Lade Inhalt...

Ostrakismos - das Scherbengericht

Seminararbeit 2011 17 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Thema und Fragestellung
1.2Quellen und Forschungsstand

2 Einführung des Ostrakismos und der Ablauf des Verfahrens
2.1 Kleisthenes – Reformer und Initiator des Scherbengerichts?
2.2 Der Ostrakismos der Bürger Athens

3. Der Ostrakismos als politisches Instrument und das Ende des Scherbengerichts
3.1 Prominente Kandidaten und die Rolle des Ostrakismos
3.2 Hyperbolos und das Ende des Ostrakismos

4. Resümee

5. Literatur- und Quellenverzeichnis
5.1 Nachschlagewerke
5.2 Monographien
5.3 Zeitschriften/Quellen
5.4 Internetseiten

1. Einleitung

1.1 Thema und Fragestellung

Der Ostrakismos war das sogenannte Scherbengericht, das von dem Begriff des Ostrakons abgeleitet wird. Übersetzt bedeutet Ostrakon Tonscherbe, die innerhalb des Verfahrens des Scherbengerichts eine wesentliche Rolle einnahm und als Namensgeber fungierte. In der antiken Zeit diente die Scherbe eines Tongefäßes als kostenlose Alternative zum verhältnismäßig teuren Papyrus für Notizen, Rechnungen oder andere kürzere Schriftstücke. Die Texte wurden in die Scherben entweder eingeritzt oder mit Tinte festgehalten. Das Ostrakon im Scherbengericht, das bei einer Verurteilung einer Person zu einer zehnjährigen Verbannung aus Athen führte, wurde als Stimmzettel benutzt und war somit der ausschlaggebende Bestandteil eines möglichen Exils. Der Ostrakismos führte neben der Verbannung aus Athen jedoch nicht zu einem Entzug des jeweiligen Vermögens und soziale Konsequenzen für die Familien. Nennenswert ist, dass das Verfahren des Ostrakismos ohne einen Schuldzuspruch eines bestimmten Vergehens der Person zu einer Verurteilung führte.[1]

Auf das gegenwärtige Rechtsverständnis wirkt der Ostrakismos ambivalent. Auf der einen Seite existierte keine rechtliche Grundlage, da kein bestimmtes Vergehen einer Person zu zuschreiben war. Auf der andere Seite erscheinen die Konsequenzen der Verurteilten recht milde, indem kein Besitzverlust oder eine soziale Ächtung Resultate eines Scherbengerichts waren. In der folgenden Arbeit wird demzufolge der Frage nachgegangen welche Rolle und Funktion dem Ostrakismos in der athenischen Demokratie zugeschrieben werden kann.

Im einführenden Teil wird im Allgemeinen die Entwicklung des Ostrakismos und der Ablauf des Verfahrens betrachtet. Im zweiten Teil wird im Speziellen auf die Rolle des Scherbengerichts in der athenischen Demokratie eingegangen. Hierzu werden Fälle bekannter Verurteilter des Ostrakismos hinzugezogen und die Gründe für das Ende des Verfahrens dargelegt. Ein Resümee soll die Erläuterungen des Themas abrunden.

1.2 Quellen und Forschungsstand

Innerhalb der historischen Forschung in der Beurteilung des Ostrakismos kann auf zwei Arten von Quellen zurückgegriffen werden. Einmal im archäologischen Bereich durch die gefundenen Tonscherben, die Ostraka, von denen bis heute etwa elftausend entdeckt worden sind. Die Anzahl der Ostraka stieg seit den Funden von 1965 auf der Agora stetig an. Neuntausend von den insgesamt elftausend Tonscherben stammen aus Neufunden. Eine große Anzahl wurden auf einem aufgeschütteten Abschnitt des Eridanos gefunden. Aufgrund ihres vielfachen Bezugs aufeinander konnte festgestellt werden, dass sie eine komplexe Sammlung für das Verfahren von 471 v. Chr. darstellten.[2] Franz Willemsen veröffentlichte die erste ausführliche Publikation der Ostraka 1968. Doch auch diese Ergänzungen mussten nach weiteren Funden von Willemsen und Stefan Brenne erweitert werden. Die in etwa neuntausend Ostraka wurden dokumentiert und 2007 vom Deutschen Archäologischen Institut als zweibändiges Werk unter dem Titel „Kerameikos. Ergebnisse der Ausgrabungen“ herausgebracht.[3]

Neben den archäologischen Funden sind schriftliche Quellen Zeugnisse des Ostrakismos. Insbesondere hier zu erwähnen ist Aristoteles, der in seinem Werk der Athenaion Politeia (Arist. Ap 22, 1-8; 43,5) und in seinen Erläuterungen über die Politik (Arist. Pol. 1284 a3-b25; 1302 b15-25) den Ostrakismos erwähnt. Aristoteles beschreibt die Einführung des Ostrakismos und verweist auf andere Poleis, in denen ähnliche Verfahren durchgeführt wurden. Ferner geht er auf die Rolle des Scherbengerichts ein.[4] Des Weiteren verfasste Plutarch Schriften, in denen der Ostrakismos nähere Betrachtung fand. Über das Prozedere des Scherbengericht äußerte sich Plutarch unter anderem in der Biografie des Aristeides (Plut. Arist.7), der einer der Verurteilten des Ostrakismos war. Neben Aristeides widmete sich Plutarch dem letzten Scherbengericht in seinen Werken über Nikias (Plut. Nik. 11) und Alkibiades (Plut. Alk. 13).

Wesentlich zu bemerken ist, dass Aristoteles und Plutarch keine Zeitzeugen waren. Plutarch lebte über fünfhundert Jahre nach der Einführung des Ostrakismos und Aristoteles hundert Jahre nach dem endgültigen Ende des Verfahrens. Demzufolge müssen die Quellen beider Verfasser mit gewissen Abstand beurteilt werden, wobei dieses in der gegenwärtigen Betrachtung historischer Sachverhalte grundsätzlich beachtet werden muss. Für die Datierung des Ostrakismos ist der Lokalhistoriker Philochoros hilfreich, dessen Schriften in Fragmenten erhalten sind. Sowie des Atthidographen Androtiom, der in der Forschung insbesondere für die genaue Datierung der Etablierung des Scherbengerichts, aufgrund seiner zeitlichen Abweichung von Aristoteles, hilfreich war.[5]

Erste wesentliche Betrachtungen des Ostrakismos im letzten Jahrtausend finden sich im 16. Jahrhundert wieder. Während des Zeitalters des italienischen Humanismus widmete sich erstmalig Carlo Sigonio dem antiken Scherbengericht innerhalb seiner Veröffentlichung von 1564 bezüglich des athenischen Staats und seinen inneren Strukturen. Staatstheoretiker und Humanisten erforschten die Einführung, die Rolle und Durchführung des Ostrakismos. Im folgenden 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich die positive Deutung des Scherbengerichts als Schutz gegen eine mögliche Tyrannei. Aber auch seine negativen Züge, die zu der Abschaffung des Ostrakismos sowie die Überlegung über die Mindestzahlen für das Abstimmungsverfahren, fanden nähere Betrachtung. Ein wesentlicher Meilenstein in der Forschung war die Veröffentlichung Grotes der ersten Ostraka 1853 und 1870, die die ehemalige Annahme, dass Muschelschalen verwendet worden sein könnten, nicht bestätigten. Die Funde eröffneten ein größeres Spektrum für die Forschung, das konstant durch weitere archäologische und schriftliche Funde erweitert werden sollte.[6]

Ein nächster großer Fund, die Athenaion Politeia, führte zu ausführlicheren Untersuchungen der Datierung der ins Exil Verbannten sowie die Ursprünge des Ostrakismos, die auf den Staatsreformer Kleisthenes aufmerksam machten. In der Archäologie wurden der Fund tausender Ostraka in den 1960er Jahren eine wesentliche Quelle für weitere historische Forschungen sowie die vatikanischen spätbyzantinischen Handschriften, die Kleisthenes als Urheber des Scherbengerichts darstellten. Diese Funde führten zu wesentlichen Fortschritten in der Betrachtung des Scherbengerichts.[7]

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Quellen. und Forschungsstand bezüglich des Ostrakismos sich in einem stetigen Wandel befindet. Neue Funde, schriftlicher oder archäologischer Natur, verhelfen zu einem nicht Abreißen eines Interesse an dem antiken Scherbengericht. Allgemein gültig ist in der Forschung, dass der erste Ostrakismos 487 v. Chr. durchgeführt geführt wurde, der in dem folgenden Teil nähere Betrachtung fand.

2. Einführung des Ostrakismos und der Ablauf des Verfahrens

2.1 Kleisthenes – Reformer und Initiator des Scherbengerichts?

Bevor näher auf den ersten Ostrakismos eingegangen wird, findet in kurzer und prägnanter Form eine Erläuterung der politischen Ordnung der athenischen Demokratie statt, um die Gegebenheit und Initiatoren des Scherbengerichts im Vorfeld nicht außer Acht zu lassen.

Erste wesentliche politische Veränderungen wurden durch die Reformen des Kleisthenes, einem aristokratischen Staatsmanns Athens, Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. vollzogen. Kleisthenes stärkte die Demen, die zu den Grundeinheiten der neuen politischen Ordnung Athens wurden. Jeweils ein Demos wurde den drei Trittyen zugeteilt und nahm die Rolle eines Mitglieds der zehn attischen Phylen ein. Absicht dieses neu strukturierten Gebilde war es, eine regionale oder traditionelle genealogische Bindungen untereinander, die die Aristokraten begünstigte, zu vermindern. Eine weitere wesentliche Entwicklung in der politischen Ordnung Athens war der Rat der 500, der eine dazu gewonnene Möglichkeit der Partizipation an politischen Entscheidungen für die Bürger bedeutete. Der Rat setzte sich aus je fünfzig ausgelosten Männern pro Phyle zusammen, die somit eine gleichmäßige Vielfalt an Mitgliedern durch das zufällige Los darstellte.[8] Die Reformen Kleisthenes führten so zu einer größeren Politisierung der Bevölkerung, die eine Erweiterung einer Teilhabe an den politischen Prozessen mit sich führte und mögliche aristokratische Machtkämpfe eindämmen sollte.

[...]


[1] Vgl. Durham, Peter J. Rhodes: Ostrakismos. In: Cancik, Helmut, Schneider, Helmuth (Hrsg.): Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Band 9 Or-Poi. Stuttgart 2000. S. 103.

[2] Vgl. Die Ostraka der Kerameikosausgrabung in Athen. In: http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb04/institute/ altertum/klassarch/forschung/einzelforschungen/die-ostraka-der-kerameikosgrabung-in-athen. (01.08.2011).

[3] Ebenda.

[4] Vgl. Schubert, Charlotte: Die Macht des Volkes und die Ohnmacht des Denkens. Studien zum Verhältnis von Mentalität und Wissenschaft im 5. Jahrhundert v. Chr. Stuttgart 1993. S. 20ff.

[5] Vgl. Lehmann, Gustav Adolf: Der Ostrakismosentscheid in Athen. Von Kleinthenes zur Ära des Themistokles. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Bonn 1981. S. 85ff.

[6] Vgl. Siewert, Peter: Überblick über die Geschichte der Ostrakismos-Forschung. In: Siewert, Peter (Hrsg.): Ostrakismos- Testimonien I. Stuttgart 2002. S. 26ff.

[7] Derselbe. S. 28ff.

[8] Vgl. Mann, Christian: Antike. Eine Einführung in die Altertumswissenschaften. Berlin 2008. 53ff.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656120612
ISBN (Buch)
9783656481911
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188368
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
sehr gut
Schlagworte
ostrakismos scherbengericht

Autor

Zurück

Titel: Ostrakismos - das Scherbengericht