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Zur Subjektivität bei der Rezeption und Interpretation von Werken

Seminararbeit 1998 18 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sibylle Knauss: Biographische Daten und Werke

3. Sibylle Knauss’ Werke in Kritiken

4. Auszug aus der Rezeptionstheorie

5. Gespräch mit Sibylle Knauss

6. Eigene Leseerfahrung mit Sibylle Knauss’ Werk Die Missionarin

7. Schlußbemerkung

Literaturliste

1. Einleitung

Befaßt man sich mit verschiedenen Interpretationsansätzen und Kritiken, kommt oft die Frage nach der Subjektivität bzw. der Objektivität des Verfassers auf. Die Werke von Sibylle Knauss und deren Bearbeitungen eignen sich besonders zu einer Untersuchung nach Subjektivität und Beeinflussung.

In der folgenden Arbeit werde ich deswegen ihre Werke in der oftmals konträren Diskussion der Literaturkritik zeigen und einen kurzen Exkurs in die Rezeptionstheorie darlegen. Außerdem liefert gerade auch das mit Sibylle Knauss geführte Gespräch interessante Aspekte zu diesem Thema. Das Gespräch bezieht sich vorwiegend auf den jüngsten Roman von Knauss, Die Missionarin, und ihre Empfehlungen zur Verfassung einer spannenden Geschichte, Die Schule des Erzählens. Das Gespräch mit ihr zu ihrem Roman Die Missionarin gab auch den Anlaß zur Darlegung der eigenen Leseerfahrung. Natürlich ist es zunächst notwendig, Knauss’ Werke in einen gewissen literarischen Zusammenhang zu stellen.

2. Sibylle Knauss: Biographische Daten und ihre Werke

Sibylle Knauss wurde am 5.Mai 1944 in Unna/Westfalen geboren. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Theologie in München und Heidelberg. Ab 1970 war sie im gymnasialen Schuldienst tätig. Seit 1981 arbeitet sie als freie Autorin. Außerdem unterrichtet sie als Dozentin an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Sie lebte über zwanzig Jahre lang im Saarland. Seit 1993 wohnt sie in Landau in Rheinland-Pfalz.

Bereits ihr erstes Werk Ach Elise oder Lieben ist ein einsames Geschäft[1] wurde 1982 mit dem Preis der Neuen Literarischen Gesellschaft in Hamburg ausgezeichnet. Neben diesem Preis erhielt sie auch eine Writer-in-Residence an der Universität Warwick, Coventry (England) 1991. Außerdem veröffentlichte sie seit 1984 in mehreren Anthologien, u.a. ihren Brief an Virginia Woolf in Es geht mir verflucht durch Kopf und Herz. Vergessene Briefe an unvergessene Frauen, Hamburg 1990.

Im Mittelpunkt ihres Erstlingswerks steht Elise Lensing, die Geliebte des Dramatikers Friedrich Hebbel. Der Roman schildert, wie sich Elise Lensing an ihren Geliebten verschwendet, und zeichnet so die Tragödie ihres Lebens nach.

Ihr zweiter Roman Das Herrenzimmer handelt im Gegensatz zu ihrem Erstlingswerk nicht von einer Frauengeschichte. Im Handlungsgeschehen stehen drei Generationen von Männern von der Jahrhundertwende an bis heute. Knauss schildert hierin eine „Männergesellschaft“, in welcher Männer „kämpfen, erwerben, besitzen, verteidigen, dominieren müssen, ohne Rücksicht auf Ängste und Überforderungen“[2]. In ihrem dritten Roman Erlkönigs Töchter[3] stehen wiederum drei Generationen im Handlungsmittelpunkt. Dieses Mal jedoch handelt es sich um drei Generationen von Frauen und ihre jeweiligen Abhängigkeiten zu Männern. In ihrem vierten Roman beschäftigt sich Sibylle Knauss wie in ihrem ersten Werk mit einer historischen Frauengestalt. So erzählt der Roman, der den Namen der Protagonistin trägt, die Geschichte um diejenige junge Frau, die den französischen Jakobinerführer Jean Paul Marat während der Französischen Revolution tötete: Charlotte Corday[4] . In ihrem darauffolgenden Roman behandelt Knauss ein zu dem Erscheinungsdatum äußerst aktuelles Thema. Gerade zu der Zeit der Abtreibungsdebatte erschien ihr Roman Ungebetene Gäste[5] , in dem es um eine Frau geht, die sich mit dem Zwiespalt zwischen einer ungewollten Schwangerschaft und ihrer Karriere auseinandersetzen muß. In dem sechsten Roman Die Nacht mit Paul[6] versucht eine 39jährige Frau, ihren angeblich im Krieg gefallenen Vater zu finden. Ihre Mutter hatte sie immer mit dieser Aussage vertröstet. Doch als sie gewisse Daten entdeckt, wird ihr klar, daß ihre Mutter nicht die Wahrheit gesprochen hat. Knauss jüngster Roman Die Missionarin[7] handelt von einer jungen aus dem Sauerland stammenden Frau, die als Missionarin auf die Südseeinsel Ponape - zu dem Zeitpunkt ihrer Ankunft deutsches Kolonialgebiet - gelangt. Sie versucht dort zunächst ihren Auftrag der Mission zu erfüllen, ist aber dann zunehmend mehr von der Lebensart der Eingeborenen fasziniert. Diese Veränderung gipfelt darin, daß sie sich während eines Aufstands auf die Seite der Eingeborenen stellt. Auch ihr Mann, der Missionar auf der Insel, folgt ihr. So gelangen beide lange nach der Hochzeit zu einer kurzweilig glücklichen Beziehung. Geschichtlich erwiesen ist, daß die Eingeborenen sich tatsächlich 1911 gegen die Kolonialherren auflehnten. Die übrige Geschichte jedoch findet nur in Knauss’ Roman statt.

Abgesehen von ihren Romanen erschien 1995 ihre Schule des Erzählens[8], in welcher sie ihre Lese-, Schreib- und Kinoerfahrungen anhand gelungener Beispiele für junge Autoren zusammenstellt. Ihr Werk ist in vier Kapitel unterteilt, wovon jeweils eins von der Stoffsuche, dem Schauplatz, den Charakteren und dem Plot einer Geschichte, im Sinne von „einem Plan, nach dem ein Autor verfährt, um (...) die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums“[9] zu gewinnen, handelt.

3. Sibylle Knauss’ Werke in Kritiken

Sibylle Knauss wurde vom Erscheinen ihres Erstlingswerks an von den Kritikern beachtet und kontrovers diskutiert. Sie wurde sowohl als „Erzählerin von Graden“[10] als auch als eine Autorin, auf dessen Werk jemand, der „mit und für den Kopf liest, (...) vermutlich verzichten“[11] kann, bezeichnet. Gerade weil das Spektrum ihrer Kritiken so weit gefächert ist, eignet sie sich, um die Unterschiedlichkeit der Ansichten und damit auch den unterschiedlichsten Einfluß von Kritiken auf den Leser zu verdeutlichen.

Oft wird Knauss als eine Schriftstellerin bezeichnet, die sich vorwiegend mit dem Thema der „Emanzipation“[12] befasse. Dieser Begriff wird dabei auch im Zusammenhang mit Männern verwendet, aber vor allem bemühe sich Sibylle Knauss darum, weibliche Lebenswege zu beschreiben, die sie „mit der Feinoptik weiblichen Bewußtseins, mit starker Einfühlung und Parteinahme, aber ohne kämpferisch-feministische Gesten“[13] darstellt. Dennoch gibt es auch Kritiker, die in ihren Werken genau den gegenteiligen Ansatz sehen. So schreibt Agnes Hüfner zu Knauss’ Roman Erlkönigs Töchter:

„Im Aufwind der Frauenliteratur schreibt Sibylle Knauss ein Buch über

weibliche Unselbständigkeit, um das Hohe Lied der ehrlichen Gefühle zu

singen. Das ist Unterhaltung im Groschenheftformat, geeignet für Heim und

Herd.“[14]

Zwei völlig konträre Standpunkte werden somit in Kritiken vermittelt.

Desweiteren verdeutlichen die Artikel zu Knauss’ Werken auch widersprüchliche Aussagen seitens der Kritiker in bezug auf den Inhalt einiger Werke.

Einerseits wird oft der Kritikpunkt aufgegriffen, daß ihre Romane zu konstruiert und damit teilweise „unecht“[15] seien. Dementsprechend bemängelt Albert von Schirnding an ihrem Roman Ungebetene Gäste, daß „das Konstruierte der Verknüpfung (...) eine Schwäche des Buchs“[16] sei. Ähnlich kritisiert er auch Die Nacht mit Paul: Dieses „jüngste Buch von Sibylle Knauss (ist) zu konstruiert und mit Motiven überfrachtet, um als gelungenes Ganzes gelten zu können“[17]. Walter Neumann dahingegen findet, daß Knauss „hautnah und mit bitterer Ironie (...) diese Neon- und Nylonwelt aus der Retrospektive einer nicht mehr ganz jungen Frau“ schildert und bewertet damit den Inhalt als „temperamentvoll, lebendig und realistisch erzählt“[18]. Neben den genannten konträren Aussagen spiegeln die Artikel zu Knauss’ Werken auch das subjektive Empfinden bezüglich stilistischer Feinheiten und Erzähldramaturgie wider.

[...]


[1] Erstveröffentlichung Hoffmann und Campe, Hamburg 1981; (Taschenbuchausgabe bei dtv, München 1984, Übersetzung ins Niederländische 1986)

[2] Sibylle Knauss: Das Herrenzimmer, erte Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg 1983, Klappentext

[3] Erstveröffentlichung Hoffmann und Campe, Hamburg 1985; (Taschenbuchausgabe bei Fischer, Frankfurt am Main 1987)

[4] Erstveröffentlichung Hoffmann und Campe, Hamburg 1989; (dtv Taschenbuchausgabe München 1995)

[5] Erstveröffentlichung Hoffmann und Campe, Hamburg 1991; (Taschenbuchausgabe bei Knaur, 1993)

[6] Erstveröffentlichung Hoffmann und Campe, Hamburg 1994; (Taschenbuchausgabe München 1996)

[7] Erstveröffentlichung Hoffmann und Campe, Hamburg 1997

[8] Erstveröffentlichung Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1996

[9] Knauss: Schule des Erzählens, S.122

[10] Heinz Mudrich: Familie - wohin/Victor und die Herkunft - Der neue Roman von Sibylle Knauss, in: Saarbrücker Zeitung, Nr.920, 16.12.1983, S.18

[11] Irene Ferchl: Edle Mörderin/Über Charlotte Corday, in: Stuttgarter Zeitung, 11.02.1989

[12] Ursula Homann: Mitleid mit den Männern/Herrenzimmer - Sibylle Knauss’ zweiter Roman, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.1983, Feuilleton S.26

[13] Leonore Schwartz: Die Geschichte von einer, die Väter anprobiert wie Kleider/Zu Sibylle Knauss’ Roman: Die Nacht mit Paul, in: Saarbrücker Zeitung, Nr.237, 12.10.1994, S.25

[14] Agnes Hüfner: Lektüre für Heim und Herd, in: Westermann Monatshefte, Augsut 1985, S.57

[15] Esther Knorr-Anders: Die Judith der Französischen Revolution, in: Die Welt, 17.09.1988, Welt des Buches S.V

[16] Albert von Schirnding: Geschichte einer Menschwerdung/Ungebetene Gäste - der fünfte und bislang beste Roman von Sibylle Knauss, in: Süddeutsche Zeitung, 26./27.10.1991, Literatur S.IV

[17] Albert von Schirnding: Undinge und die Schlangen/Zum Roman Die Nacht mit Paul von Sibylle Knauss, in: Süddeutsche Zeitung, 28.09.1994, S.19

[18] Walter Neumann: Giftschrank/Sibylle Knauss’ Nacht mit Paul, in: Stuttgarter Zeitung, 01.02.1995, S.15

Details

Seiten
18
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638231039
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18844
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Note
2.0
Schlagworte
Subjektivität Rezeption Interpretation Werken Proseminar Schreiben Publizieren Entstehung Literatur

Autor

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Titel: Zur Subjektivität bei der Rezeption und Interpretation von Werken