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Die verschiedenen Schlüsse des "Iwein" - Präzedenzfall für den unfesten Text des Mittelalters

Eine exemplarische Untersuchung poetischer Konzepte anhand der Handschriften A, B und f

Hausarbeit 2010 22 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1.) Der konventionelle Schluss im Artusroman
2.) Die verschiedenen Schlüsse der Iwein -Handschriften
2.1) Der Schluss in A - Muster für die Mehrheit aller überlieferten Iwein -Handschriften
2.2) Der Schluss in B – Verweis auf einen anderen Mäzen
2.3) Reminiszenz
2.4) Der Schluss in f – intertextuelle Bezüge

III. Schluss

Anhang

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Im ausgehenden 12. Jahrhundert treten zum ersten Mal neben die lateinische und volkssprachliche Literatur der Kleriker mittelhochdeutsche, höfische Dichtungen. Werke wie der Eneit, Parzival oder Tristan lassen zwischen 1170 und 1250 die Hofkultur aufblühen und ihren Höhepunkt erleben. Gemeinsam mit Heinrich von Veldeke und Wolfram von Eschenbach formt Hartmann von Aue, der seinerzeit einen der erfolgreichsten und schöpferischsten Dichter darstellte, nicht nur einen neuen literarischen Stil, sondern entwirft viel mehr noch Vorstellungen vom Rittertum und der gesamten Hofkultur mit mustergültigem Charakter.[1] Dabei greift er wiederholt auf französische Vorlagen zurück, respektive auf die Artusromane Chrétiens de Troyes, und bearbeitet diese. Es kommt jedoch nicht auf die Erfindung von etwas Neuem an, denn der „Respekt vor der literarischen Tradition [...] ist so groß, da[ss] die Wahrheit des neu Erzählten geradezu der Legitimation und Beglaubigung durch Berufung auf vorgegebene Quellen bedarf.“[2] Unzählige Rezeptionszeugnisse seiner Werke und die von zeitgenössischen Dichtern dargebrachte Wertschätzung zeugen von Hartmanns großem Erfolg.[3]

Viele der weitgehend erhaltenen Textzeugnisse aus dem Mittelalter leiden an einer schlechten bis sehr schlechten Überlieferung. Anders ist dies bei Hartmanns Iwein. Die Überlieferung des Werkes ist, gemessen an anderen mittelalterlichen Werken, sehr gut; es gibt 16 einigermaßen vollständig erhaltene Handschriften und 17 Fragmente. Die vorliegende Hausarbeit soll sich aber nicht mit der gesamten Überlieferungssituation des Werkes auseinandersetzen, sondern vielmehr die jeweiligen Schlüsse der Handschriften in den Fokus setzen. Denn so wie sich die Iwein -Handschriften aus den verschiedensten Jahrhunderten in ihrer Form und ihrem Sinn unterscheiden, so liefern auch die jeweiligen Schlüsse Einblicke in zeitgeschichtliche Einflüsse, in den gesellschaftlichen Geschmack und verfolgte didaktische Prinzipien. Den festen und gesetzten Text, so wie wir ihn aus dem 21. Jahrhundert her kennen, gibt es zu dieser Zeit nicht. Gerade deswegen ist eine Analyse divergierender Handschriften so interessant. Heutzutage können wir uns verschiedene Versionen oder Neufassungen eines Werkes gar nicht mehr vorstellen. Dazu kommt, dass der Schluss eines jeden literarischen Werkes sein Ende markiert und – genauso wie zuletzt genannte Argumente in einer Diskussion – am stärksten im Gedächtnis des Rezipienten erhalten bleibt. Es ergibt sich aus ihm die Moral der Erzählung und der Kreis der Erzählung schließt sich.

Im Folgenden sollen anhand der Handschriften A[4] und B[5], die beide zum Anfang des 13. Jahrhunderts hin datiert werden und den Anfang der Iwein -Überlieferung markieren, sowie der Handschrift f[6] aus dem 15. Jahrhundert die Schlüsse auf Verhältnisse, Beziehungen, starke Abweichungen und Tendenzen hinsichtlich des poetischen Konzepts analysiert werden. Eine Interpretation, weshalb diese drei Schlüsse so stark divergieren, schließt sich an.

II. Hauptteil

1.) Der konventionelle Schluss im Artusroman

Bevor ich mich der Hauptaufgabe dieser Hausarbeit widmen möchte, der Analyse dreier verschiedener Handschriftenschlüsse des Iwein sowie deren Interpretation und Gründe für Abweichungen, soll der erste Schritt der Untersuchung der grundsätzlichen Frage nachgehen, wie der typische Romanschluss des Artusromans zu beschreiben sei. Mir erscheint es als besonders wichtig, dies zuerst zu klären, da erkannt werden muss, wo denn überhaupt die Schlusspassage einsetzt und wie der klassische Artusroman abschließt. Nach Monika Unzeitig-Herzog „ist [es insbesondere] ein schwieriges Unterfangen, bestimmen zu wollen, was denn der Erzählschluss im Artusroman sei.“[7] Die Frage ist für diese Hausarbeit essentiell, da die Handschriften ABf unter verschiedenen Aspekten schließen.

Was heißt in diesem Zusammenhang „Schluss“? Wo beginnt dieser? Ist es die Rückkehr des Helden an den Artushof oder doch erst Iweins Herrschaftsantritt mit seiner frouwe im eigenen Herrschaftsbereich, der nach der Heimkehr am Hof stattfindet? In diesem Punkt ist sich die Forschung nicht einig, aber Kurt Ruh erkannte, dass „[a]lle Artusromane der Blütezeit [...] mit der Feier“[8] am Artushofe enden. Beim Iwein ist die Anwendung dieses Kriteriums etwas schwieriger, denn das Werk schließt nicht – wie zum Beispiel im Erec – mit einem großen Fest. Nichtsdestotrotz ist König Artus zum Ende hin präsent. Anstelle eines Festes kann von einer Versammlung der höfischen Gesellschaft mit König Artus, dem idealen höfischen Herrscher, in ihrer Mitte gesprochen werden. Der Umstand, dass das weitere Leben des Helden im klassischen Artusroman[9] nach der Feier immer ungewiss bleibt, erscheint mir um einiges wichtiger. Denn in einer nicht abschließenden Biographie und der daraus resultierenden Möglichkeit auf ewiges Leben liegt das Merkmal der unzählbaren Wiederholbarkeit des mittelhochdeutschen Epos. Dadurch kann das Epos immer wieder erzählt werden, immer wieder aufgerollt werden und unter verschiedenen Aspekten variieren.[10] Der klassische Artusroman verzichtet auf die vollständige Biographie des Helden; die Geburt eines Thronnachfolgers oder der Tod des Helden werden in der Regel ausgeblendet:

„e z was guot leben wænlîch hie: ichn weiz aber waz ode wie in sît geschæhe beiden.[11]

Insofern verbietet die Logik des Wieder- und Weitererzählens eine Fortsetzung und einen Ausblick auf das Leben des Helden. Offen bleibt auch das Ende in den Urtexten, worauf sich mittelhochdeutsche Dichter bezogen – in diesem Fall im Yvain des Chrétiens de Troyes. Die Berufung auf den Ausgangstext unterstreicht den Standpunkt des Nicht-Weitererzählens der Biographie des Helden. Damit wurde eine wichtige Konstante herausgearbeitet, die in der folgenden Analyse der überlieferten Iwein -Handschriften von Nutzen sein wird. Darauf aufbauend, können wir später einige Schlussfolgerungen ziehen.

2.) Die verschiedenen Schlüsse der Iwein -Handschriften

2.1) Der Schluss in A - Muster für die Mehrheit aller überlieferten Iwein -Handschriften

„ez was guot leben wænlich hie: ichn weiz ab waz ode wie in sît geschæhe beiden. ezn wart mir niht bescheiden von dem ich die rede habe: durch daz enkan ouch ich dar abe

iu niht gesagen mêre, wan got gebe uns sælde und êre.“ [12]

So endet die kritische Ausgabe des Iwein nach Karl Lachmann, dessen Methode den historisch-kritischen Editionen mittelhochdeutscher Texte zum Vorbild für die moderne Textkritik wurde. Tatsächlich findet sich dieser Schluss auch in der Iwein -Handschrift A[13] wieder, in welcher sich Iwein und seine frouwe Laudine zuvor versöhnen. Inständig bittet er sie um Verzeihung für sein Fehlverhalten. Laudine nimmt seine Entschuldigung aber nur gezwungenermaßen an; von gegenseitiger Minne fehlt jede Spur: „und sage dir mitter wârheit, entwunge michs niht der eit, sô wærez unergangen. der eit hât mich gevangen[14]. Lunete, Laudines Zofe, die durch ihre Tüchtigkeit maßgeblich an dem glücklichen Ende dieser Liebesbeziehung und des Siegeszuges Iweins im Allgemeinen beteiligt war, wird in A zwar gelobt[15], jedoch wird nicht genau spezifiziert, wie es ihr vergütet wurde: „ouch wæn ich sîs alsô genôz daz sî des kumbers niht verdrôz[16]. Durch die verknappte Schlusspartie, die im Gegensatz zu anderen Handschriften weniger ausstaffiert wirkt, erhalten die oben genannten Schlussverse eine ganz besondere Bedeutung. Die beiden Begriffe sælde und êre, für die es in der neuhochdeutschen Übersetzung keine eindeutige Zuordnung gibt[17], tragen ein großes Maß an Gewichtung. Denn mit dem allerletzten Vers und diesen zwei in einem formelartigen Gebet eingebetteten Wörtern nimmt Hartmann von Aue direkt Bezug auf den Prolog vom Iwein: Man müsse rehte güete erstreben, um als Lohn sælde und êre zu erhalten. Nun trägt das Ende des Textes nicht den Charakter einer Wiederholung, sondern Hartmann von Aue bittet Gott für sich und sein Publikum um diese stilisierten, ritterlich-ästhetischen Werte. Die religiös-sittliche Erziehung steht außer Frage; Iwein hat durch seinen aventiure -Weg gelernt, ein ehrenvoller Ritter voller güete, stæte und mâze durch zuht und triuwe zu werden, um am Ende rechtens die Hand seiner Dame zu erhalten, die er anfangs viel zu schnell und unehrenhaft erlangte. Der Ritter bewährt sich als Ritter und findet am Schluss sein Seelenheil; die sælde und êre, die ihm zu Teil wurden, sollen sich nun mit Gottes Hilfe auf das aufmerksame, adlige Publikum übertragen, so es den Rittercodex befolgt. Diese religiös-ästhetische Verbindung „[begünstigt] den gleitenden Übergang aus dem weltlichen in den geistlichen Bedeutungsbereich und umgekehrt.“[18] Die untrennbare Einheit „got- sælde - êre“ am Ende dieser Handschrift wirkt wie die Formel zum redlichen Leben.

Anhand des Iweins führt Hartmann sein Publikum zu gesellschaftlichen Werten, die sich während der Rezeption als erzieltes Resultat im Leben verankern sollen. Durch Einsicht und Befolgung der richtigen Lehren kann ein jeder sein Leben glücklich gestalten, selbst wenn fürchterliche Schuld auf ihm lastet. Hartmanns Rezeption des Yvain Chrétiens de Troyes‘ zeigt in allerlei Exkursen und Zwischenbemerkungen - zuletzt im Schluss - auf, dass es sich um „Anweisungen für ein noch unmündiges oder doch nicht vollmündiges Publikum“[19] handelt. Hartmann von Aue war sich seiner Aufgabe genauestens bewusst. Höfische Vorbildlichkeit war sein größtes Bestreben. Eine solche didaktische Funktion impliziert auch ein enges Verhältnis zum Publikum. Es wurde als Mitspieler geschätzt und fest integriert, denn die Dichter im späten Mittelalter waren im hohen Maße auf die Gunst von Gönnern und Zuhörern angewiesen. Ein möglicher Grund, weshalb die Handschriften, respektive die beiden ältesten A und B, so stark auseinander gehen und trotzdem vom selben Autor stammen könnten. Verschiedene Auftraggeber verlangen an sich und die Situation angeglichene und somit divergierende Versionen.

[...]


[1] „[E]rstmals tritt eine Schicht vornehmer Laien als Literatur-, ja Kulturträger auf, wobei sie eine autonome Ideologie entwickelt und in einer neuen dichterischen Bilder- und Gedankensprache zu ihrer eigenen Weltlichkeit steht, ja sich selber in festlichem Hochgefühl feiert.“ Wehrli, M.: Geschichte der deutschen Literatur im Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Stuttgart 1980, S.237.

[2] Weddige, H.: Einführung in die germanistische Mediävistik. München 2006, S.191.

[3] Im Parzival lässt Wolfram von Eschenbach keinen Zweifel daran aufkommen, dass Hartmann von Aue der Begründer der deutschen Artusepik sei. Gottfried von Straßburg lobt Aue in seinem Dichterkatalog vor allem wegen seines gewandten Stils, der kristallklaren Sprache und der vollkommenen Formvollendung.

[4] Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cpg 397.

[5] Gießen, Universitätsbibliothek, Hs. 97.

[6] Dresden, Sächsische Landesbibliothek, Mscr.M.65.

[7] Unzeitig-Herzog, M.: Überlegungen zum Erzählschluss im Artusroman. In: Wolfzettel, F. (Hrsg.): Erzählstrukturen der Artusliteratur. Tübingen 1999, S.233.

[8] Ruh, K.: Höfische Epik des deutschen Mittelalters. I. Von den Anfängen bis zu Hartmann von Aue. Berlin 1977, S.17.

[9] Damit meine ich die Artusromane, die am Anfang der Überlieferung stehen und zu Hochzeiten der höfischen Klassik verfasst wurden.

[10] Flüchtig betrachtet, kann der Iwein als Gegenstück zum Erec gesehen werden: Wovon der eine Held (Erec) anfangs zu wenig hatte, nämlich die Lust auf aventuire zu gehen ( Problematik des verligens), kann man beim anderen Held ein Übermaß dessen konstatieren, woraus sich neue Probleme schöpfen lassen (Minneverlust). Es geht immer um die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem einzelnen und der Gesellschaft.

[11] Hartmann von Aue: Iwein. In: Benecke, G.F., Lachmann, K. und Wolff, L. (Hrsg.): Iwein. Urtext und Übersetzung. Berlin 1981, S.159, V.8159-61.

[12] Ebd., V.8159-66.

[13] Entstanden ist diese – eine der ältesten Handschriften – im 13. Jahrhundert. Der genaue Entstehungszeitpunkt ist in der Forschung nicht gewiss und es herrscht große Uneinigkeit. Man ist sich aber größtenteils sicher, dass sich die Handschrift A ins erste Drittel des 13.Jahrhunderts zuordnen lässt.

[14] Hartmann von Aue: Iwein. In: Benecke, G.F., Lachmann, K. und Wolff, L. (Hrsg.): Iwein. Urtext und Übersetzung. Berlin 1981, S.157f., V.8089-92.

[15] „hie was vrou Lûnete mite nâch ir dienesthaften site. Diu hete mit ir sinne ir beider unminne brâht zallem guote“ Vgl. Hartmann von Aue: Iwein. In: Benecke, G.F., Lachmann, K. und Wolff, L. (Hrsg.): Iwein. Urtext und Übersetzung. Berlin 1981, S.159, V.8149-53.

[16] Ebd., V.8157-58.

[17] Ere ist in dem höfisch-idealen Kontext als „Ansehen in der Welt“ zu übersetzen, während es für s ælde eine breite Palette an Bedeutungsmöglichkeiten gibt, wie zum Beispiel „Erfolg im Handeln“, „Fortuna“, „Gottes Segen“, „Seelenheil“ oder „glückliche Lebensverhältnisse“ Vgl. Cramer, Thomas: Sælde und êre in Hartmanns „Iwein“. In: Kuhn, H. und Cormeau, C. (Hrsg.): Hartmann von Aue. Darmstadt 1973, S.427.

[18] Siefken, H.: Der sælden strâze. Zum Motiv der Zwei Wege bei Hartmann von Aue. In: Ebd., S.474.

[19] Ruh, K.: Zur Interpretation von Hartmanns „Iwein“. In: Ebd., S.409.

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656120599
ISBN (Buch)
9783656121268
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188449
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,0
Schlagworte
Hartmann von Aue Iwein Artusroman Handschrift Intertextualität Schlüsse unfester Text Mittelalter

Autor

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