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„Kommunikative Funktionswörter“: Ein Übersetzungsvergleich von Christiane F.s „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und dessen französischer Übersetzung

Bachelorarbeit 2010 85 Seiten

Dolmetschen / Übersetzen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Abtönungspartikeln im Deutschen
2.1. Abgrenzung zu anderen Partikeln und Wortarten
2.2. Homonymie
2.3. Bedeutung von Abtönungspartikeln
2.4. Partikelzusammenfügung
2.5. Kommunikative Funktion von Abtönungspartikeln
2.6. Metasprachlichkeit
2.7. Formale Definition „Abtönungspartikeln“
2.8. Akzentuierung
2.9. Heterogenität der Gruppe der Abtönungspartikeln

3. Kommunikative Funktionswörter
3.1. Uneinheitlichkeit der Terminologie
3.2. Problematik des Terminus Abtönungspartikeln
3.3. Illokutiver Charakter der Abtönungspartikeln
3.4. Die kommunikativen Funktionswörter Satzpartikeln und Satzadverbien im Wörterbuch deutscher Partikeln

4. Modalität
4.1. Modalität als Übersetzungsproblem
4.2. Relevanz von Satztypen bzw. Satzmodi

5. Abtönungspartikeln und Modalität im Französischen
5.1. Unterschiede im Gebrauch von Partikeln im Vergleich zum Deutschen
5.1.1. Neigung zur verbalen Formulierung
5.1.2. Sprachgeschichtlicher Hintergrund
5.2. Äquivalente zu deutschen Partikeln im Französischen
5.2.1. Äquivalente zu ja
5.2.2. Äquivalente zu bloß

6. Das untersuchte Werk
6.1. Inhalt
6.2. Entstehung des Buches
6.3. Sprachstil
6.4. Die Französische Übersetzung

7. Übersetzungsvergleich
7.1. Eigentlich
7.1.1. Die Zuordnung von eigentlich zu den Abtönungspartikeln
7.1.2. Die Funktion von eigentlich
7.1.3. Übersetzungsvergleich von eigentlich
7.1.3.1. Eigentlich in Deklarativsätzen
7.1.3.1.1. Eigentlich deutet Differenz zweier Wirklichkeitsebenen an
7.1.3.1.1.1. Unterscheidung: Intention und Realität
7.1.3.1.1.2. Unterscheidung: Gesagtes und Wirklichkeit
7.1.3.1.1.3. Unterscheidung: Vorstellung und Realität
7.1.3.1.1.4. Unterscheidung: Normalfall und Sonderfall
7.1.3.1.2. Eigentlich signalisiert, was der Sprecher in seinem tiefsten Innern denkt
7.1.3.2. Eigentlich in Interrogativsätzen
7.1.3.2.1. Neutrale Fragen
7.1.3.2.2. Rhetorische Fragen
7.1.3.2.2.1. Neutrale rhetorische Fragen
7.1.3.2.2.2. Tendenziöse rhetorische Fragen
7.1.4. Fazit aus dem Übersetzungsvergleich von eigentlich
7.2. Echt
7.2.1. Die Zuordnung von echt zu den Abtönungspartikeln
7.2.2. Die Funktion von echt
7.2.3. Übersetzungsvergleich von echt
7.2.3.1. Echt in Deklarativsätzen
7.2.3.1.1. Deklarativsätze mit sein und Prädikativum
7.2.3.1.2. Kurzsätze und Ellipsen
7.2.3.1.3. Sätze mit Vollverben und Verbgefügen
7.2.3.1.4. Echt als Einschub oder Nachtrag
7.2.3.2. Echt in Interrogativsätzen
7.2.4. Fazit aus dem Übersetzungsvergleich von echt
7.3. Irgendwie/Irgendwo
7.3.1. Die Zuordnung von irgendwie/-wo zu den Abtönungspartikeln
7.3.2. Die Funktion von irgendwie/-wo
7.3.3. Übersetzungsvergleich von irgendwie/-wo
7.3.3.1. Irgendwie in Deklarativsätzen mit starkem Verbbezug
7.3.3.2. Irgendwie in Deklarativsätzen mit sein
7.3.3.3. Perspektivierung bei der Übersetzung von irgendwie
7.3.3.4. Irgendwo im Übersetzungsvergleich
7.3.4. Fazit aus dem Übersetzungsvergleich von irgendwie/-wo

8. Schlusswort

9. Bibliographie

10. Anhang

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich vornehmlich mit dem Phänomen der metasprachlichen Kommunikation, das im Deutschen durch die sogenannten Abtönungspartikeln erzeugt wird. Ferner soll das französische Sprachsystem in dieser Hinsicht beleuchtet und somit Unterschiede zum deutschen festgestellt werden. Das Ziel der Arbeit liegt darin, zunächst einen Überblick über die Charakteristika dieses metasprachlichen Phänomens in beiden Sprachen zu erstellen und im Anschluss mittels eines Übersetzungsvergleichs eine Auswahl an Äquivalenten der französischen Sprache für deutsche Abtönungspartikeln zu erarbeiten.

Zunächst soll im theoretischen Teil der Arbeit (Kapitel 2-5) die Gruppe der deutschen Abtönungspartikeln von anderen Wortarten und Partikeln des Deutschen in morphologischer, semantischer und funktionaler Hinsicht abgegrenzt werden. Zudem soll auf die formalen Eigenschaften der Abtönungspartikeln sowie auf ihre kommunikative Funktion näher eingegangen werden.

Im Weiteren soll erläutert werden, inwieweit der Terminus Abtönungspartikeln auf Partikeln mit kommunikativer Funktion anwendbar ist und weshalb die Verfasserin der vorliegenden Arbeit die Bezeichnungen Satzpartikeln und Satzadverbien, die Subkategorien des Überbegriffs Kommunikative Funktionswörter darstellen, für angemessener hält. In der Folge werden ebendiese, aus dem Wörterbuch deutscher Partikeln[1] stammenden Termini näher definiert. Es sei gleich an dieser Stelle vermerkt, dass im gesamten Verlauf dieser Arbeit der Terminus Abtönungspartikel nichtsdestoweniger verwendet wird, wenn zusammenfassend von Satzpartikeln und Satzadverbien die Rede ist. Außerdem soll die Bezeichnung kommunikative Funktionswörter als Überbegriff für alle Partikeln dienen, die in irgendeiner Weise eine kommunikative Funktion erfüllen.

Im Weiteren soll der Begriff Modalität im Hinblick auf seine translatorisch relevanten Merkmale hin beleuchtet werden.

Im Anschluss sollen Modalität und Abtönung als Phänomene des französischen Sprachsystems näher betrachtet werden und Unterschiede zum deutschen Sprachsystem herausgestellt werden. In diesem Sinne soll dargelegt werden, inwiefern im Französischen Modalität auf abweichende Art und Wiese ausgedrückt werden kann. Zur Verdeutlichung dessen werden exemplarisch mögliche Äquivalente für die deutschen Abtönungspartikeln ja und bloß aufgezeigt.

Im praktischen Teil der vorliegenden Arbeit (Kapitel 6 und 7) soll das Werk Wir Kinder vom Bahnhof Zoo[2] von Christiane F. mit dessen französischer Übersetzung Moi, Christiane F., 13 ans, droguée, prostituée…[3] von der Übersetzerin Léa Marcou hinsichtlich des Abtönungsphänomens verglichen werden. Hierbei wird der Blick sich auf die Partikeln eigentlich, echt, irgendwie und irgendwo richten, wobei die letzteren beiden aufgrund von annähernder Synonymie gemeinsam behandelt werden.

In Kapitel 6 sollen der Roman und dessen französische Interpretation bezüglich des Inhalts, der Entstehung des Buches sowie zu dessen Sprachstil vorgestellt werden. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die in dem Werk angewandte alte deutsche Rechtschreibung in den Korpusbeispielen unkommentiert zitiert wird.

Im darauffolgenden Kapitel erfolgt der Übersetzungsvergleich, dessen Ziel darin besteht, einerseits unterschiedliche Vorkommensstellen der betreffenden Partikeln eigentlich, echt und irgendwie/-wo aufzuzeigen, sowie ihre jeweilige kommunikative Funktion näher zu beleuchten, und andererseits die französischen Entsprechungen herauszuarbeiten und zu analysieren. Zu diesem Zweck werden die jeweiligen Partikeln zunächst hinsichtlich ihrer Zuordnung zu der Gruppe der Abtönungspartikeln sowie in Hinblick auf ihre möglichen Funktionen und Bedeutungsnuancen eingehend betrachtet.

Der sich anschließende eigentliche Übersetzungsvergleich orientiert sich, insbesondere im Falle der Partikeln eigentlich und echt, am Aufbau des jeweiligen Eintrags im Wörterbuch deutscher Partikeln[4]. Bezüglich der Partikeln irgendwie und irgendwo ist zu sagen, dass mangels weiterführender sprachwissenschaftlicher Beiträge zu diesem Thema die Bedeutungsanalyse und der Übersetzungsvergleich etwas weniger ausführlich und in seiner Gestaltung freier ausfallen wird.

2. Abtönungspartikeln im Deutschen

Den roten Faden der vorliegenden Arbeit stellen die sogenannten Abtönungspartikeln dar. Traditionell werden diese in der sprachwissenschaftlichen Literatur u.a. alternativ als „Füllwörter“[5], „Modalpartikeln/-wörter“[6], „Gesprächswörter“[7] oder „Einstellungspartikeln“[8] bezeichnet. Es handelt sich dabei um „kommunikative Funktionswörter“[9] („les mots de la communication“[10] ), die sich sowohl von Wörtern mit lexikalischem Inhalt („Hauptwortarten“ oder „Autosemantika“[11], wie Substantive, Verben, Adjektive) als auch von solchen mit grammatikalischer Funktion (z.B. Konjunktionen, Pronomina) syntaktisch, morphologisch und semantisch unterscheiden.[12] Im Deutschen spricht man hier allgemein auch von Partikeln. Diese können wiederum grob in zwei Gruppen eingeteilt werden: die Gruppe jener Partikeln, bei denen die kommunikative Funktion dominiert, und die jener, deren dominierende Funktion eine semantische ist. Repräsentative Beispiele für die erste - und für die vorliegende Arbeit relevantere - Gruppe sind aber, also, auch, bloß, denn, doch, eben, echt, eigentlich, einfach, etwa, gerade, mal, halt, irgendwie, ja, nun, nur, schon, überhaupt, vielleicht und wohl. Die zweite Gruppe, deren primäre Funktion darin besteht, den Inhalt einer Aussage zu modifizieren, zu intensivieren, zu graduieren oder zu spezifizieren, stellen Partikeln wie s ehr weitaus, weit, etwas, ganz, höchst, viel, überaus, beinahe, bereits, immer, nahezu oder recht.[13] Unter anderem werden diese Partikeln auch als „Gradpartikeln“[14] oder „Intensivpartikeln“[15] bezeichnet.

2.1. Abgrenzung zu anderen Partikeln und Wortarten

Es handelt sich bei der Gruppe der Abtönungspartikeln durchweg um Wörter, die auch in anderen Wortklassen vorkommen und je nach Verwendung auch eine grammatikalische Funktion einnehmen. Dies soll zur Einführung anhand einiger Beispiele veranschaulicht werden:

(1a) Was will die denn[16] hier?[17]
(1b) Was willst du dénn hier? (…wenn nicht studieren.)
(2) Sie brachte meinen Vater am ehesten zur Vernunft, denn er liebte ja Hunde wie wir alle.[18]
(3) Sie behandelte mich zunächst sehr kühl, weil sie mich ja irgendwie wohl doch abgeschrieben hatte.[19]

Die Partikeln denn (im ersten Beispiel), ja, irgendwie, wohl und doch fungieren in diesen Sätzen auf rein kommunikativer Ebene, auch wenn sie in anderen Wortgruppen (Konjunktionen, Adverbien, etc.) Homonyme haben, wie das Beispiel (1b), in dem das betonte denn als Konditionsadverb fungiert, veranschaulicht. In der abtönenden Funktion lassen sich diese Partikeln in formaler Hinsicht keiner bestimmten eigenen Wortart zuordnen.

Es ist den Wörtern mit grammatikalischer Funktion und jenen mit rein kommunikativer Funktion zwar gemein, dass sie keinen selbstständigen semantischen Inhalt besitzen, es unterscheidet sie jedoch, dass Erstgenannte wichtige grammatikalische Vermittlungsrollen zur Substantivierung von lexikalischen Inhalten einnehmen können und ihre „Semantik im Zusammenhang mit anderen Wortarten entfalten“[20], weshalb sie auch als „Synsemantika“[21] bezeichnet werden. So erfüllen beispielswiese Präpositionen in Nominalgefügen bestimmte Aufgaben, die eine Aussage durchaus inhaltlich modifizieren, während sie isoliert inhaltslos bleiben, also auf eine syntagmatische Verbindung angewiesen sind: Er stellte das Buch auf den Tisch. Für Abtönungspartikeln sind derartigen Syntagmen nicht denkbar. Ihr Vorkommen beeinflusst den semantischen Gehalt einer Aussage nicht im Geringsten.[22]

2.2. Homonymie

Des Weiteren herrscht keine Einigkeit darüber, ob es sich bei Abtönungspartikeln nicht lediglich um Wörter anderer, feststehender Wortklassen handelt, die auch zu abtönenden Gebrauchsweisen dienen können. So bleibt zum Beispiel die Frage ungeklärt, ob es sich bei dem Verhältnis von wohl (Adverb) in Oh wie wohl ist mir am Abend und dem wohl (Abtönungspartikel) in Ihnen ist wohl schlecht um einen Fall von Polysemie oder um Homonymie handelt, d.h. ob wohl in beiden Fällen denselben etymologischen Hintergrund hat oder nicht. Folglich sollten diese Wörter, wie im Folgenden noch näher erläutert wird, eher hinsichtlich ihrer gemeinsamen, ‚abtönenden‘ Funktion gruppiert werden, etwa als „Funktionsklasse ‚Abtönungspartikeln‘“[23], als bei ihnen von einer eigenen Wortklasse namens Abtönungspartikeln zu sprechen.[24] [25]

2.3. Bedeutung von Abtönungspartikeln

Wie bereits angedeutet, ist in Bezug auf Abtönungspartikeln weniger die semantische oder lexikalische Bedeutung von Relevanz, sondern vielmehr deren kommunikative Funktion. In dieser Funktion können Abtönungspartikeln je nach kommunikativem und sprachlichem Kontext unterschiedliche Bedeutungsnuancen vermitteln. Oftmals unterscheiden sich diese Nuancen nur auf sehr subtile Weise voneinander und sind schwer mit Worten zu erfassen. Eine klare Definition der Abtönungspartikeln ist folglich auch hinsichtlich ihrer Bedeutungsnuancen kaum möglich. Dies lässt sich auch auf „ihre Polysemie, verbunden mit schwer fassbaren Übergängen zwischen den einzelnen Lesarten“[26] zurückführen.

2.4. Partikelzusammenfügung

So ist nicht nur die Abgrenzung der Abtönungspartikeln zu anderen Wortarten problematisch, sondern auch die Abgrenzung der einzelnen Abtönungspartikeln untereinander hinsichtlich ihrer vielfältigen Bedeutungsnuancen. Dies wird im Hinblick auf das in der deutschen Sprache sehr ausgeprägte Phänomen der „Partikelzusammenfügung“[27] bzw. Partikelkombination besonders deutlich, da die Partikeln in diesem Falle in ihren Bedeutungsnuancen voneinander abhängig sind und sich auf einander beziehen. Partikelzusammenfügungen sind insbesondere in der deutschen Umgangssprache ein sehr verbreitetes Phänomen. Das eingangs genannte Beispiel (3) veranschaulicht die vielfache Kombinierbarkeit: Sie behandelte mich zunächst sehr kühl, weil sie mich ja irgendwie wohl doch abgeschrieben hatte.[28] Wie sich insbesondere im praktischen Teil der vorliegenden Arbeit noch zeigen wird, stellt diese Eigenheit des Deutschen einen der hervorstechenden Unterschiede zum Abtönungsinventar des Französischen dar.[29]

2.5. Kommunikative Funktion von Abtönungspartikeln

Wie bereits erläutert, steht bei den Abtönungspartikeln nicht die semantische Bedeutung, sondern die Funktion, die sie auf kommunikativer Ebene erfüllen, im Mittelpunkt. So erhält eine Partikel je nach Intonation, Satzstellung und Kombination mit anderen Partikeln eine jeweils andere kommunikative Relevanz. Sie stammen zwar aus unterschiedlichen Wortklassen, bzw. haben zumindest Homonyme in solchen, doch es eint sie die Möglichkeit, mittels ihrer Nuancen auszudrücken, die einem Satz auf kommunikativer Ebene eine bestimmte Färbung verleihen.

Die besagte kommunikative Funktion der Abtönungspartikeln besteht verallgemeinernd gesagt darin, die Aussage in eine Gesprächssituation einzubetten, indem sie Sprechereinstellungen gegenüber dem Gesagten vermitteln und darauf hinweisen, wie der Hörer die Aussage einzuordnen hat.[30] Sie dienen meist nicht dazu, den Satz an Inhalt oder Bedeutung zu bereichern oder in irgendeiner Weise inhaltlich zu modifizieren. Auf semantischer Ebene liefern sie keine zusätzlichen Informationen.

Vergleicht man beispielsweise den Satz Wie heißt du? mit den Varianten Wie heißt du denn?, Wie heißt du eigentlich? oder Wie heißt du denn eigentlich? wird nochmals deutlich, dass die Partikeln hier zwar jeweils nicht den lexikalischen Inhalt der Frage modifizieren, jedoch auf eine jeweils veränderte Sprechereinstellung und Kommunikationssituation hindeuten. Der partikelnfreie Satz könnte je nachdem vergleichsweise schroff, unhöflich oder abgehackt klingen. Die kommunikativen Funktionswörter dienen also ausschließlich dazu, auf subtile Weise eine vom Sprecher intendierte Gesprächsstimmung herstellen. So können sie innerhalb eines Gespräches u.a. Höflichkeit, Vorsicht, Zweifel, Vorwurf oder Zuspruch signalisieren und sind somit notwendige Bestandteile der lebendigen Rede . [31]

2.6. Metasprachlichkeit

Weydt[32] unterscheidet hinsichtlich des Abtönungsphänomens zwei Ebenen der Sprache: Die „Darstellungs-“ oder auch „Aussageebene“ einerseits bezeichnet die „Ebene des Gesagten“[33]. Sie besteht aus sprachlichen Mitteln und im Falle von Partikeln sind es die ‚nichtabtönenden‘, wie Adverbien oder Konjunktionen, die hier eindeutig zuzuordnen sind. Die „Intentionsebene“[34] andererseits ergibt sich normalerweise aus dem außersprachlichen Kontext und zeigt an, welche Stellung der Sprecher dem Gesagten gegenüber einnimmt. Dies wird durch Signale wie Lachen, Lächeln, Ausdruck der Augen, Gebärden, Lautstärke, Intonation, Sprechtempo und Ähnlichem zum Ausdruck gebracht.[35] Wird die kommunikative Leistung auf sprachlicher Ebene nur implizit erbracht, so ist es Aufgabe der nichtsprachlichen Mittel, diese Implikaturen zu ergänzen.[36] Da nun die Abtönungspartikeln zwar zu den sprachlichen Mittel gehören, jedoch in ihrer Funktion den nichtsprachlichen Mitteln ähneln, bzw. als Indikatoren für Metasprachlichkeit fungieren, sind sie wohl zwischen diesen beiden Ebenen anzuordnen.

Auch Helbig spricht in dieser Hinsicht von zwei Ebenen und bezeichnet besagte Partikeln als „latente Sätze“[37] oder „Sätze über Sätze“[38], da sie ein subjektives Urteil über den Satzinhalt enthalten, ohne diesen zu verändern, und sich daher paraphrasieren, d.h. „in Sätze verwandeln“[39] lassen.

2.7. Formale Definition „Abtönungspartikeln“

Wie alle Partikeln sind auch Abtönungspartikeln ausnahmslos unflektierbar[40] ; sie unterscheiden sich aber insofern von anderen Partikeln, als sie keiner eigenen Wortart angehören. In den meisten Fällen handelt es sich in phonologischer Hinsicht um Einsilber und morphologisch gesehen um Simplizia, d.h. um Grundwörter, die weder abgeleitet noch zusammengesetzt werden können. Wie in Kapitel 2.9. noch erläutert wird, kann dies jedoch nur bedingt als definitorisches Charakteristikum gelten, da es einige Gegenbeispiele gibt, wie z.B. allerdings, immerhin und vielleicht.[41]

In syntaktischer Hinsicht stehen Abtönungspartikeln in der Regel im Satz integriert und nehmen eine Mittelfeldposition ein; sie stehen weder alleine (als Satzäquivalent) noch am Satzanfang, d.h. sie sind „nicht topikalisierungsfähig“[42]. Damit geht einher, dass Abtönungspartikeln alleinstehend keine Antwort auf eine Frage bilden können, d. h. nicht erfragt werden können. Sie heben sich somit auch in syntaktischer Hinsicht von der Gruppe der Partikeln mit nichtabtönender Bedeutung, die u.a. als Adverbien, Präpositionen oder Konjunktionen fungieren, ab.[43]

2.8. Akzentuierung

Ein weiteres Merkmal der abtönenden Partikeln besteht darin, dass sie sich nach klassischer Definition jeweils auf den ganzen Satz beziehen und nicht etwa wie z.B. Adverbien auf ein einzelnes Satzglied.[44] Zudem lassen sich Abtönungspartikeln, wie eingangs bereits angedeutet, von ihren Homonymen aus anderen Wortklassen darin unterscheiden, dass sie in den meisten Fällen unbetont gesprochen werden. Wird beispielsweise das doch in Er kommt doch. nicht betont, so handelt es um eine abtönende Funktion, während ein betontes doch in demselben Satz als Konjunktionaladverb fungiert: Er kommt (nun) dóch (…gegen Erwarten). Ebenso unterscheidet sich das abtönende auch in Warum sollte er das auch tun? von dem auch als Bindewort in Auch du wirst das noch einsehen. Dass allein der Satzakzent über die Bedeutung entscheiden kann, wird auf ähnliche Weise deutlich, wenn man in dem Satz Wie heißt du denn? einmal das heißt oder das du und einmal das denn betont liest.[45]

2.9. Heterogenität der Gruppe der Abtönungspartikeln

Die oben genannten Merkmale gelten bis auf wenige Ausnahmen (Unflektierbarkeit sowie das Fehlen eines eigenständigen lexikalischen Inhaltes) nicht für alle Partikeln, die eine abtönende Funktion einnehmen können bzw. nicht für alle denkbaren Beispielsätze, in denen diese vorkommen können. Die Partikel eigentlich, die traditionell zur Gruppe der Abtönungspartikeln gezählt wird, ist beispielsweise sehr wohl topikalisierungsfähig, wie z.B. in Eigentlich habe ich kein Geld. Kohrts Abhandlung Eigentlich, das ‚Eigentliche‘ und das ‚Nicht-Eigentliche[46] zufolge ist es ohnehin fragwürdig, ob eigentlich bei nicht-attributivem Gebrauch überhaupt eindeutig der Gruppe der Abtönungspartikeln zuzuordnen ist oder nicht vielmehr als Modaladverb zu werten ist. Die Topikalisierungsfähigkeit ist z.B. auch im Falle der Partikeln allerdings und immerhin gegeben. Ebenso wenig wie auf eigentlich treffen auf diese Partikeln die Merkmale der Einsilbigkeit und des Simplexstatus zu.[47]

Ferner ist das Merkmal der Nichtbetonbarkeit von Abtönungspartikeln umstritten. Dies wird, um bei der Partikel eigentlich zu bleiben, in diesem Beispiel deutlich: Du nennst dich Pumuckl, aber éigentlich heißt du ja anders. Auch j a kann als Ausnahme zu anderen Abtönungspartikeln ebenfalls betont vorkommen und hat in diesem Falle zumeist die Funktion, einen Imperativ zu verstärken, wie in Sei já vorsichtig![48] .

3. Kommunikative Funktionswörter

Im Folgenden soll erläutert werden, inwiefern die Bezeichnung Abtönungspartikeln nicht unbedingt angemessen ist und aus welchen Gründen die Terminologie der kommunikativen Funktionswörter als adäquater erachtet wird.

3.1. Uneinheitlichkeit der Terminologie

In der Sprachwissenschaft herrscht eine vergleichsweise große Uneinigkeit darüber, wie jene Partikeln, um die es hier geht, zu bezeichnen sind, welche genau dazugehören und welche Charakteristika sie einen. Bereits Weydt verwandte in seiner sprachvergleichenden Dissertation (Abtönungspartikeln. Die deutschen Modalwörter und ihre französischen Entsprechungen[49] ), die ein Pionierwerk in der Erforschung der Abtönungspartikeln darstellt, die Bezeichnungen Modalwörter, Modalpartikeln und Abtönungspartikeln. In anderen Werken werden diese Bezeichnungen uneinheitlich teilweise synonym, teilweise voneinander abgegrenzt verwendet.[50] Außerdem kann es zu problematischen Verwechslungen mit Modaladverbien kommen.[51] Zudem existiert eine terminologische Verwendung des Ausdrucks Modalwort, der zufolge Modalwörter eben gerade keine Partikeln (und erst recht keine Abtönungspartikeln) sind, sondern eine eigenständige Klasse von „adverbähnlichen Wörtern“[52].

3.2. Problematik des Terminus Abtönungspartikeln

In der zu diesem Thema vorhandenen wissenschaftlichen Literatur herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass Abtönungspartikeln ob der fehlenden gemeinsamen formalen Merkmale nicht eindeutig unter einer bestimmten Wortklasse zusammenzufassen sind. Vielmehr zeichnen sie sich dadurch aus, dass ihnen allen die kommunikative Funktion gemein ist. Es sind also nicht etwa formale Eigenschaften, sondern die ihnen allen gemeinsame „funktionale Bedeutung für die Konversation“[53], die sie als Gruppe charakterisiert. Zwar geht auch die Bezeichnung Abtönungspartikel nicht etwa auf formale Eigenschaften zurück, sondern auf die spezifische Funktion der ‚Abtönung‘, die diese Wörter erfüllen,[54] doch stellt sich in vielen Fällen durchaus die Frage, „was eigentlich genau der Grundton ist, der von diesen Partikeln jeweils abgetönt wird.“[55] In diesem Sinne wäre die Verwendung der Bezeichnung „Einstellungspartikeln“[56] recht zutreffend, da sie semantisch eher auf die kommunikative Funktion schließen lässt, die diese Partikeln am häufigsten erfüllen, namentlich die Vermittlung der subjektiven Haltung des Sprechers.

3.3. Illokutiver Charakter der Abtönungspartikeln

Oftmals kann die Funktion der Partikel zwar tatsächlich als Abtönung bezeichnet werden, wie beispielsweise in Wie heißt du eigentlich?, da eigentlich die Frage freundlicher und weniger schroff klingen lässt und unter Umständen dazu dient, ein neues Gesprächsthema einzuleiten. Jedoch lassen sich die vom Sprecher intendierten und mittels der Partikeln übermittelten Emotionen, d.h. die jeweilige kommunikative Funktion, nicht einheitlich als Abtönung identifizieren. So kann die Funktion der hier betrachteten kommunikativen Partikeln in manchen Fällen auch im Sinne der Sprechakttheorie von Austin und Searle[57] als illokutiv bzw. die Partikeln als „Illokutionsindikatoren“[58] [59] bezeichnet werden. Der illokutive Akt einer Sprechhandlung besteht in der Übermittlung einer „empfängergerichteten Senderintention“[60]. Der illokutive Charakter der Abtönungspartikeln zeichnet sich folglich darin aus, dass der Sprecher durch deren Einsatz einen Appell an den Empfänger richtet, der beispielsweise eine indirekte Frage, Bitte, Warnung, Empfehlung oder Drohung sein kann. So bittet der Sprecher beispielsweise in dem Satz Das weißt du doch implizit um eine Bestätigung seitens des Empfängers.

Einerseits wird durch die Abtönungspartikeln eine subjektive Haltung ausgedrückt und damit oftmals eine Abtönung, andererseits steht hinter vielen Partikeln zudem eben auch eine Illokution, bzw. die Intention, etwas beim Empfänger zu erreichen oder auch diese „Stellung auf den Hörer [zu] übertragen, damit dieser die gleiche Stellung einnehme.“[61] Die Partikel doch ist hierfür ein gutes Beispiel: In vielen Fällen drückt sie eine deutliche Aufforderung an den Hörer aus, wie z.B. in Das ist doch herrlich! (Denkbarer Nachsatz: Das musst du doch auch finden, nicht wahr?).[62] Noch eindeutiger wird der illokutive Charakter bei diesem Beispiel: Du kannst mal das Fenster schließen.

3.4. Die kommunikativen Funktionswörter Satzpartikeln und Satzadverbien im Wörterbuch deutscher Partikeln

Der Verfasserin der vorliegenden Arbeit am zutreffendsten erscheint die von Métrich und Faucher im Wörterbuch deutscher Partikeln[63] dazu gewählte Terminologie der kommunikativen Funktionswörter[64]. Denn diese erlaubt eine Erweiterung des Blickfelds insofern, als diese Bezeichnung über die Gruppierung einer Wortklasse bzw. -art hinausgeht. Der semantische Fokus liegt bei diesem Überbegriff auf der gemeinsamen Funktion, nicht auf den formalen Eigenschaften jener Wörter.

Zu den in dieser überarbeiteten, deutschsprachigen Version des Werks Les Invariables Difficiles[65] definierten kommunikativen Funktionswörtern zählen all jene „Wörter und Wortkombinationen[…], die ihre Leistung weder auf der referenzsemantischen noch auf der morphosyntaktischen, sondern – eben – auf der kommunikativen Ebene des Satzes erbringen.“[66] Diese ja keine einheitliche Gruppe bildenden Elemente sind unterteilt in Satzpartikeln, Satzadverbien, Fokuspartikeln, Fokusaderbien, Gliederungspartikeln, Gradierungspartikeln und Interjektionen.[67] Die fünf zuletzt genannten sind indes nur insofern als kommunikative Funktionswörter im Sinne des Abtönungsphänomens von Relevanz, als sie einen metasprachlichen Charakter besitzen, d.h. beispielsweise im Falle der Interjektion, eine Reaktion auf ‚das Äußern an sich‘ darstellen, was jedoch nur in Ausnahmen der Fall ist.[68] Die Bezeichnungen Satzpartikeln und Satzadverbien hingegen sollen die traditionellen Bezeichnungen Abtönungs-, Modal- oder illokutive Partikeln ersetzen, „um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass die entsprechenden Elemente weder alle ‚abtönen‘ noch alle modal oder illokutiv sind“[69].

Insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass das ‚Abtönungsinventars‘ des französischen Sprachsystems weniger an Partikeln gebunden ist als das Deutsche (wie sich im Verlauf dieser Arbeit noch genauer herausstellen wird) erscheint der Terminus kommunikative Funktionswörter sinnvoll, da sich so nicht nur einzelne Wörter bzw. Partikeln erfassen lassen, sondern auch sämtliche „Einheiten, Wörter, feste Wendungen, darunter eventuell auch satzförmige, […] die in irgendeiner Weise eine sogenannte ‚kommunikative Funktion‘ haben“[70].

Im Übersetzungsvergleich der vorliegenden Arbeit sollen die Gruppe der Satzpartikeln und die der Satzadverbien im Mittelpunkt stehen, da sie der traditionellen Konzeption der Abtönungspartikeln am nächsten kommen. Sie haben gemein, dass sie nicht den dargestellten Sachverhalt eines Satzes modifizieren, sondern dessen kommunikativen Aspekt, d.h. seinen Wert als Sprechakt oder seine Funktion innerhalb des jeweiligen Textes. Sie drücken Einstellungen des Sprechers zum Satzinhalt oder zum vollzogenen Sprechakt aus. Zudem sind sie alle invariabel.

Die Satzpartikel kommt hierbei der üblichen Definition der Abtönungspartikeln am nächsten. Sie ist syntaktisch in den Satz integriert und nicht topikalisierungsfähig. Zudem bezieht sie sich stets auf den ganzen Satz, wobei zu beachten ist, dass eine Partikel sich auch nur scheinbar auf ein einzelnes Satzglied beziehen kann, in Wirklichkeit aber auf die verkürzte Version eines ganzen Satzes zurückgeht, wie zum Beispiel in In diesem doch so schönen Lande … > In diesem Land, das doch so schön ist![71]

Das Satzadverb bezieht sich ebenfalls stets auf den ganzen Satz, kann jedoch im Unterschied zur vorfeldunfähigen Satzpartikel auch am Satzanfang stehen, d.h. „extraponiert“ werden oder die „Nullposition“ einnehmen, sowie in vielen Fällen eine eigenständige Äußerung, d.h. ein Satzäquivalent, bilden.[72]

Die Terminologie der Zweiteilung der sogenannten Abtönungspartikeln in Satzpartikeln und Satzadverbien stellt somit eine Lösung für das Dilemma dar, das sich daraus ergibt, dass nicht auf alle Abtönungspartikeln dieselben Merkmale zutreffen.

4. Modalität

Kommunikation und Sprache sind stets auch soziale Phänomene, denn es geht dabei um weit mehr als um „reinen Informationstransfer“[73]. Bei sprachlicher Kommunikation spielen bewusst und – größtenteils – unbewusst immer auch außersprachliche Begebenheiten eine wichtige Rolle, zum Beispiel soziale Parameter, gesellschaftliche Angemessenheitsnormen sowie subjektive Einstellungen und Emotionen des Sprechers. Diese Verweise auf die außersprachliche Realität können zwar explizit in Sprache umgesetzt werden; häufig werden sie jedoch nicht direkt verbalisiert, sondern durch bestimmte Gesprächssignale nur angedeutet. Derartige Implikationen dienen dazu, Sachverhalte nicht direkt thematisieren zu müssen, sei es aus Gründen der Sprachökonomie, sei es aus pragmatischen Sprachkonventionen und -normen.[74] Diese subjektive Färbung, die aus einer „rein informativen, objektiven Aussage […] eine von der eigenen individuell-persönlichen Weltsicht geprägte“[75] macht, wird in der Sprachwissenschaft gemeinhin als Modalität bezeichnet.

4.1. Modalität als Übersetzungsproblem

Im Deutschen sind es vornehmlich die kommunikativen Funktionswörter, die dazu dienen, Modalität auszudrücken. Als Beispiel für andere Mittel zur indirekten Versprachlichung von Modalität bzw. Sprechersubjektivität im Deutschen sollen hier exemplarisch Modalverben genannt sein.[76] So wird im folgenden Beispiel die subjektive Nuance der Vermutung mit Hilfe des Verbs müssen zum Ausdruck gebracht:

(4) Irgendwann muß er dann auf die Idee gekommen sein, daß meine Mutter und ich schuld an seinem Elend seien.77

Auch in jeder anderen Einzelsprache stehen zwar „zahlreiche en bloc verfügbare sprachliche Versatzstücke bereit“[78], um Modalität auszudrücken, doch unterscheiden sich diese „metakommunikativen Formeln“[79] in Art und Frequenz teilweise sehr stark voneinander. Diese metakommunikativen Formeln bestehen neben dem Gebrauch bestimmter Partikeln unter anderem auch in unterschiedlichen Verbmodi und syntaktischen Mitteln, sowie auch in idiomatisierten Wendungen.

Da von Sprache zu Sprache ein ganz unterschiedliches Inventar an Möglichkeiten zum Ausdruck von Modalität besteht, stellt diese beim Übersetzen von Texten eine besondere Herausforderung dar. Deshalb zählt Modalität wohl zu jenen sprachlichen Phänomenen, die zu komplex sind, um jemals adäquat von einer Übersetzungssoftware übersetzt werden zu können. Denn aufgrund der Kontextintensivität kann in diesem Fall nur noch von „interpretierende[m] Übertragen in die Zielsprache“[80] gesprochen werden.

Der in der vorliegenden Arbeit vorgenommene Übersetzungsvergleich hinsichtlich dieses Aspektes, soll unter anderem dazu dienen, die vielfältigen Möglichkeiten, Modalität auszudrücken, herauszuarbeiten.

4.2. Relevanz von Satztypen bzw. Satzmodi

Da Modalität im Deutschen zumeist auf implizite oder metasprachliche Weise ausdrückt wird, ist es für die translationsrelevante Sprachanalyse relevant anzumerken, dass hierbei hinsichtlich der Distribution der jeweilige Satztyp weniger tonangebend ist als der semantisch fundierte Satzmodus. Denn die Festlegung des Satztyps erfolgt unabhängig vom jeweiligen illokutionären Akt, der jedoch für die auf kommunikativ-semantischer Ebene fungierenden Partikeln von großer Relevanz ist. So ist bei der Übersetzung von Modalität die Beibehaltung des jeweiligen Satzmodus‘ von großer Wichtigkeit, während sich der Satztyp durchaus ändern kann, ohne dass auf illokutionärer Ebene etwas verloren geht. In vielen Fällen muss sich der Satztyp sogar notwendigerweise ändern, um die entsprechende kommunikative Leistung in der Fremdsprache wiedergeben zu können.[81]

Im Übersetzungsvergleich dieser Arbeit wird nichtsdestotrotz aus Gründen der Übersichtlichkeit eine gewisse Orientierung anhand von Satzarten erfolgen; nicht zuletzt auch, weil die Partikeln im Deutschen in ihrem Vorkommen zum Teil an diese gekoppelt sind.[82]

5. Abtönungspartikeln und Modalität im Französischen

Modalität findet sich in allen Einzelsprachen wieder und so natürlich auch in der französischen Sprache. Allerdings nimmt sie im Französischen einen niedrigeren Stellenwert ein als im Deutschen und wird mit Hilfe eines sehr heterogenen Bestandes an Ausdrucksmitteln verbalisiert.[83] Hinsichtlich der kommunikativen Funktionswörter als „spezifische Lexeme zum Ausdruck von Modalität“[84] verfügt das französische Sprachsystem im Vergleich zum Deutschen über „kein gleichwertiges System an Ausdrucksmitteln“[85]. Daher werfen kommunikative Funktionswörter beim Übersetzen von Texten aus dem Deutschen ins Französische und umgekehrt besondere Schwierigkeiten auf.

Einerseits werden Partikeln mit rein metasprachlichem Charakter bei Übersetzungen aus dem Deutschen oftmals schlicht weggelassen, andererseits wird aber auch zu anderen sprachlichen Mitteln gegriffen, wenn sich im Französischen keine äquivalente Partikel finden lässt. Zwar existieren in der französischen Sprache ebenfalls Partikeln, die in bestimmten Kontexten eine rein kommunikative Funktion einnehmen können (particules pragmatiques[86] oder auch particules modales[87]), jedoch sind sowohl deren Frequenz als deren auch Bestand wesentlich niedriger als im Deutschen. Dies gilt im Übrigen, wie noch gezeigt wird, nicht nur für jene Partikeln, die eine abtönende Funktion einnehmen, sondern für Partikeln im Allgemeinen.[88] [89]

Weydt zufolge liegt der Grund dafür, dass Abtönungspartikeln oftmals bei der Übersetzung ins Französische nicht übernommen werden, darin, dass

„das Französische – seinem Wortschatz nach – oft nicht in der Lage ist, für die deutsche Partikel etwas Entsprechendes zu liefern. […] Will man die deutsche Nuance im Französischen wiedergeben, so ist man zu Umschreibungen gezwungen.“[90]

Zwar verfügt das Französische, insbesondere das gesprochene, über „eine breite Palette an syntaktischen und lexikalischen Abtönungsmöglichkeiten“[91], doch „[schöpft] es sein Potential […] normalerweise erheblich weniger [aus] als das Deutsche.“[92] Im Französischen besteht beispielweise die Möglichkeit, einer Aussage durch Perspektivierung eine subjektive Tönung zu verleihen, d.h. die Aussage wird der „Sichtweise einer Person mit Hilfe eines Verbs der geistigen oder sinnlichen Wahrnehmung“ untergeordnet, und so der objektive Sachverhalt „in die Erkenntnis- und Wahrnehmungssphäre des Sprechers eingebettet“.[93] Auch steht dies in Verbindung mit der allgemeinen Neigung des Französischen, verbal zu formulieren, wohingegen im Deutschen tendenziell eher zu adverbialen Formulierungen gegriffen wird.[94]

Häufig werden kommunikative Funktionswörter des Deutschen im Französischen auch mit „satzwertigen Phraseologismen“[95] übersetzt. Hierbei handelt es sich um „gesprächsspezifische Ausdrücke“[96], die der Kontaktsicherung mit dem Adressaten dienen und beispielsweise auf Fragen, Hörerreaktionen oder Bewertungen Bezug nehmen können. Ferner können sie auf bereits Geäußertes zurückgreifen, eine neue Textsequenz ankündigen oder einleiten, die eigene Sprecherrolle thematisieren oder in sonstiger Form auf Faktoren der Gesprächssituation eingehen, kurz: sie dienen dazu alle Elemente der metakommunikativen Leistung zu versprachlichen.[97] Eine besonders häufig verwendete Form ist c’est-à-dire, das der „Überbrückung von Verzögerungen oder Unterbrechungen des Sprechkontinuums dient, als Formel der Autokorrektur fungiert oder eine erklärende, paraphrasierende oder interpretierende Textsequenz einleitet“[98].

Weitere sprachliche Mittel um Modalität im Französischen auszudrücken sind zum Beispiel Interjektionen und lexikalisierte Ausdrücke wie d’ailleurs oder eh bien, verfestigte Verbformen wie écoute oder regarde, feste Wendungen wie ah bon oder et alors und Routinesätze wie tu vois, tu sais oder tu parles![99]

Beispiele für particules pragmatiques sind bien, mais, évidemment, assez, même, pourtant, jamais, aussi, car und justement.[100]

Eine weitere Besonderheit der deutschen Grammatik lässt eine wortgetreue Übersetzung ins Französische kaum zu, namentlich die „fast unbegrenzte Aufnahmefähigkeit“[101] von Partikeln innerhalb eines Satzes und ihre Kombinierbarkeit untereinander; ein Phänomen, das insbesondere in der deutschen Umgangssprache vorzufinden ist. Der Beispielsatz (3) Sie behandelte mich zunächst sehr kühl, weil sie mich ja irgendwie wohl doch abgeschrieben hatte [102] aus Wir Kinder vom Bahnhof Zoo [103] veranschaulicht dies und ist kennzeichnend für die Alltagssprache. Auch die Tatsache, dass dieser ja fast zur Hälfte aus Partikeln bestehende Satz in diesem Falle bei der französischen Übersetzung ausgelassen wurde, ist bezeichnend und zeugt keineswegs von einem Einzelfall: Elle se montre d’abord très froide.[104]

5.1. Unterschiede im Gebrauch von Partikeln im Vergleich zum Deutschen

Für die Tatsache, dass im Französischen allgemein weniger Partikeln benutzt werden und deren Inventar geringer ist, bietet Weydt zwei verschiedene Erklärungsansätze. Der erste bezieht sich auf die Unterschiede in den Sprachsystemen hinsichtlich des adverbialen und verbalen Gebrauchs; der zweite bezieht sich auf die geschichtliche Entwicklung.

[...]


[1] Métrich/Faucher 2009

[2] F., Christiane 1978

[3] Moi, Christiane F., 13 ans, droguée, prostituée…1983. Im Folgenden zitiert F., Christiane 1983

[4] Métrich/Faucher 2009

[5] Weydt 1969: 9

[6] Kohrt 1988: 104

[7] Métrich/Faucher 2009: 21

[8] Doherty 1985: 62

[9] Métrich/Faucher 2009: 21

[10] Métrich/Faucher/Courdier 1992: 4

[11] Hentschel/Weydt 1989: 5

[12] Vgl. Métrich/Faucher/Courdier 1992: 2ff

[13] Vgl. Helbig/Kötz 1985: 16f

[14] Hentschel/Weydt 1989: 11

[15] Mackowiak 1999: 78

[16] Sämtliche Unterstreichungen in der vorliegenden Arbeit sind von der Verfasserin vorgenommen und dienen ausschließlich der optischen Hervorhebung, nicht etwa der Akzentuierung.

[17] F., Christiane 1978: 16

[18] F., Christiane 1978: 20

[19] F., Christinae 1978: 297

[20] Hentschel/Weydt 1989: 6

[21] ebd.

[22] Vgl. Métrich/Faucher/Courdier 1992: 3

[23] Weydt 1969: 51

[24] Vgl. Kohrt 1988: 105

[25] Vgl. Weydt 1969: 53

[26] Vgl. Blumenthal 1997: 93

[27] Weydt 1969: 74

[28] F., Christiane 1978: 282

[29] Vgl. Weydt 1969: 44

[30] Vgl. Weydt 1969: 60

[31] Vgl. Dahl 1988: Vorwort des Autors

[32] Weydt 1969

[33] Weydt 1969: 61

[34] Weydt 1969: 61

[35] Vgl. Weydt 1969: 61

[36] Vgl. Feyrer 1998: 29f

[37] Helbig 1972: 449

[38] Ebd.

[39] Ebd.

[40] Vgl. Hentschel/Weydt 1989: 3

[41] Vgl. Kohrt 1988: 106

[42] Kohrt 1988: 106

[43] Vgl. Weydt 1969: 67

[44] Vgl. ebd.: 68

[45] Vgl. ebd.: 45ff

[46] Kohrt 1988

[47] Vgl. Kohrt 1988: 127f

[48] Métrich/Faucher/Courdier 1998: 132

[49] Weydt 1969

[50] Vgl. auch Hentschel/Weydt 1989: 12ff

[51] Vgl. Kohrt 1988: 104

[52] Kohrt 1988: 104

[53] Ebd.

[54] Vgl. Dahl 1988: 9

[55] Kohrt 1988: 104

[56] Doherty 1985: 62

[57] Vgl. Pelz 1990: 225f

[58] Feyrer 1998: 22

[59] Helbig/Kötz 1985: 16

[60] Pelz 1990: 226

[61] Weydt 1969: 62

[62] Vgl. Weydt 1969: 20ff

[63] Métrich/Faucher 2009

[64] Ebd.: 21

[65] Métrich/Faucher/Courdier 1992

[66] Métrich/Faucher 2009: 21

[67] Vgl. Métrich/Faucher 2009: Glossar

[68] Vgl. Métrich/Faucher 2009: 8ff

[69] Métrich/Faucher 2009: 25

[70] Métrich 2001: 218

[71] Vgl. Métrich/Faucher 2009: Glossar

[72] Vgl. ebd.

[73] Feyrer 1998: 29

[74] Vgl. Feyrer 1998: 11

[75] Feyrer 1998: 11

[76] Vgl. Waltzing 1986: 15

[77] F., Christiane 1978: 21

[78] Kaeppel 1984: 45

[79] Ebd.

[80] Feyrer 1998: 15

[81] Vgl. Feyrer 1998: 23

[82] Vgl. ebd.: 27

[83] Vgl. Feyrer 1998: 31

[84] Feyrer 1998: 31

[85] Blumenthal 1997: 92

[86] Ebd.: 93

[87] Métrich/Faucher/Courdier 1992: 134

[88] Vgl. Weydt 1969: 9

[89] Vgl. Blumenthal 1997: 92

[90] Weydt 1969: 11

[91] Blumenthal 1997: 93

[92] Ebd.: 95

[93] Vgl. Blumenthal 1997: 90

[94] Vgl. Weydt 1969: 14f

[95] Kaeppel 1984: 39

[96] Ebd.: 44

[97] Vgl. Kaeppel 1984: 44f

[98] Kaeppel 1984: 45

[99] Vgl. Métrich 2001: 219

[100] Vgl. Weydt 1969: 9ff

[101] Weydt 1969: 12

[102] F., Christiane 1978: 279

[103] F., Christiane 1978

[104] F., Christiane 1983: 282

Details

Seiten
85
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656124757
ISBN (Buch)
9783656125082
Dateigröße
788 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188623
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Seminar für Übersetzen und Dolmetschen
Note
1,0
Schlagworte
Abtönungspartikel Kommunikation Metakommunikation metasprachliche Kommunikation Füllwörter Übersetzung Sprachvergleich Deutsch Französisch kommunikative Funktion kommunikative Funktionswörter Partikeln Kinder vom Bahnhof Zoo Christiane F. Übersetzungsvergleich Satzadverbien Satzpartikeln particules pragmatiques particules modales Modalität

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Titel: „Kommunikative Funktionswörter“: Ein Übersetzungsvergleich von Christiane F.s „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und dessen französischer Übersetzung