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„Es lebe die Einsamkeit!“

Eine vergleichende Analyse der Darstellung von Alleinsein, Einsamkeit und sozialer Isolation literarischer Figuren in ausgewählten Texten

Masterarbeit 2011 116 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Grundlegendes
1. Vorwort und einleitende Worte
2. Alleinsein, Einsamkeit und soziale Isolation
2.1 Das soziale Netz
2.2 Alleinsein und/oder Einsamsein?
2.2.1 Positives Alleinsein
2.2.2 Negatives Einsamsein
2.2.2.1 Soziale Isolation
2.2.2.1.1 Gründe und Gefahren, in soziale Isolation zu geraten
2.2.2.1.2 Auswirkungen sozialer Isolation
2.2.2.1.2.1 Reaktionen sozial isolierter Personen
2.2.2.1.2.2 Suizidalität
2.3 Zusammenfassend: Unterscheidung nach objektiven und subjektiven Kriterien

II. Alleinsein, Einsamkeit und soziale Isolation literarischer Figuren
1. Ausgangssituationen
2. Auswirkungen des Alleinseins
2.1 Der Verlust
2.1.1 Suchdrang und Reaktionen auf den erlittenen Verlust
2.1.1.1 Aufsuchen von bekannten und vertrauten Orten
2.2 Positives Alleinsein oder negatives Einsamsein?
2.3 Reaktionen
2.3.1 Furcht, Angst, Panik und Paranoia
2.3.2 Hoffnungslosigkeit, Resignation und Suizidalität
2.3.3 Veränderungen der Figuren
3. Das Leben mit dem Alleinsein: (Über-)Lebensstrategien
3.1 Bekämpfen der Schutzlosigkeit
3.1.1 Bewaffnung
3.1.2 Aufrechterhalten und Herstellen von Strukturen
3.1.2.1 Festhalten an Datum und Zeit
3.2 Selbstversorgungsstrategien
3.2.1 Körperliche Beschwerden
3.3 Füllen der ‚leeren‘ Zeit
3.3.1 Schreiben
3.3.2 Lesen
3.3.3 Nachdenken und die Funktion von Erinnerungen
3.3.4 Musik
3.3.5 Kartenspiel
3.3.6 Zielvorgaben und selbstauferlegte Aufgaben
3.3.7 Religiosität und Glaube
3.3.8 Sorge um Lebewesen
3.4 Interaktion und Kommunikation im ‚leeren‘ Feld
3.4.1 Vermischung von Realität und Fantasie
3.4.2 Die Natur als Lebewesen und Gegenüber
3.4.3 Selbstbeobachtung und -analyse
3.4.4 Auftreten einer zweiten Figur
3.4.5 Tiere als soziales Netz
3.4.5.1 Ein treuer Begleiter: Der Jagdhund Luchs
3.4.5.2 Eine Nährmutter: Die Kuh Bella
3.4.5.3 Eine Partnerin: Die Katze
4. Ergebnisse eines Lebens in Isolation: Resignation oder Neuanfang
4.1 Hoffnungslosigkeit, Selbstaufgabe und Suizidhandlung
4.2 Befreiung aus der Einsamkeit: Der Weg zum (positiven) Alleinsein

III. Fazit und Abschluss

IV. Literaturverzeichnis
1. Primärtexte
2. Sekundärliteratur

I. Grundlegendes

1. Vorwort und einleitende Worte

Man könnte sogar die Behauptung vertreten, daß kein Gefühl tiefer in das Wesen des menschlichen Seins eingreift als das Gefühl der Vereinsamung. Hierbei steht die Möglichkeit des Seins überhaupt auf dem Spiel.1

Die vorliegende Masterarbeit behandelt Arno Schmidts Schwarze Spiegel2 (1951), Mar- len Haushofers Die Wand3 (1963), Herbert Rosendorfers Großes Solo für Anton4 (1976), Yorck Kronenbergs Welt unter5 (2002), Thomas Glavinics Die Arbeit der Nacht6 (2006) und Jürgen Domians Der Tag, an dem die Sonne verschwand7 (2008). Die eingangs zitierte Aussage beschreibt einerseits die psychische Verfassung der ana- lysierten Protagonisten, andererseits erklärt sie die Faszination der Thematik aller unter- suchten Texte. Die Ausgangssituation ist hier immer dieselbe: Eine Figur findet sich al- leine wieder. Dieses Alleinsein kann nun unterschiedliche Formen annehmen: Alleine zu sein kann beglücken und Menschen trotz der äußerlich sichtbaren Isoliertheit Freiheit bringen - das ist ein positives Alleinsein, eines, aus dem Personen Kraft schöpfen kön- nen. Doch alleine zu sein, löst bei den meisten Menschen das Gefühl aus, einsam und ausgestoßen zu sein, nicht gebraucht zu werden. Das ist die Einsamkeit. Und es ist, in ihrer schlimmsten Form, die soziale Isolation.

Die Forschungsergebnisse zur Einsamkeitsthematik bilden die theoretischen Grundlagen dieser Arbeit und wurden in Hinblick darauf ausgewählt, dass sie auf die Darstellungen des Themas innerhalb der behandelten Texte zutreffen. Es wird im zweiten Teil der vor- liegenden Bearbeitung zu sehen sein, dass sich die Phänomene in den literarischen Tex- ten nur gering von den Auswirkungen (sozialer) Isolation, die im ‚realen‘ Leben zu be- obachten sind, unterscheiden. Natürlich differieren die Lebens- und Handlungsräume der Protagonisten außerordentlich von jenen, die uns bekannt sind. So erschaffen zum Beispiel Marlen Haushofer und teilweise Jürgen Domian ein (Handlungs-)Feld, das die Figuren auch lokal von der übrigen Welt abgrenzt. Der Handlungsort der anderen Texte ist vorwiegend die Großstadt, und hier wird vor allem das ziellose Umherirren der Figuren geschildert - eine Suche nach dem Verlorenen.

Die (negative) Einsamkeit und das (positive) Alleinsein sowie die Unterscheidung8 dieser beiden Zustände voneinander sind die Kernthemen der vorliegenden Masterarbeit - doch sie sind nicht nur die Themen dieser Untersuchung, sondern Grundmotive jeden Lebens.

Das Ziel dieser vergleichenden Analyse der Texte ist es, die Darstellungen der Art des Alleinseins, der Funktion des Alleinseins für den Text und für die Figur sowie der Auswe- ge und Nicht-Auswege aus der (sozialen) Isolation zu beschreiben. Beachtenswert sind hierbei die Erzählhaltungen und Stilmittel, welche die Autoren gebrauchen. So findet sich der Rezipient9 mit drei Figuren konfrontiert, die ihre Erlebnisse aufschreiben und somit berichterstatten - eine weitere Figur plant die Niederschrift des Erlebten. Zwei andere Figuren agieren als Darsteller in einem ‚leeren‘ Feld: Hier erfährt der Leser aus persona- ler Erzählperspektive die Mitsicht mit den Figuren, wobei die Illustration des Innenlebens der Protagonisten trotz der Perspektivenverlagerung stets gegeben ist.10

Aufgrund der erwähnten Erzählformen ist es bei mehr als der Hälfte der hier untersuchten Texte offensichtlich, dass Sprache und Schrift eine sehr zentrale Rolle spielen und dabei helfen können, vorhandene Einsamkeitsgefühle zu verringern. Doch welche weiteren Handlungsweisen können ein Verlassenheitsempfinden verstärken (oder erst dazu führen) beziehungsweise welche vermögen es, dasselbe zu verringern und vielleicht sogar aus dem Einsamsein ein schlichtes Alleinsein zu machen?

Alleine sind jedenfalls alle untersuchten Figuren, sie können meist nichts für diesen Zu- stand und auch nichts dagegen tun, die Ursachen liegen außerhalb ihrer Schuld.11 Die Protagonisten sind Äwie ihr literarischer Ursprungsvater Robinson Crusoe“ zumeist Äun- freiwillig in die Vereinsamung gelangt“, und sie befinden Äsich nach einer wie auch immer gearteten Katastrophe unvermittelt allein auf der Welt“12. Doch ein Äweitere[s] Grundmus- ter der Robinsonaden“13 findet sich in diesen Texten nicht: Das Alleinsein kann für die Figuren der untersuchten Texte niemals in einer Re-Integration in eine Gemeinschaft münden.

Es müsste demnach das Ziel der Figuren sein, das ‚leere‘ Leben positiv zu gestalten. Ob und mithilfe welcher Mittel das gelingt, zeigt diese Arbeit.

2. Alleinsein, Einsamkeit und soziale Isolation

Der Begriff ‚Einsamkeit‘ darf nicht gleichgesetzt werden mit dem medizinisch- psychologisch genutzten Terminus der ‚sozialen Isolation’. Isolation liegt dann vor, wenn sich ein Mensch aus freien Stücken zurückzieht, sich von der sozialen Gemeinschaft abspaltet. Die Beweggründe dafür können sowohl physischer als auch psychischer Natur sein. Das Alleinsein der Protagonisten der ausgewählten sechs Texte hat externe Ursa- chen und ist nicht von den Figuren selbst herbeigeführt. Es wird eine Aufgabe dieser Arbeit sein, zu klären, welche Auswirkungen eine plötzliche und unerwartet das Individu- um erfassende Einsamkeit und das Auslöschen jeglicher Interaktionspartner haben. Die offensichtlichen Folgen für die jeweiligen Charaktere gleichen sich in vielen Punkten, doch die Auswirkungen der Einsamkeit und die Reaktionen der Figuren sind spezifisch und unterscheiden sich oft außerordentlich voneinander: Weshalb denkt bspw. eine Fi- gur über Suizid nach und eine andere zieht diese Möglichkeit niemals in Betracht? Es wird ebenso interessant zu klären sein, aufgrund welcher Handlungsweisen Figuren überleben und andere nicht.

Bevor allerdings die Auswirkungen sozialer Isolation und die (negativen wie positiven) Reaktionen darauf besprochen werden können, muss eine Unterscheidung zwischen Alleinsein, Einsamsein und sozialer Isolation getroffen werden.

2.1 Das soziale Netz

Gerhard W. Lauth und Peter Viebahn definieren Ä[d]ie Gesamtheit der sozialen Bezie- hungen in der natürlichen Umwelt […] als soziales Netzwerk“, das gemeinhin aus ÄFami- lie, Freundeskreis, Vereine[n], Nachbarschaft, politische[n] Organisationen, Kirche“14 gebildet wird. Ein soziales Netz kann bildlich als Geflecht, das etwas, hier eine bestimm- te Person, umschließt, betrachtet werden. Menschen, die innerhalb einer Gemeinschaft leben, fühlen sich ‚gehalten‘, sind psychisch gefestigter und auch physisch gesünder als jene, die keinen sozialen Halt genießen oder auch wollen, denn ÄPersonen, die Unterstützung, Hilfe, Rat, Anerkennung und emotionale Zuwendung bei anderen finden, verarbeiten Probleme und schwierige Situationen leichter“15.

Anselm Eder weist darauf hin, dass Ä[s]oziale Integration […] offenbar zu größerer Lebenszufriedenheit und vice versa“16 führe, und er legt eine Studie vor, welche besagt, dass sich jene Schüler, die sozial schlecht in die Gemeinschaft integriert sind, Äsubjektiv gesundheitlich nicht wohl fühlen“17. Eder geht noch weiter, indem er behauptet, soziale Isolation sei Äfür subjektives Wohlbefinden ebenso ein ‚Risikofaktor’, wie die klassischen Risikoverhaltensaspekte von Rauchen, Trinken, usw“18.

Einer im Jahr 2007 veröffentlichten Studie der University of Illinois zufolge verändert soziale Isolation Ädie Konzentrationen eines Enzyms, das die Produktion eines wichtigen Hirnbotenstoffs steuert“19. Diese Veränderung störe das Emotionszentrum des Gehirns und erkläre zum Beispiel ängstliches und aggressives Verhalten sozial isolierter Lebewesen20 - Reaktionen, die bei einigen Protagonisten der behandelten Texte zu finden sind. Darüber hinaus wurde durch eine Untersuchung an Mäusen im Jahr 2009 festgestellt, dass soziale Isolation und der daraus resultierende psychische Stress und Druck physische Krankheiten wie Krebs verschlimmern könnten.21

2.2 Alleinsein und/oder Einsamsein?

Es kann demnach festgehalten werden, dass ein solides soziales Netz sowohl für die psychische als auch die physische Gesundheit eines Menschen von essentieller Bedeu- tung ist.

Die - nicht in jedem Fachartikel eindeutig getroffene - Unterscheidung zwischen (positi- vem) Alleinsein und (negativer) Einsamkeit (oder Vereinzelung respektive Vereinsa- mung) muss nachfolgend deutlich gemacht werden, da eine solche Differenzierung für die Analyse der ausgewählten literarischen Texte von wesentlicher Bedeutung sein wird.

Der Kommunikationswissenschaftler Christoph Kuhlmann untersuchte in einer Studie die Zusammenhänge zwischen Mediennutzung und Einsamkeit und hält fest, dass ÄIsolation die faktische Nichteinbindung in ein Kollektiv meint, unter der man nicht unbedingt leiden muss“, die Einsamkeit allerdings Änegativ bewertete Isolation“22 sei. Kuhlmann benutzt hier den Terminus der ‚Isolation‘ in dem Sinne wie andere Forscher den des ‚Alleinseins‘. Nicht jede Einsamkeit ist ungewollt. Und nicht jede Gemeinsamkeit ist frei von Einsam- keit. Es gilt als Faktum, dass der Mensch grundsätzlich ein geselliges Wesen ist. Carp meint hierzu, dass jedes Individuum genau deshalb in die Geselligkeit fliehe, diese aller- dings in ihrer oberflächlichen Form […] auf einem Räumlich-nahe-beieinander-Sein [beruhe], oh- ne daß ein wirkliches Zusammensein, eine Gemeinschaft in Frage kommt. Diese Gesellig- keit findet man sonntags am Strand und an Ausflugsorten, wo eine Menschenmenge zu- sammenhockt. Man findet sie in Räumen, wo nach Feierabend soviel Leute wie nur mög- lich um einen Tisch herumsitzen; ein jeder hat sein Glas oder seine Tasse vor sich, ohne daß ein verbindendes Gespräch zustande käme. ‚Gesellig‘ ist es einfach dort, wo man sich zu den andern ‚gesellt‘. Hier zeigt sich in einer unklaren Weise die Flucht vor Einsamkeit im Suchen eines Zusammenseins.23

Forscher der University of Chicago stellten sogar fest, dass ein einsamer Mensch andere beeinflussen und sozusagen mit seiner Einsamkeit ‚anstecken‘ könne. Sozial isolierte Menschen würden Äganz allmählich an den Rand der Gemeinschaft rücken. Doch auf dem Weg dorthin verbreiten sie ihre Gefühlslage unter den verbliebenen Freunden, bevor auch diese Kontakte abreißen.“24

Wilhelm Bitter betont, dass jeder Mensch im Laufe seines Daseins mit Einsamkeit, die Bitter zufolge zu den Grundsituationen des Lebens gehöre, konfrontiert werde. Die Einsamkeit selbst bewege sich wie andere Urerlebnisse und fundamentale Befindlichkeiten zwischen zwei Polen: auf der einen Seite die positive, schöpferische Einsamkeit, auf der anderen die negative, die quälende Vereinsamung. […] Im Einsam-Sein öffnet sich der Weg zur eigenen Tiefe, zum überpersönlichen Unbewußten mit allen schöpferischen Möglichkeiten […]. Verfehlt der Mensch diesen Weg nach innen, verschließt er sich dem Quellgrund des Lebens, so ver- fällt er der Vereinzelung, der seelischen Verkrampfung und Erstarrung. Wenn er aber die Einsamkeit im positiven Sinne durchsteht, öffnet sich ihm auch der Weg zum Mitmenschen, zum Du. Einsamkeit und Gemeinschaft stehen in Wechselbeziehung. Vereinsamung hin- gegen führt zu Bindungsunfähigkeit, Ich-Verkrampfung, Autismus.25

Eberhard Elbing betont, dass innerhalb der einschlägigen Forschung Ä[f]ür die deutlich negative Verlaufs- und Erlebensform von Vereinzelung […] der Terminus ‚Einsamkeit’ vorgeschlagen“ sei. Er führt weiter aus, dass unter pathologischer Einsamkeit jene Le- bensformen gemeint sind, Äin denen das Individuum, auf sich verwiesen, unfähig ist, personale und soziale Bedürfnisse zu befriedigen beziehungsweise befriedigende Sozialkontakte aufzubauen und zu erhalten“26. Lauth und Viebahn weisen darauf hin, dass Ädas Alleinsein nur dann als eine soziale Isolierung empfunden wird, wenn die betreffende Person wichtige soziale Motive nicht mehr befriedigt sieht. Soziale Isolierung hat demnach konkrete gesellschaftliche und materielle Voraussetzungen; sie entsteht aber erst durch die individuelle Wahrnehmung bzw. Wertung“27.

Ein Alleinsein müsste folgerichtig nicht immer negativ sein, Äes erhält seinen negativen Charakter erst dadurch, daß jemand entgegen seinen Bedürfnissen mangelnde oder unbefriedigende soziale Kontakte unterhält und sich folglich als ‚sozial isoliert‘ erlebt. […] Das Alleinsein kann durchaus positive Folgen haben und der Weiterentwicklung die- nen.“28

2.2.1 Positives Alleinsein

Im Mittelalter war eine ÄAbsonderung von der bestehenden Gesellschaft, die so etwas wie persönliche Bestimmung über die eigene Lebensweise mit sich gebracht hätte“29, unmöglich. Julia Annegret Günther betont, dass selbst Vaganten durch den ständigen Kampf gegen Verhungern oder Erfrieren gezwungen [waren], sich in der Nähe von Menschen aufzuhalten, die ihnen irgendeine Unterstützung geben konnten und wollten. Die Welt war so strukturiert, daß niemand in sozialer Isolierung längere Zeit überleben konnte. Daß eine Lebensführung fern von den anderen in der Vorstellung der Menschen etwas außerordentlich Ungewöhnliches war, zeigt wohl auch nicht zuletzt die Tatsache, daß in den weitverbreiteten Legenden der Zeit immer wieder das Motiv des Einsiedlers auftaucht, dem auf Grund seiner Lebensform den gewöhnlichen Menschen versagte Fähigkeiten beigelegt werden, oder das Motiv des unbezwingbaren ritterlichen Helden, der fern von der Welt im tiefen Wald aufwächst.30

Dass die Isolation von der Gesellschaft und ein Alleinsein für manche Menschen in bestimmten Situationen auch positiv sein konnten, erkannten die Menschen erst Äim 19. Jahrhundert, als die alten traditionalen Gemeinschaftsbildungen aufgelöst wurden und der Einzelne sich freigesetzt sah“31.

Darum sollte ein Mit-sich-selbst-alleine-Sein durchaus nicht nur als Äein isoliertes Verhar- ren verstanden werden […], sondern [als] ein Raum, aus dem heraus die notwendigen großen und kleinen schöpferischen Lösungen gefunden und praktiziert werden kön- nen“32.

Wie bereits mehrmals angemerkt, sollten die Termini ‚Alleinsein‘, ‚Einsamkeit‘ und ‚sozia- le Isolation‘ aufgrund dieser Bedeutungsdiskrepanz weder miteinander verwechselt, noch synonymisch gebraucht werden. Alleinsein muss, anders als Einsamsein, kein ne- gatives Erlebnis sein, Camilla Härlin beschreibt das positive Alleinsein folgendermaßen:

Sie können sich nichts Schöneres vorstellen als Stille, Ruhe, Einsamkeit. Ihnen fehlt in ih- rer ständigen Überbeanspruchung vielfach der Sinn dafür, daß andere unmittelbar neben Ihnen gerade diese Einsamkeit fürchten wie sonst nichts. Allein zu sein bedeutet eben schließlich, frei zu sein von vielem, was das Nicht-Alleinsein mit sich bringt. Alleinsein be- deutet Ruhe zur Konzentration, Möglichkeit zur Besinnung, Schöpfen neuer Kräfte.33

2.2.2 Negatives Einsamsein

Härlin und einigen anderen Forschern zufolge könne Alleinsein also positiv bewertet werden, Einsamkeit erscheine hingegen ambivalent, denn Ä[a]uch sie kann freiwillig sein; in manchen Perioden des Lebens braucht der Mensch Einsamkeit nötiger als Gesell- schaft, muß er sich absondern und aus Eigenem seinen Weg finden, selbst wenn damit Elemente des Ungeleitetseins, ja sogar des Preisgegebenseins mit ins Spiel kommen. In die Einsamkeit mag sich einer zeitweise zurückziehen, zumeist bleibt ihm die Kraft oder sie wächst ihm gerade aus dieser Einsamkeit zu, daraus wieder zu den anderen zu fin- den.“34

Eine lang andauernde und zumeist unfreiwillige Einsamkeit ist negativ zu bewerten, da sie dazu führt, dass sich ÄKontaktlosigkeit, Ausgestoßensein, Verlassenheit und in deren Gefolge Angst, Hilflosigkeit, Leere, Resignation […] zu einem fast hoffungslosen Zustand“ verbinden würden, und Ä[i]m Gegensatz zu fruchtbarem Alleinsein wirkt Isolierung zerstörend, zerfetzend, sinnentleerend“35.

2.2.2.1 Soziale Isolation

Sobald das Einsamsein einer Person pathologische Ausmaße annimmt, kann von ‚sozia- ler Isolation‘ gesprochen werden. Soziale Isolierung wird definiert als ÄZustand gerings- ten sozialen Kontaktes bzw. größter Distanz sowie als Absonderung/Vereinzelung von Individuen und Gruppen“36, und es existieren mehrere Auslegungen des Begriffes der sozialen Isolation.

Kognitionspsychologisch wird Äsoziale Isolierung als das negative individuelle Erleben unzureichender Sozialkontakte“37 definiert. In diesem Fall ist es notwendig, dass soziale Isolation Ädas Werturteil des Individuums voraus[setzt], daß seine gegenwärtigen sozia- len Beziehungen (Ist-Lage) seinen sozialen Wünschen im Hinblick auf Nähe (Soll-Lage) nicht entsprechen. Grundlegend für soziale Isolierung ist also eine Ist-Soll-Diskrepanz.“38 Allen Determinationen gemeinsam ist die Auffassung, dass soziale Isolierung stets etwas Negatives bedeuten muss, denn sie Äbesteht meist aus einem Bündel negativer Erleb- nisweisen: Das Gefühl der Verlassenheit, das Gefühl, verstoßen zu sein, anderen fremd zu sein; Einsamkeit; Furcht vor sozialen Kontakten, Erlebnisse der Entfremdung; Angst, Bedrohung, Niedergeschlagenheit“39.

2.2.2.1.1 Gründe und Gefahren, in soziale Isolation zu geraten

Da bei der folgenden Analyse literarischer Texte meistens die Einsamkeit und nicht das - objektiv vorwiegend gegebene - Alleinsein im Vordergrund stehen wird, ist eine genauere Beschreibung sozialer Isolation, wie sie unter ‚normalen‘ Umständen passiert, bedeutsam. In den bearbeiteten Texten sind Alleinsein und eine häufig darauf folgende Einsamkeit ‚Nebenwirkungen‘, die nach einer (lebens-)einschneidenden und unmittelbar auf das Individuum einwirkenden Katastrophe auftreten.

Es besteht indessen im Leben jedes Menschen die Gefahr, an Einsamkeit oder sogar sozialer Isolation zu leiden. Nach Wilhelm Bitter Äzeigen sich in den kritischen Lebensphasen bei jedem Menschen Tendenzen zu gefährlicher Isolierung“40, und diese kritischen Lebensphasen sind:

- die frühe Kindheit,
- die Pubertät mit ihrer veränderten Triebaktivität, ihren Konflikten mit Eltern und Lehrern, ihrem Pendeln zwischen Anlehnung und Isolierung,
- die Adoleszenz mit ihrer Auflehnung gegen die Erzieher41

Bitter weist darauf hin, dass in allen genannten Phasen Ä‚Weichen‘ gestellt [werden] zu einer bejahten Einsamkeit oder aber zu angst- und notvoller Vereinsamung. Wie schwer die Aufgabe ist und wie oft sie mißlingt, zeigen die hohen Selbstmordziffern in den ver- schiedenen Altersstufen.“42 Auf die Auswirkungen sozialer Isolation wird in der Folge noch genauer eingegangen, und es wird auch der Suizid besprochen. Vorweg kann ge- sagt werden, dass die meisten Selbstmorde Äzwischen dem fünfzehnten und neunzehn- ten sowie zwischen dem fünfundvierzigsten und fünfundfünfzigsten Lebensjahr“43 ge- schehen.

Beachtenswert ist folgende Ausführung Härlins, die darauf hinweist, dass jeder Mensch, auch wenn er äußerlich sichtbar von einem sozialen Netz ‚gehalten‘ wird, einsam sein könnte:

Wer ist zum Beispiel einsam in unserer Gesellschaft? Nur die Randsiedler, die Alten, die Kranken? Oder eigentlich jeder zweite in seiner Ehe, seinem Beruf, seiner sozialen Stel- lung, die er vor den anderen ängstlich als intakt und ‚völlig in Ordnung’ darzustellen sich bemüht? Warum brechen Jugendliche aus? Warum scheitern junge Ehen? Warum ver- kümmern Menschen geistig, die auf der Höhe ihrer Schaffenskraft stehen sollten? Warum nehmen sich Leute, die wir gut zu kennen glaubten, die mitten unter uns waren, plötzlich das Leben?44

Im Gegensatz dazu schließen Lauth und Viebahn eine (offensichtlich nicht erkennbare) Vereinsamung inmitten sozialen Kontaktes aus, indem sie behaupten, dass Ä[v]on sozialer Isolierung besonders Minderheiten betroffen [seien], die anderen Normen und Wertvorstellungen als die Gesamtgesellschaft folgen“45.

2.2.2.1.2 Auswirkungen sozialer Isolation

Die Auswirkungen, welche soziale Isolierung und damit einhergehende mangelnde Inter- aktion und Kommunikation haben können, werden für die Betrachtung der literarischen Texte wichtig sein, da zu sehen sein wird, dass die einzelnen Subjekte individuell auf ihre ‚leere‘ Welt reagieren und auf unterschiedliche Arten mit dem Alleinsein zurechtzu- kommen versuchen. Vor allem dieses divergierende Verhalten betreffend kann eine ver- gleichende Analyse aufschlussreiche Ergebnisse liefern und sowohl die positiven als auch die negativen Möglichkeiten eines Umgangs mit Alleinsein aufzeigen.

Das größte Problem, das sich den Figuren stellt, ist, Ädaß man zwar alsbald Isolierung als bedrückend empfindet, ihre Beseitigung aber erfahrungsgemäß nur über Gemeinschaft irgendwelcher Art möglich ist“46, diese Art der Bewältigung bleibt den analysierten Subjekten jedoch verwehrt.

Ist eine Person von Einsamkeit oder sozialer Isolierung betroffen, so wirkt sich das wie erwähnt nicht nur auf ihren psychischen Gesundheitszustand, sondern auch auf ihr kör- perliches Befinden aus,47 denn Äalles, was Menschen von sozialer Unterstützung isoliert, [setzt] sie einer erhöhten Anfälligkeit für körperliche und seelische Probleme aus“48.

2.2.2.1.2.1 Reaktionen sozial isolierter Personen

Die primären Empfindungen einer einsamen Person sind Traurigkeit, Niedergeschlagen- heit, Langeweile, Selbstmitleid und natürlich eine erhöhte Sehnsucht nach einer anderen Person.49 Nach Härlin gibt es, je nach Veranlagung, Alter und persönlicher Lage, zwei Richtungen, die isolierte Personen einschlagen können. Entweder flüchten sie sich Äin Betriebsamkeit bis zu protestierender Aggression oder in Antriebslosigkeit bis zu totaler Apathie“50. Beide Wege wirken sich sowohl auf das psychische als auch auf das physi- sche Wohlbefinden negativ aus, und sie können Äim Extremfall tödlich sein“51.

Besonders aufschlussreich für die Analyse einiger Texte ist der Umstand, dass

[d]er einzelne, der sich nicht mehr umhegt findet von einer für ihn noch überschaubaren Gruppe, […] zwei Elementar-Trieben des Menschen, dem Tötungs- und dem Paarungswunsch, freien Lauf [läßt]. Er weicht in Aggression und Übersexualität aus. Es gelingt ihm nicht mehr, seine persönliche Verantwortung im großen Verband seiner gesellschaftlichen Umgebung zu begreifen - wie könnte er das auch, wenn er es nicht im kleinen Verband üben durfte? So kann es mit dem Ausleben solch ungezügelter Antriebe zur Vernichtung von einzelnen wie von Millionen kommen.52

(Längerfristige) soziale Isolierung führt zusammengefasst zu folgenden psychischen und sozialen Veränderungen einer Person und in deren Leben:

- Die Betroffenen erwerben ein geschlossenes Bild von sich, das durch neue Erfahrungen weniger leicht verändert werden kann.
- Die emotionale Befindlichkeit verschärft sich zum Negativen (z. B. von Niedergeschla- genheit zur Resignation und Depressivität).
- Das Handeln wird unabhängiger von den sozialen Rückmeldungen und von anderen Per- sonen, so daß das Sozialverhalten - bei längerandauernder sozialer Deprivation - starr und stereotyp werden kann.53

Vor allem der letzte Punkt stellt in Hinblick auf die behandelte Thematik einen logischen Schluss dar, da jeder der untersuchten Protagonisten - bis zu einem gewissen Punkt - darauf aus ist, nur sich selbst am Leben zu erhalten. Die Figuren müssen keine Rück- sicht auf andere Menschen nehmen und sind für niemanden verantwortlich.54

Ein weiteres Problem, das bei längerfristiger Einsamkeit auftritt, ist das der geistigen Ausfallserscheinungen. Es kommt bei unbefriedigender geistiger Anregung zu Unbeweg- lichkeit, Voreingenommenheit und Misstrauen.55 Wird die soziale Isolierung nicht aufge- hoben oder bekämpft, so führt sie Äzu einer Verfestigung und Verschärfung negativer kognitiver Strukturen bzw. Verhaltenstendenzen“56, die nur mehr mithilfe gezielter Thera- pien auszulöschen wären.

Mehrere Protagonisten versuchen zwar, sich Abhilfe durch Kommunikation und Interaktion zu verschaffen, im Großen und Ganzen fehlen den Figuren trotz allem Äpositive Sozialerfahrungen (z. B. Ablenkung, Stimulierung, Problemlösungsanregungen, Ermutigung, Sinngebung)“, sie begeben Äsich in einen Teufelskreis zunehmend negativer Erfahrungen und Erklärungsmuster, die wiederum die vorhandene Stimmung verstärken“57, und sie können die Einsamkeit nur partiell überwinden. Es entstehen Verbitterung, Resignation und eine allgemeine depressive Stimmungslage.

Zu schwereren Problemen kann es dann kommen, wenn es Ä[i]nfolge außergewöhnlich langer sozialer Deprivation und dadurch fehlender sozialer Regulierung des Handelns […] zu Realitätsverlusten“58 kommt. Diese Realitätsverluste können dazu führen, dass es für den von sozialer Isolation Betroffenen unklar wird, Äob das eigene Denken und Handeln noch angemessen ist“59. In einigen Texten kommt es bei den Figuren zu paranoiden Angstzuständen. Besonders anschauliche Beispiele dafür sind die Gedanken und Handlungen der Figuren Jonas aus Thomas Glavinics Die Arbeit der Nacht und Anton aus Herbert Rosendorfers Großes Solo für Anton.

Im Gegensatz zur heilend wirkenden Kontaktsuche zu anderen Personen kommt es, wenn die Entwicklungsstufe totaler Isolation erreicht ist, vielfach zu einer noch intensive- ren Entfremdung von anderen Menschen, der Kontakt wird noch nachhaltiger als bisher gemieden.60 Wenn dieser Punkt erreicht ist, Ägibt es nur noch eine (notwendige) Steige- rungsstufe, und die besteht im Verlust des Kontakts zu sich selbst“61.

Isolation beeinflusst demnach den einsamen Menschen dahingehend, dass er nicht län- ger Rückmeldungen über sein eigenes Verhalten erhält. Ihm werden u. a. Verhaltensfeh- ler nicht angezeigt, und er kann sich nicht mehr weiterentwickeln, allerdings retardieren seine Verhaltensmuster auch nicht, sie entwickeln sich zurück. Wie anhand der Analyse einiger Texte zu sehen sein wird, kann festgehalten werden, dass der Einsame verlernt, Äwelche seiner Verhaltensweisen für die anderen anziehend sind und welche abstoßend. Sein Verhalten wird also bei zufälligen oder unumgänglichen Begegnungen mit anderen bei diesen mit größter Wahrscheinlichkeit tatsächlich oft Ablehnung hervorrufen.“62

2.2.2.1.2.2 Suizidalität

Wenn von Suizid gesprochen wird, sind zwei unterschiedliche Begriffe dieser Art des Lebensendes zu nennen: Erstens der Selbstmord, der aufgrund des Begriffs ‚Mord‘ Ävor religiösem wie juristischem Hintergrund uneingeschränkt negativ besetzt ist“, und zwei- tens der Freitod, Äder den Suizid einseitig positiv erscheinen läßt“63. Peter Mösgen be- zeichnet beide Begriffe aufgrund ihrer wertenden Definition als problematisch. Darüber hinaus sei nicht immer eindeutig feststellbar, ob ein Mensch den Tod als letzten Ausweg aus einer Leidenssituation oder als eine neue Möglichkeit für sich selbst betrachtet. ÄOh- ne Verzweiflung oder Ausweglosigkeit tötet sich niemand“64, stellt Peter Noll allerdings fest, und aufgrund dieser Tatsache ist eine klare Unterscheidung der Bedeutung von Selbstmord und Freitod nicht möglich.

Der Begriff ‚Suizidalität‘ umfasst jedenfalls Äalle Formen suizidalen Erlebens und Verhaltens, worunter sowohl Suizidideen, Suizidversuche und der Suizid“65 fallen. Um denkbare Assoziationen vorwegzunehmen, muss daher allgemein von ‚Selbsttötung‘ gesprochen werden, darüber hinaus ist jeder Fall einzeln zu betrachten.

Tatsache ist, dass der Suizid des von Einsamkeit Betroffenen die wohl erschreckendste und endlichste Auswirkung sozialer Isolierung darstellt. Statistiken zeigen, dass schon die Selbstmordquote alleinstehender (nicht einsamer) Personen höher liege, als jene von Verheirateten oder in Partnerschaft Lebenden.66

Härlin spricht von einer unbewussten oder bewussten Resignation jener Menschen, die ihre ÄEnergien in der Bekämpfung eigener Isolierung erschöpft“ haben, denn Ä[w]en keiner auf der Welt braucht, der schleicht sich, mehr oder minder augenfällig, aus ihr hinaus: mit Gift, Gas, Strang, Messer, Pistole setzt er seinem ihm unerträglich sinnlos gewordenen Leben ein Ende“67.

Günther weist auf eine Studie Karl Joachim Lindens hin, der Äin seinen Untersuchungen die massivsten Todeswünsche unter denjenigen, die längere Zeit vereinsamt und kontaktlos gelebt haben“68, findet. Linden legt nach der Untersuchung der Lebenssituation von 203 Suizidanten eine statistische Aufteilung vor. 58,5 % dieser Selbstmörder wohnten innerhalb ihrer Familie, 5,5 % mit Bekannten zusammen, 29,5 % allein, 4,5 % in Wohnheimen und 2 % waren ohne festen Wohnsitz. Ausgehend von den Ergebnissen der Untersuchung wurden die Suizidanten vier Gruppen zugeordnet:

Gruppe A): Die Suizidhandlung wird nach langer Entschlußzeit in der Einsamkeit ausge- führt.
Gruppe B): Die Suizidhandlung wird nach längerer Entschlußzeit in der Nähe anderer Personen ausgeführt.
Gruppe C): Die Suizidhandlung wird nach kurzer Entschlußzeit in der Einsamkeit ausge- führt.
Gruppe D): Die Suizidhandlung wird nach raschem Entschluß in der Nähe anderer Personen ausgeführt.69

Für vorliegende Masterarbeit aufschlussreich sind nur die Gruppen A und C, wobei die

Gruppe A) 19 % der untersuchten 203 Fälle aus[macht]. Von den Suizidanten der Gruppe A) wohnen 58,3 % allein und sind ohne soziale Bindungen! Weitere 10,6 % wohnen in Wohnheimen oder sind ohne festen Wohnsitz. Die Probanden der Gruppe A sind bei ihren Suizidversuchen am allerstärksten vital gefährdet. Soziale Schwierigkeiten werden von ih- nen gehäuft als Anlaß für ihr Tun angegeben. Linden fügt hinzu: ‚Es ist zu vermuten, daß diese Gruppe zwei unterschiedliche Typen enthält, nämlich: 1. Jugendliche, die in einer mehr oder weniger schweren Krise bei geringen sozialen Kontakten sich schon länger mit Todesabsichten tragen und 2. gescheiterte, in soziale Isolierung geratene abnorme Per- sönlichkeiten.’ […]

Gruppe C) umfaßt 24 % der Suizidanten. Linden macht zu diesen Personen folgende Angaben: 70,3 % von ihnen sind alleinstehend; das häufigste, angegebene Motiv ist Liebeskummer. Es handelt sich vorwiegend um ältere, sozial isolierte Menschen, die in ihren Kontaktversuchen scheitern.70

Wie aus unterschiedlichen Forschungsarbeiten hervorgeht, ergibt sich auch hier das Fa- zit, Ädaß soziale Kontakte und Bindungen die Suizidgefährdung deutlich herabsetzen.

[…] Sozial isolierte Menschen machen gefährlichere Suizidversuche und sind entschie- dener zur Selbsttötung entschlossen.“71

2.3 Zusammenfassend: Unterscheidung nach objektiven und subjektiven Krite- rien

Auf den vorherigen Seiten wurde eine Auswahl von Ergebnissen der Einsamkeitsfor- schung angeführt. Es hat sich bei der Bearbeitung dieses Themenkomplexes herausge- stellt, dass für ein und dieselbe Definition oftmals unterschiedliche Begriffe verwendet werden. Um die literaturwissenschaftliche Analyse der Texte logischer und übersichtli- cher gestalten zu können, werden jene, bei der Recherche aufgefundenen und für schlüssig befundenen Definitionen zu einer Unterscheidung zwischen Alleinsein und Einsamsein angewandt.

Für einen theoretischen Abschluss müssen daher zwei weitere Forschungsansätze vorgestellt werden. W.J.J. de Sauvage Nolting unterscheidet die beiden Begriffe ‚Alleinsein‘ und ‚Einsamsein‘. Seiner Meinung nach sei Alleinsein eine objektive, Einsamsein eine subjektive Tatsache. Ob jemand ‚allein‘ ist, kann durch ihn selbst, aber auch durch andere Personen festgestellt werden. Ob jemand ‚ein- sam‘ ist, kann nur durch den sich einsam Fühlenden selbst konstatiert werden. […] Wenn man jedoch wirklich allein ist (z.B. auf einer Insel), kann man sich einsam fühlen, aber dies braucht absolut nicht der Fall zu sein. […] Das Einsamkeitsgefühl gehört zu den ‚Leidgefüh- len‘. Der einsame Mensch hat etwas Wesentliches verloren; er ist verarmt. Sein Verlangen nach Wiederherstellung des früheren Zustandes, in dem er nicht einsam war, quält ihn.72

Infolgedessen müsste in vorliegender Masterarbeit unterschieden werden zwischen Figuren, welche alleine sind, jenen, welche alleine und einsam sind, jenen, welche nicht (dauerhaft) alleine sind, und schließlich jenen, welche nicht (dauerhaft) alleine, aber dennoch einsam sind.

Zur weiteren Verdeutlichung der Definitionsproblematik sei folgende Auffassung Udo Derbolowskys angeführt. Derbolowsky unterscheidet vier Formen von Einsamkeit bzw. Vereinsamung und Verlassenheit, wobei er die oben genannte Unterscheidung zwischen alleine sein und einsam sein nicht trifft und jedes Alleinsein zugleich als Einsamsein de- finiert. Dennoch ist es möglich, zwei der vier Einsamkeitsformen auf folgende Betrach- tung anzuwenden. Diese beiden wären erstens die Äwählbare Einsamkeit, die in ihrer Polarität zur Gemeinsamkeit ein gesundes und unabdingbares Element unseres Menschseins ist“ und zweitens die Äerlittene Einsamkeit durch Umstände“73.

Die unterschiedlichen Arten von Einsamkeit in den für diese Arbeit ausgewählten Texten können zu Derbolowskys Äerlittene[r] Einsamkeit durch Umstände“ gezählt werden, aller- dings nur dann, wenn festgestellt ist, dass die jeweilige Figur nicht nur alleine, sondern auch einsam ist. Nach Derbolowskys Definition kann davon ausgegangen werden, dass die Äwählbare Einsamkeit“ gleichzusetzen ist mit gewähltem Alleinsein und sie dadurch bspw. auf die Frau aus der Wand und - teilweise - den Mann aus Schwarze Spiegel zutrifft.

II. Alleinsein, Einsamkeit und soziale Isolation literarischer Figuren

It’s the end of the world as we know it74

Die untersuchten Texte werden von der Forschung in das Feld der postapokalyptischen Literatur eingeordnet, und sie behandeln Ädas Grundmotiv vom Menschen ohne Menschheit“75. Die Themenkomplexe, die sich in den Texten finden, lassen sich auf unterschiedliche Arten behandeln, und sie werfen mehrere Fragen auf, die es wert sind, literaturwissenschaftlich betrachtet zu werden.

Der Begriff der Postapokalypse sollte im Zusammenhang mit den ausgewählten Texten stets den Übergang und die Erschaffung eines neuen Daseins, eine Neuanordnung der bestehenden Welt meinen. Einige Forscher betrachten ihn in dieser Beziehung jedoch als geschehenen Weltuntergang, wobei hier angemerkt werden muss, dass in keinem der Texte die Welt untergeht. Durch - in manchen Fällen unbekannte - Begebenheiten passiert eine Umstrukturierung der Welt, aber kein Weltenende. Das, von der Forschung im Zusammenhang mit den ausgewählten Texten viel beachtete Motiv des Endes der Welt soll daher nicht Thema dieser Arbeit sein, da die Welt in allen Texten inhaltlich nicht ausgelöscht wird.76 Einen Sinn ergibt Gerhard Marcel Martins Auffassung eines subjektiv empfundenen Weltuntergangs, denn laut Martin Äkönnen Weltuntergangsvorstellungen apokalyptische Ausmaße annehmen, auch wenn sie keine kosmologisch weltgeschichtli- che Weite haben“77. Daniela Strigl weist bspw. darauf hin, dass Ädie wörtliche Bedeutung der Apokalypse als Enthüllung, Entbehrung [für Die Wand] eine wesentliche Rolle [spie- le]: Der Ausnahmezustand enthüllt die Verstrickung des oder besser: der einzelnen im Sozialen und legt verschüttete Fähigkeiten frei.“78

Da es für die Bewertung der Texte hinsichtlich der Einsamkeitsthematik nicht von Bedeu- tung ist, sich mit ihrer Gattungseinordnung innerhalb des literarischen Feldes auseinan- derzusetzen, soll lediglich angemerkt werden, dass der ausgewählte Textkorpus jeden- falls ohne Ausnahme aus so genannten Utopien besteht, wobei eine klare Unterteilung ausbleiben muss, da die Texte sowohl als Science-Fiction-Literatur, als Robinsonaden79 oder/und als Dystopien bezeichnet werden können. Vorliegende Abhandlung beraubt die ausgewählten Texte nicht ihrer literaturwissenschaftlichen Einordnung, sondern betrachtet sie vielmehr hinsichtlich der Thematik der (sozialen) Isolation eines Subjektes. Selbst wenn die Welt nicht ‚untergeht‘, verschwindet sie dennoch in ihrer derzeitigen Form, und das neu entstandene (Um-)Feld, in dem sich die Figuren nun orientieren müssen, beeinflusst ihr Zurecht- bzw. Nichtzurechtkommen mit der entstandenen Abspaltung von der Gesellschaft stark.

Für den Rezipienten der untersuchten Texte ist bereits die Vorstellung befremdend, Ädaß die Welt im Zustand der Disharmonie und des Chaos verharrt oder sich ausweglos darin verstrickt“80. Aus diesem Grund sind ÄScience Fiction im allgemeinen und die Weltkata- strophenerzählung im besonderen […] hervorragend geeignete Medien zur Behandlung von Einzelschicksalen und mehr noch von Einzelleistungen“81. Diese Tatsache macht sich vorliegende Arbeit zunutze, denn sie würdigt die Leistungen jener literarischen Figu- ren, die in einem ‚leeren‘ Feld agieren, das sie erst neu für sich entdecken und ordnen sowie sich nicht nur über alltägliche Lebensnotwendigkeiten Gedanken machen müssen.

Georg Dietrich zeigt, dass Einsamkeit als Motiv der Dichtung Äso alt ist wie die Dichtung selbst“82. Als historische Ankerpunkte und Beispiele nennt er die Griechen Aischylos, Sophokles und Euripides, die vereinsamte Personen in den Vordergrund einiger ihrer Texte stellen. Im Mittelalter findet sich Dietrich zufolge das Motiv in den Heldenliedern, z.B. lässt es sich bei der Betrachtung der Figur Hagen von Tronjes im Nibelungenlied nachweisen. Ebenso zeigen sich Einsamkeitsprobleme in Wolfram von Eschenbachs Parzival, und im ausgehenden Mittelalter verfasst Petrarca ein Traktat mit dem Titel Über das einsame Leben. Petrarca preist darin das, in dieser Arbeit sogenannte ‚positive Al- leinsein‘, indem er dem Menschen huldigt, Äder sich zurückzieht, um sich auf die wesent- lichen Dinge des Lebens konzentrieren und schöpferisch tätig sein zu können“83. Shake- spears Helden kosten in der Neuzeit die Einsamkeit aus, gefolgt von Dostojewskij, der die Einsamkeit in seinen großen Romanen entweder als Haupt- oder Nebenthema be- handelt.84 Bezüglich der Literatur des 20. Jahrhunderts ist Dietrich der Auffassung, diese sei Äübervoll von Beschreibungen, Erklärungen und Funktionsanalysen der Einsam- keit“85.

Dietrich wirft die Frage auf, inwiefern Einsamkeit als psychologisches Problem in der Dichtung zu einer weiteren wissenschaftlichen Erforschung sozialer Isolation beitragen und Lösungsansätze für Betroffene veranschaulichen könnte. Das ist auch für vorliegen- de Abhandlung interessant, und es erscheint logisch, wenn Dietrich feststellt, dass dich- terische Werke unterschiedliche Beschreibungen, Erklärungen und Behebungen der Einsamkeit aufzeigen können.86 Bei allen Erklärungsversuchen darf allerdings nicht ver- gessen werden, dass es sich bei den im Folgenden analysierten und einem Vergleich unterzogenen Einsamkeitsdarstellungen stets um Ergebnisse von Dichtung und Fiktion handelt und diese Texte nicht darauf abzielen, wissenschaftlich verifizierbare und objek- tivierbare Ergebnisse und Aussagen liefern zu können. Es bleibt immer ungewiss, inwie- weit praktische Lösungsansätze aus literarischen Texten gewonnen werden können. Dennoch ist die Einsamkeit an sich, wie bereits festgestellt wurde, immer eine höchst subjektive Tatsache und deswegen kann Objektivierbarkeit kein unbedingtes Muss einer solchen Analyse sein.

1. Ausgangssituationen

Arno Schmidt untergliedert die Thematik einer menschenleeren Welt des Textes Schwarze Spiegel am 20. Juli 1951 in einem Brief an den Verleger Heinrich Maria LedigRowohlt in zwei zu behandelnde Stoffkreise:87

1.) die äußere Darstellung dieser Welt :88 dies ist der ‚Zustandsbericht‘;[…]

2.) ein psychologisches Problem : wenn nun in solcher Welt doch noch einmal durch Zufall 2 Menschen aufeinander treffen - das alte Rousseausche Problem […]: Was wer- den sie tun? Einander in die Arme sinken? Einander totschlagen? Oder schweigend aneinander vorbei gehen? - Ich gebe die organische Lösung : zuerst schlagen sie einander aus Versehen beinahe tot; dann sinken sie sich - zumal da verschiedenen Geschlechtern angehörig - in sämtliche Extremitäten; um am Ende doch aneinan- der vorbei zu gehen : denn sie sind durch ihre vorhergehenden Erlebnisse, durch die jahrzehntelange Isolation und absolute Selbstständigkeit zum Zusammenleben unfähig geworden. Weiter ist nichts zu schildern; und es ist auch nicht anders zu schildern.89

Der Protagonist - nach Meinung Hiltrud Gnügs ein ÄMisanthrop“90 - des als Tagebuchaufzeichnung geführten und 1951 erstmals veröffentlichten Textes Schwarze Spiegel ist ein namenloser, hochgebildeter Schriftsteller ÄAnfang Vierzig“ (SchwSp, 24), der fünf Jahre nach dem Dritten und atomaren Weltkrieg mit dem Fahrrad durch die zerstörte, menschenleere und tierarme Gegend streift. Georg Guntermann sieht den Protagonisten Ähin- und hergezogen zwischen Wut, Zorn, ‚Ingrimm‘ einerseits und ‚eine[r] betont aufgeräumte[n] Zufriedenheit‘ andererseits“91.

Schmidts Text ist ein ÄIch-Bericht“, und aus der Ägewählten Tagebuch-Form“ ergibt Äsich zwanglos [die] Manier des berühmten ‚inneren Monologs‘“92. Die Erzählung behauptet Hiltrud Gnüg zufolge Äim Sinne eines humanistischen Ethos das Ideal freier Individualität, eines Subjekts, das in einer wild wachsenden Natur […] bestehen kann und sie zugleich ästhetisch genießt und das gleichzeitig seine intellektuelle Phantasie gegen die Faktizität des Bestehenden auslebt“93.

Die Menschen sind, im Gegensatz zu den anderen untersuchten Texten, nicht unerwar- tet verschwunden, sondern sie wurden getötet - ein Umstand, der die Figur nicht allzu sehr verstört. Skelette, welche die Figur bei ihren Streifzügen auffindet, zeugen vom Tod durch die Kriegsfolgen und geben der Figur immer wieder Gelegenheiten zum Ersinnen fantastischer Geschichten. Ziel der Ausflüge des Protagonisten sind Dörfer und Städte sowie militärische Versorgungslager, aus welchen er Brauchbares und Nahrhaftes mit- nimmt. Die Figur ist obdachlos und quartiert sich nur in den Nächten in unterschiedlichen Unterkünften ein, denn das Leben hätte den Mann Äaus einem Pedanten zum Vaganten gemacht“ (SchwSp, 19). Als er einen, ihm angenehmen Ort findet, baut er sich eine Hüt- te. Kurz darauf trifft der Mann auf einen weiteren Überlebenden: eine junge Frau, mit der die Figur eine Beziehung beginnt.

Die Protagonistin des in Form eines retroperspektivischen, Ätagebuchartigen Bericht[s] aus der Endzeitperspektive“94 geschriebenen, 1963 erstmals veröffentlichten Textes Die Wand von Marlen Haushofer ist eine weibliche Ich-Erzählerin unbekannten Namens in den Vierzigerjahren, die von einer Wand in einem Jagdhaus in einem Äkleinen Kessel, am Ende einer Schlucht, unter steil aufsteigenden Bergen“ (W, 12) von der gesamten Welt abgeschlossen wird. Der Bericht ist ein Rückblick auf zweieinhalb vergangene Jah- re, die die Figur alleine inmitten des Waldes verbracht hat. Christine Schmidjell weist darauf hin, dass die ÄIch-Erzählsituation […] die Fokussierung auf die Erlebnisperspekti- ve der isolierten Frau ermöglicht, in der die Kontrastierung zwischen Erzählzeit und rückblickendem Erzählen aus der Innenschau zu einem besonderen Spannungsverhält- nis ausgebaut werden konnte“95.

In vorliegender Bearbeitung werden einige Texte behandelt, in denen es um erzählte Erinnerungen geht, daher muss darauf hingewiesen werden, dass Äim Erinnerungspro- zess ein Ereignis nicht aufgerufen, wie es detailliert passiert ist, sondern mit ähnlichen Ereignissen verknüpft und interpretiert“96 werde. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass sich vieles nicht so zugetragen hat, wie es vor allem die Ich-Erzähler dem Leser mittei- len, und auch die Frau aus der Wand deutet diesen Umstand an, wenn sie fürchtet, Ädaß sich in meiner97 Erinnerung vieles anders ausnimmt, als ich es wirklich erlebte“ (W, 7). Einen Grund für das mysteriöse Entstehen der Wand findet die Figur nicht, sie stellt al- lerdings auf Erkundungsgängen fest, dass jedes Leben jenseits der Wand erstarrt ist. Die Wand hat jedoch keine Auswirkungen auf das Weiterbestehen der Tier- und Pflan- zenwelt innerhalb des Talkessels, in welchem die Figur gefangen ist.

Objektiv betrachtet ist die Frau also alleine, und sie fühlt sich - bis auf wenige Ausnahmen gegen Ende des Textes - niemals einsam. Dieser Text unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von den anderen behandelten Texten. Der wohl größte Unterschied liegt darin, dass die Figur inmitten ihres einsamen Feldes einen Lebensinhalt und -sinn findet. Sie hat Subjekte um sich, mit welchen sie in Interaktion treten kann, für welche sie lebt und am Leben bleiben möchte.

Der Protagonist des von einem personalen Erzähler in Er-Form geschilderten, 1976 ver- öffentlichten Textes Großes Solo für Anton von Herbert Rosendorfer ist der Beamte An- ton L., eine Äskurril[e] bis grotesk[e] Figur“, die Barbara Sinic zufolge Äradikal mit sämtli- chen Vorstellungen vom auserwählten hberlebenden“98 brechen würde. Anton L. lebt in einer unbenannten deutschen Großstadt; in der Nacht vom 25. auf den 26. Juni sind in Antons unmittelbarer Umgebung und, wie sich nach Erkundungen der Figur herausstellt, überall, die Menschen verschwunden. Einen Grund für dieses Verschwinden findet der Protagonist nicht, und er kommt zum Schluss, dass er der letzte Mensch auf Erden sei. In Herbert Rosendorfers Text existieren außer der Figur Anton zwar keine weiteren Men- schen, die unbekannte Katastrophe hat allerdings keine Auswirkungen auf das Weiter- bestehen der Tier- und Pflanzenwelt.

Der Held des in Ich-Form niedergeschriebenen und 2002 veröffentlichten Textes Welt unter von Yorck Kronenberg ist ein namenloser Mann unbekannten Alters, der in einer Großstadt lebt. Ohne einführende Beschreibungen findet sich die Figur alleine wieder, reagiert darauf allerdings ruhig und gelassen, und sie handelt nicht übereilt. Obwohl die Figur einer - abwesenden - Nachbarin zuruft, Ädie Welt ist untergegangen“ (Wu, 48), existiert auch in diesem Text die Welt noch immer, es fehlen lediglich alle Menschen. Passagenweise deutet der erzählte Inhalt darauf hin, dass es sich um eine Traumerzäh- lung handelt und der Protagonist die gesamte Situation erträumt und nicht erlebt. (Vgl. z.B. Wu, 14) Hinzu kommt eine Art Zäsur, die auch dahingehend verstanden werden kann, als wäre alles nur Erfindung, eine, vom Protagonisten aufgeschriebene, fiktive Er- zählung. (Vgl. Wu, 28f.) Es bleibt demnach anzumerken, dass nicht mit Sicherheit geklärt werden kann, ob die Einsamkeit der Figur nur eingebildet ist. Für die vorliegende Analy- se müssen die Einsamkeit und die damit einhergehenden Erlebnisse der Figur als Tat- sache angenommen werden.

Die zentrale Gestalt des 2006 erschienen Textes Die Arbeit der Nacht von Thomas Glavinic ist der Mitte 30-jährige Jonas, der in der österreichischen Bundeshauptstadt lebt. Der personale Erzähler, der in der Er-Form erzählt, schildert die Ereignisse aus Fi- gurensicht.99 Daher kommt es an vielen Stellen zu Innensichten, dennoch wäre es auf- grund dieser Erzählform nicht immer möglich, aus den Handlungen Gefühle und Gedan- ken des Protagonisten herzuleiten. Thomas Glavinic weist allerdings darauf hin, dass es trotz allem Äeine personale und keine auktoriale Erzählsituation“ sei und dass der Rezipi- ent alles Änur aus der Perspektive des Protagonisten“ sehe, er deshalb nur wisse, Äwas dieser weiß.“100 Auch Wolfgang Müller-Funk meint, dass es nur die Sicht Jonas‘ sein könne, aus welcher Ädie Welt im Roman sichtbar wird, […] schon einfach deswegen, weil kein anderer Betrachter zur Verfügung steht“101.

Am Morgen eines 4. Juli bemerkt Jonas auf dem Weg zur Arbeit das Fehlen anderer Menschen und begreift nach weiteren Erkundungen, dass alle Lebewesen verschwun- den sind. Anders als die ‚Frau‘ in der Wand sowie Arno Schmidts und Yorck Kronen- bergs ‚Mann‘ hat Glavinics Protagonist einen Namen. Diese Namensgebung verleiht dem Subjekt eine Identität,102 die den unbekannten anderen Figuren nicht gegeben ist. Obwohl die Namenlosigkeit in den anderen Texten für die Figuren kein Problem dar- stellt,103 meint Claudia Feldtenzer, Ä[d]er Name einer Person“ stehe Änie allein und zu- sammenhanglos in einem Kontext, sondern er bezeichnet und identifiziert die jeweilige Person“, und so würde Ä[d]ie identifikatorische Funktion von Schrift […] durch den Na- men erfüllt“104. Birgit Gilg hält dazu fest, dass Glavinics Figur genauso wie die Figuren der anderen Texte eigentlich keinen Namen mehr benötigen würde - denn er ist allein -, dennoch Äentscheidet er sich bewusst dazu, seinen Namen nicht aufzugeben“105.

Der Text selbst ist, wie Daniel Kehlmann feststellt, Äein philosophischer Roman, der in immer neuen Wendungen die Frage umkreist, was das ist - die Abwesenheit. Jene von anderen Menschen, jene von Beobachtern überhaupt, auch jene eines allsehenden Got- tes“106. Damit vergleichbar ist Marlen Haushofers Die Wand, denn auch hier stellt sich die Protagonistin häufig die Frage, ob etwas außerhalb ihrer unmittelbaren Wahrneh- mung überhaupt existiere.

Glavinics Roman zeigt das objektive Alleinsein einer Figur, das kurz darauf in ein subjek- tives Einsamkeitsgefühl umschlägt, welchem die Figur Jonas während der gesamten Handlungszeit ausgesetzt bleibt. Da die Figur die neue Situation nicht akzeptiert und nur als vorübergehend betrachtet, stürzt sie sich in Betriebsamkeit. Jonas entwickelt eine psychisch beängstigende Schlafstörung und wird zu seinem eigenen Antagonisten. Die Erzählung endet mit dem Suizid der Figur, die keine andere Möglichkeit zur Flucht vor der ‚leeren‘ Welt und vor sich selbst sieht.107

Thomas Glavinics Text erteilt keine Ratschläge, wie mit Einsamkeit umzugehen wäre, um dieselbe positiv zu gestalten, er stellt nur eines mit Sicherheit fest: So nicht; Glavinics Roman Äliefert keine Lösung“108.

Der Protagonist des 2008 erschienenen und in Tagebuchform verfassten Textes Der Tag, an dem die Sonne verschwand von Jürgen Domian ist der 40-jährige Fotograf Lo- renz, der in einer deutschen Großstadt lebt. Von seiner Dachgeschoßwohnung aus beo- bachtet er am 17. Juli eines unbekannten Jahres einen radikalen Wetterumschwung. Die Katastrophe kann als Klimakatastrophe definiert werden: Domian inszeniert, möglicher- weise beeinflusst durch die gegenwärtige Klimawandelthematik, eine Horrorsituation: Unerwarteter Wetterumschwung mit dem Verschwinden der Sonne als Klimax der Ent- wicklungen.109 Als Lorenz schließlich begreift, dass etwas nicht in Ordnung ist und sich seine Faszination über die ungewohnten Wetterverhältnisse in Angst wandelt, bemerkt er, dass alles Lebendige mit der Sonne von der Erde verschwunden zu sein scheint. Die Welt, die Lorenz kannte und die ihm vertraut war, ist ausgestorben und über allem liegt Stille. Nach und nach versinkt die Stadt in Schnee und Eis, und das, was übrig bleibt, erinnert an die Konservierung aller Spuren in Marlen Haushofers Die Wand.110

Lorenz zieht sich in die vertraute Umgebung seiner Wohnung zurück und isoliert sich dadurch noch mehr von der übrigen Welt.

[...]


1 E. A. D. E. Carp: Einsamkeit. Psychologisch - soziologisch - religiös. In: Wilhelm Bitter (Hrsg.): Einsamkeit in medizinisch-psychologischer, theologischer und soziologischer Sicht. Ein Tagungsbericht. Stuttgart: Ernst Klett 1967, S. 86-99; hier: S. 86.

2 Arno Schmidt: Schwarze Spiegel. Mit einem Kommentar von Oliver Jahn. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006. (= SBB. 71.) - In der Folge textintern zitiert mit der Sigle ‚SchwSp‘ und einfacher Seitenzahl. An dieser Stelle wird außerdem darauf aufmerksam gemacht, dass die Orthografie und Interpunktion Arno Schmidts nicht den üblichen Normen entspricht. ‚Fehler‘ werden in dieser Arbeit in der Folge bei den Originalzitaten aus Schwarze Spiegel nicht hervorgehoben.

3 Marlen Haushofer: Die Wand. Berlin: Ullstein 2004. (= List. 60571.) - In der Folge textintern zitiert mit der Sigle ‚W‘ und einfacher Seitenzahl.

4 Herbert Rosendorfer: Großes Solo für Anton. Zürich: Diogenes 1981. (= detebe. 20329.) - In der Folge textintern zitiert mit der Sigle ‚GSA‘ und einfacher Seitenzahl.

5 Yorck Kronenberg: Welt unter. Hamburg: Edition Nautilus 2001. - In der Folge textintern zitiert mit der Sigle ‚Wu‘ und einfacher Seitenzahl.

6 Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht. München, Wien: Carl Hanser 2006. - In der Folge textintern zitiert mit der Sigle ‚AdN‘ und einfacher Seitenzahl. hberdies soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass, obwohl der Text 2006 erschienen ist, in den Originalzitaten aus Die Arbeit der Nacht die Alte Rechtschreibung aufscheinen wird.

7 Jürgen Domian: Der Tag, an dem die Sonne verschwand. München: Heyne 2008. (Heyne. 40536.) - Im der Folge textintern zitiert mit der Sigle ‚TS‘ und einfacher Seitenzahl.

8 Dass die Begriffe ‚Alleinsein‘ und ‚Einsamkeit‘ häufig synonymisch gebraucht werden, zeigt bereits das Zitat aus Schwarze Spiegel im Titel dieser Arbeit: Arno Schmidts Ich-Erzähler genießt hier die Einsamkeit. (Vgl. SchwSp, 21)

9 In dieser Arbeit wird aus stilistischen Gründen das generische Maskulinum gebraucht.

10 Vgl. dazu S. 26f. der vorliegenden Abhandlung.

11 Es wird zu sehen sein, dass dies nicht auf jede Figur zutrifft.

12 Maria Kublitz-Kramer: Einsame Mahlzeiten. Alleinessende in Marlen Haushofers Die Wand und Thomas Glavinic‘ Die Arbeit der Nacht. In: Claudia Lillge, Anne-Rose Meyer (Hrsg.): Interkulturelle Mahlzeiten. Kulinarische Begegnungen und Kommunikation in der Literatur. Bielefeld: transcript Verlag 2008, S. 277-293; hier: S. 278.

13 Ebda, S. 282.

14 Gerhard W. Lauth, Peter Viebahn: Soziale Isolierung. Ursachen und Interventionsmöglichkeiten. München, Weinheim: Psychologie Verlags Union 1987, S. 4.

15 Ebda, S. 5.

16 Anselm Eder: Risikofaktor Einsamkeit. Theorien und Materialien zu einem systemischen Gesundheitsbegriff. Wien, New York: Springer-Verlag 1990, S. 110.

17 Ebda, S. 120.

18 Ebda.

19 [o.A.]: University of Illinois at Chicago am 15.11.2007. Online: URL: http://www.scinexx.de/wissen- aktuell-7396-2007-11-15.html [Stand 2011-01-26].

20 Vgl. ebda.

21 Vgl. [o.A.]: [o.T.] Online: URL: http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/38320/Soziale_Isolation_verstaerkt_Krebswachstum.htm [Stand 2011-01-26].

22 [o.A.]: Christoph Kuhlmann in einem Interview: Online: URL: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/318268 [Stand 2011-01-14].

23 Carp, Einsamkeit, S. 96.

24 [o.A.]: [o.T.]: Online: URL: http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/news/psychologie- einsamkeit-steckt-an_aid_459215.html [Stand 2011-01-26].

25 Wilhelm Bitter: Zum Thema. Übersicht und Ergänzung. In: Ders. (Hrsg.): Einsamkeit in medizinischpsychologischer, theologischer und soziologischer Sicht. Ein Tagungsbericht. Stuttgart: Ernst Klett 1967, S. 9-29; hier: S. 13.

26 Eberhard Elbing: Einsamkeit. Psychologische Konzepte, Forschungsbefunde und Treatmentansätze. Göttingen, Toronto, Zürich: Hogrefe 1991, S. 12.

27 Lauth, Viebahn, Soziale Isolierung, S. 3.

28 Ebda, S. 4.

29 Julia Annegret Günther: Soziale Isolierung. Annäherungsversuch an ein vielschichtiges Problem. Berlin, Inauguraldissertation 1978, S. 11.

30 Ebda, S. 11.

31 Dietrich von Oppen: Einsamkeit als Last und Bedürfnis. In: Wilhelm Bitter (Hrsg.): Einsamkeit in medizinisch-psychologischer, theologischer und soziologischer Sicht. Ein Tagungsbericht. Stuttgart: Ernst Klett 1967, S. 104-110; hier: S. 104.

32 Ebda, S. 105f.

33 Camilla Härlin: Der isolierte Mensch und wie wir ihm helfen können. Denkanstöße für den Alltag. Luzern/München: Rex-Verlag 1973, S. 19.

34 Ebda, S. 20.

35 Ebda.

36 Lauth, Viebahn, Soziale Isolierung, S. 12.

37 Ebda, S. 11.

38 Ebda.

39 Ebda, S. 13.

40 Bitter, Zum Thema, S. 10.

41 Ebda.

42 Ebda.

43 Ebda.

44 Härlin, Der isolierte Mensch, S. 10f.

45 Lauth, Viebahn, Soziale Isolierung, S. 7.

46 Härlin, Der isolierte Mensch, S. 21.

47 Vgl. dazu auch: Lauth, Viebahn, Soziale Isolierung, S. 3.

48 Philip G. Zimbardo: Psychologie. Bearb. und hrsg. von Siegfried Hoppe-Graff und Barbara Keller. Sonderaufl. für Weltbild Verlag. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag 1992, S. 93.

49 Vgl. Elbing, Einsamkeit, S. 151.

50 Härlin, Der isolierte Mensch, S. 39.

51 Ebda.

52 Ebda, S. 39f.

53Lauth, Viebahn, Soziale Isolierung, S. 34.

54 Die Tötung eines Menschen ist bspw. in Die Wand ein Vergehen, das unter ‚normalen‘ Umständen von der handelnden Figur vielleicht nicht ausgeführt worden wäre. Daniela Strigl weist darauf hin, dass es Äin dieser Utopie […] keine soziale Verantwortlichkeit [gäbe], außer für die Tiere“ (Daniela Strigl: ‚Die Wand‘ (1963). Marlen Haushofers Apokalypse der Weltwirtschaftswunder. In: Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 15 (2004). Online: URL: http://www.inst.at/trans/15Nr/05_16/strigl15.htm#FNT6 [Stand 2011-02-04].). - Die Figuren in Welt unter, Großes Solo für Anton und Die Arbeit der Nacht machen sich überdies Gedanken darüber, welche Gesetze nun gelten würden und auf welche Weise Straftaten geahndet werden könnten.

55 Vgl. Härlin, Der isolierte Mensch, S. 43.

56 Lauth, Viebahn, Soziale Isolierung, S. 33.

57 Ebda, S. 35.

58 Ebda.

59 Ebda.

60 Vgl. ebda, S. 35f.

61 Günther, Soziale Isolierung, S. 60. - Vgl. dazu Kapitel 3.4.3 im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit.

62 Ebda, S. 64.

63 Peter Mösgen: Selbstmord oder Freitod? Das Phänomen des Suizides aus christlichphilosophischer Sicht. Eichstätt: BPB 1999. (= Reihe diritto Wissenschaft.) S. 16.

64 Peter Noll, zit. nach ebda, S. 17.

65 Sandy Brunner: ‚Ich mach Schluss, mich vermisst ja doch keiner!‘ Suizidalität von Jugendlichen als Symptom der depressiven Störung. Norderstedt: GRIN 2005, S. 5.

66 Vgl. z.B. Härlin, Der isolierte Mensch, S. 46f.

67 Ebda, S. 44.

68 Günther, Soziale Isolierung, S. 65.

69 Linden, zit. nach ebda, S. 37.

70 Linden, zit. nach ebda, S. 38.

71 Ebda, S. 38f.

72 W.J.J. de Sauvage Nolting: Über den psychischen Mechanismus beim Einsamkeitsgefühl. In: Wilhelm Bitter (Hrsg.): Einsamkeit in medizinisch-psychologischer, theologischer und soziologischer Sicht. Ein Tagungsbericht. Stuttgart: Ernst Klett 1967, S. 111-114; hier: S. 111.

73 Udo Derbolowsky: Einsamkeit und Gemeinsamkeit aus der Sicht gruppenzentrierter Psychotherapie. In: Wilhelm Bitter (Hrsg.): Einsamkeit in medizinisch-psychologischer, theologischer und soziologischer Sicht. Ein Tagungsbericht. Stuttgart: Ernst Klett 1967, S. 115-128; hier: S. 118.

74 Ein, in Zusammenhang mit den in dieser Arbeit behandelten Texten, vielzitierter Titel eines Songs der US-amerikanischen Band R.E.M., erschienen auf dem Album ÄDocument“ im Jahr 1987.

75 Kublitz-Kramer, Einsame Mahlzeiten, S. 279.

76 Darüber hinaus hat Judith Schoßböck die hier behandelten Texte bereits in ihrer Diplomarbeit in Hinblick auf Gattungszuordnung und die Thematik der Postapokalypse eingehend untersucht. (Vgl. Judith Schoßböck: ‚Letzte Menschen‘. Postapokalyptische Szenarien in Romanen der Neueren Deutschen Literatur nach 1945. Wien, Univ., Dipl.-Arb. 2009.)

77 Gerhard Marcel Martin: Weltuntergang. Gefahr und Sinn apokalyptischer Vision. Stuttgart: Kreuz 1984. (= Buchreihe Symbole) S. 16.

78 Strigl, ‚Die Wand‘ (1963). Marlen Haushofers Apokalypse der Weltwirtschaftswunder.

79 Vor allem die Einordnung der Texte in das Genre der Robinsonaden wird in der Literatur stark betont. Die ÄHauptkriterien, insulares Dasein und zivilisatorische Isolation“ (Reinhard Stach, Jutta Schmidt: Robinson und Robinsonaden in der deutschsprachigen Literatur. Eine Bibliographie. Würzburg: Königshausen & Neumann 1991. (= Schriftenreihe der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Volkach, e.V. 12.) S. II.) sind jedenfalls gegeben; andere Zuordnungskriterien fehlen, wie einleitend kurz erwähnt, hingegen völlig.

80 Dieter Wessels: Welt im Chaos. Struktur und Funktion des Weltkatastrophenmotivs in der neueren Science Fiction. Frankfurt am Main: Akademische Verlagsgesellschaft 1974, S. 108.

81 Ebda, S. 182.

82 Georg Dietrich: Der einsame Mensch in der Literatur. Mit 81 Textbeispielen von der Klassik bis zur Gegenwart. Regensburg: S. Roderer 2008. (= Theorie und Forschung. 876. Literaturwissenschaft. 32.) S. 11.

83 Dietrich, Der einsame Mensch, S. 12.

84 Vgl. ebda, S. 11f.

85 Ebda, S. 13.

86 Vgl. ebda, S. 18ff.

87 Diese thematische Zusammenfassung ist insofern interessant, als sie - in abgewandelter Form - auch auf Die Wand und Der Tag, an dem die Sonne verschwand angewandt werden könnte.

88 Die Interpunktion findet sich in dieser Weise bei Arno Schmidt und wird, wie eingangs erläutert, nicht als Fehler gekennzeichnet.

89 Zit. nach: Oliver Jahn: Kommentar. In: Arno Schmidt: Schwarze Spiegel. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006. (= SBB. 71.) S. 95-155; hier: S. 102f.

90 Hiltrud Gnüg: Utopie und utopischer Roman. Stuttgart: Reclam 1999. (= RUB. Literaturstudium. 17613.) S. 208.

91 Georg Guntermann: Der Rückzug als Kritik. Schwarze Spiegel als literarisches Zeitdokument. In: Zettelkasten 11 (1992), S. 61-105; hier: S. 80.

92 [o.A.]: Tagebuch-Bericht. Mensch nach der Katastrophe. In: Der Spiegel vom 6. Februar 1952, S. 31f.; hier: S. 32. Online: URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21318152.html [Stand 2011-02- 13].

93 Gnüg, Utopie und utopischer Roman, S. 212.

94 Christine Schmidjell: Zur Werkgenese von Marlen Haushofers Die Wand anhand zweier Manuskrip- te. In: Anke Bosse und Clemens Ruthner (Hrsg.): ‚Eine geheime Schrift aus diesem Splitterwerk ent- rätseln…‘ Marlen Haushofers Werk im Kontext. Tübingen, Basel: Francke 2000, S. 41-58; hier: S. 49.

95 Ebda.

96 Birgit Gilg: Die Ich-Konstruktion und der Ich-Zerfall in Thomas Glavinics Roman Die Arbeit der Nacht. Graz, Univ., Masterarbeit, 2009, S. 84.

97 In den Originalzitaten aus den literarischen Texten wird keine Anpassung der Pronominaformen vorgenommen, denn aufgrund der Thematik kann es sich stets nur um eine bestimmte Figur, ihre Anliegen, Gefühle, Gedanken und Taten handeln.

98 Barbara Sinic: Die sozialkritische Funktion des Grotesken. Analysiert anhand der Romane von Vonnegut, Irving, Boyle, Grass, Rosendorfer und Widmer. Frankfurt am Main [u.a.]: Peter Lang 2003. (= Wiener Beiträge zu Komparatistik und Romanistik. 12.) S. 154.

99 Dasselbe gilt für die Erzählform von Herbert Rosendorfers Großes Solo für Anton.

100 Klaus Nüchtern: ‚Es sind meine Ängste‘. Ein Gespräch mit Thomas Glavinic. Online: URL: http://www.thomas-glavinic.de/der-autor-thomas-glavinic/interview/ [Stand 2011-01-15].

101 Wolfgang Müller-Funk: Nach der Postmoderne: Thomas Glavinic‘ apokalyptischer Roman Die Arbeit der Nacht. In: Gegenwartsliteratur 9 (2010), S. 13-35; hier: S. 19. - Eine Art Betrachter ist allerdings - genauso wie bei Rosendorfer - der Erzähler, dessen Existenz die Frage aufwirft, ob es sich bei den Figuren überhaupt um die ‚letzten‘ Menschen handelt.

102 Dieser Umstand trifft auch auf Lorenz aus Der Tag, an dem die Sonne verschwand und Rosendorfers Anton zu.

103 Haushofers Protagonistin wählt die Anonymität sogar freiwillig. (Vgl. W, 44f.)

104 Claudia Feldtenzer: Das schreibende Subjekt. Der letzte Mensch in Thomas Glavinics Roman ‚Die Arbeit der Nacht‘. Bamberg, Univ., Dipl.-Arb. 2007, S. 86.

105 Gilg, Die Ich-Konstruktion und der Ich-Zerfall, S. 62. - Darüber hinaus ruft der Name ‚Jonas‘ die Assoziation mit dem, von einem Wal verschlungenen, biblischen Propheten Jona hervor.

106 Daniel Kehlmann: Die Hölle sind nicht die anderen. In: Der Spiegel 31 (2006). Online: URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-48046211.html [Stand 2011-01-15].

107 Bezüglich des Romanendes weist die Forschung vielfach darauf hin, dass es sich um ein offenes handeln würde und somit nicht eindeutig festzustellen sei, ob sich Jonas selbsttötet. (Vgl. dazu z.B. Müller-Funk, Nach der Postmoderne, S. 14.) - Meines Erachtens zeigt der letzte im Text dargestellte Absatz sehr deutlich, dass Jonas‘ Tod folgt. Denn Jonas hatte Äsich gewünscht, daß sein letzter Ge- danke der Liebe gehören sollte“ (AdN, 277), und genauso passiert es am Schluss des Textes: Die Figur denkt am Ende ihres Lebens an diesen Zustand der Hoffnung. (Vgl. AdN, 395)

108 Daniela Strigl: Wenn der Schläfer erwacht. In: Der Standard, Printausgabe vom 6. August 2006. Online: URL: http://derstandard.at/2541416 [Stand 2011-01-15].

109 Die Wissenschaft schließt einen solchen Vorgang aus; John Gribbin beschäftigte sich u. a. mit den unterschiedlichen Gefahren für das Weiterbestehen der Sonne und somit der Menschen, und er beru- higt: ÄUm die gegenwärtige Leuchtkraft unserer Sonne aufrechtzuerhalten - 4 x 10³³ erg/s -, müssen pro Sekunde vier Millionen Tonnen Materie umgewandelt werden. Das ist nur ein winziger Bruchteil der Sonnenmasse, die 2 x 1027 Tonnen beträgt. Vorausgesetzt, der Umwandlungsprozeß hält unver- ändert an, ist in den nächsten Jahrmilliarden kein Mangel an ‚Brennstoff’ zu befürchten.“ (John Grib- bin: Auf der Suche nach dem Omega-Punkt. Zerfall oder Unendlichkeit als Schicksal des Universums. München: Piper 1987, S. 196.)

110 Das Eis und das Erstarren haben in beiden Texten eine besondere Wirkung: Die Vergangenheit bleibt erhalten. (Vgl. z.B. TS, 191)

Details

Seiten
116
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656127406
ISBN (Buch)
9783656128809
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188855
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Germanistik
Note
2
Schlagworte
Alleinsein Einsamkeit soziale Isolation soziale Isolierung Robinsonade Marlen Haushofer Thomas Glavinic Jürgen Domian Yorck Kronenberg Arno Schmidt Herbert Rosendorfer

Autor

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Titel: „Es lebe die Einsamkeit!“