertjedoch wareineregelrechte „Frömmig- keitsbewegung“ zuverzeichnen,i n der viele Gruppeni n A nlehnung an die A postel öffentlich das Wortergriffen. Die Predigten unter freiem Himmel gehen also nichtal- lein auf die Mendikanten zurück, sondern wurden vonihnen zunächstin Reaktion auf Häretikereingesetzt.14

Während die Laienpredigtgrundsätzlich verboten war,erforderte der vom Papstausdrücklicherwünschte Einsatzgegen Ketzer besondere Bemühungen umeine Regelung der Aufgabenverteilung zwischen örtlichen Pfarrern und den Bettelmönchen. In Würzburg wurde zudiesem Zweck am 16. Februar 1231ein Vertrag zwischen dem Bischof, dem Domkapitel und den Dominikanern aufgesetzt.15

Der Textsiehtzunächstdie grundsätzliche Unterordnung der Brüder unter die Weisungen des Bischofs vor. A lserste Einschränkung der Kompetenzen der Dominikaner wirdihnen die Durchführung des Begräbnisses nur fürihre Ordensangehörigen und unmittelbaren Nachbarn gestattet. Dabei wird präzise festgelegt, welche Entfernungei ne Begräbnisstätte zur Stadtmauer haben muss undi n welchen Grenzen Gräbereingerichtetwerden dürfen.16

Somitwurden auch die Einkünfte begrenzt, welche die Brüder bei Begräbnissenerzielen konnten. Für das Begräbniseines Erwachsenenerhielten sie sechs Schilling, die Bestattungeines Kindes brachte vier Schilling.17

Im dritten Abschnittwird der Prior der Dominikaner dazuautorisiert, über die Zulassungeinzelner Brüder seines Ordens zur Predigtin der Stadtzuentscheiden.

„ Sie sollen sich aber davorh üten, beiihren Predigtenirgendetwas Nachteiliges und Ab fälliges über die Kleriker oder Prälaten zusa gen, wodurch Ärgernisentstehen könnte. Auch sollen sie ni chtdie feierlichen Stationsgottesdienste wie z.B. an den Bittagen undin der Karwoche behindern. “ 18

Esistnaheliegend, dass die Bettelmönche zuvor durch die aufgeführten Punkte für Unmutbei den Klerikern gesorgthatten. Grundsätzlich wurde das Rechtder Domini- kaner zur Predigtanerkannt. Die Vereinbarung siehtjedoch vor, dass Bischof und Domkapitel neben denetablierten Festtagen „ aus ganzbesonderen Gr ünden “ weite-re Termine bestimmen ko nnten, zudene n das Privileg der Predigtdem Weltklerus vorbehalten blieb. Als letzter Punktschließlich wird den Dominikanern untersagt, or- densfremden Personen oh ne vorherige Zustimmung der zuständigen P farrer oder des Bischofs die Beichte abzunehmen.

[...]


1 Volksweise, zitiertn ach Hinnebusch, William, The History of the Dominican Order. Origins and Growth to 1500, Volume 1, Staten Island 1966, S. 260.

2 Die Dominikaner wurden 1231 von der Kurie mitder Inquisition beauftragt.

3 Berg, Dieter (Hg.), Bettelorden und Stadt. Bettelorden und städtisches Lebenim Mittelalter undin der Neuzeit, Werl 1992, IX.

4 Lawrence, C. H., T he Friars. T he I mpactof the E arly MendicantMovementon Western Society, London 1994, S. 103.

5 Ebd., S. 104.

6 Ebd., S. 102.

7 Zitiertnac h M üller, Peter, Bettelorden un d Stadtgemeindei n Hildesheimi m Mittelalter, Hannover 1994, S. 27.

8 Vgl. Sehi, Meinrad, Die Bettelordenin der Seelsorgsgeschichte der Stadtund des Bistums Würzburg bis zum Konzil von Trient. Eine Untersuchung über die Mendikantenseelsorge unter besonderer Be-rücksichtigung der Verhältnissein Würzburg, Würzburg 1981, S. 31 - 35. Zitiertnach Ebd., S. 34.

9 Zitiertnach Lawrence, S. 104.

10 Freed, John, The Friars and German Societyin the Thirteenth Century, Cambridge 1977, S. 34.

11 Ebd., S. 27.

12 Ebd., S. 34 f.

13 Ebd., S. 35.

14 Müller 1994, S. 101.

15 Siehe Anhang für den Textder Quelle. Zitiertnach Sehi, S. 52 - 54.

16 Sehi, S. 52 f.

17 Ebd., S. 55.

18 Zitiertnach Ebd., S. 53.

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656127376
ISBN (Buch)
9783656128779
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188866
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
bettelorden spannungsfeld klerikern bürgern städte

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Bettelorden im Spannungsfeld zwischen Klerikern und Bürgern mittelalterlicher Städte