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Kinder alkoholabhängiger Elternteile

Möglichkeiten und Grenzen der Prävention

Diplomarbeit 2011 100 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungen

1. Einleitung

2. Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile)
2.1 Zahlen und Fakten
2. 2 Alkoholabhängigkeit
2.2.1 Definition von Sucht und Alkoholabhängigkeit
2.2.2 Kennzeichen der Alkoholabhängigkeit
2.3 Merkmale einer alkoholbelasteten Familie
2.3.1 Die Situation der Kinder
2.3.2 Rollenmodelle
2.3.3 Co-Abhängigkeit
2.3.4 Gestörte Eltern-Kind Beziehung

3. Auffälligkeiten bei Kindern alkoholabhängiger Eltern(teile)
3.1 Körperliche Auffälligkeiten
3.1.1 Alkohol in der Schwangerschaft
3.1.2 Intelligenz und sprachliche Fähigkeiten
3.2 Verhaltensauffälligkeiten
3.2.1 Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS)
3.2.2 Störungen des Sozialverhaltens
3.2.3 Schulische Probleme
3.3 Psychische Auffälligkeiten
3.3.1 Depression und Angststörung
3.3.2 Psychosomatische Störungen
3.4 Risiko einer Suchtentwicklung

4. Kindeswohlgefährdung in einer Alkoholikerfamilie
4.1 Grundlagen und Definition
4.2 Kindeswohlgefährdung bei Kindern alkoholabhängiger Eltern(teile)
4.3 Möglichkeiten/Aufgaben der SPFH bei einer Kindeswohlgefährdung

5. Präventionsarbeit
5.1 Begriffserklärung - Prävention
5.1.1 Primärprävention bei Kindern alkoholabhängiger Eltern(teile)
5.1.2 Sekundärprävention (Intervention) bei Kindern alkoholabhängiger Eltern(teile)
5.1.3 Tertiärprävention bei Kindern alkoholabhängiger Eltern(teile)
5.2 Bedeutung der Förderung von Resilienzen
5.3 Ziele der Präventionsarbeit mit Kindern alkoholabhängiger Eltern(teile)
5.4 Mögliche Grenzen der Präventionsarbeit

6. Präventionsangebote
6.1 Mögliche Präventionsmaßnahmen der Hilfsorganisationen

7. Fazit

8. Zusammenfassung

9.Literaturverzeichnis

10. Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Multifunktionales Faktoren-/Ursachenmodell (Kielholz und Ladewig, 1973)

Abbildung 2a und 2b: Probleme des Kindes, als Folge eines familiären Alkoholproblems (Mehrfachnennungen möglich) (Hinze und Jost, 2006)

Abbildung 3: Links: Kleinkind mit deutlichen Kennzeichen einer AE im Gesicht.

Abbildung 4: Entwicklungsverlauf externalisierter Verhaltensstörungen (Loeber, 1990)

Abbildung 5: Risiko- und Schutzfaktoren in der Entwicklung des Kindes (Petermann, 2000)

Abbildung 6: Challenge Modell (Wolin und Wolin 1995)

Abbildung 7: Casita - Das Haus der Resilienzen (Zedler, 2006)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Häufigkeit von elterlicher Alkoholabhängigkeit bei alkoholabhängigen Patienten und klinischen Kontrollgruppen (Cotton, 1979)

Tabelle 2: Alkohol- und Drogenkonsum, Depressionen und Ängste bei Frauen mit und ohne Missbrauchserfahrungen (Wilsnack et al., 1997)

Tabelle 3: Die sieben Resilienzen und ihre Entwicklung über die Lebensspanne (Wolin und Wolin 1995)

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Jahrelang wurde eine Alkoholabhängigkeit als ein Problem gesehen von dem lediglich die süchtige Person selbst betroffen ist. Den Angehörigen des Suchtkranken wurde dabei wenig Beachtung geschenkt (Mörder, 2009). Sowohl in der Suchtkrankenhilfe als auch in Präventionsprojekten gab es kaum Unterstützung für betroffene Familienmitglieder. Der heutige Forschungsstand zeigt jedoch, dass die Suchterkrankung eines Angehörigen auch die gesamte Familie mit betreffen kann. Aufgrund dessen wurden zunächst (Ehe-) Partner des Abhängigen in eine Therapie/Beratung/Behandlung mit eingebunden (Arenz-Greiving, 1998). Leider wird auch heute noch die Betroffenheit der Kinder kaum beachtet, weder in der Psychiatrie und in der Suchthilfe, noch in der Kinder- und Jugendhilfe, obwohl bereits 1969 Margaret Cork ein Buch zu diesem Thema mit dem Titel „The forgotten children“ (Die vergessenen Kinder) herausbrachte. Die erste deutsche Fachtagung zu diesem Thema fand erst Jahre später (1987) statt. Mit dem Titel „Kinder von Suchtkranken - zum Schweigen verurteilt!“ wurden Kinder suchtkranker Eltern zum ersten Mal Thema von öffentlichem Interesse. Einige im Verlauf dieser Arbeit aufgeführten Studien, Statistiken und Schätzungen zeigen übereinstimmend, dass es eine hohe Anzahl von Kindern alkoholabhängiger Eltern(teile) in Deutschland gibt (Klein, 2001; 2006).

In dieser Arbeit mit dem Thema: „Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile) - Möglichkeiten und Grenzen der Prävention “ werden nun besonders Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile) betrachtet.

Zunächst wird zum einheitlichen Verständnis der Begriff „Alkoholabhängigkeit“ g0065nau erläutert. Des Weiteren werden die Situation der betroffenen Kinder und die möglichen Folgen einer elterlichen Alkoholabhängigkeit aufgezeigt, bevor abschließend die Möglichkeiten und die Grenzen von Präventionsarbeit mit betroffenen Kindern dargestellt werden.

2. Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile)

2.1 Zahlen und Fakten

Durch die ambulanten Suchtberatungsstellen in Deutschland (EBIS) und durch das Dokumentationssystem der Suchthilfe (SEDOS) gibt es zum Bereich suchtkranker Eltern und deren Kinder umfangreiches Zahlen- und Datenmaterial (Klein, 2007).

So ist bekannt, dass in Deutschland etwa 2,65 Millionen Kinder suchtkranker Eltern(teile) leben. Davon sind die meisten Eltern von einer Alkoholabhängigkeit betroffen.

Durch eine Studie des Max Planck Instituts für Psychiatrie in München konnte bestätigt werden, dass in jeder siebten Familie Kinder zeitweise oder dauerhaft von der Alkoholabhängigkeit wenigstens eines Elternteils betroffen sind. In etwa jeder 20. Familie sind beide Elternteile alkoholabhängig (Lachner und Wittchen, 1997). Laut Ergebnissen der Statistik der ambulanten Suchtberatungsstellen in Deutschland (EBIS) haben 75 % der alkoholabhängigen Frauen und 63 % der alkoholabhängigen Männer wenigstens ein Kind.

Alkohol hat in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Der Pro-Kopf-Konsum in Deutschland liegt seit mehreren Jahren stabil bei 10,5-11 Litern pro Jahr. Deutschland liegt damit im Vergleich mit 50 anderen Staaten sehr weit vorne (unter den ersten zehn). In den westlichen Industriestaaten ist Alkohol -nach Tabak- die am häufigsten konsumierte legale Droge (Wissenschaftliches Kuratorium der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, 2003).

Dabei betreiben ca. 12% der über 14-Jährigen einen „riskanten Konsum“ (40-80g bei Männern und 20-40g bei Frauen Reinalkohol am Tag). Die Prävalenzrate der Männer ist in etwa dreimal so hoch wie die der Frauen.

Einen „gefährlichen Konsum“ (60-120g bei Männern und 40-80g bei Frauen Reinalkohol pro Tag) betreiben ca. 3-5% der über 14-Jährigen bundesweit. Auch hier ist die Prävalenzrate bei Männern dreimal so hoch wie die der Frauen (Klein und Zobel, 1997).

Zu bedenken ist, dass ca. 1,6 Millionen Menschen (ca. 2,4% der über 18-Jährigen) in der Bundesrepublik Deutschland akut alkoholabhängig sind, damit einher gehen schwere gesundheitliche und soziale Folgen. Ein Alkoholmissbrauch liegt bei ca. 7,8 Millionen Menschen vor (Klein und Zobel, 1997).

Auch in gesundheitlichen Belangen kann der starke Alkoholkonsum einen großen Einfluss auf unsere Gesellschaft haben. In Deutschland kommt es pro Jahr zu etwa 42.000 Todesfällen durch ihren Alkoholkonsum und sogar rund 73.000 Menschen sterben aufgrund, eines kombinierten Konsums von Alkohol und Tabak (Wissenschaftliches Kuratorium der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, 2003).

Zwischen drei und fünf Millionen Menschen sind als enge Familienmitglieder unmittelbar von den Konsequenzen der Alkoholabhängigkeit eines Angehörigen betroffen. Die genannten Studien, Statistiken und fundierten Schätzungen (der EBIS, der SEDOS und vom Max Planck Institut München) zeigen übereinstimmend, dass von einer hohen Anzahl von Kindern mit alkoholabhängigen Eltern(teilen) auszugehen ist (Klein, 2001; 2006).

2. 2 Alkoholabhängigkeit

2.2.1 Definition von Sucht und Alkoholabhängigkeit

Sucht:

Als eine stoffgebundene Sucht bezeichnet man eine Abhängigkeit von einer Substanz, die durch Toleranzentwicklung oder Entzugserscheinungen zu erkennen ist (Brömer, 2007). Dabei bedeutet Toleranzentwicklung, dass für den Betroffenen stets eine Dosissteigerung nötig ist, um einen gleichbleibenden Effekt zu erzielen. Entzugserscheinungen können auftreten, wenn der Alkoholkonsum vermindert oder unterbrochen wird (beispielsweise in Form von Magen-Darm-Störungen, Schlafstörungen, starkes Schwitzen, Neurologischen Störungen, Psychischen Störungen ]und/oder Bewusstseinsstörungen) (Soellner, 2000). Der Konsum des Suchtmittels nimmt für den Süchtigen einen besonders hohen Stellenwert ein, sodass dabei oft andere, teilweise wichtige Dinge (wie z.B. die Familie, die Arbeit) vernachlässigt werden (Brömer, 2007).

Es gibt physische (körperliche) und psychische (seelische) Abhängigkeiten. Im DSM IV[1] (ein System zur Einordnung und Diagnose psychischer Störungen) werden vier Diagnosekriterien für eine Sucht benannt:

1. Die Toleranzentwicklung (Gewöhnung)
2. Das gesteigerte Verlangen
3. Die psychische und physische Abhängigkeit
4. Die schädlichen Folgen für den Abhängigen und seine Umwelt.

Erst wenn diese Kriterien erfüllt sind, spricht man von einer Sucht. Alkoholabhängigkeit:

Im zweiten, besonders in Deutschland gebräuchlichen Kassifikationssystem zur Diagnostik psychischer Störungen dem ICD 10[2], wird eine Alkoholabhängigkeit folgendermaßen definiert:

„Eine Gruppe von Verhaltens-, kognitiven und körperlichen Phänomenen, die sich nach wiederholtem Substanzgebrauch entwickeln. Typischerweise besteht ein starker Wunsch, die Substanz einzunehmen, Schwierigkeiten, den Konsum zu kontrollieren, und anhaltender Substanzgebrauch trotz schädlicher Folgen. Dem Substanzgebrauch wird Vorrang vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen gegeben. Es entwickelt sich eine Toleranzerhöhung und manchmal ein körperliches Entzugssyndrom. Das Abhängigkeitssyndrom kann sich auf einen einzelnen Stoff beziehen (z.B. Tabak, Alkohol oder Diazepam), auf eine Substanzgruppe (z.B. opiatähnliche Substanzen), oder auch auf ein weites Spektrum pharmakologisch unterschiedlicher Substanzen.“ (Dilling, 1993)

Weiter sind im ICD 10 acht Kriterien definiert, von denen mindestens drei erfüllt sein müssen, um die Diagnose einer Alkoholkrankheit stellen zu können (Dilling, 1993):

1. starker Wunsch oder Zwang, Alkohol zu konsumieren
2. verminderte Kontrollfähigkeit in Bezug auf Menge, Beginn oder Ende des Konsums
3. Alkoholkonsum mit dem Ziel der Linderung von Entzugssymptomen und der Wiederherstellung der entsprechenden positiven Erfahrung
4. körperliche Entzugserscheinungen bei Konsumstopp oder Konsumreduktion
5. Nachweis einer Toleranz (Um die ursprünglich durch niedrige Dosen hervorgerufene Wirkung zu erreichen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich, die bei Konsumenten ohne Toleranzentwicklung zu schweren Beeinträchtigungen oder gar zum Tode führen würden.)
6. ein eingeengtes Verhaltensmuster im Umgang mit Alkohol, wie z.B. die Tendenz, Alkohol an Werktagen wie an Wochenenden zu trinken, und die Regeln eines gesellschaftlich üblichen Trinkverhaltens außer Acht zu lassen
7. fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Alkoholkonsums (erhöhter Zeitaufwand, um die Substanz zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen)
8. anhaltender Substanzkonsum trotz Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen (wie z.B. Leberschädigung durch exzessives Trinken, depressive Verstimmungen infolge starken Alkoholkonsums oder eine Verschlechterung der kognitiven Funktionen)

Stoffgebundene Süchte sind seit dem Jahr 1985 als Krankheit anerkannt. Dadurch müssen gegebenenfalls Behandlungskosten von Versicherungen oder Sozialhilfeträgern übernommen werden (Arenz-Greiving, 1998). In der aktuellen Fachliteratur werden die Begriffe Sucht und Abhängigkeit oft analog verwendet (Paetzold, 2006). Besonders im Bereich des Alkohols werden inhaltlich keine Unterschiede zwischen Alkoholsucht, Alkoholabhängigkeit oder Alkoholismus gemacht. (Fengler, 2002) Auch in dieser Arbeit werden die drei Begriffe synonym gebraucht.

Die Alkoholsucht wird als eine chronische Krankheit angesehen. Die abhängige Person hat über ihr Konsumverhalten keine Kontrolle und der Konsum erfolgt wiederholt, zwanghaft und übermäßig (Ladewig, 2002). Der Stoffwechsel des Körpers stellt sich auf die Verarbeitung des Alkohols ein und entwickelt eine Toleranz. Folglich muss - um eine gleichbleibende Wirkung zu erzielen - eine Dosissteigerung erfolgen. Zudem kommt es zu physischen, psychischen und sozialen Folgeerscheinungen.

In Deutschland zählt Alkohol zu den legalen Drogen. Laut dem Jugendschutzgesetz sind alkoholhaltige Getränke frühestens ab dem 16. Lebensjahr (Bier, Wein und Sekt) beziehungsweise ab dem 18. Lebensjahr (Branntwein und branntweinhaltige Getränke) erlaubt. Jedoch wird in der Realität Alkohol häufig -auch schon in großen Mengen- von noch minderjährigen Personen konsumiert (Brömer, 2007).

2.2.2 Kennzeichen der Alkoholabhängigkeit

Die Ursachen für die Entstehung einer Alkoholabhängigkeit können sehr unterschiedlich sein. Es gibt zwar keine typischen Faktoren, es kann jedoch zu begünstigende Umstände kommen. Das bekannteste Modell zur Entstehung einer Sucht ist das multifunktionale Faktoren- bzw. Ursachenmodell, das sogenannte „Suchtdreieck“ von Kielholz und Ladewig (1973). Demnach gibt es drei in Wechselwirkung zueinander stehende Faktoren, die zur Entstehung einer Sucht beitragen können.

Abbildung 1: Multifunktionales Faktoren-/Ursachenmodell (Kielholz und Ladewig, 1973)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie die Abbildung 1 verdeutlicht ist zum einen der Mensch selbst mit seinem genetischen Ursprung, seiner Persönlichkeit und seinen eigenen Lebenserfahrungen ein eigenständiger Faktor; dann zum zweiten die Droge (hier der Alkohol) hinsichtlich ihrer Art, Verfügbarkeit, Wirkung und Akzeptanz und dritter Faktor ist das soziale Umfeld des Betroffenen (Familie/Freunde) und seine gesellschaftlichen Bezüge (Freizeit/Beruf).

Die genetische Komponente kann wissenschaftlich zwar nicht eindeutig erwiesen werden, es wird jedoch angenommen, dass sie bei der Ausbildung einer Sucht eine Rolle spielt. „Auf die Wirkung genetischer Faktoren weisen Familienuntersuchungen hin, nach denen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Familienangehöriger einer alkoholabhängigen Person selbst Alkoholprobleme entwickelt, 3-4 mal höher ist als bei einer unbelasteten Person.“ (Wissenschaftliches Kuratorium der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen 2003, S. 32)

Des Weiteren spielt die Familie als Sozialisationsinstanz und auch als Identifikationsmodell eine wichtige Rolle. Sie bestimmt maßgeblich die persönliche Entwicklung des Kindes mit und ist an den meisten Erfahrungen in der Kindheit beteiligt. Somit kann die Familie auch im Hinblick auf die Entwicklung einer Abhängigkeit sowohl eine schützende aber auch eine gefährdende Rolle darstellen (Zobel, 2006). Kinder die in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen sind und nur wenige positive Lebenserfahrungen machen konnten, tendieren im Erwachsenenalter häufiger dazu eine Sucht auszubilden (Barnow et al., 2002). Vorgelebte Lernmodelle und Bezugspersonen beeinflussen die Entwicklung des Kindes in hohem Maße. Zudem kann es im Erwachsenenalter noch zu weiteren schwierigen Lebenssituationen kommen, die die Entwicklung einer Abhängigkeit begünstigen wie beispielsweise Konflikte am Arbeitsplatz, Überforderung oder Stress (Bertling, 1993)(Vgl. Kapitel 3.4).

Hinzu kommt, dass gerade das Suchtmittel Alkohol in unserer Gesellschaft sehr präsent ist. Alkohol steht als eine legale, leicht zugängliche und gesellschaftlich anerkannte Droge zur Verfügung. Erfahrungen mit Alkohol werden stark durch das Konsumverhalten des Umfeldes geprägt, somit nimmt der Einfluss der Gesellschaft einen hohen Stellenwert ein. Der Konsum von Alkohol ist in das soziale Leben unserer Gesellschaft integriert. Er gehört beispielsweise zu vielen Veranstaltungen dazu und dient oft als „Stimmungsmacher“ der die Geselligkeit steigert (Zobel, 2006). Das Trinken von Alkohol wird dabei meist als positiv und entspannend erlebt. Ein Großteil unserer Gesellschaft akzeptiert den Alkoholkonsum und auch die Massenmedien beeinflussen das Konsumverhalten, indem sie durch Werbung auf gewisse Produkte aufmerksam machen und diese anpreisen. Alkohol wird dadurch in ein positives Licht gerückt (Zimmer, 2005). Hinzu kommt, dass viele Industrieketten durch den Verkauf von Alkohol große Gewinneinnahmen erzielen mit denen sie Arbeitsplätze schaffen und Existenzgrundlagen vieler Menschen sichern (Bertling, 1993).

Doch der Übergang von einem „normalen Alkoholgenuss“ zu einem schädlichen „Alkoholmissbrauch“ verschwimmt oft schnell und wird leicht unterschätzt. Das Konsumieren kann somit schnell zur Gewohnheit werden und „der Griff zur Flasche“ wird als eine Bewältigungsstrategie für alltägliche Probleme gewählt (Zimmer, 2005). Trotz der Akzeptanz von Alkohol in unserer Gesellschaft gilt ein übermäßiger Alkoholkonsum weiterhin als eine stigmatisierte Krankheit und wird oft auf das persönliche Versagen eines Betroffenen zurück geführt. Aufgrund dieser negativen Vorurteile sind auch Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile) häufig einer schlechten gesellschaftlichen Wertung ausgesetzt. Aus Scham wird so die Alkoholproblematik der Eltern(teile) vor Außenstehenden geheim gehalten und die ohnehin schwierige Lebenssituation der Kinder wird weiter erschwert (Zobel, 2006).

Häufig geht die Alkoholabhängigkeit in unserer Gesellschaft mit einer möglichen Stigmatisierung einher. Der Süchtige wird als arbeitslos, verwahrlost und ungepflegt charakterisiert. Eine Alkoholabhängigkeit kann jedoch in verschiedenen Erscheinungsformen auftreten (Zobel, 2001), die im Folgenden aufgezählt werden:

Spiegeltrinker: Alkohol wird über den gesamten Tag hinweg konsumiert, um den Alkoholgehalt im Blut auf einem bestimmten „Spiegel“ zu halten. Dabei ist der Konsum meist kontrolliert und es kommt nicht zu Rauschzuständen. Die Abhängigkeit kann lange unbemerkt bleiben. Wird der gewohnte „Alkoholspiegel“ im Blut unterschritten, so kommt es zu Entzugserscheinungen (z.B. zittern, schwitzen, Unruhe, etc.).

Rauschtrinker: Betroffene können den Alkohol nicht kontrolliert und in kleinen Mengen konsumieren. Sie haben den starken Drang bis zu einem Vollrausch hin zu trinken. Oft fallen sie durch unangemessenes und unkontrolliertes Verhalten auf.

Konflikttrinker: Alkohol wird nur in Belastungs- und Konfliktsituationen konsumiert, da der Betroffene über keine anderen Bewältigungsstrategien verfügt. Der Konsum hängt demnach von konfliktbeladenen Umständen und der subjektiven Stimmung ab.

Periodische Trinker: Diese Form zeichnet sich durch Trinkphasen und Trinkpausen aus. Nach einer trinkfreien Zeit fällt der Betroffene ohne ersichtliche Gründe in einen heftigen und unkontrollierten Konsum. Aufgrund immer wiederkehrender Trinkpausen hält der Betroffene sich selbst meist nicht für abhängig.

Eine Alkoholabhängigkeit kann sich negativ auf die Persönlichkeit und das Verhalten des Süchtigen auswirken. Dabei wird das Denken und Handeln des Betroffenen stark beeinträchtigt und die Abhängigkeit kann nicht mehr vor der sozialen Umwelt verborgen werden (Zobel, 2006). Der Süchtige selbst ist in seiner Wahrnehmung und in seiner Selbsteinschätzung beeinträchtigt und kann Situationen teilweise nicht mehr richtig deuten. Die Sucht wird bagatellisiert oder verleugnet. Der Alkoholkonsum wird dabei zunehmend zur Bewältigung alltäglicher Schwierigkeiten eingesetzt. Der einsetzende Rausch wird als angenehm und erleichternd erlebt (Feuerlein, 2005). Es kann bei dem Betroffenen zudem zunehmend zu psychischen und sozialen Auffälligkeiten kommen und die Erfüllung von Pflichten oder Aufgaben innerhalb des sozialen Umfeldes können dadurch vernachlässigt werden. Das Hauptinteresse des Abhängigen liegt überwiegend auf dem Konsum von Alkohol, Bedürfnisse von Mitmenschen, der Familie oder gegebenenfalls sogar den eigenen Kindern werden dabei nicht mehr wahrgenommen. Die Grundstimmung zeichnet sich durch Passivität und Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Person und der Umgebung aus (Zobel, 2006).

Im Zuge dessen wird im Folgenden auf die Schwierigkeiten einer alkoholbelasteten Familie näher eingegangen, insbesondere auf die problematische Situation der betroffenen Kinder.

2.3 Merkmale einer alkoholbelasteten Familie

Die Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit die nicht nur den Süchtigen selbst beeinflussen kann, sondern auch Angehörige und besonders enge Familienmitglieder. Die Sucht des Betroffenen kann sich grundlegend auf das Zusammenleben in der Familie auswirken. Besonders hart trifft es dabei meist die Kinder. Sie sind den aus der Situation resultierenden, häufig schwierigen familiären Verhältnissen ausgeliefert. Zudem haben besonders die jungen Familienmitglieder mit Stigmatisierungen aus der Gesellschaft zu kämpfen. Aus Schamgefühl werden familiäre Probleme daher häufig verschwiegen. Die aktive Suche nach Ansprechpartnern kann somit völlig ausbleiben. Ebenso kann es zu einer Isolierung von ihrem sozialen Umfeld kommen (Zobel, 2006).

2.3.1 Die Situation der Kinder

Wie schon erwähnt, besteht ein großes Problem für Kinder suchtkranker Eltern(teile) darin, dass die Sucht als „Familiengeheimnis“ behandelt wird und nicht darüber gesprochen wird. Häufig ist die Krankheit sogar innerhalb der Familie ein Tabuthema. Probleme in der Familie werden keinesfalls auf die Alkoholabhängigkeit der Eltern/des Elternteils zurückgeführt, da es die Sucht offiziell gar nicht gibt (Ehrenfried, 2000). Jedes Familienmitglied weiß zwar von dem Alkoholproblem, dennoch darf es nicht offen angesprochen werden. Es ist vielmehr so, dass der zu hohe Alkoholkonsum des Süchtigen entschuldigt, heruntergespielt oder ungünstigen Umständen (z.B. Stress, ungezogene Kinder, Streit) zugeschrieben wird (Arenz-Greiving, 1998). Kinder, die ihre Eltern trotz allem lieben, versuchen dieser Anforderung gerecht zu werden. Aus Angst es könnte etwas über das „Familienproblem“ heraus kommen und auch aus Schamgefühl vermeiden sie dadurch Situationen in denen ihr Geheimnis enthüllt werden könnte (Lägel, 2008). Dies kann zu einer sozialen Isolation führen. Freundschaften zu Gleichaltrigen können nur schwer oder teilweise gar nicht aufgebaut werden, denn durch sie erhöht sich das Risiko, dass etwas von den Schwierigkeiten Zuhause nach außen dringen könnte. Selbst wenn ein Kontakt zu Gleichaltrigen besteht, werden diese Freunde meist nicht nach Hause eingeladen (Zobel, 2001).

Durch die seltenen Kontakte zu anderen Gleichaltrigen ist den Kindern suchtkranker Eltern das Erlernen sozialer Kompetenzen oft nicht möglich und somit auch ein für die Kindesentwicklung wichtiger Sozialisationsfaktor nicht gegeben (Gleißner, 2006). Häufig kommt es vor, dass betroffene Kinder auffälliges und unangemessenes Verhalten zeigen, was wiederum zu weiterer sozialer Abgrenzung führen kann. (Vgl. Kapitel 3) Die Kinder sind somit quasi in einem Kreislauf gefangen aus dem viele ohne professionelle Unterstützung unmöglich wieder herauskommen können (Zobel, 2006).

Die Atmosphäre in einer alkoholbelasteten Familie ist oft durch einen häufigen und unvorhersehbaren Stimmungswechsel des Suchtkranken gekennzeichnet. Für die Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile) ist es schwierig sich daran anzupassen. Sie versuchen sich unauffällig zu verhalten und den Erwartungen der Eltern gerecht zu werden (Quast, 2006). Sie leben in einer ständigen Ungewissheit und können nie genau abschätzen wie die Reaktion beziehungsweise die Stimmung der Eltern oder des betroffenen Elternteils gerade ist. Eigene Empfindungen und Bedürfnisse werden daher meist nicht geäußert oder sogar gänzlich unterdrückt (Quast, 2006). Der familiäre Alltag dreht sich mehr und mehr um die Sucht des Abhängigen und seine Bedürfnisse.

Dadurch kann es im Familienleben an Stabilität, Struktur, Sicherheit, Geborgenheit und Zuneigung fehlen. Das Kind gerät in den Hintergrund, seine Not, seine Ängste und seine Fragen bleiben unbeachtet (Lägel, 2008). Meist unzählig gebrochene Versprechungen zeigen dem Kind, dass es sich auf Aussagen nicht verlassen kann. Hinzu kommt -wie schon erwähnt-, dass die Alkoholsucht in der Familie als ein Tabuthema behandelt wird. Besonders nach außen hin werden Tatsachen verleugnet (Quast,

2006). Hierbei kann von dem Kind erlernt werden, dass Wahrheit keinen hohen Stellenwert hat. Lügen können mit der Zeit zur Selbstverständlichkeit oder sogar zur Gewohnheit werden (Arenz-Greiving, 1998). Dies kann soweit führen, dass auch in Situationen gelogen wird, in denen dies gar nicht nötig wäre und die Wahrheit keine Nachteile nach sich ziehen würde (Arenz-Greiving, 1998).

Kinder alkoholkranker Eltern sind schon früh gezwungen Verantwortung zu übernehmen und Aufgaben zu bewältigen denen sie meist noch gar nicht gewachsen sind (Vgl. 2.3.2). Dadurch können sie schnell überfordert werden und ihrer zugeschriebenen Rolle aufgrund ihres Entwicklungsstandes langfristig nicht gerecht werden (Arenz- Greiving, 1998). Viele alkoholabhängige Eltern(teile) handeln oft widersprüchlich (Puhm, 2003). Während sie im nüchternen Zustand liebevoll und fürsorglich sein können, reagieren sie im betrunkenen Zustand plötzlich mit Desinteresse, unbeherrscht und manchmal sogar mit körperlicher und verbaler Aggression (Puhm, 2003). Dem Kind fehlt es dadurch an Orientierungshilfen. Auch hier erfüllen die Eltern ihre Vorbildfunktion nicht. Das Kind wächst somit zum Teil ohne klare Strukturen, Regeln oder Grenzen auf an denen es sich orientieren könnte (Klein und Zobel, 2001).

2.3.2 Rollenmodelle

In einem Familiensystem hat jedes Familienmitglied eine bestimmte Rolle, die maßgeblich zur Sozialisation der Kinder in einer Familie beiträgt (Ehrenfried et al., 2000).

Durch die Schwierigkeiten die sich aufgrund der Alkoholabhängigkeit eines Elternteils ergeben können, verändern sich auch die Rollen innerhalb des Familiensystems (Arenz-Greiving, 1998). Jedes Mitglied muss Aufgaben und Funktionen des Suchtkranken mit tragen. Für die Kinder bedeutet dies häufig auch die Übernahme von Aufgaben, denen sie unter Umständen noch gar nicht gewachsen sind. Um in dieser belastenden Situation zu bestehen, entwickeln die betroffenen Kinder meist entsprechende Strategien um mit ihnen umgehen, sich anpassen oder sich selbst schützen zu können (Zobel, 2006).

In verschiedenen Untersuchungen wurden mögliche Rollen von Kindern alkoholkranker Eltern(teile) untersucht. So entwickelte z.B. Lambrou (1990) die im Folgenden vorgestellten Rollenmodelle. Einige ähnliche Konzepte gibt es auch von Wegscheider (1988), Ackermann (1987) und Black (1988), die sich von den hier vorgestellten Rollen jedoch nur gering unterscheiden und daher nicht weiter spezifiziert werden (Zobel, 2006).

1. Der Held: Die Rolle des Helden hat meist das älteste Kind in einer Suchtfamilie inne. Ein Kind mit dieser Rolle übernimmt häufig die Verantwortung für andere. Ein Held im Allgemeinen ist gut darin, Dinge zu organisieren und Konflikte zu lösen. Der Familienheld ist sozial kompetent, kann sich gut ausdrücken, ist pflichtbewusst und äußerst zuverlässig. Der Held selbst hat gelernt, dass er sich nur auf sich selbst verlassen kann. Solche Kinder werden dadurch nicht selten zu „Ersatzpartnern“ für den nicht trinkenden Elternteil. Manchmal werden sie sogar „Ersatzelternteil“ für Geschwisterkinder, indem sie sowohl den Süchtigen selbst als auch die übrigen Familienmitglieder versorgen. Ein Familienheld ist sehr selbstständig, vergisst jedoch dabei häufig sich selbst und die eigenen Bedürfnisse. Er sucht durch Erfolge (z.B. schulische, sportliche) nach Bestätigung, Lob und Anerkennung. Durch den Versuch perfekt zu sein, können sich Perfektionismus oder sogar Zwangsstörungen entwickeln (Zobel, 2006).

erkennen wie es sich verhalten muss, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Es passt sich der Situation an. Kinder mit dieser Rolle bemühen sich nach Möglichkeit darum, nicht aufzufallen und wirken im Einzelkontakt für den Anderen meist sehr angenehm. Diese Kinder haben meist zu vielen Dingen keine eigene Meinung und wagen es nicht, sich anderen Personen mit ihrer eigenen Persönlichkeit zu zeigen. Dabei fühlen sie sich häufig nicht gesehen, nicht akzeptiert und nicht wertgeschätzt. Ein starkes Gefühl der Einsamkeit ist meist die Folge. (aus einem Vortrag von Frau Knecht zum Thema „Alkoholismus“ in den Kliniken Daun Thommener Höhe im März 2011).

3. Der Sündenbock: Da es in einer Suchtfamilie zu wenig Aufmerksamkeit für die Kinder kommen kann, da sich alles um die Sucht (z.B. Beschaffung des Suchtmittels, Rausch, Verheimlichung, Streit) dreht, entwickelt ein Kind bei der Übernahme dieser Rolle eine Strategie, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Es wird auffällig. So kann es zum Beispiel in der Schule ständig Ärger haben, schlechte Leistungen zeigen oder Schwierigkeiten mit anderen Kindern herausfordern. Dieses Verhalten hat den Effekt, dass man das Kind nicht mehr ignorieren kann. Durch das auffällige Verhalten werden die Eltern gezwungen, sich zumindest kurzzeitig dem Kind zuzuwenden. Auch wenn dies nicht die Art von Aufmerksamkeit sein mag, die sich das Kind insgeheim wünscht, so ist diese negative Aufmerksamkeit besser als gar nicht beachtet zu werden (Ehrenfried et al., 2000). Die Familie nimmt ein auffälliges Verhalten zudem unbewusst gerne an, denn durch die Schwierigkeiten mit dem Kind kann das eigentliche Problem der Sucht überspielt werden und die Familie kann damit entschuldigen, dass der abhängige Elternteil trinkt. So scheinen beide Seiten etwas von den Auffälligkeiten des Kindes zu haben, obwohl alle Beteiligten darunter eher leiden (Wegscheider, 1989). Wird ein solches Kind erwachsen, ist das erlernte Muster häufig so stark eingeprägt, dass es weiterhin versucht, Aufmerksamkeit durch unliebsames Verhalten zu bekommen. Dies tritt insbesondere dann ein, wenn es scheint, dass auf andere Art die Aufmerksamkeit nicht erlangt werden kann. So kann sich exzentrisches Verhalten mit der Folge entwickeln, dass die betroffene Person durch ihr Verhalten immer wieder bei anderen aneckt (Zobel, 2006).

4. Das verlorene Kind: Ein solches Kind versucht sich möglichst unsichtbar zu machen, in dem es allen Problemen aus dem Weg geht (Ehrenfried et al., 2000). Es beschäftigt sich viel mit sich selbst. Sind Andere in der Nähe spricht es möglichst wenig und hält sich zurück. Dieses Verhalten sorgt dafür, dass ihm nur wenig Beachtung und Anerkennung wiederfährt, wodurch diese Kinder nur schlecht ein individuelles Selbstwertgefühl entwickeln können (Ehrenfried et al., 2000). Auch als Erwachsener geht das verlorene Kind weiterhin jedem Konflikt aus dem Weg. Es hofft darauf, dass sich die Dinge von alleine regeln werden. Es entwickelt eine eher passive Grundeinstellung, wodurch Vermeidungstendenzen und Schwierigkeiten bei Entscheidungen oder gar Depressionen entstehen können (Wegscheider, 1989). Da Kinder mit dieser Rolle meist wenig Aufmerksamkeit bekommen haben, reden sie nur selten über sich selbst (Wegscheider, 1989). Sie sind oft der Meinung, dass man sie nicht gern haben könnte, sollten die Anderen erfahren, wie sie wirklich sind (Ehrenfried et al., 2000). So können sie sich zu Menschen mit einem Hang zum Einzelgängertum entwickeln, was Einsamkeit und das Gefühl nicht geliebt zu werden zur Folge haben kann. Auch um Hilfe können sie meist nur schlecht bitten (Arenz-Greiving, 1998).

5. Der Clown: Diese Rolle wird meistens von dem jüngsten Kind einer Familie ausgefüllt. Der Clown ist eine Art Sonnenschein der Familie. Er ist immer gut gelaunt und fröhlich. Ein Kind mit dieser Rolle lebt scheinbar in einer ganz unbeschwerten Welt. Probleme scheint es nicht zu kennen. Ältere Geschwister sind häufig sehr darum bemüht, das jüngste Familienmitglied vor den unangenehmen Verhältnissen in der Familie zu schützen (Ehrenfried et al., 2000). So sorgen sie z.B. dafür, dass „der Sonnenschein“ den betrunkenen Elternteil nicht zu Gesicht bekommt, gehen mit ihm spielen, wenn es bei den Eltern zu Streitigkeiten kommt und erzählen, dass es eigentlich keine Schwierigkeiten in der Familie gibt (Wegscheider, 1989). Aber natürlich bekommt auch der Clown etwas von den familiären Problemen mit. Im Gegensatz zu den anderen Familienmitgliedern kann er jedoch die Ursache nicht benennen. Eine dadurch entstehende Ungewissheit sorgt dann für eine innere, sich aufbauende Anspannung des Kindes. Kinder mit dieser Rolle können eine übersprudelnde Lebendigkeit entwickeln, die bis zur Hyperaktivität reichen kann (Wegscheider, 1989). Das Kind lernt durch dieses Verhalten zudem, dass durch Lustigkeit und Albernheit Aufmerksamkeit von Anderen erlangt werden kann. So beginnt es, eigene Gefühle und Ansichten zu verbergen und stattdessen den Clown zu spielen. Hinter dieser Fassade bleibt der Clown meistens jedoch mit sich, seinen Problemen und seinen Anliegen allein (Wegscheider, 1998).

All diese Rollenmodelle sind fast ausschließlich auf die auffälligen Verhaltensweisen eines betroffenen Kindes fixiert. Doch nur die negative Entwicklung zu betrachten, führt unweigerlich zu ungewollten Stigmatisierungen. In den vergangenen Jahren wurden in einigen Untersuchungen nunmehr auch die Kompetenzen, Ressourcen und Entwicklungschancen der Betroffenen Kinder berücksichtigt (Vgl. u.a. Gontard 1990). Beispielsweise kann sich der „Held“ zu einer zielbewussten, erfolgreichen und zuverlässigen Person entwickeln. Das „Chamäleon“ ist sehr anpassungsfähig und tolerant. Der „Sündenbock“ kann seine Risikobereitschaft und seine mögliche Kritikfähigkeit positiv einsetzen. Das „verlorene Kind“ ist im Erwachsenenalter oft phantasievoll und kreativ und der „Clown“ kann seine Fähigkeiten zur Erheiterung von anderen positiv einsetzen (Zobel, 2006).

Laut Fiedler (2001) können all diese Fähigkeiten aber nur dann positiv ausgebildet und eingesetzt werden, wenn das oben beschriebene Verhalten Beachtung durch die Eltern oder Andere findet. So sollten Kinder aus alkoholbelasteten Familien dahingehend gefördert werden (Fiedler, 2001). Es sollten ihnen z.B. Angebote gemacht werden, die sie darin unterstützen, trotz ihrer familiären Probleme positive Ressourcen zu entwickeln. Weiterführend ist eine generelle Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle ein wesentlicher Bestandteil der professionellen Arbeit mit Kindern suchtkranker Eltern (Ehrenfried et al., 2000). Konzepte zur professionellen Unterstützung werden immer weiter entwickelt und wichtige Informationen für eine gezielte Intervention im Rahmen von Prävention und Frühintervention gesammelt (u.a. Landeszentrale für Gesundheitsförderung Rheinland Pfalz, 2002). Es geht dabei darum, die oft über Generationen fortsetzende Suchtentwicklung zu unterbrechen und präventive Maßnahmen zur Unterstützung anzubieten.

2.3.3 Co-Abhängigkeit

In fast jeder sozialen Beziehung in denen ein Partner eine Abhängigkeit entwickelt, kommt es zu einer Co-Abhängigkeit der nahestehenden Personen. In Familien ist davon meist in erster Linie der (Ehe-)Partner betroffen, eine mögliche Co-Abhängigkeit kann jedoch auch häufig in bestimmten Verhaltensweisen betroffener Kinder wiederentdeckt werden. Das oberste und meist unbewusste Ziel des Co-Abhängigen ist es dabei, den Süchtigen zu schützen und die negativen Folgen seiner Sucht abzufangen. Der Verlauf der Abhängigkeit wird jedoch gerade durch dieses Verhalten vorangetrieben und ungewollt unterstützt (Aßfalg, 2006).

Rennert (1989) beschreibt den möglichen Verlauf einer Co-Abhängigkeit in drei Phasen, die im Folgenden kurz zusammengefasst werden:

1. Beschützer- oder Erklärungsphase: In dieser Phase, meist am Anfang der Sucht eines Betroffenen, versucht der Co-Abhängige den Alkoholabhängigen zu schützen indem er Erklärungen und Entschuldigungen für dessen auffälliges Verhalten äußert (Quast, 2006). Er erfindet Ausreden, bagatellisiert die Probleme oder lügt sogar für den Süchtigen. Der Co-Abhängige beginnt die komplette Verantwortung für den Süchtigen mit zu übernehmen. Es kann sogar soweit kommen, dass man dem Süchtigen alle Aufgaben und Pflichten abnimmt (Hausarbeit, Termine, Ämtergänge etc.) (Quast, 2006). Zu Anfang tut der Co-Abhängige dies noch unbewusst und glaubt dem Alkoholabhängigen mit seinem Handeln einen kleinen Gefallen zu tun. Meist wird die Tatsache der Sucht zu diesem Zeitpunkt noch von allen Beteiligten geleugnet und verdrängt (Lambrou, 1990). Durch die Co- Abhängigkeit nimmt man dem Süchtigen zunächst alle Probleme und Sorgen ab. Dem Alkoholabhängigen scheint es durch dieses Verhalten des Co-Abhängigen sehr gut zu gehen, er fühlt sich verstanden und umsorgt (Quast, 2006). Dadurch fördert der Co-Abhängige allerdings unbewusst die sich immer mehr manifestierende Problematik und die Sucht des Alkoholabhängigen (Rennert, 1989).

sehr anstrengend und belastend. Der Co-Abhängige versucht über dieses Kontrollverhalten die Familie zusammen zu halten. Der Süchtige hingegen wird durch ein solches Kontrollverhalten gegebenenfalls in seinem Alkoholkonsum eingeschränkt (Alkoholverstecke werden enttarnt, Geld für Alkohol wird vom Partner zurückgehalten etc.), was ihm stark missfallen kann. Beeinflusst von seinem Verlangen nach Alkohol wird er dadurch zunehmend auffälliger und häufig auch aggressiver (Rennert, 1989).

3. Anklage- und Handlungsphase: Die dritte Phase tritt ein, wenn sich die familiäre Situation immer weiter zu spitzt. Der Co-Abhängige ist überlastet und kann mit der Situation nicht länger umgehen. Hinweise auf die Alkoholabhängigkeit und Anschuldigungen nehmen zu und die Suchtkann vor dem sozialen Umfeld kaum noch verborgen werden, da auch der Süchtige selbst nahezu unerträglich wird und sich seine Stimmungsschwankungen häufen. An diesem Punkt platzt dem Co- Abhängigen sprichwörtlich „der Kragen“, das vorher umsorgende Verhalten kippt ins Gegenteil. Der Alkoholabhängige wird nun für alle Schwierigkeiten verantwortlich gemacht. Durch die Vorwürfe kommt es häufig zu Streitereien, da der Süchtige diesen plötzlichen Sinneswandel des Co-Abhängigen nicht verstehen kann (Rennert, 1989).

Manche Betroffene schaffen es, sich in dieser Situation professionelle Hilfe zu suchen, andere geben ihr Bemühen immer stark sein zu wollen auf und verlassen den Suchtkranken oder sogar die ganze Familie. Häufig wird an dieser Stelle dem Alkoholabhängigen (erst) der Ernst seiner Lage bewusst und er gelangt an den Tiefpunkt seiner Sucht. Nicht selten finden die Suchtkranken zu diesem Zeitpunkt den Antrieb sich professionelle Hilfe zu suchen (Rennert, 1989).

Co-Abhängig werden jedoch nicht immer nur die (Ehe-)Partner eines Süchtigen, sondern auch nahestehende Verwandte. Besonders bei älteren Kindern von Alkoholkranken kann es zu einer Co-Abhängigkeit kommen. Sie übernehmen in diesem Falle die Rolle des erkrankten Elternteils und helfen z.B. die Krankheit nach außen hin zu verbergen, übernehmen Verantwortung oder organisieren den Haushalt (Quast, 2006). Die Co-Abhängigen Kinder fühlen sich den Eltern und der Familie gegenüber zum Teil dazu verpflichtet zu helfen. Sie entwickeln sich dadurch häufig nicht altersgerecht und können mit der Zeit Auffälligkeiten entwickeln. Die entstandene Co-Abhängigkeit kann bis in das Erwachsenenalter des betroffenen Kindes bestehen bleiben (Aßfalg, 2006).

Es gibt zahlreiche Gruppenangebote für Angehörige von Alkoholkranken (beispielsweise unter anderem von AlAnon oder dem blauen Kreuz[3] ). Hier wird besonders der Aspekt der Co-Abhängigkeit berücksichtigt und angesprochen. Leider gibt es in diesem Bereich noch zu wenige Angebote für betroffene Kinder und Jugendliche von alkoholkranken Eltern(teilen), jedoch können Präventionsmaßnahmen einer Co- Abhängigkeit vorbeugen (Vgl. Kapitel 5).

2.3.4 Gestörte Eltern-Kind Beziehung

Viele Kinder alkoholkranker Eltern(teile) sind mit ihrer Situation überfordert. Aufgrund der zahlreichen Schwierigkeiten, die möglicherweise in der Familie bestehen, werden ihre Wünsche und Bedürfnisse oft nicht wahrgenommen (Puhm, 2003). Stattdessen übernehmen sie Rollen -wie bereits beschrieben-, denen sie aufgrund ihres Entwicklungsstandes gar nicht gerecht werden können (Ehrenfried et al., 2000). In den meisten suchtbelasteten Familien erhalten die Kinder wenig Aufmerksamkeit und altersgerechte Förderung von ihren Eltern. Sie werden mit ihren Gefühlen allein gelassen, fühlen sich oft überflüssig und ungeliebt (Woititz, 2003). Nicht selten kommt es sogar soweit, dass sie sich verantwortlich und schuldig für die familiären Schwierigkeiten fühlen. Dabei schreiben sie die Schuld für die elterliche Abhängigkeit ihrem eigenen Verhalten zu.

Der familiäre Alltag ist teilweise geprägt von lautstarken Streitereien zwischen den Eltern, die auch dem Kind nicht verborgen bleiben. Diese Situationen können Angst, Trauer, Wut und Schuldgefühle beim Kind auslösen (Lambrou, 1990). Häufig beginnen betroffene Kinder ihre negativen Gefühle zu verdrängen und die schmerzlichen Situationen auszublenden (Arenz-Greiving, 1998). Nicht selten kommt es in der Phantasie des Kindes zu Wunschvorstellung über den familiären Alltag. Diese können so weit gehen, dass es ihm nicht mehr möglich ist, Realität und Phantasie voneinander zu unterscheiden. Es zieht sich zurück und lebt dabei in seiner eigenen „heilen“ Welt (Arenz-Greiving, 1998).

Für ein Kind aus einer alkoholbelasteten Familie ist es aufgrund von diesen familiären Schwierigkeiten nicht leicht eine emotionale Beziehung zu seinen Eltern aufzubauen (Puhm, 2003). Das Kind ist meist unsicher und weiß nicht woran es bei den Eltern gerade ist. Häufig entwickelt es ambivalente Gefühle für beide Elternteile, die je nach momentaner Stimmung in der Familie zwischen Liebe, Mitleid, Trauer, Enttäuschung und Wut wechseln können (Puhm, 2003). Einerseits empfindet das Kind nach zahlreichen gebrochenen Versprechungen und Enttäuschungen den Wunsch sich von den Eltern abzugrenzen, andererseits kennt es die Eltern in „guten“, trinkfreien Phasen als liebevoll und fürsorglich und entwickelt somit oft Mitleid. In diesen Momenten kann es beim Kind nicht selten zu Schuldgefühlen darüber kommen, dass es überhaupt den Wunsch nach Abgrenzung hatte (Cork, 1969).

In einer qualitativen Studie von Lenz (2009) wurden Kinder aus alkoholbelasteten Familien im Alter von acht bis 16 Jahren zu ihrer familiären Situation befragt. Die von den Kindern am häufigsten genannten Erfahrungen waren Unberechenbarkeit und Unzuverlässigkeit im elterlichen Verhalten, Ängste und Sorgen um deren Gesundheit und Leben, Scham- und Schuldgefühle, mangelnde soziale Unterstützung sowie Streit und konflikthafte Auseinandersetzungen zwischen den Eltern. „Generell wurden in der Studie viele Ambivalenzerfahrungen und Loyalitätskonflikte deutlich. Dies drückte sich zum einen in einem inkonsistenten Belohnungs- und Bestrafungsverhalten und zum anderen in Gefühlsschwankungen aus, die von Verachtung und Hass bis hin zu Liebe und permanenter Sorge reichten.“(Lenz 2009, S.17)

Gegenüber dem nicht alkoholkranken Elternteil fühlt sich das Kind häufig verpflichtet zu helfen. Es spürt die Hilflosigkeit und die Überforderung des betroffenen Elternteils und versucht zu helfen, was aber aufgrund seines Entwicklungsstandes nicht einfach zu leisten ist (Quast, 2006). Zudem kommt es für das Kind häufig zu einem Loyalitätskonflikt, das heißt es versucht beiden Elternteilen gegenüber gerecht zu sein. Unbewusst erwarten die Elternteile dabei allerdings häufig, dass ihr Kind für sie Partei ergreift. Somit kann es für das Kind zu Überforderungen kommen (Zobel, 2006). Aufgrund häufiger Lügen, gebrochener Versprechungen und vorgetäuschter Tatsachen, die es in alkoholbelasteten Familien geben kann, kann sich keine vertrauensvolle Eltern-Kind Beziehung entwickeln (Puhm, 2003). Betroffene Kinder misstrauen ihren Eltern und können oft keine tragfähige Bindung zu ihnen aufbauen (Cork, 1969). Zusätzlich erhalten sie von den Eltern keine Hilfen zur Orientierung, vielmehr sind sie mit ihren ambivalenten Gefühlen völlig auf sich alleine gestellt. Da sich die erlebten Erfahrungen eines Menschen gerade in den ersten Lebensjahren besonders einprägen, kann die familiäre Situation die Kinder in ihrer lebenslangen Entwicklung negativ beeinflussen (Winkelmann, 1990). Zudem haben Entwicklungspsychologen heraus gefunden, dass gerade diese frühkindlichen Erfahrungen am schwierigsten wieder korrigierbar sind. Gerade in den ersten Jahren der Sozialisation sind Eltern die wichtigsten Bezugspersonen eines Kindes (Winkelmann, 1990). Sie dienen als Vorbilder und Modelle und prägen das Verhalten des Kindes für sein späteres Leben (Bandura, 1977).

Kinder alkoholkranker Eltern(teile) lernen wenig Beständigkeit in ihrem Leben kennen. Sie erlernen, dass Lügen und Vertrauensmissbrauch zu alltäglichen Verhaltensweisen gehören. Zudem merken sie schnell, dass Konflikte scheinbar durch den Alkoholkonsum gelöst werden und, dass die Sucht eine Möglichkeit ist Aufmerksamkeit zu bekommen (Woititz, 1990).

Schon Ackermann (1983) wies darauf hin, dass es für Kinder wichtig ist positive, enge Beziehungen zu haben. Wenn diese bei den Eltern aufgrund einer Abhängigkeit nicht aufgebaut werden können, ist es wichtig, dass positive Bindungen außerhalb des Elternhauses gefunden werden (Ackermann, 1983).

Kinder die nie, oder nur wenig Anerkennung von ihren Bezugspersonen bekommen, können nur schwer ein positives Selbstbild und Selbstvertrauen entwickeln (Gleißner,

2006). Die fehlende Bestätigung und das fehlende Vertrauen in alkoholbelasteten Familien können dazu führen, dass das Kind in seinem Verhalten unsicher wird und dann nicht selten Verhaltensauffälligkeiten entwickelt (Ackermann, 1983). Einige dieser besonders häufig auftretenden Auffälligkeiten bei Kindern alkoholkranker Eltern(teile) sollen im Folgenden Kapitel näher erläutert werden.

3. Auffälligkeiten bei Kindern alkoholabhängiger Eltern(teile)

Wie im vorangegangenen Kapitel erläutert, kann eine elterliche Alkoholsucht eine starke Auswirkung auf die Entwicklung betroffener Kinder haben (Gleißner, 2006). Diese Verhaltensauffälligkeiten beschränken sich dabei nicht nur auf das Kindesalter, sondern können ohne professionelle Hilfe bis ins Erwachsenenalter hinein bestehen bleiben (Winkelmann, 1990).

Bei einer empirischen Studie von Hinze und Jost (2006) konnte festgestellt werden, dass im Zusammenhang mit einer familiären Alkoholproblematik besonders häufig Schulprobleme (Leistungsversagen), negatives Sozialverhalten (aggressives Verhalten), Psychische Probleme (depressives Verhalten) und eine eigene Suchtproblematik der Kinder auftreten (Abbildungen 2a und 2b).

Abbildung 2a und 2b: Probleme des Kindes, als Folge eines familiären Alkoholproblems (Mehrfachnennungen möglich) (Hinze und Jost, 2006)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie in den Abbildungen 2a und 2b zu erkennen ist, wurden in dieser Untersuchung insgesamt 167 Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile) befragt. Es waren Mehrfachnennungen möglich. Dabei konnte festgestellt werden, dass besonders betroffene Jungen mit Störungen im Sozialverhalten reagieren (z.B. aggressives Verhalten) und

Mädchen eher zu psychischen Störungen (z.B. Depressionen) neigen (vgl. auch Steinhausen, 1984).

Im Folgenden werden die am häufigsten vorkommenden Auffälligkeiten von Kindern alkoholkranker Eltern(teile), besonders in Bezug auf Körper, Psyche und Verhalten erläutert (Elpers und Lenz, 1994). Die Themen Vernachlässigung und Misshandlung von betroffenen Kindern sind gerade in Bezug auf die Hilfemaßnahmen ausführlicher und daher gesondert, in einem eigenen Kapitel dargestellt.

3.1 Körperliche Auffälligkeiten

3.1.1 Alkohol in der Schwangerschaft

Schon seit Jahrhunderten ist bekannt, dass Alkoholkonsum während einer Schwangerschaft einen erheblichen negativen Einfluss auf einen Fötus haben kann. Es konnte bewiesen werden, dass keine andere Substanz die Entwicklung eines ungeborenen Kindes so häufig und nachhaltig schädigt, wie der Alkohol (Jones und Bass 2003). Diese massiven Schädigungen des Fötus durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft nennt man Alkoholembryopathie (AE) oder fetales Alkoholsyndrom (FAS). „Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ist die häufigste Ursache einer geistigen Entwicklungsverzögerung beim Kind, doppelt so häufig wie das Down-Syndrom und fünfmal häufiger als Spina bifida[4] .“ (Zobel 2006, S.61)

Schon in der Bibel wird vor Alkohol in der Schwangerschaft gewarnt. So heißt es im Buch der Richter 13, 3-4: „Und der Engel des Herrn erschien der Frau und sprach zu ihr: Siehe, du bist unfruchtbar und hast keine Kinder, aber du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. So hüte dich nun, Wein oder starkes Getränk zu trinken und unreines zu essen.“

In der Wissenschaft wurde die Alkoholembryopathie erstmals 1899 von Sullivan definiert, der bei alkoholsüchtigen Frauen häufigere Fehlgeburten und bei den betroffenen Kindern vermehrt Epilepsien feststellte. Erst 1973 benannten die amerikanischen Forscher Jones und Smith weitere Diagnosen und machten die Störungen zu ihrer Zeit mit der Bezeichnung -fetales Alkoholsyndrom- international bekannt (Jones et al., 1973). Nach Schätzungen der Universitätsklinik Münster gibt es in Deutschland jährlich ca. 2200 Neugeborene mit einem fetalen Alkoholsyndrom. Treten bei betroffenen Kindern

weniger starke Symptome auf, spricht man von einem Alkoholeffekt. Unter einem solchen Alkoholeffekt leiden ca. 8000 Kinder in Deutschland (Löser, 1995).

Nimmt eine Mutter in der Schwangerschaft Alkohol zu sich, gelangt der konsumierte Alkohol ungehindert durch die Plazenta zum Ungeborenen. Den Fötus erreicht dabei nahezu die gesamte Alkoholkonzentration die die Mutter aufnimmt (Löser, 2001). In der Regel wirkt sich der Alkohol so auf den Fötus aus, dass das Kind bei der Geburt kleinwüchsig, untergewichtig und kleinköpfig sein kann. Zudem kommt es häufig zu spezifischen Fehlbildungen besonders im Gesicht (vgl. Abbildung 3). Das Kind hat auffällig schmale und dünne Lippen, enge Lidspalten, ein kaum ausgeprägtes Filtrum der Oberlippe[5], eine nach vorn gewölbte Stirn und/oder einen verkürzten Nasenrücken (Löser und Hermann, 1987).

Abbildung 3: Links: Kleinkind mit deutlichen Kennzeichen einer AE im Gesicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zu beachten ist die deutlich verschmälerten Lippenwülste, das abgeflachte Mittelgesicht mit eingezogenem Lippenrot und die schmalen Lidspalten.

Rechts: Kleinkind mit deutlichen Zeichen einer AE im Gesicht.

Im seitlichen Blick typisch kovexbogige Formation des Ober- und Unterkiefers bei fliehendem Kinn, schütteres Haarwachstum (Landesstelle gegen Suchtgefahren Baden Württemberg, 1997)

Neben den in Abbildung 3 abgebildeten Merkmalen ist zudem besonders das Gehirn des Fötus und später des Kindes betroffen. „Kinder mit einer ausgeprägten Alkoholembryopathie gelten als geistig retardiert und sind in den meisten Fällen nicht zum Besuch der Regelschule in der Lage“ (Zobel 2006, S. 63)(Vgl. Abschnitt 3.1.2)

Die toxische Wirkung des Alkohols führt zu Schädigungen des zentralen Nervensystems und somit zu Leistungsschwächen am Groß- und Kleinhirn, Störungen der Grob- und Feinmotorik, des Verhaltens und der Wahrnehmung sowie anderer höher geistigen Leistungen (Zobel, 2006).

Viele betroffene Kinder entwickeln Verhaltensauffälligkeiten und benötigen eine ständige Aufsicht. Bei nur leichten Symptomen und einer guten Förderung können sich die Auffälligkeiten in der Phase des Heranwachsens verbessern oder sogar fast völlig verschwinden. Bei einigen Betroffenen bleiben die Schädigungen jedoch ein Leben lang bestehen (Löser et al., 1993).

McGovern (1995) schätzte die damit verbundenen, lebenslangen, volkswirtschaftlichen Kosten für einen Betroffenen mit einer Alkoholembryopathie auf etwa eine Million Dollar.

3.1.2 Intelligenz und sprachliche Fähigkeiten

Die zweite am häufigsten auftretende körperliche Auffälligkeit neben der Alkoholembryopathie ist ein niedriges Intelligenzniveau und eine häufig verminderte sprachliche Fähigkeit (Löser, 2001). In diesen Bereichen wurden vermehrt negative Auffälligkeiten bei Kindern alkoholkranker Eltern(teile) beobachtet. Schon seit dem 20. Jahrhundert wird eine Verbindung zwischen dem Alkoholkonsum der Eltern und den kognitiven Fähigkeiten ihrer Kinder vermutet. Jedoch konnte dies erst in den 90er Jahren in Studien (Beispielsweise von Poon et al., 2000 oder von Putter et al., 1998) belegt werden. In diesen Untersuchungen wurden die IQ-Werte von Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien den Werten unbelasteter Vergleichspersonen gegenübergestellt (Moss et al., 1995; Poon et al., 2000; Putter et al., 1998). Die IQ-Werte der Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien waren dabei signifikant niedriger als die Werte bei den Kontrollgruppen. Es wurden besonders dann verstärkt niedrige IQ- Werte festgestellt, wenn zu der Alkoholabhängigkeit der Eltern noch weitere Faktoren wie eine schlechte wirtschaftliche Lage, eine Scheidung der Eltern oder Ähnliches hinzukamen (Famy et al., 1998; Johnson und Rolf, 1988).

Manche Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft Alkohol zu sich genommen haben, leiden an einer Mikrozephalie. Darunter versteht man eine Entwicklungsstörung des menschlichen Gehirns, bei der der Kopf eine geringe Größe aufweist. Die Mikrozephalie tritt in Deutschland bei 1,6 von 1000 Kindern auf (Jones und Bass, 2003). Der Betroffene weist eine geistige Behinderung auf, deren Intensität vom Ausmaß der Fehlentwicklung abhängt. Kinder mit Mikrozephalie, haben Schwierigkeiten Reize und Informationen von außen aufzunehmen und zu verarbeiten. Dabei sind zudem feinmotorische Fähigkeiten beeinträchtigt. Betroffene Kinder benötigen mehr Zeit zum Lernen, denn die geistige und intellektuelle Hirnleistung ist eingeschränkt. Aufgrund einer meist schwachen Mundmuskulatur bei betroffenen Kindern ist zudem der Spracherwerb erschwert. Diese Faktoren führen dann sehr häufig zu Lernschwierigkeiten und nicht selten später zu Schulproblemen (Elpers und Lenz, 1994).

Die oben genannten Auffälligkeiten bei Kindern sind mögliche körperliche Auffälligkeiten, die durch den Alkoholkonsum eines Elternteils oder beider Elternteile entstehen können. Beeinträchtigungen im sowohl kognitiven als auch im sprachlichen Bereich müssen jedoch nicht ausschließlich auf körperliche Auffälligkeiten zurückgeführt werden, sondern können zum Teil auch aufgrund von Verhaltensproblemen oder psychischen Krankheiten beim Kind entstehen (Gleißner, 2006). Nicht selten liegt es auch an einer mangelnden Förderung, Betreuung und Unterstützung der Kinder aus alkoholbelasteten Familien. Im Folgenden werden einige mögliche Verhaltensauffälligkeiten und psychische Erkrankungen, die aus einer Alkoholsucht der Eltern resultieren können, weiter erläutert.

3.2 Verhaltensauffälligkeiten

In der Entwicklungspsychologie konnte nachgewiesen werden, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen gestörten Familienverhältnissen und einer kindlichen Verhaltensstörung bestehen kann. Familiäre und andere soziale Faktoren beeinflussen bedeutend die Entwicklung und das Verhalten eines Kindes (Rutter und Quinton, 1984). Wie schon zuvor ausgeführt gibt es „angeborene“, körperliche und aber auch „erlernte“ Faktoren aufgrund von Erfahrungen. Emotionale Zuwendung, Annahme, Akzeptanz, Sozialisation und Erziehung tragen in einem hohen Maße zur Entwicklung und zum Verhalten eines Kindes bei (Bandura, 1977). Die schwierigen familiären Verhältnisse in alkoholbelasteten Familien führen häufig dazu, dass betroffene Kinder keine unbelastete, altersgerechte Kindheit erleben und sie dadurch nicht selten starke Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsdefizite aufweisen (Wolin und Wolin, 1995).

Es gibt externalisierte Verhaltensauffälligkeiten (werden von der Umwelt als störend empfunden), dazu zählen ADHS und Störungen des Sozialverhaltens und es gibt internalisierte Verhaltensauffälligkeiten (werden von der Umwelt kaum wahrgenommen), wie beispielsweise Angststörungen und psychosomatische Störungen (Scheithauer und Petermann, 2002). Wie sich externalisierte Verhaltensweisen im Verlauf entwickeln können, zeigt sich in Abbildung 4.

Abbildung 4: Entwicklungsverlauf externalisierter Verhaltensstörungen (Loeber, 1990)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie die Abbildung 4 zeigt, entsteht auffälliges Verhalten nicht in einer kurzen Entwicklungsspanne, sondern weist in den meisten Fällen eine langjährige Vorgeschichte auf. Geringere Problematiken differenzieren sich immer weiter aus (z.B. Trotzverhalten kann zu Aggressionen und dann sogar bis zu einem delinquenten Verhalten führen) (Loeber, 1990). Ohne geeignete Fördermaßnahmen, Präventionshilfen oder anderen professionellen Unterstützungen bekommt ein betroffenes Kind aufgrund seiner Verhaltensdefizite häufig Schwierigkeiten. Im Folgenden werden die am häufigsten auftretenden Verhaltensauffälligkeiten erläutert.

3.2.1 Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS)

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätssyndrom) zählt, zusammen mit den Störungen des Sozialverhaltens, zu den häufigsten Störungen im Kindes- und Jugendalter. Bei vielen Kindern kommt es vor, dass sie in einigen Situationen Schwierigkeiten haben sich zu konzentrieren (Neuhaus, 2000). Auch fällt es besonders Jüngeren manchmal schwer still sitzen zu bleiben oder lange ruhig zu sein.

Kinder mit einem ADHS unterscheiden sich von den anderen dadurch, dass sie viel häufiger und in einem viel stärkeren Ausmaß auffälliges Verhalten zeigen. Sie sind besonders im Bereich der Konzentration, der Aufmerksamkeit, der Impulskontrolle und im sozialen Verhalten beeinträchtigt. Als Symptome der Störung bezeichnet man daher: Unaufmerksamkeit, Impulsivität und motorische Unruhe (Neuhaus, 2000).

Der Begriff ADHS meint Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Dieser Begriff ist gleichzusetzen mit der hyperkinetischen Störung (HKS), wie die Erkrankung in Deutschland auch häufig genannt wird. Es gibt einige Kinder, die Auffälligkeiten zeigen ohne dabei hyperaktiv zu sein, diese nennt man dann ADS Kinder (ohne das H für Hyperaktivität), häufig wird aber kein Unterschied gemacht (Neuhaus, 2000).

Das Verhalten von Kindern mit ADHS zeigt sich in vielen Situationen, aber nicht unbedingt in allen. Besonders schwierig sind Situationen, die eine lange Aufmerksamkeitsspanne der Kinder erfordern (Schule, Hausaufgaben, Mahlzeiten etc.). Symptome die sich zeigen, führen dabei zu einer deutlichen Beeinträchtigung im Leistungs- und Sozialbereich (Döpfner et al., 2000). Die Ausprägung einzelner Symptome zeigt sich bei Kindern mit ADHS in einem nicht dem Alter und Entwicklungsstand entsprechendes Verhalten. Zusätzlich können bei der Symptomatik Entwicklungsstörungen in Sprache, Lesen und Schreiben sowie Störungen des Sozialverhaltens vorkommen (Döpfner et al., 2000).

Aus den Ergebnissen einiger Studien z.B. von Christensen und Bilenberg (2001) geht hervor, dass Kinder alkoholkranker Eltern(teile) häufiger Symptome von ADHS und anderen externalisierten Verhaltensstörungen aufweisen (Christensen und Bilenberg, 2000; Wilens et al., 1996). Nicht selten zeigen sich bei den Kindern -die Folgeschäden aufgrund des Alkoholkonsums der Mutter aufweisen- ein starker Bewegungsdrang, eine gesteigerte Impulsivität und eine geringere Aufmerksamkeitsspanne.

Zobel (2001) untersuchte 326 Kinder mit einer Alkoholembryopathie. 72% der getesteten Kinder wiesen dabei auch ein ADHS auf; es gibt kein anderes Krankheitsbild mit dem das Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätssyndrom so häufig assoziiert wird (Zobel, 2001).

Ursache dafür, dass gerade Kinder alkoholkranker Eltern(teile) so oft unter einem ADHS leiden, liegt an einer defizitären Entwicklung der Hirnregionen, die für die Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin zuständig sind. Dopamin ist dafür zuständig Reize die von außen kommen zu hemmen und zu filtern. Es sorgt dafür, dass nicht jeder Außenreiz zwangsläufig wahrgenommen wird und zu einer Reaktion führt. Bei Kindern die von dieser Krankheit betroffen sind, wird durch die Störung einiger Gehirnregionen zu wenig Dopamin ausgeschüttet. Dadurch sind betroffene Kinder ständig zappelig und „ungehemmt“ (Neuhaus, 2000). Der Dopaminhaushalt im Gehirn eines erkrankten Kindes kann mit Medikamenten wie beispielsweise Ritalin ausgeglichen werden. Da diese Medikamente häufig allerdings starke Nebenwirkungen aufweisen, empfiehlt es sich andere Therapie- und Hilfemöglichkeiten anzuwenden (Neuhaus, 2000). Es gibt beispielsweise zahlreiche Übungen zur Selbstbeherrschung und mototherapeutische Übungen in denen das Kind lernt, den eigenen Bewegungsdrang zu regulieren. Es gibt in Deutschland aber nur wenige Institutionen, die Kinder zu diesen Methoden anleiten (Neuhaus, 2000).

Im Umgang mit Kindern mit einem ADHS braucht man sehr viel Geduld und Verständnis. Gerade hyperaktive Kinder sind stets motorisch sehr unruhig und dabei oft anstrengend für die Eltern. Besonders in Familien in denen ein Elternteil oder gar beide Eltern unter einer Alkoholabhängigkeit leiden, gibt es häufig zahlreiche Probleme, so dass auf ein ADHS des Kindes nicht genügend eingegangen werden kann. Dies kann dann ohne externe Hilfe dazu führen, dass sich die Symptome verschlechtern oder, dass es zu weiteren Verhaltensauffälligkeiten kommen kann (Neuhaus, 2000).

3.2.2 Störungen des Sozialverhaltens

Unter dem Begriff -Störung des Sozialverhaltens- versteht man eine externalisierte Verhaltensstörung eines Kindes, wie zum Beispiel dissoziales, aggressives Verhalten, oppositionelles Verhalten, Schwierigkeiten soziale Beziehungen aufzubauen, Delinquenz bis hin zur Kriminalität (Gleißner, 2006).

In der Studie von Scheithauer und Petermann (2002) konnte festgestellt werden, dass Kinder alkoholkranker Eltern(teile) häufig Störungen des Sozialverhaltens aufweisen (Vgl. z.B. auch Christensen und Bilenberg, 2000). NACOA Deutschland (die Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien) benennt eine Reihe von auftretenden Störungen bei betroffenen Kindern und Jugendlichen folgendermaßen: „Mangel an Empathie für andere Personen, ein eingeschränktes Empfinden für sozial angemessenes Verhalten und geringe soziale Anpassungsfähigkeit, geringe Selbstachtung und ein Mangel an Kontrolle über das Umfeld.“[6]

Besonders Söhne alkoholkranker Eltern(teile) sind sehr anfällig für Störungen des Sozialverhaltens. Sie zeigen besonders häufig aggressives und oppositionelles Verhalten, das sogar bis hin zu einem kriminellen Verhalten gehen kann (Carbonneau et al., 1998). Nicht selten werden diese betroffenen Kinder später selbst alkoholabhängig (King und Chassin, 2004).

Die Entstehung und der Verlauf von Störungen des Sozialverhaltens werden stark von den familiären Umständen beeinflusst. Remschmidt (1992) zeigte, dass bei 70-80% der Kinder mit einer Störung des Sozialverhaltens eine gestörte Familienumwelt vorzufinden ist. Dies erklärt, weshalb diese besonders häufig bei Kindern alkoholabhängiger Eltern(teile) auftreten.

Störungen des Sozialverhaltens lassen sich nur sehr schwer von Hilfsangeboten auffangen und gelten daher als besonders problematisch. Häufig liegen die Probleme bei der Frage der Zuständigkeit (Hinze und Jost, 2006). Meist ist unklar, ob die Fälle der Jugendhilfe, der Jugendpsychiatrie oder sogar der Suchthilfe zugeordnet werden sollten. Dadurch erhalten betroffene Kinder und Jugendliche erst sehr spät oder gar keine passende Hilfe (Hinze und Jost, 2006). Hinzu kommt, dass Störungen des Sozialverhaltens überwiegend über Jahre erlernte Verhaltensweisen sind und betroffene Personen diese nur sehr schwer wieder ablegen können. Daher ist die Prognose für die Entwicklung eher schlecht und die Störung bleibt oft bis ins Erwachsenenalter bestehen (Winkelmann, 1990). Wie bereits erwähnt, sind dadurch besonders Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile) anfällig, im Jugend- oder Erwachsenenalter selbst abhängig zu werden (blaues Kreuz e.V., 2004).

3.2.3 Schulische Probleme

In einigen Studien (u.a. von Poon et al., 2000; Putter et al., 1998; Moss et al., 1995) konnte ein signifikanter Zusammenhang zwischen einer elterlichen Abhängigkeit und den schlechten schulischen Leistungen der betroffenen Kinder festgestellt werden. Besonders weisen betroffene Jugendliche häufigere Fehlzeiten auf als die Kinder nicht betroffener Mitschüler. Zwar unterscheiden sie sich nicht von Gleichaltrigen ohne alkoholabhängige(n) Eltern(teil) beim Erreichen des Schulabschlusses, allerdings brauchen sie mehr Unterstützung während ihrer schulischen Laufbahn (Nachhilfe, Schulpsychologe etc.) und sie wiederholen häufiger ein Schuljahr (Knop et al., 1985).

Viele schulische Probleme entstehen in diesem Falle aufgrund der schwierigen familiären Situation. Nicht selten kommt es in betroffenen Familien zu häufigen Umzügen und damit einhergehend auch zu ständigen Schulwechseln, sodass die Schulprobleme oft auch mit den schwierigen äußeren Bedingungen in einer Alkoholikerfamilie zusammenhängen kann (Zobel, 2006).

Ein besonderes Problem besteht darin, dass Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile) häufig nicht die notwendige Förderung erhalten. Dadurch sind sie weniger leistungsfähig als andere gleichaltrige Kinder und oft in ihrer Ausdrucksweise nicht altersgemäß entwickelt. Auch in diesem Bereich könnten Fachkräfte mit ihren Hilfeangeboten anknüpfen (Hinze und Jost, 2006).

3.3 Psychische Auffälligkeiten

Zu den schon erläuterten Auffälligkeiten von Kindern alkoholkranker Eltern(teile) kann es zudem noch zu verschiedenen psychischen und psychiatrischen Auffälligkeiten kommen. NACOA Deutschland führte eine Untersuchung mit Kindern, die aufgrund psychischer Störungen stationär untergebracht waren durch in der sich zeigte, dass 50% der betroffenen Kinder mindestens einen Suchtkranken Elternteil hatten (www.nacoa.de).

Im Folgenden werden die am häufigsten auftretenden psychischen Auffälligkeiten bei Kindern alkoholabhängiger Eltern(teile) weiter erläutert.

3.3.1 Depression und Angststörung

Angststörungen und Depressionen sind bei Kindern und Jugendlichen zusammen mit ADHS die am häufigsten auftretenden psychischen Störungen (Döpfner, 2000). Angststörungen beispielsweise haben eine Prävalenzrate von etwa 10% (Petermann et al., 2002). Im ICD10 werden verschiedene „emotionale Störungen im Kindesalter“ unterschieden (Dilling et al., 1993). So wird zwischen Trennungsangst (Angst vor Trennung von Bezugspersonen), phobischer Angst (Befürchtungen vor Situationen oder Objekten), ausgeprägter Geschwisterrivalität (Konkurrenz bis hin zur Feindseligkeit) und sonstigen emotionalen Störungen (Identitätsstörung, Rivalität, Überängstlichkeit) unterschieden. Die Störungen sind zudem nicht Bestandteil der normalen psychosozialen Entwicklung, sondern gelten als altersunangemessenes Verhalten und sind mit erheblichen sozialen Beeinträchtigungen verbunden. So haben Kinder mit Angststörungen weniger Kontakte zu Gleichaltrigen und weisen vermehrt schulische Probleme auf (Petermann et al., 2002).

Neben den Angststörungen können bei Kindern auch Depressionen auftreten. Im ICD 10 werden verschiedene Formen von depressiven Störungen aufgelistet. Dort wird zwischen depressiven Episoden, depressiven Störungen, sowie affektiven Störungen unterschieden. Bei den affektiven Störungen geht eine Veränderung der Stimmung oft mit belastenden Lebensereignissen oder Situationen einher (Zobel, 2006).

In einer depressiven Phase weist ein Kind eine gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Freudlosigkeit und eine Verminderung des Antriebs auf. Es kommt zu verstärkter Müdigkeit und die allgemeine Aktivität ist eingeschränkt. Im ICD 10 wird zwischen leichten, mittelgradigen und schweren depressiven Episoden unterschieden (Dilling, 1993).

Ergebnisse verschiedener Studien ergaben, dass Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile) häufiger die erläuterten Symptome von internalisierten psychischen Störungen (Angststörung und Depression) aufweisen als Kinder aus den Kontrollgruppen (vgl. z.B. Chassin et al., 1991; Christensen und Bilenberg, 2000). Auslöser für eine dieser psychischen Störungen sind häufig belastende Lebenssituationen - was daher auch das vermehrte Vorkommen dieser Symptome bei Kindern alkoholabhängiger Eltern(teile) erklärt (Gleißner, 2006).

Besonders häufig treten Angststörungen und Depressionen bei Kindern alkoholabhängiger Eltern(teile) während einer „Trinkphase“ des Süchtigen auf (Zobel, 2006). Während abstinenter Phasen des abhängigen Elternteils hingegen gehen die Symptome bei den Kindern oft zurück (Chassin et al., 1991; Moos und Billings, 1982). Auch dies ist ein Indiz dafür, dass sich die elterliche Sucht negativ auf die Kinder auswirkt. Jedoch ist es wichtig bei der Betrachtung der Auffälligkeiten die gesamte familiäre Situation nicht außer Acht zu lassen (Zobel, 2006). Die familiäre Vorbelastung spielt neben der Alkoholabhängigkeit ebenfalls eine große Rolle (Preuss et al., 2002). Es können beispielsweise weitere innerfamiliäre Probleme auftreten, wie elterliche Konflikte, eine schlechte wirtschaftliche Lage, Scheidung der Eltern oder Stiefelternkonstellationen, die die Intensität und den Verlauf der Angststörungen oder der Depressionen der betroffenen Kinder zusätzlich beeinflussen (Zobel, 2006).

3.3.2 Psychosomatische Störungen

Unter einer psychosomatischen Störung versteht man psychische Probleme, die sich in körperlichen Beschwerden ausdrücken. Der Begriff Psychosomatik ist abgeleitet vom griechischen, die Psyche (Seele) und Soma (Körper) (Schrader, 2010). Darunter versteht man die Lehre von den Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche. Wenn die Psyche mit der Bewältigung eines Konfliktes überfordert ist, wird bei dieser Störung der Konflikt auf die körperliche Ebene übertragen. Dies ist häufig dann der Fall, wenn belastende Gefühle schlecht ausgedrückt werden können, dadurch entstehen körperliche Erregungen die nicht abgeführt werden und die den Körper belasten und somit zu Erkrankungen des Körpers führen können (Schrader, 2010). Psychosomatische Störungen können eng mit funktionellen Beschwerden wie Kopfschmerzen,

Durchfall und Kreislaufschwäche verbunden sein. Sie gehören mit zu den häufigsten Beschwerden. Das Risiko eine solche Störung auszubilden steigt deutlich an, wenn bedeutende Einschnitte im Leben eine schnelle Anpassung an neue Lebensbedingungen erfordern. (Schrader, 2010)

NACOA Deutschland konnte in Untersuchungen zeigen, dass die „Anzahl und Dauer stationärer Krankenhausaufenthalte (...) bei Kindern aus alkoholkranken Familien zwischen 25 und 29% höher als bei Kindern nicht alkoholkranker Eltern“ ist.[7]

Einige Studien ergaben zudem, dass Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile) deutlich häufiger einen Arzt aufsuchen und fast doppelt so viele körperliche Beschwerden haben als Kinder aus den Kontrollgruppen (Roberts und Brent, 1982; Biek, 1981). Besonders Mädchen haben häufige somatische Beschwerden und weisen vermehrt körperliche Probleme auf (Roberts und Brent, 1982).

Chandy et al. (1994) stellte fest, dass besonders Jugendliche alkoholkranker Eltern(teile) ein vermehrtes Auftreten von einem gestörten Essverhalten aufweisen. Zudem liegt die Anzahl der diagnostizierten psychosomatischen Störungen bei betroffenen Kindern höher als bei Kindern nicht abhängiger Eltern(teile) (Nylander, 1960; Steinhausen et al., 1982). Warum gerade bei Kindern alkoholkranker Eltern(teile) häufiger psychosomatische Störungen auftreten, ist nicht genau bekannt. Allerdings weiß man, dass somatische Probleme häufig bei Personen auftreten, die Schwierigkeiten haben mit der Bewältigung von Konflikten und unter einem großen inneren Druck stehen und die durch ihre Symptome ihre psychischen Probleme zum Ausdruck bringen. Dies könnte somit auch das vermehrte Auftreten bei belasteten Kindern alkoholkranker Eltern(teile) erklären (Mörder, 2009).

3.4 Risiko einer Suchtentwicklung

Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile) tragen in erhöhter Weise das Risiko in sich, selbst eine Sucht zu entwickeln (Barnow et al., 2002). Die Gefahr betroffener Kinder im Erwachsenenalter selbst Alkohol missbräuchlich zu konsumieren, ist sechsmal höher als bei Kindern deren familiärer Hintergrund nicht von einer Alkoholsucht geprägt ist (Sher, 1991; Lachner und Wittchen, 1997; Zobel, 2006). Wie Tabelle 1 zeigt, konnte durch eine amerikanische Übersichtsstudie festgestellt werden, dass etwa 30% der erwachsenen Kinder aus alkoholbelasteten Familien selbst eine Abhängigkeit entwickelten. Bei den Kontrollgruppen liegt der Wert bei 4,7% (Cotton, 1979).

Tabelle 1: Häufigkeit von elterlicher Alkoholabhängigkeit bei alkoholabhängigen Patienten und klinischen Kontrollgruppen (Cotton, 1979)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Besonders gefährdet sind betroffene Kinder, wenn beide Elternteile alkoholabhängig sind/waren, die Abhängigkeit von den Eltern/dem Elternteil nicht überwunden werden kann oder wenn neben der Sucht zusätzlich noch andere psychische Störungen bei den Eltern auftreten (Lachner und Wittchen, 1997). Außerdem kommt ein erhöhtes Risiko -eine eigene Sucht zu entwickeln- hinzu, wenn das Kind selbst eine Verhaltensstörung oder eine andere psychische Störung (besonders Angststörung, Depressionen, Hyperaktivität) aufweist (Baer et al., 1998).

Das erhöhte Risiko von Kindern alkoholabhängiger Eltern(teile) selbst an einer Sucht zu erkranken, legt den Schluss nahe, dass genetische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Die oben genannten Studien belegen, dass der genetische Faktor durchaus eine Rolle spielt, zudem aber Variablen wie die familiäre Umwelt und Sozialisationsfaktoren hinzukommen (Maier, 1997).

Nicht selten entwickeln Kinder suchtkranker Eltern(teile) neurotische Symptome, das heißt sie neigen dazu Beziehungen mit einem suchtkranken Partner einzugehen. Dabei setzen sie bekannte Muster aus ihrer Kindheit fort und können an erlernten Rollen auch im Erwachsenenalter weiter festhalten (Winkelmann, 1990).

Besonders Söhne alkoholabhängiger Väter zeigen ein erhöhtes Konsumverhalten und eine stärkere Anfälligkeit für Alkohol (Steinhausen, 1984). Dies kann sowohl an der genetischen Ausstattung liegen, als auch an dem erlernten Rollenverhalten aus ihrer Kindheit (häufig dient der Vater als Vorbild für den Sohn). Zudem wurde in mehreren Studien nachgewiesen, dass Söhne von Alkoholikern eine höhere Alkoholmenge ohne weiterführende Probleme oder Schwierigkeiten konsumieren können als Personen aus den Vergleichsgruppen (Steinhausen, 1984).

Untersuchungen (z.B. von Gontard, 1990) zeigen, dass Kinder Resilienzen entwickeln können. Dadurch sind sie in der Lage trotz schwieriger familiärer Situationen in alkoholbelasteten Familien, eine stabile und belastbare Persönlichkeit auszubilden und sie sind somit weniger gefährdet selbst eine Sucht zu entwickeln (Gontard, 1990). Auch in diesem Punkt können Fachkräfte betroffene Kinder frühzeitig unterstützen, aufklären und somit gegen eine Suchtentwicklung vorbeugen (vgl. Kapitel 5.5).

Zusammenfassend kann man sagen, dass viele Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile) im Laufe ihrer meist problematischen Kindheit Auffälligkeiten entwickeln können (Lindskey et al., 1994). Grund dafür kann sein, dass jene ohne dies zu verstehen merken, dass in ihren Familien etwas nicht stimmt und sich ihr Zuhause von dem anderer Kinder unterscheidet. Aufgrund ihres Alters sind betroffene Kinder allerdings meist noch nicht in der Lage das eigentliche Problem zu erfassen (Ehrenfried et al., 2000).

Dies führt nicht selten dazu, dass sie sich hilflos und verwirrt fühlen, sich sozial isolieren und verschiedene Verhaltensauffälligkeiten entwickeln (Lindskey et al., 1994).

Da betroffene Kinder zudem selten eine Rückmeldung von ihren Eltern bekommen ob ihre Verhaltensweisen situations- und altersgerecht sind, können sie selbst keine Vorstellung davon bekommen welche Gefühle, Gedanken oder Verhaltensweisen angemessen sind (Quast, 2006). Durch Unsicherheiten, die sich aus diesen Umständen entwickeln, kommt es schnell zu Verhaltensauffälligkeiten.

Kinder alkoholabhängiger Eltern(teile) brauchen daher Bezugspersonen, die ihnen ein Vorbild sind, denn die Eltern sind meist nicht im Stande dem Kind ein angemessenes und gesellschaftlich anerkanntes Rollenverhalten vorzuleben (Quast, 2006).

Insgesamt lässt sich zusammenfassen, dass soziale Faktoren -somit auch eine Alkoholsucht der Eltern / eines Elternteils sehr stark die Entwicklung und das Verhalten betroffener Kinder beeinflussen (Lindskey et al., 1994).

Geeignete Fördermaßnahmen sowohl innerhalb der Familie als auch durch professionelle Hilfeangebote können vorbeugen und zu positiven Veränderungen bestimmter korrigierbarer Entwicklungs- und Verhaltensdefizite beitragen (dazu mehr in Kapitel 5 und 6).

[...]


[1] DSM IV: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen), 4. gültige Ausgabe

[2] ICD 10: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, 10. gültigeAusgabe

[3] Selbsthilfegruppen für Alkoholabhängige und deren Angehörige

[4] Spina bifida: „Offener Rücken“ - Durchschnittlich tritt Spina bifida in Europa bei einem von 1.000 Kindern auf.

[5] Krater“ zwischen Oberlippe und Nase

[6] www.nacoa.de - download vom 10.06.2011

[7] Entnommen aus der Broschüre „Kinder aus suchtbelasteten Familien“ von NACOA Deutschland

Details

Seiten
100
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656120674
ISBN (Buch)
9783656121558
Dateigröße
3.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188298
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,3
Schlagworte
Alkoholabhängigkeit Co-Abhängigkeit fetales Alkoholsyndrom Suchtprävention Prävention

Autor

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Titel: Kinder alkoholabhängiger Elternteile