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Fit for life – Sport in der Kinder- und Jugendarbeit

Diplomarbeit 2011 88 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Junge Menschen und Sport - Historischer Rückblick und aktueller Stand in Deutschland
1.1 Historische Aspekte der Leibeserziehung
1.1.1 Sport, Erziehung und Körperkultur in der griechischen Antike
1.1.2 Sport- und bewegungsorientierte Pädagogik im 18. und 19. Jahrhundert
1.1.3 Körperliche Erziehung im Nationalsozialismus
1.1.4 Leistungssport in der DDR
1.2 Sportliche Betätigung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland
1.2.1 Engagement im Vereinssport
1.2.2 Bewegungsmangel und die Folgen

2. Sport und Bewegung als Beitrag zur Förderung der menschlichen Bildung und Entwicklung
2.1 Aspekte der Entwicklungspsychologie
2.1.1 Entwicklungsstufen und Persönlichkeitsentwicklung im Kindes- und Jugendalter
2.1.2 Die Rolle endogener, exogener und autogener Faktoren
2.1.3 Interaktion
2.2 Aspekte der Sportpsychologie
2.2.1 Motivation
2.2.2 Sport und Aggression
2.3 Schlussfolgerungen
2.3.1 Sport und Bewegung: Ein Grundbedürfnis des Menschen
2.3.2 Möglichkeiten und Chancen von Sport in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

3. Sport in der Kinder- und Jugendarbeit
3.1 Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit - Unterscheidung und rechtlicher Hintergrund
3.2 Sportorientierte Arbeitsfelder und Angebote der Jugendarbeit
3.2.1 Jugendarbeit im Vereinssport
3.2.2 Sport in der offenen Jugendarbeit
3.3 Sportorientierte Arbeitsfelder und Angebote der Jugendsozialarbeit
3.3.1 Sport in der Suchtarbeit
3.3.2 Sport in der Delinquenzprävention
3.4 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

4. Anforderungen an eine sportorientierte Kinder- und Jugendarbeit
4.1 Interessen- und Bedürfnisorientierung
4.2 Personelle Fähig- und Fertigkeiten, fachliche Qualifikation und benötigte Methodenvielfalt
4.3 Grundprinzipien und Rahmenbedingungen
4.4 Qualitätsmanagement und Evaluation

5. Resümee und Ausblick

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

„mens sana in corpore sano“

- „ ein gesunder Geist steckt in einem gesunden Körper “ -

(Schmeh 2007, S. 56)

Wer dieser populären Redewendung Glauben schenkt, müsste zwangsläufig der Auffassung sein, dass ein gesunder Körper Voraussetzung für einen gesunden Geist ist bzw. dass Leibesübungen, die i. d. R. einer körperlichen Fitness und phy- sischen Gesundheit zuträglich sind, einen positiven Einfluss auf die geistige Ent- wicklung nehmen.

„Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano“

- „ Es wäre zu wünschen, dass in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist stecken würde “ -

(Juvenal zit. nach Schmeh 2007, S. 56)

Dass der Dichter und Satiriker Juvenal (ca. 60 - 130 n. Chr.) mit seinem Zitat eine fast gegensätzliche Intention verfolgte, nämlich die Verspottung des zu seiner Zeit zunehmenden Fitness- und Körperkults in der römischen Gesellschaft, soll an die- ser Stelle nicht näher beleuchtet werden. Vielmehr ist es von Interesse, weshalb sich aus dem Zitat Juvenals eine gegenläufige und weit verbreitete Redewendung herausbilden konnte, die der körperlichen Ertüchtigung eine günstige Beeinflus- sung geistiger Fähig- und Fertigkeiten suggeriert. Vermag Sport evtl. doch mehr zu leisten als den Zugewinn und Ausbau körperlichen Könnens und die Festigung der physischen Gesundheit? Eine zentrale Fragestellung dieser Arbeit lautet des- halb: Inwieweit sind Sport- und Bewegungsangebote für die Bildung und Ent- wicklung junger Menschen erforderlich bzw. hilfreich? Hierfür werden ausge- wählte entwicklungs- und sportpsychologische Aspekte untersucht.

Der gegenwärtige Alltag moderner Industriestaaten ist von einer regelrechten Be- wegungsarmut geprägt. Von diesem Phänomen sind ebenso Kinder und Jugendli- che betroffen. Die Gründe hierfür sind vielschichtig, festzustellen ist jedoch, dass die Freizeitgestaltung im Medienzeitalter zunehmend körperlich passiv stattfindet. Eine aktive Körpererfahrung sowie dynamische Alternative zum Ausgleich des starren Schulalltags bleibt den Heranwachsenden somit verwehrt. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass sich die Jugend durchaus für Sport interessiert; so lassen beispielsweise die vielseitigen Angebote von Kinderfanartikeln ein- schlägiger Fußballbundesligaclubs und die hohe Zahl der in Fußballvereinen spielenden Kinder und Jugendlichen darauf schließen, dass sich Heranwachsende sehr wohl für Sport begeistern, sei es auf passiver oder aktiver Ebene. In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass sich die vorliegende Arbeit aus- schließlich auf die aktive Sportausübung bezieht, wenngleich auch Fanbewegun- gen einen durchaus interessanten Aspekt für die Sozial- und Jugendarbeit (z. B. Fanarbeit mit dem Schwerpunkt Hooligans) darstellen. Da sich die Kinder- und Jugendarbeit mit der Maßgabe für die Entwicklung junger Menschen erforderliche Angebote zur Verfügung zu stellen, an den Interessen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausrichtet, stellt sich die Frage, in welchem Umfang Sport Berücksichtigung in diesem Arbeitsfeld findet. Die zweite zentrale Frage- stellung lautet folglich: Sind Sport und Jugendarbeit miteinander vereinbar bzw. welche Konzepte und Angebote der Kinder- und Jugendarbeit existieren in diesem Zusammenhang? Darüber hinaus soll geklärt werden, welche Absichten entspre- chende Anbieter verfolgen sowie welchen Erfolg sich jene von dem Einsatz von Sportangeboten versprechen.

Im abschließenden Teil dieser Arbeit wird überprüft, ob eine sportorientierte Kinder- und Jugendarbeit speziellen Prämissen unterliegt. Hierfür werden insbesondere die dem Arbeitsfeld „Kinder- und Jugendarbeit“ zugeschriebenen bzw. die von diesem geforderten Grundprinzipien und Qualitätsstandards auf ihre Anwendbarkeit im Sport untersucht.

Die vorliegende Arbeit basiert auf Erkenntnissen einschlägiger Literatur aus den Bereichen der Sozialen Arbeit sowie der Kinder- und Jugendarbeit, der Entwick- lungspsychologie und der Sportwissenschaft. Es finden keine eigenen Untersu- chungen bzw. Datenerhebungen statt; vielmehr werden bereits veröffentlichte Untersuchungsergebnisse zum Thema „Sport und Jugendarbeit“ auf ihre Bedeu- tung hinsichtlich der v. g. Fragestellungen überprüft und durch eigene Schlussfol- gerungen ergänzt.

Von einer ausführlichen Definition zentraler Begrifflichkeiten (Sport/ Kinder- und Jugendarbeit) wird bewusst Abstand genommen, da in Anbetracht der vielfältigen und teils widersprüchlichen Definitionsversuche, speziell hinsichtlich des Begriffs „Sport“, eine allgemeingültige und abschließende Begriffsklärung im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist. Deshalb sei an dieser Stelle erwähnt, dass sich die nachfolgende Abhandlung vorranging auf die Kinder- und Jugendarbeit im Sinne des § 11 SGB VIII bezieht und Sport als körperliche Aktivität in Verbindung mit Spiel und/ oder Wettkampf verstanden wird.

Der Einfachheit halber werden nachstehend hauptsächlich männliche Artikel und Beschreibungsformen verwendet. Alle Ausführungen gelten jedoch ebenso für die weibliche Form.

Wie geschichtliche Überlieferungen belegen, sind sportliche Wettkämpfe seit An- beginn der Menschheit Bestandteil ihrer Kultur. Bevor die v. g. zentralen Frage- stellungen erörtert werden, wird eingangs dieser Arbeit ein Überblick über aus- gewählte Epochen hinsichtlich ihrer Bedeutung für junge Menschen im sportli- chen Kontext gegeben.

1. Junge Menschen und Sport - Historischer Rückblick und aktueller Stand in Deutschland

Abb. 1: Der Diskobol des Myron

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: www.aeria.phil. uni-erlangen.de

Der Diskobol des Myron ist eines der berühmtesten Kunstzeugnisse der griechischen Antike. Das Original der Statue stammt aus dem 5. Jahrhundert vor Christus und zeigt einen Athleten beim Diskuswurf. Geschichtli- che Überlieferungen, insbesondere aus der griechischen Antike, machen deutlich, dass Sport bereits vor Beginn der christlichen Zeitrechnung einen hohen Stellenwert im Leben der Menschen einnahm. Welche Bedeutung Sport für die Erziehung von Kindern und Jugendlichen zur Zeit der Antike, der späten Aufklärung und Romantik, des Nationalsozialismus und der DDR hatte, soll im Folgen- den veranschaulicht werden. Darüber hinaus wird die aktuelle Lage zum Sportinteresse und Vereinsengagement von Jugendlichen in Deutschland beleuchtet.

1.1 Historische Aspekte der Leibeserziehung

Ob Ringen im alten Ägypten oder das Ballspiel der Mayaindianer im präkolumbianischen Mittelamerika, Agone (griechisch: „Wettkämpfe“) ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Menschen unabhängig seiner Herkunft und Kultur. Da im Rahmen dieser Arbeit eine vollumfängliche sportgeschichtliche Abhandlung nicht möglich ist, werden an dieser Stelle lediglich einige bezeichnende Zeitabschnitte hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Sport und die Erziehung junger Menschen aufgezeigt.

1.1.1 Sport, Erziehung und Körperkultur in der griechischen Antike

Im alten Griechenland nahmen körperliche Übungen und Wettkämpfe eine bedeu- tende Stellung in Kultur und Erziehung ein (vgl. Krüger 2004, S. 118 f.). Typische Begriffe für das antike Griechenland im Hinblick auf Leibeserziehung, Bildung und Sport waren Agonistik, Athletik und Gymnastik. Während die athletische und gymnastische Erziehung stets in einem engen Zusammenhang mit der Vorberei- tung auf den Krieg stand, war das Ziel der körperlichen Erziehung in der klassischen und hellenistischen Zeit, die Menschen auf das Leben und für die Zwecke der „Polis“ (altgriechisch: „Stadt“) vorzubereiten.

Der Dichter Homer (8. Jh. v. Chr.) formulierte in seinem Epos „Ilias“ ein Motto, das die gesamte agonistische, athletische und gymnastische Kultur prägte: „Immer der erste zu sein und überlegen den anderen.“ (Homer zit. nach Krüger 2004, S. 118). Folglich war der Sieg das Wichtigste am Wettkampf und nicht die Teilnah- me, wie es Vertreter der modernen olympischen Bewegung gerne sehen (vgl. Krüger 2004, S. 104 ff.). Der Dominanzgedanke spiegelte sich auch im Idealbild eines Helden oder Herrschers wider. Neben Klugheit, List und Schläue mussten jene auch über körperliche Vorzüge wie Kraft, Stärke und Geschicklichkeit verfü- gen.

Im Kriegerstaat Sparta wandelte sich das Ideal der Erziehung. Der einzelne Held, wie zu Zeiten Homers, stand nicht mehr im Mittelpunkt. Um die Macht gegenüber dem rechtlosen, jedoch zahlenmäßig weit überlegenen Volk behaupten zu können, setzten die Spartaner ihre Vorrangstellung allein mit kriegerischen Mitteln und roher Gewalt durch (vgl. Krüger 2004, S. 111 ff.). Ziel der Erziehung in Sparta war der tapfere, aber namenlose Soldat, der sein Leben in den Dienst des Staates stellte und auch bereit war, jenes dem Geburtsland zu opfern. Die Erziehung der spartanischen Jugend bestand aus der Vermittlung kriegerischer und militärischer Fertigkeiten. Schwerpunkte des körperlichen Trainings waren z. B. Laufen, Rin- gen und Speerwerfen.

„Diese Staatserziehung, im Altertum als die spartanische Agogè ( ) be- kannt, war ganz auf die militärischen Erfordernisse ausgerichtet. Unbedingter Gehorsam und Unterordnung unter die Staatszwecke sowie Abhärtung und körperliche Ertüchtigung waren die Hauptziele.“ (Schwenk 1996, S. 47 f.)

Neben den vorwiegend militärischen Zielen gab es aber auch „klassische“ Beweggründe für eine körperliche Erziehung (vgl. Krüger 2004, S. 115 f.). Demnach waren Leibesübungen nicht nur für den Krieg nützlich; zur Zeit des Friedens trugen diese zur Gesundheit, Abhärtung und Widerstandsfähigkeit bei, dienten der Kräftigung und Beweglichkeit des Körpers, förderten das Gemeinschaftsgefühl und die Zusammengehörigkeit, wirkten der Langeweile entgegen und bewahrten die Jugend vor „frevlerischem“ Tun.

Prägend für die griechische Kultur war der Begriff „Kalokagathie“ (griechisch: kalos, „schön“, + kai, „und“, + agathos, „gut“), welcher die geistige, moralische und körperliche Vollkommenheit beschreibt. So gingen die Menschen zu jener Zeit davon aus, dass wer körperlich schön, athletisch und wohlgeformt ist, sogleich auch ein guter und geistig regsamer Mensch sein müsse.

Zur Zeit der klassischen griechischen Antike erfuhr die Gymnastik und Athletik in der Erziehung zunächst ihren vorläufigen Höhepunkt (vgl. Krüger 2004, S. 118). In der Folgezeit verloren Leibeserziehung und Körperkultur an Gewicht und An- sehen, was u. a. zur Ursache hatte, dass sich der Schwerpunkt der hellenistischen Erziehung nunmehr auf geistige, philosophische und musische Inhalte verlagerte.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass trotz der vorranging militärischen Absichten ebenso andere Motive für die Leibeserziehung im antiken Griechenland erkennbar waren. Das Streben, nicht nur nach geistiger, sondern auch nach körperlicher Vollkommenheit zeigt, dass bereits zur damaligen Zeit der Wunsch bestand, sich ganzheitlich zu bilden.

1.1.2 Sport- und bewegungsorientierte Pädagogik im 18. und 19. Jahrhundert

Das Ende des 18. Jahrhunderts kennzeichnet den Beginn der Moderne und der industriellen Revolution. Das Bürgertum gewann allmählich Einfluss auf die Ge- staltung des gesellschaftlichen Lebens sowie politische Teilhabe. Immanuel Kants Denkansatz „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (Kant zit. nach Ruffing 2006, S. 139) steht stellvertretend für die beginnende Au- tonomiebewegung des Verstandes. Als die Philanthropen (aus dem Griechischen: „Menschenfreunde“), ein sich im Jahr 1770 in Deutschland zusammenfindender Kreis von Reformpädagogen , an ihren Internatsschulen die Gymnastik in die Lehrprogramme aufnahmen, sprachen sich ebenso viele Mediziner dieser Epoche aus gesundheits- und bildungspolitischen Gründen für eine Etablierung dieser im schulischen Fächerkanon aus (vgl. Jacob 2000, S. 47 f.).

Der Grundsatz der Aufklärung „Allen ist alles zu lehren“ spiegelte sich ebenfalls in einer ganzheitlichen Erziehung wider. Neben der geistigen Bildung und der Lehre von Tugenden, Sitte und Moral gehörte zu einer umfassenden Erziehung nun auch die Unterrichtung und Ausformung des Körpers sowie dessen Pflege und Beherrschung (vgl. Krüger 2005a, S. 23). Bekannte Vertreter einer ganzheit- lichen Erziehung waren u. a. Jean-Jacques Rousseau und Johann Heinrich Pesta- lozzi.

Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) entwickelte zwar keine eigene Theorie zur Leibeserziehung, jedoch enthielt sein Roman „Emile oder über die Erziehung“ viele grundsätzlich neue Gedanken über Erziehung in Zusammenhang mit körper- lichen Erfahrungen, Bewegung sowie der grundlegenden Schulung des Körpers für die Entwicklung eines Menschen (vgl. Krüger 2005a, S. 26 ff.). So war auch für die Romanfigur Emile die Vielfalt der körperlichen und sinnlichen Erfahrun- gen durch Bewegung, Spiel und Training während seiner Kindheit von entschei- dender Rolle für die spätere Beherrschung seines Körpers, die Entwicklung seines Selbstbewusstseins und die Erfahrung des eigenen Leistungsvermögens.

Das Grundprogramm der Philanthropen beinhaltete Naturnähe, einfaches Leben, Abhärtung sowie körperliche Erziehung und stand somit ganz im Zeichen der „na- türlichen Erziehung“ Rousseaus (vgl. Krüger 2005a, S. 29 ff.). Die Erziehung der Philanthropen zielte ferner auf eine unmittelbare Lebensvorbereitung ab. Leibes- übungen wie z. B. Laufen, Springen, Klettern, Balancieren und Tragen sollten die Schüler auf Alltagssituationen, für die körperliches Geschick und Leistungsver- mögen essentiell waren (z. B. in Handwerksberufen), vorbereiten. Einer der be- kanntesten Vertreter der Philanthropen war Johann Christoph Friedrich Guts- Muths (1759-1839), welcher als Lehrer neben Erdkunde und Handarbeit auch Gymnastik unterrichtete.

„Die Hauptabsicht der Erziehung ist schon seit Jahrhunderten, daß eine gesunde Seele in einem starken gesunden Körper sey. Wie mag es aber kommen, daß wir auf die Ausbildung des letztern so wenig denken, ungeachtet wir mit unwidersprechlicher Gewißheit wissen, daß den Schwachen und Kränklichen, den Weichling und Verzär- telten nichts, gar nichts, weder Geld noch Ordensband, weder Gelehrsamkeit noch Tu- gend vor den traurigen Folgen schützen, die aus seinem Zustande für ihn entstehen?“ (GutsMuths 1804, S. 9)

GuthsMuths verfasste mehrere Werke zur Gymnastik, zum Schwimmen, zum Spielen und zum Turnen. Seine wohl berühmteste Arbeit „Gymnastik für die Ju- gend“ erschien 1793 bzw. 1804 in überarbeiteter Auflage und enthält Erfahrungen aus seiner praktischen Arbeit als Gymnastiklehrer. Die systematische Erprobung und Weiterentwicklung von Übungen sowie die Überzeugung, dass die „richtige“ Lebensweise von Erwachsenen vorgelebt werden müsse und dass Zwang bei der gymnastischen Ausbildung nicht angebracht sei, hatten eine immense Auswirkung auf die damalige Theorie und Praxis der Leibesübungen sowie des Turnens in Schule und Verein. So wurde das Buch „Gymnastik für die Jugend“ in viele euro- päische Sprachen übersetzt.

Die Zeit um 1800 war von einem gesellschaftlichen Wandel geprägt (vgl. Krüger 2005a, S. 42 ff.). Die Menschen versuchten ihr Leben selbst in die Hand zu neh- men bzw. sich vom Denken aus der bisherigen Abhängigkeit adeliger und kirchli- cher Autoritäten zu lösen. Sie forderten Freiheit und Souveränität und entdeckten ihr Selbstbewusstsein sowie ihre nationale Identität. Der nationale Gedanke, der während der Romantik im 19. Jahrhundert in Europa vorherrschte, spiegelte sich auch in der Leibeserziehung wider. Der „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) verfolgte zu dieser Zeit die Idee einer am Körper ansetzenden, ur- sprünglich naturhaften und nationalen Erziehung. Gegenüber Pestalozzi, dessen Motivation für eine körperliche Erziehung darin bestand, hilfebedürftige Bevölke- rungsgruppen (Arme, Kinder etc.) vor einer körperlichen Verwahrlosung zu schützen, war Jahns vorrangiges Ziel die nationale Vereinigung und militärische Ertüchtigung des Volkes. In den 1840er Jahren entstandenen Turnvereinen erfuh- ren Kleinbürger und Handwerker Gemeinschaftsgefühl und gegenseitige Hilfe.

Der in Deutschland gegenwärtige Sport auf institutioneller Ebene ist u. a. auf das Engagement der bürgerlichen Turnvereinsbewegung und die Einführung des fakultativen Turnens an den Schulen im 19. Jahrhundert zurückzuführen.

„Bildung und Erziehung durch Bewegung, Gymnastik, Turnen, Spiel und Sport haben in Deutschland bis heute grundsätzlich zwei organisatorisch-institutionelle Orte: die Schule und den Verein. Die Gründe dafür liegen in der Geschichte des Turnens in der Mitte des 19. Jahrhunderts.“ (Krüger 2005a, S. 112)

Im Jahr 1842 wurde das Turnen offiziell als Erziehungsmittel in Schulen aner- kannt (vgl. Krüger 2005a, S. 70 ff.). Ausschlaggebend dafür war, dass sich Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in einem Modernisierungsprozess befanden. Der Me- diziner Ignaz Lorinser (1796-1853), für den gesundheitliche und medizinische Aspekte im Vordergrund standen, sah das Turnen und die körperliche Erziehung als Mittel, um den mit der Modernisierung verbundenen Problemen, z. B. die kör- perliche Degeneration insbesondere der sitzenden und gebildeten Menschheit, entgegen zu wirken. Adolf Spieß (1810-1858), „Vater des Schulturnens“ und Turnsystematiker des 19. Jahrhunderts, entwickelte eine Reihe von Turnübungen, die es ermöglichten, das Turnen in den laufenden Schulunterricht einzubinden (Krüger 2005a, S. 128). Charakteristische Inhalte seines Turnunterrichts waren Körperbeherrschung, Ordnung und Disziplin.

Abschließend lässt sich festhalten, dass das Engagement der Turnvereinsbewegung des 19. Jahrhunderts ebenso von nationalen und militärischen wie auch von pädagogischen und gesundheitlichen Motiven geprägt war.

„Seit Beginn des 19. Jahrhunderts waren dann alle Bestrebungen zur Integration der Körperbildung in eine ganzheitlich aufgefaßte Erziehung, wie sie der populäre Heinrich Pestalozzi, der sich auch der unteren Sozialschicht annahm, und viele seiner zeitgenössischen Kollegen vertraten, relativ eng mit der politischen Willensbildung verflochten.“ (Jacob 2000, S. 49)

Wenngleich auch politische Ziele für die Weiterentwicklung der Leibeserziehung mitverantwortlich waren, trugen pädagogische und medizinische Gesichtspunkte mindestens im selben Maß dazu bei. Der gesellschaftliche Wandel zur Zeit der Aufklärung, der Umbruch in den Naturwissenschaften, die Naturverbundenheit, die Berufung auf die Vernunft sowie die Schaffung grundlegender Bürgerrechte beeinflussten die Pädagogik nachhaltig. Pädagogen befassten sich seitdem nicht mehr nur mit geistigen, sittlichen und moralischen Inhalten, sondern machten sich ebenfalls die Rolle des Körpers und die Bedeutung von Bewegung bewusst. Die Bildung erfuhr damit eine ganzheitliche Sichtweise. So fanden bei der Ausübung von Erziehung beispielsweise auch äußere Faktoren wie die auf den Körper wir- kenden Folgen der beginnenden Industrialisierung eine Berücksichtigung.

1.1.3 Körperliche Erziehung im Nationalsozialismus

„Mit der Jugend beginne ich mein Erziehungswerk. (…) Sehen Sie sich diese jungen Männer und Knaben an. Welch Material. Daraus kann ich eine neue Welt formen. Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend muss das alles sein. Schmerzen muss sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein.“ (Hitler 1940 - im Gespräch mit Hermann Rauschning zit. nach: Krüger 2005b, S. 152)

Krüger vergleicht Hitlers Erziehung und Körperausbildung mit der „Pferdezucht“ (vgl. Krüger 2005b, S. 153 ff.). Tatsächlich war die „Zucht“ eines neuen Menschen erklärtes Ziel der Nationalsozialisten. Die Jugend wurde als „Rohstoff“ angesehen, aus dem die neue Herrenrasse hervorgehen sollte. Die Pädagogik hatte sich dabei grundsätzlich den Zielen des Nationalsozialismus unterzuordnen. Ein Befürworter dieser Ideen war der Philosoph und Pädagoge Alfred Baeumler (1887-1968). Er sah Menschen als „unbeschriebene Blätter“ und einzig die Umwelt bestimme, wie diese beschrieben werden. Baeumler prägte die Gestaltung sowie Umsetzung der politischen Bildung und nationalsozialistischen Leibeser- ziehung nachhaltig.

Bezeichnend für die Leibeserziehung im Nationalsozialismus war, dass diese vom Jungvolk über die Hitlerjugend bis hin zur SS und SA stets präsent war. Alle Menschen jeden Alters standen somit unter ständiger Kontrolle der National- sozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Aber nicht nur in den Institu- tionen der Partei fand eine „politische Erziehung“ im Sinne des „national- sozialistischen Erziehers“ statt, sondern auch das im Jahr 1935 eingerichtete Amt K (Körperliche Erziehung) im Reichsministerium für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung widmete sich der Leibeserziehung an Schulen und Hochschulen. Volksgemeinschaft, Wehrhaftigkeit, Rassebewusstsein und Führer- tum waren die Grundlagen der nationalsozialistischen Weltanschauung und gleichwohl Prinzipien der „politischen Leibeserziehung“, die der Jugend im Bereich Bewegung, Turnen, Sport und Spiel vermittelt werden sollten.

Bei der Leibeserziehung für Mädchen galten dem Grunde nach die gleichen Maximen wie für Jungen, jedoch mit der Besonderheit, dass Erstere hinsichtlich der „Rassenpflege“ zudem auf ihre künftige Bestimmung als Mütter und Erzieherinnen vorbereitet werden sollten. Der Schulsport wurde 1935 auf fünf Wochenstunden ausgeweitet und verfolgte von da an neben dem Turnunterricht nun auch kämpferische Mannschaftsspiele, Boxen und wehrsportliche Übungen wie Schleichen, Robben, Hindernisklettern und Kriechen. Für die Schaffung einer widerstandsfähigen und für den Krieg gerüsteten Jugend mussten sich Turnlehrer und Leibeserzieher einem Prüfungslehrgang in der „Führerschule“ in Neustrelitz unterziehen.

Im Freizeitbereich wurden Sportvereine und Verbände nach der Machtergreifung der NSDAP größtenteils in den Deutschen Reichsbund für Leibesübungen (DRL; 1938 in Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen [NSRL] umbe- nannt) überstellt. Der Eindruck eines einheitlichen und blühenden Sportbetriebs im Nationalsozialismus täuscht jedoch, denn innerhalb des DRL wurde um die einzelnen Betätigungsfelder des ehemals freien Vereinssports gestritten. Sowohl die Hitlerjugend (HJ), der Bund Deutscher Mädchen (BDM), die Deutsche Arbeitsfront, die Sturmabteilung (SA) und die Schutzstaffel (SS) als auch die Urlaubsorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF) versuchten den Massensport für sich zu beanspruchen, was zur Folge hatte, dass das Sportleben in den noch verbliebenen Vereinen zusehends zum Erliegen kam. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs wurden Sportler zum Militär einberufen und Turnhallen für Kriegs- zwecke umfunktioniert. Dadurch wurde der Sportbetrieb gänzlich eingestellt.

Der Sport erlebte zur Zeit des Nationalsozialismus eine politische Instrumentali- sierung. Von einer Leibeserziehung im Rahmen einer humanistischen Bildung konnte kaum mehr die Rede sein. Ähnlich wie im Kriegerstaat Sparta basierte die körperorientierte Erziehung im Deutschen Reich auf militärischen Interessen. Eine „unerschrockene“ und „grausame“ Jugend war neben ideologischen Gründen Voraussetzung für eine starke Streitmacht. Durch den Sport war das NS-Regime in der Lage, Einfluss und Kontrolle auf das alltägliche Leben der Menschen zu nehmen. Die Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie mittels Leibeser- ziehung und Förderung der körperlichen Ertüchtigung des Volkes macht deutlich, dass Sport auch als Medium begriffen werden muss. Abhängig von vorherrschen- der Gesellschaft und Politik kann Sport für die Streuung und den Austausch gezielter Informationen genutzt werden.

1.1.4 Leistungssport in der DDR

Der synonym für Sport gebräuchliche Begriff „sozialistische Körperkultur“ sollte zum Ausdruck bringen, dass in der DDR eine hochwertige und überlegene Leibeserziehung vorherrsche, die keine Klassengegensätze kenne, die allen zugutekomme, die wissenschaftlich begründet und erforscht sei und die die Überlegenheit der Leistungsfähigkeit der im Sozialismus lebenden Menschen widerspiegele (vgl. Krüger 2005b, S. 189 ff.). In der DDR war der Sport den Weisungen und Richtlinien der kommunistischen Staats- und Parteiführung unterstellt, eine Gründung von eigenständigen Sportvereinen war untersagt. Das Volk hatte für die Sportausübung in einer Vereinigung nur die Möglichkeit, sich einer „Betriebssportgemeinschaft“ anzuschließen. Ein eigeninitiierter Freizeit- und Breitensport war nicht erwünscht, da der Staat fürchtete, damit die Kontrolle über seine Bürger zu verlieren. Mit der Gründung des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) im Jahr 1957 wurde der Sport in der DDR seitdem zentral organisiert und gesteuert. Selbsterklärte Ziele des DTSB waren die Einbindung des Sports in die Arbeit zum Aufbau des Sozialismus, die Erziehung und Disziplinierung aller Sporttreibenden im Sinne der Partei und der sportliche Wettstreit gegen Westdeutschland. Die Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) sowie das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport bereiteten systematisch die großen Sporterfolge der DDR vor.

Aufgabe des Schulwesens in der DDR war die Erziehung „allseitig entwickelter sozialistischer Persönlichkeiten“ (vgl. Krüger 2005b, 195 ff.). Die damit verbundenen Ziele der körperlichen Ausbildung und des Schulsports waren die Förderung disziplinierten Verhaltens, sozialistischer Moral, kollektiven Handelns und die Verteidigung des Vaterlandes. Der Sportunterricht in der DDR orientierte sich stark am Leitungssport (wettkampfbezogen, erfolgsorientiert) und hatte effektiv, diszipliniert sowie mitunter in militärisch strenger Form zu erfolgen. Neben dem Leistungsprinzip war der Wehrsport und Wehrunterricht Bestandteil des Sports an der Schule, was sich z. B. darin äußerte, dass sich bereits Erstklässler in Geländespielen übten und in einer für das Militär typischen Ordnungsform zum Unterrichtsbeginn anzutreten hatten (Antreten, Grüßen, Meldung, „Sport frei!“). Ab 1965 fanden regelmäßig die sogenannten „Spartakiaden“ statt, bei denen Kinder und Jugendliche auf Schul-, Kreis- und Bezirksebene sportliche Wettkämpfe absolvierten. Dem Leistungsprinzip ent- sprechend qualifizierten sich nur die Besten für die Endkämpfe bei den Kinder- und Jugendspartakiaden.

Über die Eignung zum Leistungssport entschied die „Einheitliche Sichtung und Auswahl“ (ESA). Ein auf mehreren Ebenen basiertes Talentsystem war dafür verantwortlich, dass nur die Besten der Besten ausgehend von den Trainings- zentren (TZ) über die Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) bis hin in die Sport- clubs (SC) vorrückten und als sportliche Leistungselite der DDR in Wettkämpfen antraten. Für die Aufnahme an einer KJS war jedoch nicht nur sportliches Talent erforderlich, gute schulische Leistungen und Engagement in sozialistischen Jugendorganisationen waren ebenso wichtig wie die Nichtexistenz einer Verwandtschaft ersten und zweiten Grades in der Bundesrepublik Deutschland oder in anderen westlichen Staaten. Der Unterricht an der KJS war für die Kinder und Jugendlichen von hoher Belastung. Neben dem sportlichen Training stand Schulunterricht, politischer Unterricht und die Tätigkeit in Pionierorganisationen auf dem Programm. Der Unterricht umfasste zum Teil bis zu sechzig Stunden in der Woche. Die Sportschulen ähnelten Kasernen, in denen die Kinder und Jugendlichen ganztägig unter Aufsicht der Trainer und Erzieher standen.

Der „Kalte Krieg“ war in der DDR auch im Bereich des Sports präsent. Für internationale Anerkennung und Billigung als „zweiter“ deutscher Staat förderte das politische System den Spitzensport mit größtem Aufwand (vgl. Krüger 2005b, S. 199). Nach der UdSSR und den USA war die DDR die führende Macht im Spitzensport. Für das Erreichen dieser Stellung im internationalen Sportvergleich und vor allem gegenüber dem „Klassenfeind“ war den Parteifunktionären jedes Mittel recht. So wurde beispielsweise im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) eine eigene „Abteilung für Arbeits- und Sportmedizin“ gegründet, die sich mit der Erforschung und dem Einsatz von Dopingmitteln befasste.

Wenn auch unter anderen Vorzeichen, lassen sich zwischen der „sozialistischen Körperkultur“ und der „nationalsozialistischen Leibeserziehung“ Gemeinsamkeiten erkennen. Eine humanistische Körperziehung stand in der DDR ebenso wenig im Vordergrund wie im Dritten Reich; vielmehr hatte sich der Sport den staatspolitischen Zielen unterzuordnen. Neben der ideologischen Bildung und Formung einer kommunistischen bzw. nationalsozialistischen Gesinnung hatten beide Systeme die fortwährende Aufsicht und staatliche Kontrolle heranwachsender Sportler sowie die teils militärische Anleitung von Kindern und Jugendlichen auf sportlicher Ebene gemeinsam.

1.2 Sportliche Betätigung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland

Wie der sportgeschichtliche Abriss zeigt, kommt Sport und Bewegung in der Ar- beit mit Kindern und Jugendlichen und insbesondere in der Erziehung von jeher eine große Bedeutung zu. Oft waren es politische Interessen, die das Sportverhal- ten junger Menschen direkt oder indirekt steuerten . Welche Intention die sport- orientierte Kinder- und Jugendarbeit aktuell verfolgt bzw. welche Erfolge sich diese durch die Verwendung des Mediums Sport verspricht, soll an späterer Stelle dieser Arbeit erläutert werden. Nachfolgend wird zunächst das gegenwärtige Sport- und Bewegungspotenzial von Jugendlichen in Deutschland betrachtet. Als Indikatoren für Ausmaß und Umfang des Sportinteresses sowie des Bewegungs- radius junger Menschen dienen ihr Engagement in Sportvereinen sowie die Fol- gen von Bewegungsmangel.

1.2.1 Engagement im Vereinssport

In Deutschland existieren über 90.000 Sportvereine mit mehr als 27 Millionen Mitgliedern (vgl. DOSB 2010, S. 13 ff.). Die Zahlen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) machen deutlich, dass Sportvereine auch bei jungen Menschen großen Anklang finden. Besonders Jungen im Alter von sieben bis vierzehn Jahren sind zahlenmäßig stark im Vereinssport vertreten.

Abb. 2: Organisationsgrad des deutschen Sports 2009

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bestandserhebung DOSB 2009

Mädchen treiben i. d. R. weniger Sport als Jungen und sind auch seltener in Sportvereinen aktiv. Signifikant ist ebenso der Unterschied zwischen „West“ und „Ost“; so sind beispielsweise Mädchen im Alter von sieben bis vierzehn Jahren in den alten Bundesländern mit 66,79 Prozent fast doppelt so stark in Sportvereinen vertreten wie altersgleiche Mädchen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR mit 34,29 Prozent. Diese Zahlen verblüffen, wenn man bedenkt, dass gerade die Frauen der DDR im Leistungssport zur Weltelite gehörten . Für die generell schwächer ausgeprägte Sportvereinsmitgliedschaft in den neuen Bundesländern könnte u. a. der Wegfall von Betrieben und Produktionsgemeinschaften der ehemaligen DDR verantwortlich sein, die zu ihrer Zeit personelle und materielle Ressourcen für die sportliche Betätigung zur Verfügung stellten (vgl. Baur/Burrmann 2003, S. 378).

Das gegenwärtige Angebot der Sportvereine in Deutschland ist nicht nur in Bezug auf die angebotenen Sportarten vielfältig, auch die jeweiligen Leistungsbereiche und Vereinsphilosophien unterscheiden sich. Während sich einige Vereine dem Leistungssport verschreiben, konzentrieren sich andere Organisationen auf Be- reiche des Breiten-, Freizeit- und Gesundheitssports. Leistung, Anerkennung und Verdienstmöglichkeiten stehen beim Spitzensport im Vordergrund; Ziel des Freizeit- und Breitensports ist dagegen das Erleben von Vergnügen, Geselligkeit, Entspannung und Gesundheit. Viele Vereine engagieren sich darüber hinaus im sozialen Bereich. Beispielhaft seien an dieser Stelle die Projekte der Deutschen Sportjugend (dsj) „Am Ball bleiben - Fußball gegen Rassismus und Diskrimi- nierung“ und „Leitprojekt Sport! Jugend! Agiert!“ genannt (vgl. www.dsj.de). Beide Projekte setzen sich intensiv mit dem Umgang von Rechtsextremismus im Sport auseinander. Selbsterklärte Ziele sind dabei die Förderung von Toleranz und Demokratie sowie die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund.

Aktives jugendliches Vereinsengagement ist auf zweierlei Ebenen möglich; neben der sportlichen Betätigung im Verein selbst können junge Menschen z. B. als Trainer, Schiedsrichter, Vorstand, Jugendwart oder Jugendsprecher den Sportver- ein aktiv mitgestalten und organisieren. Das freiwillige und ehrenamtliche Engagement auf organisatorischer Ebene ist nicht nur für die Bestandserhaltung der Vereine wichtig, sondern trägt auch wesentlich zur Förderung des Selbst- und Mitbestimmungsrechts sowie zur Toleranz- und Kritikfähigkeit der Jugendlichen bei (vgl. Piepgras-Brink 2009, S. 5). Piepgras-Brink weist darauf hin, dass demo- kratisch geführte Sportvereine einen wesentlichen Beitrag für das Demokratie- verständnis und Sozialverhalten von Kindern und Jugendlichen leisten können.

„Den Jugendlichen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, ist deshalb so bedeutsam, weil sie diejenigen sind, die zukünftig das System der Selbstorganisation in demo- kratischen Strukturen fortführen und weiterentwickeln. (…) Wird nämlich im Rahmen der jugendlichen Mitarbeit auf die Einhaltung demokratischer Spielregeln Wert gelegt und über die Weiterentwicklung und Veränderung der vereinsinternen Jugendarbeit nachgedacht, reflektiert und diskutiert, kann die heranwachsende Generation an soziale Verantwortung herangeführt werden.“ (Piepgras-Brink 2009, S. 7)

Wenn auch immer mehr Menschen, also ebenso Jugendliche, privat und in Fitnessstudios sportlich aktiv sind, findet dennoch 90 Prozent des Sportengagements in Deutschland im Verein statt (vgl. Hoofe 2010, S. 6 ff.). Sowohl die Zahl der Vereine als auch die der Vereinsmitglieder ist den letzten Jahrzehnten sogar gestiegen. Die dsj verzeichnet 9,5 Millionen Mitglieder und macht es sich, so Hoofe, zur Aufgabe, die Angebote der Sportvereine und Mitgliedsorganisationen sozialorientiert auszubauen. Erklärtes Ziel ist demnach z. B. die Förderung des Kinder- und Jugendsports für die Sozialarbeit, den Jugendstrafvollzug, die Gewaltprävention und die Antirassismus-Arbeit.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Heranwachsende in Deutschland ein ausgeprägtes Engagement im Vereinssport zeigen. Dabei sind Jungen im organisierten Sport anteilmäßig stärker vertreten als Mädchen, jedoch nimmt das Interesse am Vereinssport insgesamt mit steigendem Alter bei beiden Geschlechtern ab. Wenngleich sich ein hohes Sportinteresse aus der Anzahl von Vereinen und Vereinsmitgliedern ableiten lässt, sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass auch außerhalb des Vereins viel Sport getrieben wird. Gerade Fun- und Extremsportarten, die in Vereinen nicht bzw. nur bedingt angeboten werden können, sind bei Jugendlichen sehr beliebt. Sportarten wie Skateboarding, Downhill oder Parkour sind für Heranwachsende oftmals nicht nur Freizeitbe- schäftigung, sondern auch Lebenseinstellung und Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Für die Kinder- und Jugendarbeit könnten gerade diese Sportarten von Interesse sein, wenn sie junge sportbegeisterte Menschen außerhalb des Vereinssports erreichen will.

1.2.2 Bewegungsmangel und die Folgen

Dem Sportinteresse und Vereinsengagement vieler Kinder und Jugendlicher steht jedoch auch eine große Anzahl junger Menschen entgegen, die wenig oder gar keinen Sport treibt. Aus der 16. Shell Jugendstudie geht hervor, dass insbesondere die Gruppe der „Medienfreaks“, welcher überwiegend Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien angehören, im Bereich Sport deutlich weniger ambitioniert ist (Leven/Quenzel/Hurrelmann 2010, S. 99 f.). Der Schwerpunkt ihrer Freizeitaktivitäten ist überwiegend körperlich passiv auf Internet und Fernsehen ausgerichtet. Somit wird deutlich, dass das Freizeitverhalten u. a. von der sozialen Herkunft abhängig ist. „Die Schere geht also auch beim Sport auseinander …“ (Finsterer/Fröhlich 2007, S. 52)

Die Autoren Finsterer und Fröhlich suchen in ihrem Werk „Generation Chips“ (2007) nach möglichen Ursachen und Folgen für Adipositas bei Kindern und Jugendlichen und stellen u. a. fest, dass 15 bis 18 Prozent der in Deutschland le- benden Kinder von Übergewicht und sieben Prozent von Fettsucht betroffen sind (vgl. Finsterer/Fröhlich 2007, S. 28 f.). Es konnte zudem beobachtet werden, dass die Tendenz übergewichtiger Kinder ansteigt, Jungen gegenüber Mädchen häufiger adipös sind und die Erkrankung besonders viele Heranwachsende mit Migrationshintergrund betrifft. Finsterer und Fröhlich führen weiter an, dass vor- nehmlich gut ausgebildete Menschen sportlich aktiv leben und insbesondere Be- völkerungsgruppen mit geringem „Bildungsniveau“ bewegungsvermeidende Frei- zeitbeschäftigungen bevorzugen. Fettsucht, eine pathologische Erhöhung des Körperfettanteils, ist gewiss nicht nur auf Bewegungsmangel und fehlende sportliche Aktivität zurückzuführen; da aber nur fünf Prozent aller sich in ärztlicher Behandlung befindenden Fettsüchtigen an Stoffwechselkrankheiten oder Störungen des Hormonhaushalts leiden, müssen demzufolge bei 95 Prozent aller Betroffenen die Ursachen in einem „falschen“ Lebensstil liegen (vgl. Finsterer/Fröhlich 2007, S. 14). Ein „falscher“ Lebensstil hinsichtlich Fettsucht heißt: falsche Ernährung und Bewegungsmangel.

Die Folgen von Adipositas sind dramatisch. Aktuelle Forschungsergebnisse besa- gen, dass ein 30jähriger extrem adipöser Mann ca. 13 Jahre seines Lebens an die Krankheit verliert (vgl. Finsterer/Fröhlich 2007, S. 15). Neben den physischen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herz- und Kreislauferkrankungen, Diabetes und Osteoporose spielen aber auch psychische Belastungen im Alltag eine bedeutende Rolle. Eine zunehmend bewegungsarme Freizeitbeschäftigung kann beispielsweise zur Isolation und Abkapselung von der Gesellschaft führen, was wiederum eine Abnahme sozialer Kontakte bedeutet und schlimmstenfalls Depressionen nach sich zieht. Der Betroffene befindet sich dann in einem Teufelskreis, aus dem er ohne Hilfe keinen Ausweg findet. Neben den indi- viduellen Gesundheitsschäden entsteht ferner ein enormer volkwirtschaftlicher Schaden. Das Bremer Institut für Prävention und Sozialmedizin stellte 2006 zu Beginn einer europaweiten Studie zu Adipositas fest, dass jedes achte Kind in Deutschland bereits bei seiner Einschulung an Übergewicht leidet und sich die Folgekosten für die darauf zurückzuführenden Krankheiten wie Diabetes oder Gelenkschädigungen auf 12 Milliarden Euro belaufen (Finsterer/Fröhlich 2007, S. 31).

Interessant hinsichtlich der Folgen von Bewegungsmangel ist ebenso eine Studie von Brandl-Bredenbeck und Brettschneider (2010). Die beiden Forscher untersuchten den Lebensstil von Viertklässlern aus Köln sowie dem Kreis Höxter (Vergleich Großstadt und ländlicher Raum) und kamen dabei u. a. zu folgenden Erkenntnissen:

- Übergewicht und Adipositas sind in Köln (Stadt) stärker verbreitet als im Raum Höxter (ländliche Gegend);
- Übergewicht und Adipositas treten vermehrt bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf, am stärksten sind türkische Jungen betroffen;
- Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus sind häufiger von Über-
gewicht und Adipositas betroffen als andere Kinder;
- 10jährige Kinder im Kreis Höxter sind wesentlich mehr in Sportvereinen aktiv (69 Prozent) als Kinder in Köln (58 Prozent);
- Toben und Spielen sind in Höxter ausgeprägter;
- Jungen sind häufiger als Mädchen in Sportvereinen aktiv;
- Kinder mit Migrationshintergrund, insbesondere Mädchen, scheinen einen erschwerten Zugang sowohl zum organisierten als auch zum informellen Sport zu haben.

(Brandel-Bredenbeck/Brettschneider 2010, S. 13 ff.)

Angemerkt sei hierbei, dass der Einfluss des sozioökonomischen Status der Familie auf das Sportverhalten in Köln ausgeprägter ist als im Raum Höxter. Zudem liegt der Migrationshintergrund bei Kindern in Köln mit 50 Prozent weit über dem im Raum Höxter mit nur knapp 20 Prozent. Auch wenn sich die

Untersuchung lediglich auf Kinder in Köln und Höxter bezieht, ist zu vermuten, dass die Ergebnisse verhältnismäßig das Gesamtbild Deutschlands widerspiegeln. Summarisch lässt sich festhalten, dass insbesondere sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche weniger körperlich aktiv leben und vermehrt von Übergewicht sowie Adipositas betroffen sind.

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Details

Seiten
88
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656122098
ISBN (Buch)
9783656122562
Dateigröße
2.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188557
Institution / Hochschule
Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig – Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Kinder- und Jugendarbeit Sport Sportpädagogik Sport in der Kinder- und Jugendarbeit Sport in Bildung und Erziehung Sport und Jugendarbeit Diplomarbeit Sozialpädagogik Bildung Erziehung Leistungssport DDR Vereinssport Sport und Aggression Sportorientierte Arbeitsfelder Delinquenz Prävention Sport in der Suchtarbeit offene Jugendarbeit Sportpsychologie

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Titel: Fit for life – Sport in der Kinder- und Jugendarbeit