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Berlin als Flüchtlingsstadt

(1918-1933)

Magisterarbeit 2007 94 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Flüchtlingswerk des Völkerbundes
2.1. Gründung und Entwicklung des Hohen Kommissariats für Flüchtlinge
2.2. Zuständigkeit und Tätigkeiten

3. Russische Flüchtlinge in Deutschland
3.1. Ursachen der russischen Emigration
3.2. Emigranten in Deutschland
3.3. Die Aufzeichnungen des Exilanten General Aleksej von Lampe

4. Zusammenfassung

5. Quellen- und Literaturverzeichnis
5.1. Quellenverzeichnis
5.2. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Auflösungsprozess des Osmanischen Reiches, nationale „Befreiungskriege“ und schließlich der Erste Weltkrieg, der das Ende der Habsburger Monarchie und des russischen Zarenreiches bedeutete, führten in Europa und Asien zu Grenzverschiebungen und Migrationsbewegungen[1].

Die Folgen waren noch nie da gewesene Flüchtlingsströme. Russische Staatsbürger flohen vor der Roten Armee, die geschlagenen „Weißen Armeen“ setzten sich nach Europa und Asien ab. Der folgende Bürgerkrieg und die Hungersnot vertrieben weitere Russen aus dem ehemaligen Zarenreich[2]. Armenier[3] und Griechen[4] flohen aus der neu entstehenden Türkei oder wurden gegen türkische Flüchtlinge aus Griechenland ausgetauscht. Insgesamt waren zwischen den Weltkriegen über fünf Millionen Menschen auf der Flucht[5]. Die Folgen des Krieges und die problematische Wirtschaftslage verschärften das Flüchtlingsproblem. Die Regierungen der Aufnahmeländer wie Deutschland, die Tschechoslowakei, Bulgarien oder Serbien erwarteten ein schnelles Ende der bolschewikischen Herrschaft und sahen die Emigranten als temporäre Erscheinung an[6].

Der auf Initiative des amerikanischen Präsidenten Wilson geschaffene Völkerbund[7] hatte sich zum Ziel gesetzt, kriegerische Konflikte zu verhindern und zu sanktionieren[8]. Hilfsorganisationen und Regierungen forderten vom Völkerbund, sich auch mit dem Problem der Flüchtlinge zu befassen[9].

Der Völkerbund ernannte Fridtjof Nansen zum ersten Hochkommissar für Flüchtlinge. Seine Organisation durchlief verschieden Phasen der Zugehörigkeit und Zuständigkeit, kümmerte sich um Probleme wie Pässe, Arbeit und Unterkunft, Repatriierung und Auswanderung. Zentrale Dokumente für die Flüchtlingshilfe des Völkerbundes finden sich im Official Journal[10] des Völkerbundes und der Treaty Series[11]. Weitere Quellen sind die Revue Internationale de la Croix-Rouge[12] und die Internationale Rundschau der Arbeit[13] des Internationalen Arbeitsamtes.

Für die russischen Flüchtlinge war Deutschland, vor allem Berlin, die Drehscheibe für die weitere Reise und viele Russen blieben in Berlin bis in die dreißiger Jahre. Berlin wies eigene russische Organisationen wie Zeitungen und Wohltätigkeitsvereine, Schulen etc. auf. Biographien und Zeitungen der Zeit zeigen die Lage der Flüchtlinge in Deutschland, weisen aber auch mannigfaltig auf die kulturellen und sozialen Einrichtungen der Exilanten hin[14].

Die Tätigkeit des Völkerbundes für die Flüchtlingshilfe gehörte ursprünglich nicht zu den Aufgaben des Völkerbundes und war abhängig von der Mithilfe der einzelnen Staaten. Inwieweit die Flüchtlingshilfe des Völkerbundes erfolgreich war, wird am Beispiel der russischen Emigranten in Deutschland untersucht. Zuvor soll jedoch die Gründung und Entwicklung des Flüchtlingswerkes dargestellt werden.

2. Das Flüchtlingswerk des Völkerbundes

2.1. Gründung und Entwicklung des Hohen Kommissariats für Flüchtlinge

Infolge des Ersten Weltkrieges, dem Zerfall des Osmanischen Reiches, der Oktoberrevolution und dem Bürgerkrieg in Russland lebten 1921 in Europa und dem Vorderen Orient etwa 3 Millionen Flüchtlinge, darunter 1,5 Millionen Russen, Armenier, Griechen, Bulgaren und Türken[15]. Die Versorgung der Flüchtlinge oblag den privaten Hilfsorganisationen und den Regierungen der Aufnahmeländer[16].

Die Hilfsorganisationen und die betroffenen Regierungen mussten beträchtliche Mittel aufwenden. Frankreich gab 1921 150 Millionen Franc und Großbritannien 1.346.000 Pfund für die Unterstützung der russischen Flüchtlinge aus[17]. Die Hilfsorganisationen konnten der Masse an Flüchtlingen nicht Herr werden oder gar deren medizinische Betreuung gewährleisten, sodass die Organisationen fürchteten, dass sich Epidemien ausbreiten könnten. In Russland waren bereits während der Hungersnot 180.000 Menschen an Typhus erkrankt, wobei die Sterblichkeitsrate bei 12% lag[18].

Des Weiteren wurde die Lage der Flüchtlinge dadurch verschlechtert, dass sie nicht von Auffanglagern aus weiterreisen konnten und somit das Problem der Versorgung wuchs. Alleine in Polen verzeichnete das American Red Cross (ARC) 1921 täglich 1.000 neue Flüchtlinge[19].

Auf einer Tagung vom 16.-17. Februar 1921[20], an der Vertreter des International Comittee of the Red Cross (ICRC), der American Relief Administration, des ARC und des Save the Children Fund teilnahmen, schätzte man das Flüchtlingsproblem als so gravierend ein, dass eine Lösung nur mithilfe der internationalen Staatengemeinschaft zu erreichen sei[21]. Der Generalsekretär des Völkerbundes Eric Drummond sagte seine Unterstützung in einem Brief vom 16. März 1921 zu[22]. Daraufhin wurde eine Sitzung des Völkerbundrates am 27. Juni 1921 einberufen und dem Ersuchen des ICRC stattgegeben, ein Hochkommissariat für die Flüchtlingshilfe zu schaffen[23]. Es wurden folgende Punkte festgelegt: Anzahl und Beruf der Emigranten sollten festgestellt werden, damit Unterkünfte und Arbeit beschafft werden könnten. Der Rechtsstatus der Flüchtlinge sollte national und das Passproblem zwischen dem Kommissar und den Ländern geregelt werden. Kein Russe sollte zur Rückkehr gezwungen werden, Intellektuelle, Kinder und Studenten besonders gefördert und beschäftigt bzw. ausgebildet werden. Es blieb jedoch nur bei Empfehlungen.

Ende Juli 1921 erhielt das ICRC von Vertretern in Europa und von verschiedenen russischen Organisationen Briefe und Telegramme mit der Bitte, die russischen Flüchtlinge zu unterstützen. Am 2. August 1921 ging ein Brief beim IRCR und dem Völkerbund der tschechoslowakischen Regierung ein, mit der Aufforderung, eine Organisation zur Unterstützung der Russen zu schaffen[24].

Daraufhin rief Gustave Ador (Präsident des ICRC) und Claude Hill (Direktor der Liga der Rot-Kreuz-Gesellschaften) Regierungen, das Rote Kreuz und viele wichtige Hilfsorganisationen zu einer Konferenz am 15. und 16. August 1921 in Genf auf. Delegierte von zwölf Regierungen, 22 Rote-Kreuz-Verbände und 26 weitere Organisationen waren anwesend[25]. Auf dieser Konferenz wurde über eine zentrale Koordinierungsstelle der privaten Hilfsorganisationen diskutiert und ein Vorschlag an den Völkerbundsrat geschickt, in dem die Schaffung eines Kommissariats für Flüchtlingshilfe empfohlen wurde[26].

Die Konferenz bestimmte Dr. Fridtjof Nansen und Herbert Hoover als Hohe Kommissare für die internationale Hilfsaktion. Während Dr. Nansen telegraphisch die Wahl annahm, lehnte Herbert Hoover ab, der als Direktor der amerikanischen Hilfsaktion tätig wurde[27].

Nansen hatte bereits die Rückkehr von 500.000 Kriegsgefangenen organisiert und bewiesen, dass er ein effizienter „ humanitarian administrator“[28] war und erhielt für seine Tätigkeit 1922 den Friedensnobelpreis[29].

Im August 1921 wurde er zum „Hohen Kommissar des Bundes im Zusammenhang mit dem Problem betreffend die russischen Flüchtlinge in Europa“ ernannt[30]. Am 1. September 1921 telegraphierte er an den Generalsekretär „ je suis très heureux d'accepter cette proposition “[31]. Seine Aufgabe sollte sein, die Maßnahmen der Regierungen und privaten Hilfsorganisationen zu koordinieren, für Arbeit und Unterkünfte zu sorgen und den rechtlichen Status der Flüchtlinge zu klären[32].

[...]


[1] Vgl. Glahn, Wiltrud von: Der Kompetenzwandel internationaler Flüchtlingshilfsorganisationen – vom Völkerbund bis zu den Vereinten Nationen (Nomos Universitätsschriften: Recht, Bd. 92), Baden-Baden 1992, S. 10.

[2] Vgl. Simpson, John Hope: The refugee problem. Report of a survey, London/New York/Toronto 1939.

[3] Vgl. Allgemein: Mandelstam, André-N.: La Société des Nations et les puissances devant le problème Arménien, Paris 1926.

[4] Vgl. Zayas, Alfred-Maurice de: A historical survey of twentieth century expulsions, in: Bramwell, Anna C. (Hg.): Refugees in the age of total war, London 1988, S. 18.

[5] Metzger, Barbara H. M.: The League of Nations and Refugees: the Humanitarian Legacy of Fridtjof Nansen, in: The United Nations Library at Geneva/ The League of Nations Archives: The League of Nations 1920-1946. Organisation and Accomplishments. A Retrospective of the First Organization for the Establishment of World Peace, New York/ Geneva 1996, S. 74.

Siehe auch: Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland: Resumé on the development of the European refugee-problem from 1918-1947, Stuttgart 1947, S. 3-8.

[6] Volkmann, Hans-Erich: Die Russische Emigration in Deutschland 1919-1929 (Marburger Ostforschungen Bd. 26), Würzburg 1966, S. 36.

[7] Vgl. 14-Punkte-Programm Wilsons in: Niemeyer, Th./Rühland, C./Spiropoulos, J.: Der Völkerbund. Verfassung und Funktion (= Beiträge zur Reform und Kodifikation des Völkerrechts 3. Heft), Kiel 1926, S. 44-47.

[8] Satzung des Völkerbundes Artikel 12, 13 und 16, vgl. Baumgart, Winfried: Vom Europäischen Konzert zum Völkerbund. Friedensschlüsse und Friedenssicherung von Wien bis Versailles (=Erträge der Forschung Band 25), Darmstadt 1974, S. 138.

[9] Glahn: Kompetenzwandel, S. 11.

[10] League of Nations: Official Journal Band 2 und 3, Genf 1923.

[11] League of Nations: Treaty Series 13, Genf 1922.

[12] Revue Internationale de la Croix-Rouge, Band 4, Genf 1922.

[13] Internationales Arbeitsamt: Internationale Rundschau der Arbeit, Band 1, Berlin 1928.

[14] Vgl. Schlögel, Karl (Hg.): Russische Emigration in Deutschland 1918 bis 1941, Berlin 1995. Und: Volkmann, Hans-Erich: Die Russische Emigration in Deutschland 1919-1929, Würzburg 1966.

[15] Glahn: Kompetenzwandel, S. 10.

[16] Simpson: refugee problem, S. 198.

[17] Glahn: Kompetenzwandel, S. 10. sowie Simpson: refugee problem, S. 199: Die englische Regierung gab für Assyrer und Armnier in Mesopotamien 5.258.000 Pfund aus, für Russen 1.346.000, 575.000 für Flüchtlinge in Syrien und Palästina sowie 200.000 an den Völkerbund für Typhuskranke in Polen.

[18] Ferrière, Frédéric: Situation épidémique de la Russie, in: Revue Internationale de la Croix-Rouge, Band 4, Genf 1922, S. 276f.

[19] Glahn: Kompetenzwandel, S. 10.

[20] OJ 2 1921, S. 228.

[21] RICR 4, S. 16.

[22] OJ 2 1921, S. 225f.

[23] OJ 2 1921, S. 483-486.

[24] RICR 4, S. 1.

[25] RICR 4, S. 2.

[26] Glahn: Kompetenzwandel, S. 11., Metzger: League, S. 74.

[27] RICR 4, S. 2.

[28] Metzger: League, S. 75.

[29] Glahn: Kompetenzwandel, S. 15.

[30] Glahn: Kompetenzwandel, S. 15.

[31] OJ 2 1921, S. 1027.

[32] Frings, Paul: Das internationale Flüchtlingsproblem 1919-1950, Frankfurt am Main 1951, S. 21.

Details

Seiten
94
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656126348
ISBN (Buch)
9783656126850
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188771
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Historisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
berlin flüchtlingsstadt Weimarer Republik Völkerbund Migration Flüchtlingshilfe Ostjuden

Autor

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Titel: Berlin als Flüchtlingsstadt