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Männliche Emotionalität und ihre Auswirkungen auf das Verständnis der Vaterrolle

Seminararbeit 2011 12 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ökonomische Situation und Gefühle

2. Der emotionale Zusammenhang zwischen der Männer- und Vaterrolle
2.1 Das Bild vom alten Mann und seiner Gefühlswelt
2.2 Die Sensibilität des neuen Mannes und deren Einfluss auf die Vaterrolle

3. Die Vaterrolle in Regenbogenfamilien

4. Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Ökonomische Situation und Gefühle

Das Bild von einem autoritären Vater war bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts einerseits durch die geschlechterspezifische Kategorisierung der Emotionen geprägt - zu männlichen Gefühlen wurden Gefühle der Wut, des Zorns und der Raserei, und zu weiblichen die Gefühle der Sanftmut, der Liebe und des Mitleids gerechnet1 - und andererseits durch die aus der geschlechterspezifischen Trennung zwischen dem privaten (weiblichen) und öffentlichen (männlichen) Bereich2 resultierenden Erwartung an Männer, ihre Gefühle zu disziplinieren, begann sich mit der Aufklärung zu wandeln. Einerseits lag dies daran, dass die Position des Individuums gegenüber der Gesellschaft und der tradierten gesellschaftlichen Erwartungen zunehmend kritisiert, d.h. die Geltungsreichweite der kollektiven Moral von intellektueller Elite zunehmend in Frage gestellt wurde. Andererseits lag das, wie Edward Shorter in seiner Untersuchung der ehelichen Verhältnisse in Frankreich mit Einbeziehung auch der Entwicklung in Deutschland zwischen 1750 und 1850 zeigt, auch daran, dass die „emotionale Erstarrung“ nicht nur das Ergebnis der gesellschaftlichen Erwartungen war, sondern dass „die kümmerliche Situation des Handels“ sowie „die Mittelmäßigkeit des privaten Vermögens“ die Vernachlässigung individueller Gefühlswelten bedingten.3 Die Tatsache, dass „die große Woge des Gefühls [...] zuerst die Städte und den Mittelstand und erst später die Landbevölkerung und die untere Schicht“4 ergriffen hatte, weist also darauf hin, dass die zunehmende Verbesserung individueller wirtschaftlicher Verhältnisse, d.h., die Reduzierung der ökonomischen Abhängigkeit ein wichtiger Grund für die Minimierung des Einflusses kollektiver Moralvorstellungen auf das Gefühlsleben der Menschen im Allgemeinen und der Männer im Besonderen war. Dieser Einfluss wirkte sich in Bezug auf den Wahrnehmungs- und Bewusstseinswandel männlicher Emotionalität jedoch nur indirekt und womöglich auch langsamer aus. Da das emotionale Erleben der Vaterrolle auch einen Austausch der bestehenden Rollen zwischen Mann und Frau zur Voraussetzung hatte, wurde dies erst durch die stärkere Einbeziehung der Frau in das öffentlich tätige Leben erfüllt, wodurch die Möglichkeit für die Überwindung der ‚emotionalen Erstarrung’, die die Männer von der Ehefrau und von den Kindern emotional isolierte, und damit verbunden für die Entwicklung hin zu einem gefühlsbetonten Vaterrollenverständnis durch die Männer geschaffen wurde.5

Ausgehend von diesen einführenden Bemerkungen zur Abhängigkeit der Präferrierung emotionalen Handelns von wirtschaftlichen Verhältnissen, soll in der vorliegenden Arbeit der Versuch unternommen werden, aufzuzeigen, dass die durch Veränderung ökonomischer Situation in Gang gesetzte Marginalisierung geschlechtspezifischer Gefühlskategorisierung zur Überwindung der klassischen Vaterrolle des pater familias und zur Hervorhebung der bestimmenden Bedeutung der sozialen über die natürliche Vaterschaft führt.

2. Der emotionale Zusammenhang zwischen der Männer- und Vaterrolle

2.1 Das Bild vom alten Mann und seiner Gefühlswelt

Dass die Gefühle nicht nur „Trajektoren kollektiver, öffentlicher Welterfahrung und Weltveränderung“6 sind, die die individuellen Wandelsprozesse in gesellschaftliche übersetzen und vice versa, sondern dass sie sich durch deren körperliche Manifestierung auch auf das soziale Handeln deren Träger, d.h. auf deren Rollenverständnis auswirken, wodurch sie gleichzeitig zum sichtbaren Impuls und zum Beweis des Wandels werden, hat bereits Georg Simmel zutreffend beschrieben. Die emotionalen Handlungsgrundlagen seien, so Simmel, deshalb bedeutende Komponenten jenes Wechselspiels von Wirkungen, die die Entstehung und Wandel der Gesellschaft sowohl begleiten als auch in gewisser Hinsicht bedingen, weil ihre Wirkungsmacht stets einem natürlichen Bedürfnis bzw. einer natürlich sozialen Notwendigkeit entspringe.7 In der wechselseitigen Abhängigkeit bzw. „gegenseitige[n] Beeinflussung“8 der Menschen zeigt sich, dass die derselben zugrunde liegenden Gefühle ein steter Impulsgeber der Rollenanpassung und damit eine dauerhafte Korrekturherausforderung sozialen Handelns sind bzw. sein können. Sowie die „Manig- faltigkeit der Familienformen“9 das Ergebnis der unterschiedlichen Realisierung eines gleichen Inhalts sein kann, kann die private und auch vor allem lange Zeit öffentlich geführte Diskussion zur Frage der Begründung geschlechterspezifischer Gefühlskategorisierung am Beispiel des Verständniswandels der Vaterrolle als entwicklungsgeschichtlicher Indikator, und zwar als Gradmesser für die gesellschaftlich erwartete Gefühlsbegrenzung betrachtet werden, sowie die von den die Vaterrolle tragenden Personen und Gesellschaft zusammen geforderte und geförderte Ausweitung der Vatergefühle als Ausdruck einer Vielfalt der Vaterrollenformen, wobei hinter der Vielfalt in diesem entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang die materiale Einheit einer zunehmende Marginalisierung geschlechterbetonten Gefühlstrennung steht bzw. sich hinter dieser zu verbergen scheint.

Das Vaterrollenverständnis ist notwendig als ein „Produk[t] des Gefühlslebens“10 zu sehen. Trotz der Diskrepanz zwischen privater und öffentlicher Vorstellung und die lange Dominanzphase des öffentlichen, unter anderem auch religiös konnotierten und tradierten Vaterrollenverständnisses sowie der diesem zugrunde liegenden Annahme, dass männliche Emotionen nicht über den Zwangscharakter einer widernatürlichen Negation von Elternge- fühlen hinausgehen, verrät der Blick auf die männliche konnotierte Gefühlsvorstellung, dass und auf welche Weise die Männer/Väter emotional in die Familie einbezogen waren. Die ab 1800 langsam einsetzende Beteiligung der Frauen am martkwirtschaftlichen System und die damit verbundene Entstehung materieller Eigenständigkeit, die auch zur Emotionalisierung individueller Glücksvorstellungen von Frauen führte - anstelle der Erfüllung ausschließlich gesellschaftlicher Erwartungen traten der Wunsch nach Selbständigkeit und nach emotionaler Befriedigung durch das partnerschaftliche und familiäre Leben11 - begann sich, Simmels Auffassungen von der ‚Wechselwirkung’ folgend, (auch) auf das (Selbst-) Verständnis der Männer und ihrer Rollen auszuwirken. Die ersten Anzeichen eines Wandels deuteten sich schon in der Verlagerung der Bestimmung des Gefühlsumfangs männlicher Emotionalität auf den Umgang mit diesen, d.h., es vollzog sich bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Beschränkung männlicher Emotionalität auf aggressive Gefühle dahingehend ein Wandel, dass die Zuordnung von allen Gefühlsarten mehr und mehr auch Männern möglich war, aber dass das typisch Männliche darin bestehe, dass der Mann allen Gefühlen diszipliniert entgegen zu treten habe, wie das folgende Zitat über die Gefühlshaltung von Bismarck belegt:

Ich habe nie empfunden, daß er [Bismarck E.M.] einem Gegner volle Gerechtigkeit hat widerfahrenlassen. Dazu war er zu leidenschaftlich, zu kampfeslustig. Bei aller Kraft der Erregbarkeit seines Temperaments blieb doch ein kühler Realismus der Grundzug seines Wesens. Er sah die Dinge, wie sie wirklich sind, unbeeinblußt durch schwächliche Empfindsamkeit. Er mag die ganze Skala der Gemüthsbewegungen durchgemacht haben und zwar mit der vollen Wucht seiner Persönlichkeit ('ich habe nicht schlafen können, ich habe die ganze Nacht gehaßt', sagte er mir eines Morgens) - ich glaube aber nicht, daß er jemals sentimental oder pathetisch geworden ist.12

[...]


1 Vgl. Barutta/Verheyen, Vulkanier und Choleriker?..., S. 11 f.

2 Vgl. Frevert, Angst vor Gefühlen?..., S. 95 ff.

3 Shorter, Die Geburt der modernen Familie, S. 79.

4 Ebd, S. 79.

5 Ebd., S. 84 ff.

6 Frevert, Angst vor Gefühlen?..., S. 102.

7 Vgl. Simmel, Soziologie..., S. 17 f.

8 Ebd., S. 19.

9 Ebd., S. 21.

10 Ders., S. 30.

11 Vgl. Shorter, Die Geburt der modernen Familie, S. 292 ff.

12 Christoph v. Tiedemann, ehemaliger Leiter der Reichskanzlei unter Bismarck, zitiert nach Borutta/Verheyen, Vulkanier und Choleriker?..., S. 11].

Details

Seiten
12
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656119425
ISBN (Buch)
9783656119814
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188274
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Vaterrollen Männer und Emotionen Emotionalität und Elternschaft Mann und Familie

Autor

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Titel: Männliche Emotionalität und ihre Auswirkungen auf das Verständnis der Vaterrolle