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Musiktherapie in der Grundschule - Ein kritischer Blick in Theorie und Praxis

Seminararbeit 2010 19 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Die „musikalisch-pädagogisch-therapeutische Arbeit" - die Notwendigkeit einer Neudefinition?
1.1 Musiktherapie und Musikpädagogik- Unterschiede und Gemeinsamkeiten...,
1.2 Auf der Suche nach Schnittstellen in Pädagogik und Therapie

2. Was Schule alles leisten soll
2.1 Warum nun Musiktherapie in der Grundschule? Von kranken Schülern und überforderten Lehrern
2.2 Die Frage nach einem geeigneten Therapeuten- Kann ein Pädagoge therapeutisch tätig werden?

3. Musiktherapie in der Grundschule- eine Bereicherung für die Pädagogik?

4. Schluss

5. Authentizitätserklärung

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Schule hat die Aufgabe, die Kinder gesellschaftsfähig zu machen. Doch sollte sich diese Institution nicht auch den gesellschaftlichen Veränderungen und der Lebenswelt ihrer Klientel anpassen? Mit den steigenden Ansprüchen und Erwartungen an die junge Generation steigt statistisch auch der Anteil an verhaltensauffälligen und psychisch kranken Kindern, sodass nunmehr die Forderung musiktherapeutischen Einsatzes in der Grundschule laut wird. Sollte also eine therapeutische Behandlung aller Kinder (Musiktherapie im Klassenverband) mit dieser Tatsache einhergehen?

In meiner Ausarbeitung habe ich den Versuch unternommen Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Schnittstellen der Musikpädagogik und -therapie aufzuzeigen. Weiterhin habe ich mich gefragt, woher die erachtete Notwendigkeit der Musiktherapie in der Schule rührt, und lege Vor- und Nachteile des musiktherapeutischen Tätigwerdens in der Institution Schule dar. Hat der Lehrer die Kompetenzen und die Kraft gleichzeitig Therapeut und Pädagoge zu sein? Kann ein Pädagoge der Doppelfunktion standhalten?

„Würden sie ihrem Kind Hustenstiller verabreichen, obwohl es keinerlei Anzeichen einer Erkrankung aufzeigt?“ Diese Fragestellung soll zum Nachdenken anregen. Warum sollten gesunde Kinder therapiert werden?

1. Die „musikalisch-pädagogisch-therapeutische Arbeit“ - die Notwendigkeit einer Neudefinition?

1.1 Musiktherapie und Musikpädagogik- Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Was genau unter pädagogischen oder psychotherapeutischen Sichtweise und Handlungen zu verstehen ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Dennoch werden in der Literatur immer wieder Versuche unternommen, klare Definitionen und Abgrenzungen der Disziplinbereiche vorzunehmen. In der Literatur wurde beispielsweise folgende Unterscheidung von Natalie Hippel vorgenommen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Tüpker, R./Hippel, N./ Laabs, F,2005, S.16).

Die Aufstellung dieser Charakteristika ist meines Erachtens allerdings nicht aussagekräftig genug. Immer wieder verschwimmen Grenzen und stets sollte der individuelle Fall betrachtet werden. Um etwaige Schnittstellen aufführen zu können, versuche ich im Folgenden eine grundlegende dennoch detailliertere Unterteilung vorzunehmen.

Musiktherapie ist eine praxisorientierte Wissenschaftsdisziplin, die insbesondere mit den Wissenschaftsbereichen der Medizin, der Psychologie, der Musikwissenschaft sowie der Pädagogik in Wechselwirkung steht. In Deutschland definiert man Musiktherapie „als summarische Bezeichnung für unterschiedliche musiktherapeutische Konzeptionen, die ihrem Wesen nach als psychotherapeutisch zu charakterisieren sind [...]“ (Kassler Thesen, 1998), während Musikpädagogik einen „Beitrag zur grundlegenden Bildung [leistet], indem sie die gestalterischen Kräfte der Kinder entwickelt, ihre Erlebnisfähigkeit entwickelt und ihre Ausdrucksfähigkeit differenziert. Sie hat die Aufgabe, die Freude am Singen und Musizieren, am Musikhören und an der Bewegung nach Musik zu wecken und zu erhalten (Kultusministerium NRW, 2004, S. 20).

Der Auflistung nach Hippel fehlt meiner Meinung nach ein sehr bedeutender Aspekt. Vor dem therapeutischen Tätigwerden wird eine Diagnose erstellt, die wiederum zu einer eben musiktherapeutischen Behandlung rät. „Bei der Diagnose wird versucht, ein möglichst genaues Bild der untersuchten Person, ihrer Umweltbeziehung und ihres Lebensraumes zu gewinnen. Dabei werden Auffälligkeiten und Symptome einer bestimmten Krankheit oder Störung zugeordnet und ermöglichen so eine Entscheidung für die angemessene Behandlung (Indikation)“ (vgl. Plahl, C./Koch-Temming, H., 2005, S. 121). Bei beiden Disziplinen sind die Zielsetzungen entscheidend. Die Musiktherapie richtet sich bei der Zielfestlegung der Behandlung nach den Bedürfnissen des Kindes. Musik wird als Medium eingesetzt, durch das Krankheiten und Störungen behandelt werden und Gesundheit und Integration gefördert und unterstützt werden kann. Nach der einzelnen Stunde muss kein Ergebnis vorliegen. Entscheidender ist das Anstreben eines langfristigen Zieles, das kein Erreichen von Teilzielen benötigt. Im Gegensatz zur Pädagogik hat die Therapie mit Ausgleich des Defizites ihr Einsatzende erreicht.

In der Lehrerausbildung werden Studenten darauf abgerichtet, Unterrichtsinhalte stets nach dem Curriculum des jeweiligen Landes auszusuchen. Sie erstellen einen Unterrichtsplan der Zielformulierungen beinhaltet, die operationalisiert und im besten Fall als erreicht erachtet werden können (zielorientiert/produktorientiert). In der Pädagogik wird allerdings auch die Forderung nach der Mitbestimmung der Schüler bei der Formulierung der Unterrichtsziele laut. In diesem Fall liegt meiner Meinung nach eine gemeinsame Vereinbarung und Zielabsprache vor, die denen der Musiktherapie sehr nahe kommt. Der Lehrer orientiert sich bei der Aufstellung des Unterrichtsplanes somit an einem gemeinsam besprochenen „Behandlungsauftrag“ (im Sinne von Stoffbehandlung).

Musiklehrer haben einem Bildungsauftrag nachzukommen. Versteht man die Vermittlung von Kompetenzen als einen Prozess des „lebenslangen Lernens“, so muss meiner Meinung nach auch in der Pädagogik von einer Prozessorientierung gesprochen werden. Die generelle Umorientierung von der früher angestrebten „Input-Orientierung“ hin zur „Output-Orientierung“ mit dem Fokus der Kompetenzvermittlung, begünstigt diese Aussage. Unterricht als lebenslanger Lernprozess bezieht sich somit immer auch auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (Anpassung und Erweiterung von Denkstrukturen).

Lehrer bereiten Unterrichtsinhalte im Unterricht so auf, dass Schüler sich diese aneignen können. In diesem Kontext steht in der Verbindung mit der Institution Schule auch immer eine Leistungsbewertung an. In der therapeutischen Arbeit hingegen sollte kein Leistungsdruck vorhanden sein (Therapeut schafft einen Schutzraum für den Schüler).

Unterrichtsstörungen treten im Unterricht häufig auf und der Pädagoge versucht gezielt, diese auftauchenden Probleme zu beseitigen. Beispielsweise versucht er Unruhe zu beseitigen oder Konflikte gar nicht erst aufkommen oder zumindest schnellstens zu lösen. Die Probleme eines zu therapierenden Kindes werden in der Therapie hingegen aufgenommen. Mit dem Kind zusammen soll eine Lösung gefunden werden (Schüler wird handlungsfähig gemacht).

Im schulischen Kontext würde ich persönlich einen guten Pädagogen auch immer als Begleiter des Schülers auf dessen Weg des Lernens bezeichnen. Je nach Klasse muss ein Pädagoge mal mehr, mal weniger intensiv begleitend tätig werden. In diesem Kontext stellte sich mir die Frage, ob sich die Orientierung je nachdem, ob sich der Lehrer an der sozialen Bezugsnorm (Schülerschaft- subjektbezogener Aspekt) oder an der sachlichen Bezugsnorm (Thema- musikbezogener Aspekt) orientiert, ändert. Eine Orientierung an einer individuellen Bezugsnorm könnte zum Beispiel zu einer Steigerung des Selbstwertgefühls führen. Kann dieser Ansatz somit auch schon als therapeutisch deklariert werden?

1.2 Auf der Suche nach Schnittstellen in Pädagogik und Therapie

Musikpädagogisches und musiktherapeutisches Handeln weisen sicherlich eine entscheidende Übereinstimmung auf. Beide Disziplinen setzen sich in der jeweilig speziellen Art und Weise mit Musik auseinander. Insofern könnte ein musikalisches Element oder eine bestimmte Eigenschaft immer sowohl pädagogisch als auch musiktherapeutisch behandeln lassen (vgl. Tischler, B./ Moroder-Tischler, R., 1998, S.12). Das ist das entscheidende Gemeinsame, das mir wichtig erscheint und Raum für weiere Schnittstelen schafft.

Betrachtet man die Musiktherapie, so kann festgestellt werden, dass sich diese Methoden und Inhalte der Pädagogik bedient. Wenngleich bereits seit Beginn der Menschheitsgeschichte die therapeutische Wirkung von Musik auf den Körper und die Psyche des Menschen bekannt ist (die ältesten Aufzeichnungen stellen ägyptische Papyrusrollen und chinesische Dokumente aus der Zeit um 15000 v. Chr. dar), handelt es sich bei der Musiktherapie um eine sehr junge Disziplin. Erst nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sie sich aus mehreren voneinander unabhängigen Richtungen (im Wesentlichen aus der Schulmedizin, der klinischen Psychologie, de Pädagogik und Sonderpädagogik) heraus. Im Bezug auf die Kindermusiktherapie waren Musiker und Musikpädagogen die Wegbereiter.

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Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656123767
ISBN (Buch)
9783656124290
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188533
Note
Schlagworte
Grundschule Musiktherapie Musikpädagogik Pädagogik Psychische Probleme Diskrepanz Katrin Bye-Reiners Katrin Reiners Kritischer Blick

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Titel: Musiktherapie in der Grundschule - Ein kritischer Blick in Theorie und Praxis