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Das Facebook-Paradoxon

Über Entstehung und Reproduktion eines globalen Internetphänomens aus Sicht von Essers multilinearer Evolutionstheorie des sozialen Wandels

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Essers multilineare Evolutionstheorie sozialen Wandels
2.1 Grundannahmen der Rational-Choice-Theorie
2.2 Das RREEMM-Akteurmodell
2.3 Das Grundmodell der soziologischen Erklärung
2.4 Sozialer Wandel als multilineare Evolution

3. Das Facebook-Paradoxon
3.1 Logiken in der Gründungsphase
3.2 Logiken in der Wachstumsphase
3.3 Logiken in der Sättigungsphase
3.4 Prozesse des sozialen Wandels

4. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Darf man den firmeneigenen Angaben trauen, so gehören weltweit über 800 Millio- nen Menschen dem sozialen Onlinenetzwerk Facebook an. Die Hälfte der Mitglieder loggt sich dort tagtäglich ein und umgibt sich mit einem Kreis von 130 virtuellen Freunden.1 Seit der Gründung im Jahre 2004 ist damit aus Facebook, einem anfangs auf die Harvard University beschränkten Studentenprojekt, ein globales Phänomen geworden. Die Seite ist in zahlreichen Sprachen verfügbar und erfreut sich - zumin- dest mit Blick auf die wachsenden Nutzerzahlen - weiterhin steigender Beliebtheit.2

Doch obwohl immer mehr Menschen immer mehr Zeit bei und mit Facebook ver- bringen, scheint das Onlinenetzwerk von seinen eigenen Mitgliedern nicht sonderlich gemocht zu werden. So kam beispielsweise der von der University of Michigan ent- wickelte, standardisierte und regelmäßig erhobene American Consumer Satisfaction Index zu dem Ergebnis, dass es in den USA - branchenübergreifend - im Jahre 2011 nur 13 von 225 Unternehmen gab, deren Kundenzufriedenheit noch geringer ausfiel als die von Facebook.3 Schlagzeilen, dass das Netzwerk zu den zehn am meisten ge- hassten Großunternehmen in den USA gehöre, machten daraufhin die Runde.

Wie sind diese pradoxen Beobachtungen zu erklären? Warum treten immer mehr Menschen Facebook bei und bleiben dort aktiv, obwohl sie mit dem Onlinenetzwerk nicht sonderlich zufrieden sind? Diesen Fragen widmet sich die vorliegende Hausar- beit. Aus der soziologischen Perspektive des methodologischen Individualismus - konkret anhand von Hartmut Essers multilinearer Evolutionstheorie sozialen Wan- dels - soll versucht werden, für die ursprüngliche Entstehung und kontinuierliche Reproduktion des sozialen Phänomens Facebook eine Erklärung anzubieten. Zu Be- ginn wird dazu Essers Theorie samt des ihr zu Grunde liegenden Akteurmodells dar- gestellt, um daran anknüpfend das Beispiel Facebook analytisch zugänglich zu ma- chen. Dass dies mit Hilfe einer Hausarbeit nicht erschöpfend möglich ist, liegt auf der Hand. Dennoch sollte auch in diesem Rahmen ein erster Einblick möglich sein.

2. Essers multilineare Evolutionstheorie sozialen Wandels

2.1 Grundannahmen der Rational-Choice-Theorie

Im Zentrum des Rational-Choice-Paradigmas steht das Individuum als Grundeinheit jeder soziologischen Erklärung. Kernannahme ist dabei, dass alle gesellschaftlichen Phänomene aus der Aggregation von Handlungen individueller Akteure entstehen und darauf zurückzuführen sind. Die Gesellschaft ist aus Sicht dieses methodologi- schen Individualismus also lediglich das Ergebnis rationaler Handlungen autonomer Akteure und dem Individuum deshalb untergeordnet. Mit dieser Grundannahme grenzen sich Rational-Choice-Ansätze klar von anderen Paradigmen der Soziologie ab - beispielsweise der Systemtheorie oder der Phänomenologie - die nicht primär das Individuum zur Erklärung von gesellschaftlichen Phänomenen heranziehen.4

„Der Kern aller Rational Choice-Theorien besteht aus wenigen Annahmen bzw. Hypothesen [...] und einer Entscheidungsregel, nach der Individuen intentional han- deln, die von ihnen wahrgenommenen Handlungsalternativen nach deren Kosten und Nutzen rational bewerten und schließlich die Handlungsalternative auswählen, die ihnen subjektiv gesehen den größten zu erwartenden Nutzen oder aber auch die ge- ringsten Kosten verspricht.“5 Angelehnt an das wirtschaftswissenschaftliche Akteur- modell des homo oeconomicus, unterliegt das Individuum dabei einerseits natürli- chen und sozialen Restriktionen, die seine Handlungsmöglichkeiten beschränken, versucht im Rahmen dieser Restriktionen aber andererseits stets seinen persönlichen Nutzen zu maximieren. Wie genau der Nutzen jedoch maximiert bzw. die Kosten minimiert werden können, ist dabei nicht objektiv messbar, sondern basiert auf den individuellen Bedürfnissen, Präferenzen und Wertvorstellungen der Einzelnen.

So begründete, individuell motivierte und rationale Handlungen sind meist kurz- fristig angelegt und auf ein absehbares Ziel ausgerichtet. Dadurch haben sie aber oft langfristige und kollektive Folgen. Das wird dann zum Problem, wenn individuell intendiertes Handeln zu gesellschaftlich nicht intendierten und teils schwerwiegen- den transintentionalen Effekten führt, die wiederum kollektive Kosten begründen.6

2.2 Das RREEMM-Akteurmodell

Da rationales Handeln und die Maximierung des individuellen Nutzens zentrale Rol- len im Rational-Choice-Paradigma einnehmen, greifen viele Theoretiker auf das wirtschaftswissenschaftlich geprägte Akteurmodell des homo oeconomicus zurück. Andere ziehen hingegen das eher soziologisch ausgerichtete Modell des homo socio- logicus vor, wie es 1958 von Ralf Dahrendorf in die Diskussion eingebracht wurde. Esser hingegen hält beide Modelle für die soziologische Erklärung für ungeeignet, da sie aufgrund theoretischer Vorfestlegungen jeweils zentrale Schwächen aufweisen.7

Daher plädiert er dafür, die Grundannahmen beider Modelle in ein gemeinsames Akteurmodell zu überführen, um es für die Untersuchung sozialer Phänomene heran- zuziehen. Anknüpfend an Ansätze von Lindenberg und Meckling definiert Esser: „Der Mensch der sozialwissenschaftlichen Erklärungsmodelle sei ein Resourceful, Restricted, Expecting, Evaluating, Maximizing Man. Abgekürzt also RREEMM.“8

Während der homo oeconomicus lediglich seinen persönlichen Nutzen maximie- ren möchte, aber dabei natürlichen und sozialen Restriktionen unterworfen ist und der homo sociologicus in seinen Handlungen von Rollenerwartungen und der steti- gen Reflexion des eigenen Verhaltens determiniert wird, synthetisiert der RREEMM beide Akteurmodelle und ergänzt sie um den Aspekt des Einfallsreichtums. Ein Punkt, der zwar sowohl vom Modell des homo oeconomicus als auch vom Modell des homo sociologicus stets stillschweigend vorausgesetzt, aber meist - wenn über- haupt - nur am Rande erwähnt wurde. Dabei unterstellen beide Ansätze, „[...] daß der Akteur sich Handlungsmöglichkeiten, Opportunitäten bzw. Restriktionen ausge- setzt sieht; daß er aus Alternativen seine Selektionen vornehmen kann; daß er dabei findig, kreativ, reflektiert und überlegt, also: resourceful vorgehen kann [...].“9

Durch die Synthese entsteht ein umfassendes Modell, nach dem der Akteur einer- seits in jeder Situation eine Wahl hat, also Handlungsselektionen anhand von Erwar- tungen und Bewertungen vornehmen kann und andererseits der Regel der Maximie- rung folgt, die laut Esser sowohl präzise als auch anthropologisch begründbar ist.10

[...]


1 Vgl. Facebook: Statistik und Firmengeschichte, http://www.facebook.com/press/info.php?statistics und http://www.facebook.com/press/info.php?timeline (eingesehen: 23.11.2011)

2 Vgl. Kneidinger, Bernadette: Facebook und Co. Eine soziologische Analyse von Interaktionsformen in Online Social Networks, Wiesbaden 2010, S. 59 f

3 Vgl. Freed, Larry: ForeSee Results Anual E-Business Report for the American Consumer Satisfac- tion Index (ACSI), Ann Arbor 2011, S. 4ff

4 Vgl. Jäger, Wieland & Wienzierl, Ulrike: Moderne soziologische Theorien und sozialer Wandel, Wiesbaden 2007, S. 106 f

5 Jäger & Wienzierl: Moderne soziologische Theorien und sozialer Wandel, S. 107

6 Vgl. Esser, Hartmut: Soziologie. Allgemeine Grundlagen, Frankfurt a. M./New York 1999, S. 219 ff

7 Vgl. Esser: Soziologie. Allgemeine Grundlagen, S. 231 ff

8 Esser: Soziologie. Allgemeine Grundlagen, S. 238

9 Esser: Soziologie. Allgemeine Grundlagen, S. 238

10 Jäger & Wienzierl: Moderne soziologische Theorien und sozialer Wandel, S. 107

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656125884
ISBN (Buch)
9783656126416
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188845
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Esser Facebook Rational-Choice Evolution Multilinear Wandel sozialer Wandel Logik der Situation Logik der Selektion Logik der Aggregation RREEMM Homo Oeconomicus Homo Sociologicus Akteurmodell American Consumer Satisfaction Index Erklärung Grundmodell soziologischer Erklärung Transformationsregel multilineare Evolution Reproduktion Transition Transformation Mikro-Makro

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Titel: Das Facebook-Paradoxon