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Grundlagenvielfalt der Menschenrechte

Essay 2007 16 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Notwendigkeit einer Erweiterung der Menschenrechtsgrundlagen

3.Moralische Normativität im Zusammenhang mit der Grundlagenvielfalt der Menschenrechte

4. Ein Vergleich der Menschenrechtsdeklarationen

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Menschheit und Menschlichkeit sind zwei Begriffe, die eigentlich zusammengehören.“1 Fasst man in der Tat die Begriffe der Menschheit und der Menschlichkeit zusammen, so ergibt sich eine folgenreiche Diskussion um die Frage, worin genau der Zweck der Menschenrechte besteht. Denn aus der Begriffszusammenführung ergibt sich für die Definition der Menschenrechte eine zweifache Definitionskategorie. Zum einen sollten die Menschenrechte auf der allgemeinen Ebene Aussagen über das Wesen der Menschheit, d.h. über das dem menschlichen Wesen Eigentümliche beinhalten, und zum anderen wird von den Menschenrechten zugleich auch erwartet, diesen allgemeinen Aussagen, durch die Konkretisierung der für jeden einzelnen Menschen zur eigenständigen Lebensführung notwendigen Bedingungen eine Verbindlichkeitsbasis in und durch den Begriff der Menschlichkeit zu verschaffen, um somit dem besonderen Wert jedes einzelnen Individuums, aber genauso auch dem besonderen Wert aller möglichen Kollektivformen, Rechnung zu tragen.

In diesem Essay wird entlang der These, dass Menschenrechte um universale Geltung zu erlangen einer Grundlagenerweiterung bedürfen, 1. die Frage diskutiert, warum es überhaupt einer Erweiterung bedarf und 2. der Zusammenhang der Menschenrechte und der moralischen Normativität kurz erläutert. Im darauf anschließenden Teil wird 3. anhand eines Vergleiches von einigen Menschenrechtsdeklarationen die Vereinbarkeit der Universalität der Menschenrechte als moralischer Normen mit dem Partikularismus regionaler Konkretisierungen der Menschenrechte und der damit verbundenen Betonung anderer normativen Quellen überprüft.

2. Notwendigkeit einer Erweiterung der Menschenrechtsgrundlagen

Es kann nicht geleugnet werden, dass die auf gleichzeitige Betonung der Allgemeinheit und Besonderheit verpflichteten Menschenrechte eine starke Verwurzelung im Individualismus bzw. in der Betonung der individualistischen Perspektive haben. Nicht nur, aber auch insbesondere wegen dieses Bezugs zur Individualität, ist eine Berücksichtigung des Kollektivs, d.h. der verschiedentlich strukturierten und organisierten Gruppen, unabdingbar, weil die Identitätsausbildung der Individuen eng mit deren Zugehörigkeit zu Kollektiven verbunden ist, und weil die weltweite Realisierung der Menschenrechte mitunter auch von ihrer Anerkennung durch diese Kollektive abhängt. Der universale Geltungsanspruch der Menschenrechte muss also, um universal begründbar zu sein, sowohl individuelle als auch kollektive Perspektiven anthropologischer Vorstellungen berücksichtigen. Um diese zu gewährleisten, bedarf es einer Änderung der Sicht, dass Menschenrechte immer nur auf ‚einer’ Grundlage basieren sollten. Der These, dass die Grundlagenerweiterung den universalen Geltungsanspruch der Menschenrechte ihrer allgemeine Realisierung um einen großen Schritt näher bringt, wohnt zugleich eine stärker zweck-rational ausgerichtete Betrachtung der Menschenrechte inne, der zufolge die Anerkennung von Menschenrechten an ihren Zweck gebunden ist, der in der Durchsetzung und Sicherung von Lebensbedingungen, die jedermann ein gutes Leben ermöglichen, liegt.

„Basieren die Menschenrechte auf mehreren Grundlagen, sind sie wahrscheinlich für mehr Menschen akzeptabel, und in diesem Fall hat eine einzige Grundlage keine Monopol darauf, eine vernünftige Begründung darzustellen.“2

Die Konsequenzen, die diese Grundlagenvielfalt der Menschenrechte zufolge hat, äußern sich unter anderem in der bereits erwähnten Notwendigkeit der Anerkennung sowohl der individuellen als auch der kollektiven Vorstellungen.

„Gerade weil der Zweck des Menschenrechtsdiskurses darin besteht, die Fähigkeit der Menschen zum selbstbestimmten Handeln zu schützen und zu stärken, müssen die Menschenrechtler, wollen sie nicht ihren eigenen Prinzipien zuwider handeln, die Autonomie der Menschen respektieren. Das gleiche gilt für die kollektive Ebene: Wenn der Menschenrechtsdiskurs menschliche Gruppen in ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung bestärkt, muß er das Recht dieser Gruppen respektieren, selbst zu bestimmen, wie sie ihr kollektives Leben gestalten möchten, vorausgesetzt, daß dieses Leben den minimalen Voraussetzungen entspricht, die für die Geltung von Menschenrechten erforderlich sind.3

Ein wichtiger Bestandteil der Durchsetzung und Aufrechterhaltung der Grundlagenvielfalt der Menschenrechte ist die Aufhebung des Monopols einer einzigen Quelle der sozialen, politischen, wirtschaftlichen und religiösen Interpretation der Menschenwürde. In dem Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft sowie die Religion als unabhängige und eigenständige Glieder etabliert werden und die Ermöglichung ihrer Unabhängigkeit als Auswirkung der Menschenrechtsansprüche auf die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, sowohl der Individuen als auch der Gruppen, akzeptiert wird, erfolgt der unbedingt notwendige Schritt der Anerkennung des universalen Charakters der Menschenrechte darin, dass sie der Prüfung aus verschiedenen Perspektiven, d.h. der wirtschaftlichen, kulturellen, gesellschaftlichen sowie der religiösen, unterzogen werden. Die Anerkennung der universalen Idee der Menschenrechte findet nur statt, wenn seine Identitätsquellen auch eine Anerkennung erfahren.

Die Menschenrechtsgeltung nur dem radikalen Individualismus oder einer fundamental kollektivistischen Vorstellung anheim zu stellen, verkennt den vielfältigen Weg der Menschwerdung jedes Individuums und damit verbunden die Notwendigkeit einer Identifizierung der sämtlichen Identitätsquellen des Menschen mit der Idee der Menschenrechte. Das heißt: sollen die Menschenrechte universal gelten, dann muss als erster Schritt des Universalisierungsprozesses die Vereinbarkeit derselben mit allen Identitätsquellen des Individuums durch die Demonstration der Kontextualisierungsfähigkeit, der ursprünglich notwendig entkontextualisierten Idee der Menschenrechte, vollzogen werden. Das positive Ergebnis der Menschenrechtskontextualisierung ist, dass die „fundamentalen“4 Elemente der Menschenrechte, „Überleben, Wohlbefinden, Freiheit und Identität“5, keine Relativierung erfahren, sondern die Erweiterung der Grundlagen durch Berücksichtigung wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher, kultureller, religiöser und sonstiger Aspekte, die die Menschenrechte in einen Zusammenhang mit der jeweiligen Vorstellung des Verhältnisses zwischen dem Individuum und der jeweilige Gemeinschafts- oder Gesellschaftsform stellen, ohne dabei die Unverzichtbarkeit der fundamentalen Elemente der Menschenrechte zu unterminieren. Die Bedeutung der Grundlagenvielfalt zeigt ihre Folgen insbesondere hinsichtlich dessen, was die Menschenrechte tatsächlich „bewirken“6 können.7

Im Artikel 1. der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte findet sich bereits der Verweis auf die Möglichkeit der Vereinbarkeit von Menschenrechten mit einer Grundlagenvielfalt.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Wissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“ Das heißt, es wird festgehalten, dass Menschen von Geburt an frei und mit bestimmten Qualitäten ausgestattet sind. Ob jedoch nur eine bestimmte Begründung der Menschenrechte akzeptiert werden kann oder mehrere, wird völlig offen gelassen.

Von einer ‚Menschenrechtskultur’ als dem Träger und Vertreter der Menschenrechte in ihrer universalen Geltung kann nur gesprochen werden, wenn sie nicht als Gedanke einer einzigen Identitätsquellen verabsolutiert wird. Die Menschenrechte als „wichtigsten Glaubensartikel einer säkularen Kultur“8 zu interpretieren, bedingt eine Einschränkung der Universalität der Menschenrechte, mit der Folge, dass den so verstandenen Menschenrechten immer eine bestimmte Vorstellung vom Guten immanent ist, die deshalb auch exklusiv bleibt. Michael Ignatieff zeigt in seiner Darstellung der Nichtakzeptanz der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Delegation Saudi Arabiens 1948, sowie auch der asiatischen Länder auf, wie unterschiedlich die Gründe der Ablehnung des exklusiven Menschenrechtsverständnisses sind und sein können. Während die islamische Welt aus traditionellen und religiösen Beweggründen die ‚säkulare’ Glaubensvorstellung der Menschenrechte ablehnten, lag die Ablehnung der asiatischen Länder in der demokratische und marktwirtschaftliche Prinzipien implizierenden Vorstellung der Me]nschenrechte begründet.9

Wie schwierig es ist auch für den in westlichen Gesellschaften lebenden Menschen, in denen der Individualismus einem antikollektivistischen Schleier nicht abgeneigt zu sein scheint, die Erweiterung der Menschenrechtsgrundlagen zu akzeptieren, wird aus Michael Ignatieff These, dass Individuum und Kollektiv sich im ständigen Konflikt miteinander befinden, zu dessen Lösung einzig die Menschenrechte beitragen können, und zwar in dem sie das Individuum gegenüber dem Kollektiv stärken,10 ersichtlich. Während die kollektivistische Vorstellung vom Menschen die Tatsache übersieht, dass Kollektive aus einzelnen Menschen als Bestandteilen und ihren Überlebensgaranten bestehen, die deshalb in ihrer Individualität anerkannt werden müssen, weil nur ein vom Kollektiv anerkanntes Individuum sich auch für die Aufrechterhaltung dessen einsetzen wird, neigen die Anhänger des Individualismus dazu, die Rolle der Kollektive als diejenigen Räume der individuellen Rechtsansprüche zu vernachlässigen, innerhalb deren die umfassende Lebensführung der Einzelnen realisiert wird.

[...]


1 Galtung, Johan, Menschenrechte für das nächste Jahrhundert, in: ders. Die Zukunft der Menschenrechte, Campus 2000, S. 8

2 Gutmann, Amy, Einleitung. In: Politik der Menschenrechte, Michael, Ignatieff, Europäische Verlagsgemeinschaft, Hamburg 2002, S. 17 und vgl. auch S. 22

3 Ignatieff, Michael, Politik der Menschenrechte, Europäische Verlagsgemeinschaft, Hamburg 2002, S. 43

4 Galtung, Johan, Die Zukunft der Menschenrechte. Vision: Verständigung zwischen den Kulturen, Campus, Frankfurt am Main 2000, S. 15

5 Ebd. S. 15

6 Ignatieff, Michael, Politik der Menschenrechte, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2002, S. 75

7 Vgl hierzu Höffe, Otfried, Wirtschaftsbürger, Staatsbürger, Weltbürger. Politische Ethik im Zeitalter der

Globalisierung. C.H. Beck. München 2004, S. 172-175; Höffe zeigt hier in einem kurzen historischen Überblick des Modernisierungsprozesses, dass es die Vielfalt normativer Quellen eine konstanter Begleiter der Ausbildung von überregional geltenden Grundsätzen war;

8 Ignatieff, Michael, Politik der Menschenrechte, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2002, S. 74

9 Vgl. ebd. S. 79-84

10 Vgl. ebd. S. 89

Details

Seiten
16
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656119463
ISBN (Buch)
9783656119852
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188268
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl-Institut
Note
1,3
Schlagworte
Menschenrechte Universalismus Islamische Menschenrechtscharta afrikanische Menschenrechtscharta UN-Menschenrechtscharta

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Titel: Grundlagenvielfalt der Menschenrechte