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Husserls Theorie des Zeitbewusstseins in der Ästhetik improvisierter Musik

Hausarbeit 2012 18 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1. Husserls Theorie des inneren Zeitbewusstseins
1.1 Objektive Zeit
1.2 Subjektive Zeit(Empfindung)
1.3 Doppelkontinuität von Ablaufsphänomenen, das Diagramm der Zeit
1.4 Urimpression
1.5 Impression
1.6 Retention
1.7 Protention
1.8 Bedeutung von Wiedererinnerung für die Konstitution von Zeitobjekten
1.9 Originäre und reproduktive Abschattung, „Freiheit“ der Reproduktion (Phantasie)
1.10 Wahrnehmung und Phantasie
1.11 Zusammenfassung zu 1

2. Improvisation
2.1 Idiomatische und nicht-idiomatische Improvisation
2.1.1 Kontrollierte Improvisation in der Neuer Musik
2.1.2 Interaktive Gruppenimprovisation
2.1.3 Strategien des Zusammenspiels
2.2 Zusammenfassung zu 2

3. Fazit

EINLEITUNG

Edmund Husserl, Begründer der Phänomenologie als Wesensforschung, hielt in der Zeit von 1904 bis 1910 eine Reihe von Vorlesungen die sein Schüler Martin Heidegger 1928 unter dem Titel „Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins“ veröffentlicht hat. Das zentrale Thema der Schriftensammlung war die Untersuchung zeitlicher Konstitution subjektiven Empfindungsmoments und diesem Moment zugrunde liegende Selbstkonstitution des Zeitbewusstseins. Selbstkonstitution des Zeitbewusstseins basiert vor allem auf Urimpression1 [Husserl: Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins., S.24 (390)], Retention2 [Ebd., S.19 (385)] und Protention3 [Ebd., S.44 (410)], und diese Prozesse bilden eine Mannigfaltigkeit möglichen Konfigurationen der „phä- nomenologischen Zeit“. Alle diese Termini werde ich im Laufe der Arbeit detail- liert aufgreifen und erklären. Durch die Rede über die „phänomenologische Zeit“ ist es wichtig an eine Trennung zwischen objektiver Zeit und subjektiver Zeitemp- findung zu denken - mit Zeiteinheiten wie Sekunden oder Minuten objektiv mess- und normierbare Zeit und das Bewusstsein darüber ist nicht das Objekt und Ziel phänomenologischer Untersuchung - Phänomenologie will vielmehr die Subjek- tivität der Zeitempfindung begründen. So findet Husserl (auf Franz Brentano be- zogen) das Zentrum des Zeitbewusstseins in der Phantasie.

Damit bezweifelt Husserl nicht die Existenz einer objektiven Weltzeit, die reale Zeit - die Basis der Theorie ist vielmehr immanente Zeit des Bewusstseinverlau- fes. Husserl bezweifelt auch nicht den Raum, der unzertrennlich mit der Zeit ver- bunden ist. Transzendent ist für ihn nur unsere Vorstellung von Raum und Zeit, „ die erscheinende Raumgestalt, die erscheinende Zeitgestalt. “4 [Ebd., S.4 (370)]. Immanenz und Transzendenz sind bei Husserl zweideutig zu verstehen5 (R.B ö hm: Vom Gesichtspunkt Der Phänomenologie, Husserl - Studien, Band 1, S. 141) und eine detaillierte Erklärung Phänomenologie Husserls ist nicht das Thema dieser Hausarbeit - ich werde vielmehr versuchen zu beantworten, ob es sein kann dass Zeitkünste ‚ unästhetisch ’ werden k ö nnen, weil sie Wahrnehmung (gr. aisthesis) als Jetztsetzung begreifen? Sind die (Ur)Impression, Protention und Retention, innerhalb der Doppelkontinuität von Ablaufsphänomenen, im Gegensatz zu der Aisthesis, für die Ä sthetik der Zeitkünste nicht wichtiger? So werde ich im Schluss als Prüfstein der Problematik zwischen Zeitbewusstsein, Aisthesis und Ästhetik improvisierte Musik nehmen.

1. HUSSERLS THEORIE DES INNEREN ZEITBEWUSSTSEINS

Wenn wir etwas wahrnehmen, scheint der Prozess der Wahrnehmung einer Re- gelmäßigkeit unterworfen zu sein - das Wahrgenommene bleibt eine Zeit lang gegenwärtig, wobei der Wahrnehmungsprozess einer ständigen Modifizierung unterliegt. Dank dieser Modifizierung sind wir in der Lage, überlebenswichtige Informationen aus der Umwelt zu filtern und nicht zuletzt - stets subjektiv bezo- gen - z.B. die Musik vom Geräusch zu unterscheiden. Bedeutet: wenn eine Melo- die erklingt verschwindet ein einzelner Ton nicht völlig, obwohl der Moment der Sinneserregung auf der Zeitachse in die Vergangenheit sinkt. Wir registrieren den Ton nicht in seiner Singularität, sondern bringen ihn in die Beziehung zum auf- einanderfolgenden akustischen Ereignis, der durchaus eine geräuschlose Phase sein kann (Pause), genauso wie ein neuer Ton. Husserl schreibt dazu: "Es ist also ein allgemeines Gesetz, das an jede gegebene Vorstellung sich von Natur aus eine kontinuierliche Reihe von Vorstellungen anknüpft, wovon jede den Inhalt der vor- hergehenden reproduziert, aber so, dass sie der neuen stets das Moment der Ver- gangenheit anheftet. “6 [Husserl: Vorlesungen, S. 9 (375)]. Dieses Gesetz der Sukzession (Abfolge) und alternierender Kontinuierlichkeit von Wahrnehmungs- informationen ist beweisbar durch ein einfaches Experiment mit der Kugel, die entlang einer Strecke rollt. Die Kugel ändert sukzessiv ihre Raum-Zeit-Position und der Betrachter nimmt eine Bewegung wahr - jedes zeitliche "Jetzt", das die Position der Kugel im Raum beschreibt, verschwindet in die Vergangenheit, aus- gelöst durch ein neues "Jetzt". Gleichzeitig sinkt jede einzelne momentane subjek- tive Raum-Zeit-Vorstellung der Kugel in der Wahrnehmung des Betrachters im- mer tiefer in die Erinnerung und wird dabei stetig ausgeblendet - wäre es nicht so, hätten wir die Raum-Zeit-Positionsänderungen der Kugel als einen einzigen räumlichen Kontinuum wahrgenommen, weil sich zwischen dem Start- und End- punkt der Bewegung immer noch Temporaldaten7 [Ebd., S.5 (371)] befinden. Das Beispiel der bewegenden Kugel zeigt deutlich den dimensionalen Zusammen- hang zwischen Raum und Zeit und wie unsere Wahrnehmung durch Einbeziehung aller vier Dimensionen bedingt ist. Unsere Wahrnehmung, in einer „nur- dreidimensionalen“ Welt, ohne zeitliche Dimension, wäre deutlich anders als die, die uns als Gattung Mensch charakterisiert. Aber was passiert mit Temporaldaten und ihrem Erscheinen? Husserl schreibt dazu: „ In einer Sukzession z.B. erscheint ein ‚ Jetzt ’ und in Einheit damit ein ‚ Vergangen ’ . Die Einheit des Gegenwärtiges und Vergangenes ist ein phänomenologisches Datum. “8 [Ebd., S.13 (379)].

Vereinfacht - sobald wir das „Jetzt“ wahrnehmen, gehört der Moment der Ver- gangenheit an, und der Moment wird sukzessiv ausgeblendet (Husserl: abgeschattet, siehe S. 8). Es ist also unmöglich, die Gegenwart getrennt von Vergangenheit (oder auf die Zukunft ausgerichtet) zu erfassen.

Im Gegensatz zu einer Fotokamera, die im Vergleich zur Gattung Mensch nicht mit dem intentionalen (ausrichtungsfähigen) Bewusstsein (und dadurch mit Zeit- bewusstsein) ausgestattet ist, blenden wir mühelos und selbstverständlich Tempo- raldaten einer Bewegung aus. Eine Fotokamera tut das nicht - stellen wir bei- spielsweise Belichtungszeit der Kamera auf länger als 1/30sec, werden wir als Resultat, je länger die Expositionszeit eingestellt ist, schweifartige Bilder einer Bewegung bekommen. Fehlendes Zeitbewusstsein der Kamera (vor allem der Teilprozess der Retention) „friert“ die Temporaldaten der Bewegung ein und ver- ursacht „verschwommene“ und „unscharfe“ Aufnahmen. So bildet zum Teil das Fehlen der Retention einer geist- und seelenlosen Elektromechanik die ästhetische Sprache der Fotografie - und damit auch den Nachweis der Existenz der Retenti- on. In der Ästhetik der Musik dürfte inneres Zeitbewusstsein eine fundamentale Rolle spielen, wobei der Prozess eine differenzierte Erklärung Husserls Zeitbe- wusstseinstheorie braucht. (Jedoch wird die Theorie nicht vollständig ausgearbei- tet, da sie vielschichtig ist und dadurch den Rahmen der Hausarbeit sprengen würde).

Der erste Schritt auf dem Erklärungsweg ist die Aufteilung der Zeit in die objektive und subjektive Zeit (genauer: Zeitempfindung), um die ontologische Vielfalt des Begriffs in der Philosophie Husserls zu entschärfen.

1.1 OBJEKTIVE ZEIT

In der Physik ist ein 4-dimensionales Koordinatensystem gebildet aus drei Raumdimensionen (x= Breite / y = Höhe / z = Tiefe) und die dazugehörige ZeitDimension (t). Die Richtung von diesen vier Dimensionen ist linear und voneinander unabhängig. Einzelne Dimensionen sind in Einsteins Relativitätstheorie zu einer vierdimensionalen Raumzeit vereinigt und besitzen, jede für sich, skalierund messbare Eigenschaften. Dadurch ist objektive Zeit linear, messbar und von subjektiven Empfindungen unabhängig. Diese Zeit-Dimension bezeichnet Husserl als wahrgenommene Zeitlichkeit9 [Ebd., S. 5 (371)].

1.2 SUBJEKTIVE ZEIT(EMPFINDUNG)

Da die wahrgenommene Zeitlichkeit unabhängig vom Subjekt und seinem Emp- finden ist, und Husserl mindestens sechs Mal unterschiedliche Bedeutung von „immanent“ und „Immanenz“ in seinen Schriften verwendete10 (HWPh Bd. 4, S. 232), werde ich seine „immanente Zeit“ als subjektives Zeitempfinden von Phänomenen (altgr. fainómenon = Erscheinung) innerhalb der originären zeit- lichen Erscheinung bezeichnen, das er in den „Vorlesungen“ kausal als Analo- gon zu räumlichen Perspektiven beschreibt.11 [Husserl: Vorlesungen, S.21-22 (387-388)]. So ist das immanent, was wir intentional aus der Fülle von Um- weltinformationen „ausklammern“, sei es auch nur durch Erwartung, und uns für bestimmte Zeitdauer in einem Ablauf eigen machen, stets bewusst dass „Dauer der Empfindung und Empfindung der Dauer […] zweierlei“ ist.12 [Ebd., S.10 (376)]. Dieser Ablauf ist kontinuierlich bestimmt auf doppelte Weise.

1.3 DOPPELKONTINUITÄT VON ABLAUFSPHÄNOMENEN, DAS DIA- GRAMM DER ZEIT [Ebd., S. 22-23 (388-389)].

Husserl13 beschreibt Ablaufsphänomene durch Ablaufcharaktere. Ablaufscharaktere wie z.B. „jetzt“ oder „vergangen“ sind selbst immanente Zeitobjekte. Ein Ab- laufsphänomen selbst ist eine kontinuierlich stete Wandlung von Zeitobjekten, das eine untrennbare Einheit bildet. Der Ablaufsmodus eines immanenten Zeitobjek- tes hat stets einen Quellpunkt, mit dem das immanente Zeitobjekt zu sein anfängt und ist als „Jetzt“ charakterisiert. (Nach Originalskizze ist anzunehmen, dass der von Husserl gesetzte Index P den Quellpunkt, ein beliebiges „Jetzt“ kennzeichnet. Die Legende und der Text bieten keinen genauen und eindeutigen Hinweis). Hier Originalskizze Husserls.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In dem Moment wo ein „Jetzt“ stattfindet, wandelt sich das „Jetzt“ in „Vergan- gen“ und dabei rückt die ganze Ablaufskontinuität der Vergangenheiten des vo- rangegangenen Punktes in die Tiefe objektiv wahrgenommener Vergangenheit. Die Strecke OE ist stetige Reihe der Ordinaten die Ablaufsmodi des dauernden Zeitobjektes, und die Strecke EE´ Phasenkontinuum des Herabsinkens des Zeitereignisses in subjektiv empfundene Vergangenheit. Husserl benennt die abgebildete Figur als vollständiges Bild der Doppelkontinuität der Ablaufsmodi.14 [Ebd., S. 22-24 (388-390)]. Bedeutet: Ablauf des originären Zeitobjekts P (Erklingen eines Tones z.B.) auf der Zeitachse OE (wahrgenommene objektive Zeit) unterliegt einer eigenen Kontinuität, genauso wie die subjektive Rezeption des P auf der herabsinkenden Zeitachse OE´ (immanente Zeit des Bewusstseinverlaufes) eine eigene Kontinuität aufweist.

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Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656123262
ISBN (Buch)
9783656124016
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188626
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
Schlagworte
Ästhetik Zeitbewusstsein Kulturphilosophie Phänomenologie Husserl Musik Improvisation Kunst Aisthesis Jazz

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