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Die Judenbuche - eine Textkritik

Hausarbeit 2012 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DIE JUDENBUCHE
2.1 Autorin
2.2 Inhalt
2.3 Geschichtlicher Hintergrund

3. TEXTKRITIK
3.1 Vorhandene Manuskripte
3.2 Veröffentlichung
3.2.1 Das zweite Verhör
3.2.2 Der Titel

4. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Die Judenbuche ist eine der großartigsten Novellen des 19. Jahrhunderts. Annette von Droste- Hülshoff hat mit ihrer Erzählung viele Millionen Menschen erreicht und diese ist fester Be- standteil des Deutschunterrichts. Neben der inhaltlichen Interpretation ist auch die Entste- hungsgeschichte des Textes von Bedeutung. Diese Textkritik handelt daher vorrangig um die geschichtlichen Hintergründe der Erzählung und der Entstehungsgeschichte der verschiede- nen Motive hin zu einer Druckvorlage, die bis heute nicht aufgetaucht ist. Welche Änderun- gen hat der Text durch die Droste erfahren? Was ist der Ursprungstext? Wurden bei der Ver- öffentlichung Änderungen am Text durchgeführt, die von der Droste so nicht gewollt waren? Aus neuphilologischer Sicht ist besonders interessant, welche Fragen bis heute nicht vollstän- dig aufgeklärt werden konnten. Wo gibt es Lücken, die nicht aufzuklären sind?

2. Die Judenbuche

Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde ‚Die Judenbuche’ ein großer Erfolg in Deutschland und der ganzen Welt. Es wurden bis 1978 insgesamt 125 Einzelausgaben in acht verschiedenen Sprachen veröffentlicht. Die Novelle wurde in einer Gesamtauflage von mehreren Millionen, wobei alleine die Reclam-Ausgabe 1,8 Millionen Drucke ausmacht1, hergestellt.

2.1 Autorin

Annette von Droste-Hülshoff wurde am 10. Januar 1797 auf der Wasserburg Hülshoff bei Münster geboren. Annettes Mutter war die Tochter Werner Adolf von Haxthausen. Ihr Groß- vater heiratete in zweiter Ehe Marianne von Wendt zu Paphausen und hatte mit ihr 14 Kin- der.2 Das elfte dieser Kinder war August von Haxthausen, der Autor der ‚Geschichte eines Algierersklaven’.3 Auf dem Adelshof Bökerhof „herrschte eine kulturell sehr anregende At- mosphäre“4. Annette pflegte regen gedanklichen Austausch mit der Umwelt und den Dorfbe- wohnern. Sie war sehr interessiert an dem Land und den Menschen in ihrem Umfeld und wollte ihre Eindrücke später in einem Werk über Westfalen zu Papier bringen. ‚Die Judenbu- che’ ist Teil dieses Werkes ‚Bei uns zu Lande auf dem Lande’, welches zu ihren Lebzeiten nie veröffentlicht wurde. 1838/39 lernte sie Levin Schücking kennen, er leitete das kleine literarische Kränzchen in Münster und ihr gefiel seine kritische aber konstruktive Art. Es be- gann eine tiefe Freundschaft, die teilweise sogar für Klatsch sorgte, da Schücking verheiratet war. Er brachte ihr viel Vertrauen und Verständnis für die Kunst und das Schreiben entgegen. Sie verband ein inniges Verhältnis. Sie verbrachte viel Zeit auf der Meersburg am Bodensee bei ihrer Schwester Maria Anna von Laßberg und derem Mann. Hier konnte sie ungestört schreiben und kreativ sein. Im Winter 1841/42 verbrachte sie dort ihre schönste Zeit, wie sie später schrieb.5 Auch Levin Schücking verbrachte mehrere Monate auf der Burg. Nachdem er 1842 abreisen musste, schrieben sie sich viele zärtliche Briefe.6 1848 starb Annette von Dros- te-Hülshoff auf der Meersburg am Bodensee. Zu dieser Zeit erhielt ihre Tätigkeit als Autorin kaum Anerkennung, aber schon 50 Jahre später galt sie als eine der größten deutschen Dichte- rin.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Schloß Meersburg. Zeitgenößische, kolorierte Lithographie - gezeichnet von F. Precht, lithographiert von A. Precht - im Fürstenhäusle. In: Kemminghausen&Woesler, S. 32a.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Annette von Droste- Hülshoff. Kleines Porträt von J. J. Sprick um 1841. Ursprünglich im Besitz L. Schückings, heute Müns- ter, Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte. In: Kemminghausen&Woesler, 58.: Annette von Droste-Hülshoff

2.2 Inhalt

In der Novelle ‚Die Judenbuche’ geht es um den tragischen Werdegang Friedrich Mergels. Er wächst unter armen Umständen auf, sein Vater ist alkoholkrank und stirbt früh. Die Mutter leidet jahrelang unter dem gewalttätigen Vater und hat nur ein geringes Einkommen. Obwohl Friedrich bettelarm ist und sein Geld als Kuhhirte verdienen muss, versucht er den Anschein zu erwecken, er wäre wohlhabend und gesegnet mit Besitztümern. Mit 12 Jahren kommt er zu seinem zwielichtigem Onkel, der ihn negativ beeinflußt, da er ihn bei seinen kriminellen Ma- chenschaften unterstützen muss.

In dem anliegenden Waldstück treiben Holzfrevler, sogenannte ‚Blaukittel’ ihr Unwesen. Friedrich schickt den Oberförster Brandis auf eine falsche Fährte und somit läuft er den Blau- kitteln direkt in die Arme und wird am nächsten Tag ermordet aufgefunden. Friedrich kann aber keine Schuld nachgewiesen werden. Als einmal im Dorf eine große Hochzeit stattfindet, gibt sich Friedrich wohlhabend und gut situiert. Er trägt eine wertvolle Uhr am Handgelenk und ist ein hingebungsvoller Tänzer. Allerdings spricht ihn der Jude Aaron laut und vor allen anderen Gästen auf die ausstehenden Schulden für die Armbanduhr an. Friedrich ist diese Situation sehr peinlich. Am nächsten Tag findet man Aaron tot unter einer Buche auf. Friedrich und sein Kumpel Johannes Niemand, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten scheint, sozusagen sein Doppelgänger, fliehen als er festgenommen werden soll.

Die Buche unter der Aaron gefunden wird, wird kurze Zeit später von der jüdischen Dorfge- meinschaft aufgekauft und mit hebräischen Schriftzeichen wird der folgende Satz in die Rinde geritzt: "Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast".

28 Jahre später, nachdem der Mord längst vergessen und verjährt ist, kommt Friedrich ins Dorf zurück. Er gibt sich als Johannes Niemand aus und verbringt seine alten Tage mit dem Schnitzen von Holzlöffeln. Neun Monate später kommt er nicht aus dem Brederwald zurück. Als man nach ihm sucht, findet man ihn in der Judenbuche erhängt. Als die Leiche abgenommen wird, erkennt der Gutsherr Friedrich anhand einer Narbe am Hals; die Leiche wird ohne geistlichen Beistand verscharrt.

Die realistische Erzählung spielt im Dorfmillieu7, der Rezipient kann sich gut in die Rolle hineinversetzen und Empathie für den vernachlässigten Friedrich Mergel empfinden. Der Mord ist auch noch unter heutigen Gesichtspunkten sehr interessant, da er nicht aus reiner Bosheit der Menschen passiert, sondern als ein Produkt vieler negativen Umwelteinflüssen geschieht.8

2.3 Geschichtlicher Hintergrund

Besonders im münsterländischen Raum ist ‚Die Judenbuche’ bis heute eine sehr bekannte Novelle. Der Geburtsort und auch der Lebensmittelpunkt der Annette von Droste-Hülshoff liegt hier, aber auch der ursprüngliche Stoff spielt in diesem Teil Deutschlands. So handelt der Kriminalfall auf den ‚Die Judenbuche’ aufbaut in den Dörfern „Bellersen, Bökendorf und Ovenhausen“9.

Im Jahre 1818 veröffentlicht August von Haxthausen, ein Onkel Drostes, die ‚Geschichte ei- nes Algierer-Sklaven’. Haxthausen selbst bezeichnet sie als Tatsachenbericht und überwie- gend hält er sich auch an den historischen Ablauf10 der tatsächlich vorgefallenen Mordge- schichte. Akten und Unterlagen über diesen Kriminalfall sind nicht mehr vorhanden. Die Erzählung wurde 1818 in der Göttinger Zeitschrift ‚Wünschelruthe. Ein Zeitblatt’ abgedruckt. Einer der Herausgeber war der mit dem Freiherrn August von Haxthausen befreundete H. Straube.11 Der Großvater Drostes ‚Werner Adolf von Haxthausen’ und auch ihr Urgroßvater waren mit der Aufklärung des Falls betraut worden.12 Durch die in Preußen übliche Patrimo- nialgerichtsbarkeit13 waren sie mit dieser Straftat als erste gerichtliche Instanz betraut worden. Auf den historischen Hintergrund der ‚Geschichte eines Algierersklaven wird in Krus’ ‚Mordsache Soistmann Berend’ (1990) eingegangen.

Vergleicht man die beiden Novellen ‚Die Judenbuche’ und die ‚Geschichte des Algierersklaven’ wird deutlich, dass beide für sich Authentizität beanspruchen. Dies wird bei Droste in Zeile 110514 deutlich: „Dies alles hat sich so zugetragen!“. In beiden ist auch der Judenmord aus niederen Beweggründen, die Flucht, die Sklaverei, die Heimkehr und der Selbstmord in Verbindung mit der Judenbuche sehr ähnlich. Der Hauptunterschied zwischen beiden Erzählungen ist sicherlich die ausführliche Beschreibung der algerischen Gefangenschaft, die in der ‚Judenbuche’ fehlt.15 Dies liegt wohl darin begründet, dass sie Land und Leute Westfalens zeigen und sich daher nicht mit der Gefangenschaft aufhalten wollte.

Annette von Droste-Hülshoff hatte ursprünglich geplant einen großen Roman über Westfalen zu schreiben, wie man ihren Äußerungen in den Briefen an Schücking entnehmen kann.

..., und Simrock mir, als auf meine >Judenbuche< die Rede kam und ich sagte, sie sei nur ein Bruchstück eines größeren Werks, dessen Inhalt ich andeutete, ä ußerte - wie es schien mit großem Ernste -, er seiüberzeugt, daßich diesem Genre das Beste leis ten würde, was sich nur leisten ließ.

[...]


1 Vgl. Huge, W. und W. Woesler: Vorwort. In: Zeitschrift für deutsche Philologie. Sonderheft Nr. 99: Annette von DrosteHülshoff, „Die Judenbuche“: neue Studien und Interpretationen. Hrsg. v. Werner Besch, Hugo Moser, Hartmut Steinecke und Benno von Wiese. Berlin: Schmidt Verlag, 1980, S. 2.

2 Vgl. Kemminghausen, Karl Schulte und Winfried Woesler: Annette von Droste-Hülshoff. 4., in Text u. Bild völlig veränd. Aufl.. München: Deutscher Kunstverlag, 1981, S. 8.

3 Vgl. Krus, Horst-D.: Mordsache Soistmann Berend. Zum historischen Hintergrund der Novelle „Die Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff. Münster: Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, 1990, S. 10.

4 Krus (Anm. 3), S. 10.

5 Vgl. Kemminghausen&Woesler (Anm 2), S. 30.

6 Vgl. Kemminghausen&Woesler (Anm 2), S. 31.

7 Vgl. Gössmann, Wilhelm: Annette von Droste-Hülshoff. Ich und Spiegelbild. Zum Verständnis der Dichterin und ihres Werkes. Düsseldorf: Droste Verlag, 1985, S. 151.

8 Vgl. Kemminghausen&Woesler (Anm 2), S. 26.

9 Krus (Anm. 3), S. 5.

10 Vgl. Krus (Anm. 3), S. 15f.

11 Rölleke, Heinz: Annette von Droste-Hülshoff. Die Judenbuche: Interpretation. München: Oldenbourg, S. 1989, S. 14.

12 Vgl. Huge & Woesler (Anm. 1), S. 6.

13 Der adeligen Grundherr war verpflichtet die niedere Gerichtsbarkeit auszuüben und in kleineren Streitfällen zu entschei- den.

14 Die Zeilenangaben berufen sich immer auf die Ausgabe von Manfred Häckel.

15 Vgl. Huge & Woesler (Anm. 1), S. 8f.

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656127680
ISBN (Buch)
9783656128885
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188733
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,0
Schlagworte
judenbuche textkritik

Autor

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