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Der Einfluss des Anglo-Normannischen in den mittelenglischen Terminologien des Falknereiwesens

(Berufe, Falknereihilfsmittel)

Hausarbeit 2011 46 Seiten

Französisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsangabe:

1. Einleitung

2. Kulturgeschichtlicher Hintergrund: Die Falkenjagd unter Angelsachsen und AngloNormannen

3. Sprachgeschichtlicher Hintergrund: Das Anglo-Normannische in England

4. Anmerkungen zum Untersuchungsgegenstand: Das AN und die Falknersprache des Mittelalters
4.1. Einleitung
4.2. Das AN und die mittelalterlichen Falkenbücher
4.3. Die Falknereisprache, Fachsprache oder Jargon?

5. Der Einfluss des Anglo-Normannischen im me. Wortschatz des Falknereiwesens
5.1. Berufsbezeichnungen
5.2. Falknereihilfsmittel

6. Schluss

7. Glossartext

8. Literaturverzeichnis

Abkürzungen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Innerhalb der französischen Sprachgeschichte ist das Anglo-Normannische (AN) von nicht geringer Bedeutung, da es eine literarische Produktion aufweisen kann, die in ganz Europa im Hochmittelalter seinesgleichen suchte. Das AN, das sich in diesem Zeitraum in England zu einer Prestigesprache etabliert hatte, war allen voran auch die Sprache, die von der dort lebenden normannischen Elite gesprochen wurde.

Unter den Normannen gewann die Falkenjagd (Fj.) als Beschäftigung der Elite hohes Ansehen. Unter Falkenjagd (Beizjagd) versteht man die Jagd mit gezähmten Beizvögeln, die im europäischen Mittelalter vornehmlich vom Adel praktiziert wurde und an verschiedenen Königshöfen en vogue wurde. Falknerei ist zum einen die Ausübung, die Kunst mit Beizvögeln zu jagen, zum anderen versteht man darunter das damit zusammenhängende Gewerbe des Falknereiwesens. Dieses weist natürlich eine eigene Terminologie auf, die es in dieser Arbeit zu untersuchen gilt. Mit der Schwerpunktlegung auf die Falkner(ei)sprache -einem Untersuchungsgegenstand der lange von Sprachwissenschaftlern vernachlässigt worden ist (vgl. Van den Abeele 1994: 261)-, soll u.a. auch Kesselrings (vgl. 1973: 11) Anspruch Genüge getan werden, sich nicht nur der literarischen Hochsprache als zentrales Problem zu widmen, sondern u.a. auch den Fachsprachen (siehe Näheres hierzu in Kap. 4 dieser Arbeit). Rothwell (vgl. 1993: 599) betont dasselbe für seine anglo-normannischen Studien. Um diesbezüglich auf den wissenschaftlichen Diskurs hinzuweisen, dürfte dieses Teilthema als solches betrachtet werden, das Philologie und Lebenswelt vereint.

Es soll untersucht werden, inwiefern innerhalb dieses Gesellschaftsbereichs, der der Elite Englands vorbehalten war, im Spätmittelenglischen (1300-1550) Übernahmen aus dem AN aufzufinden sind. Was die Jägersprache angeht, kann mann davon ausgehen, dass in der zweiten Hälfte des 14. Jh. dem englischen Adel die anglonormannischen Terminologien bekannt waren (vgl. LMGH: xli, Einführungstext). Diese Interpretation lassen zumindest die Jagdterminologien in zwei me. Gedichten zu, „The Parlament oft he Thre Ages“ und „Sir Gawayne and the Grene Knight“ (vgl. ebd.). In dieser Arbeit stehen nicht die Terminologien der übliche Jagd (Pirschjagd, Parforcejagd, ...) im Vordergrund, sondern jene der Falkenjagd. Der Fokus soll damit thematisch auf die Falkenjagd als einen Teil der adligen Lebenswelt und sprachlich auf die Entlehnungen aus dem Anglo-Normannischen gerichtet sein. Bereits 1922 beklagte Bush das Ausschließen des AN für die frz. Entlehnungen im ME: „Historians of the English language have long been accustomed to say that the great mass of Old French (OF) words introduced into ME (i.e. before 1500) came from Old Central French (OCF), and that the transfer was principally from literary sources” (Bush 1922: 161). Fast auf gleiche Weise verweist Rothwell (vgl. 1991; 1998: 144f., 147f., 159), siebzig bis achtzig Jahre später, auf diesen Umstand. In vorliegender Arbeit sollen die Begriffe altfranzösischen Ursprungs, die mit dem Falknereiwesen in Zusammenhang gebracht werden können -hiervon nur die Bezeichnugen für Berufe und Falknerei-Accessoires und in die englische Sprache Eingang gefunden haben, in Augenschein genommen werden, und zwar dergestalt, dass von diesen die anglonormannischen Formen und Entlehnungen unterschieden werden sollen.[1] Es sei an dieser Stelle noch angemerkt, dass eine derartige Untersuchung innerhalb der anglonormannischen Studien ein Novum darstellt.

Bei der Klassifizierung der entlehnten Wörter muss dabei zwischen Fremd- und Lehnwörtern unterschieden werden. Fremdwort wird im Folgenden als eine lexikalische Entlehnung verstanden, die nicht assimiliert ist; das Lehnwort hingegen als assimilierte lexikalische Entlehnung (vgl. Bußmann 2008: 165). Als Abgrenzungskriterien können gelten: „(a) die «fremde» phonologische oder morphologische Struktur [...], (b) die orthographische Repräsentation [...]“ (ebd.: 203b). „Häufig wird das «Lehnwort» einen bislang un bekannten Gegenstand oder einen in der Aufnahmesprache nicht vorhandenen Begriff bezei chnen“ (Tagliavini 1998: 213). Diese könnten wir «Bedürfnislehnwörter» nennen (Tappolet nach: ebd.: 214).

„Wenn aber das entlehnte Wort einem in der Aufnahmesprache schon existierenden Wort vollkommen oder fast vollkommen entspricht, so befinden wir uns vor einer derjenigen Entlehnungen, die Tappolet «Luxuslehnwörter» nennt und die man vielleicht noch besser «Modelehnwörter» nennen könnte“ (Tagliavini 1998: 214).

Auch dieser Sachverhalt soll mit vorliegender Arbeit, soweit möglich, berücksichtigt werden, sprich es soll dabei auch untersucht werden, inwiefern bereits vorher bestehende Bezeichnungen von anglonorm. oder afrz. ersetzt worden sind.

Was die Periodisierung des Französischen und Englischen anbelangt, so habe ich mich an folgende Einteilung orientiert: AF: ca. 9.Jh. - ca. 1350 (vgl. Eckert 1990: 816a). MF: nachzeitlicher Periodisierung des DMF, also 1330-1500. Diese deckt sich am ehesten mit Coserius zeitlicher Einteilung 1328-1539, „d.h. vom «avènement des Valois» bis zur «Ordonnance de Villers-Cotterêts», die das Französische endgültig als Gerichtssprache bestätigt“ (Eckert 1990: 826a). AE: das Englische vor 1100; ME: die spätmittelenglische Phase von 1300 bis 1500 (vgl. Bähr 2001: 18ff., 28, §8.5). In der frühmittelenglischen Phase (1100-1300) war die französische Sprache, das AN prägend (vgl. ebd.: 24, §8.4).

Für die Beschreibung des kulturgeschichtlichen Hintergrundes, die Fj. unter den Angel­Sachsen und unter den Anglo-Normannen (Kap. 2), war fast ausschließlich das Werk Oggins (2004) von Relevanz. Für den sprachgeschichtlichen Hintergrund zum AN v.a. die Aufsätze Rothwells und Inghams. Für die Anmerkungen zur Falknereisprache konnten mir Haskins (1927) und die Aufsätze Van den Abeeles wichtige Informationen liefern. Was die Untersuchung der einzelnen Termini anbelangt, so waren hierfür vornehmlich die im Literaturverzeichnis angegebenen Wörterbücher gebräuchlich, wobei OED, MED, T-L und AND von größter Bedeutung waren. Die restlichen Wörterbücher (DMF, ASD, FEW, siehe weiter in der Literaturliste) wurden nur anmerkend und wenn es sich als passend erwies herangezogen, was auf die gesamte Arbeit bezogen für die anderen Werke und Aufsätze gilt. Ebenfalls von Bedeutung waren des Weiteren die von Hunt (2009) herausgegebenen drei anglonorm. Falkenbücher (CT, WVT, MDO).[2] Ansonsten wäre noch anzumerken, dass die Online-Version des OED (OEDonline) im Gegensatz zu der von mir als OED zitierten 2. Ausgabe, nur dann zitiert wurde, als sie auch wirklich andere Angaben als diese aufwies, was selten geschah (Publikation der 3. Ausgabe, voraussichtlich 2037); dasselbe gilt für die Online-Version des AND; außerdem AND2 nur Bd. A-C, D-E herausgegeben. Zudem ist der Arbeit ein Glossartext angehängt, der die untersuchten Falknereihilfsmittel verständlich machen soll.

2. Kulturgeschichtlicher Hintergrund: Die Fj. unter Angelsachsen und Anglo-Normannen

Die Falkenjagd beginnt in England unter den Angelsachsen, der erste Beleg stammt aus der Mitte des 8. Jh. (vgl. Oggins 2004: 36, 38). Allgemein betrachtet kann man die Fj. zumindest in Europa als zunächst germanische Gepflogenheit ansehen, die zu Beginn von den Goten, die sie am Schwarzen Meer von dem Reitervolk der Sarmaten übernahmen, weitergetragen wurde (vgl. Lindner 1976: 165a; Birkhan 1972: 155f.).[3] In Frankreich muss man ihren Ursprung bei den Westgoten, Franken und Burgunden sehen (vgl. Lindner 1976: 165, 167f.).

In England wurde die Fj. als königlicher Sport von König Ethelbert von Mercia bis zu Edward dem Bekenner praktiziert (vgl. Oggins 2004: 36). Zur Zeit der Angelsachsen, auch später unter den Anglo-Normannen, galt die Fj. als ”Prestigesport“ und Selbstdarstellungsform des Adels (vgl. ebd.: 39).[4] Im Jahr 1066, dem Jahr der normannischen Eroberung, war jedenfalls die Fj. in ihren grundlegenden Ausübungstechniken sowohl bei Angel-Sachsen wie auch bei Normannen bekannt und hatte im damaligen England v.a. als Beschäftigung des oberen Standes ihre Ausprägung (vgl. ebd.: 48f.).[5]

Die aus Dänemark stammenden Normannen, die sich an der Seine-Mündung niedergelassen hatten (vgl. Kinder/Hilgemann 1977: 131b), haben die Fj., obgleich sie ihnen vorher nicht ganz unbekannt gewesen sein muss, erstmals in Frankreich als Mode-Sport ausgeübt. Ein Beleg für das 9. Jh. berichtet darüber, dass der Normannenkönig Godfrid, als er an der Mosel in das Reich Karl des Großen eindrang, mit einem Falken auf Beizjagd ging (vgl. Seidenader 2007: 37). In Dänemark selbst, ist die Fj. erst im 11. Jh. richtig nachgewiesen (in Norwegen erst 13./14. Jh.) (vgl. Hofmann 1958: 139). In dieser Zeit wird sie höchstwahrscheinlich durch die Normannen, die die Fj. in Frankreich als Prestigesport kennengelernt hatten, an die damaligen dänischen ’’Fürsten“ weitergegeben (vgl. Biörnstad 1958: 23).[6] Was die Organisationsstruktur der Falknerei anbelangt, so hat beispielsweise der angelsächsische König Alfred der Große im 9. Jh. seine Berufsfalkner, seine „falconarios et accipitrarios“ -es wird bereits zwischen Falknern und Habichtabrichtern unterschieden-, selbst unterrichtet und es soll von ihm ein eigens dafür verfasstes Lehrbuch gegeben haben (vgl. Lindner 1976: 168b; Oggins 2004: 40; vgl. hierzu auch: Bischoff 1984: 172). Adelard von Bath (gest. 1141) konnte in Bezug auf Falkenliteratur die sogenannten Bücher König Harolds‘ -dem letzten angelsächsischen König- benutzen, die heute verschollen sind (vgl. Bischoff 1984: 172). Für die Zeit Edward des Bekenners (1042-1066), der mütterlicherseits ein Normanne war, ist lediglich belegt, dass in seinem Dienste vier Falkner eingestellt waren. Da die Quelle hierfür, das Domesday Book, zwanzig Jahre nach Edwards Tod, bzw. der Schlacht bei Hastings, verfasst wurde, ist es möglich, dass diese unter dem Normannen Wilhelm I. weiterhin das Amt des Falkners bekleideten (vgl. Oggins 2004: 46). Des Weiteren findet im Domesday Book ein im königlichen Dienst stehender Ralph de Halvile (Ralph de Hauville) Erwähnung, dessen Nachkommen noch lange als Falkner der anglo-normannischen Könige dienen sollten (vgl. ebd.).

Ab der Regierungszeit Heinrich II. (1154-1189) lassen sich Falkner wie folgt einstufen: erstens in solche, die direkt in Verbindung mit dem königlichen Falknerei-Establishment stehen; zweitens in jenen Gruppen von Falknern, die für die Falkenhäuser zuständig waren, in denen die Vögel zur Mauser gehalten wurden; drittens in solchen, die gelegentliche oder andere Arbeiten zu bewältigen hatten, wie Transport von Falken, Annahme von Falken als Schuldzahlung oder Abgabe und Kauf von Falken (vgl. ebd.: 57-59). Seit Wilhelm I. (1066­1087) sind nämlich Nestlinge und Falken sogar als gängiges Zahlungsmittel und Entschuldung belegt (vgl. ebd.: 50-53).[7] Dass viele Falkner auch Träger eines administrativen Amtes und Vertreter einer serjeanty waren (vgl. ebd.: 57, 59, 70, 77), scheint oben erwähntem Umstand nicht unförderlich gewesen zu sein. Bereits aus dem Domesday Book geht hervor, dass sechs von Wilhelms Falknern Besitzer von Ländereien waren (vgl. ebd.: 50). Für den Anfang des 12. Jh. ist ferner belegt, dass bei Falknern auch Pagen eingestellt waren, die selbst aus einer Falknerfamilie stammten, und dass fast ausschließlich innerhalb dieser Familien geheiratet wurde (vgl. ebd.: 70, 107). Weniger würdige Arbeiten, wie das Säubern der Käfige, wurden hierbei von Stallburschen erledigt (vgl. ebd.).

Die Könige standen an der Spitze dieser Domäne, die hohe Ausgaben erforderte und in der Personen tätig waren, die vom Ritter bis zum einfachen Boten reichten (vgl. ebd.: 96f.). Praktiziert wurde sie vornehmlich vom Adel und von den Königen, in England bis zum 17. Jh. hin, auch wenn die nachfolgenden Könige mal mehr, wie z.B. Edward I. Ende des 13. Jh. (vgl. ebd.: 82), mal weniger Begeisterung dafür zeigten; zwischen dem 14. und 15. Jh. wuchs dann zunehmend der Anteil an nicht königlicher Falknerei an (vgl. ebd.: 108). Wie groß die Beziehungen zum französischen Festland, speziell gesehen bezüglich der Fj., waren, lässt sich schwer sagen, da wenige Belege dafür existieren;[8] fest steht lediglich, dass auch nach dem Verlust der Normandie zu Beginn des 13. Jh.,[9] durch die Besitzungen im Süden und Westen Frankreichs, auch diesbezüglich Kulturtransfer noch weiterhin gegeben sein konnte.

3. Sprachgeschichtlicher Hintergrund: Das Anglo-Normannische in England

Aufgrund der Eroberung Englands durch die Normannen war das Anglo-Normannische „über 300 Jahre Sprache der herrschenden Schicht in England“ (Burgess 1995: 337a). Die Normannen trugen somit eine diatopische Varietät des AF nach England, die sich von einer Superstratsprache zu einer angesehenen Adstratsprache entwickeln sollte. Die Hauptphase der Dialektbildung in Frankreich, stellte der Zeitraum zwischen dem 9. und 12. Jh. dar und erklärt sich durch die Folge feudaler Zersplitterung (vgl. Gsell 1995: 283b). Das Anglo- Normannische (AN) ist dabei normannisch gefärbt, entwickelt aber auch eigene Züge (vgl. ebd; siehe hierzu Ausführungen unten). Im Zuge der Eroberung fand eine sukzessive jahrelange Einwanderung statt, sodass durch die Ankunft von Verwaltungsbeamten, Ratsherren, Händlern, Klerikern und Lehnsfürsten, eine komplette Umschichtung der herrschenden Schicht hervorgerufen wurde (vgl. Burgess 1995: 337b). Die Bedeutung der englischen Sprache verringerte sich im Zuge dieser Entwicklungen vehement, während die anglo-normannische Sprache „zur Sprache gepflegter Unterhaltung und offizieller Erörterungen“ wurde (vgl. ebd.). Vor allem auf den Gebieten der Verwaltung, der Regierung und der Rechtsprechung finden starke Übernahmen aus dem französischen Wortschatz statt, was letztlich einen Wandel innerhalb der Oberschicht bezeugt (vgl. ebd.: 338a; vgl. hierzu auch: Bähr 2001: 24f.). In der Oberschicht war sie außerdem durch die starke Präsenz nordfranzösischer Kaufleute das Hauptverständigungsmittel (vgl. Burgess 1995: 338a).[10] Ein Einfluss von Seiten des Französischen der Île-de-France, das sich zunächst als Koinè[11] des 13. Jh. später dann zur Standardsprache entwickelte (vgl. Lodge 2010: 30, 34-39, 41; Eckert 1990: 817b), machte sich in England noch ab demselben Jh. bemerkbar (vgl. Lodge 2010: 26). Französisch, in seiner anglonorm. Prägung, rivalisierte seit dem 11. Jh., besonders im 13. Jh., mit Latein als high variety zunächst als noch gesprochene und Hauptverkehrssprache der oberen Schicht, zu Beginn des 14. Jh. dann allmählich als schulmäßig erlernte Fremdsprache, die sich immer mehr an das Zentralfranzösische orientierte (vgl. Bähr 2001: 28; Rothwell 1978: 1083).[12] Das AN, das sich sowohl als Literatursprache als auch als Urkundensprache, wie das Franzische auf dem Festland, etablierte (vgl. Rothwell 1976: 456),[13] ist dabei, von der Aussprache her gesehen, als dem Normannischen auf dem Festland sehr ähnlichanzusehen (vgl. Legge 1980: 116). Als einschneidendes historisches Moment ist in diesem Zusammenhang der Verlust der Normandie zu Beginn des 13. Jh. zu erwähnen, der die Beziehungen zwischen dem Adel beiderseits des Kanals schwächte und, sprachlich betrachtet, wohl dafür sorgen musste, dass das AN zwar weiterhin mit dem Lateinischen[14] -vor allem im politischen und klerikalen Bereich- konkurrierte, ihr Gebrauch als gesprochene Sprache jedoch geringer wurde (vgl. Rothwell 1978: 1083, 1085; vgl. hierzu auch: Whitehead 1967: 81; Burrow/Turville-Petre 1996: 17).[15] Neuere Forschungen ergaben, dass sich der Status des AN in seiner Spätphase anhand zweier Modelle darstellen lässt: „one as an imperfectly learnt instructed L2, the other as a contact variety“ (Ingham 2010: 22). Dies macht Ingham anhand grammatikalischer intersystemisch bedingter Eigenarten im AN fest (siehe ebd.: 10). Er kommt in seiner Arbeit zu dem Schluss, dass das späte AN als Varietät zu betrachten ist, die sich aus dem Sprachkontakt des MF mit dem Englischen heraus entwickelt hat (vgl. ebd.: 23) und in der stark ausgeprägten Bilingualität begründet ist, in welcher das AN noch die Primärsprache einer bilingualen Minderheit darstellt (vgl. ebd.: 9f.; vgl. hierzu vorher bestehende Annahmen in: ebd.: 11). In der zweiten Hälfte des 14. Jh. begann die gesellschaftliche Vorherrschaft der frz. Sprache nämlich geringer zu werden -so wird bspw.

1362 die Parlamentseröffnungsrede auf Engl. gehalten-, sodass sie 1385 in den Grammar Schools und spätestens um 1400 am Königshofe und als Umgangssprache der sozialen Elite vom Englischen abgelöst wurde (vgl. Bähr 2001: 29; Gsell 1995: 285). „Französisch“ bleibt dennoch weiterhin Gerichtssprache bis 1731, trotz der Erklärung von 1362, die das Englische als solche deklariert hatte (vgl. Bacquet 1974: 50). Im Zuge dieser Entwicklung blieb die engl. Sprache nicht unbeeinflusst, die zahlreichen frz. Lehnwörter bezeugen dies letztlich.[16] Lange Zeit ging man davon aus, dass in einer ersten Phase (11., 12. Jh.) die Entlehnungen auf das AN zurückgingen, in der zweiten Phase jedoch auf das Zafrz./MF (vgl. Rothwell 1998: 149). Dies führte dann in der Sprachwissenschaft dazu, dass man anglonorm. von zafrz. Formen zu unterscheiden begann und diese Entlehnungen prozentual voneinander unterschied (vgl. ebd.: 155f.), wobei hier nicht berücksichtigt wurde, dass es sich lediglich um zafrz. Formen handelte, die ebenfalls im AN als variierende Formen gebraucht wurden oder einen semantischen Wert aufwiesen, der auf dem Festland nicht vorkam (vgl. ebd.: 156f. ). In seiner Arbeit stellt Ingham (2010: 23) außerdem fest, dass das AN, länger als zuvor angenommen, noch im 14. Jh. als natürlich erworbene Sprache fortlebte, was letztlich auch die von ihm beobachteten grammatikalischen Abweichungen zum Französischen auf dem Festland („Continental French“, sic.) erklären würde.

4. Anmerkungen zum Untersuchungsgegenstand: Das AN und die Falknersprache des Mittelalters

4.1. Einleitung

In Anbetracht der Tatsache, dass das AN in der Oberschicht durch die hohe Präsenz von nordfranzösischen Kaufleuten gesprochen wurde, musste dies für die Falknersprache aus der damaligen Zeit genauso gelten, und danach, genauer während der spätmittelenglischen Periode (1300-1500, siehe Bähr 2001: 28f.), da die Fj. Angelegenheit der oberen Klasse war und auch die meisten daran Beteiligten zur Oberschicht gehörten, musste das ME (was im folgenden Kap. zu untersuchen gilt) starke Übernahmen aus dem Französischen aufweisen. Es darf dabei auch nicht außer Acht gelassen werden, dass die Fj. ein Bestandteil der höfischen Kultur war und so mussten Übernahmen aus diesem Gebiet spätetestens in der zweiten Hälfte des 12. Jh. stattgefunden haben, zieht man in Erwägung, dass nach Weinstock (2006: 1836a) die höfische Kultur in diesem Zeitraum „gallo-romanischen Wortschatz“ (sic.) ins Englische trägt.

4.2. Das AN und die mittelalterlichen Falkenbücher

Es sind jedenfalls drei anglonorm. Falkenbücher (um 1300) bekannt (vgl. Hunt 2009: 1-3, siehe Anm. 2 dieser Arbeit), die innerhalb der anglonorm. Skripta als non-fiktionale praktische Literatur eine Sonderstellung einnehmen. Diese sind eben nicht, da zudem oft auch Fachbegriffe aus der Medizin für die Behandlung der Vögel gebraucht werden, in Latein verfasst, wie es üblicherweise der Fall war (vgl. Haskins 1927: 237f., 240, 246; vgl. Bischoff 1984: 171f.; vgl. Smets 2000: 71ff; zur Geschichte der Gattung der lat. Falknereitraktate, siehe: Van den Abeele 2003: 92-99; ders. 1994: 20ff), sondern, wie bereits erwähnt, auf AN, was sie dadurch innerhalb dieser Tradition fast einzigartig macht (vgl. Hunt 2009: 4ff, 9; Van den Abeele 1994: 38f.). Dieser Umstand ist ebenfalls ein Hinweis dafür, dass dieses Sujet auch in ihrer fachkundlichen Auseinandersetzung -wenngleich eine der drei Abhandlungen in Versen verfasst ist und daher auch als literarisches Werk mit praktischem Bezug gelten kann- sich der anglonorm. Sprache bedient, dies erstens weil sie als Distanzsprache (siehe anglonorm. Texte in: Burgess 1995: 339a) mit dem Latein konkurrierte, und zweitens weil sie innerhalb des Diskurses der Falknerei das Hauptverständigungs-mittel bzw.

[...]


[1] Da „[d]er Begriff „Altfranzösisch“ [.] als eine Abstraktion zu verstehen [ist], die mehrere Dialekte, wie Anglo-Normannisch, Pikardisch, oder Champagnisch abdeckt“ (Windisch 2003: 30b), sollen die Angaben der jeweiligen Wörterbücher nicht verbessert, sondern näher spezifiziert werden, zumal diese Wörterbücher, wenn möglich, diese Spezifizierung bereits vornehmen (OED bspw. durch Angabe Anglo-Norman oder Old French, MED durch AF für Anglo-French und OF für Old French).

[2] Zeitlich stuft der ANDonline die von Hunt 2009 herausg. F.-bücher ein auf s.xiii4/4-xiv1/3.

[3] Die Fj. spielte bei Griechen und Römern keine Rolle. Sie konnte in England weder unter den Römern, noch unter den Britanniern praktiziert worden sein, da sie in Europa durch die Goten Eingang gefunden hat und Belege für die Insel fehlen (vgl. Lindner 1976: 164, 165a; vgl. Oggins 2004). Die ersten Quellen für die Fj. in Europa stammen zwar aus Südfrankreich (vgl. ebd.: 164b; vgl. Szabó 1997: 177-179), doch müssen für ihre Verbreitung die Germanen verantwortlich gemacht werden (vgl. Lindner 1976: 165a; Birkhan 1972: 155f.), „[b]ei den[en] [...] die B[eizjagd] im 6. Jh. bereits einen so hohen Grad der Entwicklung erreicht [hatte], daß eine langfristige Vertrautheit mit ihr vermutet werden muß“ (Lindner 1976: 165a).

[4] „One can say that medieval falconry was a widely pursued sport, a mark of status, a means of earning a living, and a symbol of subjects [...]. Falconry’s appeal was based on [...] the knowledge that mere practice of the sport was an indicator of membership in the social elite” (Oggins 2004: 138). Dies ergab sich v.a. aus dem Umstand, dass die Haltung der Beizvögel eine teure Angelegenheit war, die nur von Adligen und Königen finanziell getragen werden konnte (vgl. ebd.: 89f., 140-142).

[5] Unter den Angelsachsen sollten bspw. Priester nicht auf die Beize gehen, dies zeigt ein Beleg aus dem Jahre 975, hier die ne. Übersetzung: „we enjoin that a priest be not a hunter, nor a hawker‘ (ASD: 503b, sub hafecere). Unter den Anglo-Normannen waren es unter den Klerikern in erster Linie die Bischöfe, die der Fj. nachgingen. Zwar taten dies auch Priester, doch ab 1344 wurde ihnen diese Betätigung untersagt (vgl. Oggins 2004: 122-125). Zu den Normannen sei angemerkt, dass sie die Fj. auch in Unteritalien als königlichen Sport ausübten. So war unter dem Staufer Friedrich II. der Falkner Guillelmus Falconarius eingestellt, der dies als solcher auch unter dem normannischen König Roger II. bereits gewesen war (vgl. Haskins 1922: 20f.; Peters 1973: Sp. 1255).

[6] Ferner ist seit dem Ende des 11. Jh. erstmals urkundlich ein Handel mit Beizvögeln zwischen England und Norwegen erwähnt; im 12. Jh. vermehren sich die Belege (vgl. Hofmann 1958: 139, 149).

[7] Bereits der angelsächsische König Æôelstan (c. 894-940) verlangte bspw. von den Herrschern von Nord-Wales als jährliche Tributzahlung u.a. Jagdvögel (vgl. Hofmann 1958: 145; Oggins 2004: 40).

[8] Bezüglich der Falkenjagd sind folgende Geschehnisse, die in Verbindung mit Frankreich gebracht werden, bekannt: Wie Heinrich II., so waren auch seine Söhne eifrige Falkenjäger. So ist belegt, dass der junge Heinrich -der wie sein Vater mehrere Falkenhäuser errichten ließ-, 1181während eines Aufenthaltes in Frankreich, von seinem Vater, der nach England zurückgekehrt war, Sperber zugeschickt bekommt (vgl. Oggins 2004: 62). Während eines dreijährigen Aufenthalts in Frankreich empfing König Edward I. 1286 vierzehn Falkner, von denen einige nach England zurückkehrten, um Falken zur Mauser unterzubringen. Bei dieser Gelegenheit wurden dem König Tauben aus England als Fütterung für seine Falken gebracht (vgl. ebd. 101f.).

[9] Der englische König Heinrich II. besaß fast die ganze westliche Hälfte des heutigen Frankreichs, „von mütterlicher Seite die Normandie mit der Lehnshoheit über die Bretagne; vom Vater Anjou, Maine, Touraine; durch seine Ehe (1152) mit Eleonore [...] Poitou und Guyenne, dies alles als französische Kronlehen“ (Ploetz 1974: 238). 1214 verliert das englische Königreich in Frankreich alle Besitzungen nördlich der Loire (Kinder/Hilgemann 1977: 161b). Bis zum Ende des Hundertjährigen Krieges (1339-1453) besitzt England in Frankreich noch zahlreiche Gebiete, zunächst das kleine Gebiet Pointhieu im Norden und Guyenne im Südwesten, zuletzt wieder einen großen Teil im Norden (vgl. ebd.: 190f.), sodass Heinrich V. (1413-1422) Ansprüche auf die französische Krone erhebt (vgl. Ploetz 1974: 274f.). Obgleich also nach 1214 große Gebiete verloren gingen, waren 1453 noch Besitzungen vorhanden.

[10] Der Einfluss des Pikardischen z.B. hielt länger an, bzw. vollzog sich später, aufgrund der Handelsbeziehungen der Anglo-Normannen zu Nordfrankreich bis zum ausgehenden 13. Jh., während aufgrund der abflauenden sozio-politischen Beziehungen zum Festland, ein Kontakt zum normannischen Dialekt aus dem Festland nur im 12. und 13. Jh. gegeben war (vgl. Lodge 2010: 26).

[11] „Bezeichnung für jede >>de-regionalisierte<< Varietät, die sich innerhalb eines Verbandes von mehreren (zunächst) gleichwertigen, regional gebundenen Varietäten zur allgemein akzeptierten überregionalen >>Standardvarietät<< entwickelt und durchgesetzt hat“ (Bußmann 2008: 345a).

[12] Nach Weinstock (2006: 1837a) wird das AN bereits im 13. Jh. von der Gebildetensprache Anglofranzösisch verdrängt, da der frankophile Heinrich III. (1207-1272) tausenden von Adligen und Gefolgsleuten aus Zentral- und Südfrankreich mächtige Stellungen gewährte. Zur Sprachsituation, die sich aus diesem Sachverhalt ergab, äußert sich Rothwell (1998: 151f.) aufgrund fehlender Dokumentation in Westfrankreich skeptisch. Short (1980: 471f.) kommt zu dem Schluss, dass in den letzten Jahrzehnten des 12. Jh. das AN unter den Adligen als dekadent zu gelten begann und Eltern deswegen ihre Söhne nach Frankreich schickten, damit sie dort das „französische Französisch“ lernen sollten, „to learn French French“, um Short hierbei wortgetrau wiederzugeben. Short (1980: 473f.) merkt weiter an, dass dies nicht ein Zeichen dafür sei, dass das in England gesprochene Französisch deswegen von den Sprechern dort nicht beherrscht würde.

[13] Das AN nahm im 12. Jh., was die literarische Produktion anbelangt, eine führende Rolle ein (vgl. Gsell 1995: 283).

[14] Latein wurde von Mönchen in der Predigt, von Geschäftsleuten beim Verhandeln und Philosophen beim Disputieren gesprochen. Es war außerdem die Schriftsprache offizieller Urkunden und Chroniken, der Kirchenliturgien und theologischen Abhandlungen (vgl. Burrow/Turville-Petre 1996: 16f.).

[15] Nach Whitehead (1967: 80) sorgte der Verlust der Normandie an die frz. Krone dafür, dass sich auf der Insel eine eigene Varietät, das üblicherweise unter dem AN bekannt ist, zu entwickeln begann. Oben erwähnte Feststellung von Legge (1980) nimmt dabei Bezug auf die Urkundensprache des AN und würde gegen Whiteheads These sprechen.

[16] Von diesen wurden im 12. Jh. weniger als 1%, im 13. Jh. an die 13% und im 14. Jh. 32 % entlehnt, danach wurden es immer weniger (vgl. Bähr 2001: 27; vgl. hierzu auch: Bush 1922: 162). Seltsamerweise wurde somit, wie Bacquet (1974: 54) bemerkt, gerade während des Hundertjährigen Krieges der größte Anteil entlehnt, was ein Zeichen dafür ist, dass gesellschaftliche Beziehungen noch zu jener Zeit existieren mussten.

Details

Seiten
46
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656120988
ISBN (Buch)
9783656121381
Dateigröße
883 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188396
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Romanisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Anglo-Normannisch Falkenjagd Falknereisprache Altfranzösisch Mittelenglisch Sprachgeschichte

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