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Kunstreligion. Schleiermacher, Hegel und Habermas im Vergleich

Seminararbeit 2007 17 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Das Kunstvermögen nach Schleiermacher

3. Hegels und Schleiermachers Betrachtungen des Zusammenhanges zwischen Kunst und Religion
3.1 Das Sinnliche - im Vergleich bei Hegel und Schleiermacher
3.2 Kunstreligion als Zeichen der Autonomie von Kunst und Religion

4. Kunst und Religion in Folge des Rationalisierungsprozesses bei Habermas
4.1 Die (Un-)Fähigkeit der Kunst die Religion zu ersetzen
4.2 Moral als Nachfolgerin der Religion

5. Fazit

6. Literatur

1.Einleitung

„Ein Ausweg aus diesem methodischen Dilemma könnte nur dann gefunden werden, wenn es gelänge, ein Moment aufzuweisen und zu ergreifen, das sich in jeder geistigen Grundform wieder findet und das doch andererseits in keiner von ihnen in schlechthin gleicher Gestalt wiederkehrt. Dann ließe sich im Hinblick auf dieses Moment der ideelle Zusammenhang der einzelnen Gebiete […] des Ästhetischen und des Religiösen - behaupten, ohne daß in ihm die unvergleichliche Einheit einer jeden von ihnen verloren ginge.“1

Es liegt die Vermutung nahe, dass es gerade diese(s) von Cassirer erwähnte Moment war, das zur Grundlage für die begriffliche Konstruktion einer Kunstreligion erklärt wurde. Die vorliegende Arbeit widmet sich in einer vergleichenden Untersuchung der Darstellung des gedachten Zusammenhangs zwischen der Kunst und Religion bei Schleiermacher und Hegel, die ein jeweils eigenes Konzept der Kunstreligion vorgelegt hatten, dass sich in vielen Punkten voneinander unterschied und in einigen wenigen, wie der impliziten Annahme einer Autonomie der beiden Gebiete, miteinander in Übereinstimmung stand. Das Kunstvermögen bei Schleiermacher zum Ausgangspunkt nehmend wird im 2. und 3. Abschnitt Schleiermachers verbindender Ansatz der Religion mit der Kunst mit dem von Hegel verglichen um dann 4. mit der Betrachtung der Verhältnisse zwischen Kunst, Moral und Religion bei Jürgen Habermas abzuschließen.

Dieser gesamten Arbeit wird die These vorangestellt, dass mit dem Bedeutungsverlust der Religion eine Differenzierung von Wertanschauungen verbunden ist, die zur Ausbildung von selbständigen Bereichen führt, welche die funktionale Bedeutung von Normenbegründung der Religion zum Teil kompensieren.

2. Das Kunstvermögen nach Schleiermacher

„Ein Individuum der Religion, wie wir es suchen, kann nicht anders zu Stande gebracht werden, als dadurch, daß irgend eine einzelne Anschauung des Universums aus freier Willkür […] zum Centralpunkt der ganzen Religion gemacht, und Alles darin auf sie bezogen wird.“2 Was Schleiermacher hiermit andeutet ist, dass die Ausbildung einer Religion jedes Individuums der Entstehung von Kunstwerken gleicht, weil sich im Kunstwerk, in der Innerlichkeit des Künstlers, die unmittelbare Wirkung der Anschauung manifestiert, d.h. der Endlichkeit der Weg zur Unendlichkeit geöffnet wird.3 Die Notwendigkeit, dass ″Alles darin auf die Religion bezogen″ werden sollte, ergibt sich für Schleiermacher aus dem Unvermögen der Rationalität, die in ihrer dominierenden Stellung das gegenwärtige Grundproblem seiner Zeit darstellte, die ″Sehnsucht″ nach der Erzeugung des religiösen Gefühls zu stillen. Das Unvermögen liegt darin begründet, dass alle ‚Gefühle, die der praktischen Notwendigkeit’ entbehren, als unnütz abgetan und möglichst wirkungsvoll unterdrückt werden, wodurch das Vorhandensein einer „angeboren(en) religiösen Anlage“4 in jedem Menschen nicht anerkannt bleibt. Zwar erzeugt die Rationalität eine Bewegung zur Erregung von Gefühlen der Unendlichkeit, jedoch ist das “Gefühl der Religion“ darin nur in seinem „Schematismus“5 erfasst. Dies wiederum bedeutet, dass die Unendlichkeit, wenn auch zum Licht am Ende des Tunnels erklärt, nur für den praktischen Nutzen instrumentalisiert wird, d.h. die Unendlichkeit zu erreichen ist, Schleiermacher zufolge, von der Rationalität nicht beabsichtigt, weshalb das erzeugte Gefühl nicht mit dem ″Gefühl der Religion″ gleichzusetzen ist. „[…] so ist das Unendliche nicht das Ziel, dem sie zufliegt, um daran zu ruhen, sondern wie das Merkzeichen am Ende einer Rennbahn nur der Punkt, um welchen sie sich, ohne ihn zu berühren, mit der größten Schnelligkeit herumbewegt, um nur je eher je lieber auf ihren alten Platz zurückkehren zu können.“6

3. Hegels und Schleiermachers Betrachtungen des Zusammenhanges zwischen Kunst und Religion

Differenzierend zwischen drei verschiedenen Wegen zur Religion, der „Selbstbetrachtung, Weltbetrachtung und dem Kunstsinn“7, versucht Schleiermacher aufzuzeigen, dass es die Fähigkeit der „Göttin“8 Kunst ist, die sowohl die Anschauung des Selbst, die auf das Innere bezogen den Stellenwert der Äußerlichkeit verkennt, als auch die Anschauung der Welt, die im Äußeren verweilend der Innerlichkeit entbehrt, zur Wahrnehmung „des Unendlichen in seiner Allgegenwärtigkeit“9 möglich macht. Die Kunst besitzt das Vermögen „beides (zu) verbinde(n), indem der Sinn, in ein stetes hin und her Schweben zwischen beiden versetzt, nur in der unbedingten Annahme ihrer innigsten Vereinigung Ruhe findet […].“10

Während die Kunst, die ″Selbstanschauung″ auf ihrem Weg zur Religion begleitend, die Ichbezogenheit durch das ″Verschwinden″ des Ichs in die Unendlichkeit als die Quelle desselben überführt, wirkt sie auf die ″Weltanschauung″ dahingehend, dass sie die Grenze der äußeren Welt durch das Aufzeigen des Vorhandenseins äußerer Wirklichkeit auch im Inneren auflöst und, die Endlichkeit in Unendlichkeit verwandelnd, die Weltanschauung auch zur Religion überführt. Dass Schleiermacher in den Künstlern die „Retter und Pfleger der Religion“11, und somit in der Kunst die Zukunft der Religion erblickt, darf nicht als eine Privilegierung der Kunst gegenüber der Religion verstanden werden oder als Entstehung einer unzertrennlichen Einheit aus Kunst und Religion. Die Kunst ist für Schleiermacher nur ein Weg zur Religion und nicht bereits die Religion selbst. „Als religiöse steht die Kunst in einem dienenden Verhältnis zur Religion und richtet sich nach deren jeweiliger Bestimmtheit.“12

Hegel hingegen räumt der ″Kunst-Religion″ den Charakter einer eigenständigen Religion ein, da in der ″Kunst-Religion″, die er historisch in die griechische Kulturepoche einordnet, der Mensch sich durch die menschliche Darstellung der Götterbilder der einheitlichen, menschlich-göttlichen Natur des absoluten Geistes bewusst wird. − die Einheit der Kunst und Religion auf die Hegels ″Kunst-Religion″ hindeutet, beruht auf dem Geist als beiden immanentes Element, das die Kunst und Religion vereinheitlicht; die künstlerische Erfassung des göttlichen im menschlichen Wesen, die sowohl im Tätigsein als auch im Werk des Künstlers vollzogen wird, ist ein Akt der Vergemeinschaftung, also der Religion. „Die religiös aufgefaßte Substanz [nimmt] das Aussehen des Bewusstseins an und erscheint als menschlich gestalteter Himmel, der so dem tätig bewussten Geist ein Spiegel seiner selbst sein kann […].“13

In Schleiermachers Reden Über die Religion wiederum wird nicht nur aus der Betitelung der dritten Rede Über die Bildung der Religion, in der das Verhältnis zwischen Kunst und Religion behandelt wird, sondern auch aus der historischen Einbettung der ″Selbstanschauung″ in „das Geschäft des uralten morgenländischen Mystizismus“ und der ″Weltanschauung″ in „das vielgöttrige Ägypten“14, die eigentliche Funktion der Kunst in seinem Denken ersichtlich. „Sie (Selbst-und Weltanschauung) zusammenzuleiten und in einem Bett zu vereinigen, das ist das Einzige, was die Religion auf dem Wege, den wir gehen, zur Vollendung bringen kann, das wäre eine Begebenheit, aus deren Schoß sie bald in einer neuen und herrlichen Gestalt besseren Zeiten entgegengehen würde.“15 Die Kunst soll also die Religion nur zur ″Vollendung bringen″ und nicht selbst zur Religion werden. Die mit dem Begriff der Kunstreligion suggerierte Einheit der Kunst und Religion bei Schleiermacher bezieht sich also darauf, dass die Kunst dem durch die Rationalität bedingten Bedeutungsverlust der Religion entgegenwirkt, in dem sie durch das Aufzeigen des Unendlichen hinter der Beschränkung des Endlichen „die gesperrte Gemeinschaft wieder eröffnet“16 und dadurch zu einer Wiedererweckung der Religion führt. Zentrale Annahme Schleiermachers ist, dass die Kunst der Religion deshalb ″dienen″ kann, weil sie in einer Verwandtschaftsbeziehung der „schwesterlichen Treue“17 zu dieser steht.

[...]


1 Cassirer, Ernst, Philosophie der symolischen Formen. Erster Teil. Die Sprache, Brunno Cassirer Oxford 1954, S. 16

2 Schleiermacher, Friedrich zitiert nach Müller, Ernst, Ästhetische Religiosität und Kunstreligion. In den Philosophien von der Aufklärung bis zum Ausgang des deutschen Idealismus, Akademie Verlag, Berlin 2004, S. 200

3 Vgl. hierzu Müller, Ernst, Ästhetische Religiosität und Kunstreligion. In den Philosophien von der Aufklärung bis zum Ausgang des deutschen Idealismus, Akademie Verlag, Berlin 2004, S. 200

4 Schleiermacher, Friedrich, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern, Rudolf Otto (Hrsg.), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1967, S. 105

5 Ders., S. 111

6 Ders., S. 111

7 Müller, Ernst, Ästhetische Religiosität und Kunstreligion. In den Philosophien von der Aufklärung bis zum Ausgang des deutschen Idealismus, Akademie Verlag, Berlin 2004, S. 204

8 Schleiermacher, Friedrich, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern, Rudolf Otto (Hrsg.), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1967, S. 120

9 Ders., S. 107

10 Ders., S. 118

11 Ders., S. 122

12 Lehnerer, Thomas, Die Kunsttheorie Friedrich Schleiermachers, Klett-Cotta, Stuttgart 1987, S. 341

13 Schmidt, Josef, zitiert nach Mujkic, Ernest, Hegels Konzept der Kunst-Religion, Seminararbeit, S. 11

14 Schleiermacher, Friedrich, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern, Rudolf Otto (Hrsg.), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1967, S. 120

15 Ders., S. 121

16 Ders., S. 118

17 Ders., S. 121

Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656119432
ISBN (Buch)
9783656119821
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188272
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Kunstreligion Schleiermacher Religion Habermas Religion

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Titel: Kunstreligion. Schleiermacher, Hegel und Habermas im Vergleich